servitriciuum | Die letzte Nacht

  • Ungeachtet der verbalen Schläge, die auf sie niederprasselte, blieb sie unbewegt stehen. Ausdruckslos war ihr Gesicht, welches er sowieso nicht sehen konnte, da es zum Boden hin gerichtet war. Da sie bereits in der letzten Nach mit allem abgeschlossen hatte, was jemals wichtig für sie gewesen war, konnten sie ihr die Einzelheiten in Corvinus´ Urteilsspruch nur wenig anhaben.
    Noch zwei Monate würden ihr bleiben, zwei Monate, die zur Hölle für sie werden würden, wenn es in seinem Ermessen lag und das würde es tun, daran zweifelte sie keinen Augenblick mehr.
    Erst als er seine Drohung aussprach, er würde ihre Familie strafen, sofern sie sich etwas antun würde, sah sie auf. Damit hatte er sie an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen, an der er sie hätte jemals treffen können. Du wirst niemanden mehr vorfinden! Das wollte sie ihm entgegen schleudern, tat es aber dann doch nicht. Lag darin ihr Vorteil, als letztes Mittel doch noch den eigenen Tod zu wählen? Der Tod hatte längst seien Schrecken verloren. Spätestens seit letzter Nacht würde sie ihn freudig begrüßen, wenn er eines Tages vor ihrer Tür stehen würde.
    Sie ging, als er es ihr befahl, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie ging, ohne Brix und die anderen Sklaven, die sich vor dem officium zusammengefunden hatten, noch einmal in deren Gesichter zu blicken.

  • Jeder, der auf dem Flur stand, war in seine eigenen Gedanken versunken. Vielleicht hätte Brix zu Tilla gehen und sie trösten sollen, aber seine Rolle als Maiordomus war noch viel zu neu und das Geschehene auch für ihn ein zu großer Schock. Er dachte in diesem Moment nicht daran. Es wurde ihm erst klar, dass es ein Fehler gewesen war sie nicht weiter zu beachten, als sie erneut zur Tür huschte und sie einen Spalt breit öffnete – und Corvinus die Tür im nächsten Moment heftig aufriss. Brix zuckte zusammen und sah erschrocken zu seinem Herrn, während Siv weiterhin teilnahmslos an die Wand gelehnt da stand. Auch das war etwas, was dem Germanen in seiner neuen Position hätte auffallen müssen, und auch das entging ihm. Die Nacht war lang gewesen, zu viel war passiert. Tilla hingegen wurde von Corvinus zurückgestoßen und landete auf dem Boden, während die Tür sich wieder schloss. Trotz der erneuten Abweisung aber schien die kleinen Sklavin entschlossen zu sein, in dieses Zimmer zu gelangen. Sie rappelte sich auf, lief hin und wollte auf das Holz eintrommeln, aber diesmal reagierte Brix und hielt sie auf. "Nicht, Tilla. Lass es gut sein." Seine Stimme klang irgendwie brüchig und rau, hatte er das Gefühl, und ebenso hatte er das Gefühl, er müsse mehr sagen, aber ihm fiel beim besten Willen nicht ein, was. Ein hilfesuchender Blick traf Siv, aber die stand nach wie vor einfach nur da, das Gesicht unnatürlich blass, die Augen starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, ohne sie jedoch wirklich zu sehen. Es schien, als ob sie überhaupt nicht mitbekam, was hier vor sich ging. Brix bekam das Gefühl, dass ihm das Ganze hier über den Kopf zu wachsen drohte, noch bevor sein erster Tag als Maiordomus überhaupt richtig begonnen hatte.


    Bevor ihm etwas einfallen wollte, war Tilla auch schon weinend davon gelaufen. Und der große Germane seufzte kaum hörbar. Wieder stellte er sich neben Siv, musterte sie kurz von der Seite und setzte an, etwas zu sagen – ließ es aber dann doch. Und Siv stand weiter da und starrte vor sich hin. Sie hatte tatsächlich nichts von dem mitbekommen, was vorgegangen war. Sie fühlte sich… seltsam losgelöst von sich selbst, als ob es gar nicht sie wäre, die dort stand und wartete. Seit sie zum ersten Mal allein gewesen war, nachdem sie Mathos Tod beobachtet hatte, fühlte sie sich taub und kalt. Davor war es… noch anders gewesen. Alles war so schnell passiert – der Mord, die Alarmierung von Corvinus, den sie geweckt hatte. Die erste Befragung, und wie sie versucht hatte auf ihn einzureden. Fhionns Leben zu retten. Dann die Nacht, die die Keltin und sie im Atrium verbracht hatten, die meiste Zeit schweigend, aber doch miteinander. Da hatte es zum ersten Mal angefangen, dass die Bilder vor ihren Augen tanzten. Aber sie hatten sich noch vertreiben lassen, war doch stets jemand da gewesen. Nur als sie dann allein gewesen war, da hatte sie sie nicht mehr vertreiben können. Da waren sie geblieben und hatten begonnen, diesen irren Reigen aufzuführen in ihrem Kopf. Zuerst noch war sie standhaft gewesen, hatte versucht, dem zu trotzen, irgendwie damit fertig zu werden, aber es war ihr nicht gelungen. Die Tränen versiegten, je apathischer sie wurde, und als sie von Corvinus befragt worden war, war sie schon nicht mehr wirklich in der Lage gewesen, mehr zu tun als einfach nur auf seine Fragen zu reagieren – die immerhin etwas Ablenkung boten. Doch seit sie erneut hier draußen stand und wartete, schien es für den Moment gänzlich mit ihrer Beherrschung vorbei zu sein. Nichts davon zeigte sich nach außen. Sie stand einfach nur da. Innerlich jedoch hatte der Reigen die Oberhand gewonnen, der ihren Geist davon trieb, irgendwohin, wo er nicht mehr so direkt diesem kreisenden, wirbelnden, tobenden Tanz ausgesetzt war, bestehend aus roten Bildern, aus Blut, das überall hinkroch, über ihre Füße, ihre Kleider, sich schlangengleich ihren Körper hinaufwand und sich einen Weg in ihren Mund, ihre Nase und ihre Ohren suchte, nur unterbrochen von einem gelegentlichen Aufblitzen eines länglichen Gegenstands, der sich hob und senkte.


    Als Fhionn die Tür öffnete und aus Corvinus’ Officium hinaustrat, merkte Siv auch davon nichts. Nur Brix sah auf und musterte die Keltin, wollte etwas sagen – und schwieg dann doch, als er den Ausdruck auf Fhionns Gesicht sah. Er vermochte nicht darin zu lesen, dennoch hielt es ihn ab, etwas zu sagen. Und die Keltin beachtete weder ihn noch Siv, sondern ging wortlos an ihnen vorbei und verschwand. "Was für ein Chaos", murmelte der Germane erschöpft, dann streifte ein erneuter Seitenblick die regungslose Siv. Wieder setzte er dazu an, etwas zu sagen, schüttelte gleich darauf jedoch den Kopf und ging hinüber zu der Tür, die Fhionn offen gelassen hatte. Auf der Schwelle blieb er stehen und klopfte leicht an. "Gibt es noch etwas, was ich tun kann, Dominus?"

  • Fhionn war gegangen. Ich setzte mich, blickte eine Weile stumm im Zimmer umher. Dann stützte ich die Ellbogen auf die Tischplatte und legte die Hände aneinander, die Handkanten an meine Nase und seufzte tief. Es war alles zu viel gewesen heute. Ich hoffte, dass ich meine Entscheidung nicht bereuen würde. Noch ahnte ich nicht, dass es rund ein Vierteljahr dauern würde, bis Fhionn endlich fort war und wir alle wieder ruhig würden schlafen können.


    Plötzlich stand Brix in der Tür. Ich öffnete die Augen wieder und sah ihn an. "Nein. Das heißt... Doch. Lass mir was zu essen herkommen. Irgendwas. Und besorg mir etwas gegen diese Kopfschmerzen", wies ich ihn ziemlich unhöflich an. Ich lehnte mich weit im Stuhl zurück, drückte mit den Fingerspitzen gegen die geschlossenen Lider und atmete tief ein und aus. Derweil entfernten sich Brix' Schritte, und er war so geistesgegenwärtig, um Siv nicht darum zu bitten, ein kräftiges Frühstück zusammenstellen zu lassen. So nahm dieser Tag seinen Anfang, und am Abend ließ ich die cena aus und begab mich gleich zu Bett.


    ~ finis ~

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