[Cubiculum] Decima Valeria

  • Valeria merkte, dass jemand eintrat, aber nicht wer es war. Erst, als Livianus neben ihr kniete und sie berührte, erwachte sie aus ihrer Starre. Die Tränen waren getrocknet und das tote Kind hing mehr auf ihrem Schoß als dass sie es hielt. Sie hob langsam den Blick und sah Livianus ausdruckslos in seine blauen Augen. Dann seufzte sie leise und lehnte sich einfach an ihn, damit er sie festhalten konnte. Sie war am Ende ihrer Kräfte, dreckig, nass und mutlos.

  • Livianus nahm ihr vorsichtig das tote Kind aus der Hand und gab es an Fannia weiter. Mit einem Nicken gab er der Sklavin zu verstehen, dass sie sich darum kümmern sollte. Dann legte er sanft seinen Arm um Valerias Schultern und schob den anderen unter ihre Beine, um sie langsam aufzuheben. Sie sollte auf keinen Fall noch weiter hier in diesem Zimmer bleiben. Livianus hatte alle Mühe, seine Gefühle nun zu unterdrücken, als er ihren völlig blutverschmierten und verschwitzen Körper in den Armen hielt. Langsam trug er sie aus dem Zimmer und ging mit ihr Richtung Bad.

  • Die junge Sklavin nahm das Kind an sich, als es ihr Livianus reichte. Sie ging zum Bett hinüber und legte den leblosen kleinen Körper so auf ihre Hand, dass sie ihn in der Wasserschale baden konnte.


    Den Leichnam des Jungen gesäubert, legte sie diesen auf ein sauberes Tuch und wickelte ihn sorgsam ein. Livianus würde sich dann sicher um die Bestattung und alles weitere kümmern.


    Um das Zimmer zu reinigen, holte sie Putzsachen und noch eine weitere Sklavin zur Hilfe, die mit ihr den Boden schrubben würde.


    Als sie fertig waren, begab sie sich nun zu den Sklavenunterkünften um nach ihrem eigenen Sohn zu sehen und vielleicht mit Cicero zu sprechen, wenn er da war.

  • Valeria befand sich auf Livianus' Armen, als sie so das Zimmer wieder betraten. Sie sah sich um. Alles war inzwischen gesäubert worden. Sogar Blumen standen auf dem Nachttisch. Valeria schluckte. Nichts deutete mehr darauf hin, dass in diesem Cubiculum ihr Sohn gestorben war. Sie schloss die Augen wieder und hielt sich an Livianus fest, seufzte leise.
    "Ich denke, ich werde mich umziehen und versuchen, noch etwas zu schlafen", sagte sie.
    "Ich bin froh, dass du da bist, Livianus."

  • Livianus drückte sie noch einmal fest an sich und ließ ihre Füsse dann langsam zu Boden sinken.


    "Ja! Versuch noch etwas zu schlafen. Wenn du mich brauchst, dann kannst du jederzeit zu mir kommen oder nach mir rufen.“


    Er sah sie mit einem aufmunterndem Blick an.

  • Valeria nickte dankbar und wartete, bis Livianus das Cubiculum verließ. Dann ließ sie die Fassade fallen. Ihre Mundwinkel ruckten nach unten und der Blick wurde wieder melancholisch. Sie ließ das Tuch nach unten gleiten und stand einen Moment vollkommen nackt mitten im Raum. Vorsichtig legte sie eine Hand auf den nun wieder flachen Bauch, an dem irgendwie zu viel Haut war. Sie seufzte tief und zwang sich, die Hand fort zu nehmen und zum Schrank zu gehen. Statt einer Tunika nahm sie ein Nachtgewand und zog es über. Der dunkelblaue Stoff mit den Silbernen Stickereien war schön, aber Valeria hatte kein Auge für die Schönheit des Stoffes. Langsam und zittrig ging sie zum Bett und ließ sich darauf nieder. Sie hatte einen dicken Kloß im Hals und wieder war ihr nach weinen zumute, doch sie hatte einfach keine Tränen mehr übrig. So legte sie sich langsam nieder und starrte die Wand an. Und irgendwann war sie schließlich doch eingeschlafen.



    *********************************************


    Die Nebelschwaden lichteten sich und gaben Maximian frei. Vorwurfsvoll sah er sie an, hob die Hand und zeigte mit dem Zeigefinger auf sie. "Du hast meinen Sohn getötet", sagte er kalt. Plötzlich war da ein Gladius in seiner anderen Hand. Hinter Maximian standen Meridius und Severa. Es war kein Mitleid in ihren Augen zu lesen. Valeria wich zurück, doch die anderen folgten ihr. Klageweiber schienen den getrogenen Vater anzufeuern. Laute Rufe waren zu vernehmen. Und plötzlich stand Valeria mit dem Rücken an einer Wand. Sie sah Livianus herbeistürmen, aber er würde zu langsam sein. Valeria flehte nicht. Sie erwartete den Tod, Maximian hatte ja recht. Sie hatte ihren Sohn umgebracht...wie auch immer. Maximian holte mit dem Gladius aus und...


    **********************************************


    Valeria erwachte mit einem Ruck und sah sich heftig atmend um. Es war dunkel, draußen rief ein Käuzchen. Sie schüttelte benommen den Kopf und schwang die Beine aus dem Bett. Würde er das wirklich tun? Valerias Herz pochte wie wild. Würde er sie töten? Sie tapste zur Tür, schob sie auf und trat in den Flur. Livianus. Da wollte sie hin.

  • Valeria betrat ihr Cubiculum. Obwohl nichts mehr auf die Totgeburt hindeutete, war es ihr doch so, als sei das erst vor wenigen Minuten passiert. Sie hatte einen Kloß im Hals und bekam ihn selbst durch schlucken nicht fort. So schloss sie kurz die Augen und atmete tief durch. Schließlich ging sie zum Schrank und suchte sich eine Tunika, die in einem dunklen Rot gehalten und mit einem fein ziselierten, silbernen Garn in Blätterform bestickt war. Sie legte sich eine passende Palla um und kämmte ihr Haar. Fannia half ihr, es hochzustecken und sich zu schminken, dann wartete Valeria auf Marcus, der sie abholen wollte.

  • Sogleich erhob sich Valeria und griff inm Vorbeigehen nach einem hellen Umhang, der zu ihrer Tunika passte.
    "Ja", sagte sie und zog die Tür vollends auf, um zu Marcus herauszutreten. An ihren Ohren baumelten längliche Ohrringe und das Haar hatte Fannia kunstvoll hochgesteckt.

  • Nur mit einem Handtuch bekleifet kam Valeria in ihr Zimmer. Als die Tür geschlossen war, ließ sie das Handtuch zu Boden gleiten und öffnete den Schrank. Was sollte sie nur anziehen? Das war die erste Nacht, die sie als seine Geliebte bei Livianus verbringen würde... Sie schluckte und ließ das Geschehen im Bad noch einmal Revue passieren. Valeria hatte Livianus offenbart, dass sie keine Decima war..sie hatten sich geliebt... Maximian schien aus ihrem Gedächtnis verbannt. Sie dachte nicht mehr an ihn. Er hatte sie vernachlässigt und nicht gut behandelt, da war es kein Wunder.


    Schließlich seufzte sie und zog ein dunkelblaues Nachtgewand aus dem Schrank, mit langen Trompetenärmeln. Unter der Brust war es gerafft und eine kleine goldene Kordel legte sich um die Hüfte und betonte die Taille. Valeria strich lächelnd über den Stoff. Lange hatte sie das Kleidungsstück nicht mehr getragen....nun würde sie es wieder anziehen. Sie nahm die Tunika und ging zu der kleinen Frisierkommode, um sich die Haare hochzustecken. Einige Haarsträhnen wollten nicht festgesteckt bleiben und kringelten sich locker herunter. Valeria zog die Tunika über und nahm etwas Duftöl; dann betrachtete sie sich kurz um Spiegel und nickte sich zu.


    "Hoffentlich tust du da das richtig, Valeria", sagte sie zu sich selbst. Dann verließ sie das Cubiculum und ging in Richtung des Zimmers von Livianus.

  • Valeria saß gerade mit angezogenen Beinen in einem Korbsessel und las etwas über germanische Götter. Allerdings blieb es eher bei einem Versuch, denn sie konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder schweiften die Gedanken ab und glitten zu Livianus. Da war das Klopfen, das plötzlich die Stille zerriss, auch nicht weiter schlimm. Sie ließ das Papyrus sinken und sah zur Tür.


    "Ja?" rief sie.

  • Cicero öffnete vorsichtig dir Türe und steckte seinen Kopf herein.


    "Verzeiht Herrin, aber der Herr meinte ich solle euch holen und zu ihm führen."

  • Valeria runzelte überrascht die Stirn.


    "Marcus?" fragte sie überrascht. Kurz fragte sie sich, ob Cicero wohl auch schon mitbekommen hatte, was zwischen den beiden war. Valeria gab sich keine Mühe, es zu verbergen, doch konnten Livianus und sie sich doch meist erst abends sehen, da er tagsüber im Castellum bereit sein musste und sie selbst im Tempel gebraucht wurde.


    Valeria legte die Schriftrolle fort und stand auf. Kurz sah sie zu Cicero.
    "Wo ist er denn?"

  • "Wenn du mir folgen würdest Herrin. Ich führe dich zu ihm. Du solltest dir aber vielleicht etwas mehr anlegen. Wir gehen nach draußen."

  • Eine Sklavin hatte Valeria die Post gebracht, die sie erstaunt gelesen hatte.



    Decima Valeria
    Castellum der Legio IX
    Colonia Claudia Ara Agrippinensium
    Germania


    Eilbrief



    Salve Decima,


    ich schreibe dir in meiner Funktion als magistratus der Stadt Mantua mit einem Anliegen, deinen Betrieb emblemae decima betreffend.
    Mantua plant, einen Park mit Grünflächen und Plätzen für Gesellschaftsspiele anzulegen, Hier würde dein Mosaikenleger ins Spiel kommen, denn es sollen nicht nur Gärten, Wiesen und Wege angelegt werden, sie sollen auch verschönert werden mit Mosaiken, in die teilweise auch Spielbretter für Gesellschaftsspiele eingelassen werden sollen. Mantuas Park soll ein Hort der Ruhe, Entspannung und Erholung werden. Man trug mir die Information zu, dass du den geeigneten Betrieb hierfür an der Hand hättest. Alles weitere könnte man besprechen, wenn du mir für rund zehn gelegte Mosaike zusagen würdest.


    In Erwartung einer positiven Antwort verbleibe ich.
    Vale bene.


    Marcus Aurelius Corvinus
    http://www.imperiumromanum.net…gs/itcman-magistratus.png



    Das war ein unverhoffter Auftrag. Sie nahm sich Pergament, Feder und Tinte und begann, eine Antwort zu verfassen.



    Marcus Aurelius Corvinus
    Curia Mantua
    Mantua, ITALIA



    EILBRIEF



    Sei gegrüßt, Aurelius Corvinus!


    Deine Anfrage hat mich sehr gefreut. Bezüglich deines Wunsches kann ich dir eine klare Zusage erteilen. Bitte nenne mir doch den Termin, zu dem die Mosaike fertig gelegt sein sollen und jenen, an dem wir anfangen können mit der Arbeit. Mit dem Preis werden wir uns schon einig. Ich denke, ich kann dir und Mantua hier ein Stück weit entgegenkommen. Hast du bestimmte Motive im Sinn oder liegt es in unserem Ermessen, wie der Park zu verschönern ist?


    Im Voraus bedanke ich mich für dein Vertrauen. Mögen die Götter mit dir sein.


    Decima Valeria


    Sie siegelte das Schreiben und gab es einer Sklavin, die ihn zusammen mit 20 Sz zum Postofficium bringen sollte.

  • Valeria hatte drei Tage gebraucht, bis sie wieder in Colonia war, zurück in der ihr inzwischen vertrauten Umgebung. Während dieser Zeit hatte sie kaum etwas gegessen; einfach, weil sie keinen Hunger gehabt hatte und ihre Gedanken sie viel zu sehr beschäftigt hatten. Der Ring, den Maximian ihr zurückgegeben hatte, hatte seinen Platz in einem kleinen Lederbeutel gefunden, doch sie hatte ihn die meiste Zeit während der Reise in der Hand getragen, während sie in der Sänfte gesessen hatte, die sie beständig nach Colonia getragen hatte.


    Nun aber saß Valeria vor ihrer Kommode, gegenüber des Spiegels und sah auf den schlichten, runden Ring herunter. Auf der Heimreise hatte sich ein Gedanke in ihr gefestigt, der zu einem unumstößlichen Vorhaben geworden war. Es war ihr gleich, was manche denken mochten, wenn sie das tat, was sich in ihrem Kopf manifestiert hatte. Sollten sie doch denken was sie wollten!


    Schnell war das Lederband gekürzt, dass ebenso schlicht wie der schmale Silberring war, der vor ihr lag. Und ebenso schnell war es durch die Mitte des runden Dinges gezogen, nachdem Valeria den Ring behutsam aufgenommen und ihn wie einen kostbaren Schatz betrachtet hatte, vorsichtig mit den Fingerkuppen darüberstreichend. Das schäbige Schmuckstück erinnerte sie an so vieles, doch vor allem an Maximian, der ihr immer noch viel bedeutete, wenn nicht sogar mehr als Livianus, wenngleich inzwischen auf eine andere Art.


    "Ich werde ihn dir zurückgeben, Lucius. Bevor ich heirate wirst du diesen Ring zurückbekommen. Und wenn es viele Jahre warten muss, bis du ihn freiwillig annimmst und mir verziehen hast", gelobte sie flüsternd.
    Dann legte sie sich den Ring um den Hals, verknotete das schmale Lederband und ließ die Hände sinken. Ernst sah sie ihr Spiegelbild an.


    "Ich schwöre es, bei Iuppiter."

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!