[CAMERA] Der Unterricht einer Vestalin

  • Pomponia Pia


    Pia nickte sehr knapp, um zu signalisieren, dass sie zufrieden war. Dann sah sie auf ihren Plan. Sie wollte gerade zu Sprechen ansetzen, als ihr etwas in den Sinn kam: Sie hatte doch eine Hausaufgabe gegeben! Das hätte sie beinahe vergessen!


    "Sergia, ich habe ganz deine Aufgabe für heute vergessen: Lies deine Liste vor!"


    Sie lehnte sich zurück, gefasst darauf, sich eine etwas längere Erklärung anzuhören und sie dann zu kommentieren.




  • Natürlich, die Hausaufgabe. Die hatte ich ganz vergessen.


    Ich nahm eine Rolle Papyrus die vor mir lag und las daraus vor:



    Mögliche Opfergaben für die Götter


    Opfergaben können unblutig und blutig sein. Vor jeder Opferung gibt es eine Weihrauchgabe, die den Kontakt mit dem Götterreich herstellt.


    Mögliche unblutige Opfer sind:


    - Feldfrüchte und Baumfrüchte
    - Dinkelkuchen oder Dinkelplätzchen
    - Blumen
    - Geld


    Zu den unblutigen Opfern gehören auch die Trankopfer, die sehr wichtig sind und eigentlich bei keiner Opferung fehlen sollten.


    Beispiele für Trankopfer sind besonders:


    - Wein
    - Bier
    - Honig


    Blutige Opfer, die als größte Opfergabe gelten, können sein:


    - Rinder, diese sind am teuersten und somit die größte Opfergabe
    - Schweine
    - Schafe


    - Ziegen, Hunde, Esel und Vögel werden ebenso genutzt, allerdings sind diese besonderen Gottheiten, Gegebenheiten oder Wesenheiten vorenthalten


  • Pomponia Pia


    Auf äußerst adlig wirkende Weise zog Pomponia Pia eine Augenbraue nach oben und betrachtete Calvina ein wenig kritisch.


    "Hatte ich nicht eigentlich eine Liste der Opfergaben für die Hauptgötter verlangt? Was du geschrieben hast, ist mir ein wenig allgemein gehalten!"


    Tatsächlich hatte sie eine Liste erwartet, bei der jedem Gott bestimmte Opfergaben zugewiesen waren. Sie wollte, dass Calvina wusste, wem sie was zu opfern hatte!


    "Kannst du deine Opfergaben vielleicht aus dem Stegreif konkreter auf die Hauptgötter zuteilen?"




  • Meine Hausaufgabe war also nicht korrekt. Ich hatte Pomponia Pia tatsächlich missverstanden. Nun musste ich nachdenken, denn auf Anhieb alle Hauptgötter und deren Opfertiere aufzusagen, war durchaus viel.
    Ich fing erst einmal mit der Trias an.


    "Iupiter opfert man üblicherweise weiße Tiere. Vornehmlich Ochsen. Iuno opfert man bevorzugt Kühe, auch diese sollten weiß sein. Für Minerva gilt dasselbe."


    Nun kam ich zu den anderen Hauptgöttern. Ich atmete einmal ein und aus. Meine Antwort kam langsam und ich machte einige Pausen.


    "Der Vesta werden zumeist Kühe geopfert, aber auch Schafe oder Ziegen sind möglich. Selbiges gilt für Ceres, Venus und Diana, die Opfertiere sind bei ihnen üblicherweise weiß.
    Mars und Neptun werden normalerweise Stiere geopfert. Mars rote und Neptun weiße.
    Apollo werden weiße Ochsen geopfert, ebenso Mercurius. Schließlich fehlt noch Vulcanus, ihm werden üblicherweise rote Ochsen geopfert."

  • Pomponia Pia


    Die Vestalis Maxima nickte huldvoll. Da hatte Calvina sich ja gerade noch einmal herausgewunden! Ansonsten hätte es zweifelsohne Extra-Arbeit für sie gegeben.


    "Nungut. Das werde ich ausnahmsweise gelten lassen. Machen wir lieber weiter - du musst noch viel lernen!"


    Sie blickte wieder einmal auf ihre Rolle und meinte dann


    "Was weißt du zu den Matronalia?"




  • Ich nickte. Das war wirklich knapp. Zum Glück war mir alles eingefallen.


    "Die Matronalia werden am 1. März gefeiert. Es ist ein Festtag zu Ehren Iunos.
    In unserem Tempel wird das Feuer der Vesta neu entfacht. Am Tag nach den Matronalia beginnt die Fastenzeit bis zur Cerialia."

  • Pomponia Pia


    Auch dies war korrekt und so nickte Pia knapp.


    "Das ist richtig. Ursprünglich war der Kalenden des März der Beginn des neuen Jahres. Erst durch die Antrittszeit der Consuln am ersten des Ianuar wird auch das Jahr nun früher begonnen.


    Du hast bereits gesagt, dass wir an diesem Tag das Feuer der Vesta neu entfachen - nun weißt du, warum."


    erklärte sie zuerst das Datum der Matronalia.


    "Die Matronen begehen an diesem Tag eine eigene Feier, die außerhalb Roms stattfindet, doch wir bleiben hier in Rom. Es findet ein Ritual auf dem Forum statt, wobei ich das Feuer aus zwei Stöcken reibe. Der brennende Zunder wird anschließend in einem Sieb, den wir Cribrum nennen, in einer Prozession in den Tempel getragen. Natürlich gibt es davor ein Opfer.


    Es ist eine überaus wichtige Feier. Das Feuer weiht sich von selbst, daher ist es nicht notwendig, irgendwelche besonderen Riten am Feuer selbst zu vollziehen - das Opfer zu Beginn sichert gewissermaßen den Segen von Vesta.


    Dennoch ist natürlich alles strengen Regeln unterworfen, aber ich denke, du wirst sie bis dahin ohnehin vergessen, deshalb schlage ich vor, du informierst dich besser unmittelbar zuvor."


    Sie wartete, ob Calvina noch Fragen hatte, dann fuhr sie fort.


    "Als nächste wichtige Zeit kommen die Iden des Maius im Jahreskreis. An diesem Tag gibt es körperliche Arbeit für uns: Wir müssen den Speltweizen, der auf unserem Feldern vor den Toren der Stadt wächst, abernten und ihn anschließend mit Handmühlen, die noch aus den Zeiten des Numa Pompilius stammen, zermahlen. Dabei wird jede helfende Hand gebraucht!"




  • Den Verweis auf die strengen Regeln merkte ich mir. Mittlerweile hatte ich sehr wohl gespürt wie streng die Regeln hier waren. Aber es störte mich eigentlich nicht. Ich fand es sogar angenehm. Klare und strikte Regeln bedeuteten einen klaren Ablauf der Dinge, einen Rahmen an dem man sich festhalten kann, einen Rahmen der schützt und Halt geben kann. Diesen Rahmen nicht zu verlassen war ein Gebot, eine Regel wie ein Gesetz. Und so war es für mich eigentlich durchaus logisch sich vor solch enorm wichtigen Riten, wie der Matronalia und dem Neu-Entfachen des Feuers, genau zu erkundigen und sich in Erinnerung zu rufen welche Regeln bestehen.


    Nun sprach die Vestalis Maxima von den Iden des Maius und der Ernte des Speltweizens. Eine Frage kam mir in den Kopf.


    "Verzeiht. Ernten nur wir Vestalinen den Speltweizen an diesem Tag oder helfen auch andere?"


    Ich fragte weil Pomponia Pia von vielen helfenden Händen sprach, die benötigt werden.

  • Pomponia Pia


    "Nein, es ist einzig die Aufgabe der Vestalinnen. Aber ich vergaß zu bemerken: Heutzutage zieht sich das Ernten über mehrere Tage - wir können unmöglich innerhalb eines Tages genug Spelt sammeln, um ganz Rom für ein Jahr zu versorgen."


    erklärte sie.




  • Pomponia Pia


    Da wiederum alles klar war, fuhr Pia mit dem Festkalender der Vestalinnen fort. Nun war eine besonders wichtige Feierlichkeit an der Reihe:


    "Gut, dann gehen wir weiter. Als nächstes stehen die Vestalia auf dem Kalender. Sie dauern eigentlich von den Nonen bis zu den Iden des Iunius, allerdings wird der Tempel bereits drei Tage vorher geöffnet.


    In diesen Tagen stellen wir die Mola Salsa her. Dazu holen wir wie jeden Tag Wasser aus der Egerius-Quelle und bringen es zum Tempel. Dort -


    Sie schien einen Augenblick innezuhalten, dann fragte sie


    "Weißt du, aus was Mola Salsa besteht?"




  • Nun kam Pomponia Pia auf die Vestalia zu sprechen. Bei diesem Thema wollte und musste ich genau aufpassen, schließlich war es für eine Vestalin mit die wichtigste Feierlichkeit.


    "Das mola salsa besteht aus Getreideschrot und Salz" antwortete ich rasch. In meiner Ausbildung war ich schon oft auf mola salsa gestoßen und ich hatte früh gelesen was dahinter steckt.

  • Pomponia Pia


    "Korrekt. Das Schrot wird aus dem Speltweizen gewonnen, den wir im Maius ernten. Das Salz allerdings muss aus dem Meer gewonnen werden. Vielleicht weißt du, dass Meerwasser, wenn es gekocht wird, verdampft und am Ende schlichtes Salz übrig bleibt. Dieses muss anschließend zermahlen und gebacken werden. Den harten Salzklumpen zersägen wir anschließend mit einer rituellen Säge und verwenden das gewonnene Salz.


    Es wird also ein Teig bereitet, der anschließend gebacken wird. Danach haben wir kleine Mola-Salsa-Kuchen, die für Vesta-Opfer verwendet werden. Während der Vestalia werden sie außerdem an das Volk verteilt."


    Bei der Erwähnung des Volkes kam der Pomponierin allerdings eine weitere Frage, die interessant zu stellen war.


    "An diesem Tag kommen die Matronen auch, um der Vesta zu opfern. Weißt du, was man der Göttin in diesen Tagen üblicherweise anbietet?"




  • Ich hörte aufmerksam zu und dachte eine Weile nach. Bei den Vestalia selbst war ich noch nicht gewesen und deshalb waren mir nicht alle Einzelheiten bewußt. Aber ich erinnerte mich dunkel etwas in der Bibliothek gelesen zu haben.


    "Wenn ich mich richtig erinnere, sind es Früchte und Obst, die man überall in Italia finden kann und die an diesen Tagen der Vesta geopfert dargeboten werden."

  • Pomponia Pia


    "Früchte und Obst sind üblich, richtig. Allgemeiner können jedoch alle einfachen Nahrungsmittel dargebracht werden. Traditionell präsentiert man sie übrigens auf einer Schale."


    fügte Pia an und war einigermaßen zufrieden.


    "Das Ende der Vestalia bildet eine Reinigungsaktion im Tempel. Wir kehren ihn aus und werfen den Schmutz in den Tiber. Daraufhin wird der Tempel wieder geschlossen. Zugleich feiern die Müller und Bäcker den Tag ihres Handwerks - vielleicht, weil es früher sehr gestaubt hat bei dieser Aktion. In jedem Falle pflegen sie, die Mühlsteine und das Vieh, das sie zieht, zu schmücken und ausgelassen zu feiern, wie es der Pöbel gern tut."


    Es wurde nur allzu deutlich, dass Pomponia Pia die Gelage des einfachen Volkes missbilligte.


    "Im Übrigen wirken wir Vestalinnen an verschiedenen Feiern eher in Nebenrollen mit. Sie sind nicht von besonderer Bedeutung und wir müssen sie nicht explizit ansprechen."


    Die Feiertage waren nun endlich vollständig besprochen. Die Vestalis Maxima erhob sich langsam und trat an das Regal, in dem die Lehrtexte aufbewahrt wurden.


    "Für heute ist es genug. Morgen wird Varia Trachala dich unterrichten. Sie ist von uns allen die beste Haruspex. Bis dahin solltest du noch einmal den Ablauf von Opfern und die wichtigsten Regelungen dazu wiederholen. Sie wird morgen sicher darüber abfragen.


    Vale!"


    Damit wandte sich die Vestalis Maxima um und verließ den Übungsraum, um sich wieder wichtigeren Dingen zu widmen.




  • Minucia Milicha


    An diesem Tag erwartete Calvina eine neue Vestalin. Sie war ziemlich alt und hatte sich nach ihren dreißig Jahren Dienstzeit dafür entschieden, den Vestalinnen weiter treu zu bleiben. Inzwischen war sie nur noch dem Namen nach JUNGfrau - ihr Gesicht war voller Falten, ihr Haar ergraut. Dennoch wirkten ihre Augen wach wie eh und je - vielleicht, weil dieses Priesteramt sie weiterhin geistig aktiv hielt.


    In ihren Händen hielt sie eine seltsame bronzene Skulptur, während sie auf dem Stuhl saß und auf die Amata wartete.




  • Ein neues Gesicht erwartete mich in Unterrichtsraum. Es war kein ganz neues Gesicht, da ich die Vestalin bereits einige Male gesehen hatte. Aber ich hatte nie mit ihr gesprochen. Sie hatte etwas von einer alten Weisen. Als ich als junges Mädchen auf einen Hof zog und mit meiner Mutter dort lebte, gab es auch eine alte Bäuerin, die den ganzen Tag im oder vor dem Haus saß und die Landschaft beobachtete. Sie sprach wenig, aber sie hatte tiefe, wissende Augen. Die Augen der Vestalin die nun auf mich wartete waren ähnlich. Sie sahen nicht so alt wie sie selbst aus.


    "Vale. Ich bin Amata Calvina" sagte ich und nahm Platz.

  • Minucia Milicha


    "Sergia, meinst du."


    bemerkte sie mit einer Stimme, die etwas von einer alten, knarrenden Tür hatte. Dann erst blickte sie auf.


    "Ich bin Minucia Milicha. Ich habe am meisten Erfahrung..."


    Sie machte ein kleine Pause, die den Satz wirken ließ, als wäre sie tatsächlich die Vestalin mit der größten Erfahrung (was wohl auch stimmte), doch dann fügte sie


    "...in der Haruspizin. Weißt du denn, was das ist?"


    Auch sie schien die Angewohnheit zu haben, ständig Fragen zu stellen.




  • Eigentlich wollte ich sagen dass ich die Amata Prior Sergia Calvina bin, aber ich ließ es dabei. Schließlich wusste sie genau wer ich war.


    Die Vestalin vor mir machte mich darauf aufmerksam dass sie die Erfahrenste wäre und ich glaubte ihr sofort. Sie war wahrscheinlich viel älter als die Vestalis Maxima. Jedenfalls wirkte sie so.


    "Die haruspicin sind die Kunst der Weissagung aus Eingeweiden der Opfertiere." antwortete ich nachdem ich Platz genommen hatte.

  • Minucia Milicha


    "Sie kommt von den Etruskern und nur deren Erben haben die Fähigkeit, sie voll zu verwenden. Ein Haruspex kann den Willen der Götter aus einer Leber ergründen.


    Ich selbst stamme aus Placentia. Mein Vater war Haruspex, mein Großvater ebenso und mein Bruder war es auch. Und ich habe gemeinsam mit ihm einen Teil der Disciplina gelernt. Daher werde ich dich lehren, zumindest zu erkennen, wie du die Annahme eines Opfers durch die Götter erkennst."


    Sie reichte die Skulptur in ihrer Hand an Calvina weiter. Sie hatte eine seltsame Form und war mit Symbolen bedeckt, die an griechische Buchstaben erinnerten.


    "Dies ist eine Bronze-Leber - an ihr lernen die jungen Haruspices, auf was sie achten müssen. Die Zeichen sind etruskisch, du musst dich also nicht wundern, warum die sie nicht lesen kannst."


    Wieder sog sie geräuschvoll Luft ein und schien nachzudenken.


    "Jeder Teil der Leber hat einen eigenen Namen und eine eigene Bedeutung, sodass man je nach Beschaffenheit der Leber erkennen kann, was die Götter genau wollen. Dies hier..."


    Sie deutete auf das dreieckige Stück, das aus der sonst flachen Bronzeleber herausragte.


    "...nennt man etwa den großen Platz. Die rechte Seite steht für das Verhältnis zu den Klienten, die linke zu Fremden. Aber diese genauen Dinge können nur von einem wahren Haruspex gedeutet werden."




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