[CAMERA] Der Unterricht einer Vestalin

  • Die Frage kam für mich etwas überraschend, da ich erst mit einigen Erläuterungen und dann einigen Fragen gerechnet hatte. Trotzdem antwortete ich recht schnell.


    "Du hast die Religio Romana mit einem Vertrag verglichen. Wir erfüllen unsere Pflichten mit Gebeten, Opfern und Riten, um die Götter nicht zu erzürnen. So erhalten wir den friedlichen Zustand zwischen dem römischen Volk und dem römischen Staat auf der einen Seite und den Göttern auf der anderen Seite.
    Das Prinzip unserer Religio ist "do ut des"."


    Ich erinnerte mich noch gut an den Vergleich, weil er mir recht neu war. Zum Glück hatte ich mir einiges notiert und am Abend noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

  • Asinia Atilla


    Atilla nickte zufrieden. Dann kam sie endlich auf das Thema zu sprechen, das sie behandeln wollte.


    "Die stärkste Manifestation dieser Vertraglichkeit ist das Gelübde. Ein Gelübde ist gewissermaßen ein Sondervertrag. Ich bitte die Gottheit um einen Gefallen, dafür verspreche ich ihr beispielsweise eine Votivgabe, einen Altar oder vielleicht auch nur ein größeres Opfer.


    Erfüllt die Gottheit ihren Teil der Abmachung, ist der Bittende ebenfalls verpflichtet, den seinen zu erfüllen. Wenn man sich etwa Apollo-Tempel ansieht, kann man gut erkennen, wie beliebt diese Form der Religion ist. Dort stehen fast immer zahlreiche Votivgaben, die gewissermaßen Zeichen der göttlichen Macht sind.


    Kannst du mir ein Beispiel für Votivgaben nennen, wie sie etwa Apollo gestiftet worden sein könnten?"


    Diese Frage war eine gekoppelte, denn nun verlangte sie, ein typisches 'Betätigungsfeld' des Apoll, sowie ein Beispiel für eine Votivgabe dieses Feldes zu benennen.




  • "Apollo, Gott des Lichts und der Sonne" dachte ich laut.


    "Eine Votivgabe für Apollo könnte beispielsweise eine kleine Statue sein. Ein Musiker könnte eine solche zum Tempel gebracht haben, für eine gelungene Vorstellung seines Könnens um die er Apollo gebeten hatte. Die Statue wäre eine Apollo-Statue vielleicht mit einer Lyra, um den Grund der vorgebrachten Bitte genauer hervorzuheben.
    Wahrscheinlicher ist vielleicht sogar noch eine Nachbildung eines Körperteils dass Apollo wieder gesunden lassen soll. Schließlich wird er auch darum gebittet."

  • Asinia Atilla


    Auch diese Antwort war korrekt. Eine Weile war die Vestalin zwar etwas verwirrt gewesen, weil Calvina einen Aspekt Apollos betonte, der ihr in diesem Zusammenhang nicht ganz so wichtig schien, dann kam sie jedoch auf die klassischen Bitten an den Gott der Heilkunst. So konnte sie alles abnicken.


    "Ein solches Körperteil oder eine Statue trägt dann häufig die Buchstaben 'V.S.L.M.'. Kannst du mir auch sagen, was das zu bedeuten hat?"


    fragte sie dann. Heute würde sie wesentlich mehr fragen als am gestrigen Tage, hatte sie beschlossen.




  • Ich nickte wissend.


    "V S L M bedeutet votum solvit lubens merito *"


    Erwartungsvoll blickte ich die Vestalin an. Ich war sicher dass die Fragen nun schwerer würden und sehr viel detailierter.



    Sim-Off:

    *=Das Gelübde wurde gern und verdientermaßen eingelöst

  • Asinia Atilla


    Dass Calvina dies wusste, war eigentlich relativ klar. Aber sofort kam die alte Vestalin auf den eigentlichen Punkt zu sprechen.


    "Wieder richtig. Dann können wir zum eigentlichen Tagesstoff kommen: Hast du schon einmal ein Opfer abgehalten?"


    fragte sie erneut. Das Frage-Antwort-Spiel war ihrer Meinung nach wesentlich geeigneter, zumal sie eine große Freundin des Sokrates war, der das Fragen geradezu zum Ideal der Bildung gemacht hatte.




  • Ich schüttelte den Kopf.


    "Nein. Ich war zwar bei Opferungen dabei, aber selbst habe ich noch keines geleistet."


    Die Antwort kam schnell und direkt. Tatsächlich war ich bei der ein oder anderen Opferung, besonders auf dem Land, dabei gewesen. Aber selbst vollzogen? Nein das hatte ich noch nie.

  • Asinia Atilla


    Diese Antwort hatte die Asinierin beinahe erwartet. Zwar war es Frauen durchaus erlaubt, dem Cultus Deorum beizutreten, dennoch gab es - besonders auf dem Land - mehr männliche Sacerdotes. Und zu Hause war sowieso der Pater Familias der Hauspriester. Aber immerhin hatte sie schon zugesehen - das wiederum war für eine junge Dame ihres Alters geradezu zu erwarten.


    "Nun, das ist kein Problem. Erinnerst du dich denn, wie ein solches Opfer im Allgemeinen abgelaufen ist?"




  • Nachdenklich schaute ich zur Seite. Ich ordnete meine Erinnerungen und schaute dann wieder zur Vestalin.


    "Ich erinnere mich daran dass jeder der den Tempel betrat, sich vorher an Waschbecken vor dem Tempel wusch. Meine Mutter sagte ich müsse rein und sauber sein.
    Vor der Opferung gab es eine Weihrauch gabe. Ich erinnere mich noch gut an den Geruch.
    Bei den kleinen Opfergaben wie Früchten oder Wein, wurden die Geschenke auf den Altar getragen und dem Gott dargeboten.
    Ich habe nicht viele große Opfer erlebt. Aber ich weiß dass die Tiere die geopfert werden, vorher geschmückt wurden. Das Tier wurde dann zum Opfertisch gebracht und festgemacht. Es folgte Musik und ein Gebet des Priesters. Dann wartete der Schlächter auf die Zusage des Opferleiters. Er schnitt dann den Hals des Tieres auf und das fließende Blut wurde in Schüsseln gesammelt, schließlich wurden die Eingeweide des Tieres entnommen und in eine Schale gelegt um die Analyse der Innereien vorzunehmen. Erst wenn die Analyse zufriedenstellend war, war auch das Opfer angenommen.


    Das ist alles was mir einfällt. Bestimmt habe ich Details vergessen."


    Ich war nicht sicher ob es tatsächlich stimmte was ich sagte. Es war länger her und die Opferungen waren mir nicht mehr so deutlich vor Augen. Hätte ich damals schon gewußt dass ich Vestalin werde, hätte ich wohl besser aufgepasst. Aber ich war mir sicher bald zu lernen wie genau so eine Opferung auszusehen hatte.

  • Asinia Atilla


    Atilla wartete geduldig und hörte sich dann die Erzählung an. Im Prinzip hatte sich Calvina die meisten wichtigen Dinge, die bei einem Opfer zu beachten waren, gemerkt. Dennoch machte die erfahrene Vestalin noch einige Anmerkungen:


    "Was du berichtest, entspricht den römischen Sitten. Es ist allerdings auch wichtig, vor dem Opfer das Opfertier zu überprüfen: Es dürfen den Göttern nur makellose Tiere dargeboten werden. Außerdem ist es wichtig, die Opferhandlungen korrekt auszuführen und die Opfergebete fehlerfrei zu sprechen - nur ein korrekt ausgeführtes Opfer hat Aussichten auf Erfolg.


    Das Genauere, insbesondere Fragen zur Eingeweideschau und den speziellen Opfergaben werden wir später besprechen. Zuerst aber Allgemeines:


    Ein Opfer kann blutig oder unblutig sein, wobei ein blutiges Opfer zumeist auch unblutige Opfergaben im Voropfer enthält. Wir besprechen also nur das blutige Opfer, auch wenn viele unserer Opfer nur unblutig sind.


    Das Opfer beginnt, wie du bereits erkannt hast, mit einer rituellen Reinigung. Insbesondere drei Dinge schließen den Menschen von einer kultischen Handlung aus. Weißt du, welche das sind?"




  • Das war nun tatsächlich eine etwas schwerere Frage und ich war mir nicht sicher ob ich das genau wußte.


    "Wenn ich mich richtig erinnere, waren es Krankheit, Schwangerschaft und bei Frauen besonders wenn sie gerade die Blutung hat."

  • Asinia Atilla


    Wieder nickte Atilla. Calvina wusste tatsächlich viel und diese Wiederholung war wohl eher eine kleine Auffrischung ihres Allgemeinwissens. Dennoch musste sie gemacht werden.


    "Diese Dinge schließen auch uns von den Opferhandlungen und vielen Diensten im Tempel der Vesta aus.


    Aber zurück zum Opfer. Dieses beginnt nach der Reinigung mit dem Voropfer, das häufig innerhalb des Tempels der Gottheit vollführt wird. Dabei werden die Gaben der Gottheit präsentiert - wie du schon sagtest - und meist auch ein Opfergebet gesprochen. Was dann mit dem Opfer geschieht, ist unterschiedlich. Teilweise wird es verbrannt, teilweise aber auch nur eine Zeit lang im Tempel hingestellt. Die Priester haben dann zumeist das Vorrecht, die Opfergaben zu verbrauchen, soweit es sich um Speisen handelt. Hier enden unblutige Opfer.


    Beim Blutigen hingegen findet eine mehr oder weniger große Prozession statt - bis zum Opferaltar eben. Er befindet sich meistens vor dem Tempel oder in einem Hain. Dabei wird das Opfertier, aber auch Musikanten und häufig Götterstatuen und Ähnliches mitgeführt. Dort erst beginnt das eigentliche Opfer. Das Tier wird begutachtet und entkleidet. Dann wird es der Gottheit geweiht. Dies geschieht gewöhnlich mit Mola salsa, einer Substanz, die wir Vestalinnen herstellen - darauf komme ich aber zu einem anderen Zeitpunkt.


    Eine Alternative ist etwa Wein. Danach wird das Tier von seinem Schmuck befreit und symbolisch vom Opferherrn - also etwa dem Priester - entkleidet. Dann wird häufig ein weiteres Gebet gesprochen und das Tier wird geschlachtet. Nicht alle Tiere werden dabei angebunden. Bei einem Schaf hält der Opfermetzger das Tier häufig nur fest und schneidet mit einer Hand die Kehle durch. Auch ein Priester sollte einen derartigen Schnitt hinbekommen, auch wenn es bei großen Opfern praktisch immer von einem Fachmann, der meist Metzger ist, erledigt wird.


    Dann werden die Vitalia entnommen und überprüft. Auch dies sollte jede Vestalin können, obwohl es dafür Spezialisten gibt. Weißt du, wie man sie nennt?"


    nach so viel Gerede musste Atilla erst einmal Luft holen und auf die Antwort der Frage warten.




  • Asinia Atilla


    Wie so oft, musste Atilla auch diesmal nicken. Dann fuhr sie fort.


    "Korrekt. Man nennt dies die Disciplina Etrusca. Auch du wirst diese eines Tages ein wenig lernen müssen. Das angenommene Opfer bezeichnet man als Litatio. Ist es nicht angenommen, muss das Opfer wiederholt werden - der Opfernde hat vermutlich etwas falsch gemacht."


    Sie rollte umständlich die Rolle mit dem Lernstoff zusammen und sah dann endlich auf.


    "Du hast heute erneut sehr gut gearbeitet. Zur Belohnung beenden wir den Unterricht ein wenig früher und du darfst die Stadt besuchen. Nimm aber eine unserer Sklavinnen mit!"


    Sie wartete einen Augenblick, dass Calvina die Freude darüber genießen konnte. Dann meinte sie jedoch


    "Ich gebe dir aber auch eine Aufgabe bis morgen. Schreibe mit auf einer Wachstafel die zehn deiner Meinung nach wichtigsten Gottheiten mit ihren Zuständigkeitsbereichen auf. Morgen früh werde ich sie kontrollieren und wir sprechen ein wenig darüber."


    Damit erhob sie sich, verabschiedete sich und verließ den Raum um sich an das Mittagessen zu machen.




  • Ich nickte strahlend, denn ich freute mich sehr auf einen Marktbesuch. Nachdem die Vestalin den Raum verlassen hatte ging auch ich in mein Zimmer, machte mich zurecht und ging mit einer Sklavin in Richtung Markt.

  • Am nächsten Morgen brachte ich wie es mir aufgetragen wurde, die Wachstafel mit auf der ich die wichtigsten Gottheiten Roms aufgeschrieben hatte.


    1. Iuppiter, er ist der höchste Gott und Schwurgott. Zuständig für Blitz und Donner.
    2. Neptunus, er ist Gott des Meeres und fließenden Wassers. Außerdem ist er der Schutzherr der Seefahrer und Herr über Sturm und Flaute.
    3. Iuno, sie ist die höchste Göttin und Schutzherrin der Ehe, der Familie und der Mütter.
    4. Ceres, sie ist die Erdgöttin und Fruchtbarkeitsgöttin. Sie ist Herrin der Erdkräfte, des Reifens und des Wachstums.
    5. Apollo, er ist Orakelgott und Gott der Herden, der Poesie, des Lichtes und der Sonne, der Städtegründer, Sänger und Musiker. Außerdem wird er zur Heilung von Wunden und Gesundung bei Krankheit angerufen.
    6. Diana, sie ist Natur- und Fruchtbarkeitsgöttin. Sie ist Schutzherrin der Frauen und der Jagd und Helferin bei Geburten. Außerdem ist sie Göttin des Mondes.
    7. Minerva, sie ist die Stadtgöttin Roms. Außerdem ist sie die Göttin der Handwerker, Lehrer und Künstler. Sie ist auch Göttin der Weisheit, Schutzgöttin der Helden und des Ackerbaus.
    8. Mars, er ist Gott des Krieges und der Schlachten.
    9. Venus, sie ist Göttin der Liebe, des Begehrens und der Gärten. Sie ist auch die Göttin der Schönheit.
    10. Vesta, sie ist die Göttin des Herdfeuers und der Familieneintracht. Sie garantiert das Heil des römischen Staates.


    Ich war mir nicht sicher ob diese Liste zufriedenstellend war, schließllich gab es noch einige wichtige Götter. Aber ich sollte ja nur 10 davon aufschreiben.

  • Asinia Atilla


    An diesem Tag kam Atilla zu spät und als sie den Raum betrat, war Sergia bereits anwesend. So grüßte die Vestalin die Amata und nahm die Tafel entgegen. Eine ganze Weile studierte sie die Götternamen und die angefügten Zuständigkeiten. Schließlich hob sie den Kopf und meinte


    "Alles in Allem ganz gut, allerdings hast du einen sehr bedeutenden Aspekt des Mars übersehen: Neben dem Krieg ist er auch für die Felder zuständig. Er gehört zu den am längsten verehrten Gottheiten und wurde bereits von den Bauern, die Rom gründeten, gelobt.


    Außerdem gehört auch Mercurius zu den wichtigen Göttern, den Dei Consentes, die überall im Reich verehrt werden und den griechischen Gottheiten entsprechen."


    Sie gab die Tabula zurück und erhob sich, um sich einen weiteren Papyrus-Bogen aus dem Regal zu nehmen. Dann setzte sie sich erneut.


    "Wir werden uns heute ein wenig die verschiedenen Gottheiten ansehen, wie du dir denken kannst. Es gibt verschiedene Einteilungen, die im Laufe der Zeit verändert wurden. So etwa die Göttertrias. Es gibt eine alte und eine neue: Kannst du mir sagen, wer jeweils dazu gehört?"


    Sie sah auf und blickte Calvina fragend an.




  • Asinia Atilla war etwas später gekommen, aber sie nahm sofort meine Wachstafel und gab einige Bemerkungen dazu ab. Ich machte mir Notizen, als sie mir dann schließlich eine Frage stellte.


    Ich musste etwas überlegen, denn über die alte Göttertrias war mir nicht viel bekannt. Ich hatte davon gehört und meine Mutter hatte sie mir bestimmt einige Male aufgezählt. Ich versuchte mich zu erinnern und kam letztendlich doch noch auf die Antwort.


    "Zu der alten Göttertrias gehörte Iuppiter, Mars und Quirinus. Die neue Göttertrias besteht ebenfalls aus Iuppiter, dazu kommen aber nun Minerva und Iuno."

  • Asinia Atilla


    Wieder nickte Atilla.


    "Wie immer: Richtig! Wenn du das weißt, kannst du mir sicher auch sagen, welche Götter ein Händler bei Vertragsabschluss anrufen könnte."


    Gespannt, ob Calvina die Antwort herausfinden würde, legte die Alte den Kopf schief und sah die Amata an.




  • Ich musste lächeln und an mein erstes geschriebenes Opfergebet denken. Dem dort erwähnten Gott könnte man sicherlich auch danken für einen erfolgreichen Handel. Aber ich konzentrierte mich wieder und erinnerte mich daran dass ich nun Vestalin war und die Antworten dementsprechend ausfallen sollten.


    "Mercurius wäre die wahrscheinlichste Möglichkeit um für Unterstützung zu danken oder um jene zu bitten. Die Göttinen Abundantia oder Annonna wären ebenfalls möglich da sie auch für den Handel verantwortlich sind."

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