„Þai Rūmōniskōs hundōs skulina sein blōþ drigkan!“ („Die römischen Hunde sollen ihr Blut trinken!“)

  • 648-germanedorf

    Das Dorf des Markwart

    Eine ungewöhnlich große germanische Siedlung

    Tief im germanischen Stammesgebiet, abseits der großen Handelswege und mehrere Tagesmärsche von den römischen Grenzbefestigungen entfernt, lag das Dorf des Markwart. Es war keine gewöhnliche Ansammlung bäuerlicher Gehöfte, wie sie in den Wäldern und Tälern Germaniens häufig anzutreffen waren. Während kleinere Siedlungen der Umgebung oftmals nur zehn bis zwanzig Wohn- und Wirtschaftsgebäude umfassten, hatte sich Markwarts Dorf zu einem bedeutenden Mittelpunkt der umliegenden Gemeinschaften entwickelt. Die eigentliche Siedlung bestand aus 30 großen germanischen Langhäusern, die sich auf einer leicht erhöhten Geländeterrasse verteilten. Weitere zehn Langhäuser standen am Waldrand, etwas abseits des dicht bebauten Dorfkerns. Damit umfasste Markwarts Siedlung insgesamt 40 Langhäuser – eine für die nähere Umgebung außergewöhnliche Größe. Die Häuser waren nicht in einem streng geometrischen Muster angeordnet. Vielmehr folgten ihre Standorte den natürlichen Gegebenheiten des Geländes. Zwischen ihnen verliefen festgetretene Wege, die bei Regen schlammig wurden und während der trockenen Sommermonate von Staub bedeckt waren. Im Mittelpunkt des Dorfes befand sich ein größerer freier Platz. Hier versammelten sich die Bewohner zu Beratungen, Festen und religiösen Zeremonien. Auch Streitigkeiten zwischen Familien wurden hier verhandelt. An diesem Platz stand das Haus des Markwart.

    Die dreißig Langhäuser des Dorfkerns

    Die dreißig Langhäuser bildeten das eigentliche Herz der Siedlung. Ihre Konstruktion entsprach weitgehend der traditionellen germanischen Bauweise. Kräftige Eichenpfosten trugen die Dachkonstruktion, während Flechtwerkwände mit einer Mischung aus Lehm, Stroh und Tierhaaren abgedichtet waren. Die Dächer bestanden überwiegend aus Schilf oder Stroh. Einige besonders bedeutende Gebäude besaßen zusätzlich mit Holzschindeln geschützte Dachabschnitte. Die gewöhnlichen Langhäuser erreichten Längen zwischen 18 und 28 Metern und Breiten von etwa 6 bis 8 Metern. Die größten Gebäude waren über 30 Meter lang.

    Unter einem Dach lebten häufig mehrere Generationen einer Familie. Ein Teil des Hauses diente als Wohnbereich mit Feuerstelle, Schlafplätzen und Vorratsbehältern. Andere Abschnitte waren für Vieh, Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte vorgesehen. Im Dorfkern befanden sich neben den Wohnhäusern auch die wichtigsten Einrichtungen der Gemeinschaft. Das Haus des Markwart war mit ungefähr 35 Metern Länge das größte Gebäude. Hier lebte der Stammesführer mit seinem Haushalt. Zugleich diente es als Versammlungsort seiner engsten Vertrauten. In seiner Nähe standen die Häuser bedeutender Kriegerfamilien, erfahrener Ältester und wohlhabender Viehzüchter. Ein Schmied unterhielt eine Werkstatt, in der Werkzeuge, Messer, Speerspitzen und Beschläge hergestellt oder ausgebessert wurden. Daneben arbeiteten Zimmerleute, Gerber und andere Handwerker. Mehrere gemeinschaftlich genutzte Speicher und Gruben dienten der Vorratshaltung. Die dreißig Langhäuser waren somit nicht nur Wohnstätten, sondern bildeten den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mittelpunkt von Markwarts Herrschaftsgebiet.

    Die zehn Langhäuser am Waldrand

    Die eigentliche Besonderheit der Siedlung lag jedoch am Rand des angrenzenden Waldes. Dort standen zehn weitere Langhäuser. Sie waren in zwei lockeren Gruppen errichtet worden und unterschieden sich teilweise von den Gebäuden des Dorfkerns. Zwischen den Häusern und den ersten dicht stehenden Bäumen erstreckte sich ein freigehaltener Streifen. Er bot Platz für Wagen, Vieh und Holzvorräte und verhinderte zugleich, dass sich Fremde unbemerkt unmittelbar aus dem Wald den Gebäuden nähern konnten. Die zehn Langhäuser dienten vor allem Familien, die sich erst in den vergangenen Jahren Markwarts Gemeinschaft angeschlossen hatten. Einige waren Angehörige benachbarter Sippen, die nach Fehden oder Missernten ihre bisherigen Wohnplätze verlassen hatten. Andere gehörten zu Familien von Kriegern, die Markwart Gefolgschaft geschworen hatten. Die neuen Häuser waren ein sichtbarer Beweis für die wachsende Bedeutung des Stammesführers. Markwart hatte nicht nur die bestehende Dorfgemeinschaft zusammengehalten. Er war imstande gewesen, weitere Familien unter seinem Schutz zu vereinen. Allerdings besaß die Lage am Waldrand auch eine militärische Bedeutung. Die dort lebenden Männer konnten die Waldwege beobachten und bildeten bei Gefahr eine zusätzliche Sicherung der Siedlung. Zwischen den Häusern führten schmale Pfade zu den Jagdgebieten und den weiter entfernten Weideplätzen. Anders als im Dorfkern waren die Gebäude hier großzügiger verteilt. Manche besaßen kleine eingefriedete Höfe, in denen Schweine, Ziegen und Geflügel gehalten wurden. Die Bewohner dieser zehn Langhäuser betrachteten sich nicht als Angehörige eines anderen Dorfes. Sie gehörten zu Markwarts Gemeinschaft, auch wenn sie außerhalb des älteren Siedlungskerns wohnten.

    Der mächtige Schutzwall

    Was Markwarts Dorf endgültig von den meisten umliegenden Siedlungen unterschied, war seine Befestigung. Ein stabiler Erd-Holz-Wall umgab die dreißig Langhäuser des Dorfkerns. Markwart hatte die Befestigung über mehrere Jahre hinweg errichten und verstärken lassen. Der Wall bestand aus einer aufgeschütteten Erdmasse, die durch eingelassene Holzkonstruktionen und kräftige Pfosten stabilisiert wurde. An besonders gefährdeten Abschnitten waren schwere Baumstämme und Flechtwerkverbände in die Konstruktion eingearbeitet.


    Die Befestigung besaß folgende Eigenschaften:

    Gesamtlänge

    ungefähr 700–850 Meter

    Wallhöhe

    2,5–3,5 Meter

    Breite am Fuß

    4–6 Meter

    Palisade

    zusätzliche Holzbefestigung

    Außengraben

    2–3 Meter breit

    Hauptzugänge

    zwei befestigte Tore

    Innenbereich

    30 Langhäuser und Nebenbauten


    Die zehn Langhäuser am Waldrand lagen außerhalb des Hauptwalls. Ihre Bewohner konnten bei einem Angriff durch das näher gelegene Tor in den geschützten Dorfkern zurückweichen. An den Toren befanden sich hölzerne Plattformen, von denen aus Wächter die Zugangswege überblicken konnten. Die Tore selbst bestanden aus schweren Eichenbohlen und konnten mit quergelegten Balken verriegelt werden. Die Befestigung war nicht mit den steinernen Mauern römischer Kastelle vergleichbar. Dennoch stellte sie für Angreifer eine ernst zu nehmende Hürde dar. Vor allem überraschende Überfälle kleinerer Kriegergruppen ließen sich dadurch wesentlich erschweren.

    Die Bewohner und ihre Lebensweise

    Die vierzig Langhäuser boten einer großen Dorfgemeinschaft Unterkunft.

    Befestigter Dorfkern

    30

    ca. 300

    Siedlung am Waldrand

    10

    ca. 100

    Gesamt

    40

    ca. 400


    Die meisten Bewohner lebten von Landwirtschaft und Viehzucht. Auf den Feldern wuchsen Gerste, Emmer, Dinkel und Hirse. In den Gärten wurden Kohl, Hülsenfrüchte und verschiedene Kräuter angebaut.

    Rinder waren besonders wertvoll. Sie lieferten Milch, Fleisch, Leder und Zugkraft. Schweine wurden häufig in den angrenzenden Wäldern gemästet. Die Frauen und Männer der Gemeinschaft stellten viele Gegenstände des täglichen Bedarfs selbst her. Dazu gehörten Kleidung, Keramik, Holzgefäße, Werkzeuge und einfache Möbel. Der Handel mit benachbarten Siedlungen spielte ebenfalls eine Rolle. Gelegentlich gelangten römische Waren in das Dorf, darunter Metallgegenstände, Glasperlen und Keramik.

    Markwarts Krieger

    Markwarts Macht beruhte nicht allein auf der Größe seines Dorfes. Er verfügte über eine Gefolgschaft erfahrener Krieger, deren Loyalität er durch persönliche Bindungen, erfolgreiche Unternehmungen und die Verteilung von Beute und Geschenken sicherte. Unter den erwachsenen Männern der Siedlung befanden sich zahlreiche Personen, die im Kriegsfall Waffen tragen konnten. Allerdings waren nicht alle von ihnen ständig bewaffnete Kämpfer. Die meisten gingen gewöhnlich ihrer Arbeit als Bauern, Viehzüchter oder Handwerker nach. Markwart unterhielt einen engeren Kreis von ungefähr zwanzig bis dreißig besonders zuverlässigen Gefolgsleuten. Diese Männer standen ihm persönlich nahe und konnten kurzfristig zusammengerufen werden. Bei einer größeren Bedrohung ließ sich die Zahl der Verteidiger durch die übrigen waffenfähigen Männer des Dorfes erhöhen. Die Befestigung ermöglichte es Markwart, seine Gemeinschaft auch gegen zahlenmäßig stärkere kleinere Angreifergruppen zu schützen. Für größere kriegerische Unternehmungen war er jedoch auf die Unterstützung benachbarter Sippen und verbündeter Stammesführer angewiesen.

    Der Stammesführer und seine Herrschaft

    Markwart war kein König im römischen Sinne. Seine Stellung beruhte auf persönlichem Ansehen, militärischer Erfahrung und der Zustimmung der bedeutendsten Familien seiner Gemeinschaft. Er konnte Entscheidungen nicht unbegrenzt gegen den Willen der freien Männer durchsetzen. Bei wichtigen Angelegenheiten beriet er sich mit den Ältesten und den angesehenen Kriegern. Dennoch war sein Einfluss beträchtlich. Unter seiner Führung war aus einer ursprünglich kleineren Siedlung ein befestigter Mittelpunkt entstanden. Der Ausbau von zwanzig auf dreißig Langhäuser im Dorfkern und die Errichtung der zehn zusätzlichen Häuser am Waldrand waren Zeichen dieser Entwicklung. Besonders der Schutzwall galt als sein Werk. Er hatte die Männer der Gemeinschaft zum gemeinsamen Bau verpflichtet und dafür gesorgt, dass Holz, Erde und Steine in ausreichender Menge bereitgestellt wurden. Viele Bewohner waren stolz auf die Befestigung. Sie betrachteten sie als sichtbaren Ausdruck ihrer Unabhängigkeit.

    Ein Dorf, das selbst die Römer beachten mussten

    Wer sich Markwarts Siedlung näherte, erkannte bereits aus einiger Entfernung, dass hier ein mächtigerer Stammesführer wohnte als in den gewöhnlichen Dörfern der Umgebung. Über den Strohdächern stiegen dünne Rauchfahnen auf. Zwischen den Häusern bewegten sich Menschen und Tiere. Schmiedehämmer erklangen, Kinder liefen über die Wege, und aus den Stallbereichen drang das Brüllen der Rinder. Am Waldrand standen die zehn zusätzlichen Langhäuser wie ein vorgeschobener Teil der Siedlung. Dahinter erhob sich der bewaldete Höhenzug. Vor dem Dorfkern zog sich der breite Wall entlang, über dessen hölzerne Brustwehr gelegentlich die Köpfe der Wächter sichtbar wurden. Ein römischer Kundschafter, der diesen Ort erstmals erblickte, hätte vermutlich überrascht festgestellt, dass er es nicht mit einer unbedeutenden Ansammlung germanischer Bauernhäuser zu tun hatte. Hier lebten mehrere Hundert Menschen unter der Führung eines Mannes, dessen Einfluss weit über die Grenzen seiner eigenen Siedlung hinausreichte.

    Und dieser Mann war Markwart. Er hatte verstanden, dass Macht nicht allein durch die Zahl bewaffneter Krieger entstand. Ein Stammesführer benötigte Menschen, Vorräte, Vieh, sichere Unterkünfte und die Fähigkeit, seine Gemeinschaft auch in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten. Die vierzig Langhäuser waren deshalb mehr als eine ungewöhnliche Ansammlung von Gebäuden. Sie waren der sichtbare Ausdruck seines Erfolges. Und der mächtige Wall war zugleich Schutz und Warnung. Wer Markwarts Dorf angriff, musste mit dem Widerstand einer organisierten, entschlossenen Gemeinschaft rechnen.

  • Der Rat der Germanen


    Die Versammlung im Haus des Stammesführers


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    Der Abend senkte sich langsam über das befestigte Dorf des Markwart. Dünne Rauchfahnen stiegen aus den Strohdächern der dreißig Langhäuser empor, die innerhalb des mächtigen Erd-Holz-Walles standen. Hinter den Palisaden erstreckten sich die Felder und Weideflächen der Gemeinschaft. Am Waldrand, wo weitere zehn Langhäuser errichtet worden waren, kehrten die letzten Männer von ihrer täglichen Arbeit zurück. Das Dorf war ruhig. Kinder spielten zwischen den Häusern, Frauen bereiteten die Abendmahlzeiten vor, und aus der Schmiede erklangen die letzten Hammerschläge des Tages. Nichts deutete darauf hin, dass Markwart für diesen Abend eine Versammlung einberufen hatte, deren Beschlüsse weit über die Grenzen seiner Siedlung hinaus Bedeutung erlangen konnten. Im großen Langhaus des Stammesführers brannte bereits das Feuer. Markwart saß auf einer breiten, mit Fellen bedeckten Holzbank. Sein Haar war grau geworden, doch seine Haltung verriet noch immer die Kraft eines Mannes, der sein Leben lang Waffen getragen und andere Männer geführt hatte. Neben ihm stand sein Sohn Dankwart. Der junge Germane war kräftig gebaut, breitschultrig und von jener ungeduldigen Entschlossenheit erfüllt, die sein Vater nur allzu gut kannte. Dankwart hatte bereits mehrfach an der Spitze kleiner Kriegergruppen gestanden. Er war mutig, aufmerksam und bei den jüngeren Männern angesehen. Doch Markwart wusste, dass Mut allein keinen guten Anführer hervorbrachte. Ein Mann musste auch wissen, wann er sein Schwert in der Scheide lassen sollte. Nach und nach betraten die geladenen Männer das Langhaus. Es waren keine beliebigen Krieger. Markwart hatte ausschließlich jene Gefolgsleute zusammengerufen, denen er seit vielen Jahren vertraute. Da war Hagano, ein grauhaariger Krieger, der bereits an der Seite von Markwarts Vater gekämpft hatte. Neben ihm nahm Wulfgar Platz, ein schweigsamer, erfahrener Mann, der die Wälder und Wege zwischen den germanischen Siedlungen und der römischen Grenze besser kannte als die meisten anderen. Sigmar, der Anführer einer kleinen Gruppe jüngerer Krieger, setzte sich gegenüber. Hinzu kamen Berengar, ein angesehener Mann aus einer der Familien am Waldrand, und Albrich, der häufig mit Händlern aus den südlichen Gebieten verkehrte und deshalb einiges über die römischen Gepflogenheiten wusste. Insgesamt hatten sich zwölf Männer versammelt. Es war kein Thing der gesamten Gemeinschaft, sondern eine vertrauliche Ratsversammlung, in der die wichtigsten Fragen vorbereitet werden sollten, bevor Markwart gegebenenfalls die freien Männer des Dorfes zusammenrief. Ein großer Trinkbecher mit Met wurde herumgereicht. Erst als jeder seinen Platz eingenommen hatte, erhob sich Markwart.

    „Ihr wisst, weshalb ich euch gerufen habe.“

    Seine Stimme war ruhig.

    „Die Römer.“

    Niemand antwortete.

    „Sie sind noch immer jenseits ihrer Grenze. Ihre Soldaten stehen in ihren Kastellen. Ihre Kundschafter durchstreifen die Wege, und ihre Händler kommen und gehen. Aber ich frage euch: Was wissen wir wirklich über ihre Absichten?“

    Hagano strich über seinen grauen Bart.

    „Nicht genug.“

    Markwart nickte.

    „Und was wissen sie über uns?“

    Diesmal antwortete Wulfgar.

    „Wahrscheinlich ebenso wenig.“

    Ein schmales Lächeln erschien auf Markwarts Gesicht.

    „Dann sollten wir dafür sorgen, dass es so bleibt.“

    Die Ungeduld des Dankwart

    Dankwart beugte sich vor.

    „Vater, wir beobachten die Römer nun schon seit langer Zeit. Unsere Männer kennen ihre Wege, ihre Lager und ihre Gewohnheiten. Aber wie lange sollen wir noch warten?“

    Markwart betrachtete seinen Sohn.

    „Worauf willst du warten?“

    „Darauf, dass wir endlich wissen, was sie vorhaben.“

    „Und wie willst du das herausfinden?“

    Dankwart zögerte.

    „Indem wir ihnen deutlicher zeigen, dass wir ihre Bewegungen verfolgen.“

    Markwart schüttelte langsam den Kopf.

    „Das tun wir bereits.“

    „Aber sie wissen nicht, wie viele Männer wir haben.“

    „Gut.“

    „Sie wissen nicht, welche Sippen uns unterstützen.“

    „Noch besser.“

    „Und sie wissen nicht, ob wir ihnen freundlich oder feindlich gesinnt sind.“

    Markwart richtete sich auf.

    „Genau das, mein Sohn, ist unser größter Vorteil.“

    Dankwart runzelte die Stirn.

    „Ich verstehe nicht.“

    Markwart deutete auf die Männer am Feuer.

    „Ein Feind, dessen Absichten du kennst, ist leichter einzuschätzen als ein Mann, dessen Gedanken dir verborgen bleiben. Die Römer sind darin geübt, ihre Gegner zu beobachten. Sie zählen Krieger, betrachten Befestigungen und versuchen herauszufinden, welcher Stammesführer mit welchem anderen verbündet ist.“

    Er machte eine kurze Pause.

    „Aber was sollen sie mit einem Mann anfangen, der sie weder bedroht noch ihnen seine Absichten offenbart?“

    Hagano nickte zustimmend.

    „Sie werden misstrauisch.“

    „Vielleicht“, erwiderte Markwart. „Aber Misstrauen allein ist noch kein Grund, uns anzugreifen.“

    Er wandte sich wieder an Dankwart.

    „Ich will keinen Krieg mit Rom beginnen. Nicht heute und nicht morgen. Unsere Felder sind bestellt, unsere Speicher gefüllt, und unsere Kinder wachsen in Sicherheit auf. Weshalb sollten wir das alles aufs Spiel setzen, nur um einigen römischen Soldaten zu beweisen, dass wir kämpfen können?“

    Dankwart schwieg. Sein Vater sprach weiter.

    „Die Römer sollen uns sehen. Sie sollen wissen, dass wir da sind. Aber sie sollen keinen Anlass bekommen, uns als Feinde zu behandeln.“

    Die offenen Beobachter

    Wulfgar hob den Kopf.

    „Dann sollen unsere Männer weiterhin die römischen Wege beobachten?“

    „Ja“, antwortete Markwart. „Aber ich will eine Änderung.“

    Die Männer wurden aufmerksam.

    „Bisher haben einige unserer Krieger versucht, sich vor den Römern zu verbergen. Sie haben ihre Bewegungen aus den Wäldern verfolgt und sich zurückgezogen, sobald ein römischer Späher auftauchte.“

    „Ist das nicht vernünftig?“, fragte Sigmar.

    „Manchmal. Aber ein Mann, der sich versteckt, erregt Verdacht, sobald man ihn entdeckt.“

    Markwart trat an die Feuerstelle.

    „Ich will, dass einige unserer Männer die Römer ganz offen beobachten.“

    Dankwart blickte überrascht auf.

    „Offen?“

    „Ja. Ganz offen.“

    „Sie sollen sich einfach vor den römischen Soldaten zeigen?“

    „Warum nicht? Unsere Leute leben seit Generationen in diesen Wäldern. Sie jagen dort, treiben Vieh auf die Weiden, sammeln Holz und handeln mit benachbarten Siedlungen. Weshalb sollten sie sich verstecken, wenn ein römischer Soldat vorbeikommt?“

    Albrich lächelte.

    „Ein Mann, der mit zwei Ziegen zum Markt geht, ist kein feindlicher Krieger.“

    „Eben“, antwortete Markwart.

    Er sah in die Runde.

    „Unsere Männer sollen unbescholten bleiben. Keine Drohungen. Keine Beleidigungen. Keine gezogenen Waffen. Keine heimlichen Annäherungen an die römischen Befestigungen.“

    Wulfgar nickte.

    „Sie sollen die Römer beobachten, als wäre es die gewöhnlichste Sache der Welt.“

    „So ist es.“

    Markwart nahm seinen Trinkbecher.

    „Ein Bauer, der am Wegesrand sein Vieh hütet, darf einem römischen Reiter nachsehen. Ein Jäger, der aus dem Wald kommt, darf stehen bleiben, wenn eine Patrouille vorbeizieht. Ein Händler darf die Soldaten betrachten, mit ihnen sprechen und seine Waren anbieten.“

    „Und wenn die Römer fragen, weshalb unsere Leute sie beobachten?“, wollte Berengar wissen.

    Markwart zuckte mit den Schultern.

    „Dann sollen sie die Wahrheit sagen. Dass sie neugierig sind.“

    Ein leises Lachen ging durch die Runde.

    „Die Römer betrachten uns schließlich auch“, fügte Markwart hinzu. „Weshalb sollte es uns verboten sein, sie anzusehen?“

    Friedlichkeit als Zeichen der Stärke

    Hagano hatte bisher aufmerksam zugehört.

    Nun erhob er seine Stimme.

    „Markwart, du weißt, dass einige unserer jungen Männer diese Zurückhaltung als Schwäche betrachten werden.“

    „Das weiß ich.“

    „Sie werden fragen, weshalb sie ihre Speere zu Hause lassen sollen, wenn römische Soldaten bewaffnet durch unser Land ziehen.“

    Markwart sah ihn ernst an.

    „Dann erkläre ihnen, dass ein Speer nicht beweist, wie mutig ein Mann ist.“

    Er blickte zu Dankwart.

    „Ein Krieger, der bei jeder Begegnung seine Waffe erhebt, zeigt nur, dass er seine Furcht nicht beherrschen kann.“

    Dankwart verzog das Gesicht, sagte aber nichts.

    „Ein Mann, der ruhig stehen bleibt, während bewaffnete Fremde an ihm vorbeiziehen, besitzt eine andere Art von Mut.“

    Sigmar verschränkte die Arme.

    „Und wenn ein Römer ihn beleidigt?“

    „Dann soll er weitergehen.“

    „Wenn er ihn verspottet?“

    „Dann soll er darüber lachen.“

    „Und wenn er ihn schlägt?“

    Markwarts Gesicht wurde hart.

    „Dann soll er sich schützen und versuchen, den Streit zu beenden. Ich verlange von keinem Mann, sich widerstandslos misshandeln zu lassen. Aber ich verbiete, aus einer einzelnen Beleidigung einen Kampf zwischen unseren Leuten und römischen Soldaten zu machen.“

    Er ließ seinen Blick über die Versammelten wandern.

    „Versteht mich richtig. Ich will keine unterwürfigen Männer. Ich will besonnene Männer.“

    Niemand widersprach.

    „Wer die Römer beobachtet, soll dies friedlich tun. Er soll sich nicht verstecken müssen, aber auch nicht absichtlich ihren Weg versperren. Er soll keine Waffen vorzeigen und keine Herausforderung aussprechen.“

    Markwart setzte sich wieder.

    „Unsere Stärke liegt darin, dass wir entscheiden können, ob wir kämpfen. Nicht darin, dass wir bei jeder Gelegenheit kämpfen müssen.“

    Was die Römer sehen sollen

    Albrich, der Händler, beugte sich vor.

    „Ich habe in den letzten Wochen mit Männern gesprochen, die von den römischen Märkten zurückgekehrt sind. Die Soldaten fragen nach unseren Dörfern. Sie wollen wissen, wer hier das Sagen hat und wie viele Krieger Markwart aufbieten kann.“

    „Und was haben unsere Leute geantwortet?“, fragte Dankwart.

    „Dass Markwart ein angesehener Mann sei und viele Familien unter seinem Schutz lebten.“

    Markwart nickte zufrieden.

    „Das genügt.“

    Albrich fuhr fort.

    „Ein römischer Händler wollte wissen, weshalb unser Dorf einen so großen Wall besitzt.“

    „Was hast du ihm gesagt?“

    „Dass wir unsere Familien und unser Vieh vor Räubern schützen.“

    Markwart lächelte.

    „Eine gute Antwort. Und sie ist wahr.“

    Er stand erneut auf.

    „Die Römer dürfen wissen, dass unser Dorf groß ist. Sie dürfen wissen, dass wir Vieh besitzen, unsere Felder bestellen und Handel treiben. Sie dürfen auch wissen, dass wir unsere Häuser verteidigen können.“

    Er hob den Zeigefinger.

    „Aber sie müssen nicht wissen, welche Männer uns im Ernstfall zu Hilfe kommen würden. Sie müssen nicht wissen, welche Absprachen wir mit benachbarten Sippen getroffen haben. Und sie müssen vor allem nicht wissen, welche Gedanken wir über ihre Zukunft in unserem Land hegen.“

    Wulfgar sah ihn nachdenklich an.

    „Du willst also, dass sie uns für friedliche Nachbarn halten.“

    „Ich will, dass wir friedliche Nachbarn sind, solange sie uns keinen Grund geben, etwas anderes zu werden.“

    Markwart sprach die Worte langsam aus.

    „Aber Frieden bedeutet nicht, dass wir blind sein müssen.“

    Dankwarts Aufgabe

    Markwart wandte sich seinem Sohn zu.

    „Dankwart, ich werde dir die Verantwortung für unsere Beobachter übertragen.“

    Der junge Germane richtete sich auf.

    „Mir?“

    „Ja.“

    „Wie viele Männer soll ich nehmen?“

    „Zunächst sechs. Männer, die du kennst und denen du vertraust.“

    Dankwart nickte.

    „Bewaffnete Krieger?“

    „Nicht als Krieger. Als gewöhnliche Männer unserer Gemeinschaft.“

    Markwart erklärte seine Absicht genauer. Zwei sollten regelmäßig die südlichen Wege benutzen, auf denen Händler und Reisende verkehrten. Zwei weitere konnten sich bei den Weideplätzen aufhalten, die von den Bewohnern der benachbarten Siedlungen genutzt wurden. Die letzten beiden sollten gelegentlich zu den Märkten ziehen, auf denen römische und germanische Waren gehandelt wurden.

    „Sie sollen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen“, betonte Markwart. „Ich will keine Männer, die den ganzen Tag einem römischen Soldaten hinterherlaufen.“

    Dankwart nickte langsam.

    „Sie sollen sehen, ohne Aufsehen zu erregen.“

    „Nein“, erwiderte Markwart. „Sie dürfen durchaus auffallen. Ein Germane, der auf einem Markt steht und römische Soldaten betrachtet, tut nichts Verbotenes. Aber er soll sich so benehmen, dass niemand einen Grund findet, ihn festzunehmen.“

    Wulfgar schmunzelte.

    „Ein schwieriger Auftrag für manche unserer jungen Männer.“

    „Dann schick diese Männer nicht“, antwortete Markwart trocken.

    Einige der Anwesenden lachten. Markwart wurde wieder ernst.

    „Ich will auch nicht, dass unsere Beobachter jeden römischen Soldaten für einen Feind halten. Wenn einer von ihnen freundlich grüßt, soll man seinen Gruß erwidern. Wenn er etwas kaufen möchte, soll man mit ihm handeln. Wenn er nach dem Weg fragt, darf man ihm den Weg zeigen.“

    Dankwart blickte überrascht auf.

    „Auch einem römischen Kundschafter?“

    „Warum nicht? Solange er nichts verlangt, was unsere Gemeinschaft gefährdet.“

    Markwart legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter.

    „Lerne die Römer kennen, Dankwart. Ihre Gewohnheiten, ihre Sprache, ihre Art miteinander umzugehen. Nicht jeder römische Soldat ist ein schlechter Mensch. Und nicht jeder Germane ist ein guter.“

    Dankwart senkte nachdenklich den Kopf. Sein Vater sprach weiter.

    „Vor allem aber sollst du eines lernen: Ein Anführer muss mehr sehen als seine eigenen Krieger.“

    Der römische Vorposten

    Nun ergriff Wulfgar erneut das Wort.

    „Es gibt noch etwas, Markwart.“

    Der Stammesführer sah ihn an.

    „Sprich.“

    „Unsere Männer haben von einer kleinen römischen Abteilung gehört, die sich häufiger außerhalb der größeren Befestigungen bewegt. Es sollen Kundschafter sein. Keine gewöhnliche Patrouille.“

    Markwart wurde aufmerksam.

    „Wie viele?“

    „Das wissen wir nicht genau. Man spricht von einer Abteilung von ungefähr dreißig Mann.“

    Dankwart blickte zu seinem Vater.

    „Die Römer schicken also ihre eigenen Beobachter aus.“

    „Das tun sie seit vielen Jahren“, antwortete Markwart.

    „Einer dieser Männer soll die Wege besonders gut kennen“, fuhr Wulfgar fort. „Ein Offizier, der sich schon länger in der Gegend aufhält.“

    Markwart schwieg. Er wusste noch nicht, dass dieser Mann Faustus Iunius Rupa hieß und als Biarchus der Exploratio Imperii diente. Doch die Nachricht interessierte ihn.

    „Hat dieser Römer unsere Leute bedroht?“

    „Nein.“

    „Hat er versucht, in unser Dorf einzudringen?“

    „Nicht dass ich wüsste.“

    „Hat er jemanden festnehmen lassen?“

    „Nein.“

    Markwart nickte.

    „Dann haben wir vorerst keinen Streit mit ihm.“

    Dankwart schüttelte den Kopf.

    „Aber er beobachtet unser Land.“

    „Und wir beobachten das seine.“

    „Vielleicht will er herausfinden, wie stark wir sind.“

    „Vielleicht.“

    „Sollten wir ihn nicht daran hindern?“

    Markwart betrachtete seinen Sohn lange.

    „Wie willst du einen Mann daran hindern, seine Augen zu benutzen?“

    Dankwart schwieg.

    „Wenn du ihn vertreibst, wird er wissen wollen, weshalb. Wenn du ihn bedrohst, wird er seine Soldaten warnen. Wenn du ihn angreifst, werden andere Römer kommen.“

    Markwart beugte sich vor.

    „Aber wenn er unsere Männer am Wegesrand sieht, wie sie Holz tragen, Vieh hüten oder ihre Waren verkaufen, was soll er dann berichten?“

    Hagano antwortete.

    „Dass die Germanen ihrem täglichen Leben nachgehen.“

    „Eben.“

    Markwart nahm einen Schluck Met.

    „Und wenn er bemerkt, dass unsere Leute ihn beobachten, dann soll er es ruhig bemerken.“

    Die Grenzen des Friedens

    Sigmar hatte während der letzten Worte unruhig auf seiner Bank gesessen.

    „Markwart, ich verstehe deine Absicht. Aber was geschieht, wenn die Römer eines Tages mehr verlangen?“

    „Was meinst du?“

    „Wenn sie unsere Wege kontrollieren wollen. Wenn sie Abgaben fordern. Wenn sie verlangen, dass wir ihnen Geiseln stellen oder unsere jungen Männer für ihre Kriege hergeben.“

    Das Feuer knackte.

    Markwart antwortete nicht sofort.

    Dann sagte er:

    „Dann werden wir erneut beraten.“

    „Und wenn sie mit Soldaten kommen?“

    „Dann werden wir entscheiden, was notwendig ist.“

    Sigmar blickte ihn herausfordernd an.

    „Also doch kämpfen?“

    Markwart sah ihm ruhig entgegen.

    „Ich habe niemals gesagt, dass wir nicht kämpfen werden.“

    Stille breitete sich aus.

    „Ich habe gesagt, dass wir keinen Krieg beginnen werden.“

    Er ließ die Worte wirken.

    „Das ist ein Unterschied.“

    Hagano nickte langsam.

    „Ein großer Unterschied.“

    Markwart fuhr fort.

    „Unsere Gemeinschaft besteht aus mehr als Kriegern. Vierzig Langhäuser stehen in unserem Dorf und am Waldrand. In ihnen leben Frauen, Kinder, alte Menschen und Männer, deren wichtigste Waffen Pflug und Axt sind.“

    Er deutete zur Tür.

    „Draußen schlafen Kinder, die noch niemals einen römischen Soldaten gesehen haben. Soll ich ihr Leben gefährden, nur weil einer unserer jungen Männer beweisen möchte, wie mutig er ist?“

    Niemand antwortete.

    „Nein“, sagte Markwart.

    Seine Stimme wurde fester.

    „Solange ich dieses Dorf führe, werden wir unsere Freiheit bewahren. Aber wir werden nicht leichtfertig das Blut unserer Söhne vergießen.“

    Der Beschluss des Rates

    Die Beratung dauerte noch lange. Die Männer sprachen über die Wege nach Süden, über Händler, die aus den römischen Gebieten kamen, und über die benachbarten Sippen, deren Haltung gegenüber Rom unterschiedlich war. Einige suchten den Handel. Andere misstrauten jedem römischen Soldaten. Wieder andere hofften, durch Bündnisse mit Rom ihre eigene Stellung gegenüber rivalisierenden Stammesführern zu stärken. Markwart hörte aufmerksam zu. Er wusste, dass Germania kein geeintes Land war. Die Römer verstanden es, Unterschiede zwischen den Stämmen zu erkennen und für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Gerade deshalb wollte er keine vorschnellen Entscheidungen treffen. Schließlich fasste er die Ergebnisse der Versammlung zusammen.

    „Wir werden unseren bisherigen Weg fortsetzen.“

    Er blickte jeden Mann einzeln an.

    „Wir suchen keinen Streit mit Rom. Unsere Händler dürfen weiterhin ihre Geschäfte betreiben. Unsere Bauern bestellen ihre Felder, und unsere Jäger nutzen die Wälder wie bisher.“

    Er wandte sich an Dankwart.

    „Unsere Beobachter werden die Römer weiterhin im Auge behalten. Offen, friedlich und ohne jede Provokation.“

    Dann an Wulfgar:

    „Du wirst darauf achten, dass Nachrichten aus den südlichen Gebieten zu uns gelangen. Ich will wissen, ob neue Soldaten eintreffen oder ob sich das Verhalten der Römer verändert.“

    Wulfgar nickte.

    „Es wird geschehen.“

    „Albrich, du setzt deinen Handel fort. Höre zu, wenn die Menschen sprechen, aber stelle keine Fragen, die unnötiges Misstrauen hervorrufen.“

    „Verstanden.“

    „Hagano, du wirst mit den Ältesten sprechen. Sie sollen wissen, dass wir keinen Krieg vorbereiten.“

    Der alte Krieger nickte.

    „Das wird viele beruhigen.“

    Markwart hob seinen Trinkbecher.

    „Und vor allem will ich eines.“

    Die Männer blickten auf.

    „Keine eigenmächtigen Unternehmungen gegen die Römer. Niemand soll glauben, er könne durch einen Überfall oder eine Drohung Ruhm für unser Dorf gewinnen.“

    Sein Blick ruhte einen Augenblick auf Sigmar.

    „Wer den Frieden gefährdet, ohne dass unsere Gemeinschaft darüber entschieden hat, wird sich vor uns verantworten müssen.“

    Sigmar senkte zustimmend den Kopf. Damit war die Beratung beendet.

    Vater und Sohn

    Die Krieger verließen nach und nach das Langhaus. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Nur die Feuerstellen zwischen den Häusern warfen noch einen rötlichen Schein auf die Wege. Dankwart blieb zurück. Markwart saß wieder auf seiner Bank und betrachtete die Glut.

    „Du bist mit meinen Entscheidungen nicht ganz zufrieden“, sagte er schließlich.

    Dankwart trat näher.

    „Ich frage mich, ob wir nicht zu vorsichtig sind.“

    Markwart nickte.

    „Das habe ich mir in deinem Alter ebenfalls oft gefragt.“

    „Und?“

    „Meistens war ich es nicht.“

    Dankwart lächelte schwach. Sein Vater deutete auf den freien Platz neben sich.

    „Setz dich.“

    Dankwart gehorchte. Eine Weile schwiegen beide. Dann sagte Markwart:

    „Du wirst eines Tages an meiner Stelle sitzen.“

    Dankwart sah ihn überrascht an.

    „Vater ...“

    „Vielleicht nicht morgen. Vielleicht nicht in vielen Jahren. Aber der Tag wird kommen, an dem die Männer dieses Dorfes von dir erwarten, dass du Entscheidungen triffst.“

    Er blickte in die Glut.

    „Dann wirst du feststellen, dass es leicht ist, Männer zum Kampf zu rufen.“

    Dankwart hörte aufmerksam zu.

    „Du brauchst nur ihre Ehre anzusprechen. Ihre Wut. Ihre Angst. Du versprichst ihnen Ruhm, und viele werden dir folgen.“

    Markwart hob den Kopf.

    „Aber versuche einmal, einen zornigen Mann davon zu überzeugen, sein Schwert in der Scheide zu lassen.“

    Er lächelte bitter.

    „Das ist wesentlich schwieriger.“

    Dankwart schwieg.

    „Ein guter Anführer muss nicht nur wissen, wie man einen Kampf gewinnt. Er muss auch erkennen, welcher Kampf niemals begonnen werden sollte.“

    „Und wenn die Römer unsere Zurückhaltung für Schwäche halten?“

    Markwart sah seinen Sohn an.

    „Dann sollen sie das glauben.“

    Dankwart runzelte die Stirn.

    „Das stört dich nicht?“

    „Nein.“

    „Warum?“

    Markwart legte ihm eine Hand auf den Arm.

    „Weil es wichtiger ist, dass unsere Kinder in Frieden aufwachsen, als dass römische Soldaten uns für gefährliche Männer halten.“

    Er stand langsam auf.

    „Aber verwechsle meinen Wunsch nach Frieden niemals mit der Bereitschaft, unsere Freiheit aufzugeben.“

    Dankwart erhob sich ebenfalls.

    „Das werde ich nicht.“

    Markwart nickte.

    „Gut.“

    Die Beobachter am Morgen

    Am folgenden Morgen verließen sechs Männer das Dorf. Sie trugen gewöhnliche Kleidung und gingen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach. Zwei führten einige Tiere zu weiter entfernten Weideplätzen. Zwei andere machten sich mit kleinen Warenbündeln auf den Weg zu einem Handelsplatz. Die letzten beiden wollten in den südlichen Waldgebieten jagen und nach geeigneten Holzbeständen Ausschau halten. Keiner trug die Ausrüstung eines Kriegers auf einem Feldzug. Keiner hatte den Auftrag, einen römischen Soldaten zu bedrohen.

    Sie sollten lediglich aufmerksam bleiben. Dankwart begleitete die Männer bis zum südlichen Tor. Dort wiederholte er die Worte seines Vaters.

    „Wenn ihr Römer seht, dann verhaltet euch so, wie ihr es auch sonst tun würdet.“

    Einer der Männer grinste.

    „Und wenn sie uns anstarren?“

    Dankwart lächelte.

    „Dann starrt zurück.“

    Die Männer lachten.

    „Aber freundlich“, fügte Dankwart hinzu.

    Er wurde ernst.

    „Keine Streitigkeiten. Keine Drohungen. Wenn sie euch ansprechen, antwortet höflich. Wenn sie euch in Ruhe lassen, lasst auch ihr sie in Ruhe.“

    Die Männer versprachen es. Dann machten sie sich auf den Weg. Von der hölzernen Plattform über dem Tor beobachtete Markwart, wie die kleinen Gruppen langsam zwischen den Bäumen verschwanden. Dankwart trat neben ihn.

    „Glaubst du, die Römer werden sie bemerken?“

    „Gewiss.“

    „Und was werden sie denken?“

    Markwart schwieg einen Augenblick. Dann antwortete er:

    „Das weiß ich nicht.“

    Dankwart blickte ihn erstaunt an. Sein Vater lächelte.

    „Und genau deshalb beobachten wir sie.“

    Zwei Männer am Wegesrand

    Einige Tage später zog eine kleine römische Patrouille über einen Weg, der an einem offenen Weidegelände vorbeiführte. Die Soldaten bewegten sich in ruhigem Tempo. Ihre Ausrüstung klirrte leise, und die Hufe der Pferde wirbelten Staub auf. Am Rand der Weide saßen zwei germanische Männer. Vor ihnen grasten einige Rinder. Die Germanen hatten die Römer schon aus einiger Entfernung bemerkt. Doch sie standen nicht auf. Sie liefen nicht davon. Sie griffen auch nicht nach Waffen. Stattdessen blieben sie auf einem umgestürzten Baumstamm sitzen und betrachteten die vorbeiziehenden Soldaten. Einer der römischen Reiter bemerkte sie. Er wandte den Kopf. Die beiden Germanen sahen ihn weiterhin an. Schließlich hob einer von ihnen die Hand zum Gruß. Der Römer zögerte. Dann erwiderte er die Geste. Die Patrouille zog weiter. Als sie verschwunden war, wandte sich der jüngere Germane an seinen Begleiter.

    „Glaubst du, er hat bemerkt, dass wir ihn beobachtet haben?“

    Der ältere Mann lachte.

    „Natürlich.“

    „Und warum hat er nichts gesagt?“

    „Was hätte er sagen sollen?“

    Der Jüngere zuckte mit den Schultern.

    „Vielleicht wollte er wissen, was wir hier tun.“

    Der Ältere deutete auf die Rinder.

    „Dann hätte ich es ihm gesagt.“

    Beide lachten. Anschließend blieben sie sitzen und warteten darauf, dass die Tiere weitergrasten. Für sie war es ein gewöhnlicher Tag. Für die römischen Soldaten möglicherweise ebenfalls.

    Doch einige Tage später sollte in einem Bericht der römischen Kundschafter eine kleine Beobachtung festgehalten werden: Zwei germanische Männer am südlichen Weideweg. Unbewaffnet. Kein feindseliges Verhalten. Beobachteten die Patrouille offen. Einer grüßte. Keine weiteren Vorkommnisse. Es war eine unscheinbare Meldung. Eine von vielen. Noch wusste niemand, ob ihr jemals größere Bedeutung zukommen würde.

    Markwarts Gedanke

    Als Dankwart seinem Vater von der Begegnung berichtete, hörte Markwart aufmerksam zu.

    „Sie haben unsere Männer gesehen?“

    „Ja.“

    „Haben sie sie bedroht?“

    „Nein.“

    „Haben unsere Männer sich versteckt?“

    „Nein.“

    „Gab es Streit?“

    „Keinen.“

    Markwart nickte zufrieden.

    „Dann ist alles so verlaufen, wie ich es wollte.“

    Dankwart betrachtete ihn.

    „Aber wir haben nichts Neues über die Römer erfahren.“

    Markwart lächelte.

    „Doch.“

    „Was denn?“

    „Dass diese Soldaten zwei Germanen gesehen haben, die friedlich ihre Rinder hüteten, und keinen Anlass fanden, sie zu belästigen.“

    Dankwart dachte darüber nach.

    „Das ist nicht viel.“

    „Nein“, antwortete Markwart. „Aber auch das ist Wissen.“

    Er trat vor das Langhaus und betrachtete den großen Dorfplatz. Kinder spielten zwischen den Häusern. Ein alter Mann führte zwei Ziegen an einem Strick. Aus der Schmiede erklang das gleichmäßige Schlagen eines Hammers. Markwart atmete tief ein.

    „Siehst du das alles, Dankwart?“

    „Ja.“

    „Dafür tragen wir Verantwortung.“

    Er blickte nach Süden. Dorthin, wo irgendwo hinter Wäldern, Hügeln und Flüssen die römischen Soldaten standen.

    „Die Römer sollen ruhig wissen, dass wir sie beobachten.“

    Dann wandte er sich seinem Sohn zu.

    „Aber sie sollen niemals behaupten können, wir hätten ihnen ohne Grund einen Anlass zum Krieg gegeben.“

    Dankwart nickte langsam. Zum ersten Mal begann er vollständig zu verstehen, was sein Vater erreichen wollte. Nicht Unterwerfung. Nicht Feindschaft. Sondern einen Frieden, in dem die Germanen ihre eigenen Entscheidungen trafen. Und solange die Römer nicht wussten, was Markwart und seine Männer wirklich dachten, würden sie weiterhin überlegen müssen, ob sie es mit Freunden, gleichgültigen Nachbarn oder möglichen Gegnern zu tun hatten. Markwart selbst hatte sich längst entschieden. Er wollte Frieden. Aber einen Frieden, über den er und seine Gemeinschaft selbst bestimmten. Und so wurde die offene, friedliche Beobachtung der Römer zu einem festen Bestandteil seines Umgangs mit der fremden Macht an der Grenze.

    Während Faustus Iunius Rupa in Germanien nach verborgenen Zusammenhängen suchte, begegneten seine Kameraden immer häufiger Germanen, die sich nicht versteckten, nicht drohten und dennoch sehr genau hinsahen. Noch bestand kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen diesen friedlichen Begegnungen und den geheimnisvollen Vorgängen um Aquae Mattiacorum. Aber früher oder später würde auch Faustus die ungewöhnliche Ruhe dieser Männer bemerken. Denn Markwart hatte seinen Kriegern eine einfache Lehre mitgegeben:

    „Wer seine Augen offen hält, muss sein Schwert nicht ziehen.“

  • Der Rat der Stammeshäuptlinge

    Die Einladung zum großen Rat

    Drei Tage waren vergangen, seit Dankwart seinem Vater von der friedlichen Begegnung ihrer Beobachter mit einer römischen Patrouille berichtet hatte. Markwart hatte die Nachricht mit Zufriedenheit aufgenommen. Die Römer hatten seine Männer gesehen, aber weder bedroht noch belästigt. Genau das hatte er erreichen wollen. Dennoch wusste der alte Stammesführer, dass die Lage an der Grenze nicht allein von seinen Entscheidungen abhing. Andere Häuptlinge dachten anders. Einige betrachteten die Römer als wertvolle Handelspartner. Andere sahen in ihnen eine Gefahr, die mit jedem neuen Kastell, jeder befestigten Straße und jedem römischen Soldaten größer wurde. Und wieder andere warteten nur auf eine Gelegenheit, ihre Krieger gegen Rom zu führen. Markwart hatte deshalb Boten zu fünf benachbarten Stammesführern geschickt. Sie sollten in sein Dorf kommen, um gemeinsam über das weitere Vorgehen gegenüber dem Römischen Reich zu beraten. Es war eine ungewöhnliche Einladung. Denn die Männer, die er gerufen hatte, waren keineswegs alle seine Freunde. Manche waren alte Verbündete. Andere hatten noch vor wenigen Jahren mit ihm um Jagdgebiete, Viehweiden oder die Vorherrschaft über kleinere Siedlungen gestritten. Doch nun stand eine Frage im Raum, die sie alle betraf. Wie lange konnten die germanischen Stämme ihre Unabhängigkeit bewahren, wenn Rom seinen Einfluss immer weiter nach Osten ausdehnte?

    Die Ankunft der Stammeshäuptlinge

    Am frühen Vormittag meldeten die Wächter auf dem südlichen Wall die Ankunft der ersten Gäste. Es war Hrodgar, ein mächtiger Stammesführer aus den nördlichen Waldgebieten.

    Er war ein breitschultriger Mann mit langem, rötlich-grauem Bart. Ein schwerer Wollmantel lag über seinen Schultern, und an seiner Seite hing ein kunstvoll gearbeitetes Schwert. Zwölf bewaffnete Gefolgsleute begleiteten ihn. Hrodgar galt als tapferer Krieger, aber auch als unbeherrschter Mann. Er verachtete die Römer und machte keinen Hehl daraus. Markwart erwartete ihn persönlich am Tor.

    „Hrodgar! Es ist lange her.“

    Der Angesprochene stieg vom Pferd.

    „Nicht lange genug, um unsere letzte Auseinandersetzung vergessen zu haben.“

    Markwart lächelte.

    „Damals ging es um eine Viehweide.“

    „Und um zwölf Rinder!“

    „Von denen du acht zurückbekommen hast.“

    Hrodgar lachte dröhnend.

    „Du bist noch immer ein alter Fuchs, Markwart!“

    Die Männer umarmten sich. Kurz darauf traf Sigibert ein, ein älterer Häuptling aus den westlichen Siedlungsgebieten. Sigibert war ein besonnener Mann, dessen Gemeinschaft seit vielen Jahren mit Händlern aus den römischen Provinzen Geschäfte machte. Seine Leute lieferten Vieh, Felle, Honig und Bernstein und erhielten dafür Werkzeuge, Keramik, Wein und andere Waren. Anders als Hrodgar betrachtete er Rom nicht ausschließlich als Feind. Der dritte Gast war Arminhard, ein ehrgeiziger Anführer aus den östlichen Hügelgebieten. Er war jünger als die meisten anderen Häuptlinge und verfügte über eine beträchtliche Gefolgschaft kampferfahrener Männer. Arminhard träumte von einem großen germanischen Kriegsbund.

    Der vierte Häuptling, Waldomar, herrschte über mehrere kleinere Siedlungen entlang eines Flusses. Seine Gemeinschaft lag abseits der unmittelbaren römischen Einflusssphäre. Dennoch wusste er, dass ein Krieg im Westen auch seine Männer betreffen konnte. Als Letzter traf Gundahar ein. Er war ein schweigsamer, kräftiger Mann mit einem vernarbten Gesicht. Seine Krieger galten als besonders erfahren. Gundahar selbst hatte in jüngeren Jahren als germanischer Hilfskrieger im Dienst Roms gestanden. Er kannte die römische Armee aus eigener Anschauung. Und gerade deshalb fürchtete er sie mehr als mancher andere. Dankwart beobachtete die Ankunft der Gäste aufmerksam.

    „Fünf Häuptlinge“, sagte er zu seinem Vater. „Jeder bringt seine eigenen Männer mit.“

    Markwart nickte.

    „Und jeder seine eigenen Absichten.“

    „Glaubst du, sie werden sich einigen?“

    „Das hängt davon ab, ob sie bereit sind, einander zuzuhören.“

    Der große Rat beginnt

    Im größten Langhaus des Dorfes waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Auf dem Boden lagen frische Binsen. An den Wänden hingen Schilde, Speere und Jagdtrophäen. Ein großes Feuer brannte in der Mitte des Raumes. Die Häuptlinge nahmen auf breiten Holzbänken Platz. Hinter ihnen saßen ausgewählte Gefolgsleute. Markwart hatte Hagano, Wulfgar und Albrich hinzugezogen. Dankwart saß rechts neben seinem Vater. Als die Trinkhörner herumgereicht worden waren, erhob sich Markwart.

    „Ihr seid meiner Einladung gefolgt. Dafür danke ich euch.“

    Hrodgar grunzte.

    „Ich hoffe, du hast uns nicht nur gerufen, damit wir deinen Met trinken.“

    Einige Männer lachten. Markwart erwiderte das Lächeln.

    „Nein. Obwohl ich nichts dagegen hätte, wenn du anschließend einige Fässer davon mitnimmst.“

    Das Gelächter wurde lauter. Dann wurde Markwart ernst.

    „Ich habe euch gerufen, weil wir über die Römer sprechen müssen.“

    Die Heiterkeit verschwand.

    „Ihre Kastelle stehen jenseits unserer Wälder. Ihre Straßen führen immer weiter durch die Gebiete, die sie beherrschen. Ihre Händler erreichen unsere Dörfer, und ihre Kundschafter beobachten unsere Wege.“

    Er machte eine Pause.

    „Noch haben wir keinen Krieg mit ihnen.“

    Arminhard beugte sich vor.

    „Noch nicht.“

    Markwart blickte ihn an.

    „Genau deshalb sitzen wir hier.“

    Arminhard fordert den Krieg

    Arminhard erhob sich.

    „Wie lange wollen wir noch zusehen?“

    Seine Stimme hallte durch das Langhaus.

    „Die Römer haben bereits große Teile des Landes westlich des Rheins unter ihre Herrschaft gebracht. Sie errichten Befestigungen, ziehen Gräben und bauen Straßen, über die ihre Legionen marschieren können.“

    Er sah die anderen Häuptlinge an.

    „Glaubt ihr wirklich, sie werden eines Tages damit zufrieden sein?“

    Hrodgar schlug mit der Faust auf die Bank.

    „Nein!“

    Arminhard nickte.

    „Eben. Heute stehen sie dort. Morgen kommen sie weiter nach Osten. Und irgendwann werden sie vor unseren Dörfern stehen und Abgaben verlangen.“

    Sigibert hob die Hand.

    „Das ist eine Vermutung.“

    „Eine Vermutung?“

    Arminhard lachte verächtlich.

    „Sieh dir an, was die Römer mit anderen Völkern getan haben!“

    Sigibert blieb ruhig.

    „Ich sehe auch, dass unsere Händler seit Jahren mit ihnen Geschäfte machen, ohne dass römische Soldaten unsere Häuser besetzt hätten.“

    „Weil sie uns noch nicht brauchen!“

    „Oder weil sie keinen Grund haben, uns anzugreifen.“

    Arminhard wandte sich an Markwart.

    „Und du? Was sagst du dazu?“

    Markwart verschränkte die Arme.

    „Ich sage, dass wir zwischen einer möglichen Gefahr und einer tatsächlichen Bedrohung unterscheiden müssen.“

    „Du willst also warten?“

    „Ich will nachdenken.“

    Arminhard schnaubte.

    „Während du nachdenkst, bauen die Römer neue Kastelle.“

    Markwart erwiderte ruhig:

    „Und während du Krieg führst, brennen möglicherweise unsere Dörfer.“

    Stille trat ein.

    Gundahar berichtet über die römischen Legionen

    Nun erhob sich Gundahar.

    „Ich habe den Römern gedient.“

    Alle Blicke richteten sich auf ihn.

    „Ich habe ihre Lager gesehen. Ich habe mit ihren Soldaten gegessen, bin mit ihnen marschiert und habe erlebt, wie sie kämpfen.“

    Er betrachtete Arminhard.

    „Du sprichst davon, ihre Kastelle anzugreifen.“

    „Ja.“

    „Wie viele Krieger kannst du aufbieten?“

    Arminhard richtete sich stolz auf.

    „Vierhundert. Vielleicht fünfhundert, wenn die benachbarten Sippen mitziehen.“

    Gundahar nickte langsam.

    „Und wie viele davon haben jemals gegen eine geschlossene römische Schlachtordnung gekämpft?“

    Arminhard schwieg.

    „Hundert? Fünfzig?“

    „Unsere Männer sind tapfer.“

    „Das bestreite ich nicht.“

    Gundahar trat näher zum Feuer.

    „Aber die Römer verlassen sich nicht allein auf Tapferkeit. Sie haben feste Befehlswege. Sie üben ihre Bewegungen. Sie bauen befestigte Lager, selbst wenn sie nur für kurze Zeit an einem Ort bleiben.“

    Er hob einen Finger.

    „Wenn einer ihrer Soldaten fällt, tritt ein anderer an seine Stelle.“

    Ein zweiter Finger folgte.

    „Wenn sie zurückweichen, bedeutet das nicht immer, dass sie fliehen.“

    Dann ein dritter.

    „Und wenn du eine ihrer Abteilungen schlägst, hast du damit noch lange nicht Rom besiegt.“

    Hrodgar verzog das Gesicht.

    „Du redest, als wären die Römer unbesiegbar.“

    Gundahar schüttelte den Kopf.

    „Nein. Ich habe sie verlieren sehen. Ich habe gesehen, wie sie Fehler machten, wie ihre Soldaten erschöpft waren und wie ihre Offiziere falsche Entscheidungen trafen.“

    Er blickte in die Runde.

    „Aber ich habe auch gesehen, was geschieht, wenn ein römischer Befehlshaber beschließt, eine Niederlage zu rächen.“

    Niemand sprach.

    „Dann kommen sie wieder. Mit mehr Männern. Mit Vorräten. Mit Werkzeugen. Mit der Geduld eines Feindes, der es sich leisten kann, lange Krieg zu führen.“

    Markwart nickte nachdenklich.

    „Deshalb wollte ich, dass du heute hier bist, Gundahar.“

    Dankwart ergreift das Wort

    Dankwart hatte bisher geschwiegen.

    Nun erhob er sich.

    „Ich möchte etwas sagen.“

    Hrodgar betrachtete ihn belustigt.

    „Der junge Wolf will sprechen.“

    Dankwart ließ sich nicht beirren.

    „Mein Vater hat vor einigen Tagen sechs Männer ausgesandt, die römischen Patrouillen zu beobachten.“

    Arminhard wurde aufmerksam.

    „Späher?“

    „Nein. Bauern, Jäger und Händler. Sie gehen ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nach und beobachten die Römer offen.“

    Hrodgar runzelte die Stirn.

    „Und die Römer lassen das zu?“

    „Bisher ja.“

    Dankwart berichtete von den beiden Männern, die am Weideweg gesessen und eine vorbeiziehende römische Patrouille betrachtet hatten.

    „Einer unserer Männer grüßte einen römischen Reiter. Der Römer erwiderte den Gruß.“

    Arminhard lachte spöttisch.

    „Und das soll uns gegen die Legionen helfen?“

    Dankwart sah ihn fest an.

    „Es hat uns gezeigt, dass diese Soldaten keinen Streit suchten.“

    „Das ist wenig.“

    „Vielleicht. Aber es ist mehr, als wir gewusst hätten, wenn unsere Männer die Römer angegriffen hätten.“

    Markwart betrachtete seinen Sohn mit stillem Wohlwollen.

    Dankwart fuhr fort.

    „Ich habe lange geglaubt, dass wir den Römern unsere Stärke zeigen müssen. Dass sie uns nur achten werden, wenn sie unsere Krieger fürchten.“

    Er blickte zu seinem Vater.

    „Aber ich beginne zu verstehen, dass wir ihnen unsere Absichten nicht offenbaren müssen.“

    Gundahar nickte.

    „Ein kluger Gedanke.“

    Dankwart wandte sich wieder an die Häuptlinge.

    „Wir sollten die Römer kennenlernen, bevor wir entscheiden, ob wir gegen sie kämpfen.“

    Die Frage des Bündnisses

    Waldomar, der bisher aufmerksam zugehört hatte, stellte sein Trinkhorn ab.

    „Ich höre viele Worte über Krieg und Frieden. Aber niemand hat die wichtigste Frage gestellt.“

    Markwart sah ihn an.

    „Welche?“

    „Was geschieht, wenn einer unserer Stämme angegriffen wird?“

    Die Männer schwiegen.

    Waldomar fuhr fort.

    „Angenommen, römische Soldaten marschieren gegen Hrodgars Dörfer. Werden wir anderen ihm helfen?“

    Sigibert zögerte.

    „Das hängt davon ab, weshalb die Römer kommen.“

    Hrodgar sprang auf.

    „Du würdest also erst fragen, ob ich den Krieg selbst verschuldet habe?“

    „Ja“, erwiderte Sigibert ohne Zögern.

    Ein empörtes Murmeln ging durch die Reihen.

    Sigibert erhob sich ebenfalls.

    „Wenn du morgen mit zweihundert Kriegern ein römisches Kastell überfällst, weshalb sollten meine Leute anschließend für deine Entscheidung sterben?“

    Hrodgar starrte ihn wütend an.

    „Weil wir Germanen sind!“

    „Das sind wir auch, wenn wir nicht gemeinsam einen törichten Krieg beginnen.“

    Markwart hob die Hand.

    „Setzt euch.“

    Hrodgar und Sigibert sahen einander noch einen Augenblick an, dann gehorchten sie.

    Markwart sprach langsam.

    „Waldomar hat eine wichtige Frage gestellt.“

    Er betrachtete die versammelten Häuptlinge.

    „Wir brauchen eine Vereinbarung. Nicht über einen Angriff auf Rom, sondern über unser Verhalten, wenn einer von uns bedroht wird.“

    Arminhard beugte sich vor.

    „Einen Kriegsbund?“

    „Einen Bund gegenseitiger Beratung und Unterstützung.“

    „Das klingt nach einem Kriegsbund.“

    „Nein“, erwiderte Markwart. „Ein Kriegsbund beschließt, gegen wen er kämpfen will. Ich schlage vor, dass wir zunächst beschließen, wie wir verhindern können, gegeneinander ausgespielt zu werden.“

    Gundahar lächelte schwach.

    „Das könnte schwieriger werden als ein Krieg.“

    Der Streit um die römischen Händler

    Sigibert erhob erneut das Wort.

    „Es gibt noch etwas, das wir bedenken müssen.“

    Er deutete auf Albrich.

    „Unsere Händler verkehren regelmäßig mit den Römern. Wenn wir einen Bund schließen, dürfen diese Verbindungen nicht unterbrochen werden.“

    Arminhard schüttelte den Kopf.

    „Römische Händler sind ihre Augen und Ohren.“

    Albrich antwortete, bevor Sigibert etwas sagen konnte.

    „Manche vielleicht. Aber viele wollen einfach Waren verkaufen.“

    „Woher weißt du das?“

    „Weil ich seit Jahren mit ihnen handle.“

    „Und weil sie dir ihre wahren Absichten verraten?“

    Albrich lächelte.

    „Nein. Weil ich ihnen Felle verkaufe und sie mir dafür Silber geben.“

    Einige Männer lachten.

    Markwart hob beschwichtigend die Hand.

    „Wir werden den Handel nicht verbieten.“

    Arminhard wollte widersprechen, doch Markwart sprach weiter.

    „Aber wir werden vorsichtig sein. Niemand soll Fremden erzählen, wie viele Krieger ein Stamm aufbieten kann. Niemand soll die Namen unserer Verbündeten nennen oder die Vorräte unserer Siedlungen offenlegen.“

    Gundahar nickte.

    „Das ist vernünftig.“

    „Und“, fügte Markwart hinzu, „wir werden unsere Händler nicht daran hindern, nach Rom zu reisen. Sie können mehr über die Römer erfahren, als wir durch Drohungen jemals herausfinden würden.“

    Die Entscheidung der Häuptlinge

    Die Sonne stand bereits tief, als Markwart die Beratung zu einem Abschluss bringen wollte.Er erhob sich und trat in die Mitte des Langhauses.

    „Wir haben heute verschiedene Meinungen gehört. Manche von uns wollen kämpfen. Andere wollen handeln. Wieder andere wollen abwarten.“

    Er sah Hrodgar an.

    „Du willst verhindern, dass Rom stärker wird.“

    Hrodgar nickte.

    Dann wandte er sich an Sigibert.

    „Du willst den Frieden bewahren, der deinem Volk Wohlstand bringt.“

    „Ja.“

    Sein Blick fiel auf Arminhard.

    „Du willst, dass die Stämme gemeinsam handeln.“

    „Das will ich.“

    Schließlich betrachtete er Gundahar und Waldomar.

    „Und ihr wollt verhindern, dass wir in einen Krieg hineingezogen werden, den keiner von uns gewinnen kann.“

    Gundahar antwortete:

    „Ich will verhindern, dass wir einen Krieg beginnen, dessen Folgen wir nicht überblicken.“

    Markwart nickte.

    „Dann schlage ich Folgendes vor.“

    Er wartete, bis völlige Ruhe eingetreten war.

    „Wir schließen heute keinen Bund zum Angriff auf Rom. Aber wir vereinbaren, dass keiner von uns allein über das Schicksal aller anderen entscheiden darf.“

    Hrodgar runzelte die Stirn.

    „Was bedeutet das?“

    „Dass wir einander warnen, wenn römische Truppenbewegungen ungewöhnlich werden. Dass wir Boten austauschen und uns beraten, bevor einer unserer Stämme einen größeren Kampf beginnt.“

    „Und wenn die Römer angreifen?“, fragte Waldomar.

    „Dann werden wir unverzüglich einen gemeinsamen Rat einberufen. Wird ein Stamm ohne eigene Provokation bedroht, beraten wir über die Hilfe, die wir ihm leisten können.“

    Arminhard verschränkte die Arme.

    „Keine Verpflichtung, gemeinsam zu kämpfen?“

    „Noch nicht.“

    „Warum nicht?“

    Markwart blickte ihm direkt in die Augen.

    „Weil ich keinem Mann versprechen werde, meine Leute in einen Krieg zu führen, dessen Gründe ich nicht kenne.“

    Gundahar erhob sich.

    „Ich unterstütze Markwarts Vorschlag.“

    Sigibert folgte.

    „Ich ebenfalls.“

    Waldomar nickte.

    „Auch meine Zustimmung hast du.“

    Hrodgar zögerte lange.

    Dann brummte er:

    „Solange niemand verlangt, dass ich meine Waffen abgebe.“

    Markwart lächelte.

    „Das hat niemand vor.“

    Schließlich richteten sich alle Blicke auf Arminhard.

    Der junge Häuptling schwieg.

    Dann sagte er:

    „Ich werde mich dem Rat anschließen. Aber ich sage euch eines: Der Tag wird kommen, an dem wir kämpfen müssen.“

    Markwart antwortete ruhig:

    „Vielleicht.“

    Er reichte Arminhard die Hand.

    „Aber wenn dieser Tag kommt, sollen wir wenigstens wissen, weshalb.“

    Arminhard ergriff seine Hand.

    Damit war die Vereinbarung geschlossen.

    Der Bund der sechs Häuptlinge

    Die sechs Häuptlinge traten gemeinsam an das Feuer. Ein Trinkhorn wurde mit Met gefüllt und von einem Mann zum nächsten gereicht. Es war kein Eid auf einen gemeinsamen Krieg.

    Es war das Versprechen, Nachrichten auszutauschen, miteinander zu beraten und einander nicht durch unüberlegte Handlungen in Gefahr zu bringen. Markwart fasste die Vereinbarung zusammen.

    „Unsere Dörfer bleiben unabhängig. Jeder führt seine eigenen Männer. Jeder entscheidet weiterhin über die Angelegenheiten seines Stammes.“

    Er hob das Trinkhorn.

    „Aber wenn die Römer ihre Absichten ändern, werden wir nicht mehr jeder für sich allein darüber nachdenken.“

    Hrodgar hob sein Horn.

    „Auf unsere Freiheit!“

    „Auf unsere Freiheit!“, antworteten die anderen.

    Dankwart beobachtete die Männer.

    Zum ersten Mal sah er seinen Vater nicht nur als Anführer eines Dorfes, sondern als einen Mann, dem es gelungen war, mehrere stolze und miteinander rivalisierende Häuptlinge an einen Tisch zu bringen.

    Es war keine Einigung über alles.

    Aber es war ein Anfang.

    Vater und Sohn nach dem Rat

    Spät in der Nacht waren die Gäste in ihre Unterkünfte gegangen. Markwart stand vor seinem Langhaus und betrachtete den sternenklaren Himmel. Dankwart trat neben ihn.

    „Du hast erreicht, was du wolltest.“

    Markwart schüttelte den Kopf.

    „Nicht ganz.“

    „Warum nicht?“

    „Weil Arminhard weiterhin Krieg will. Hrodgar wird sich nur schwer beherrschen können. Und Sigibert wird niemals seine Handelsverbindungen aufgeben, solange sie seinem Volk Vorteile bringen.“

    Dankwart überlegte.

    „Dann ist unser Bund schwach.“

    „Ja.“

    Markwart wandte sich zu ihm.

    „Aber er ist stärker als das, was wir gestern hatten.“

    Dankwart nickte.

    „Glaubst du, die Römer werden davon erfahren?“

    „Früher oder später.“

    „Und was werden sie denken?“

    Markwart lächelte.

    „Dass sechs germanische Häuptlinge miteinander gesprochen haben.“

    „Mehr nicht?“

    „Was sollten sie sonst denken?“

    Dankwart sah ihn zweifelnd an.

    „Dass wir uns gegen sie verbünden.“

    „Dann werden sie vielleicht wissen wollen, weshalb.“

    „Und was antworten wir?“

    Markwart blickte in die Dunkelheit.

    „Dass freie Männer keinen römischen Befehl brauchen, um miteinander zu sprechen.“

    Dankwart lächelte.

    Dann wurde er ernst.

    „Vater, wenn die Römer eines Tages wirklich kommen, wirst du kämpfen?“

    Markwart antwortete nicht sofort.

    Schließlich legte er seinem Sohn die Hand auf die Schulter.

    „Wenn sie unsere Freiheit bedrohen, werde ich unser Volk verteidigen.“

    Er blickte zum südlichen Wald.

    „Aber solange wir die Wahl haben, werde ich den Frieden wählen.“

    Ein beunruhigender Bericht

    Am nächsten Morgen wollten die Häuptlinge aufbrechen. Noch bevor Hrodgar sein Pferd bestiegen hatte, erschien Wulfgar am Tor. Er kam aus den südlichen Waldgebieten zurück. Sein Gesicht war ernst. Markwart bemerkte es sofort.

    „Was ist geschehen?“

    Wulfgar stieg vom Pferd.

    „Unsere Männer haben erneut Römer gesehen.“

    Dankwart trat näher.

    „Eine Patrouille?“

    „Nicht wie die anderen.“

    Markwart runzelte die Stirn.

    „Erkläre dich.“

    „Es waren nur wenige Männer. Sie bewegten sich nicht wie gewöhnliche Soldaten. Einer von ihnen sprach mit einem Händler, den unsere Leute nicht kannten.“

    „Ein römischer Händler?“

    „Vielleicht.“

    Wulfgar zögerte.

    „Der Mann sprach unsere Sprache. Aber einer unserer Beobachter meinte, ihn schon einmal in der Nähe der südlichen Wege gesehen zu haben.“

    Dankwart wurde aufmerksam.

    „Was wollte er?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Markwart blickte zu den Häuptlingen, die sich inzwischen um ihn versammelt hatten.

    Arminhard verschränkte die Arme.

    „Da habt ihr eure friedlichen Römer.“

    Markwart ignorierte die Bemerkung.

    „Haben sie jemanden bedroht?“

    „Nein.“

    „Sind sie unserem Dorf näher gekommen?“

    „Nein.“

    „Dann werden wir sie weiter beobachten.“

    Arminhard schüttelte den Kopf.

    „Und wieder nur beobachten.“

    Markwart sah ihn ruhig an.

    „Ja.“

    Dann wandte er sich an Dankwart.

    „Du wirst deine sechs Männer weiterhin führen. Aber ich will, dass du besonders auf diesen unbekannten Händler achtest.“

    „Soll ich ihn ansprechen?“

    „Wenn sich eine gewöhnliche Gelegenheit ergibt. Nicht anders.“

    Dankwart nickte.

    „Verstanden.“

    Markwart sah noch einmal zu den versammelten Häuptlingen.

    „Ihr habt gehört, was Wulfgar berichtet hat. Vielleicht bedeutet es nichts. Vielleicht ist es wichtig.“

    Er machte eine Pause.

    „Aber genau deshalb haben wir gestern unseren Bund geschlossen.“

    Gundahar nickte langsam.

    „Damit keiner von uns aus einer einzigen Beobachtung einen Krieg macht.“

    „Richtig.“

    Die Häuptlinge verabschiedeten sich.

    Wenig später verschwanden ihre kleinen Reitergruppen zwischen den Bäumen.

    Markwart blieb mit Dankwart am Tor zurück.

    „Was denkst du?“, fragte sein Sohn.

    Der alte Stammesführer blickte nach Süden.

    „Ich denke, dass wir noch sehr wenig wissen.“

    „Über die Römer?“

    „Über die Römer. Und über die Männer, die zwischen unseren Völkern unterwegs sind.“

    Dankwart schwieg.

    Markwart fuhr fort:

    „Manchmal beginnt eine große Gefahr nicht mit einem Heer.“

    Er wandte sich seinem Sohn zu.

    „Manchmal beginnt sie mit einem einzigen Mann, von dem niemand weiß, wem er wirklich dient.“

  • Der Rat der Häuptlinge

    DIE NACHRICHTEN AUS DEM WALD

    Im Dorf Markwarts begann der Morgen mit dem vertrauten Klang arbeitender Menschen. Zwischen den dreißig Langhäusern der Hauptsiedlung und den zehn kleineren Gebäuden am Waldrand bewegten sich Frauen, Männer und Kinder. Rauch stieg aus den Dächern. Hunde liefen zwischen den Häusern umher. Auf den freien Flächen wurden Werkzeuge repariert, Holz gespalten und Vorräte für die kommenden Wochen vorbereitet. Der befestigte Wall, der das Dorf umgab, war in den vergangenen Jahren mehrfach ausgebessert worden. Markwart hatte darauf bestanden, dass die Verteidigungsanlagen auch in friedlichen Zeiten instand gehalten wurden. Nicht allein wegen der Römer. Auch zwischen den germanischen Stämmen kam es immer wieder zu Streitigkeiten. Vieh wurde geraubt. Grenzen zwischen Weidegebieten wurden infrage gestellt. Alte Feindschaften konnten jederzeit erneut aufflammen. Markwart wusste, dass ein Stammesführer nicht nur Mut benötigte. Er musste vorausschauend handeln. An diesem Morgen saß er mit Dankwart im Langhaus. Vor ihnen lagen mehrere kleine Holzstücke, auf denen die Zeichen benachbarter Sippen eingeritzt waren.

    „Die ersten Männer werden noch heute eintreffen“, erklärte Markwart.

    Dankwart nickte.

    „Wie viele Häuptlinge haben zugesagt?“

    „Sieben.“

    „Und die anderen?“

    „Zwei haben Boten geschickt. Einer hat überhaupt nicht geantwortet.“

    Dankwart betrachtete die Zeichen.

    „Du glaubst, dass sie wegen der Römer kommen?“

    Markwart schüttelte den Kopf.

    „Nicht alle.“

    „Weshalb sonst?“

    „Weil jeder wissen will, ob die anderen bereits eine Entscheidung getroffen haben.“

    Dankwart lächelte schwach.

    „Dann werden sie viel reden.“

    „Das werden sie.“

    Markwart lehnte sich zurück.

    „Und einige werden versuchen, aus unserer Sorge ihren eigenen Vorteil zu ziehen.“

    Dankwart wusste, wen sein Vater meinte.

    Unter den benachbarten Häuptlingen gab es Männer, die den Frieden mit Rom für eine Schwäche hielten.

    Sie erinnerten an frühere Kämpfe.

    An verlorene Angehörige.

    An zerstörte Siedlungen.

    Und an die Vorstellung, dass die germanischen Stämme ihre Freiheit nur bewahren könnten, wenn sie jede römische Präsenz jenseits der Grenze mit Gewalt beantworteten.

    Markwart teilte diese Auffassung nicht.

    Er war kein Freund Roms.

    Aber er wusste, dass ein Krieg mit den Legionen unzählige Menschenleben kosten würde.

    Und er war nicht bereit, seine Sippe für den Ehrgeiz anderer Häuptlinge zu opfern.

    DIE ANKUNFT DER STAMMESFÜHRER

    Gegen Mittag trafen die ersten Gäste ein. Sie kamen in kleinen Gruppen, begleitet von bewaffneten Gefolgsleuten. Einige führten Pferde mit sich. Andere trugen schwere Schilde und lange Speere. Die Männer wurden am Dorfeingang begrüßt und zu den vorgesehenen Unterkünften geführt. Markwart hatte angeordnet, dass nur die Häuptlinge und jeweils wenige ausgewählte Begleiter an der eigentlichen Beratung teilnehmen durften. Die übrigen Krieger sollten außerhalb des Versammlungsplatzes bleiben. Er wollte verhindern, dass aus einem Streit zwischen zwei Männern eine bewaffnete Auseinandersetzung wurde. Unter den Gästen befand sich Hadumar, ein älterer Stammesführer, der Markwart seit vielen Jahren kannte. Hadumar war vorsichtig und erfahren. Seine Sippe lebte von Viehzucht, Ackerbau und gelegentlichem Handel mit benachbarten Gemeinschaften. Er betrachtete die römische Grenze nicht nur als Gefahr, sondern auch als Möglichkeit, Waren auszutauschen. Ein weiterer Häuptling war Sigmar, ein kräftiger Mann mittleren Alters, dessen Siedlungen weiter nördlich lagen. Sigmar galt als entschlossen, aber unberechenbar. Er hatte in seiner Jugend an mehreren bewaffneten Auseinandersetzungen teilgenommen und sprach häufig davon, dass die germanischen Stämme ihre Freiheit nur durch Stärke bewahren könnten.

    Besonders aufmerksam beobachtete Markwart jedoch den dritten bedeutenden Gast. Hagomar. Der Stammesführer war groß, breitschultrig und trug einen schweren Mantel aus dunklem Wollstoff. Sein Gesicht war von einer alten Narbe gezeichnet. Hagomar hatte mehrere Verwandte in Kämpfen mit römischen Truppen verloren. Seitdem betrachtete er jeden Römer als Feind. Er war überzeugt, dass Rom eines Tages versuchen würde, das gesamte Gebiet östlich der Grenze zu unterwerfen. Und er glaubte, dass ein vorbeugender Angriff die einzige Möglichkeit sei, dies zu verhindern. Als Hagomar das Dorf betrat, begrüßte er Markwart mit auffälliger Zurückhaltung.

    „Ich höre, du sprichst inzwischen mit Römern.“

    Markwart erwiderte seinen Blick.

    „Mein Sohn hat mit einem römischen Offizier gesprochen.“

    Hagomar verzog das Gesicht.

    „Das ist bereits mehr, als ich für vernünftig halte.“

    „Dann wirst du heute Gelegenheit haben, deine Meinung zu erklären.“

    Hagomar lächelte kalt.

    „Darauf kannst du dich verlassen.“

    DAS THING BEGINNT

    Am folgenden Morgen versammelten sich die Häuptlinge auf dem großen freien Platz innerhalb des Dorfes. Ein Kreis aus Holzbänken und einfachen Sitzgelegenheiten war vorbereitet worden. In der Mitte brannte ein Feuer. Markwart nahm seinen Platz ein. Dankwart stand zunächst hinter ihm. Die übrigen Stammesführer setzten sich entsprechend ihrer Stellung und den bestehenden Beziehungen zwischen den Sippen. Nachdem die Begrüßungen beendet waren, erhob sich Markwart.

    „Ihr seid gekommen, weil sich in unserem Grenzland etwas verändert hat.“

    Er ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen.

    „Römische Soldaten haben einen Beobachtungsposten errichtet. Sie bewegen sich auf Wegen, die unsere Jäger und Händler seit Generationen benutzen.“

    Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Runde.

    „Bisher haben sie unsere Siedlungen nicht angegriffen. Sie haben kein Vieh geraubt und keine Menschen verschleppt.“

    Hagomar schnaubte.

    „Noch nicht.“

    Markwart sah ihn an.

    „Du wirst sprechen können, Hagomar. Aber zunächst werde ich meinen Bericht beenden.“

    Der Häuptling schwieg widerwillig.

    Markwart fuhr fort:

    „Mein Sohn Dankwart ist einem römischen Offizier begegnet. Sein Name lautet Faustus Iunius Rupa.“

    Einige Männer wechselten Blicke.

    „Der Römer hat erklärt, dass seine Soldaten die Wege beobachten und die Grenze sichern sollen. Er hat keine Forderungen gestellt und keine Drohungen ausgesprochen.“

    Sigmar beugte sich vor.

    „Und du glaubst ihm?“

    „Ich habe nicht gesagt, dass ich ihm glaube.“

    „Warum sprichst du dann überhaupt von ihm?“

    Markwart antwortete ruhig:

    „Weil wir wissen müssen, mit wem wir es zu tun haben.“

    Hadumar nickte zustimmend. Doch Hagomar erhob sich bereits.

    „Wir wissen genau, mit wem wir es zu tun haben!“

    Seine Stimme hallte über den Platz.

    „Mit Römern!“

    Einige der jüngeren Krieger, die außerhalb des Kreises standen, murmelten zustimmend.

    Hagomar deutete nach Westen.

    „Sie kommen mit wenigen Männern. Dann bauen sie einen Wall. Danach eine Straße. Schließlich erscheinen weitere Soldaten, Händler, Steuereintreiber und Beamte.“

    Er schlug mit der Faust gegen seine Brust.

    „Und eines Tages erklären sie uns, dass unser Land nun dem Kaiser gehört!“

    Markwart ließ ihn ausreden.

    Dann fragte er:

    „Und was schlägst du vor?“

    Hagomar antwortete ohne Zögern.

    „Wir zerstören den Vorposten.“

    Ein schweres Schweigen folgte.

    DIE FORDERUNG NACH KRIEG

    Hagomar trat in die Mitte des Kreises.

    „Vierzig Römer“, sagte er. „Nicht mehr.“

    Er blickte die versammelten Häuptlinge an.

    „Vierzig Männer, die sich hinter einem Holzwall verstecken.“

    Sigmar nickte langsam.

    „Wenn wir unsere Krieger vereinen, könnten wir sie überwältigen.“

    Hadumar schüttelte den Kopf.

    „Und danach?“

    Hagomar wandte sich ihm zu.

    „Danach wissen die Römer, dass sie in unserem Land nichts verloren haben.“

    „Nein“, erwiderte Hadumar. „Danach wissen sie, dass vierzig ihrer Soldaten getötet wurden.“

    Er erhob sich.

    „Und was glaubst du, wird dann geschehen?“

    Hagomar schwieg.

    Hadumar fuhr fort:

    „Die Römer werden nicht vierzig weitere Männer schicken. Sie werden Hunderte schicken. Vielleicht Tausende.“

    „Dann werden wir kämpfen!“

    „Mit wem?“

    Hadumars Stimme wurde schärfer.

    „Mit unseren Söhnen? Mit unseren Brüdern? Mit den Männern, die im Herbst die Felder bestellen sollen?“

    Hagomar ballte die Fäuste.

    „Du sprichst wie ein Feigling.“

    Hadumar trat einen Schritt vor.

    „Ich habe gegen Feinde gekämpft, als du noch ein Kind warst.“

    Markwart erhob die Hand.

    „Genug.“

    Beide Männer schwiegen.

    Markwart blickte zu Hagomar.

    „Du willst den Vorposten angreifen. Aber du kannst uns nicht sagen, wie wir die Folgen überstehen sollen.“

    „Wenn wir immer nur an die Folgen denken, werden wir niemals frei sein.“

    „Wir sind frei“, erwiderte Markwart.

    Hagomar lachte bitter.

    „Solange Rom es erlaubt.“

    Die Worte blieben im Raum stehen.

    Markwart wusste, dass sie Wirkung zeigten.

    Denn auch er konnte nicht ausschließen, dass Rom eines Tages größere Ansprüche erheben würde.

    Doch eine mögliche Gefahr war noch kein ausreichender Grund, einen Krieg zu beginnen.

    DANKWART ERGREIFT DAS WORT

    Dankwart hatte die Auseinandersetzung schweigend verfolgt.

    Nun trat er vor.

    „Ich möchte sprechen.“

    Mehrere Häuptlinge sahen überrascht auf.

    Hagomar verzog das Gesicht.

    „Der Sohn unseres Gastgebers.“

    Markwart betrachtete Dankwart.

    Dann nickte er.

    „Sprich.“

    Dankwart stellte sich in die Mitte des Kreises.

    Er war jünger als die meisten anwesenden Männer.

    Er hatte noch nicht dieselbe Erfahrung im Führen einer Sippe.

    Doch er hatte mit Faustus gesprochen.

    Und er war entschlossen, davon zu berichten.

    „Ich habe den Römer gesehen“, begann er.

    „Ich habe mit ihm gesprochen. Er war bewaffnet, und seine Männer waren bewaffnet. Aber sie haben ihre Waffen nicht gegen mich erhoben.“

    Hagomar schnaubte.

    „Wie großzügig von ihnen.“

    Dankwart ignorierte die Bemerkung.

    „Faustus hat mir Fragen gestellt. Über unsere Wege. Über unsere Siedlungen. Über die Menschen, die hier leben.“

    Sigmar beugte sich vor.

    „Also hat er dich ausgefragt.“

    „Ja.“

    Einige Männer lachten.

    Dankwart wartete, bis es wieder still wurde.

    „Und ich habe ihn ebenfalls ausgefragt.“

    Nun wurde es ruhiger.

    „Ich wollte wissen, warum seine Soldaten hier sind. Warum sie einen Posten errichtet haben. Und ob weitere Männer kommen werden.“

    Hadumar fragte:

    „Was hat er geantwortet?“

    „Dass er die Grenze beobachten soll. Dass seine Soldaten keinen Angriff auf unsere Dörfer vorbereiten. Und dass er keinen Krieg will.“

    Hagomar schüttelte den Kopf.

    „Worte.“

    Dankwart nickte.

    „Ja. Worte.“

    Er blickte den älteren Häuptling direkt an.

    „Aber auch deine Forderung nach einem Angriff besteht bisher nur aus Worten.“

    Einige Männer murmelten überrascht.

    Hagomars Gesicht verhärtete sich.

    Dankwart fuhr fort:

    „Der Unterschied ist, dass Faustus bisher nichts getan hat, was seine Worte widerlegt.“

    Hagomar trat einen Schritt näher.

    „Du verteidigst einen Römer?“

    „Nein.“

    Dankwarts Stimme blieb ruhig.

    „Ich verteidige unsere Möglichkeit, selbst zu entscheiden.“

    Er wandte sich an die übrigen Häuptlinge.

    „Wenn wir den Vorposten angreifen, entscheiden wir uns für einen Krieg.“

    Er hielt inne.

    „Wenn wir mit Faustus sprechen, verlieren wir nichts von unserer Freiheit.“

    Hagomar wollte widersprechen.

    Doch Dankwart sprach weiter.

    „Wir können jederzeit entscheiden, dass seine Antworten nicht genügen. Wir können unsere Wege bewachen. Unsere Dörfer schützen. Unsere Krieger bereithalten.“

    Er sah seinen Vater an.

    „Aber wir sollten nicht kämpfen, bevor wir wissen, ob ein Kampf notwendig ist.“

    Markwart betrachtete seinen Sohn mit stillem Stolz. Er hatte gehofft, dass Dankwart eines Tages Verantwortung übernehmen würde. Nun erkannte er, dass dieser Tag näher war, als er erwartet hatte.

    DIE VERBORGENEN ABSICHTEN

    Die Beratung dauerte bis zum späten Nachmittag. Die Häuptlinge diskutierten über die Stärke der römischen Truppen, die Bedeutung der Grenzanlagen und die Möglichkeit weiterer Gespräche. Schließlich zeichnete sich eine vorsichtige Mehrheit für Markwarts Vorschlag ab. Ein Angriff auf den Vorposten sollte vorerst unterbleiben. Stattdessen wollte man die römischen Bewegungen beobachten und einen direkten Kontakt mit Faustus ermöglichen. Hagomar war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden. Doch er konnte sich nicht durchsetzen.

    Als die Versammlung beendet war, verließ er den Platz mit finsterem Gesicht. Sigmar folgte ihm. Die beiden Männer gingen schweigend bis zu einem abgelegenen Bereich des Dorfes.

    Erst dort blieb Hagomar stehen.

    „Markwart wird weich.“

    Sigmar verschränkte die Arme.

    „Er will keinen Krieg.“

    „Er glaubt, dass man mit Römern verhandeln kann.“

    „Vielleicht hat er recht.“

    Hagomar sah ihn scharf an.

    „Du glaubst das nicht wirklich.“

    Sigmar schwieg.

    Hagomar trat näher.

    „Wir haben eine Gelegenheit. Vierzig Römer. Ein kleiner Vorposten. Kaum Verstärkung.“

    „Und die Legion in Mogontiacum?“

    „Die braucht Zeit, um zu reagieren.“

    Sigmar schüttelte den Kopf.

    „Du unterschätzt sie.“

    „Nein. Ich weiß genau, wie sie kämpfen.“

    Hagomar senkte die Stimme.

    „Aber ich weiß auch, dass sie auf einen Angriff antworten müssen.“

    Sigmar betrachtete ihn überrascht.

    „Du willst, dass sie antworten?“

    Hagomar lächelte kalt.

    „Manchmal braucht ein Volk einen Feind, den es mit eigenen Augen sehen kann.“

    Sigmar schwieg.

    Langsam begann er zu verstehen.

    Hagomar wollte nicht nur den Vorposten zerstören.

    Er wollte einen Krieg auslösen.

    Denn ein römischer Vergeltungsangriff würde die unentschlossenen Häuptlinge möglicherweise zwingen, sich gegen Rom zu vereinen.

    „Das ist gefährlich“, sagte Sigmar.

    „Freiheit ist gefährlich.“

    „Und wenn unsere Dörfer zerstört werden?“

    Hagomar betrachtete ihn lange.

    „Dann werden die Überlebenden endlich begreifen, dass es mit Rom keinen Frieden geben kann.“

    Sigmar wich einen Schritt zurück. Zum ersten Mal an diesem Tag empfand er echtes Unbehagen.

    VATER UND SOHN

    Am Abend saßen Markwart und Dankwart allein im Langhaus. Das Feuer brannte ruhig. Draußen hörte man die Stimmen der letzten Gäste. Markwart betrachtete seinen Sohn.

    „Du hast heute gut gesprochen.“

    Dankwart lächelte schwach.

    „Nicht alle waren meiner Meinung.“

    „Das werden sie niemals sein.“

    „Hagomar hasst die Römer.“

    Markwart nickte.

    „Er hat Gründe dafür.“

    „Aber er will kämpfen, selbst wenn es nicht notwendig ist.“

    „Ja.“

    Dankwart schwieg einen Augenblick.

    Dann fragte er:

    „Glaubst du, dass er etwas unternehmen wird?“

    Markwart betrachtete die Flammen.

    „Ich weiß es nicht.“

    „Sollten wir ihn beobachten lassen?“

    „Das werde ich.“

    Dankwart nickte.

    Dann fragte er:

    „Und Faustus?“

    Markwart sah auf.

    „Was ist mit ihm?“

    „Willst du ihn treffen?“

    Der Stammesführer dachte nach.

    Er hatte den jungen römischen Offizier bisher nicht persönlich kennengelernt.

    Alles, was er über ihn wusste, stammte aus Dankwarts Bericht.

    Doch er hatte inzwischen beschlossen, dass ein Gespräch notwendig war.

    „Ja“, antwortete er.

    Dankwart wirkte erleichtert.

    „Dann werde ich einen Boten schicken.“

    „Nicht allein.“

    Markwart beugte sich vor.

    „Du wirst den Treffpunkt sorgfältig auswählen. Keine Stelle, an der sich eine der beiden Seiten leicht eingeschlossen fühlen könnte.“

    „Am Bachlauf?“

    „Ja. Dort gibt es offenes Gelände.“

    „Wie viele Männer sollen uns begleiten?“

    „Wenige.“

    Dankwart nickte.

    „Drei?“

    Markwart überlegte.

    „Drei.“

    Dann fügte er hinzu:

    „Wir werden bewaffnet sein, aber niemand soll den Eindruck erwecken, dass wir zum Kampf kommen.“

    Dankwart lächelte.

    „Faustus wird das verstehen.“

    Markwart betrachtete ihn.

    „Du vertraust diesem Römer.“

    Dankwart antwortete nach kurzem Zögern:

    „Ich vertraue darauf, dass er lieber spricht als kämpft.“

    Markwart nickte langsam.

    „Das ist vielleicht ein Anfang.“

    EIN GEFÄHRLICHER BESCHLUSS

    Noch in derselben Nacht verließ Hagomar mit seinen Begleitern das Dorf.

    Er hatte sich von Markwart verabschiedet, ohne seine Unzufriedenheit zu verbergen.

    Doch kaum waren sie außer Sichtweite der Siedlung, hielt er sein Pferd an.

    Sigmar ritt neben ihm.

    „Was hast du vor?“, fragte er.

    Hagomar blickte nach Westen.

    „Markwart wird mit dem Römer sprechen.“

    „Ja.“

    „Und der Römer wird ihm versichern, dass er Frieden will.“

    Sigmar schwieg.

    „Dann werden sie sich gegenseitig glauben.“

    „Vielleicht.“

    Hagomar wandte sich ihm zu.

    „Und während sie reden, werden die Römer ihre Stellung festigen.“

    Sigmar schüttelte den Kopf.

    „Wir haben abgestimmt. Kein Angriff.“

    „Markwart hat abgestimmt.“

    „Die anderen Häuptlinge haben zugestimmt.“

    Hagomar lächelte kalt.

    „Nicht alle.“

    Er gab einem seiner Männer ein Zeichen.

    Der Krieger trat näher.

    „Schicke zwei zuverlässige Männer nach Norden“, befahl Hagomar.

    „Zu wem?“

    „Zu den Sippen am oberen Fluss. Sie sollen erfahren, dass Markwart mit den Römern verhandelt.“

    Der Krieger nickte.

    Hagomar fügte hinzu:

    „Und sie sollen erfahren, dass nicht jeder bereit ist, sich von Rom täuschen zu lassen.“

    Sigmar betrachtete ihn misstrauisch.

    „Du willst eine neue Versammlung?“

    „Vielleicht.“

    „Oder einen Angriff?“

    Hagomar antwortete nicht.

    Er gab seinem Pferd die Sporen.

    Die Männer folgten ihm in die Dunkelheit.

    Sigmar blieb einen Augenblick zurück.

    Er wusste nun, dass Hagomar gefährlicher war, als er bisher angenommen hatte.

    Nicht weil er mutig war.

    Sondern weil er bereit schien, einen Krieg herbeizuführen, den andere Männer anschließend führen und bezahlen müssten.

    MARKWARTS ZWEIFEL

    Im Dorf war inzwischen Ruhe eingekehrt. Markwart saß noch immer am Feuer. Dankwart hatte sich bereits zurückgezogen. Der Stammesführer dachte über die Versammlung nach.

    Die meisten Häuptlinge hatten seinem Vorschlag zugestimmt. Doch er wusste, dass eine Mehrheit im Thing nicht bedeutete, dass alle Männer ihre Entscheidung auch respektieren würden.

    Besonders Hagomar bereitete ihm Sorgen. Er kannte dessen Geschichte. Er wusste, dass der Häuptling Angehörige durch römische Waffen verloren hatte. Und er wusste, dass dieser Verlust Hagomars Urteil seit vielen Jahren beeinflusste. Markwart konnte seinen Hass verstehen. Aber er konnte ihn nicht billigen. Er dachte an seine eigene Sippe. An die Kinder, die am Morgen zwischen den Langhäusern gespielt hatten. An die Frauen und Männer, die ihre Felder bestellten. An die alten Menschen, die einen weiteren Krieg vermutlich nicht überleben würden. Was würde aus ihnen werden, wenn römische Truppen in das Gebiet einmarschierten? Was würde geschehen, wenn germanische Krieger den Vorposten angriffen und damit eine militärische Antwort provozierten? Markwart hatte keine einfachen Antworten. Er wusste nur, dass er nicht zulassen durfte, dass andere über das Schicksal seiner Menschen entschieden, ohne die Folgen zu bedenken. Schließlich erhob er sich. Er trat vor das Langhaus und blickte in den nächtlichen Himmel. Irgendwo im Westen befand sich der römische Vorposten. Dort saß vielleicht Faustus Iunius Rupa ebenfalls an einem Feuer. Vielleicht dachte auch er über die bevorstehende Begegnung nach. Markwart fragte sich, was für ein Mann dieser Römer tatsächlich war. Ein ehrgeiziger Offizier? Ein geschickter Unterhändler? Oder ein Soldat, der ebenso wie er versuchte, seine Leute vor einem unnötigen Krieg zu bewahren? Bald würde er es erfahren.


    EPILOG – ANTE TEMPESTATEM

    Vor dem Sturm

    Drei Tage später sollte am Bachlauf eine Begegnung stattfinden, die für beide Seiten von großer Bedeutung war. Faustus Iunius Rupa würde den römischen Vorposten mit zwei Begleitern verlassen. Markwart würde gemeinsam mit Dankwart und einem ausgewählten Krieger erscheinen. Beide Männer hatten sich vorgenommen, offen miteinander zu sprechen.

    Doch während sie ihre Begegnung vorbereiteten, begannen andere bereits, eigene Pläne zu verfolgen. Hagomar hatte Boten ausgesandt. Seine Anhänger verbreiteten die Nachricht, Markwart sei bereit, mit den Römern gemeinsame Sache zu machen. In einigen Siedlungen löste dies Empörung aus. Andere Häuptlinge reagierten mit Vorsicht. Und manche begannen, ihre Waffen zu überprüfen. Noch war kein Krieg ausgebrochen. Noch hatte kein römischer Soldat einen germanischen Krieger angegriffen. Noch war kein germanisches Dorf niedergebrannt worden. Doch der Frieden war verletzlich geworden. Faustus wusste nicht, dass unter den Stammesführern Männer lebten, die einen Krieg herbeiführen wollten. Markwart ahnte nicht, wie weit Hagomar zu gehen bereit war. Und Dankwart glaubte noch immer, dass ein ehrliches Gespräch ausreichen könnte, um die gegenseitigen Ängste zu überwinden. Drei Männer bereiteten sich auf eine Begegnung vor. Ein vierter bereitete etwas anderes vor. Denn während die einen nach Worten suchten, begannen die anderen bereits, ihre Waffen zu zählen.

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