ho tou nikoalou oikos

  • Ich lächelte höflich und verneigte mich leicht. "Es freut mich, dass ich dein Gast sein darf, werter Nikolaos. Danke, etwas zu essen oder zu trinken ist nicht notwendig. Bevor wir uns den Büchern widmen, würde ich gerne zuerst mit dir über meinen Gesetzesvorschlag sprechen. Du hast ihn dir sicher schon durchgelesen und auch die Schwachpunkte schon gefunden. Schließlich kennst du die Alexandriner schon länger als ich das tue." Außerdem versuchten sie nicht, ihn umzubringen. Das sprach auch schon dafür, dass er seine Ziele wesentlicher subtiler verfolgte als ich.

  • Ein feines Lächeln zog sich über Nikolaos Gesicht. Marcus schien entweder von Axilla bereits unterrichtet worden zu sein oder aber das Anliegen des Nikolaos erraten zu haben. Eine Brise vom nahen Meer fuhr durch sein Haar und wirbelte es durcheinander. Dann legte sich das Haar wieder. Auch noch hier oben war die Brandung zu hören. Der salzige und faulige Geschmack des Meeres mischte sich mit dem frischen Duft von Thymian und dem schweren süßlichen Aroma anderer Blüten, von denen manche aus fernen Ländern stammten.


    "Dein Anliegen ist sehr löblich.", antwortete Nikolaos sanft und mit einem lauernden Unterton in der Stimme. Marcus kam gleich auf die Alexandriner zu sprechen. Hatte Axilla ihm gesagt, der Gymnasiarchos befürchte, das alexandrinische Volk könnte den Antragsteller, der nicht besonders beliebt zu sein schien bei den Hellenen der Stadt, für den Antrag in Stücke reißen? Er hörte nicht auf, zu lächeln. Doch seine Worte waren umso eindringlicher.


    "Vielleicht hast du Recht, und ich kenne die Alexandriner besser als du es tust.
    Die allgemeine Schwierigkeit bei deinem Gesetzesentwurf ist diese: Wie möchtest du herausfinden und beweisen, ob jemand Kenntnis von einer Straftat hatte oder nicht? Es ist nicht gut, ein Gesetz zu erlassen, das viele Dinge unklar läßt und den Richtern zuvieles überantwortet."


    Er sah Markos nachdenklich an. Sein Blick war jedoch nicht der strenge Blick des Gymnasiarchos auf einen Schüler oder Epheben, sondern vielmehr voll ehrlicher Besorgnis.


    "Wir können daher auch kein Gesetz erlassen, das das Denken >böser< Gedanken unter Strafe stellt.


    Aber es gibt, gerade in Bezug auf die Alexandriner, noch eine andere Schwierigkeit: Ich fürchte, ein solcher Antrag würde ihren Unmut erregen. Ich habe begonnen, die Bücher zu lesen, die du mir überlassen hattest. Das Volk der Polis als Herrscher handelt oft gegenteilig zu dem, was der große Meister als das ideale Handeln eines guten Herrschers ansieht. Es ist auch weniger das Bestreben nach allgemeiner Harmonie als vielmehr die Gier nach eigenen Vorteilen, und seien sie noch so fadenscheinig und kurzlebig, die die meisten Bürger in ihren Handeln beeinflusst.


    Die Mehrheit der Alexandriner bewegt sich irgendwo zwischen Verbrecher und integren Bürger. Ich will ehrlich zu dir sein: Ich glaube, mindestens jeder dritte Bürger gelangt zur Kenntnis über finstere Machenschaften, irgendwann im Laufe seines Lebens, einmal oder häufiger, und schweigt. Ganz zu schweigen von denen, die selbst darin verwickelt sind.


    Somit hättest du den dritten Teil gegen dich, und mindestens einen zweiten dritten Teil, der verängstigt ist.


    Auch dein Bestreben, die Familie eines Verbrechers, wenn sie vom Verbrechen weiß - oder möglicherweise wissen könnte- zu bestrafen, wird wenig Anhänger finden. Es ist nicht so, dass ein Sohn seinen Vater achtet und auf ihn hört, um die Ordnung und die Harmonie zu erhalten. Der Sohn hört auf seinen Vater, solange dieser Kraft genug hätte, ihn Maulschellen zu geben. Irgendwann jedoch ist's vorbei damit. Zeus selbst überlistete und hintertrieb seinen Vater. Obgleich natürlich dieser grausam und blutrünstig war.


    Daher bitte ich dich, deinen Vorschlag noch einmal zu überdenken. Hast du es getan und bist du zu dem Entschluss gelangt, ihn unverändert einbringen zu wollen, dann sei es so. Meine Amtspflicht ist es, Bürger zu hören und ihre Anliegen weiterzutragen, nicht etwa ihnen ihre Anträge auszureden.


    So fehlerhaft ein Antrag auch sein mag, ist er aus der Überlegung heraus entstanden, etwas Gutes für die Polis zu bewirken, so muss die Versammlung aller freien Bürger ihn auf jeden Fall hören. Bei meiner Bitte ging es mir vielmehr um dich selbst."

  • Ich hörte Nikolaos aufmerksam zu. Ich schätzte seinen Verstand, auch wenn ich es ihm noch nie gesagt hatte. Schließlich lächelte ich kurz, jedoch ohne dass meine Augen dieses Lächeln teilen würden.


    "Ich danke dir für deine klare Analyse, Nikolaos. Mir war durchaus bewusst, dass es schwierig ist, jemandem die Kenntnis einer Straftat nachzuweisen. Es geht auch nicht so sehr darum, diejenigen durch die Stadtwache jagen zu lassen, die vielleicht etwas von einem Verbrechen wissen könnten. Die Stadtwache soll vor allem die Verbrecher jagen. Aber, und das ist wichtig, wenn bekannt ist, dass jemand Zeuge eines Verbrechens ist, und diese Person dennoch nichts sagt und nicht mit den Behörden kooperiert, dann ist es gut, ein solches Druckmittel zu besitzen. Dieser Paragraph richtet sich vor allem gegen die Gleichgültigkeit in Rhakotis. Wenn dort jemand überfallen und vielleicht sogar getötet wird, dann wissen die Anwohner durchaus, wer das war! Aber sie sagen nichts. Nicht so sehr aus Angst als vielmehr aus Desinteresse! Und natürlich, weil ihnen daraus kein Schaden entsteht. Droht ihnen ein Schaden, dann werden sie es sich eher überlegen.


    Dass hier die Söhne ihren Vätern nicht mehr die nötige Verehrung entgegen bringen, ist bedauerlich. Es ist bedauerlich und ich habe das nicht bedacht. Das ist wohl ein deutlicherer Schwachpunkt dieses Gesetzes." Ich schüttelte leicht den Kopf.


    "Ob ich mir damit noch mehr Feinde mache, kümmert eigentlich reichlich wenig. Erst gestern hat eine Gruppe von Männern versucht, mich in meiner Akademie umzubringen. Erfolglos, wie du siehst. Ich konnte sie leider nicht mehr befragen, weil ich im Kampf keine Gnade kenne. Wenn du einen Kampf unbeschadet überleben willst, musst du den Gegner schneller ausschalten, als er dich verletzen kann. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass es sich um Hellenen handelte. Sie waren zwar gekleidet wie Ägypter, aber ihre Waffen waren von viel zu hoher Qualität und sie sprachen miteinander Koiné. Akzentfreies Koiné. Es würde mich schon sehr wundern, wenn es sich dabei um Ägypter handelte.


    Aber das macht eigentlich nichts. Zweimal wurde ich damit schon überfallen, und beide Male habe ich es überlebt. Dadurch entsteht der Eindruck, ich sei unbesiegbar. Die Ägypter machen inzwischen auf der Straße für mich Platz, wenn sie mich sehen. Einige verbeugen sich sogar. Stärke verleiht Macht in Rhakotis. Doch werde ich diese Macht nicht nutzen. Es genügt, dass nun etliche potentielle Attentäter davor zurückschrecken werden, mich anzugreifen. Einfache Mathematik... bisher hat kein Angreifer überlebt. Obwohl sie stets in Überzahl waren." Ein kaltes Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Es hatte etwas Raubtierhaftes.


    "Kommen wir aber wieder zurück zu dem Gesetzesantrag. Vielleicht ist eine solche Provokation der Polis geeignet, eine Diskussion anzustoßen? Eine Diskussion über Kriminalität und die Bekämpfung derselben. Eine Diskussion, die die Bürger vielleicht etwas mehr auf ihre Mitbürger achten lässt - im positiven Sinne. Was denkst du? Gebe ich mich einer Illusion hin?" Ich lächelte unvermittelt und schüttelte leicht den Kopf. "Ich gebe mich ganz sicher einer Illusion hin, aber vielleicht ist es sogar eine Illusion, wenigstens einen einzigen Menschen zu verbessern? Bin ich so weltfremd?" Meine Stimme war sanft und leicht resigniert.

  • Nikolaos hatte dem Besucher aufmerksam zugehört, aber als dieser auf den Angriff zu sprechen kam, ging ein Schauer durch seine Glieder und er sah Marcus wie gebannt an.


    "Dich umbringen -?"


    Er wusste, dass Alexandria ein Sumpf, ein Schlangennest, eine Räuberhöhle war. Aber warum sollte jemand den eigenartigen und eigenbrötlerischen Mann beseitigen wollen? Was vermittelte er seinen Schülern, dass solcher Zorn gegen ihn-?


    Koiné? Nikolaos Überzeugung nach war dies eine Sprache der Gosse, ein hässlich gestottertes, verkrüppeltes Attisch, dass keinem echten Hellenen würdig war-


    Doch das interessierte ihn in diesem Augenblick kaum.


    Waffen von hoher Qualität? Marcus schien zu wissen, wovon er sprach (Nikolaos entsann sich seiner - ungewollt frevelhaften (oder zumindest -nahen) Fechtübungen im heiligen Hain der Musen - die Waffen waren sehr schön gewesen. Auch wenn es Nikolaos nie im Leben einfiele, solche in die Hand zu nehmen.)


    Keiner den Kampf überlebt? Waren die Männer wirklich von mächtigen Auftraggebern gedungen, so würden ihnen bald weitere, womöglich in noch größerer Zahl, folgen, und Marcus allein konnte keine ganzen Banden von Meuchelmördern bezwingen.


    Aus Nikolaos' Blick sprach tiefe Besorgnis. Er war bleich geworden. Auch wenn dies nicht auffiel, denn seine Gesichtsfarbe war immer kränklich.


    Schnell jedoch hatte er sich wieder gefangen und beherrscht.


    "Markos, was du sagst, beunruhigt mich zutiefst."


    Er sah ihn durchdringend an.


    "Sage mir, was hast du getan oder gesagt, dass gewissen Leuten ungelegen sein könnte? Verschweige mir, ich bitte dich, nichts. Du kannst vielleicht eine Gruppe von Männern besiegen, aber wenn dahinter ein mächtiger Auftraggeber steckt, und wie du die Männer beschrieben hast, wird das der Fall sein, eine einfache Räuberbande tritt nicht so auf-"


    Und hätte, davon abgesehen, auch kaum etwas in der Akademie zu holen. Schien doch Marcus nicht viel für Tand und teuren Flitter zu geben.


    "Wenn also dahinter ein mächtiger Auftraggeber steckt, wird es nicht bei einer Gruppe bleiben. Ich kenne alle, die Macht haben in der Stadt. Vielleicht kann ich herausfinden, wer die Meuchelmörder beauftragt hat."

  • Ich zuckte mit den Schultern. "Nun, ich habe nur ein paar Vermutungen, die insgesamt dazu beitragen, dass ich mir einen mächtigen Feind gemacht haben könnte. Fangen wir mit der Akademie an. Ich bringe den Kindern nicht Lesen, Schreiben und Rechnen bei, sondern auch etwas anderes, das viel wichtiger ist: Die Gesetze! Ich bringe ihnen bei, sich bedingungslos an die Gesetze zu halten. In gewissen Grenzen. Wenn ihnen die Behörden nicht helfen, dann müssen sie die Gesetze selbst durchsetzen. Aber immer stehen die Gesetze über ihnen. Die Gesetze allein garantieren Frieden und Wohlstand. Ich bringe ihnen bei, dass durch die Gesetzlosigkeit von Rhakotis Wohlstand unmöglich ist. Diejenigen, die bislang einen Vorteil von der Gesetzlosigkeit dieses Viertels hatten, werden mich dafür nicht gerade bejubeln.


    Mehr noch, ich gebe den Menschen in Rhakotis Hoffnung. Sie haben normalerweise keine Hoffnung und derjenige, der es versteht, ihnen Hoffnung zu geben, erhält Macht. Damit nehme ich den Mächtigen ihre Macht über den Pöbel. Doch es ist noch schlimmer: Denn ich gebe den Menschen nicht nur Hoffnung, ich sage ihnen auch noch, was sie damit machen sollen: Sie sollen ihr Leben selbst in die Hände nehmen und sich nicht von irgendwem aufwiegeln lassen. Schon gar nicht gegen die Gesetze! Damit schade ich denen, die sich die Instabilität dieses Viertels zu Nutze gemacht haben.


    Und schließlich stehe ich offen dazu, dass diese Polis Rom untersteht. Ich denke, dass dieses Bekenntnis bei der letzten Ekklesia bei irgendwem das Fass zum überlaufen gebracht hat."


    Ich sah den Gymnasiarchos ernst an.


    "Aber, werter Nikolaos, ich möchte nicht, dass du versucht, den Auftraggeber herauszufinden. Ich denke, dass du dich damit selbst in Gefahr bringen würdest. Und, mit Verlaub, du scheinst nicht gerade der Typ Mensch zu sein, der sich seines Lebens allzu gut erwehren kann. Ich hingegen war schon einmal in der Situation, mächtige Feinde zu haben, die mich töten wollten. Letztlich besiegte ich sie dadurch, dass man mich für unbesiegbar hielt und jeder, der mich angriff, sein Leben verlor. So fanden sie schließlich keine Mörder mehr. Denn wie viel muss man jemandem bieten, damit er in den sicheren Tod geht? Ich habe auch ein paar Vorsichtsmaßnahmen getroffen... eine gute Rüstung lässt sich auch unter der Kleidung verbergen. Und mein Schlaf ist nur sehr leicht. Irgendwann werde ich davon paranoid, aber noch bin ich es nicht." Ich lächelte, doch es war ein kaltes, bitteres Lächeln. "Zur Not kann ich mir auch Kämpfer anwerben. Im Moment, seit dem Überfall, habe ich aber den Ruf der Unbesiegbarkeit. Etliche Menschen in Rhakotis verneigen sich vor mir und machen mir Platz, wenn ich durch die Straßen gehe. Einige aus Respekt, andere aus Angst. Das hat auch den Vorteil, dass ich rechtzeitig einen Angriff erkenne. Und wenn doch jemand erfolgreich sein sollte..." Ich zuckte mit den Schultern. "Einem überlegenen Kämpfer sollte man den Sieg gönnen."

  • Einen Moment lang erschien ihm Marcus wie ein Wahnsinniger. Wahnsinnig, da er so gleichmütig einem möglichen Tod entgegen sah. Dass diese Einstellung mit dem östlichen Kult, dem er sich offenbar angeschlossen hatte, zusammenhing, wusste Nikolaos nicht. Dazu hatte er noch zuwenig von den Schriften gelesen, die ihm Marcus zur Verfügung gestellt hatte. Nikolaos selbst hatte, wie die meisten Hellenen, eine große Angst vor dem Tod und wollte zu selten wie möglich an seine eigene Sterblichkeit erinnert werden.


    Aber Marcus schien derart entschlossen und klar in seiner Rede, dass er keineswegs wahnsinnig schien. Der Mann aus der fremden Gegend der Welt schien das zu haben, was Stoiker erstrebten, freilich besudelt mit einem für Nikolaos befremdlichen Drang zu roher Gewalt.


    Trotzdessen Marcus bei Verstand schien, fürchtete Nikolaos um ihn. Er wusste, dass er mit einem solchen Gesetzesentwurf in der Ekklesia sprichwörtlich ins offene Messer laufen würde. Aber war dem Mann noch zu helfen? Nikolaos bezweifelte dies. Zu entschlossen schien er.


    "Bedenke aber, dass du diesen Menschen tot keine Hoffnung mehr geben könntest. Schnell werden sie, wenn du sie noch nicht lange genug erzogen hast, in ihre alten Gewohnheiten zurückfallen. Und dann war doch alles vergebens...", wagte er einen letzten Versuch.


    "Ich werde darauf verzichten, diese Verbrecher ausfindig zu machen.", sagte er und meinte es nur bedingt ehrlich. Nikolaos war zwar kein Mann, der sich mit eigenen Händen seiner Haut erwehren konnte. In diesem Punkt hatte Marcus Recht. Unrecht hatte er darin, dass sich Nikolaos gar nicht seines Lebens erwehren konnte. Der Gymnasiarchos kannte viele mächtige Männer. Auch zwielichte Gestalten. Zwar konnte er keinem einzelnen trauen, aber er verstand es, sie gegeneinander auszuspielen.


    "Wenn du es immer noch möchtest, werde ich bei der nächsten Ekklesia deinen Antrag verlesen.", sagte er schließlich.

  • Thimótheos hatte die Einladung des Keryken erhalten und klopfte nun an dessen Tür. Er hatte sich ordentlich hergerichtet, trug seinen guten dunkelroten Himation und hatte dezent Schminke aufgetragen. Immerhin wollte er nicht seinen Gastgeber übertreffen, denn das könnte eine durchaus unangenehme Situation werden. So wartete er darauf, eingelassen zu werden.

  • "Nur ein Idiot zieht in eine Schlacht, die er nicht gewinnen kann." Diesen Satz hatte mir mein Schwiegervater als Ratschlag mitgegeben, als ich meinen Posten als Stadtpräfekt in Han erhielt. Ich sah nachdenklich vor mich hin, ohne den Blick zu fokussieren. Schließlich sagte ich "Ich ziehe den Antrag zurück. Er wird sowieso scheitern. Zumindest brauche ich dann auch nicht bei der Ekklesia meine Stimme zu erheben. Dann mache ich mir wenigstens keine weiteren Feinde." Ich lächelte kurz zynisch.


    "Doch kommen wir zu etwas anderem. Du hattest gesagt, dass du ein paar Bücher entbehren könntest?"

  • Das verächtliche Lächeln des Marcus gefiel Nikolaos gar nicht. Ihm schien es, als führe der seltsame Mann, den er immer noch nicht ganz durchschaut hatte, obgleich er ihn seit einiger Zeit kannte, etwas im Schilde. Umso erfreuter war der Hausherr, als Marcus das Thema wechselte.


    "Das kann ich und es wäre mir eine große Freude, dich damit bei deiner Akademie zu unterstützen.", antwortete er rasch und höflich.


    Anschließend führte er Marcus in die Bibliothek, die direkt auf den Garten hinausging. Aus mehreren Räumen bestand sie, die mit Truhen, Tischen und Schreinen angefüllt waren, sodass nur wenig Freiraum blieb, in dem man sich bewegen konnte. Das Mobilar war kostbar, aber schien schon etwas zerschunden zu sein von Beulen, Kratzern und Tintenspritzern. Einige Schriftrollen und Armaria waren ordentlich auf Tische gelegt, andere lagen chaotisch durcheinander. (Die Mehrzahl jedoch lag verschlossen in Truhen, der Hausherr hütete die Bücher wie keine anderen Besitztümer.) Mitten im Raum stand ein Lesepult, daneben ein Tisch, der von einer Vielzahl an Tintenquäderchen, Bimssteinen, Griffeln, Federn, Wachstafeln, Mörserchen, Wasserfläschchen und Papyri bedeckt war.


    "Schau dich in Ruhe um. Du kannst mir aber auch jetzt schon sagen, welche Bücher du brauchst. Gib acht, dass dir nichts auf den Kopf fällt."


    Die Warnung war zwar nicht ganz ernst gemeint, lag jedoch nicht völlig fern. Auf manchen Gesimsen stapelten sich Schriftrollen und Armaria in abenteuerliche Höhen. Andere hingegen waren aufgeräumt.

  • Nikolaos hatte den Besucher schon ungeduldig und ängstlich zugleich erwartet. Er war sich immer noch nicht ganz darüber im Klaren, was er tun würde. Da gab es immer noch dieses stechende Gefühl in der Brust... . Und diesen pochenden Schmerz an den Schläfen, wenn er daran dachte... . Aber er musste daran denken, seinen Stand in der Polis, ohne Nachkommen und ohne Verwandtschaft, zu erhalten. Außerdem trieb ihn eine bittere - ja, was war es?


    Der Torsklave hatte den Besucher rasch hineingelassen und durch das Andron in den großen Garten geführt, wo Nikolaos im Schatten des Peristylons wartete. Das Erscheinen des Gastes riß ihn aus seinen qualvollen Gedanken. Er saß auf einem Klismos, der mit dicken Kissen ausgepolstert war.


    "Sei gegrüßt, werter Timótheos. Es freut mich, dass du meiner Einladung nachgekommen bist."


    Er nickte höflich und deutete auf einen weiteren, ebenso mit Kissen bedeckten Klismos. Kühle Seidenstoffe waren es, aus denen die Kissen bestanden.


    Nikolaos gab einem Diener eine diskrete Anweisung, woraufhin dieser verschwand und wenig später mit einem kleinen runden Tischchen zurückkehrte, gefolgt von einem weiteren Diener, der einen Krater trug, zwei Becher und eine Obstschale.

  • Der junge Strategos wurde in den Garten geführt und fand dort den Gymnasiarchos vor. Er deutete eine leichte Verneigung an und erwiderte die Begrüßung des vermutlich mächtigsten Griechen Alexandrias. "Chaire hochverehrter Nikolaos. Es ist mir eine Ehre deiner Einladung Folge leisten zu dürfen."
    Dankend nahm Thimótheos auf dem angenehm gepolsterten Klismos Platz und sah den Dienern dabei zu, wie sie etwas zur Erfrischung brachten, ganz so wie es sich in einem griechischen bürgerlichen Haus gehörte.

  • Ich folgte in die Bibliothek und war beeindruckt. Welch ein Hort des Wissens, und das alles im Besitz einer einzigen Person!


    "Dieser Raum mit Gold gefüllt könnte von Wert nicht mit dem mithalten, was ich hier sehe. Denn während Gold nur gülden glänzt, sind diese Werke gefüllt mit Wissen und Weisheit." Ein leichtes, entzücktes Lächeln zierte mein Gesicht.


    Schließlich fasste ich mich wieder. "Die Theogonia des Hesiod wäre für die fortgeschritteneren Schüler wichtig. Das Wissen um die Götter ist schließlich von großer Bedeutung für zukünftige Epheben. Die zwölf Bücher "Peri theon" des Apollodor von Athen wären auch nicht schlecht."


    Dann sah ich mich vorsichtig um, damit ich nicht aus Versehen etwas beschädigte.

  • Der eine Diener stellte den Tisch zwischen die beiden Klismoi, der andere stellte darauf die Obstschale ab und schenkte in die flachen, langstieligen Becher aus grünem Glas aus dem Krater verdünnten Wein ein. Mit einer Verbeugung reichte der Diener den einen Becher dem Gast, danach den anderen Becher dem Gastgeber. Auf einen Wink des Hausherren zogen sich die Diener zurück.


    Nikolaos hob den Becher. Der Wein darin war kalt. Irgendwo in einem Kellerloch unter dem Haus mussten noch die Reste eines Eisbrockens lagern, den Peistratos vor einigen Wochen angeschleppt hatte.


    "Zum Wohl, werter Timótheos.", sagte Nikolaos und nahm einen Schluck. Vorsichtig stellte er das Glasgefäß auf dem Tischchen ab. "Bitte, bediene dich." Er wies auf die Obstschale. Datteln lagen darin, Pomeranzen, Feigen und Trauben.


    "Ich fürchte, ich habe noch nicht ausreichend ausgeführt, wie zufrieden ich mit der Zusammenarbeit mit dir innerhalb des Prytaneions bin.", sagte er höflich. Alle Unsicherheit war mit dem Erscheinen des Gastes wie verflogen.
    "Umso mehr würde es mich freuen, die Zusammenarbeit auszubauen. Ich sehe, dass du und die deinen viel erreicht haben. Das rührt mich umso mehr, da ich selbst vor Jahren fast mittellos in die Stadt kam. Nur fürchte ich - ich hoffe, du verzeihst mir diese Indiskretion, aber ich denke, du hast mich ehrlich lieber als heuchlerisch- euer Glück könnte auf gefährliche Neider unter den alten Geschlechtern der Polis stoßen. Sieh dies nicht als Warnung an, keineswegs ist mir derartiges bereits zu Ohren gekommen. Aber ich fürchte, es könnte geschehen.
    Zwischen deinem verehrten Bruder Ánthimos und mir herrschten gewisse Differenzen."


    Er sah Timótheos durchdringend an. Lächelte aber dabei wie gewohnt freundlich. Um seine Mundwinkel zuckte es ein einziges Mal, ganz kurz und kaum sichtbar.


    "Diese möchte ich gerne beilegen. Er ist ein guter Mann für die Polis, und auch ich habe ihn als anständig kennengelernt."


    Dieser Satz hatte Nikolaos besondere Qualen bereitet. Doch er wusste sich zu beherrschen. Schließlich ging es -ja, so schlimm es war- um seine eigene politische Zukunft.


    "Ich möchte eurem Glück nicht nur nicht im Wege stehen, sondern es auch fördern. Daher biete ich dir und deiner Familie meinen Schutz und meine Freundschaft an."


    Er nahm sich eine Dattel und biss hinein.


    "Darüber musst du freilich nicht jetzt entscheiden. Sprich darüber mit den Deinen und teile mir eure Entscheidung mit. Ich werde euch nicht böse sein, falls ihr ablehnt. Falls nur du allein dich dafür entscheidest, bist du mir ebenso willkommen. Falls du oder ihr euch dafür entscheidet, ist euch meine Unterstützung, meine Hilfe und mein Schutz sicher."




    Sim-Off:

    WiSim-Geschenke kommen gleich.

  • Thimótheos fiel die kühle Temperatur des Weines positiv auf, denn trotz des gerade erst endenden Winters und der damit einhergehenden kühleren Regenzeit war ein kühles Getränk durchaus eine Wohltat in diesen Gefilden. "Zum Wohl, mein verehrlicher Gastgeber." Er ließ die kühle Flüssigkeit mit Genuss seinen Hals hinunter laufen und nahm dann dankend von dem Imbiss.


    Die weiteren Worte des Gymnasiarchos schmeichelten dem Bantotaken, was er sich jedoch nicht überschwänglich anmerken ließ. "Ich danke dir für deine lobenden Worte. Ich fühle mich sehr wohl in der Gesellschaft des Prytaneions und kann unsere Zusammenarbeit ebenfalls nur sehr loben."
    Dann jedoch wurden die Züge des jungen Griechen ernst, denn Nikolaos sprach Dinge an, über die er sich ebenso bereits Gedanken gemacht hatte. Unglaublich, dass der Keryke plötzlich so offen ihm gegenüber war, hatte Thimótheos den Gymnasiarchos doch bisher immer als recht verschlossen und geheimnisvoll erlebt. Umso überraschter war er nun, als Nikolaos den Streit zwischen Ánthimos und ihm so aufrichtig offenbarte und ihn beilegen wollte. Dies quittierte Thimótheos mit einer leicht hochgezogenen rechten Augenbraue, während er weiter zuhörte.


    Dann kam die nächste Überraschung. Der Keryke wollte seiner Familie Schutz bieten! Kamen gewöhnlich die Leute nicht zu einem hin und baten um Schutz, statt anders herum? Thimótheos' Gedanken rasten. Der Gymnasiarchos war ein reicher, mächtiger und angesehener Mann und ein großer Teil der Polites stand hinter ihm. Außerdem hatte er gute Verbindungen zu der Oberschicht der Stadt und konnte in fast jeder Angelegenheit seine Kontakte spielen lassen. Nachdenklich fuhr der junge Bantotake sich mit dem Handrücken über die Unterseite seines Kinns, bevor er antwortete.
    "Ich freue mich, dass du die Meinungsverschiedenheit mit meinem Bruder als belanglos ansiehst und diese beilegen möchtest. Ich werde Ánthimos davon berichten und bin überzeugt, dass er sich sehr darüber freuen wird."
    Er sprach mit freundlichem Ton und verbarg völlig sein aufkeimendes Triumphgefühl. Hatte der mächtigste Grieche der Stadt gerade in einem Streit mit seinem Bruder nachgegeben? Wie unfassbar war das denn bitte? Thimótheos hatte nicht mehr wirklich im Gedächtnis, worum es überhaupt ging, doch das war nicht weiter wichtig. Ánthimos würde sich wahrlich freuen.


    "Dein Angebot, meiner Familie Schutz und Unterstützung zu bieten, ehrt die meinen und mich ebenfalls sehr. Ich werde darüber nachdenken und dies mit meinen Verwandten besprechen, danke." Dies zu entscheiden war nun ein wirklich ordentlicher Brocken. Würde er sich in den Schutz und damit in eine gewisse Abhängigkeit des Keryken begeben? Oder würde er versuchen auf eigenen Beinen zu stehen und damit womöglich unnötige Gefahren eingehen?
    "Es wäre sicherlich von großem Vorteil, unter dem Schutz des mächtigsten Griechen der Polis zu stehen. Doch sag mir Nikolaos, weißt du von konkreten Gefahren, die meiner Familie begegnen könnten, oder erwächst dein Angebot aus anderen Gründen?"
    Langsam und so unauffällig wie möglich trank er einen großen Schluck Wein. Eine Feige verschwand zwischen seinen Zähnen und wurde genüsslich verspeist, denn Thimótheos wollte sich keine Blöße geben und war abgeklärt wie so oft.




    Sim-Off:

    Vielen Dank. :)

  • Nikolaos lächelte bescheiden.


    "Nun ja, es ist nur meine kleine Privatbibliothek, aber ich habe große Freude an ihr."


    Er ging an eine Truhe, auf deren Deckel mannigfaltige Schriftrollen, lose Blätter und gebundene Codices lagen. Die beiden ersten Wünsche des Gastes stellten ihn vor keine besonderen Schwierigkeiten. Von der Theogonie hatte er einige Exemplare, war sie doch eines der wichtigsten Werke der Literatur der hellenischen Welt. Für Marcus wählte er eine Abschrift aus, die noch nicht allzu alt und noch nicht allzu strapaziert aussah durch den Gebrauch. Das Peri Theon hingegen musste er länger suchen. Er wusste auch gar nicht, ob er es überhaupt doppelt hatte, doch mit etwas Geduld hätten einige gute Lohnschreiber es ihm von einem Exemplar im Mouseion abgeschrieben. Auf fünf schwere Schriftrollen waren die Bücher verteilt. Zusammen mit der Theogonie brachte er sie Marcus. Dabei stieß er mit einem herausragenden Lesestock einen Stapel Codices um, der ihm auf die Füße fiel. Er stieg darüber hinweg und ließ die schweren Bücher förmlich in Marcus Arme fallen. Dann wandte er sich um und hob die Codices auf.


    "Möchtest du noch etwas mitnehmen? Von Apollodor habe ich auch die Khronika."


    Von dieser besaß Nikolaos wiederum zwei Exemplare, weshalb es ihm nicht schwer fiel, eines davon Marcus für dessen edles Anliegen zu überlassen.

  • Nikolaos nahm sich eine Dattel und zerkaute sie langsam. Auch nahm er einen weiteren Schluck des kühlen Weines. Seine Warnung hatte offenbar Wirkung auf das Oberhaupt der Familie der Bantotaken gezeigt, auf welche Weise auch immer. Aber die Entscheidung schien dem jungen Mann nicht leichtzufallen. Da war es nur zu gut, dass Nikolaos in Bezug auf Ánthimos Milde gezeigt hatte.


    Der Gastgeber biss in eine Feige, die mit Honig überzogen und mit Anis gespickt war. Fast geräuschlos kaute er auf der Frucht. Süßer Saft rann ihm die Kehle hinab und vermischte sich mit den letzten Tropfen Wein.


    Im Garten sangen und krächszten Vögel. Sperlinge waren da, die leicht in der Luft zu tanzen schienen. Am kreisrunden Teich stolzierten zwei Ibisse, wie reiche Bürgerinnen der Stadt zuweilen am Hafen. In der Luft flatterten Bienen und Schmetterlinge umher, aber auch Mückenschwärme.


    Dass der Gast ihn bezichtigte, aus gewissen anderen Gründen ihm das Angebot unterbreitet zu haben, ließ den Gastgeber aufhorchen. Er sah Timótheos freundlich an, dabei aber mit einem durchdringenden, prüfenden Blick, fast wie der eines Vaters, der dem Sohn in einer peinlichen Angelegenheit auf die Schliche gekommen war.


    "Es nicht so, dass ich von einem geplanten Anschlag auf eure Familie wüsste.", sagte Nikolaos ernst, aber mit einem süffisanten Lächeln. "In einem solchen Fall hätte ich euch sofort gewarnt, und nicht dich zunächst eingeladen und dir jenen Vorschlag unterbreitet."


    Er sah sein Gegenüber nachdenklich an. Einer der Ibisse stakste auf das Peristylon zu, auf den Abschnitt, in dem die beiden Sessel standen. Er krächszte und schlug mit seinem langen, gebogenen Schnabel gegen den Sessel des Gastes.


    "Sie sind schon ganz zahm.", sagte Nikolaos plötzlich, wie in Gedanken versunken und gab dem Ibis einen Wink, woraufhin dieser wieder zum Teich zurückstakste.


    Konzentriert wandte er sich wieder dem Gast zu.


    "Timótheos, als Strategos bekämpfst du das Verbrechen in der Stadt. Das ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe, aber auch eine sehr gefährliche. Ohne den Schutz gewisser Männer ist dieses Amt nicht nur für den Inhaber, sondern auch für die Seinen nicht ungefährlich."


    Er blickte dem Gast lange schweigend in die Augen, ehe er weitersprach.


    "Ánthimos, dein ehrenwerter Bruder, wurde bis vor kurzem vom berühmten und verdienstvollen Mithridates gefördert. Leider ist der ehrenwerte Mithridates, wie ich kürzlich erfahren musste, einem Unfall zum Opfer gefallen."


    Wieder ein durchdringender Blick.


    "Damit hat euer edles Geschlecht keinen Beschützer mehr. Bitte verzeihe mir die drastische Formulierung: Ihr seid damit gewissermaßen Freiwild. Vielleicht weihte euch der ehrenwerte Mithridates nie in seine Geschäfte ein, aber er soll ein Mann mit weitreichenden Kontakten gewesen sein. Mit Kontakten in Kreise, auf die ich selbst weniger Einfluss habe, als er es hatte."


    Wieder eine Pause. Nikolaos wollte dem Gast Gelegenheit geben, die Dringlichkeit zu erkennen.


    "Nichtsdestotrotz kann ich euch Schutz bieten. Freilich nur bieten, ihr seid freie Bürger und müsst selbst wählen."

  • "Die Khronika? Das ist ja praktisch. Ja, die könnte ich auch noch gut gebrauchen." Noch mehr Bücher in meinen Armen würden auch nichts mehr ausmachen. Ich war bereits jetzt überladen. "Ähm... kurze Frage, wie soll ich die eigentlich mitnehmen? Du hast nicht zufällig jemanden, der mir beim tragen helfen könnte. Immerhin muss ich am Tor noch mein Schwert abholen." Und kampfbereit sollte ich auch besser sein. Man konnte ja nie wissen.

  • Mit Zenobia und den beiden Gehilfen im Schlepptau erreichte die Sänfte des Nikolaos dessen Anwesen im Königsviertel. Ab dem Tor zur Basileia war der Gymnasiarchos zufuß gegangen. Im Königsviertel waren die Straßen verhältnismäßig sauber. An manchen Tagen wirkte diese Sauberkeit auf ihn beinahe abartig.


    Der Torwächter waltete seines Amtes. Nikolaos wartete auf Zenobia, um sie, nachdem der Wächter das schwere Tor des Hofes zur Straße hinter ihnen verschlossen hatte, gewissermaßen ein zweites Mal in Empfang zu nehmen.


    "Rechts von diesem Hof ist ein zweiter, der Küchenhof. An diesem liegt auch dein Schlafquartier. Peistratos, einer der drei anderen Sklaven, wird es dir gleich zeigen. Tagsüber sind hier außerdem Lohndiener. Diese musst du besonders beaufsichtigen. Es gab unter ihnen so manche, die zu spät kommen, an einigen Tagen gar nicht kommen oder gar stehlen. Wenn du soetwas beobachtest, melde es sofort Peistratos.


    Die Anweisungen des Peistratos sollst du befolgen, als kämen sie von mir, es sei denn, meine Anweisungen lauten anders."


    Er blickte die junge Frau streng an. Insgeheim hoffte er, sie würde sich als gute Sklavin erweisen. Der alte Peistratos wurde schließlich nicht kräftiger und gesünder mit dem Alter. Nikolaos hatte vor, ihn bald freizulassen und ihm ein Gnadenbrot zu gewähren. Dafür brauchte er aber einen neuen Obersklaven. Der Hausherr selbst hatte über sein Hauswesen nur einen unzureichenden Überblick. Er war schließlich auch nicht verheiratet, sodass es von den Sklaven abhing, ob alle Dinge im Haus richtig liefen.


    "Hast du noch Fragen? Falls du keine Fragen hast, so gehe in den Küchentrakt, dort wirst du Peistratos antreffen, der dir alles weitere erklärt und dir alle wichtigen Räume des Hauses zeigt."


    Nikolaos war ein wenig ungeduldig. Die Sonne stand schon sehr weit oben. Für gewöhnlich pflegte der Hausherr schon viel früher in seinem Zimmer zu ruhen.

  • Zenobia lauschte den Ausführungen des Gymnasiarchen. Sie war gewillt, sich möglichst rasch und problemlos in die Hausgemeinschaft dieses Mannes einzufügen. Und sie hatte eingesehen, dass sie ihm nur schwerlich etwas vormachen und ihren wahren Charakter kaum vor ihm verbergen konnte.


    Auch wenn sie von den Ausmaßen des Anwesens mehr als nur beeindruckt war, ließ sie sich davon nicht aus der Ruhe bringen und hielt dem strengen Blick des Keryken stand. Ja, ihre dunklen Augen funkelten schon wieder sehr herausfordernd, als wollte sie etwas sagen wie: Na, bereust du den Kauf bereits?
    Doch der Syrerin war die Unruhe, die den Mann offensichtlich plagte, nicht gänzlich entgangen, weswegen sie sich mit solchen oder ähnlichen Spielchen und Provokationen einstweilen zurückhielt.
    "Soweit ist alles klar, Kyrie." Bei der Anrede zuckten ihre Mundwinkel wieder ein wenig und in ihren Augen schien sich der Spott zu sammeln wie Regentropfen in einer überlaufenden Dachrinne. "Ich mach mich dann mal auf die Suche nach Peisistratos! Wenn mir außerdem Hippias und Hipparchos noch über den Weg laufen, ruf ich laut um Hilfe!"
    Schnellen, geschmeidigen Schrittes machte sie auf dem Absatz kehrt und wandte sich wie beschrieben nach rechts in den anliegenden Nebenhof und von dort weiter in den angrenzenden Küchentrakt. Dem guten Peistratos war eine großes Maß an Gelassenheit im Umgang mit aufmüpfigen jungen Frauen zu wünschen.

  • Peisistratos, der alte Chef-Sklave:


    Nikolaos hatte die spitze Anspielung auf die beiden anderen Tyrannen von Athen nicht mehr gehört, da er rasch in seinen Gemächern verschwunden war.


    Statt seiner nahm nun Peisistratos die neue Sklavin in Empfang. Er war ein älterer Mann, groß und hager (dabei etwas gebeugt gehend) mit gutmütigen dunklen Augen.


    "Sei gegrüßt. Bist du eine neue Sklavin oder eine Lohndienerin? Wie heißt du? Ich bin Peisistratos.", sagte der Chef-Sklave des Hauswesens des Nikolaos freundlich.


    Sie standen im rechten Nebenhof. In dessen Mitte stand ein Brunnen, an dessen Rand sich Peisistratos nun kurz abstützte, um sogleich wieder künstlich aufrecht zu stehen. Ihm schien es nicht zu behagen, die gebrechliche Konstitution seines alten Körpers andere erkennen zu lassen.


    "Hast du bereits Bekanntschaft mit dem Herren gemacht?"


    Seine Fragen machten keineswegs den Eindruck eines Verhörs, dafür war seine Stimme zu sanft und freundlich.

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