Vicus

Aus Theoria Romana
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Der Begriff vicus bedeutet eigentlich "Straßenzeile" oder "Quartier" und damit einen Teil einer größeren geschlossenen Ansiedlung. Er wird jedoch vor allem für ländliche Siedlungsformen ganz verschiedener Art genutzt und ist damit ein Unterbegriff der allgemeinen Bezeichnung oppidum. Grundsätzliches Kennzeichen dieser Orte ist, dass sie im Gegensatz zu Gehöften (villae rusticae) nicht hauptsächlich der landwirtschaftlichen Produktion dienen, sofern man von Obstanbau, Gartenbau und Kleinviehhaltung absieht. Stattdessen nahmen sie für das Umland eine Zentralortfunktion im administrativen, wirtschaftlichen, sozialen oder religiösen Bereich ein.

Stellung des vicus[Bearbeiten]

Vici konnten in ihrem Umfang stadtähnliche Ausmaße erreichen, besaßen aber kein "Stadtrecht" im engeren Sinne und unterstanden in den meisten Fällen einer ranghöheren Stadt. Nur in Ausnahmefällen in rein peregrinen civitates konnte ein vicus dessen Hauptort bilden und damit über eine gewisse Eigenständigkeit verfügen. Normalerweise galten vici als Vororte des Hauptorts einer civitas mit beschränkten administrativen Rechten. Wichtigere Dinge wurden im Ordo Decurionum der civitas zur Sprache gebracht. Die Bürger eines vicus (vicani) wählten jährlich zwei Vertreter (magister vici), die die Belange des vicus in eben jenem Ordo vertraten und im vicus selbst niedere administrative Aufgaben wahrnahmen, die nicht über die Grenzen des vicus hinausgingen.

Art und Größe eines vicus[Bearbeiten]

Vici konnten aus verschiedenen Gründen an allen erdenklichen geografischen Orten entstehen:

  • Kastellvici (lat. canabae) bildeten sich vor den Toren eines Militärlagers, lebten vom Handel mit den Soldaten und waren dem Lager meist auch organisatorisch unterstellt.
  • Marktvici (lat. fora) entstanden als Handelsplätze für die umliegenden Gehöfte an wichtigen Straßen, Flußübergängen und Straßenkreuzungen.
  • Produktionsorientierte Vici entwickelten sich in der Nähe von Rohstoffvorkommen und kümmerten sich dort um den Abbau und die Weiterverarbeitung. Typisch sind reine Töpfersiedlungen oder Siedlungen in der Nähe von Erzvorkommen. Auch Orte an Mineral- und Thermalquellen sind als Kurorte in diese Gruppe zu rechnen.
  • Pilgervici beherbergten bedeutende Heiligtümer und lebten von der Verköstigung der Pilger und dem Verkauf von Opfergaben.

Der bauliche Umfang eines vicus hing alleine von den Bedürfnissen der Einwohner und der wirtschaftlichen Lage der Siedlung ab. Die Variationen reichen von einem einfachen Straßendorf bis hin zu Siedlungen mit Stadtmauern. Als Bauwerke konnten Foren, Theater, Tempel und Thermen vorkommen, vereinzelt sogar Versammlungsgebäude für die Selbstverwaltung der Siedlung. Ebenfalls sehr vereinzelt konnten vici auch über hölzerne Amphitheater verfügen. Im Unterschied zu Städten war die Wohnbebauung jedoch nicht in insulae (Wohnblocks) organisiert, sondern das sogenannte "Streifenhaus" war das prägende Element. Diese meist zweigeschossigen Gebäude lagen mit den Langseiten aneinander und öffneten sich mit der Schmalseite mit Läden und Tavernen zur Straße.

Literatur:
Th. Fischer (Hrsg.), Die römischen Provinzen, Stuttgart 2001, S. 56-58