area |Wem die Stunde schlägt

  • Als sie sie erreichte, wirkte Fhionn noch für Momente so unberührt, distanziert, kühl. So als ob sie gar nicht wirklich wüsste, was passiert war – oder als ob es sie einfach nicht interessierte. Dann sah sie auf einmal an sich herab, und im nächsten Augenblick konnte Siv regelrecht sehen, wie sich Entsetzen wie ein Schatten über ihr Gesicht legte. Ohne sich zu wehren, fast schon willenlos, so schien es der Germanin, beugte sich Fhionn dem sanften Druck, den Siv auf sie ausübte, und kam mit zu Corvinus’ Officium. Je weiter sie kamen, desto mehr schien die Keltin zu begreifen, was passiert war, was sie getan hatte, und als sie schließlich vor der Tür ankamen, zitterte die Sklavin neben ihr wie Espenlaub. Siv hatte inzwischen einen Arm um sie gelegt, um sie zu stützen. Je mehr sie spürte, dass Fhionn ihre Beherrschung abhanden kam, desto mehr gewann sie die ihre zurück. Das war schon immer ihre Stärke gewesen – wenn andere die Fassung verloren, fiel es ihr leichter, die eigene zu wahren. Egal wie schlecht es ihr ging, wenn sie spürte – gerade dann, wenn es unbewusst war –, dass es anderen um sie herum ebenfalls schlecht ging, fand sie irgendwo in sich die Kraft, die eigene Schwäche zu bekämpfen, sich wieder aufzurichten, souverän zu handeln und zu sein.


    Ihre Frage beantwortete Fhionn, aber nur die ersten Worte verstand die Germanin, dann wechselte die andere in ihre Muttersprache. Aber die Worte zu verstehen war auch nicht nötig. Ihr Tonfall sagte Siv genug. Irgendwo in ihrem Hinterkopf begannen Selbstvorwürfe, Gestalt anzunehmen, machten auf sich aufmerksam und versuchten in den Vordergrund zu drängen, aber Siv hielt sie im Schach. Jetzt war keine Zeit dafür, jetzt musste sie für Fhionn da sein – sie hatte lange genug nichts gemerkt, weggesehen, sich mit sich selbst beschäftigt. "Ssschschsch…", murmelte sie und strich der Keltin über die Schultern. Mit der anderen Hand öffnete sie die Tür, und sachte geleitete sie Fhionn in das großzügig bemessene und eingerichtete Zimmer hinein. Sie führte sie bis zum Schreibtisch, wo ein paar Korbstühle standen, und hielt dort inne, aber bevor sie etwas sagen oder tun konnte, hatte Fhionn schon ihre Hand gepackt. Siv legte ihre Hand auf die der Keltin, und ein trauriger, aber bestätigender Ausdruck huschte über ihre Züge. "Ja, Fhionn. Ich bleibe." Mehr nicht. Aber wie zuvor bei Fhionn war mehr auch nicht nötig – ihr Tonfall sagte genug. Sanft löste sie Fhionns Finger und drückte die Keltin dann in einen der Stühle. Anschließend holte sie einen Wasserkrug, der auf einem kleinen Seitentisch stand, und ließ sich vor Fhionn in die Hocke sinken. In Ermangelung einer Alternative riss sie – wie könnte es anders sein – ein Stück aus dem Saum ihrer Tunika heraus, das sauber war und tunkte es in das Wasser, dann begann sie, wenigstens Fhionns Haut von Mathos Blut zu reinigen. Zuerst tupfte sie ihr Gesicht ab, das einige Blutspritzer abbekommen hatte, dann widmete sie sich den Armen, strich mit sanften, aber dennoch festen Bewegungen darüber und entfernte das Blut, so gut es ging. Es brauchte bewusste Anstrengung ihrerseits, nicht schon wieder an die Tat zu denken, an das Messer, dass sich in Mathos Brust gesenkt hatte, wieder und wieder… aber es gelang ihr. Ein bewusster Blick auf das Gesicht der Keltin, in ihre Augen, und jeder Gedanke, der das Entsetzen in Siv wieder hätte erstarken lassen, trat in den Hintergrund. Sie sagte nichts weiter. Wenn Fhionn reden wollte, würde sie zuhören, und sie würde antworten – aber aus ihrer Sicht gab es nichts, was sie von sich aus hätte sagen können. Sie konnte nur da sein.

  • Sivs beschwichtigende Art war es, die Fhionn wieder ruhiger werden ließ. Sie war innerlich noch immer aufgewühlt, doch wenigstens hatte sie aufgehört zu zittern. Die Furcht vor dem, was noch kommen mochte, war aber geblieben. Nur fühlte sie sich in Sivs Anwesenheit doch wohler, als völlig alleine in diesem imponierenden Raum, der sie zu erdrücken schien, auszuharren, bis Corvinus eingetroffen war. "Danke Siv!"
    Die Germanin hatte sie in einen der beiden Korbstühle gedrückt, die vor dem Schreibtisch standen. Sie selbst hatte einen Wasserkrug herbei geholt und ein Stück ihrer Tunika abgerissen. Dann war sie vor ihr in die Hocke gegangen und reinigte damit nun Fhionns Hände, Arme und ihr Gesicht von den eingetrockneten Blutspuren. Bald schon hatte das Stück Stoff eine rot-braune Färbung angenommen. Nicht alle Spuren konnte sie so beseitigen. An manchen Stellen war das Blut zu hartnäckig, als das es ohne das Zutun einer Bürste verschwunden wäre.
    Stumm beobachtete Fhionn Sivs Bemühungen. Währenddessen stellte sie sich die brennende Frage, ob Siv ihre Tat wohl miterlebt hatte. Was dachte sie jetzt von ihr? Hielt sie sie für ein blutrünstiges Monster? Wohl kaum! Sonst hätte sie sich nicht so rührend um sie gekümmert. Oder tat sie es vielleicht nur, weil Corvinus es von ihr verlangt hatte?
    "Siv? Du sehen, wie Matho tot?" Endlich hatte sie sich überwunden und die Germanin danach gefragt. Was hätte es ihr aber genützt, wenn sie es gesehen hätte? Das änderte nichts an der Tatsache, daß sie es getan hatte und dafür wohl die höchste und schlimmste Strafe zu erwarten hatte, die auf Mord verhängt wurde. Niemanden würde es dabei interessieren, wieso es so weit kommen konnte, was in Germanien und dann auch später auf der Heimreise geschehen war. Alle würden sie den toten Maiordomus betrauern, doch die Frage, wie er war und was Fhionn dazu getrieben hatte, würde ungestellt bleiben. Fhionn hatte wenig Hoffnung, einigermaßen glimpflich aus der Sache heraus zu kommen. Dafür war ihre Sprachkenntnis einfach zu schlecht, um sich selbst verteidigen zu können. Es gab keine Zeugen, die sie hätte entlasten können. Selbst wenn Siv es gesehen hätte, konnte sie auch nur berichten, auf welche brutale Weise die Keltin zur Mörderin geworden war. Außerdem würde man einer Sklavin sowieso nicht glauben. Das Kreuz war ihr also sicher. Alleine um den anderen Sklaven zu zeigen, wer der Herr war, wäre diese Art der Bestrafung unumgänglich gewesen.
    "Siv, Matho sehen, wie ich geben Essen zu dir." Diese Äußerung kam ganz spontan. Es war eine von vielen Erinnerungen, die sie hatte. Jede dieser Erinnerungen, war ein kleines Mosaiksteinchen, das allmählich zu einem Bild wurde, wenn man alle Steinchen richtig aneinander legte.

  • Der Bote hat Teil an der Botschaft, die er bringt, dachte Orestes im ersten Moment als er den Gesichtsausdruck seines Verwandten sah. Doch wer wollte es ihm verübeln, dass ihn das nicht kalt ließ. Schließlich hatte er gerade eine Menge "Geld" verloren, eine Menge an Ärger gewonnen und - das sei hier nur am Rande bemerkt - da die meisten Aurelier ihre Sklaven nicht nur als Gegenstände betrachteten, ein Mensch war in seinem Haus gestorben, sogar umgebracht worden. So folgte Orest dem Corvinus wieder auf den Hof und blieb als der zur Leiche hin ging einen Schritt hinter ihm stehen.


    Nachdem der erste Blick auf Matho dazu ausgereicht hatte festzustellen, dass er wirklich tot war, nahm Orestes erst jetzt wahr, wie brutal er niedergestochen worden war. Corvinus reagierte mit einer Geste der Humanität und drückte dem Toten die Augen zu. Orestes umwallten aber wieder diese Gefühle des Mitleids mit der Mörderin, die Fhionn ja ganz offensichtlich war. "Sie muss ihn schon länger gehasst haben.", sagte Orestes, "Ich traf sie neulich des nachts in der Küche und fragte sie welche Sklaven es im Haus gebe - Matho erwähnte sie nicht!" Und dann fragte er sich, warum er das jetzt gesagt hatte, wollte er sie etwa verteidigen? "Verstehe mich nicht falsch. Nach diesem Gespräch hätte ich Dich beinahe gefragt, ob Du sie mir nicht ausleihen könntest. Und das hier passt jetzt überhaupt nicht dazu." Aber es musste ja auch nicht passen, dachte er bei sich. Und das nächste "Was wirst Du tun?" das er fragte war eine so offensichtlich rhetorische Frage, dass er sie gleich selbst beantwortete: "Schade eigentlich, dass Du sie kreuzigen musst."

  • Fhionn wurde etwas ruhiger, aber Siv meinte die Anspannung zu spüren, unter der sie nach wie vor stand, die Furcht, das Entsetzen. Die schützende Wirkung des Schocks hatte bei ihnen beiden nachgelassen, aber dass Fhionn sie brauchte, half Siv, nicht nur mehr und mehr ihre Fassung zurück zu gewinnen, sondern auch zu behalten. Sie rieb weiter mit dem Stück Stoff die Haut der Keltin, etwas fester inzwischen, ungeachtet dessen, dass sich ihre eigenen Hände rot färbten – allerdings war sie nicht überall erfolgreich. Sie spürte Fhionns Blick auf sich, aber sie fuhr ruhig fort mit dem, was sie tat. Erst als die Keltin sie ansprach, sah sie hoch. "Ja." Ihre Antwort war genauso einfach wie die zuvor. Was hätte sie auch sonst sagen sollen? Hätte sie Fhionn vormachen sollen, sie hätte nichts gesehen? Siv wusste nicht, wie viel Fhionn von ihrem Zustand zuvor mitbekommen hatte, der deutlich gezeigt hatte, dass sie den Mord gesehen hatte – aber so oder so wäre es ihr nicht richtig erschienen, die Keltin anzulügen. "Ja, Fhionn, ich habe gesehen." Einen Moment sah sie sie noch an, hielt ihrem Blick ruhig stand. Ihr Gesicht zeigte keine Regung, außer einem Schimmer von Mitgefühl in ihren Augen, und darunter, so tief wie es momentan in ihr verborgen war, ein Anflug von Entsetzen, als die schrecklichen Bilder vor ihrem inneren Auge wieder aufloderten.


    Es herrschte Schweigen, und schließlich wandte Siv sich wieder den Armen der Keltin zu, tunkte das Tuch erneut in den Wasserkrug, wrang es aus und fuhr fort, das Blut wegzuwischen, so gut es ging. Allerdings hatte sie bald wieder Anlass, den Kopf zu heben. Diesmal war nicht nur Mitgefühl, sondern ein guter Teil Schuldgefühl in ihrem Blick. "Ich weiß, Fhionn." Beim ersten Mal war Matho gekommen, als Fhionn und sie auf dem Karren beisammen saßen – und da er auf der Rückreise von Germanien Siv ohnehin tagtäglich deutlich spüren lassen konnte, dass sie im Vergleich zu ihm ein Nichts war, dass er volle Gewalt über sie hatte, war er offenbar froh gewesen, etwas Abwechslung zu bekommen. Noch eine Sklavin, bei der er einen Vorwand hatte sie mehr als üblich zu traktieren. Für Siv hatte festgestanden, dass sie am nächsten Tag den anderen Bescheid sagen würde – mehr als sowieso schon konnte Matho sie nicht mehr leiden lassen, genauso wenig konnte sie es sich noch mehr mit ihm verderben, also hätte es ihre Situation kaum verschlechtert. Und selbst wenn es nicht so gewesen wäre, hätte Siv etwas gesagt. Aber als die Germanin am nächsten Morgen etwas hatte sagen wollen, hatte Fhionn sie gebeten, still zu sein, hatte gemeint, es würde schon nicht so schlimm sein, es könnte nicht noch schlimmer werden. Und Siv war still geblieben. Danach hatten sowohl Fhionn als auch Matho offenbar darauf geachtet, dass keiner, einschließlich ihr, etwas davon mitbekam, dass der Maiordomus die Keltin mehr bedrängte als üblich. Wieder kam ihr der Gedanke, dass sie etwas hätte sagen sollen, dass sie es hätte wissen müssen, dass Matho Fhionn nicht in Ruhe lassen würde. Hatte sie nicht am eigenen Leib erfahren, wie er war? Dass er solche Gelegenheiten nicht einfach passieren ließ? Siv presste die Zähne so fest aufeinander, dass ihre Kieferknochen hervortraten, während sie Fhionns Blick erwiderte. "Es tut mir leid", flüsterte sie schließlich.

  • Wieso sagte sie das? Was tat ihr leid? Siv hatte doch gar nichts getan. Selbst wenn sie sie vorhin zurückgehalten hätte, dann hätte Fhionn eine neue Gelegenheit gefunden, es zu beenden. "Warum leid tun? Du nicht leid tun!" Wieder sagte sie zu sich selbst, daß Matho es verdient hatte. Für jedes Unrecht, für all die Qualen und das endlose drangsalieren- er hatte es mehr als verdient! Würden aber auch die Römer Verständnis für ihre Tat aufbringen können? In ihren Augen war Matho treu und ergeben, ein Sklave der stets das tat, was man ihm auftrug und über den man sich nie beklagen mußte. Sie kannten Mathos wahres Gesicht nicht. Und wer würde ihr glauben schenken, wenn sie nun mit der abstrusen Behauptung käme, Matho wäre ein Tyrann gewesen? Niemand!
    Wie war es mit Siv? Sie hatte zwar die Germanin darum gebeten, mit niemanden über Mathos verbale Attacken und Handgreiflichkeiten zu sprechen. Aber womöglich hatte sie mit Corvinus über ihr gestörtes Verhältnis zu Matho gesprochen?
    Die Germanin wischte immer noch eifrig an Fhionns Händen und Armen herum, um die Spuren des Blutes gänzlich beseitigen zu können. "Siv, du sprechen über Matho mit Corvinus?" Die Frage mußte für die Germanin, wie aus heiterem Himmel gekommen sein. Sie hatte doch immer eine gute Beziehung zu dem Herrn. Siv würde er sicher mehr glauben als ihr.
    Fhionn wußte nur zu genau, daß ihr armseliges Leben nur noch an einem seidenen Faden hing. Deswegen klammerte sie sich an alles, was etwas Halt zu geben schien.


    Das Warten wurde zur reinsten Tortur. Bei jedem Geräusch, was sich nach Schritten oder nach dem Öffnen einer Tür anhörte, schlug ihr Herz schneller. Wäre doch alles schon vorbei, dachte sie.
    "Morgen schon werde ich bei meinen Kindern sein!" Sie war wieder in die Sprache ihres Volkes zurückgekehrt und hatte mit einem Mal diesen friedlich gestimmten Gesichtsausdruck, der zu einem sanften Lächeln wurde.

  • "Hat sie das?" fragte ich Orestes erstaunt und hob die Brauen. "Ich weiß nichts davon. War das bevor oder nachdem ich sie nach Germanien geschickt hatte?" Ich schüttelte unwillig den Kopf. Es war so oder so gleich, denn es rechtfertigte nicht das, was sie getan hatte. Erneut glitt mein Blick zu Matho hin und ich schürzte die Lippen. Orestes' Worte überging ich einfach - wer wollte sich schon eine Mörderin ausleihen, wenn nicht für schmutzige Arbeiten? Stattdessen nickte ich grimmig. "Und genau das werde ich mit ihr machen. Nachdem ich einen neuen maiordomus bestimmt habe. Gegenwärtig kommt nur Brix dafür in Frage", erwiderte ich und deutete mit dem Kinn zurück ins Haus, wohin ich mich auch sogleich in Bewegung setzte. "Kannst du mir einen Gefallen tun und ihm Bescheid geben, dass er vorerst Mathos Aufgaben übernehmen wird? Und jemand soll seine Leiche aus dem Hof schaffen und sich um seine Verbrennung kümmern", wies ich Orestes an und war froh, dass ich diese Dinge an ihn deligieren konnte. Zum ersten Mal seit seiner Abreise wünschte ich mir nun tatsächlich Ursus herbei. Da fiel mir ein, dass ich seinen Brief noch nicht gelesen hatte. Caecus hatte ihn mir am Morgen zusammen mit der übrigen Post auf den Schreibtisch gelegt, und dort lag er noch.


    "Ich werde mich jetzt um Fhionn kümmern. Die Götter mögen ihr gnädig sein, denn ich bin es nicht", sagte ich und blickte finster voraus in die von Lampen erhellte villa. Hier trennte ich mich von Orestes und strebte teils widerwillig, teils aufgebracht meinem Arbeitszimmer zu, dessen Tür ich ohne Vorwarnung öffnete. Fhionn saß auf meinem Stuhl und Siv wusch ihr vor ihr kniend das Blut von den Händen. Die derbe Begrüßung blieb mir im Halse stecken, als ich diese Geste der Freundschaft sah und Siv daraufhin fassungslos anstarrte. Hatten die beiden am Ende noch gemeinsame Sache gemacht? Mit einer knappen Geste meines Kinns befahl ich Siv, von Fhionn fort zu gehen. "Also?" bellte ich und blieb stehen, denn zum einen saß Fhionn auf meinem Stuhl, zum anderen wollte ich, dass der Keltin unbehaglich zumute war.

  • Corvinus hatte zwar noch eine Frage gestellt, aber eigentlich war die Antwort nicht wirklich wichtig, wie die ganze Unterhaltung. Orestes war froh, als Corvinus ihm den Auftrag gab Brix darüber zu informieren, dass er als maiordomus einspringen sollte. Brix erste Aufgabe würde es sein die Leiche bei Seite zu schaffen und für die Verbrennung zu sorgen. Orestes war froh darüber, dass er jetzt nicht mit dabei war, wenn Corvinus Fhionn zur Rede stellen würde, sondern dafür sorgen konnte, dass es weiter geht.


    So suchte er Brix und fand ihn in einem der Sklavenquartiere: "Brix, komm her ich muss mit Dir reden!" Der Sklave wunderte sich anscheinend nicht schlecht, dass er um diese Stunde von einem der neuen Aurelier aus seiner kurzen, aber wohlverdienten Freizeit gerissen wurde, aber er kam sofort und als sie ein paar Schritte gegangen waren, sagte Orest. Brix, ich komme von Corvinus. Du wirst ab jetzt Mathos Aufgaben übernehmen. Mehr sagte Orest zunächst nicht, da er die Reaktionen des Sklaven sehen wollte. "Ich Maiordomus? Was ist passiert mit Matho? Ist der Sklaventreiber etwa krank?". Ohne die Miene zu verziehen hörte Orestes den leichten Ton von Schadenfreude in den Sätzen des Germanen. "Nein. Er ist tot. Ermordet. Kümmer Dich darum, dass die Leiche, die im Hof liegt beseitigt wird. Lass sie verbrennen. Vor allem: schaff sie aus dem Hof.". Obwohl es einigermaßen dunkel war konnte Orestes gut sehen, wie der Germane bleich wurde. Nicht viel konnte Orest daraus schließen, nur dass der germanische Sklave dem "Sklaventreiber" wie er Matho nannte sicherlich nicht den Tod gewünscht hatte. "Kann ich mich darauf verlassen, dass Du Deine neuen Aufgaben gut und sofort übernimmst?", fragte er ihn noch und wandte sich dabei zum Gehen. "Ja, domine." Orestes ging in Richtung von Corvinus Arbeitszimmers, nicht zu schnell, da er es eigentlich nicht erreichen wollte, aber doch wusste, dass er Corvinus zur Seite stehen musste.

  • Sivs Augen wurden noch trauriger, als Fhionn ihr versicherte, dass es ihr nicht leid tun müsse. Aber Siv wusste es besser. Sie hätte etwas sagen müssen, das war ihr nun klar – aber wer hätte schon ahnen können, dass Fhionn zu einer derartigen Bluttat getrieben werden könnte. Vielleicht war die Keltin einfach empfindsamer als sie selbst, sie wusste es nicht. Aber wo sie anfangs noch geglaubt hatte, dass Matho möglicherweise das Recht hatte, die ihm untergebenen Sklaven so zu behandeln, wusste sie inzwischen, dass dem nicht so war – aber es war einfach zu viel der Mühe gewesen, sich über ihn zu beschweren. Und mit ihm leben hätte sie dann trotzdem müssen. Es war einfacher, zu tun was er einem auftrug und ihm im Übrigen so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Siv schwieg jedoch. Nichts davon hätte Fhionn im Moment helfen können, hätte dafür sorgen können, dass sie leichter verarbeiten konnte, was geschehen war, was sie getan hatte. Höchstens ihre Situation mochte es noch ändern, aber dann musste sie mit einem anderem reden, musste einen anderen endlich darüber aufklären, welche Saiten sein Maiordomus aufzog, wenn er nicht dabei war. Corvinus, wisperte eine leise Stimme tief in ihrem Inneren, und allein der gedankliche Klang des Namens weckte in Sehnsucht und Verwirrung zugleich. Sie würde mit Corvinus reden müssen, aber wie sollte sie das, wenn er ihr nicht einmal lange genug zuhörte, um ein Entschuldigung wahrzunehmen, das von ihren Lippen kam? Geschweige denn eine Erklärung, was sie getrieben hatte? Wieso sollte er ihr dann ausgerechnet jetzt zuhören?


    Mitten in diese Grübeleien hinein stellte Fhionn unvermittelt die nächste Frage, und Sivs Kopf ruckte hoch. Standen ihr ihre Gedanken schon so deutlich auf der Stirn geschrieben? Nein, das konnte es nicht sein, entschied sie – wohl eher, dass Fhionn sich davon etwas Milde versprach, wenn Corvinus wusste, wie Matho hatte sein können. Aber wieso fragte die Keltin das, sie wusste doch wie jeder andere auch, dass Siv seit ihrem Fluchtversuch eine der niedrigsten Sklavinnen im gesamten Haushalt war. Und dass Corvinus sie seit Wochen mied, kein Wort mit ihr wechselte, wenn sie sich zufällig begegneten… Gerade wollte sie etwas dazu sagen, als Fhionn etwas in ihrer Muttersprache murmelte und beinahe im selben Augenblick die Tür aufging. Siv wandte den Kopf und erblickte Corvinus, mit einem Gesichtsausdruck, der so finster war, wie Siv ihn bisher selten gesehen hatte. Sie schluckte trocken bei dem Gedanken daran, diesen Zorn möglicherweise auf sich zu lenken, wenn sie es wagte Fhionns Partei zu ergreifen. Die Keltin hätte einen anderen Weg wählen sollen, um den Maiordomus in seine Schranken zu weisen oder gar loszuwerden, aber nicht ihn ermorden. Dennoch war die Situation eine völlig andere, konnte die Tat anders gesehen werden, wenn man wusste, wie es dazu überhaupt erst kommen konnte. Dennoch konnte Siv nicht anders, als bei der winzigen, dafür aber umso herrischeren Kinnbewegung Corvinus’ zu gehorchen. Sie richtete sich auf und trat zur Seite, nur um dann mühsam ein Zusammenzucken zu unterdrücken, als Corvinus die Keltin anfuhr.

  • In Gedanken versunken, bei ihren Kindern und Sivs körperliche Nähe spürend, der sie in diesem Augenblick so notwendig bedurfte, wie die Luft zum Atmen, saß Fhionn einfach nur da. Die Anspannung war von ihr gewichen, jedenfalls für einen kurzen Moment. Dieses Vakuum der vermeintlichen Geborgenheit wurde aber jäh zerstört, als mit einem Krachen plötzlich die Tür aufgerissen wurde. Beide Frauen hatten erschrocken in jene Richtung geschaut, aus der sich der Eindringling ihnen näherte. Sein Gesicht war so finster, so Unheil verkündend, dass es Fhionn erschaudern ließ. Ohne Worte hatte er Siv geboten, sich von Fhionn zu entfernen. Die wiederum verstand nicht, warum die Germanin sie nun im Stich lies. Ein wimmerndes, bittendes "Siv" kam aus ihrem Mund und ihre Augen blickten fragend der Germanin hinterher. Sie hatte ihr doch versprochen, bei ihr zu bleiben, es mit ihr gemeinsam durchzustehen und ihr in ihren letzten Stunden nahe zu sein, damit der letzte Weg nicht noch furchterregender sein würde. Doch nun musste sie sich eingestehen, dass sie nun völlig allein gelassen war. Selbst jetzt im Tod, hatte Matho noch die Macht besessen, ihr das letzte Stückchen Leben so schwer, wie möglich zu machen. Sein Tod, war im Vergleich zu dem, was ihr nun bevorstehen würde, ein gnadenreicher Akt gewesen. Sein Tod dauerte nur wenige Minuten, oder gar nur Sekunden. Der Tod am Kreuz konnte sich über Stunden hinaus ziehen. In einigen Fällen konnte das Martyrium sogar Tage dauern.
    Noch ruhten Fhionns Augen Hilfe suchend, doch auch schon resignierend auf Siv. Dann drang ein einziges grollendes Wort aus Corvinus´ Mund an ihr Ohr und sie fuhr erschrocken um. Langsam erhob sie sich von dem Stuhl. Dieses Also kam einer verbalen Ohrfeige gleich und war so eindringlich, daß es sie völlig demontierte. Sein bleierner Blick der auf ihr lastete, wollte sie zermalmen. Selbst wenn sie gekonnt hätte, sie hätte in dieser Situation kein einziges Wort herausgebracht. Nur ihr leiser zittriger Atem war zu hören. Ihre furchtgeweiteten Augen starrten ihn nur an.
    Was nur, hätte sie jetzt noch vorbringen können, um ihre Haut zu retten? Sein Urteil stand doch bereits fest. Auf Verständnis für ihre Tat zu hoffen, hatte sie längst aufgegeben. Was also blieb noch? Unwillkürlich musste sie wieder an den letzten Tag ihres normalen Lebens zurückdenken, bevor sich alles, wie in einem bösen Fibertraum, so dramatisch verändert hätte. Sie sah noch einmal die Männer ihres Dorfes, die sich für den letzten Kampf gerüstet hatten. Ein Kampf, der bereits noch bevor er begonnen hatte, aussichtslos war. Doch einen Schlachtruf hatte sie immer wieder aus den Mündern der Männer hören können, den sie sich immer wieder vorsagten, um sich Mut zu machen aufrecht sterben!.
    "Aufrecht sterben!" sagte sie sich nun selbst vor in ihrer Sprache und sie fühlte plötzlich eine scheinbar aus dem Nichts kommende Kraft, die ihr Mut gab und die auch ihr Äußeres veränderte. Ihre ängstlich wirkende Haltung wich mit einem Mal einer aufrechten, ja fast schon stolzen Pose.
    "Ja, ich töten Matho!"entgegnete sie jetzt mit erstarkter Stimme. Nein, stolz war sie auf ihre Tat nicht, jedoch war sie im Bewußtsein, daß für ihr Tun eine Notwendigkeit bestanden hatte.

  • Während Fhionn sich noch zu sammeln schien, wartete ich voller Ungeduld darauf, dass sie versuchte, sich zu erklären, ihre Tat zu rechtfertigen. Als sie mir den Blick zuwandte, gewahrte ich die Angst darin, und ein Funken der grimmigen Genugtuung durchzuckte mich, war im nächsten Moment aber bereits wieder verdrängt von Wut und Ärger. Sie spuckte mir irgendein Wort entgegen, das ich nicht verstand, und gleichzeitig schien ein Ruck durch ihren Körper zu gehen. Sie hatte es nicht einmal nötig, den Kopf zu senken oder in sonst einer Weise Respekt oder Demut zu zeigen. Zumindest Siv hatte so reagiert, dass ich ob ihres Verhaltens nicht noch ungehaltener war also ohnehin bereits. Das besorgte Fhionn schon ganz allein, zumal ich jetzt etwas wie Stolz in ihrer Mimik erkennen konnte. Dass sie zugab, meinen maiordomus getötet zu haben, veranlasste meine Mundwinkel zu einem gefährlichen, freundlosen Zucken. Ich trat zwei Schritte näher heran und mustete sie kalt.


    "Ich habe dir Kleidung gegeben. Ich habe dir Essen gegeben. Ich habe dir ein warmes Bett gegeben und einen Platz in meinem Haus. Ich habe dir Vertrauen geschenkt, indem ich dich mit auf die Reise in den Norden schickte. Ich habe dir ein besseres Leben geboten als du hattest. Und du dankst es mir, indem du einen Mord in meinem Haus begehst und deine widerwärtige Tat nicht einmal rechtfertigen kannst?!"


    Zornesröte zierte mein Antlitz. Eine Ader auf der Schläfe pochte ebenso heftig, wie es meine Hand danach dürstete, einen allzu deutlichen Abdruck auf ihrem Gesicht zu hinterlassen. Doch ich beherrschte mich dahingehend. Sie war es nicht wert. Ich schnaubte herablassend.
    "Du kennst die Strafe, die auf eine solche Tat steht. Morgen, wenn die Sonne am höchsten steht, wirst du ans Kreuz geschlagen. Und ich werde dabei zusehen, wie die Krähen über dir kreisen und darauf warten, dass du dein jämmerliches Leben aushauchst",, sagte ich mit mühsam beherrschtem Zittern in der Stimme. Die Worte standen bereits eine Weile im Raum, als mir bewusst wurde, dass auch Siv noch hier stand. Ich drehte den Kopf und sah sie an. Täuschte ich mich, oder war es tatsächlich Furcht, was in ihren Augen stand? Meine Mundwinkel zuckten flüchtig, dann wandte ich mich ab und wieder Fhionn zu.

  • Siv stand zwar auf und trat einen Schritt zur Seite, aber sie blieb in unmittelbarer Nähe stehen. Zum einen strahlte Corvinus in diesem Moment eine solch düstere Autorität aus, dass sie im ersten Moment ohne zu überlegen gehorcht hatte, einfach weil die Art des Aureliers nichts anderes duldete. Zum anderen wusste sie instinktiv, dass Widerspruch jeglicher Art ihn in im Augenblick nur noch wütender gemacht hätte – sie musste nachdenken, musste überlegt widersprechen, wenn sie überhaupt etwas erreichen wollte, hatte sie selbst doch auch nicht den besten Stand bei ihm. Dennoch zuckte sie minimal zusammen, als sie ihren Namen aus Fhionns Mund hörte, so leise und flehend. Sie begegnete dem Blick der anderen Sklavin und versuchte ihr mit dem ihren Mut zu machen, zu signalisieren, dass sie sie nicht im Stich lassen würde, dass sie zu ihrem Wort stand. Sie wusste nur beim besten Willen nicht, was sie tun oder sagen sollte, um Corvinus zu besänftigen. Hatte sie vorher noch den Wunsch verspürt, dass er sie in den Arm nahm und tröstete, wollte sie jetzt am liebsten verschwinden, so wütend wirkte er. Wäre es heißlodernder Zorn gewesen, sie hätte ihm ohne zu zögern die Stirn geboten. Aber die Eiseskälte, von deren Art seine Wut war, erschreckte sie, tiefer als sie sich im Moment eingestand.


    Fhionn inzwischen fand nicht nur einigermaßen ihre Fassung wieder – ihre Haltung straffte sich, und sie wirkte fast schon stolz. Als sie zunächst etwas in ihrer Muttersprache sagte und dann, auf Latein, schlicht zugab, dass sie Matho getötet hatte, glaubte Siv, sich verhört zu haben. In Kombination mit ihrer fast schon stolzen Haltung wirkten diese Worte so, als ob sie Matho kaltblütig getötet hatte, ohne tieferen Grund. Nichts merkte man von der Verzweiflung, die hinter dieser Tat stecken musste, die Siv zumindest vermutete. Und Corvinus reagierte, wie sie es vermutet hätte, hätte sie Zeit gehabt sich darüber Gedanken zu machen. Seine Miene verfinsterte sich noch mehr, gleichzeitig wirkte er auf einmal gefährlich, so sehr, dass Siv sich zusammenreißen musste, um nicht noch einen Schritt zurück zu tun. Gleichzeitig begann ein Teil von ihr, sich auf seltsame Art von ihm, seiner dunklen Art, der Gefahr angezogen zu fühlen. Siv drängte beides, den Fluchtinstinkt genauso wie die Anziehung, zurück, und wartete, bis Corvinus fertig war. Als sein Blick sie streifte, hielt ihrer dem seinen stand, auch wenn sie nicht verhindern konnte, dass ihre Augen etwas von dem, was sie empfand, widerspiegelten, etwas von der Furcht, die wieder stärker geworden war bei seinen letzten Worten, mit denen er das Kreuz erwähnte – und schon für den nächsten Morgen damit drohte. Als er sich wieder von ihr abwandte, trat sie endlich wieder direkt neben Fhionn und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie wusste nicht, ob sie diese Strafe für die Keltin verhindern konnte, aber sie würde es versuchen, bis zuletzt, wenn es sein musste. Fhionn mochte eine Strafe verdienen, aber nicht das Kreuz. Davon war Siv überzeugt. "Sie kann… recht… rechtfertigen." Siv sprach langsam, deutlich. Sie wollte, dass Corvinus sie verstand – und dazu trug nicht unbedingt bei, wenn er erst herumrätseln musste, was sie meinte. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr der Unterricht bei dem flavischen Sklaven so schnell zugute kommen würde. Allerdings kam sie nicht sonderlich weit, bis Corvinus sie unterbrach. "Matho ist schlecht. Schlecht gewesen. Kein guter Mensch. In Germanien, er hat-"

  • Während Corvinus noch näher an Fhionn herangetreten war und damit begann auf sie einzureden und mit jedem Satz lauter und bedrohlicher wurde, fürchtete sie schon, dem finsteren Blick und den messerscharfen Worten nicht standhalten zu können, ja von ihnen regelrecht zerfleischt zu werden, so wie die Klinge des Messers Mathos Brust zerfleischt hatte. Die Furcht und auch der Schrecken waren in Fhionns Antlitz zurückgekehrt und verdrängte nun auch noch das letzte Stückchen ihrer einst so aufrechten Haltung. Sie versuchte einen Schritt nach hinten zu wagen, doch ihre Waden stießen an den Stuhl an, der hinter ihr stand. Eine Rechtfertigung verlangte er. War er denn so blind? Oder hatte es Matho einfach nur so gut verstanden, seine Art zu handeln, vor den Augen seines Herrn zu verbergen?
    Corvinus´ Zorn war unübersehbar. Fhionn begann zu zittern. All den Mut, den sie sich gemacht hatte war dahin geschmolzen. Sie hatte nur noch das Bedürfnis, sich in eine Ecke zu verkriechen, sich so klein zu machen, daß niemand sie mehr sah.
    Als er schließlich auf ihre Strafe zu sprechen kam und sie erfuhr, wann es zu Ende gehen sollte, wurde der Druck in ihr immer stärker, so daß sie glaubte, zerbersten zu müssen. Sie hatte bereits gewußt, was auf sie zu kommen würde, sie kannte diese Art der Hinrichtung. Mehr als einmal hatte sie die halbverwesten, von Krähen angefressenen Leiber, die man ans Kreuz geschlagen hatte, gesehen. Nur zu gut konnte sie sich die Schmerzen ausmalen, die dieser Tortur vorausgingen und die erlitten werden mussten, bis endlich der Tod eintrat.
    Sie versuchte nach Worten zu suchen. Worte, die ihr vielleicht das Schlimmste ersparen konnten. Unter diesem Druck war es aber aussichtslos.
    Doch dann geschah etwas, womit sie nicht mehr gerechnet hatte. Siv trat plötzlich wieder neben sie und legte behutsam ihrem Arm auf ihre Schulter. Eine unbeschreibliche Erleichterung durchfuhr Fhionns Körper. Sie war nicht mehr allein. Siv war wieder da. Ihre Mundwinkel zuckten leicht, so als wollten sie ein Lächeln andeuten, doch sie wurde sich sofort wieder ihrer Lage bewusst. Die Germanin sprach das aus, was sie nicht aussprechen konnte, wo ihr einfach die Worte gefehlt hatten. Doch die Worte der Germanin erhielten prompt einen Dämpfer, als sie von Corvinus unterbrochen wurde.

  • Am Rand meines Blickfeldes kam Siv in Bewegung, trat neben Fhionn und legte ihr in vertrauter Geste die Hand auf die Schulter. Missbilligung mischte sich in die anderen Empfindungen, als ich von Fhionn zu ihr und wieder zurück sah. Ich knirschte mit den Zähnen und wartete darauf, dass Fhionn etwas - irgendetwas - erwidern würde. Da begann Siv zu sprechen, und ich sah sie grimmig an. Statt es dabei zu belassen, teilten sich ihre unverschämt anziehenden Lippen, um zuerst an Fhionns Stelle zu sprechen und schließlich sogar Partei für sie zu ergreifen. Entnervt schloss ich die Augen und schnitt ihr mit einer abrupte Geste zur Seite hin das Wort ab. "Schluss damit, ich will nichts davon hören. Schon gar nicht von einer Sklavin, die auf ihre Weise ebenfalls mein Vertrauen missbraucht hat, Siv", fiel ich ihr ins Wort, als sie danach trachtete, Matho noch nach seinem Tod zu diskreditieren. Der Tonfall war härter als ich beabsichtigt hatte, und eine leise Reue regte sich für einen winzigen Moment in mir, als ich Siv erneut darauf stieß, dass sie mich enttäuscht hatte. Doch dem war nun einmal so, da gab es nichts zu beschönigen.


    Fhionns Fassade indes schien zu bröckeln wie schlecht verarbeiteter Mörtel. Unverstehen breitete sich in mir aus, als sie immer noch nichts sagte. Ich ging also davon aus, dass sie auch weiterhin schweigen würde. Den Kopf schnüttelnd, bedachte ich die beiden vor mir stehenden Frauen mit einem abweisenden Blick. "Was haben wir den Göttern nur getan", murmelte ich vor mich hin und blickte zur Seite. Eine wegwerfende Geste begleitete meine nächsten Worte. "Verschwindet. Ich will euch beide hier nicht mehr sehen. Und Fhionn? Dies wird deine letzte Nacht in diesem Haus sein, doch glaube nur nicht, dass du unbeobachtet sein wirst", drohte ich ihr, für den Fall, dass sie versuchen würde zu fliehen. Sollte sie doch mit Siv zusammen in der Unterkunft sitzen und sich grämen, es war mir gleich. Auch, wenn bei der Vorstellung dessen ein schaler Geschmack zurückblieb. Doch als ich an Matho dachte, war auch der verschwunden.

  • Siv verstummte, als Corvinus sie unterbrach, und sie zuckte zusammen, als er erneut auf ihren Vertrauensbruch hinwies. Ja, sie hatte versucht zu fliehen, sie hatte ihn enttäuscht, aber was sollte sie tun? Sie konnte nicht mehr ändern, was passiert war, auch wenn kein Tag verging, an dem sie sich nicht mindestens einmal wünschte, es wäre anders gekommen. Und Corvinus ließ bis heute nicht zu, dass sie sich entschuldigte, wirklich entschuldigte – genauso wenig wie er Erklärungen zuließ. Und er hatte ihr bis heute nicht verziehen, was seine Worte deutlich machten. Siv spürte, wie ihre Kehle eng wurde, aber sie biss die Zähne zusammen und schob die Tränen und den Schmerz über Corvinus’ Verhalten weg. Es ging hier nicht um sie, ganz davon abgesehen wagte sie zu bezweifeln, dass sich an Corvinus’ Einstellung ihr gegenüber noch einmal etwas bessern würde – schon zu lange behandelte er sie so.


    Fhionn indessen verlor ihre stolze Haltung fast ebenso schnell wieder, wie sie gekommen war – sie schrumpfte regelrecht unter Corvinus’ harschen Worten, sie zitterte, und erst als die Germanin sie berührte, gewann sie etwas an Fassung zurück. Siv drückte mit der Hand kurz etwas fester zu, während sie Corvinus’ Blick standhielt, dann löste sie ihre Finger von Fhionns Schulter und trat einen Schritt auf ihn zu, so dass sie, Fhionn nun hinter ihr, direkt vor ihm stand. "Was ich getan, das, das… nicht wichtig. Nicht jetzt." Ihre Stimme klang immer noch ruhig, auch wenn sie nun wieder etwas schneller sprach und sich ein schwer zu definierender Unterton hineinschlich – eine Mischung aus Drängen und der Hauch von Flehen. Woran sie nicht dachte war, seinen Worten Folge zu leisten und Anstalten zu machen zu gehen. Allerdings ließ Corvinus sie auch diesmal nicht weit kommen. "Du müsst hören. Bitte. Du-"

  • "Nein." Ich presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und gab mir wahrhaftig Mühe, mich zu beherrschen. Von Fhionn kam immer noch nichts, stattdessen begann nun Siv, mich zu nerven. Ich warf ihr einen meines Erachtens unmissverständlichen Blick zu. Dennoch konnte ich nicht umhin, ihr Courage zuzugestehen. In dieser Situation und trotz des eigenen Vergehens noch für jemanden einzustehen, der nicht zu retten war, war schlicht und ergreifend mutig. Das gab ich insgeheim zu. Dennoch aktivierte sie nun allmählich die sonst so tief in meiner Selbst vergrabene Sturheit. Meine Nasenlöcher blähten sich ein wenig. Es schien alles zusammen zu kommen an diesem Abend. Eigentlich wollte ich nur noch schlafen und alles um mich herum vergessen, damit ich micht nicht weiter damit würde beschäftigen müssen. Siv begann nun erneut, mich mit eindringlichen und flehenden Worten zum Zuhören zu zwingen, und zum dritten Mal schnitt ich ihr das Wort ab, nun ihretwegen verärgert. "Es reicht", wiederholte ich und packte sie kurzerhand am Oberarm, der wunderbar weich in meiner Hand lag. Ein wenig Abwechslung hätte ich nur allzu gut gebrauchen können, doch der Gedanke war genauso schnell verdrängt, wie ich mir Sivs Flucht in Erinnerung gerufen hatte. Statt sie also an mich heranzuziehen, führte ich sie energisch zur Tür, die ich öffnete. Kurz darauf fand sich Siv davor wieder, und ich hatte mich bereits wieder abgewandt, um Fhionn auffordernd anzuschauen. "Wenn du tatsächlich nichts weiter vorzubringen hast, dann geh mir aus den Augen", sagte ich kühl.

  • Corvinus´ Worte verwiesen Siv zurück in ihre Schranken. Er hatte ihr keine Gelegenheit dazu geben wollen, das auszusprechen, wozu Fhionn immer noch nicht fähig war. Er wollte Beide nur noch aus seinem Blickfeld haben. Wohlweißlich Fhionn damit noch mehr unter Druck zu setzen, wies er sie auf ihre letzte Nacht in der Villa und damit auch auf die letzte Nach ihres Lebens hin. Dadurch verstärkte sich das Zittern nur noch mehr und sie war abermals froh, Siv in ihrer Nähe zu wissen.
    Die Germanin jedoch ließ sich nicht so einfach mundtot machen. Sie nahm all ihren Mut zusammen, schluckte ihren Schmerz hinunter und stellte sich demonstrativ vor Fhionn, so als könne sie sie damit vor dem grausamen Tod bewahren. Fhionn indes gewann dadurch wieder etwas an Sicherheit. Sie konnte sich sammeln und – hoffen. Wieder wollte Siv ansetzen, wollte ihm endlich eine Erklärung abgeben. Aber auch diesmal wusste Corvinus dies zu verhindern. Kurzerhand setzte er sie dann vor die Tür.
    Nun war er mit Fhionn allein. Noch einmal wandte er sich appellieren an die Sklavin, wobei er wahrscheinlich nicht mehr damit rechnete, noch etwas aus ihrem Mund zu hören.
    "Matho schlecht! Er schlecht zu mich, schlecht zu Siv, schlecht zu alle!" Ihre Stimme war zittrig und leise, aber sie hatte den Mut aufgebracht, sich endlich zu äußern.

  • -weißt nicht alles über Matho, hatte sie sagen wollen. Aber Corvinus ließ sie nicht weiter kommen, und auch als sie es – trotz seines Blicks, der ihr deutlich zu verstehen gab, dass es besser für sie wäre still zu sein – noch einmal versuchte, schnitt er das Wort ab. Und dieses Mal konnte sie sehen, dass er wegen ihr wütend wurde. Bevor sie noch etwas sagen oder sonst wie reagieren konnte, hatte er ihren Oberarm gepackt und brachte sie, halb schiebend, halb zerrend, zur Tür. Die Germanin versuchte nur anfangs einmal, rein aus Reflex, sich aus dem Griff zu befreien, dann hörte sie auf. Sie meinte die Anspannung zu spüren, unter der er stand, der Ärger, der in ihm brodelte, und wusste, dass es klüger war aufzugeben. Gleichzeitig wurde ihr fast schmerzlich bewusst, dass es das erste Mal seit ihrer Abreise nach Germanien war, dass er sie berührte – und wie sehr sie sich wünschte, dass seine Hand weiter wanderte, dass er sie an sich zog. Trotzdem, trotz des Risikos, seine Wut noch mehr anzustacheln, konnte sie nicht umhin, wenigstens zu versuchen sie beide zum Stehen zu bringen, auch wenn sie sich nicht mehr gegen seinen Griff wehrte.


    Corvinus allerdings hielt erst an der Tür an, durch die er sie hindurch schob, bevor er sie losließ und sich Fhionn zuwandte, ohne sich noch weiter um sie kümmern. Und Siv stand da, sah seinen Rücken an, hörte seine Worte und fühlte Verzweiflung in sich aufkeimen. Er würde nicht zuhören. Ihr nicht, und Fhionn auch nicht, die gerade, endlich, antwortete. Sie wusste nicht, ob es einen Unterschied gemacht hätte, hätte die Keltin gleich so geantwortet. Aber jetzt… Siv biss die Zähne zusammen und trat erneut einen Schritt vor, der sie zumindest auf die Schwelle der Tür brachte – hineingehen ins Zimmer konnte sie nicht, da Corvinus ihr im Weg war. Es ging um Fhionns Leben, was blieb ihr anderes übrig, als weiter zu versuchen, ihn zum Zuhören zu bewegen? „Corvinus.“ Ihre Stimme war leise. Ihn beim Namen zu nennen erschien ihr als letzte Möglichkeit, zu ihm durchzudringen – aber sie wusste auch, dass sie ihn damit möglicherweise nur noch wütender machte, wenn sie sich erdreistete, ihn in dieser Situation so vertraut anzureden. „Bitte, glaub.“ Aber welchen Grund sollte er haben, ausgerechnet ihnen zu glauben – sie, die versucht hatte zu fliehen, Fhionn, die noch vor einer knappen Stunde Matho getötet hatte, und das auf eine Art, die es jedem schwer machen würde zu glauben, dass es letztlich Notwehr gewesen war. Ein Ausweg, der einzige, den die Keltin offenbar gesehen hatte in einer Situation, die ihr ansonsten ausweglos erschienen sein mochte.

  • Ich schloss die Augen, als Siv mich beim Namen nannte. Ich wusste um die Seltenheit dessen, doch ich durfte mich jetzt nicht beirren lassen. Glücklicherweise sprach Fhionn in diesem Moment, und auch sie suchte danach, Matho zu diskreditieren. Meine Wut nahm rapide ab, zurück blieb der Ärger und das Gefühl, zur falschen zeit am falschen Ort zu sein. Ich wünschte mich einfach nur fort, weg von hier, weit weg von der Verantwortung, die so schwer auf meinen Schultern lastete in diesem Moment. Ich konnte es nicht verantworten, dass Fhionn ob dieser Schuld am Leben blieb. Und ich konnte es nicht verantworten, dass sie Matho in den Schmutz zog. Obwohl nur ein Sklave, so hatte er dies nicht verdient. Dieser Meinung war ich, und sie vertrat ich auch. Selbst, wo Siv hinter mir flehte, es zu glauben. Doch wie könnte ich das, wo ich ihr doch auch geglaubt hatte, dass sie mich nicht hintergehen würde?


    "Nein, ich glaube es nicht. Und das war mein letztes Wort. Raus jetzt", entgegnete ich emotionslos und seltsam ruhig. Vielleicht aber wirkte es gerade deswegen so drohend. Ich machte einen Schritt zur Seite, damit Fhionn ebenfalls den Raum verlassen konnte.

  • Die Worte des neuen Majordomus waren Orestes immer noch vor Augen, als er langsam, aber unweigerlich am Arbeitszimmer von Corvinus angekommen war. Er sah Siv auf dem Gang stehen "Bitte glaub", meinte er sie fast flüstern zu hören - auch wenn er sich nicht sicher war da er erste Geräusche vom Hof - von Brix und einem anderen Sklaven - hörte, die begannen die Leiche beiseite zu räumen.


    Die Gedanken und Gefühle liefen in seinem Kopf immer noch wild durcheinander und es war schwer einen klaren Gedanken zu fällen, vielmehr waren es Fetzen von Gedanken, die immermehr Verwirrung erzeugten, als er vor der Tür, in der Siv stand, stehenblieb. Er zögerte nach ein paar endlosen Augenblicken, in denen er an Siv vorbei in das Arbeitszimmer gestarrt hatte, Corvinus sie noch einmal angeherrscht hatte und Orestes weiter versuchte klar im Kopf zu werden sprach er Siv an: "Was soll Corvinus glauben?"

  • Auch Siv ließ nichts unversucht, um Corvinus von der Wahrheit zu überzeugen. Doch ihre Worte, genauso wie die von Fhionn prallten an ihm ab. Seine Meinung stand für ihn fest und daran gab es nicht mehr zu rütteln. Fhionn hatte bereits damit gerechnet, selbst nichts mehr ausrichten zu können. Nun gab es nur noch eins, sich seinem Schicksal zu ergeben.
    Die Abfuhr, die er ihr erteilt hatte, demontierte sie nun zusehends. Die Emotionslosigkeit, mit der es getan hatte, nahm ihr auch die letzte Hoffnung. Für Corvinus war sie bereits tot.
    Gesenkten Hauptes ging sie auf die Tür zu, dort wo Siv noch stand und dort, wo sich nun auch noch Orestes eingefunden hatte. Bevor sie die Tür durchschritt, erhob sie noch einmal ihren Blick. Ihre feuchten Augen streiften Siv und Orestes. Selbst er hatte ihr nicht mehr helfen können, obwohl sie ihm doch Verttrauen entgegen gebracht hatte. Dann lief sie den Korridor entlang, zur Unterkunft.
    Diese letzte Nacht, die sie noch hatte, würde sie nicht zum Schlafen nutzen. Dafür war sie zu kostbar. Sie brauchte Zeit um sich zu sammeln und um sich vorzubereiten, damit sie am Ende mit denen, die bereits vorausgegangen waren, wieder vereint würde.

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