Das Dorf des Markwart
Eine ungewöhnlich große germanische Siedlung
Tief im germanischen Stammesgebiet, abseits der großen Handelswege und mehrere Tagesmärsche von den römischen Grenzbefestigungen entfernt, lag das Dorf des Markwart. Es war keine gewöhnliche Ansammlung bäuerlicher Gehöfte, wie sie in den Wäldern und Tälern Germaniens häufig anzutreffen waren. Während kleinere Siedlungen der Umgebung oftmals nur zehn bis zwanzig Wohn- und Wirtschaftsgebäude umfassten, hatte sich Markwarts Dorf zu einem bedeutenden Mittelpunkt der umliegenden Gemeinschaften entwickelt. Die eigentliche Siedlung bestand aus 30 großen germanischen Langhäusern, die sich auf einer leicht erhöhten Geländeterrasse verteilten. Weitere zehn Langhäuser standen am Waldrand, etwas abseits des dicht bebauten Dorfkerns. Damit umfasste Markwarts Siedlung insgesamt 40 Langhäuser – eine für die nähere Umgebung außergewöhnliche Größe. Die Häuser waren nicht in einem streng geometrischen Muster angeordnet. Vielmehr folgten ihre Standorte den natürlichen Gegebenheiten des Geländes. Zwischen ihnen verliefen festgetretene Wege, die bei Regen schlammig wurden und während der trockenen Sommermonate von Staub bedeckt waren. Im Mittelpunkt des Dorfes befand sich ein größerer freier Platz. Hier versammelten sich die Bewohner zu Beratungen, Festen und religiösen Zeremonien. Auch Streitigkeiten zwischen Familien wurden hier verhandelt. An diesem Platz stand das Haus des Markwart.
Die dreißig Langhäuser des Dorfkerns
Die dreißig Langhäuser bildeten das eigentliche Herz der Siedlung. Ihre Konstruktion entsprach weitgehend der traditionellen germanischen Bauweise. Kräftige Eichenpfosten trugen die Dachkonstruktion, während Flechtwerkwände mit einer Mischung aus Lehm, Stroh und Tierhaaren abgedichtet waren. Die Dächer bestanden überwiegend aus Schilf oder Stroh. Einige besonders bedeutende Gebäude besaßen zusätzlich mit Holzschindeln geschützte Dachabschnitte. Die gewöhnlichen Langhäuser erreichten Längen zwischen 18 und 28 Metern und Breiten von etwa 6 bis 8 Metern. Die größten Gebäude waren über 30 Meter lang.
Unter einem Dach lebten häufig mehrere Generationen einer Familie. Ein Teil des Hauses diente als Wohnbereich mit Feuerstelle, Schlafplätzen und Vorratsbehältern. Andere Abschnitte waren für Vieh, Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte vorgesehen. Im Dorfkern befanden sich neben den Wohnhäusern auch die wichtigsten Einrichtungen der Gemeinschaft. Das Haus des Markwart war mit ungefähr 35 Metern Länge das größte Gebäude. Hier lebte der Stammesführer mit seinem Haushalt. Zugleich diente es als Versammlungsort seiner engsten Vertrauten. In seiner Nähe standen die Häuser bedeutender Kriegerfamilien, erfahrener Ältester und wohlhabender Viehzüchter. Ein Schmied unterhielt eine Werkstatt, in der Werkzeuge, Messer, Speerspitzen und Beschläge hergestellt oder ausgebessert wurden. Daneben arbeiteten Zimmerleute, Gerber und andere Handwerker. Mehrere gemeinschaftlich genutzte Speicher und Gruben dienten der Vorratshaltung. Die dreißig Langhäuser waren somit nicht nur Wohnstätten, sondern bildeten den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mittelpunkt von Markwarts Herrschaftsgebiet.
Die zehn Langhäuser am Waldrand
Die eigentliche Besonderheit der Siedlung lag jedoch am Rand des angrenzenden Waldes. Dort standen zehn weitere Langhäuser. Sie waren in zwei lockeren Gruppen errichtet worden und unterschieden sich teilweise von den Gebäuden des Dorfkerns. Zwischen den Häusern und den ersten dicht stehenden Bäumen erstreckte sich ein freigehaltener Streifen. Er bot Platz für Wagen, Vieh und Holzvorräte und verhinderte zugleich, dass sich Fremde unbemerkt unmittelbar aus dem Wald den Gebäuden nähern konnten. Die zehn Langhäuser dienten vor allem Familien, die sich erst in den vergangenen Jahren Markwarts Gemeinschaft angeschlossen hatten. Einige waren Angehörige benachbarter Sippen, die nach Fehden oder Missernten ihre bisherigen Wohnplätze verlassen hatten. Andere gehörten zu Familien von Kriegern, die Markwart Gefolgschaft geschworen hatten. Die neuen Häuser waren ein sichtbarer Beweis für die wachsende Bedeutung des Stammesführers. Markwart hatte nicht nur die bestehende Dorfgemeinschaft zusammengehalten. Er war imstande gewesen, weitere Familien unter seinem Schutz zu vereinen. Allerdings besaß die Lage am Waldrand auch eine militärische Bedeutung. Die dort lebenden Männer konnten die Waldwege beobachten und bildeten bei Gefahr eine zusätzliche Sicherung der Siedlung. Zwischen den Häusern führten schmale Pfade zu den Jagdgebieten und den weiter entfernten Weideplätzen. Anders als im Dorfkern waren die Gebäude hier großzügiger verteilt. Manche besaßen kleine eingefriedete Höfe, in denen Schweine, Ziegen und Geflügel gehalten wurden. Die Bewohner dieser zehn Langhäuser betrachteten sich nicht als Angehörige eines anderen Dorfes. Sie gehörten zu Markwarts Gemeinschaft, auch wenn sie außerhalb des älteren Siedlungskerns wohnten.
Der mächtige Schutzwall
Was Markwarts Dorf endgültig von den meisten umliegenden Siedlungen unterschied, war seine Befestigung. Ein stabiler Erd-Holz-Wall umgab die dreißig Langhäuser des Dorfkerns. Markwart hatte die Befestigung über mehrere Jahre hinweg errichten und verstärken lassen. Der Wall bestand aus einer aufgeschütteten Erdmasse, die durch eingelassene Holzkonstruktionen und kräftige Pfosten stabilisiert wurde. An besonders gefährdeten Abschnitten waren schwere Baumstämme und Flechtwerkverbände in die Konstruktion eingearbeitet.
Die Befestigung besaß folgende Eigenschaften:
Gesamtlänge | ungefähr 700–850 Meter |
Wallhöhe | 2,5–3,5 Meter |
Breite am Fuß | 4–6 Meter |
Palisade | zusätzliche Holzbefestigung |
Außengraben | 2–3 Meter breit |
Hauptzugänge | zwei befestigte Tore |
Innenbereich | 30 Langhäuser und Nebenbauten |
Die zehn Langhäuser am Waldrand lagen außerhalb des Hauptwalls. Ihre Bewohner konnten bei einem Angriff durch das näher gelegene Tor in den geschützten Dorfkern zurückweichen. An den Toren befanden sich hölzerne Plattformen, von denen aus Wächter die Zugangswege überblicken konnten. Die Tore selbst bestanden aus schweren Eichenbohlen und konnten mit quergelegten Balken verriegelt werden. Die Befestigung war nicht mit den steinernen Mauern römischer Kastelle vergleichbar. Dennoch stellte sie für Angreifer eine ernst zu nehmende Hürde dar. Vor allem überraschende Überfälle kleinerer Kriegergruppen ließen sich dadurch wesentlich erschweren.
Die Bewohner und ihre Lebensweise
Die vierzig Langhäuser boten einer großen Dorfgemeinschaft Unterkunft.
Befestigter Dorfkern | 30 | ca. 300 |
Siedlung am Waldrand | 10 | ca. 100 |
Gesamt | 40 | ca. 400 |
Die meisten Bewohner lebten von Landwirtschaft und Viehzucht. Auf den Feldern wuchsen Gerste, Emmer, Dinkel und Hirse. In den Gärten wurden Kohl, Hülsenfrüchte und verschiedene Kräuter angebaut.
Rinder waren besonders wertvoll. Sie lieferten Milch, Fleisch, Leder und Zugkraft. Schweine wurden häufig in den angrenzenden Wäldern gemästet. Die Frauen und Männer der Gemeinschaft stellten viele Gegenstände des täglichen Bedarfs selbst her. Dazu gehörten Kleidung, Keramik, Holzgefäße, Werkzeuge und einfache Möbel. Der Handel mit benachbarten Siedlungen spielte ebenfalls eine Rolle. Gelegentlich gelangten römische Waren in das Dorf, darunter Metallgegenstände, Glasperlen und Keramik.
Markwarts Krieger
Markwarts Macht beruhte nicht allein auf der Größe seines Dorfes. Er verfügte über eine Gefolgschaft erfahrener Krieger, deren Loyalität er durch persönliche Bindungen, erfolgreiche Unternehmungen und die Verteilung von Beute und Geschenken sicherte. Unter den erwachsenen Männern der Siedlung befanden sich zahlreiche Personen, die im Kriegsfall Waffen tragen konnten. Allerdings waren nicht alle von ihnen ständig bewaffnete Kämpfer. Die meisten gingen gewöhnlich ihrer Arbeit als Bauern, Viehzüchter oder Handwerker nach. Markwart unterhielt einen engeren Kreis von ungefähr zwanzig bis dreißig besonders zuverlässigen Gefolgsleuten. Diese Männer standen ihm persönlich nahe und konnten kurzfristig zusammengerufen werden. Bei einer größeren Bedrohung ließ sich die Zahl der Verteidiger durch die übrigen waffenfähigen Männer des Dorfes erhöhen. Die Befestigung ermöglichte es Markwart, seine Gemeinschaft auch gegen zahlenmäßig stärkere kleinere Angreifergruppen zu schützen. Für größere kriegerische Unternehmungen war er jedoch auf die Unterstützung benachbarter Sippen und verbündeter Stammesführer angewiesen.
Der Stammesführer und seine Herrschaft
Markwart war kein König im römischen Sinne. Seine Stellung beruhte auf persönlichem Ansehen, militärischer Erfahrung und der Zustimmung der bedeutendsten Familien seiner Gemeinschaft. Er konnte Entscheidungen nicht unbegrenzt gegen den Willen der freien Männer durchsetzen. Bei wichtigen Angelegenheiten beriet er sich mit den Ältesten und den angesehenen Kriegern. Dennoch war sein Einfluss beträchtlich. Unter seiner Führung war aus einer ursprünglich kleineren Siedlung ein befestigter Mittelpunkt entstanden. Der Ausbau von zwanzig auf dreißig Langhäuser im Dorfkern und die Errichtung der zehn zusätzlichen Häuser am Waldrand waren Zeichen dieser Entwicklung. Besonders der Schutzwall galt als sein Werk. Er hatte die Männer der Gemeinschaft zum gemeinsamen Bau verpflichtet und dafür gesorgt, dass Holz, Erde und Steine in ausreichender Menge bereitgestellt wurden. Viele Bewohner waren stolz auf die Befestigung. Sie betrachteten sie als sichtbaren Ausdruck ihrer Unabhängigkeit.
Ein Dorf, das selbst die Römer beachten mussten
Wer sich Markwarts Siedlung näherte, erkannte bereits aus einiger Entfernung, dass hier ein mächtigerer Stammesführer wohnte als in den gewöhnlichen Dörfern der Umgebung. Über den Strohdächern stiegen dünne Rauchfahnen auf. Zwischen den Häusern bewegten sich Menschen und Tiere. Schmiedehämmer erklangen, Kinder liefen über die Wege, und aus den Stallbereichen drang das Brüllen der Rinder. Am Waldrand standen die zehn zusätzlichen Langhäuser wie ein vorgeschobener Teil der Siedlung. Dahinter erhob sich der bewaldete Höhenzug. Vor dem Dorfkern zog sich der breite Wall entlang, über dessen hölzerne Brustwehr gelegentlich die Köpfe der Wächter sichtbar wurden. Ein römischer Kundschafter, der diesen Ort erstmals erblickte, hätte vermutlich überrascht festgestellt, dass er es nicht mit einer unbedeutenden Ansammlung germanischer Bauernhäuser zu tun hatte. Hier lebten mehrere Hundert Menschen unter der Führung eines Mannes, dessen Einfluss weit über die Grenzen seiner eigenen Siedlung hinausreichte.
Und dieser Mann war Markwart. Er hatte verstanden, dass Macht nicht allein durch die Zahl bewaffneter Krieger entstand. Ein Stammesführer benötigte Menschen, Vorräte, Vieh, sichere Unterkünfte und die Fähigkeit, seine Gemeinschaft auch in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten. Die vierzig Langhäuser waren deshalb mehr als eine ungewöhnliche Ansammlung von Gebäuden. Sie waren der sichtbare Ausdruck seines Erfolges. Und der mächtige Wall war zugleich Schutz und Warnung. Wer Markwarts Dorf angriff, musste mit dem Widerstand einer organisierten, entschlossenen Gemeinschaft rechnen.