Atrium | Furianus, Myrtilus

  • Acanthus, der Ianitor der Villa Flavia führte den greisen Mann in das reich geschmückte Atrium der Villa Flavia. Seit die Herrin Leontia in das Haus eingezogen waren, fand sich bald jede Woche eine kleine, schmuckhafte Veränderung in den gemeinschaftlichen Räumen der Villa. Seerosen hatten Einzug ins Impluvium gehalten, eine völlig unnötige Zierde, wie Acanthus befand, vor allem, da sie den Sklaven nur unnötige Arbeit brachte, welche das Wasserbecken von den feinen grünen Pflanzenfetzen reinigen mussten, welche die Gewächse ab und an von sich ließen. Doch die Herrin war völlig entzückt über die zart rosafarbenen Blüten, ebenso wie jene Herren, welche überhaupt zur Wahrnehmung solch sublimer Feinheiten befähigt waren.


    "Bitte warte hier, Herr, ich werde sehen, ob der Herrn Furianus Zeit für dein Anliegen erübrigen kann." Acanthus schnippte einen jungen Sklaven herbei, welcher dem Claudier eilig einen Korbsessel heran rückte und ihm einen Becher Wasser anbot.

  • Während Claudius hinter dem ianitor her ging, sah er sich mit altersschwachen Augen im atrium um. Neben den verschiedensten Statuen und Büsten entdeckte er auch eine zartrosane nymphea im impluvium. Fasziniert und inspiriert von dieser nette Idee blieb er kurzzeitig vor dem Wasserbecken stehen und blickte die zwarte Pflanze an. Ob es die auch in Blau gab? Er gluckste fröhlich und gab sich einen Ruck, um nicht den Anschluss an den Sklaven zu verlieren, welcher ihn um das Wasserbecken herum und auf eine kleine Sitzecke zu führte. Er ließ sich den Sessel rücken und seufzte erleichtert, als er endlich wieder sitzen konnte.


    "Sehr gern", teilte er dem Sklaven mit, der ihm etwas zu trinken anbot. Myrtilus war durchaus froh darüber, diesem komischen Sklaven zu entkommen, denn er wirkte schlicht unheimlich auf den alten Mann. Während er nun so dasaß und an dem Becher Wasser nippte, lag das Hörrohr auf seinem Schoß. Er wartete er auf den Senator.

  • Der Senator ließ auch nicht lange auf sich warten und betrat mit offensichtlich geröteten Augen das Atrium. Die letzte Nacht war recht unangenehm gewesen und die Grillen schienen sich gegen ihn verschworen zu haben, zumindest kamen ihm diese sonderbaren Klänge die letzte Nacht nervtötend und zu laut vor.
    Als er des Gastes gewahr wurde, wurde die Überraschung größer. Einen Claudier zu erwarten, das war außergewöhnlich, doch dieser war dazu noch ein alter Greis, was die Sache nicht einfach machte.
    Doch er ging nichtsdestotrotz mit einem freundlichen Lächeln auf den Mann zu, denn schließlich musste er auch als Praetor unvoreingenommen sein und sollte über solchen Äußerlichkeiten stehen.


    "Salve, Claudius Myrtilus. Was verschafft mir die Ehre deines Besuches?"


    Er reichte ihm die Hand.

  • Der Becher war gerade einmal zur Hälfte geleert (verflixt, solches Treppensteigen machte aber auch durstig), da betrat ein - nanu? - verschlafen wirkender Flavius Furianus das atrium und kam auf Myrtilus zu. Dieser stellte rasch den Becher auf den Tisch und rappelte sich aus dem Sessel. Er mochte alt sein, aber das gebot die Höflichkeit einfach und er wollte keinesfalls unhöflich dastehen. Den Händedruck erwiderte der alte Mann in nicht ganz so energischer Manier, aber das runzelige Gesicht schlug derart Falten, dass durchaus auf ein Lächeln zu schließen war.


    "Flavius Furianus, wie schön, den Weg nicht umsonst gemacht zu haben", sagte der Claudier und setzte sich nun wieder mit einem Geräusch der Erleichterung. Er griff nach seinem Hörrohr, nichts wäre peinlicher, als den praetor misszuverstehen und fälschlicherweise zu antworten. Das bisschen Ehre wollte Claudius sich bewahren, soviel stand fest.


    "Oh, warte bis du mein Anliegen vernommen hast, ehe du von Ehre sprichst", winkte er ab und lächelte gütig.
    "Aber ehe ich mit der Tür ins Haus falle, nimm doch bitte meine besten Glückwünsche zur Wahl entgegen. Du bist ein fähiger Mann, Flavius Furianus, das habe ich deinem Vater damals schon gesagt, als du noch ein kleiner Matz warst, der immer... Oh. Oh, verzeih, ich schweife ab. Ich möchte dich ja nicht aufhalten. Also, warum war ich doch gerade noch mal....ah. So. Ja. Flavius, unsere gentes sind durch ein Ehebündnis verbunden, und bald, so habe ich erfahren, wird ein zweites Bündnis diese Verbindung noch festigen. Jetzt fragst du dich sicher, was ein alter Mann wie ich mit der Ehe zu schaffen hat. Oh, nichts, mein Lieber, gar nichts mehr. Meine Fannia ist nicht zu ersetzen, und auf meine alten Tage passiert ohnehin nichts mehr in dieser Richtung, wenn du verstehst, was ich meine. Äh. Ja. Nun, ich habe Baiae verlassen, weil ich dem jüngsten Spross unserer Familie eine Karriere ermöglichen möchte, die er in Rom viel besser entfalten kann. Doch ich selbst komme mir nurmehr nutzlos vor, ein Gefühl, das ganz und gar schrecklich ist. Ich möchte nicht tatenlos herumsitzen, ich möchte dem Kaiser dienen, wie ich es jahrzehntelang in der classis getan habe. Und hier komme ich nun auf dich zu sprechen, denn ich möchte mein Leben gern als augur aushauchen, nicht als alter, tatenloser Mann. augures indes werden von Kaiser oder Senat ernannt, Flavius, und ich würde dich von ganzem Herzen bitten, meinen Wunsch im Senat oder bei unserem imperator selbst vorzubringen. Für den cursus honorum bin ich selbst zu alt, und welch anderer sinnvolle Beschäftigung kann ein Mann nachgehen, als den Kaiser und die Götter gleichermaßen zu ehren?"

  • "Nun, ich habe dein Anliegen gehört und ziehe die Ehre nicht zurück."


    Sprach er mit einem Lächeln. Augur wollte der Claudier also werden. Furianus würde nun wie üblich sagen müssen, wie verantwortungsvoll und angesehen dies Amt war, wie wichtig die römische Religion und die Götter. Doch ein zweiter Blick auf das schon mit Falten übersäte Gesicht zeigte ihm, dass dies hier völlig sinnfrei war, schließlich war Myrtilus ein Patrizier und dazu noch einer im hohen Alter. Diesen zu belehren war doch unangebracht.
    So bot er ihm mit seiner rechten Hand eine freie Kline an und legte sich selbst auf die daneben stehende.


    "Eine höchst seltene Bitte, die du an mich heranführst. Doch deine Bitte schmeichelt mir, da dein Vertrauen in meine Person ein großes zu sein scheint, wird deine Zukunft doch von mir abhängen. Und natürlich werde ich dir helfen, das ist selbstverständlich.
    Die Frage ist nur, wie ich verfahren soll."


    Furianus konnte genau so gut insgeheim die Vor- und Nachteile der Möglichkeiten abwägen, doch Myrtilus sollte ihn später aufgrund einem Misserfolg nicht anklagen können, ihm nichts vorwerfen. So musste er dies vor dem Claudier tun.


    "Nun, der Kaiser, wie auch der Senat, würden deine Person sicherlich gerne messen wollen, bevor die Entscheidung getroffen ist. Das Problem im Senate ist, dass dort unter anderem Männer sitzen, die dich nicht als Römer, sondern sogleich als Patrizier betrachten. Und gegen unseren Stand scheinen einige von ihnen eine natürliche Abneigung entwickelt zu haben. Deine Meriten in Ehren, Myrtilus, doch es würde ihnen nicht reichen - nichts reicht dieser Art von Menschen, welche sogleich zu klassifizieren beginnen.
    Das Problem beim Kaiser ist, dass er wohl nicht allzu häufig von seinem Vorschlagsrecht Gebrauch macht und den Senat auch ungern beschneidet. Das heißt, dass er von deiner Person unbedingt überzeugt sein muss und das ist aufgrund der fehlenden priesterlichen Tätigkeiten ein nicht ganz kleines Problem. Und wenn er nicht überzeugt ist, wird er dein Gesuch ganz abweisen oder mir nahe legen dies im Senate vorzubringen.


    Doch ich würde es gerne beim Kaiser versuchen. Schlägt es dort fehl, hätte man immer noch die Hoffnung, dass er dein Gesuch an den Senat weiterleitet und man könnte sich darauf konzentrieren. Wenn ich dein Gesuch vor den Senat bringe und er fällt sein Urteil gegen dich, so ist alles verloren.
    Stimmst du mir da zu oder denkst du anders?"

  • Myrtilus' Augen leuchteten erfreut auf, als der Flavier ihm trotz des mit Arbeit für ihn verbundenen Anliegens seine Ehre aussprach. Galeo neigte dankend den Kopf und beeilte sich dann, das kunstvoll verzierte Hörrohr aus Zedernholz an sein Ohr zu halten, um den jungen Mann besser verstehen zu können. Es wäre ihm absolut unpassend vorgekommen, ihn mit einer entsprechenden Fragen bitten zu müssen, alles erneut zu wiederholen.


    "Oh, man hört vieles von dir, junger Flavier. Die Worte, die du auf der rostra an das Volk Roms gerichtet hast, mögen bereits verklungen sein, doch selbst in Baiae sprach man noch von dir", sagte Myrtilus anerkennend und nickte bekräftigend. Manch einer hielt ihn vielleicht für einen alten Kauz, den er ohne jedweden Zweifel gewiss auch war, doch wo der Körper schwach war, so war der Geist nocht derselbe wie in jungen Jahren, lediglich reicher an Erfahrung und gelegentlich schwerfällig. Die Frage, wie man hier am besten verfahren sollte, war sicherlich nicht unerheblich, und während Flavius sprach, neigte der Alte immer wieder den Kopf mal in die eine, mal in die andere Richtung. Ihm gefiel die Art der Argumentation des jungen Mannes außerordentlich, und er beglückwünschte sich selbst, nicht gewartet zu haben, bis auch die Claudier einen Manne im Senat haben würden. Er musste sich eingestehen, dass selbst sein Bruder, Marcellus, nicht besser hätte Für und Wider gegeneinander abwiegen können. Schließlich verklang die Frage des dunkelhaarigen Flaviers im atrium, und nurmehr das Plätschern des kleinen Brunnes am impluvium war zu hören. Claudius ließ das Rohr sinken und überlegte.


    "Oh, lass mich zuerst sagen, dass ich überzeugt von deinen Fähigkeiten bin, Flavius, sonst wäre ich nicht hier und würde dich um deine Hilfe bitten. Die Frage nach der Vorgehensweise ist berechtigt, doch du gabst bereits selbst eine mir sehr einleuchtende Antwort vor. Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen und stimme mit dir überein. Das Beste wird es in der Tat sein, dein Kaiser selbst zu bitten."


    Myrtilus schmunzelte, und die Haut seines Gesichts schlug dabei unzählige kleine Fältchen.


    "Ich habe an diesen beiden probationes teilgenommen, das Ergebnis steht allerdings noch aus. Bis dahin bleibt es wohl nur, abzuwarten, damit du dem Kaiser auch entsprechende Referenz vorlegen kannst, nicht? Ich sage dir, die ein oder andere Frage war ganz schön knifflig, aber ich habe dennoch ein ganz gutes Gefühl. Zum Beispiel diese Frage, ob...aber, ach, das tut ja nichts zur Sache. Wenn der Kaiser es wünschen sollte, werde ich auch gern selbst vorstellig werden. In Baiae klappt alles reibungslos, was den dortigen cultus deorum anbelangt, doch vom hiesigen hört man stets von Nachwuchsproblemen bezüglich aller collegii et institutiones. Nun ja, ich bin zwar nicht mehr der Jundspund von einst, aber ich würde durchaus mein Wissen anbieten und den Leben in diesen Dienst stellen."

  • "Auf der Rostra," begann er und seufzte leicht, "war ich weder Patrizier, noch Senator, ich war Römer. Denn wenn man nichts tut, um das Übel zu verhindern, dann befiehlt man es."


    Aber er wollte nicht schon wieder damit anfangen. Er hatte seine Pflicht getan und einen kleinen Teil dazu beitragen können, dass es kein Jahr der Erniedrigung wurde - doch er spielte mit der Klinge und hat sich auch geschnitten, was sein eigenes Wahlergebnis nur bestätigte. Dennoch, er war zufrieden damit und musste sich nun keine Vorwürfe machen.


    "Ich habe die beiden Probationes auch abgelegt. Sie sind nicht leicht, aber für uns götterfürchtige und wohl erzogene Patrizier keine schwere Hürde."


    Sagte er lächelnd, um den alten Mann ein wenig beruhigen zu können. Dieser würde ein positives Ergebnis erzielen, davon war Furianus überzeugt, auch wenn der Claudier senil war.


    "Ich hege keine Zweifel an deiner Eignung, bist du doch der Jugend durch deine Erfahrung weit voraus. Und im Amte des Augur dürfte der Erfahrung mehr Bedeutung zuteil kommen, als in einem anderen Kollegium.
    Ich möchte dich bitten mir, wenn du erste Ergebnisse bezüglich der Probationes hast, mitzuteilen, wann ich beim Kaiser vorsprechen sollte. Außerdem dürfte er dich wohl auch persönlich kennenlernen wollen, schließlich ist sein Vertrauen eine der höchsten Ehren."

  • "Aaah, nein, nein, nein", entgegnete Myrtilus und schüttelte durchschauend den Kopf, kniff die Augen prüfend zusammen und fuchtelte wissend mit dem Zeigefinger in der Luft. "Du magst auf der rostra nur ein Mann gewesen sein, aber du warst ein Mann, der Mumm in den Knochen hatte. Mumm genug, um zu sagen, was ihn stört. Das passiert dieser Tage selten, Flavius Furianus. Ich hätte viel darum gegeben, dies selbst miterlebt zu haben, doch bedauerlicherweise hatte ich andere Verpflichtungen, familiäre. Und für einen Mann meines Alters ist Rom nicht gerade ein paar Tagesritte entfernt von Baiae."


    Myrtilus dachte daran, dass ihn eine Depesche abends erreicht hatte, als er dem jungen Lucius gerade erklärt hatte, wie er die verschiedenen Sternbilder voneinander unterscheiden konnte. Stolz hatte sich in ihm geregt, als er das Siegel gebrochen und die Zeilen gelesen hatte. Und erzürnt war er gewesen, dass man ernsthaft darüber nachgesonnen hatte, jemanden in das Amt des consul zu berufen, der die Götter und Väter öffentlich zu zermalmem getrachtet hatte. Auch jetzt schürzte der Alte die Lippen, als ihm diese Empfindungen von damals in Erinnerung kamen. Der Flavier brachte ihn auf andere Gedanken als er von den Prüfungen sprach. Eine Augenbraue Myrtilus' wanderte nach oben, während er gleichermaßen das Hörrohr wieder sinken ließ und anerkennend lächelte. Schnell hob er die Hand mit dem tubus wieder, als Furianus weitersprach.


    "Selbstverfreilich", entgegnete Myrtilus, als der Senator geendet hatte. "Sag, wäre es dir recht, wenn ich lediglich einen Sklaven zu dir entsende? Der Weg ist nicht weit, aber doch mit einigen Schwierigkeiten verbunden, wenn man nicht mehr so jung ist wie du." Myrtilus lachte auf eine ausgedörrte Weise und zwinkerte dem Flavier keck zu. "Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du nach der, so die Götter wollen, positiven Nachricht nicht allzu lange verweilst, ehe du den Kaiser mit meiner Bitte aufsuchst", erklärte Myrtilus seinen Wunsch.

  • Auf die Komplimente des Claudiers ging er mit einem milden Lächeln ein, erwiderte jedoch nichts. Schließlich musste man sich in Bescheidenheit üben und zu viele Komplimente wurden auch mit der Zeit etwas unangenehm - doch bei ihm musste diese Zeit noch bestimmt werden, denn er hörte dies nur allzu gerne. Als Patrizier hatte man ja immer diese Verpflichtungen und ein Lob bei jedem erreichten Ziel war nur allzu selten, denn man sah das Streben und das Erreichen schon als Pflicht an, nur die Schnelligkeit mochte ein Lob verdienen.


    "Natürlich würde ich dir niemals eine persönlich überbrachte Nachricht abverlangen, dafür gibt es ja Sklaven, Claudius Myrtilus. Und ich bin kein Mann, der lange zögert, ich werde mich schon in Eile üben, keine Sorge."


    Vielleicht hatte der Claudier ja Angst er würde seine Ernennung zum Augur nicht miterleben können und war daher so fordernd, wenn auch in höflicher Art und Weise. ;)

  • In jungen Jahren wäre Myrtilus vermutlich selbst in der villa flavia erschienen, um die Tatkraft, mit der er hinter seinem Anliegen stand, deutlich zu machen. So aber würde er Zahir oder einen anderen Sklaven entsenden und die Sache wäre damit erledigt. Zufrieden nickte er daher.


    "Ja, natürlich. Sehr schön, dann wäre dies besprochen. Ehm... Sag einmal, Flavius Furianus, wenn du mir diese Frage gestattest - du bist nicht etwas verheiratet, oder doch?" fragte der Alte dann plötzlich unvermittelt, und abermals legte sich die pergamentene Haut seines Gesichtes in viele kleine Fältchen. Die Augen indes waren wach und suchten nach Anzeichen des Interesses im Antlitz des Flaviers. Epicharis fiel aus, wie er inzwischen wusste, aber es gab schließlich noch andere unverheiratete Claudierinnen... Myrtilus gefiel sich in seiner Rolle als Heiratsvermittler, und auch wenn Furianus nun milde Lächeln und höflich ablehnen würde, so konnte ihm später keiner nachsagen, er hätte es nicht versucht. Sofern das überhaupt jemand tun würde.


    Eine Wolke schob sich von der Sonne fort und gab ihr damit den Weg frei, durchs impluvium zu scheinen und recht ansehnliche Lichtreflexe auf dem Wasser zu erzeugen, sofern es nicht von den Seerosen verdeckt war. Myrtilus begann, sich sehr wohlzufühlen, und drückte dies in einem wohligen, kurzen Seufzer aus. Sonne war etwas Feines.

  • Die Frage des Claudiers verwunderte ihn, kam es doch nicht allzu häufig vor, dass man ihn diese Frage stellte. Eigentlich konnte er sich an gar keinen Moment entsinnen.


    "Nein, verheiratet bin ich nicht."


    Antwortete er wahrheitsgemäß und ein Lächeln folgte.


    "Doch ich bin verlobt."


    Und das schon allzu lange, wie er wieder feststellen musste. Der Gedanke an Hochzeitsvorbereitungen war stets präsent gewesen, doch dieser wurde in Ermangelung der Zeit und aufgrund anderweitiger, in gewisser Weise wichtiger Dinge, verdrängt und für das Später, welches recht selten auftrat, vermerkt. Keineswegs ein periphärer Gedanke, doch einer, dem Furianus keine Aufmerksamkeit schenkte. Hoffentlich würde dies ihm nicht teuer zu stehen kommen, hoffentlich war Claudia nicht verstimmt.

  • Der Alte bereute schon, die Frage überhaupt gestellt zu haben. Natürlich sollte man schon wissen, wenn jemand mit Rang und Namen baldigst eine Ehe einzugehen gedachte. In Baiae hatte ihn aber auch nur unwichtiges Zeug erreicht, kaum relevante Neuigkeiten. Nun galt es, sich einigermaßen ansehnlich aus der Affäre zu ziehen. Myrtilus strich sich mit Daumen und Zeigefinger über seinen nicht vorhandenen Schnäuzer und räusperte sich.


    "Eh, nun ja, dann wünsche ich euch beiden natürlich allen Segen der Götter, Flavius. Ah, und nun sollte ich mich besser auf den Weg machen, du hast sicher noch wichtigere Dinge zu tun als dich mit einem senilen Opa zu unterhalten", sprach Myrtilus und grinste schief. Er zog sich nur zu gern selbst auf eine liebenswürdige Art durch den Kakao, wusste er doch, dass er wirklich alt und senil war, schlecht hörte und auch nicht mehr viel besser sehen konnte. Ächzend erhob sich Myrtilus und tastete nach seinem Stock, den er bei seinem Eintreffen an den Tisch gelehnt hatte. Als er stand, lächelte er den Flavier sehr zufrieden an.


    "Flavius Furianus, es war mir eine Ehre, dich kennenzulernen, und ich danke dir sehr aufrichtig dafür, dass du meiner Bitte nachkommen möchtest", sagte Myrtilus und nickte, seine Worte betonend.

  • "Nicht doch, Claudius, es ist für mich eine angenehme Erfahrung mit einem Mann wie dir sprechen zu dürfen, einem Mann von Stand und Weisheit."


    Auch wenn sich Myrtilus, wie es üblich war, unter Furianus einreihte und vermeidliche Fehleigenschaften aufzählte, war es doch die Konvention, die Furianus regelrecht zwang dem alten Mann das Gegenteil zu beweisen. Doch er tat es gerne, denn Myrtilus war ihm doch sympathisch, wie der Großvater, den er nie hatte. Zwar stellte er sich seinen Großvater etwas seriöser und unbeholfener vor, doch er konnte auch mit einem Großvater mit Makeln, wie es Myrtilus war, vorlieb nehmen. Seine Anwesenheit tat ihm regelrecht gut, war er doch als Gesprächspartner angenehm und vermittelte eine gewisse Leichtigkeit und Ruhe.


    So erhob er sich zur Verabschiedung.


    "Gleichfalls, Claudius Myrtilus. Sehe es als einen kleinen, unbedeutenden Gefallen an, in keinster Weise als Verbindlichkeit mir gegenüber. Ich werde von dir hören, sobald die ersten Ergebnisse eingetroffen sind. Bis dahin wünsche ich dir den Segen der Götter, Myrtilus."

  • Myrtilus lächelte den Flavier dankbar an, nickte noch einmal zum Abschied und ließ sich sodann von einem bereitstehenden Sklaven zurück zur porta geleiten, der er sich auf seinen Stock stützend und langsam näherte. Am impluvium blieb er noch einmal stehen, bedachte die zarten Blüten mit einem träumerischen Blick und ging alsbald weiter. Wenig später verließ er die villa flavia und stieg mit Zahirs Hilfe in die bereitstehende Sänfte.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!