[Cubiculum] Gästezimmer

  • Ich tat also, was ich versprochen hatte: ich richtete Lucillas Zimmer her. Die Betten schüttelte ich auf,wischte hier ein Stäubchen fort und ersetzte dort die leere Obstschale gegen eine gut gefüllte. Ich füllte Wein und Wasser in zwei bereitstehende Kannen und stellte zu guter Letzt noch frische Blumen auf den kleinen Tisch beim Fenster. Schließlich nickte ich und wollte das Cubiculum gerade verlassen, als ich beinahe mit der Herrin zusammengestoßen wäre. Scheinbar hatte ich doch länger gebraucht als nötig.
    "Verzeihung", murmelte ich und wollte schon zur Seite und hinaus gehen.

  • "Macht nichts," antwortet Lucilla unwillkürlich lächelnd. "Oh." Sie schaut sich erfreut in dem Raum um. "Das ist hier wirklich gar nicht so schlimm, wie ich es erwartet habe. Mitten in einem Haufen von Soldaten vermutet man so eine ganz normale Casa gar nicht."


    Allzu deutlich würde sie es zwar nicht sagen, immerhin ist sie die Schwester eines Soldaten seit sie denken kann, aber ihre Vorstellungen von den Behausungen ihres Bruders und ihrere Cousins waren immer ziemlich anders gewesen als diese Casa - kleiner, dunkler, dreckiger und ungemütlich. Tatsächlich hat sie es in ihrem gesamten Leben bisher auch nicht geschafft, irgendwen in einem Legionslager zu besuchen, oder besser gesagt, hatte sie es bisher immer strikt abgelehnt. Doch was soll sie schon tun, wenn die Männer überhaupt nicht mehr nach Hause kommen und auch noch anfangen, die übrige Familie um sich in den Lagern zu sammeln? Wieder einmal ist sie froh, sich dieses Schicksal mit Avarus erspart zu haben.


    "Wie ist das so, hier zu leben?" fragt sie Marius, denn er erscheint ihr in Hinsicht auf die Legion vorerst neutral. Sie lässt sich auf das Bett fallen und seufzt zufrieden. Die Reise war doch anstrengend gewesen und nach den kurzen letzten Nächten in den Mansiones würde sie am nächsten Morgen sicherlich ersteinmal ausschlafen.

  • Als Lucilla durch den Raum blickte und schließlich erfreut lächelte, rang auch ich mir ein Lächeln ab. Immerhin sollte eine Dame nicht mit den unwichtigen Problemen eines Sklaven belästigt werden, also vermied ich dementsprechende Blicke und Gesten. Doch der Ausdruck der Augen trog einen Menschen nicht, niemals.


    "Ja, es ist, hm, recht nett. In Germanien war es zwar schöner, aber da hat schließlich auch eine Frau die Hand im Spiel gehabt", gab ich Auskunft und lächelte schief. Mit auf dem Rücken verschränkten Armen sah ich ihr dabei zu, wie sie sich auf das Bett fallen ließ. Wie ein kleiner Junge, der etwas ausgefressen hatte, scharrte ich unbewusst mit dem Fuß auf dem Boden und fragte schließlich hastig und um einen Vorwand zu finden, schnellstmöglich zu flüchten:


    "Kann ich dir...hmm....vielleicht noch etwas bringen? Hast du Hunger? Möchtest du ein weiteres Kissen oder...?"

  • Ruckartig setzt sich Lucilla auf und es ist aus mit der Gemütlichkeit. "Frau?"


    Sie durchbohrt Marius förmlich mit ihrem Blick und kneift die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. "Was für eine Frau hatte wobei ihre Finger im Spiel? Setzt dich!" Sie weist auf einen der Stühle, die um den kleinen Tisch herum stehen. "Erzähl es mir. Und erzähl mir keine Lügen, ich merke das!"


    Augenblicklich ist Lucillas Neugier angefacht und nichts würde sie wieder zur Ruhe bringen, außer, dass sie weiß, wovon der Sklave da redet. Schlimm genug, dass die Verwandtschaft so weit weg ist, dass man nichts mehr mitbekommt, aber dass sie dazu auch alle noch so schreibfaul sind und Lucilla nicht mitbekommt, wenn ihre Lieblingscousins von irgendwelchen Frauen umgarnt werden, das gefällt ihr überhaupt nicht.

  • Na toll. Da hatte ich wieder was ausgeplaudert, was die Dame wohl noch nicht wusste. Ob Livianus mir sauer sein würde, wenn ich es Lucilla erzählte? Ich überlegte kurz. Nein, wohl nicht. Immerhin hatte Lucilla es befohlen - und ein Sklave konnte ich mich schlecht widersetzen. Leider hatte ich mir durch meine unbedachten Worte auch die Möglichkeit der Flucht verbaut.


    Resigniert seufzend folgte ich also der Anweisung und setzte mich. Irgendwie kam ich mir vor wie der Germane damals. Wie hieß er doch gleich? Lokus oder so. Oder Loki. Wie beim Verhör eben.


    "Herrin, es verwundert mich, dass du sie nicht kennst. Sie hat schulterlange blonde Haare und war schwanger, als sie zu uns kam. Sie ist Priesterin und hat eine Weile im Castellum gewohnt. Valeria heißt sie."


    Hehe, immerhin hatte ich nicht gelogen....

  • Eben noch von Neugier fast in Brand gesetzt, kühlt sich Lucillas erwartungsvolles Gemüt augenblicklich ab. "Ach von Valeria redest du." Es klingt ziemlich enttäuscht. "Was hat sie denn im Castellum gemacht? Wollte sie nicht nach ... " Gute Frage, irgendwo nach Germania, warum also nicht nach Colonia Claudia? "... ah so. Mhm. Ich dachte, sie wollte zu Maximian."


    Sie mustert Marius. "Aber so eine andere Frau gab es nicht? Du weißt schon, eine die Livianus umworben hat oder umgekehrt. Naja, das wäre wohl auch ein wenig zu früh, nicht wahr? Aemilia ist ja immerhin noch nicht sehr lange fort." Fort, das klingt so, als würde sie irgendwann wieder kommen. Lucilla seufzt, das muss eine schwere, traurige Zeit für Livianus gewesen sein, so ganz alleine dort oben im düsteren Germanien. Es ist wirklich gut, dass er nun wieder in Italia ist.

  • Hm. War wohl nichts. Lucilla war aber auch ein harter Brocken? Warum fragte sie ihren Cousin nicht selbst? Ob sie wohl sauer wäre, wenn ich nun nicht weiter sprach? Ich setzte eine nachdenkliche Miene auf. Und dann war da dieser Name. Maximian. War das nicht der Sohn von Meridius? Ich glaubte schon. Hmmm.


    "Also, Herrin, von einer anderen Frau weiß ich nichts", sagte ich entschieden, fuhr aber vorsichtiger fort.
    "Aber ich glaube, das wär auch gar nicht nötig gewesen. Nach dem Tod der Herrin Aemilia hat der Herr sich eigentlich recht schnell wieder gefangen...."

  • Lucilla lächelt zufrieden. "Dann ist es ja gut." Nichts ist wichtiger, als sich nach so einem Ereignis zu fangen. Lucilla hat schon viele Tode erlebt und alle waren furchtbar gewesen. Dennoch stellt sie es sich noch viel schlimmer vor, einen Menschen zu verlieren, mit welchem man in so einer innigen Beziehung steht, wie dies bei Livianus und Aemilia der Fall gewesen ist.


    Dann, ganz langsam tröpfeln die Worte des Sklaven in Lucillas Hirn ein, wo der genaue Wortlaut verarbeitet wird. "Moment. Was meinst du damit, dass es nicht nötig gewesen wäre? Er hat doch keine Dummheiten angestellt, oder Marius? " Bei ihren Verwandten kann man da nie sicher sein. Sie kennt ja selbst das hispanische Temperament, das schnell mal mit einem durchgeht und als Legatus Legionis hat man sicher die größte Auswahl bei den Möglichkeiten, wie man sich abreagieren kann.

  • Ich hatte schon erleichtert aufgeatmet und mich bereit gemacht, fluchtartig das Zimmer zu verlassen, als Lucilla noch einmal nachfragte. Mit Mühe und Not konnte ich einen Seufzer unterdrücken, schlug nur die Augen nieder und sah die Herrin dann gequält an. Woher sollte ich denn wissen, ob ich einfach so aus dem Nähkästchen plaudern durfte? Und was mich am meisten wurmte: Warum verdammt hieß die Decima auch Decima?! War das nicht Blutschande? Aber ich schwieg nur und drukste herum.


    "Tja äääh...hmm...öhm....ich glaube, Herrin, das fragst du den Herrn lieber selbst. Ich weiß nicht genau, wie viel ich erzählen darf und..." ...ich will nicht schon wieder als Trottel des Castellums herumlaufen, der ich eh schon bin. Ich seufzte und sah Lucilla bedröppelt an.

  • Diesen Tonfall kennt Lucilla viel zu genau und auch das dazu passende Gesicht. Denn obwohl sie sich selten im Spiegel sieht, wenn sie so ein Gesicht zieht, irgendwie so muss es aussehen, wenn man ein schlechtes Gewissen hat. Irgendetwas hat Livianus ausgefressen, da ist sie sich nun ganz sicher. Wer könnte es ihm schon verdenken, bei allem, was er durchgemacht hat?


    "Marius, du sagst mir jetzt, was vorgefallen ist. Wenn Livianus nicht damit klar kommt, dann muss ich das wissen." Ihr Tonfall wird ein wenig weicher. " Weißt du, Livianus und seine Brüder sind zwar meine Cousins, aber sie waren für mich immer wie Brüder und sind es heute noch. Sie haben doch sonst keine Schwester, die auf sie aufpasst ..."

  • Ich gab mir wirklich alle Mühe, unbeschwert und locker zu wirken, aber nein, Lucilla fiel es natürlich auf. Tja, sie war eben eine Frau. Und welcher Mann konnte einer gescheiten Frau schon etwas vormachen? Ich atmete tief durch und versuchte mir vorzustellen, dass der Herr mir dafür nicht den Kopf abreißen würde, auch wenn es sehr wahrscheinlich war, dass er es aller Vorstellungskraft zum Trotze eben doch tat. Unsicher rutschte ich auf dem Stuhl herum und kratzte mich schließlich kurz am Kinn, um das Geständnis etwas herauszuzögern. Schließlich sah ich überall dorthin, wo Lucilla nicht saß, und begann zu reden.


    "Tja ähm...ööh...alsooo...."
    Ich riskierte einen kurzen Blick in Lucillas erwartungsvolles Gesicht und sah gleich wieder weg.
    "Also, es scheint so, als ob er,....mit den gegenwärtigen Beziehungen...ähm.....recht zufrieden wäre.... Also, was sich da... ergeben hat, wenn zwei gleichgesinnte, hm, Seelen...aufeinandertreffen und ähm...öh..."


    Ich sah Lucillas Blick und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich besser alles erzählte. Hinterher tat sie sonstwas...
    "Naja, der Herr und Valeria sind, hm, nicht nur Freunde."
    Ich schob schnell hinter her: "Glaub ich!"

  • Lucilla versteht erst überhaupt nichts von dem was Marius da zusammenfaselt und will schon quengelnd nachhaken, als er doch noch mit seinem Schlusssatz herausrückt. Lucillas Augen weiten sich, dann klappt ihr Mund auf und sie starrt den Sklaven irritiert an. Sie schließt den Mund, öffnet ihn wieder um etwas zu sagen, schließt ihn jedoch erneut unverrichteter Dinge.


    Dann schüttelt sie leicht den Kopf. "Geh jetzt. Kein Wort mehr davon." Ihre Stimme schneidet durch die Luft wie ein scharfes Gladius und lässt keinen Zweifel daran, dass sie keinen Widerspruch duldet.


    Das wäre ja ungeheuerlich. Oder nicht? Was ist mit ... und überhaupt? Hatte nicht Valeria ...? Und wieso tat Livianus ...? War Aemilia nicht ...? Was dachten sich die beiden, wenn ...? Wo hatte Maximian ...? Nicht fähig, einen einzigen Gedanken zuende zu denken, lässt sich Lucilla schwer wie ein mit Wasser vollgesogenes Leinentuch zurück auf das Bett fallen und starrt die Decke an. Wenn das wahr ist, dann ... Was dann? Sicherlich hat der Sklave gelogen, er ist nur ein Sklave. Sicherlich ... oder nicht?

  • Ich zuckte zusammen wie unter einem Schlag, als Lucillas scharfe Stimme so urplötzlich wie ein Peitschenhieb erklang, nachdem sie zuerst wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft gejapst hatte. Ich wusste, ich hätte es nicht sagen sollen. Hätte ich es nur nicht gesagt! Augenblicklich erhob ich mich und deutete eine knappe Verbeugung an.


    "Verzeihung, Herrin!" sagte ich rasch, ehe ich beinahe fluchtartig das Zimmer verließ und Lucilla mit ihren Gedanken allein ließ. Ich war zu nichts zu gebrauchen. Das wurde mir langsam immer klarer. Mit nich gerade guten Gedanken über meine Zukunft zog ich mich in die Culina zurück.

  • Nachdem die Tür sich hinter Marius geschlossen hat, rollt sich Lucilla auf den Bauch und starrt grimmig das Bettende an. Was soll sie nun davon halten? Eigentlich hat sie sich Sorgen gemacht, dass Livianus nicht über Aemilias Tod hinwegkommen kann und das womöglich an irgendetwas anderem auslässt, was ihm früher oder später noch ernsthafte Schwierigkeiten bereiten könnte. Aber wie passt Valeria da rein? Hatte sie nicht selbst erzählt, dass sie Maximians Liebe und dessen Kind unter dem Herzen trug? Selbst wenn das Kind ... Lucilla mag den Gedanken gar nicht zuende denken, aber selbst dann ... was ist mit Maximian?


    Was bedeutet das überhaupt, Livianus und Valeria sind nicht nur Freunde? Natürlich sind sie nicht nur Freunde, sie sind Verwandte! Nicht wirklich, aber doch irgendwie. Ein ungeheuerlicher Gedanke kommt Lucilla, doch er ist so ungeheuerlich, dass sie ihn nicht laut denken mag. Sie schüttelt vehement den Kopf und lässt ihn schwer auf das Kissen sinken. "Nein." beruhigt sie sich selbst leise. "Das kann gar nicht stimmen." Sie rollt sich erneut auf dem Bett herum und starrt die Decke an. Der Gedanke ist so ungeheuerlich, dass er wie ein Ungeheuer hinter jedem anderen Gedanken lauert und immer wieder seine bösartigen Augen hervorstreckt, die Lucilla einfach nicht ingorieren kann.


    Sie steht auf und holt ihre Bürste aus einer der kleinen Reisekisten hervor. Mühsam öffnet sie ihre gesteckte Frisur und fragt sich, wo Ambrosius schon wieder abgeblieben ist. Ihr langes, schwarzes Haar fällt sanft über ihre Schultern und sie beginnt damit, es Strähne für Strähne zu bürsten. Warum hatte sie auch nachfragen müssen, warum war sie nur mit dieser elenden Tücke der Neugier geschlagen? Schlimmer noch, warum würde sie es nicht mehr vergessen können und wie sollte sie Livianus danach fragen? Fragen über Fragen und mit jedem Haar scheinen es nur mehr zu werden.

  • Zitat

    Original von Decima Lucilla
    Mühsam öffnet sie ihre gesteckte Frisur und fragt sich, wo Ambrosius schon wieder abgeblieben ist.


    Wo ich abgeblieben bin? Zuerst muss ich mir sagen lassen, dass ich fett sei und dann... äh ja, ich musste durch das Castellum spazieren. Hrhr, durchtrainierte Männer und einige waren sogar recht hübsch. :D Also mir kann keiner erzählen, dass sich da niemand die Nächte innerhalb der Legion versüßt. 8)
    [SIZE=7]"Wai Äm Si E" *sing* :D[/SIZE]


    Und sonst darf ich ja wieder die Truhen schleppen. Boah ey, echt, wer da keinen Schmalz kriegt in die Oberarme, bei dem ist echt alles verloren. Aber es nützt nichts, ich werd ja bezahlt dafür. Oh, nein, auch nicht. Sfz.


    "Herrin? Ich bringe die Truhen." Zumindest eine. Naja, schaut zumindest recht nett aus hier, ich bin selbstverständlich schon besseres gewohnt. Auf den Tisch zum Beispiel gehört unbedingt eine rote Tischdecke. "Wie lange bleiben wir hier?"

  • "Was?" Lucilla schaut verwirrt auf, sie hat Ambrosius gar nicht reinkommen gehört, so sehr war sie in Gedanken, worüber sie auch ganz vergessen hatte, ihr Haar weiter zu bürsten.


    "Ah, du bist es, Brosi. Gut, dass du da bist. Lass die Truhe einfach da stehen, irgendwer anders kann sie wegräumen." Ihr Blick geht über ihren Sklaven und sie überlegt sich, warum nicht alle Sklaven so sein können, wie Ambrosius. So unkompliziert und pflegeleicht, mit sich und der Welt zufrieden, niemals am jammern, immer genau wissend, was sie tun sollen und was ihren Besitzern gut tut.


    "Hilfst du mir bei den Haaren? Ich glaube, da hinten ist irgendwo ein Knoten drin." Sie winkt ihm mit der Bürste. "Wir werden nicht sehr lange bleiben. Livianus hat mir erzählt, dass Magnus heiratet, an den Iden des Oktober schon. Da wir noch einige Tage Reisezeit einberechnen müssen werden wir schon bald wieder aufbrechen. Daher müssen wir auch Morgen auf den Markt gehen und Stoff für ein neues Kleid kaufen. Ich hoffe nur, es gibt hier fähige Schneider." Ihre Stimme klingt lange nicht so begeistert wie sonst, wenn es ums Einkaufen geht. Diese Sache mit Livianus und Valeria geht ihr einfach nicht aus dem Kopf.

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