officium TAU | Wieder da aber ganz weit weg

  • Nie hätt ich geglaubt, daß mit der Abschied von Germanien so schwer fallen könnte. Doch das war´s aber! Als wir zu den Toren von Mogontiacum hinausgeritten war´n, hatt ich schon geglaubt, mein Herz müsste mit zerspringen. Immerzu hatte ich zurückgeblickt, aber das half alles nichts. Deswegen war ich auf der ganzen Reise ziemlich mies drauf gewesen, hatte kaum was gegessen und kaum was gesagt. Mein Bruder hatte schon gekglaubt, ich sei krank, weil ich doch sonst nie mein Mundwerk still halten konnte. So´ne Art Krankheit war das ja auch, was ich hatte. Nur wusste das keiner und ich wollt´s auch keinem auf die Nase binden. Ich hätt´s mir nie verzeihen können, wenn er deswegen Ärger gekriegt hätte, nur weil ich meine Klappe nicht halten konnte.
    Als wir in Rom ankamen, war ich totmüde. Die Reise war ganz schön anstrengend gewesen und ich brauchte ein paar Tage, bis mein Körper wieder richtig fit war. Meine Gedanken waren allerdings noch jenseits der Alpen. Dementsprechend war auch meine Stimmung.
    In den Nächten war´s am schlimmsten. ich lag immer lange wach und im servitriciuum wurde es mir mehr als einmal zu eng. Dann schlich ich mich raus in den Garten. Da konnt ich´s einigermaßen aushalten.


    Dann, ich war schon einige Tage wieder in der Villa, hatte ich die Idee, einen Brief zu schreiben. Irgendwie würd ich´s hinkriegen, ihn loszuschicken. Also stibitze ich mir aus Ursus´ officium ein Stück Papyrus, eine Schreibfeder und ein keines Tintenfäßchen.
    In der darauffolgenden Nacht, bewaffnete ich mich mit dem Schreibzeug und einem Öllämpchen und lief in den Garten hinaus. Eine Marmorbank nutzte ich als Schreibunterlage. Ich gab mir richtig Mühe mit meiner Schrift!



    Mein lieber Probus!
    Hoffentlich wird dich dieser Brief auf irgendeinem Weg erreichen. Um dich zu beruhigen, mir geht es gut! Ich bin wieder zurück in Rom. Leider! Besonders glücklich bin ich deswegen nicht. Auch wenn ich es am Anfang in Germanien auch nicht so toll fand, wünsche ich mir, immer noch bei dir sein zu können.
    Die Rückreise war beschwerlich und öde. Es verging kein einziger Tag, an dem ich nicht an dich gedacht habe. Ich vermiss dich so sehr! Was kann ich nur machen, um dir wieder nahe zu sein? Von uns beiden hab ich niemandem was erzählt, nicht mal Louan, meinem Bruder. Aber du kannst dir nicht vorstellen, wie gern ich es heraus schreien will. Was würde mir das aber nützen? Du kannst ja auch nicht einfach weg. Ich könnte deswegen den ganzen Tag einfach nur heulen.
    Wenn du mal nach Rom kommst, musst du mich unbedingt besuchen. Bitte antworte nicht auf diesen Brief, sonst kommt alles raus und dann bekomme ich nur Ärger und du vielleicht auch.
    Bitte vergiss mich nicht! Ich hab dich lieb!
    Deine Caelyn


    Nachdem ich fertig war, faltete ich den Brief zusammen und versteckte ihn unter meiner Tunika. Damit Ursus nix merkte, brachte ich sein Schreibzeug wieder zurück in sein Büro. Morgen musste ich mir was einfallen lassen, wie ich den Brief außer Haus bekam und wie er dann auch nach Germanien gelangen konnte.
    Im Schein der mickrigen Lampe merkte ich nicht, wie er Brief unter meiner Tunika raus rutschte. Er blieb unbemerkt auf dem Boden von Ursus´ Büro liegen, während ich mich wieder schlafen legte. Seit Tagen gelang es mir erstmals, wieder gut einzuschlafen.

  • Ein fleißiger Sklave, der im Officium aufräumte und sauber machte, fand das Stück Papyrus, das auf dem Boden lag und legte es mitten auf den Schreibtisch. Sicher gehörte es dem Herrn und es war versehentlich heruntergefallen. So lag das unscheinbare Stückchen Papyrus stundenlang mitten auf dem Schreibtisch, unübersehbar.


    Und dort lag es auch noch immer, als Ursus den Raum betrat. Er hatte einige Schriftrollen unter seinem Arm, mit denen er sich befassen wollte und setzte sich auf seinen Platz. Sein erstaunter Blick fiel auf das Papyrus. In der Annahme, daß es sich um eine Nachricht an ihn handelte, begann er zu lesen. Geradezu ungläubig las er die Zeilen ein weiteres mal. Wie kam dieser Brief hierher? Caelyn... Probus... Probus... Ursus hatte den Namen schon einmal gehört. Probus in Germanien. Moment, war da nicht dieser junge Probatus gewesen? Natürlich, er hatte Caelyn nach Hause begleitet. Genügte so etwas, um von Liebe zu sprechen? Wie konnte dieser Bengel es wagen, sich an seine Sklavin heranzumachen? Und wie konnte sie es wagen, darauf einzugehen?


    "Caelyn!", rief Ursus und ging davon aus, daß ihn schon irgendwer gehört hatte und Caelyn darüber informieren würde. Kopfschüttelnd starrte er den Brief an. Unglaublich! Ungeheuerlich! Was bildete sich dieses verflixte Mädchen eigentlich ein?

  • Das war wirklich nicht mein Tag! Erstens war ich noch müde, weil ich mal wieder die halbe Nacht nicht geschlafen hatte uns außerdem war ich total angefressen, weil irgendeiner meinen Brief geklaut hatte. Als ich mich heute Morgen angezogen hatte, war er weg! Konnte doch nicht sein, dass ich das alles heute Nacht nur geträumt hatte! Nee, ich hatte den Brief wirklich geschrieben und jetzt war er wirklich weg! Zu allem Übel rief, nein schrie Ursus jetzt auch noch nach mir. Reichlich genervt stampfte ich zu seinem officium und setzte ein noch genervteres "Was?" seinem geschrienen "Caelyn" entgegen. Ich wollte nur mal wissen, was jetzt schon wieder war! Mir ging heute einfach alles auf den Keks und da machte er mit seiner dämlichen Rumbrüllerei keine Ausnahme!
    Da saß er jetzt an seinem Schreibtisch und sah gar nicht so nett aus wie sonst immer. Na toll, was ist denn dem über die Leber gelatscht, dachte ich. Als ich dann mal ein Auge auf das Zeug auf seinem Schreibtisch zu werfen begann, war mir alles klar! Da lag mein Brief, auseinander gefaltet, gelesen. "Mist!" sagte ich , wie kommt der denn hier hin, dachte ich. Jetzt musste ich mir echt was einfallen lassen, nur was?
    Das ist gar nicht mein Brief, oder der ist von ´ner anderen Caelyn. Oder besser gar nix sagen, denn das würde er schon noch erledigen, da war ich mir sicher.

  • Es dauerte gar nicht lange, bis sie erschien, wenigstens das funktionierte offenbar. Ursus sah tatsächlich ziemlich grimmig drein, als sie eintrat. Und ihr offensichtlicher Mißmut tat ebenso wenig zu einer Besserung seiner Stimmung bei wie ihr spontaner Ausruf beim Anblick des Schriftstücks. Ein deutlicher Beweis, daß der Brief tatsächlich von ihr war und nicht etwa ein anderer sich einen bösen Scherz erlaubt hatte, um sie in Schwierigkeiten zu bringen.


    Ursus nahm den Brief zur Hand und hielt ihn hoch. "Kommt Dir das hier irgendwie bekannt vor? Ich erwarte eine Erklärung, Caelyn!" Sein Tonfall war zornig. Er fühlte sich von ihr hintergangen. Und das, nachdem er ihr gegenüber so viel Nachsicht hatte walten lassen! Vielleicht war es eben doch ein Fehler, allzu freundlich zu den Sklaven zu sein. Gab man ihnen den kleinen Finger, nahmen sie gleich die ganze Hand - oder sogar noch mehr. Was hatte er nicht alles für sie getan! Und so dankte sie es ihm! "Nun?"

  • Das war jetzt ´ne ganz schön schwierige Frage! Klar kam mir das bekannt vor. Das war ja meine Schrift und somit Brief. Außerdem stand unten Caelyn drunter und oben Probus! Also lieber einen auf doof machen oder gleich Klartext reden. Ich entschied mich vorerst für das Mittelding. "Öhm, ja! Das is´n Stück Papyrus. Auf dem was gekritzelt ist." Ich schätzte mal, das war definitiv die falsche Antwort und wenn ich nich gleich nach was nachlegte, ging die Bombe hoch, vielmehr war Ursus ja schon am hochgehen. Ungefähr so, wie damals, als ich geklaut hatte. Aber auf der anderen Seite, wieso konnte der einfach so meine Briefe lesen! Das ging den doch überhaupt nix an! Naja, eigentlich schon! Schöner Mist, dachte ich.
    Also doch lieber Klartext, was allerdings zur Folge hatte, dass ich alles zugeben musste.
    "Ja, gut, das is mein Brief! Den hab ich geschrieben. Zufrieden?" Nee, wohl kaum, sonst wäre er ja nicht so "entzückt" gewesen. Logisch, er hatte ihn natürlich auch gelesen und wusste jetzt Bescheid! Naja, Probusse gab´s ja wie Sand am Meer, hoffte ich mal. Aber ehrlich gesagt, kannte ich auch nur den einen.

  • Steile Falten bildeten sich auf Ursus' Stirn zwischen seinen Augen. "Versuch nicht auch noch, mich für dumm zu verkaufen!", fuhr er sie harsch an. "Ich will wissen, was das zu bedeuten hat. Also raus mit der Sprache!" Immerhin stand völlig außer Frage, daß dies Papyrus war und daß das "Gekritzel" von ihr stammte. Daß sie ihm nur sagte, was er ohnehin schon wußte, war nicht gerade dazu angetan, seinen Zorn zu besänftigen. Ganz im Gegenteil. Er fühlte sich nun obendrein noch verschaukelt und das war etwas, was Ursus ganz extrem übel nahm. Er konnte vieles verzeihen, doch dies gehörte ganz sicher nicht dazu.

  • Das war ja mal wieder ein schöner Mist, in dem ich drin steckte! Warum hatte ich auch nicht besser aufgepasst?! Ursus war gleich schon am platzen. Ich ärgerte mich über mich selbst und auch über Ursus. Wie konnte er meinen Brief lesen? Das waren meine Gefühle, die da drin standen und die gehörten nicht ihm! Die gehörten immer noch mir und gegen die konnte ich auch nichts machen und er schon gar nichts!
    Mittlerweile hatte sich mein Gesicht rot gefärbt. Nicht aus Scham, nee, aus Wut! Ich musste mich für nichts schämen! Es war ganz natürlich, dass sich ´ne junge Frau, wie ich, sich irgendwann mal in ´nen Typen wie Probus verguckte. Ob das bei Ursus so normal war, war ich mir da nicht mehr so ganz sicher. Vielleicht war das bei ihm ja so ´ne Art von Körperbeherrschung. Ich gehörte jedenfalls zu dem Typ Mensch, der dabei immer hundertprozentig versagte.
    "Na, das steht doch da alles drin! Haste ´s nicht gelesen?" Ich wusste ja, dass ich mit meiner patzigen Antwort nicht weiter kommen würde. Aber was machte man nicht alles, wenn man sauer war?
    "Du kannst aber beruhigt sein, das mit ihm und mir ist vorbei. Denn er ist im Mogontiacum und ich sitze hier,..." Den Rest verkniff ich mir. Ich wusste, Ursus hatte nicht viel für Fäkalsprache übrig. Außerdem war mir zum heulen zumute. Seitdem ich von Probus getrennt war, war ich eh nah am Wasser gebaut! "Er war nicht Schuld dran, ich war´s! Vielleicht hat er mich ja auch schon längst vergessen!" Genau das war das Stichwort, worauf meine Tränendrüsen die ganze Zeit gewartet hatten. Das war das Signal zum Angriff! Wasser Marsch!

  • Jetzt fing sie auch noch zu heulen an! Die schlimmste Waffe der Frauen, der auch Ursus normalerweise rettungslos erlegen war. Doch heute riß er sich extrem zusammen und unterdrückte den Drang, sie trösten zu wollen. "Ich weiß nicht, wie dieser... Wisch... auf meinen Schreibtisch gelangte. Doch ja, ich habe ihn gelesen... Ich habe nichts dagegen, wenn Du mit einem Sklaven hier aus dem Haus anbandelst. Alles außerhalb dieses Hauses aber ist für Dich tabu, verstanden! Noch dazu ein Soldat! Selbst wenn Du frei wärest, dürfte er Dich nicht heiraten!" Er nahm das Papyrus und zerriß es, einmal, zweimal. "Du sagst, es ist ohnehin aus? Ja, das ist es. Vollständig und vollkommen, verstanden?" Er warf ihr die Fetzen vor die Füße, die Tränenbäche so gut wie möglich ignorierend.

  • Das, was Ursus sagte, prallte an mir einfach ab. Ich wollte es auch gar nicht hören. Das war echt zu viel!
    Dann zerriss er den Brief auch noch vor meinen Augen und warf mir die Schnipsel vor die Füße. Ob er nur die leiseste Ahnung davon hatte, was er mir damit angetan hatte? Wahrscheinlich nicht! Mit meinem Handrücken wischte ich die Tränen aus meinen verquollenen Augen fort. Ich bückte mich anschließend und sammelte behutsam die Papierfetzen auf, so als wären sie wertvoll. Für mich waren sie das auch und er hatte sie zerstört! Ich musste jetzt sofort hier raus, sonst hätte ich für nix mehr garantieren können. Offenbar waren die Welten, in denen wir lebten, so grundverschieden. Ursus konnte oder wollte mich nicht verstehen. Vielleicht lag´s auch an mir.
    Ich blieb ihm eine Antwort schuldig und lief zur Tür. Nur noch weg von hier! Doch die dämliche Tür hatte sich auch gegen mich verschworen. Sie klemmte. "Verdammtes Mistding!" schluchzte ich, während ich mit der Tür kämpfte. Ich riss an der Klinke, so dass das Holz bereits quietschte. Endlich sprang sie auf.

  • Wenn sie geglaubt hatte, daß er sie zurückhielt, so hatte sie sich geirrt. Es war auch besser, daß sie ging, sonst hätte er sich am Ende noch völlig vergessen. Nun beobachtete er mit weiterhin grimmigem Gesichtsausdruck, wie sie die Papierfetzen aufklaubte und dann aus dem Raum rauschte, wobei sie einen kleinen Kampf mit der Tür ausfocht. Zum Glück nahm diese dabei doch keinen Schaden, obwohl es sich erst so angehört hatte. Das wäre für sie wahrhaftig nicht gut gewesen. Ganz und gar nicht gut.


    Ursus wußte wahrhaftig nicht, was er von dieser Sache halten sollte. Im Moment war er auch gar nicht fähig, vernünftig darüber nachzudenken, dafür war er viel zu wütend. Und enttäuscht. Er wußte nur eins: Sie hatte ihn hintergangen. Sein Vertrauen ein weiteres mal mißbraucht. Wie sollte er ihr je wieder Vertrauen schenken? Er fragte sich unwillkürlich, wie weit diese Beziehung wohl gegangen war. Soldaten waren ja durchaus bekannt dafür, daß sie sich nicht gerade in Zurückhaltung übten. Verdammt noch mal! Wie konnte sie es wagen, sich so einfach zu verschenken! Sie gehörte ihm! Und das dann auch noch, nachdem er so viel für sie getan hatte. Ein sentimentaler Idiot war er, nichts weiter. Schamlos ausgenutzt von dieser Weibsperson! Die dann auch noch so tat, als sei sie ein Opfer mit einem gar grauenhaften Schicksal! Nein, so ging das nicht weiter! Er mußte sich etwas einfallen lassen...

  • Ich war heute Morgen guter Dinge gewesen. Schon die ersten Sonnenstrahlen trugen das Ihre dazu bei, dass es mir gut ging. Endlich war ich in Rom und hatte Mogomtiacum und das Castellum hinter mir gelassen. Die Reise war zwar wesentlich beschwerlicher gewesen als die von Augustodunum nach Germanien, doch das, was mich in Rom erwartete trieb mich unaufhörlich weiter. Außerdem konnte ich bei meiner Schwester sein.
    Allerdings gefiel sie mir gar nicht! Etwas musste sie bedrücken. Auf der ganzen Reise hatte sie kaum ein Wort gesprochen. Sie wollte immerzu alleine sein. Also ließ ich sie und hoffte, sie würde zu mir kommen, wenn sie es für richtig hielt. Aber das tat sie nicht. Ich machte mir schon Sorgen um sie. Ihr Verhalten änderte sich auch nicht, als wir endlich in Rom. Im Gegenteil, es wurde nur noch schlimmer mir ihr. Sie ließ niemanden mehr an sich heran. Nur konnte ich mich auch nicht noch ständig um meine Schwester kümmern, denn ich hatte ja einiges vor, was ich erreichen wollte. Als allererstes brauchte ich Arbeit, damit ich Geld verdienen konnte. Mein erklärtes Ziel war es ja, irgendwann meine Schwester freikaufen zu können. Da wollte ich nicht lange warten. Deshalb beschloß ich, gleich heute zu Aurelius Ursus, meinem Patron zu gehen, um ihn zu bitten, mir bei der Suche nach einer Arbeit behilflich zu sein.


    Genau in dem Augenblick, als ich um die Ecke bog, um zu seinem officium zu gelangen, lief mir meine Schwester in die Arme. Sie sah furchtbar aus. Ihre Augen waren ganz verquollen, ihr Gesicht hochrot und sie weinte. "Caelyn, was ist? Was ist passiert?" Sie wollte mir aber nur ausweichen, um weg zu kommen. Ich hielt sie mit sanften Druck am Arm fest und versuchte es noch einmal. "Sag mir, was los ist!"
    "Nichts ist los! Laß mich!" Sie befreite sich aus meinem Griff und lief davon. Nachdenklich sah ich ihr hinterher. Das musste ich jetzt unbedingt herausfinden, was geschehen war. Mein eigentliches Anliegen war in den Hintergrund getreten. Caelyn war mir in diesem Fall wichtiger.
    Ich klopfte an und trat ein. Mein Patron saß an seinem Schreibtisch, so wie ich es erwartet hatte.
    "Guten Morgen! Was ist denn mit Caelyn los? War irgendwas?"

  • Ursus hatte sich keineswegs schon beruhigt, auch wenn er versucht hatte, sich mit einem anderen Schriftstück abzulenken. Terentius Primus hatte ihm geschrieben. Der Duplicarius, der sich so besonders hervorgetan hatte. Nun war er zum Decurio befördert worden und bedankte sich für die Empfehlung zu dieser Beförderung. Na, wenigstens etwas positives gab es noch. Doch wenn er die Hoffnung gehabt hatte, daß nun etwas Ruhe einkehrte in diesen Morgen, dann hatte er sich wohl geirrt. Denn nur kurz, nachdem Caelyn den Raum verlassen hatte, klopfte es schon wieder und ausgerechnet Louan steckte seinen Kopf herein.


    Für einen Moment schloß Ursus seine Augen und unterdrückte ein Seufzen. Man konnte ihm noch immer ansehen, daß er nicht in bester Stimmung war. Nein, das war eigentlich deutlich untertrieben. Sein Zorn war eben noch lange nicht verraucht. "Guten Morgen, Louan." Höflichkeit sollte man nie vergessen, egal, welcher Stimmung man war. "Deine Schwester... treibt mich eines Tages in den Wahnsinn. Immer wenn ich glaube, sie hat es endlich verstanden, dann macht sie wieder irgendeine Dummheit. Dieses mal hat sie es sogar besonders weit getrieben. Laß es Dir von ihr erzählen, mir gegenüber war sie mehr als zugeknöpft." Denn eine wirkliche Erklärung hatte sie nicht abgegeben, das war ihm durchaus aufgefallen.

  • Es brauchte nicht lange, bis ich merkte, dass es Ärger gegeben haben musste. Das bestätigten mir dann auch die Andeutungen des Aureliers. Warum und weshalb Caelyn ihn in den Wahnsinn trieb, hatte er aber nicht verraten, aber ich konnte mir schon denken, warum. Schließlich kannte ich meine Schwester ja schon einige Jahre länger, als er. Ich wusste ja, meine Schwester konnte gelegentlich eine echte Nervensäge sein. Das war auch früher schon so gewesen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann musste es genau so gemacht werden, ohne Rücksicht auf Verluste.


    "Caelyn weicht mir auch schon seit Wochen aus. Seitdem wir Germanien verlassen haben. Ist ist immer so betrübt. Ich dachte, sie freut sich, weil ich doch jetzt bei ihr bin. Aber sie redet kaum noch mit mir. Nur das allernotwendigste. Ich kann´s mir gar nicht erklären!" Ihr Verhalten hatte mich schon nachdenklich gemacht, denn so kannte ich sie überhaupt nicht. Irgendetwas musste doch passiert sein!


    Vielleicht war jetzt auch ein vollkommen ungeeigneter Augenblick, in Ursus Büro hereinzuschneien. Er hatte jede Menge Papierkram auf seinem Schreibtisch liegen. Wahrscheinlich störte ich nur.
    "Öhm, soll ich dann später noch mal kommen?" Mir war das ja jetzt total peinlich. Erst hatte er Ärger mit meiner Schwester und jetzt stand ich auch noch vor der Tür, um ihn zu behelligen. Es war bestimmt, besser, später noch einmal zu kommen und sich jetzt um Caelyn zu kümmern.

  • Ich hatte echt die Nase voll von Ursus! Wie von der Trarantel gestochen, rannte ich mit verheultem Gesicht durch die Villa.Vorbeilaufende Sklaven drehten sich nach mir um. Manchmal riefen sie mir böse Flüche hinterher, wenn ich sie angerempelt hatte. Aber das juckte mich überhaupt nicht!
    In meiner Hand hielt ich noch die Papyrusfetzen meines Briefes an Probus. Das hätte er nicht machen dürfen! Das würde ich ihm nicht so schnell vergessen!
    Endlich hatte ich den Hof erreicht. Zielstrebig rannte ich zu einem Schuppen, in den ich mich flüchtete. Ich schloß die Tür hinter mir. Meine Augen brauchten ein wenig Zeit, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Dünne Lichtstrahlen von draußen drangen durch die Ritzen der Tür ins Innere. Ich setzte mich auf den Boden und breitete die einzelnen Schnipsel meines Briefes aus. In meiner Verzweiflung überlegte ich, was ich noch machen konnte. Irgendwie musste es doch ´ne Möglichkeit geben, Probus eine Nachricht zukommen zu lassen! Ich hatte aber keinen blassen Schimmer, wie ich das machen sollte. Eigentllich hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie´s jetzt überhaupt noch weitergehen sollte. Ich hatte kein großes Bedürfnis, Ursus noch einmal zu sehen. Der konnte mich mal! Am liebsten wär ich abgehauen! Was dann aber imt meinem Bruder passieren würde, wusste ich auch nicht. Bruder von ´ner flüchtigen Sklavin zu sein, war bestimmt nicht so prickelnd. Ach, das war alles sooo...verdammt schwierig!
    Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und heulte leise weiter.
    Eins war klar, den Rest des Tages würde ich hier verbringen. Sollten doch allenach mir suchen, wenn sie was von mir wollten. Ich war bereits bestens bedient!

  • Zitat

    Original von Louan
    Es brauchte nicht lange, bis ich merkte, dass es Ärger gegeben haben musste. Das bestätigten mir dann auch die Andeutungen des Aureliers. Warum und weshalb Caelyn ihn in den Wahnsinn trieb, hatte er aber nicht verraten, aber ich konnte mir schon denken, warum. Schließlich kannte ich meine Schwester ja schon einige Jahre länger, als er. Ich wusste ja, meine Schwester konnte gelegentlich eine echte Nervensäge sein. Das war auch früher schon so gewesen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann musste es genau so gemacht werden, ohne Rücksicht auf Verluste.


    "Caelyn weicht mir auch schon seit Wochen aus. Seitdem wir Germanien verlassen haben. Ist ist immer so betrübt. Ich dachte, sie freut sich, weil ich doch jetzt bei ihr bin. Aber sie redet kaum noch mit mir. Nur das allernotwendigste. Ich kann´s mir gar nicht erklären!" Ihr Verhalten hatte mich schon nachdenklich gemacht, denn so kannte ich sie überhaupt nicht. Irgendetwas musste doch passiert sein!


    Vielleicht war jetzt auch ein vollkommen ungeeigneter Augenblick, in Ursus Büro hereinzuschneien. Er hatte jede Menge Papierkram auf seinem Schreibtisch liegen. Wahrscheinlich störte ich nur.
    "Öhm, soll ich dann später noch mal kommen?" Mir war das ja jetzt total peinlich. Erst hatte er Ärger mit meiner Schwester und jetzt stand ich auch noch vor der Tür, um ihn zu behelligen. Es war bestimmt, besser, später noch einmal zu kommen und sich jetzt um Caelyn zu kümmern.


    Ursus schüttelte den Kopf. "Nein, bleib nur. Ich bin für jede Abwechslung dankbar. Und wir haben ja schließlich auch einiges zu besprechen. Ich kann Dir sagen, was mir ihr ist. Sie hat sich in Germanien in einen Soldaten verliebt. Noch dazu in einen, der gerade erst bei der Legion angefangen hat. Er darf 20 Jahre lang nicht heiraten. Was will sie also mit ihm? Außerdem ist es ihr als Sklavin sowieso nicht erlaubt, einen Römer zu heiraten." Nicht, solange sie Sklavin war jedenfalls.


    "Doch genug von ihr. Sprechen wir lieber über Dich. Du bist doch sicher nicht einfach nur so vorbei gekommen? Was liegt Dir auf dem Herzen?" Ursus blickte seinen jungen Klienten fragend an. Natürlich hatte er sich auch schon so einige Gedanken um die Zukunft des Jungen gemacht, doch er wollte erst einmal hören, was Louan selbst wünschte, bevor er mit seinen Vorschlägen anfing.

  • "Aha," stellte ich erstaunt fest. Das war ja mal was Neues! Caelyn hatte sich also verliebt! Komisch, so was hatte sie doch früher nie gemacht. Jedem Kerl, der ihr zu nahe kam, hatte sie das Fürchten gelehrt. Ich wusste nicht so richtig, was ich darauf sagen sollte. Ich war ja noch nie verliebt gewesen. Das war sowieso irgendso ein Weiberkram, von dem ich nichts verstand.
    "Ja und jetzt?" Ich wusste ja, das klang reichlich naiv, aber hätte sie sich nicht in einen anderen Kerl verlieben können? Und konnte man auch einfach so aufhören, verliebt zu sein?


    Das allles verunsicherte mich doch sehr. Zum Glück war das nicht der eigentliche Grund meines Besuches gewesen. Deswegen versuchte ich auch gar nicht mehr so viel über Caelyn nachzudenken, obwohl es mich noch eine ganze Weile beschäftigen würde.
    "Ja ,also ich wollte dich fragen, ob du mir behilflich sein kannst, wegen einer Arbeit und so. Ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll." Ewig wollte ich ihm ja nicht auf der Tasche liegen. Ich wollte so schnell, wie möglich, eigenes Geld verdienen, alleine schon wegen meiner Schwester.

  • "Und jetzt? Gar nichts und jetzt. Sie ist hier in Rom und er in Germanien. Da kann es kein und jetzt geben, zumal sie mir verpflichtet ist und er dem Kaiser und dem römischen Volk." Für Ursus war das einfach. Es gab keine Zukunft für die beiden, also war die Sache gegessen. Das dumme, allzu impulsive Mädchen hätte sich von vornherein nicht darauf einlassen dürfen.


    Es war gut, daß Louan von selbst darauf zu sprechen kam. Und Ursus nickte. "Natürlich kann ich Dir bei der Suche nach Arbeit behilflich sein. Wenn Du jetzt gleich, ohne Vorbildung, arbeiten willst, dann wird sich bestimmt etwas finden, doch viel Geld kannst Du dabei nicht verdienen. Besser wäre es, wenn Du erst eine gewisse Grundbildung erwerben würdest. Zum Beispiel den Cursus Res Vulgares besuchen, der die Grundlage für alle weiteren Lehrgänge ist. Du sagtest, daß Dir Zahlen und Zeichnungen liegen. Das paßt gut zu Architektur. Auch das wird hier in Rom an der Schola Atheniensis gelehrt. Die Kurse würde ich Dir finanzieren. Und als Architekt kann man gutes Geld verdienen. Du kannst Dich natürlich auch als Unternehmer versuchen. Doch auch dann würde ich Dir raten, wenigstens den CRV zu machen und vielleicht eine Weile lang als Gehilfe bei einem Händler zu arbeiten."

  • Naja, das klang ja einleuchtend. Wegen dieser Geschichte zwischen meiner Schwester und dem Soldaten gab´s absolut nichts mehr zu rütteln. Jedenfalls war das Ursus´ Meinung. Ich konnte da ja nicht mitreden. Ich war noch nie verliebt gewesen und konnte auch nicht richtig nachvollziehen, warum sich meine Schwester so komisch benahm. Darum ließ ich das Thema erst mal ruhen. Es gab ja auch wichtigeres als das.
    Wenn ich erst mal Geld verdienen konnte, dann half das ja auch meiner Schwester. Deswegen wollte ich gar keine Zeit mehr verlieren und so schnell wie möglich, etwas Sinnvolles machen. Ich hörte mir an, was der Aurelier mir zu sagen hatte. Klar, es war schon eine Ewigkeit her, seit ich zum letzten Mal eine Schule von innen gesehen hatte. Schreiben konnte ich ja, rechnen auch. Das Lesen machte mir noch Schwierigkeiten. Wenn man so lange auf der Straße gelebt hatte, wie meine Schwester und ich, gab´s eben keine große Gelegenheit zum lesen.
    "Ja, denn werd ich diesen Cursus dingsda mal machen! Wann geht´s los? Ach ja und kann ich bis dahin nicht schon was anderes machen?" So ein bisschen Bildung konnte ja wirklich nicht schaden! Ich hatte überhaupt keinen Zweifel, daß ich diesen Cursus nicht schaffen konnte. Dafür wollte ich hart arbeiten, wenn´s sein musste.

  • Ursus blickte den jungen Mann nachdenklich an. "Ich verstehe, daß Du gleich Geld verdienen möchtest und vielleicht finden wir auch jetzt schon eine Tätigkeit für Dich, bei der Du ein wenig verdienen und auch Erfahrungen sammeln kannst. Ich werde mich mal umhören und das kannst Du natürlich auch gerne selbst schon tun. Aber ich fände es am besten, wenn Du den größten Teil Deiner Zeit mit Lernen verbringen würdest. Das klingt jetzt erst sehr langweilig und nicht sehr verlockend. Doch später wirst Du dadurch wesentlich besser und schneller vorankommen. Hier im Haus lebt eine sehr gebildetete Dame als unser Gast. Duccia Clara. Ich werde sie bitten, Dich zu unterrichten. Sicher kann sie Dich auch auf den Cursus Res Vulgares vorbereiten, denn gar so einfach ist dieser nicht zu bestehen. Ich bin sicher, daß in wenigen Wochen bereits der nächste Kurs angeboten wird. Und es wäre nicht schlecht, wenn Du Dich dann gleich daran versuchen würdest. Sieh Dich auch in unserer Bibliothek um. Und wenn Du selbst erkennst, was Du letztendlich werden möchtest, dann komm bitte zu mir, denn sicher werden wir dann auch eine Stelle für Dich finden, die Dich gleich in der richtigen Richtung weiterbringen kann. Bei Deinen Talenten habe ich an Architektur gedacht..." Doch ob der Junge das nötige Durchhaltevermögen für solche eine Ausbildung besaß, mußte sich erst herausstellen. Vielleicht war Germanicus Avarus ja bereit, ihn unter seine Fittiche zu nehmen. Doch ohne ein gewisses Grundwissen, würde dieser anspruchsvolle Mann bestimmt ablehnen.

  • Die ganze Zeit mit lernen verbringen? Wenn er meinte! Ich war ja eher der praktische Typ, der immer was zu tun haben musste. Diese Frau, die er da erwähnte kannte ich auch nicht. Da musste ich Caelyn mal fragen. Vielleicht kannte sie sie ja. Wenn die wirklich so gebildet war, dann konnte sie mir vielleicht auch helfen. Das verstand sich ja von selbst, dass ich mich dahinter klemmen würde und lernen wollte, was das Zeug hielt.
    "Naja, ich kann´s ja mal mit ihr probieren. Wenn jemand da ist, der mir helfen kann, umso besser! Dann krieg ich sicher auch diesen Cursus, öhm, na du weißt schon, was ich meine, hin!" Was mich aber trotzdem noch weiter beschäftigte, war die Tatsache, dass ich die ganze Zeit hier umsonst leben konnte. Das war mir gar nicht so recht! Ich wollte in niemandes Schuld stehen.
    "Hör mal, kann ich mich hier nicht etwas im Haus nützlich machen, so nebenbei, zum lernen. Ich mag das nicht, wenn ich hier wohne und muss nichts dafür bezahlen. Da komm ich mir irgendwie so vor, wie einer der, naja nur rumschnorrt! Das will ich nicht!" Außerdem fand ich es meiner Schwester gegenüber nicht gerecht. In ihrer Gegenwart wollte ich nicht auf der faulen Haut liegen. Sie hatte ihr halbes Leben auf mich geachtet und hätte sicher eine Menge für mein Wohlergehen gegeben, wäre das in Gefahr gewesen.

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