Beiträge von Helvetia Phoebe

    Ein Mauerblümchen und Landei, das war mein erster Eindruck der derzeitigen Hausherrin. Anscheinend sogar auch noch etwas Weltfremd. Rom war das Zentrum der Welt, wie konnte man davon nicht überzeugt sein? Alexandrien war schön, das Wetter beständig, aber man war abgeschnitten von den wirklich einflussreichen Menschen. „Geminus ist dein Vater? Wie geht es ihm?“ fragte ich mehr aus Höflichkeit, als aus Interesse. Mir war eigentlich herzlich egal wie sein Wohlbefinden war. Irgendwie hatte ich gehofft, es hätte ihn bereits dahin gerafft. Dem war nicht so, aber anscheinend hatte er sich aus der Welt und der Politik zurückgezogen.
    „Ich werde ein wenig bleiben. Mal sehen was sich ergibt. Welche Bekanntschaften man schließen kann…“, erzählte ich ihr von meinen Plänen. Ich ließ aber offen was ich unter Bekanntschaften verstand. Sollte ich das großzügige Angebot annehmen und tatsächlich hier wohnen, anstatt in meinem eigenen kleinen Haus. „Das ist sehr großzügig und ich danke dir, dass du mich so willkommen heißt“, nahm ich das Angebot schließlich an. Wenn ich nicht mehr willkommen war, dann konnte ich immer noch in mein eigenes Haus umziehen. Etwas Gesellschaft würde mir gut tun und ich wäre nicht ganz so allein. "Erzähl mir doch etwas über dich!" forderte ich sie schließlich auf.

    Oha! Da war ich wohl an jemanden geraten der die Verteidigung der Tugenden als seine Pflicht ansah. Der Iunia schien mein lasterhaftes Leben so gar nicht zu gefallen. Schon gar nicht, dass ich mit meinen Bettgeschichten auch noch hausieren ging. Irgendwie fand ich sie niedlich. So jung und naiv wäre ich gern auch noch einmal. „Wärst du so freundlich mir auch noch mit zu teilen, wer dein Gemahl ist? Sonst weiß ich nicht, von wem ich meine Finger lassen soll“, erwiderte ich mit einem leicht herausfordernden Grinsen. „Und was soll ich machen, wenn dein Mann auf mich zu kommt?“ ich setzte eine leicht durchschaubare Unschuldsmiene auf. Irgendwie machte es mir Spaß sie ein wenig zu Ärgern. Ihre Empörung war einfach zu köstlich. Ihre Freundinnen versuchten zu schlichten und unterstellten mir sogar so etwas wie Ehre. Dabei hatte ich keinerlei Hemmungen. Wenn der Mann der Iunia auf mich zukam und etwas Abwechslung suchte, warum sollte ich mich dann in Zurückhaltung üben? Wir waren keine Freundinnen. Jedenfalls konnte ich mich nicht entsinnen, dass wir innerhalb der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft wir uns bereits angefreundet hätten. Sicherlich wären wir Freundinnen, hätte ich wohl einige Bedenken.
    „Meine Beziehungen basieren immer auf Gegenseitigkeit. Ich mach mich nicht an Männer heran die mich nicht wollen. Wenn dein Mann mit dir zufrieden ist, hab ich nicht vor mich in irgendeiner Weise anzubiedern. Das hab ich nicht nötig“, meinte ich dann aber etwas versöhnlicher. Ich war keine Lupa. Mit meiner direkten und auch freizügigen Art machte ich mich schnell unbeliebt. Die Gesellschaft der drei Freundinnen genoss ich eigentlich und wollte mir nicht auf Anhieb weitere Feindinnen machen.

    Mein Blick ruhte auf dem Jungen, er war mir unheimlich. Ein unangenehmer Schauer lief mir über den Rücken. Das Beste wäre wohl, wenn man ihn weg sperrte und vor der Welt versteckte. Ein schwachsinniges, vielleicht sogar gefährliches Kind, sollte man geheim halten. Sonst litt der Ruf. Warum nur hatte man den Jungen nicht gleich nach der Geburt ersäuft? Ein schwachsinniges Kind war das Schlimmste was einer Familie passieren konnte. Es wäre eine Gnade wenn man den Jungen im Schlaf erstickte, dann würde er sich nicht quälen müssen. Sein leerer Blick würde mich wohl in meinen Albträumen verfolgen. Erleichtert atmete ich auf, als der Junge den Raum verließ. Mir tat die Mutter leid, es war eine Schmach solch ein Kind zur Welt zu bringen. Es war aber löblich dass Aviana sich dem Kind annahm. Ich hätte den Jungen wohl einfach nur irgendwo eingesperrt. Aus den Augen aus dem Sinn.
    Der Anblick des Jungen hatte mich so verstört, dass ich gar nicht auf die Reaktion geachtet hatte, die mein Name bei der Hausherrin auslöste. Entgegen aller Erwatungen schien sie sich zu freuen. Anscheinend wusste sie nicht mit wem sie es zu tun hatte.
    „Nun… wie soll ich sagen, Alexandrien erschien mir nicht mehr groß genug. Rom hat doch einer weltgewandten Frau mehr zu bieten“, antwortete ich auf ihre Frage. „Es erschreckt mich ein wenig, wie klein die Gens doch geworden ist. Noch vor wenigen Jahren haben viel mehr Verwandte hier gelebt.“ Mein Blick glitt kurz noch einmal zur Tür, fast erwartete ich, dass der Junge wieder dort stand und uns mit leerem Blick beobachtete. So als Sinnbild, wie schlimm es doch um die Gens stand. Eine körperliche Erscheinung des Verfalls. Von dem Glanz und Ruhm vergangener Tage war kaum noch etwas zu spüren.

    Der Sklave huschte wieder davon und ich lehnte mich wieder auf der Kline zurück. Es war unheimlich, dass dieses Haus so verlassen war. Früher war das anders gewesen, da hatte hier Leben geherrscht. Ein Seufzen entfloh meinen Lippen. Es war lange her. Aber es war auch mein Glück, dass anscheinend sich niemand an meiner erinnerte. Mein Name hatte mir Tür und Tor geöffnet, aber ich wäre nicht so dreist direkt hier einzuziehen… obwohl es doch irgendwie verlockend war. Einfach gegen den Willen der Familienoberhäupter hier wieder zu Leben und Teil der Gens sein. Es bereitete mir eine gewisse Genugtuung, mich ihnen zu wiedersetzen. Der Sklave, der mir auch bereits die Erfrischung gebracht hatte, starrte mich unverhohlen an, während ich mich genussvoll räkelte und darauf wartete, dass endlich mal irgendeiner auftauchte. Ich war ein wenig gelangweilt.
    Leise Schritte kündigten dann auch endlich an, dass jemand bereit war mich zu empfange. Ich setzte mich halb auf und war nun gespannt, wen ich denn da kennen lernen würde.
    Unmerklich zuckte ich zusammen. Ja wunderbar, das war ein Kind. Eines das obendrein auch noch aussah wie ein unheimliches Gespenst. Hatte man den Knaben etwa absichtlich eingesperrt? War er vielleicht verrückt? Eine Gefahr für seine Mitmenschen, weshalb man ihn nicht hinaus ließ und vielleicht sogar anbinden musste. Meinen Schreck über dieses Aufeinander treffen verbarg ich hinter einem Lächeln. „Salve, junger Mann“, grüßte ich zurück und fragte mich, wie ich mit dem Jungen umgehen sollte. Ich konnte nicht gut mit Kindern. Kinder, augenscheinlich auch noch etwas kränklich und geistig verwirrt waren, verunsicherten mich. Sollte ich womöglich ganz langsam sprechen, damit er mich verstand? Ein kalter unangenehmer Schauder lief mir über den Rücken.
    Zu meiner großen Erleichterung tauchte dann doch noch ein Verwandter auf, der mich davon erlöste mich mit dem Jungen zu beschäftigen. Auch die junge Frau grüßte ich mit einem Lächeln. „Salve, ich bin Helvetia Phoebe“, stellte ich mich vor. Ich suchte ihr Gesicht nach einer Regung ab. Dem Aufblitzen von Erkenntnis, schließlich war ich offiziell nicht mehr im Haus der Gens willkommen. „Ich bin gerade angekommen. Die letzten Jahre hab ich in Alexandrien verbracht und ich dachte mir, der Höflichkeit wegen, sollte ich einmal meinen Verwandten einen Besuch abstatten.“ Nun war ich gespannt, ob der anderen Helvetia mein Name geläufig war.

    Anscheinend war ich meinen neuen Bekanntschaften ein wenig zu nahe getreten. Glücklich verheiratet, das war doch nur eine Illusion und Lüge. Das schönreden von unpersönlichen und politisch motivierten Ehen. Ich wollte nicht glauben, dass ich tatsächlich an zwei oder drei Frauen geraten war, die tatsächlich aus Liebe und Zuneigung geheiratet hatten. So etwas kam mir unglaublich unwahrscheinlich vor. Nun gut, sollten sie doch von sich behaupten, dass sie glücklich waren. Über die spitzen Kommentare lächelte ich nur müde. „Vielleicht will ich ja auch immer nur an die unanständigen Männer geraten“, scherzte ich über mich selbst und zwinkerte in die Runde. „Das Leben ist doch gleich viel spannender“, fügte ich noch schmunzelnd hinzu.


    Oho… sah ich da kurz Zweifel in den Augen der Aurelia aufblitzen? Hatte ich sie mit meinen Worten etwa aus der Ruhe gebracht. Männer dachten eben nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Ding zwischen ihren Beinen. Aber ich beließ es dabei. Sollten die Damen ruhig weiter in ihrer Traumwelt leben, sich selbst belügen und daran glauben, dass nicht alle Männer so waren. Ich wünschte ihnen, dass sie recht behalten mochten, ansonsten würde es ein unangenehmes erwachen werden. Voller Schmerz, Kummer und Reue. Wenn sie glücklich waren, würde ich nicht diejenige sein wollen, die dieses Glück zerstörte.


    Die dritte im Bunde entlockte mir mit ihrer naiven Art ein Lachen. Calvena traf den Nagel mit ihrer Begründung zu meinem Liebesleben auf den Kopf. Die Iunia war ja regelrecht darüber empört. „Aus Spaß… weil es mir Vorteile verschafft… weil die Männer sich manipulieren lassen, wenn man mit ihnen ins Bett geht… Es gibt viele Gründe warum ich mich auf verheiratete Männer einlasse. Vor allem weil es unkompliziert ist. Keine Verpflichtungen, aber dafür eine Menge Vorteile“, ich sah Serrana direkt in die Augen. Ob sie wohl nun errötete? Das die beiden anderen derweil einen kuren Blick mit einander tauschten, entging mir. Dafür war die Iunia in ihrer Art viel zu amüsant.


    Meine Aufmerksamkeit wurde dann aber von der scheuen Iunia abgelenkt, als ich nach meinen Vorlieben gefragt wurde. „Ich bin gerade erst angekommen, derzeit bin ich frei und ungebunden. Ich bin offen für alles. Hier in Rom wird sich schon etwas für mich ergeben. Also gegen einen jungen Adonis hab ich nichts einzuwenden“, musste ich dann lachen. „Aber natürlich spielt Einfluss und Reichtum eine gewisse Rolle.“

    Nachdenklich wanderte mein Blick durch den Raum. Der Glanz vergangener Zeiten war nach wie vor zu spüren. Das Tablinum war so eingerichtet, dass es Eindruck machen sollte. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit ein wenig stehen geblieben war. Es hatte sich nichts verändert. Doch auf dem zweiten Blick stellte ich fest, dass ich mich irrte. Die Farbe an den Wänden war frisch, ein zwei Vasen waren ersetzt worden und es gab auch eine neue Büste. Deren strenge Gesichtszüge mich eindringlich zu mustern schienen. Schon beinahe vorwurfsvoll, doch das war nur Einbildung. Unbehaglich wandte ich meinen Blick ab und betrachtete stattdessen die tiefrote Farbe des verdünnten Weines in meinem Becher. War es Absicht, dass man mich so lange warten ließ? Hatte man mich doch nicht vergessen? Wollte man mich daran erinnern, dass ich unwillkommen war und mich aus diesem Grunde schmoren lassen?
    Schließlich tauchte doch wieder einer der Sklaven auf und teilte mir mit, dass anscheinend alle ausgeflogen waren. Beinahe, anscheinend gab es doch noch einen der sich im Haus aufhielt, nur sagte der Name mir nichts. „Ich nehme auch mit Helvetius Milo vorlieb!“ Hätte ich gewusst, dass es dabei um ein Kind handelte, dann hätte ich ihn wohl nicht sprechen wollen. Ich konnte nicht gut mit Kindern.

    Ach sieh an! Der alte hat noch eine Tochter? ging es mir durch den Kopf. Mit Sicherheit würde ich jetzt gleich einer tugendhaften Römerin gegenüber stehen. Dem Sklaven folgte ich in die Casa. Es hatte sich so rein gar nichts verändert. Die Wandbilder waren die Alten, die Statuen hatte man nicht mal verrückt. Das ganze Haus wirkte ein wenig staubig und irgendwie altmodisch. Hier fehlte ein frischer Wind, wie ich fand. Aber ich würde mich hüten, mich in Familienangelegenheiten einzumischen. Ich war nur hier, um meinen Verwandten eine Möglichkeit zu bieten, sich von mir los zusagen, bevor ich anfing auf Männerjagd zu gehen und mir einen neuen Liebhaber suchte.


    Im Tablinum sollte ich dann warten. Ich ließ mich auf eine der Klinen nieder, streckte mich ein wenig und ließ mir dann von einem der Sklaven stark verdünnten Wein reichen. In der Zwischenzeit rätselte ich, wie sie wohl sein würde. Sicherlich jung und hübsch, aber auch naiv und zurückhaltend. Eine perfekte kleine Römerin, die einmal später eine perfekte Matrona abgeben würde. Eine junge Frau die man zum Wohle der Familie verheiraten würde. Auch mich hatte man in diese Form gepresst, auf sehr schmerzhafte Weise hatte ich gelernt, dass es eine Frau nicht glücklich machte den Vorstellungen gerecht zu werden. Lieber führte ich mein Leben voller Skandale.

    Die Frage was geschehen war, dass eine der einflussreichsten Familien Roms nun beinahe nicht mehr Existent war, ließ mich einfach nicht in Ruhe. Macht, Ruhm und Einfluss, jeder Römer strebte dies an. Auch ich, in gewisser Weise und es ärgerte mich, dass es anscheinend keinen Verwandten gab, der meine Gens wieder an die Spitze brachte. Sie konnten doch nicht alle verstorben sein?
    Das Klopfen meines Sklaven wurde rasch erhört und die Tür öffnete sich. Der Sklave der mich da verschlafen anblinzelte war mir unbekannt. Es hatte sich wohl viel getan. Glück für mich, denn wenn der Sklave mich nicht kannte, würde er mich wohl nicht abweisen. Ich setzte ein bezauberndes Lächeln auf, während Khurram mich dann vorstellte.


    „Meine Herrin möchte der Familie einen Besuch abstatten“, ich hatte mit ihm abgesprochen was er sagen sollte. Schließlich wollte ich nicht, dass man mir sofort die Nase vor der Tür vorschlägt. „Sie würde gern mit dem derzeitigen Familienoberhaupt sprechen… oder einem nahen Verwandten. Sie war lange fort von Rom und weiß nicht, wer der derzeitige Hausherr ist. Meine Herrin ist Helvetia Phoebe!“ Es war ein kleines Glücksspiel. Entweder hatte der Sklave meinen Namen schon einmal vernommen, oder nicht. Er konnte mich einlassen, oder aber der Tür verweisen. Ein kleines bisschen war ich angespannt. Es hatte mich doch einiges an Überwindung gekostet, vorstellig zu werden.

    Meine neuen Bekanntschaften schienen beeindruckt davon zu sein, dass ich doch tatsächlich mich auf den Sohn einer der größten Klatschtanten Roms eingelassen hatte. Für mich war er nur eine Kerbe im Bettpfosten. Einen wirklich bleibenden Eindruck hatte er nicht hinterlassen. Einer von vielen, wie ich an manchen Tagen behauptete, wenn ich schlechte Laune hatte oder aber Galvena in der Nähe war. „Einfallsreich war er nicht… ich würde ihn als zielstrebig, aber wenig kreativ bezeichnen. Kein Wunder dass er es noch nicht zum Senator gebracht hat…“, ließ ich einen letzten bösen Kommentar fallen. Schließlich konnte ich es mir nicht kampflos gefallen lassen, dass Galvena irgendwelche fiesen Gerüchte in die Welt setzte, nur um mich aus Rom zu vertreiben. Für den Moment hatte diese jedenfalls den Rücktritt angetreten und war verschwunden.


    Oho, war ich etwa an zwei glückliche Ehefrauen geraten? Die eine jedenfalls hatte für einen kurzen Augenblick einen ganz verklärten Gesichtsausdruck und war wohl mit den Gedanken ganz weit weg. Das war jedenfalls ungewöhnlich und hatte ich auch nicht erwartet. Es kam nicht ganz so oft vor, dass die Frauen von sich behaupteten sie führten eine glückliche Ehe und waren zufrieden mit dem was sie hatten. Ich war ein wenig skeptisch, trotz des so offensichtlich verliebten Eindrucks der Beiden. Ich fand verliebte Frauen naiv, nicht dumm, aber naiv. Die Welt aus Sicht einer verliebten Frau war zuckerrosarot. Es war selten alles nur eitel Sonnenschein und im Gegensatz zu mir, würden sich die Beiden bestimmt nicht in aller Öffentlichkeit abfällig über ihre Ehemänner äußern. „Ihr wollt mir also weiß machen, dass ihr an die einzigen anständigen Männer in ganz Rom geraten seid?“ ich klang belustigt. „Ihr müsst mir euer Geheimnis verraten, wo findet man solche Männer?“ fragte ich scherzhaft nach. „Oder habe ich einfach immer nur Pech?“ sinnierte ich schmunzelnd über mich. „Ist ja auch eigentlich nicht wichtig…“, winkte ich dann lachend ab.


    Mitten in meinen Ausführungen über Spielzeuge und dem Spaß im Bett, kam noch eine weitere junge Frau dazu. Man stellte sie mir als Iunia Serrana vor. „Salve“, grüßte ich höflich und musterte sie neugierig. Dann wurde der Neuankömmling über unser brisantes Gesprächsthema aufgeklärt und ich zwinkerte der Iunia frech zu. „Hassen ist so ein bedeutungsschweres Wort… so würde ich es nicht ausdrücken. Es ist eher gegenseitige Abneigung“, kicherte ich. „Oder vielleicht sogar etwas wie Hassliebe…“ Nun war ich gespannt auf die Reaktion der Iunia über die Eröffnung meines amourösen Lebens.

    Es war ein seltsames Gefühl so vor der Villa der Gens zu stehen. Ich fühlte mich seltsam befangen, etwas das meiner Art so gar nicht entsprach. Ich wusste auch nicht einmal warum ich nun vor dieser Tür stand. Eigentlich hatte ich hier nichts zu suchen. Das hatte man mir sehr deutlich gemacht. Dennoch, wenigstens einen Anstandsbesuch wollte ich abstatten. Nur um den Regeln der Höflichkeit Genüge zu tun und um meinen Verwandten eine Möglichkeit zu geben, sich in aller Öffentlichkeit von mir los zu sagen, während ich in Rom weilte. Ich war zwar gerade erst angekommen, aber mit Sicherheit hatte es sich bereits herum gesprochen, dass ich nun wieder in Roma war. Allein mein Auftritt in den Thermen dürfte die Gerüchteküche angeheizt haben. Die Klatschtanten vom Dienst waren sicherlich schon dabei, mich schlecht zu machen und vor mir zu warnen.
    Ein kleines zynisches Grinsen ließ meine Lippen sich kräuseln. Es würde nicht gerade ein Vergnügen werden, sich den Verwandten zu stellen. Sofern sie mich überhaupt empfangen würden. Ich würde es auf einen Versuch ankommen lassen. Mehr als mich wieder fort zu schicken konnten sie nicht tun. Die Konfrontation scheute ich nicht.
    Schließlich strafte ich meine Schultern und bedeutete Khurram, dass er klopfen möge. Danach hieß es erst einmal geduldig zu sein und zu warten.


    *klopf* *klopf*


    Nach dem was ich gehört hatte, war die Gens beinahe in der Bedeutungslosigkeit versunken. Es schien niemanden zu geben, der die Helvetia würdig vertrat. Irgendwie traurig, denn einst hatte die Gens große Persönlichkeiten hervorgebracht. Persönlichkeiten die den Mut zu Veränderungen hatten. Was war geschehen, dass die Gens nun fast vergessen war?

    Wieder einmal zeigte sich wie unterschiedlich die Damen der Gesellschaft doch auf mein so offenes Eingeständnis reagierten. Die schien belustigt, die andere ein wenig schockiert. Ein amüsiertes Grinsen zeigte sich auf meinen Zügen, als ich den überraschten Blick der Germanica auffing. Sie starrte mich doch glatt mit offenem Mund an. Nicht gerade sehr damenhaft. Aber ich nahm es ihr nicht übel, sie schien mich nicht sofort zu verurteilen. Beide taten es nicht. Oder aber sie wussten ihre Vorbehalte sehr gut zu verbergen. Über die Fragen musste ich doch glatt lachen. Ich ließ mich tiefer ins Wasser sinken und legte den Kopf zurück. „So etwas passiert eben… ich hab es nicht geplant. Die erste Affäre war, weil ich spüren wollte das ich noch lebe...“, meinte ich nachdenklich. Längst verdrängte Erinnerungen drängten sich in meinen Geist und buhlten um Aufmerksamkeit. Die Bilder meiner kurzen aber furchtbaren Ehe bedrängten mich. Ich war so jung und so hilflos gewesen… Meine Narben mochten vielleicht nicht körperlicher Natur sein, aber die Spuren, die mein Gemahl hinterlassen hatte, würden wohl niemals verblassen. Hätte mein Vater gewusst, dass der Mann von dem er glaubte, er würde sich gut um mich kümmern, mich verprügeln würde, dann hätte er ihn wohl umgebracht. Nur leider waren meine Eltern kurz nach meiner Vermählung einem Feuer auf ihrem Landgut zum Opfer gefallen. Ich hatte ihnen mein Leid nicht klagen können. Unter der hübschen Fassade einer tugendhaften Ehe, hatte ich die Hölle durchlebt. Aber wenigstens hatte mein Mann Gnade mit mir gekannt. Er hatte sich umgebracht. Natürlich gab es da ein Gerücht, ich hätte ihn aus Habgier ermordet. Aber dazu wäre damals nicht in der Lage gewesen.
    Ein wenig verdüsterte sich mein Blick, dann kehrte ich in die Gegenwart zurück. Es war vorbei. Für immer und ewig. Nie wieder würde ich zulassen, dass ein Mann auf diese Weise Hand anlegte. „Etwa ein Jahr nachdem mein Gemahl verstorben war, hab ich eine Affäre mit Galvenas ältesten Sohn gehabt...“, eröffnete ich mit einem schelmischen Grinsen. „Ein stattlicher Bursche, nur sind seine Talente in der Verwaltung verschwendet…“, resümierte ich und warf der Klatschtante einen kecken Blick zu. Sollte sie ruhig wissen, dass ich über ihren Sohn redete. Wieder musste ich lachen, als sie mir erst einen giftigen Blick zu warf und dann demonstrativ davon stakste. „Er kam auf mich zu, aber das will natürlich niemand wissen. Einem Mann ist es erlaubt sich sein vergnügen außerhalb seines Ehebettes zu suchen, aber wenn eine Frau sich gewisse Freiheiten heraus nimmt, dann wird sie sogleich Verurteilt… eine seltsame Doppelmoral, findet ihr nicht?“ Eine Antwort erwartete ich nicht. Mit Sicherheit waren meine Bekanntschaften genau in diesem glauben aufgewachsen und erzogen worden. So war ich auch gewesen… davor. „Galvena wollte mich mit einem Freund ihres Mannes verkuppeln, damit ich die Finger von ihrem Sohn lasse. Es hat nur leider nicht geklappt… er konnte die Finger nicht von mir lassen und hat glatt seine Frau wegen mir verlassen. Nur hatte ich nicht vor mich erneut zu binden…“, ich zuckte mit den Schultern, „das hat ihm nicht gepasst und er ist zurück zu seiner Frau. Aber soweit ich weiß, herrscht seit dem Eiszeit zwischen ihm und ihr. Eine Scheinehe. Er nimmt sich was ihm vor den fellas läuft und sie ist frustriert und hält sich einen Schönling nach dem anderen.“ Es machte mir sichtlich Spaß diese alte Geschichte aufzuwärmen. Nicht nur Galvena konnte ihr Gift verspritzen.


    „Seid ihr verheiratet? Wenn nicht, dann solltet ihr euch schnell einen Sklaven zum Vergnügen anschaffen. So ein bisschen Bettgehoppse entspannt ungemein“, zwinkerte ich meinen neuen Bekanntschaften zu. „Und wenn ihr verheiratet seid und eure Männer greise Säcke, dann solltet ihr euch auch unbedingt ein Spielzeug anschaffen. Nur weil wir Frauen sind, müssen wir nicht darauf verzichten ein wenig Spaß zu haben. Aber meine Affären haben einen anderen Grund. Als alleinstehende Frau bedarf man eines gewissen Schutzes und reiche, verheiratete Männer mit viel Einfluss sind nicht nur großzügig, nein, sie sind auch unglaublich eifersüchtig und sorgen dafür, dass man keine Sorgen mehr hat. Niemand belästigt einen, keine aufdringlichen Angebote jemanden zu heiraten. Es ist auf seltsam verdrehte Weise unkompliziert, besonders weil ich meine Freiheiten hab… und solange ich zurück haltend bin, werde ich auch von den Ehefrauen geduldet. Selbst wenn ich meine Liebhaber auf Festivitäten begleite…“

    War der Ruf erst mal zerstört, lebte es sich völlig ungeniert. Vor den Gerüchten dieser Weiber fürchtete ich mich nicht. Warum auch, was wollten sie mir schon andichten? Eine Affäre mit einem verheirateten Mann? Das würde tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Mit meiner direkten Art und der Konfrontation hatte ich für jede Menge neugieriger Blicke und Getuschel gesorgt. Kurz glitt mein Blick auffordernd durch das Becken, doch schnell drehten sich die Köpfe in eine andere Richtung. Bis auf die beiden Frauen direkt neben mir, zu denen ich mich nun gesellen wollte. Netterweise und reichlich verdutzt stellten sie sich mir dann auch vor. Mir entging nicht, dass sie fragende Blicke austauschten, bevor sie mir dann Platz machten. „Ich glaub kaum, dass mein schlechter Ruf nur durch meine bloße Anwesenheit abfärbt…“, versuchte ich etwaige Bedenken mit Humor zu zerstreuen. „Obwohl…“, mein Blick glitt hinüber zu Galvena und Laevina, die sich nicht allzu weit entfernt auf Clinen gemütlich gemacht hatten und finstere Blicke in meine Richtung abschossen. „Manchmal genügt schon das…“, fügte ich dann mit einem leichten Achselzucken hinzu. Wenn die Beiden sich an meiner Anwesenheit nicht störten, dann würde ich es genießen, einmal ein paar neue Bekanntschaften zu schließen.


    Ein Schmunzeln zeigte sich auf meinen Zügen, als ich so direkt gefragt wurde, warum die beiden Klatschtanten so auf mich reagiert haben. „Früher oder später wird man euch Beide sicherlich über mich aufklären… also warum sollte ich es nicht selbst erzählen. Ich hatte eine Affäre… eigentlich sogar mehrere. Immer mit verheirateten Männer, die nicht sonderlich glücklich waren. Und ihr werdet euch sicherlich nicht wundern, wenn ich sage, dass mich die Ehefrauen als Geliebte geduldet haben. So hatten sie ihre Ruh vor ihren Männern.“

    Ich war mir durchaus bewusst, dass ich mit meiner Art dem jungen Mann vor den Kopf gestoßen hatte. Aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Jemand der sein Leben so sehr nach dem Willen der Götter ausrichtete, war mir ein wenig suspekt. Das hatte nichts mit mangelndem Respekt gegenüber den Göttern zu tun. Ich verehrte unsere Götter, schließlich gab es nichts Wichtigeres wie die Beziehung zwischen Mensch und Göttern. Aber wir Römer waren keine Christen. Die Christen verehrten ihren Gott bis zur Selbstaufgabe. Es fehlte nur noch, dass diese Christen sich ans Kreuz schlagen ließen um ihren Propheten nahe zu sein. Ein seltsamer Kult. Und genauso seltsam empfand ich den jungen Iulier. Aber was solls. Er war noch jung, im Laufe seines Lebens, würde er wohl irgendwann auch beginnen, etwas pragmatischer zu werden. Hätte ich geahnt, dass er meine Reaktion auf seinen Blick in den Himmel, als ein Zeichen von Iuno wertete, hätte ich ihm erklärt, dass Iuno rein gar nichts mit meiner Belustigung zu tun hatte. Jedenfalls fühlte es sich nicht so an, als hätte sich die Göttin meiner Bemächtigt um den Iulius auszulachen.


    Der Tavernensklave gab den weg vor, Khurram und Siha warteten noch, bis ich dem Begleiter des Iulius meine Worte zugeraunt hatte. Ich hatte mich bereits zum Gehen gewandt, von daher konnte ich nicht sehen, wie eine Träne in den Augen Dives‘ glitzerte. Ich ho nur kurz die Hand um ihm zu signalisieren, dass sich seine Abschiedsworte durchaus gehört hatte. „Valete“, meinte ich nur recht knapp. Mir stand nur noch der Sinn nach einem Bett, einem Bad und meinen teuren Kosmetika. Ich wollte den Staub der Reise von meinem Körper waschen und danach ein Mahl genießen. Den Iulius hatte ich im Grunde schon in dem Moment vergessen, wo ich die Hafenanlagen hinter mir ließ.


    Die Taverne war klein, aber sauber und von einem freundlichen Wirt geführt. Der Wirt hielt seine Sklaven an, mein Gepäck hinauf zu bringen, während dessen Tochter mir Wein, Brot, Käse, Oliven und Obst brachte. Nachdem ich mich gestärkt hatte, zog ich mich zurück. Am nächsten Tag wollte ich dann gen Rom reisen. Bevor ich dann irgendwann in das Bett fiel, -es mochte nicht gerade so weich und luxuriös sein, wie ich es gewohnt war, aber dennoch hatte ich das Gefühl auf Wolken zu schweben-, musste ich erst einmal darüber nachdenken, was mich wohl in der ewigen Stadt erwarten würde. Vielleicht sollte ich aus reiner Höflichkeit einmal meiner Gens einen Besuch abstatten. Auch wenn sie mich wohl zum Orcus jagen würden. Doch der Anstand sollte dennoch gewahrt werden...

    Irgendwie hatte ich Rom doch vermisst. Rom und seine gelangweilten Ehefrauen, die den lieben langen Tag sich nur mit Klatsch und Tratsch beschäftigten, weil es der einzige Höhepunkt in ihrem Alltag war. Bei dem Ausruf der dicklichen Matrone, einer alten Bekannten, drehten sich viele Köpfe in meine Richtung um. Bewundernde, neidische und auch erstaunte Blicke trafen mich. Man hatte mich also nicht vergessen. Und schon gar nicht die Art und Weise wie ich Rom den Rücken zugekehrt hab. „Anscheinend hast du mich nicht vergessen, Galvena!“ zielstrebig steuerte ich den Platz zwischen ihr und Helena an. Beide warfen sie mir einen vorwurfsvollen Blick zu, denn ich gab ihnen somit keine Gelegenheit sich über mich das Maul zu Zerreisen. Ein wenig amüsant war es schon, die beiden Klatschbasen zu Ärgern. „Hab keine Angst, auf deinen Mann hab ich es nicht abgesehen. Wie ich gehört hab, soll er mächtig zugelegt haben… man sagt sich, er würde seine Füße nicht mehr sehen können“, versetzte ich mit einer gewissen Genugtuung. Angriff war in diesem Haifischbecken die beste Verteidigung. „Wie kannst du es wagen?!?!“, zischte sie mir giftig entgegen. „Im Gegensatz zu dir trete ich die Traditionen und Tugenden nicht mit Füßen!“„Tu nicht so scheinheilig. Halb Rom weiß, dass du dir so einen knackigen Adonis hältst, der Hand bei dir anlegen darf!“ versetzte ich mit einem honigsüßen Lächeln. Dieser Kommentar saß. Ich hatte zwar nur ins Blaue hinein geraten, aber anscheinend genau ins Schwarze getroffen. Jedenfalls lief sie knallrot an, schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und suchte dann beinahe in komischer Verzweiflung nach einer Erwiderung. Doch es kam nichts. Nur ein überaus tödlicher Blick, bevor sie dann, zusammen mit ihrer Freundin die Flucht ergriff. Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte ich mich leicht zurück.


    Als mein Name dann unweit von mir fiel richtete ich meinen Blick auf die beiden Frauen beim Löwenkopf. Beide jung, hübsch anzusehen und mit dieser gewissen Aura der reichen Oberschicht. Konnte es sein dass die Beiden noch nichts von mir gehört haben? Es klang fast so. Kurzerhand rückte ich auf und lächelte in die Runde. „Salve“, grüßte ich höflich. Mit Sicherheit hatten sie gerade mit bekommen, wie ich die beiden Matronen vertrieben hatte. „Da ihr nun wisst, wie ich heiße, würde ich gern auch eure Namen erfahren“, fragen sah ich von der Einen zur Anderen. „Ich will ja nicht aufdringlich sein, aber die Höflichkeit gebietet es sich vorzustellen!“ Auch wenn es etwas gestelzt klang, war es einfach nur die Neugierde die mich dazu trieb, mich zu ihnen zu gesellen. Zumal mein Tonfall eher amüsiert klang und nicht abweisend oder arrogant.

    Mein offenes Eingeständnis zum Verhältnis meiner Verwandten, hatte ihm glatt die Sprache verschlagen. Jedenfalls sah er mich erst einmal nur ungläubig an und dann richtete er mit ratloser Miene den Blick gen Himmel. Was sollte das denn? Ich folgte seinem Blick, konnte aber nicht erkennen, warum er den Himmel nun so intensiv anstarrte. Der Iulius hatte doch nicht mehr alle. Khurram, mein Sklavenjunge setzte ebenso wie ich eine verwirrte Miene auf. Aber er hatte sich schnell gefangen. Leicht rollte er mit den Augen und machte eine drehende Bewegung mit dem Finger an seiner Schläfe. Dabei drückte der Junge genau das aus, was ich gerade dachte. Ich konnte nicht anders und brach in schallendes Gelächter aus. Der junge Bursche, der mir zur Hilfe hatte eilen wollen, wäre beinahe in der Luft von den Seeleuten zerrissen worden, hätte ich mich nicht eingemischt und nun bat er die Götter um Rat. Jedenfalls klang das so, als mir sein Sklave versuchte zu erklären, was er da gerade trieb.


    „Khurram, Siha! Lasst uns die Taverne aufsuchen. Soll der Iulius doch weiterhin in den Himmel starren. Davon wird er auch nicht klüger werden“, immer wieder musste ich zwischen meinen Worten kichern. Im Gegensatz zu dem Sklaven hatte ich keine Angst mich laut über den jungen Iulier lustig zu machen. „Wenn er nicht Manns genug ist, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, weil er befürchtet damit den Zorn der Götter auf sich zu lenken, dann kann ich ihm auch nicht helfen“, fügte ich schmunzelnd hinzu. „Die Götter können dir deine Entscheidungen auch nicht abnehmen“, meine Stimme bekam einen ernsten klang. „Nur du kannst entscheiden, was für dich das Richtige ist und was nicht. Ich wünsche dir den Segen Götter. Mögen sie deine Schritte lenken“, verabschiedete ich mich schließlich von ihm und schüttelte über so viel Frömmigkeit den Kopf. Bisher hatte ich keinen Römer getroffen, der sein Leben so sehr nach dem Willen der Götter ausrichtete. So mancher Priester, den ich schon getroffen hatte, war wesentlich zynischer gewesen. Ich sprach den Göttern ihre Existenz nicht ab, aber ich bezweifelte, dass sie Anteil daran nahmen, wie ich mein Leben führte. Ich opferte den Göttern, wenn ich es für nötig hielt. Doch richtete ich nicht mein ganzes Leben danach aus. Schließlich hatte ich immer noch einen freien Willen. Die Götter konnte ich nicht für mein Handeln verantwortlich machen.
    Über diesen jungen Mann konnte ich nur den Kopf schütteln. Er war schon ein seltsamer Kauz.


    Bevor ich mich zum Gehen wandte, beugte ich mich kurz zu dem Sklaven vor. „Pass auf, dass deinem Herrn nicht der Himmel auf den Kopf fällt“, zwinkerte ich. Mit einer leichten Handbewegung bedeutete ich dem Sklaven mit dem Handkarren und meinen eigenen Sklaven, dass ich meine Unterkunft aufsuchen wollte.

    Beinahe hätte ich mit den Augen gerollt. Der Iulier war ein frömmelndes Jüngelchen. Er war so unglaublich überzeugt von den Göttern und einem Leben voller Tugenden, dass er glatt übersah, dass das Leben noch andere Dinge zu bieten hatte. „Die Götter mögen die größte Macht sein die wir kennen, aber ich bezweifel, dass sie über jeden einzelnen Römer wachen“, gab ich leicht zynisch von mir. Jedenfalls hatten die Götter nicht über mich gewacht. Nicht als ich noch genau den Vorstellungen einer römischen Matrone entsprach und ihren Beistand dringend benötigt hatte. „Am Ende können wir uns nur selbst helfen. Die Götter sind wankelmütig und werden sich wohl kaum für die Belange der Menschen interessieren!“


    Irgendwie schien es ihm nicht zu behagen, dass ich eine Nacht oder vielleicht auch mehr, in einer Taverne verbringen wollte. Ich wollte einfach nur endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen und vertraute darauf, dass Khurram nicht irgendeine billige Absteige gefunden hatte. Mein ägyptischer Sklavenjunge war schließlich nicht auf dem Kopf gefallen und wusste, dass ich so einige Ansprüche hatte.
    „Ich glaube nicht, dass sich meine Verwandten darüber freuen würden, wenn ich mich in die Casa einquartiere“, ich zeigte ihm ein verschmitztes Lächeln. „Ich bin das schwarze Schaf der Gens“, gab ich dann unverblümt zu. Damit bestätigte ich eine seiner Befürchtungen. Ich war zwar keine Christin, aber ich hatte mit meiner Familie gebrochen. Mit Sicherheit würde nun die Frage nach dem warum kommen. „Meine Vorstellungen davon wie ich mein Leben führen will, entspricht nicht denen der Gens“, umschrieb ich die Gründe für diesen Bruch. Aus irgendeinem Grund war es mir ein wenig unangenehm ihm die Wahrheit zu offenbaren. Vielleicht auch deshalb, weil ich gerade erst angekommen war und ich eine leidige Geschichte hinter mir zurück gelassen hatte. Ich wollte einfach nur erst einmal den Schmutz vom Körper waschen und danach mich dann meinen Schatten der Vergangenheit stellen.


    Sim-Off:

    Das Siha nicht reagiert, liegt daran, dass sie eine eigenständige ID ist und ich grad nicht weiß, wann sie dazu kommt

    Die Reise von Ostia nach Rom, dauerte nur wenige Stunden. Ich hatte mir eine Sänfte gemietet und einen Sklaven mit Handkarren, der mein Gepäck über die holprige Straße transportierte. In einer Sänfte zu reisen, war wesentlich angenehmer, als in einer Kutsche. Ich schwebte förmlich auf seidenen Kissen dahin. Kaum, dass ich die Stadttore durchschritt, gab ich Khurram den Auftrag er möge das Gepäck direkt in mein Haus bringen lassen. Ich wollte mir den Staub der Straßen vom Körper waschen. In dem Gasthof in Ostia hatte ich zwar die Gelegenheit bekommen mich zu waschen, doch mit einer Therme war es nicht zu vergleichen. Und eine solche steuerte ich nun direkt an. Zumal die Thermen Roms ein wahrer Schatz und nie versiegender Quell an Gerüchten war. Wenn ich nun wieder in Rom leben wollte, musste ich auch auf dem neuesten Stand der Klatschgeschichten sein. Besonders, wenn ich wieder am gesellschaftlichem Leben teilhaben wollte.
    In Alexandrien war man zwar nicht abgeschnitten vom Rest der Welt, doch hatte Alexandrien seinen ganz eigenen Tratsch. Die Skandale aus Rom erreichten nur selten Ägypten und waren dann auch schon nicht mehr aktuell oder interessant. Bis auf die großen politischen Ereignisse war es nicht wichtig was sich im Zentrum der Welt abspielte, denn Alexandriens Gesellschaft selbst sorgte für spannende skandalöse Geschichten.


    Es war als betrat man einen Bienenstock. Das Summen von unzähligen Gesprächen umhüllte mich, als ich aus den Umkleideräumen kam. Siha folgte mir mit Badetüchern und duftenden Ölen. Zunächst glitt mein Blick nur über die unzähligen anwesenden Damen. So manches Gesicht kannte ich noch früher. Doch ich war mit niemand befreundet. Was wohl daran lag, dass sich meine Freundinnen von mir abgewandt hatten, als ich mit meiner Gens brach und Rom den Rücken kehrte. Doch wer brauchte schon scheinheilige Freundinnen? Ich jedenfalls nicht. Ganz leicht zupfte ich am Oberteil meines Bikinis. Dieses teure Stück bestand aus blauer Seide und war mit kleinen Perlen und Goldfäden bestickt. Als ich mich dem großen Badebecken näherte, drehten sich fast sofort einige Köpfe zu mir um. Diejenigen die mich erkannten, steckten sofort die Köpfe zusammen. So auch zwei Stadtbekannte Klatschbasen.


    „Bei Iunos schlafen Titten! Ich hab es nur für ein Gerücht gehalten, aber Helvetia Phoebe ist tatsächlich wieder in der Stadt!“ entfuhr es der einen halblaut. Sie klang fast ein wenig schockiert. Ich warf ihr einen fast kecken Blick zu.

    Seine Begeisterung schien keine Grenzen zu kennen, als ich mich ihm vorstellte. Kein Wunder, entstammte ich doch einer mächtigen Familie. Die Helvetia hatten schließlich viele einflussreiche Senatoren hervorgebracht und hübsche Töchter. Zu letzteren zählte ich wohl eindeutig. Peinlich war ihm seine Rede nicht, dass jedenfalls behauptete er, in dem er sich dabei auch noch auf die Götter berief. Ich unterdrückte ein Seufzen. Da war ich an einen wahrhaft tugendhaften jungen Mann geraten. „Anscheinend nicht…“, erwiderte ich trocken auf seine Versicherung, dass ihm diese Szene nicht peinlich war. „Dennoch haben deine Worte diese Männer nur wenig beeindruckt“, fügte ich hinzu. Nach wie vor sah es danach aus, als würden einige der Seeleute sich liebend gern auf ihn stürzen und ihm eine Lektion erteilen wollen. „Mit einer Rede über Tugenden kannst du solche Männer nicht beeindrucken. Sie verstehen nur eine Sprache, nämlich die des körperlich stärkeren…“, sinnierte ich.


    „Ich hatte vor jemanden dafür zu bezahlen, mein Gepäck zu transportieren. Es gibt genügend Hafenarbeiter für solche Aufgaben.“ Wenn er unbedingt meine schweren Truhen schleppen wollte, dann würde ich ihn nicht aufhalten. Sparte ich ein paar Sesterzen und ich musste mich nicht weiteren lüsternen Blicken aussetzen. Als die Frage kam, wohin ich denn wollte, tauchte wie auf das Stichwort Khurram auf. Mit einem zufriedenem Grinsen auf den Zügen. „Domina, ich habe eine passende Unterkunft gefunden! Nicht weit von hier!“ berichtete er mir. Mit der Hand wedelte er eifrig umher um die Richtung anzudeuten, in der er einen Gasthof gefunden hatte, der meinen Ansprüchen genügte. Zufrieden nickte ich. „Der Wirt hat auch einen Sklaven mit Wagen mitgeschickt! Für das Gepäck“, fügte er hinzu. Mein Blick wanderte zu dem Sklaven, der sich gerade Mühsam mit einem Handkarren den Weg durch die gaffende Menge bahnte. Es war ein kräftiger Bursche, mit mehr Muskeln wie Verstand.
    Nachdem Siha mir versichert hatte, dass mein Gepäck vollständig war und nichts fehlte, wurde meine Truhe auf den Karren gehievt. Dabei entging mir nicht, welche Blicke der Sklave des Iuliers meiner Sklavin zuwarf.


    „Es ist ein griechischer Namen. Eine Kurzform für Persephone“, erklärte ich ihm bereitwillig. „Du kennst die Geschichte von Persephones Raub?“

    Der Jüngling, welcher sich dann großspurig als Iulius Dives vorstellte, war ein Heißsporn. Die Pöbeleien des Seemannes wollte er nicht einfach hinnehmen. Das war dumm. Selbst als er sich aufplusterte, wirkte er im Vergleich zu den Seeleuten ziemlich schmächtig. Anstatt einfach die Beleidigungen zu ignorieren, ließ er sich provozieren. Was folgte war eine lange Rede über Stolz und Ehre. Im Grunde nur hohles Gewäsch, mit dem er versuchte Eindruck zu schinden. Wenn der wüsste, dass ich mit meiner Familie gebrochen hatte um die Mätresse eines Mannes zu werden, dann würde er mich wohl nicht ganz so glühend verteidigen.
    Es war mir unangenehm, als er plötzlich die Aufmerksamkeit der Menge auf mich lenkte. Ungewaschen wie ich war, hatte ich eigentlich nur still und heimlich ankommen wollen. Mein Haar war zerzaust, mein Kleid ruiniert und ich war plötzlich der Mittelpunkt, einer Rede über die Tugenden Roms. Aber nun dürfte wohl schon bald ganz Ostia wissen, dass ich angekommen war. Ich warf Siha einen genervten Blick zu.
    Wie gut, dass ich den Kapitän auf meine Weise in die Schranken wies. Die Drohung mit dem Hafenverwalter zeigte mehr Erfolg, als diese lange Rede, eines eitlen Gockels, der Eindruck bei mir schinden wollte. Denn ansonsten hätten wohl die Seeleute sich auf den Iulier gestürzt und ihm gezeigt, was sie von seinen Worten hielten. Kaum, dass ich Frieden gestiftet hatte, wurde ich mit Schmeicheleien überschüttet. Er brauchte ganz schön viele Worte, nur um meinen Namen zu erfahren.


    „Ich bin Helvetia Phoebe“, stellte ich mich schlicht vor. „Peinlich war es für mich nicht…“, deutete ich an. Ein mehrdeutiges Lächeln zierte mein Gesicht und täuschte darüber hinweg, dass ich mich gerade ein wenig lustig über ihn machte. Er hatte sich zum Narren gemacht. „Vielen Dank für Deine Hilfe, Iulius“, fügte ich noch hinzu.
    Krachend stellte man die erste von drei schweren Truhen auf dem Pier ab. Ich konnte sehen, wie es in dem Kapitän brodelte, am liebsten hätte er dem Iulier den Hals umgedreht, aber meine Drohung zum Hafenverwalter zu marschieren, hielt ihn zurück. Wenig später stapelten sich dann drei schwere Truhen auf dem Pier. Alles was ich besaß befand sich dort drinnen. „Sieh nach, ob alles da ist“, befahl ich Siha.
    Nicht das ein teures Schmuckstück oder ein Seidenkleid abhanden gekommen war. Oder die Schatulle mit meinem Geld, welche sich ganz unten in eine der drei Truhen befand.
    Ich war ein kleines bisschen ruppig zu ihr. Aber das war sie gewohnt. Wenn ich schlechte Laune hatte, genervt war oder sonst irgendeine Laune, dann wurde ich zickig.