[Cubiculum] Iulia Cara

  • Ein Brief, den es eigentlich gar nicht geben sollte...



    Cara stand in der Mitte des Zimmers, das man ihr zugewiesen hatte. Für plebejische Verhältnisse war der Raum großzügig eingerichtet: Ein ausladend großes mit frischen Laken bezogenes Bett, eine kleine Frisierkommode mit einem Hocker davor, einen Tisch mit zwei Weidenstühlen, darauf ein Willkommensstrauß mit Frühlingsblumen. Ihre Truhen, welche ihr komplettes Gepäck beinhalteten, hatte man in einen kleinen Nebenraum geschafft. So hell und schön möbliert wie es jedoch auch war, Cara empfand es als kalt, denn noch fehlte jeglicher persönliche Anstrich. Das würde erst mit der Zeit kommen, dann wenn sie einige Monate hier zugebracht hätte und Rom allmählich ihr „Zuhause“ nennen konnte. Noch fühlte sie sich wie entwurzelt, wenn sie auch zuversichtlich war. Das hier war ihr Zimmer. Sie würde es zu ihrem Refugium machen.
    Ihr Blick glitt hinüber zu dem großen Bett. Da lag er ja. Der Brief, von dem Lucius gesprochen hatte. Wie er da lag, sich beigefarben von der Reinheit der Decke abhob. Ein Schönheitsfehler, etwas das nicht da sein sollte. Cara starrte den Papyrus an. Einen Atemzug, und einen zweiten. Nur langsam setzte sie sich in Bewegung. Nein, es würde ihr nicht gefallen, was sie nun gleich zu lesen bekommen würde und der Gedanke daran ließ sie zögern, machte ihre Schritte schwer. Eigentlich wollte sie Saturinus´ Zeilen nicht lesen, nicht davon, dass er es sehr bedauerte, dass sie sich verpasst hatten. Er würde auf die wichtigen „Pflichten“ verweisen, die ihn fort gerufen hatten, beteuern, dass er sie vermisste und dass er hoffte, sie bald wieder zu sehen. Gefolgt von einem Appell, Lucius und Marcus keinen Ärger zu machen, würde er dann schließen. Nur leider würden all seine so eloquent gewählten Worte ihre Enttäuschung nicht mildern können...
    Mit zittrigen Fingern nahm sie den Brief auf und rollte den Papyrus von der Rolle. Ah, die wohlbekannte Schrift. Etwas unruhig und krakelig. Wie so oft würde sie Mühe haben die Worte ihres Bruders zu entziffern.

    „Meine liebste Schwester! Ich hoffe, dir geht es inzwischen wieder besser? Die Götter scheinen uns dieses Mal leider nicht wohl gesonnen gewesen zu sein. Ich hatte gehofft, dich zur Verlobungsfeier Lucius´ zu treffen und war sehr erschüttert, als ich von deinem hohen Fieber erfuhr. Mutters Worte ließen mich ernsthaft darüber nachdenken, nicht sofort nach Mogontiacum zu kommen“ –


    An dieser Stelle lachte Cara kurz auf und murmelte ein bitteres„Zu Schade, dass ich nicht noch länger so krank war“.


    Aber sie sagte, dass das ganz und gar unnötig sei. Und mir fiel dann ein Stein vom Herzen, als es hieß, du befändest dich auf dem Weg der Besserung. Eigentlich wollte ich in Rom bleiben, um zu warten, bis du ankämest. Doch leider riefen mich dringende Pflichten zurück nach Misenum. Ich möchte dich an dieser Stelle nicht mit Details langweilen. Stattdessen, ich hoffe, dass deine Reise den Umständen entsprechend dennoch angenehm war und dass dich unser Verwandter Lucius herzlich aufgenommen hat. Er ist vielleicht noch jung, aber du kannst auf ihn vertrauen. Ich habe eine sehr gute Meinung von ihm – Das solltest du auch haben. Versuche ihn – und auch Marcus Iulius Proximus – zu unterstützen, wo du nur kannst, denn sie geben sich große Mühe die Iulia wieder ins Licht zu führen. Ich vermisse dich wirklich sehr, kleine Schwester und ich kann nur noch einmal beteuern, dass es mir schrecklich Leid tut. Wir haben uns schließlich schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Ich werde versuchen, dich sobald es geht zu besuchen. Bis dahin, kleine Schwester, bleibe anständig! In Liebe, dein Bruder Publius


    Worte! Alles nur Worte! Wenn sie ihm wichtig gewesen wäre, dann wäre er geblieben! Aber nein, wieder war es seine Karriere, die ihn fortzog. Es gab Momente, da hasste es sie, dass sie dafür Verständnis aufbringen musste. War die Familie denn nichts wert? Zählte sie denn nichts? Stattdessen reichte er sie weiter wie ein Stück Vieh, das man beliebig hin und her schieben konnte. „Sobald es geht“ dachte er sie zu besuchen. Heuchelei! Cara wusste, dass dieses „sobald“ Monate bedeuten konnte! Monate! Und wie lange hatten sie sich davor nicht mehr gesehen? Waren es sechs Monate oder neun? Saturinus wusste das auch. Aber wieder fertigte er sie mit dieser leisen Hoffnung ab – und besaß dann auch noch die Frechheit an sie zu appelliere. Als machte sie ständig Ärger.
    In einem Anflug von Wut zerriss sie den wertvollen Papyrus. Wie betrunken torkelten die Fetzen zu Boden, wo sie bemitleidenswert liegen blieben. Cara bereute es, noch ehe die Überreste die Fliesen berührte. Schließlich war es alles, was ihr Bruder ihr nach sechs Monaten zugestanden hatte. Ein paar Zeilen. Nicht mehr. Und diese Zeilen lagen nun zerrissen und gebrochen zu ihren Füßen. Blind starrte sie sie an, als sich ihre Enttäuschung endlich in Tränen Bahn brach....

  • Dunkelheit war wie dunkler Samt zu den Fenstern herein gekrochen und hatte sich über die Truhen, den Tisch mit seinen Brüdern den Weidenkörben, die Kommode, das Bett gelegt und begrub gnädig alle Unebenheiten unter sich. In der Nacht war alles gleich.
    Ein leises Klicken brachte Cara Bewusstsein Stück für Stück an die Schwalle der Wahrnehmung. Zunächst wunderte sie sich noch, weshalb es schon so dunkel war, dann bemerkte sie, dass sich langsam ein flackerndes Licht zum Tisch hinüber schob, bis sie schließlich erkannte, dass dieses Licht eine Kerze war, die von einer Hand getragen wurde, die wiederum zu einem Menschen gehörte. Aus müden Augen heraus beobachtete sie, wie der Fremde den Tisch erreichte.
    „Wer ist da?“, fragte sie verschlafen, viel zu träge, um sich zu sorgen. Ein Ruck ging durch die Gestalt und ein Kopf fuhr erschrocken herum. Im Schein der Kerze erkannte sie das scharf umrissene Profil einer Frau mit dunklen Haaren.
    „Verzeih – domina“, verzögerte sich die Antwort, als hätte sie sich erst wieder sammeln müssen. Eine Sklavin also.
    domina Calliphana schickte mich, dir eine Kleinigkeit ins Zimmer zu stellen, falls du Hunger haben solltest, wenn du aufwachst. Die cena hast du verpasst...“ Es dauerte ein, zwei Augenblicke, bis Caras Verstand erfasste, was gesagt wurde. Er verweilte immer noch in dösendem Halbschlaf. Dann kräuselte ein Lächeln die Lippen der Iulia, welches die Sklavin aufgrund des Lichtmangels natürlich nicht sehen konnte.
    „Das ist nett von ihr....Wie ist dein Name?“
    „Tsuniro“, klang es durch die Dunkelheit des Zimmers zu ihr herüber.
    „Gut, Tsuniro. Dann richte ihr bitte meinen Dank aus...“, Wieder kam die Antwort der Sklavin mit einigem Abstand. „Wie du wünschst, domina!Dieses Mal glaubte Cara jedoch, dass es vielmehr mühsam hinunter geschluckter Unwillen war, der die Frau hatte zögern lassen. Ihr Tonfall war schneidend. Es klackerte und schepperte, als Tsuniro das Tablett mit dem Brotkorb und den Tiegeln mit Aufstrich auf dem Tisch abstellte. Kurz darauf wanderte die Kerze zurück zur Tür und erlosch von einem Atemzug auf den nächsten. Mit leisem Knartzen schloss sich die Tür. Cara indessen schloss mit einem Seufzen die Augen. Vielleicht hätte sie die Sklavin zurecht weisen sollen, aber sie war viel müde. Der Tag in der Stadt war so anstrengend gewesen. Noch immer litt sie unter einer gewissen Schwäche, die sie immer so schnell Erschöpfung empfinden ließ. Sie war sogar zu müde dazu, um auch nur einen Gedanken an Essen zu verschwenden – und glitt stattdessen zurück in einen ruhigen, traumlosen Schlaf.

  • Mein lieber Bruder,


    Ich muss dir nicht sagen, wie sehr es mich geschmerzt hat, dass du nicht hier in Rom warst, um mich zu begrüßen. Mein Verstand sagt, dass es richtig war, dass du gegangen bist, um deinen Aufgaben nachzukommen. Mein Herz, das Herz einer Schwester, kennt nur die Enttäuschung. Zu gern hätte ich mit dir die Ereignisse der letzten paar Tage geteilt. Der Tag nämlich, an dem ich nach Rom kam, war alles andere als langweilig. Ich fürchte, die nächsten Zeilen werden dich etwas beunruhigen – wahrscheinlich wirst du die Brauen heben, wie du es immer tust, und sie verwundert ein zweites Mal lesen. Aber bitte mach dir keinen Sorgen! Mutter hatte mir ja Sophie mit nach Rom geschickt und gab ihr eine Wegbeschreibung zur Casa Iulia. Leider erwies sich die als nicht ganz so gut, sodass wir auf einem Markt hielten, damit Sophie jemanden nach dem Weg fragen konnte. Sie verschwand und ich wartete. Und wartete. Und wartete. Zwischen durch sagte ich mir, Cara bleibe ruhig! Du bist so ungeduldig! Aber nachdem ich dann wirklich fast eine halbe Ewigkeit dort gestanden hatte, entschloss ich mich nach ihr zu suchen. Ich schritt den ganzen Markt auf der Suche nach ihr ab, aber konnte sie nirgends finden. Um ehrlich zu sein, mein erster Gedanke in dieser Situation war, dass sie wohl getürmt ist. Anders konnte ich mir ihr Verschwinden leider nicht erklären. Noch konnte ich dem Ganzen aber nicht nachgehen, weil ich natürlich erst einmal zur Casa Iulia gelangen musste. Ich fragte also einen Passanten – und du glaubst es nicht, an wen ich geriet! Senator Aurelius Ursus! Ich weiß nicht, ob dir der Name etwas sagt. Aber unser Vater hätte ihn ganz gewiss gekannt. Die beiden trainierten nämlich zusammen, als der Senator sein Tribunat in Germanien ableistete. Er hatte eine sehr hohe Meinung ihm. Dieser Senator nahm sich meiner nun also an – ich bin ihm wirklich dankbar dafür und werde mich bei den Göttern für diese Wohltat bedanken. Und er brachte mich sicher zur Casa. Ich bin mir sicher, dass er dafür sogar extra einen Umweg in Kauf nahm. Lucius war zunächst überrascht, als er mich mit dem Senator in seinem Tablinum stehen sah, und dann wenig angetan davon, dass ich allein in Rom unterwegs war. Aber ich konnte doch wirklich nichts dafür! Ich äußerte auch gegenüber dem Senator, dass ich befürchte, Sophie sei geflüchtet. Er ermahnte mich daraufhin aber, dass ich nicht voreilig Vermutungen anstellen soll. Er hat Recht, auch wenn es mir nach wie vor schwer fällt zu glauben, Sophie habe sich auf dem Markt verirrt. Lucius bot an, bei seinen Sklaven nachzufragen, ob Sophie vielleicht noch nachgekommen ist. Ich hoffe es wirklich! Inzwischen ist auch eine weitere Verwandte hier in Rom eingetroffen. Iulia Corona heißt sie und sie ist in Begleitung ihrer Mutter Lucia. Ich habe Mutter das eine oder andere Mal ihre Namen erwähnen hören, hatte aber einen sehr zwiespältigen Eindruck in das Verhältnis der beiden. Es steht wohl nicht zum besten, andererseits erscheint es mir so, als sei Mutter enttäuscht – weshalb auch immer. Jedenfalls hat sie Lucia einen Brief geschrieben. Das hat Corona mit erzählt, als wir letztens zusammen einkaufen waren (ich weiß schon was du jetzt denkst, Bruder: Hoffentlich verwahrt Lucius seine Goldmünzen gut...Aber keine Sorge! Corona hat sich als eine unglaubliche Händlerin herausgestellt. Wie eine Löwin hat sie gefeilscht und mit großem Erfolg gewonnen...). Lucia zeigte sich davon wohl alles andere als begeistert. Ich frage mich wirklich, was zwischen den beiden wohl vorgefallen ist, dass sie sich nicht mehr ausstehen können... Oh, und rate mal, wer noch seinen Weg in die Ewige Stadt gefunden hat!...Einst gehörte er zu unseren engsten Freunden. Bis zu jenem einen bestimmten Tag...Errätst du es, Bruder? Richtig! Kaeso Iulius Vestinus! Dieser Schurke, der unwürdig ist, den Namen unserer geliebten Familie zu tragen hat sich in der Casa wie ein Parasit eingenistet. Um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, wie er selbst sagt. Ich dagegen glaube ihm kein Wort! Sein einziges Ansinnen wird sein, Schande über die Familie zu bringen. Etwas anderes kann dieser Familienzweig ja schließlich nicht. Onkel Clemens ist so ein furchtbarer Mann – letztendlich hat ihn seine eigene Boshaftigkeit dahingerafft. Du hast bestimmt schon Nachricht von seinem Tod erhalten. Wenn du mich fragst, dann führt auch sein Sohn nichts gutes im Schilde. Der Kerl scheint mich zu verfolgen – aber ich werde ihm die Stirn bieten! Hier in Rom ist nicht Platz für uns beide! Er wird noch sein blaues Wunder erleben! Im Fall Sophie gibt es im Übrigen auch Neuigkeiten. Letztens habe ich den Maiordomus aufgesucht. Er scheint mir ein fähiger, gewissenhafter Mann zu sein, dennoch konnte er Sophie nicht ausmachen. Der Ägypter zeigte sich ganz geknickt, als er seine Befürchtungen hinsichtlich einer Flucht äußerte. Mir blutete das Herz, wenn ich daran denke. Wie konnte Sophie mich nur so verraten? Ich bin nicht einmal wütend – nur furchtbar enttäuscht! Ich habe ihr schließlich vertraut und meine, dass sie es bei mir nie schlecht gehabt hat. Lucius hat sich nun der Sache angenommen. Ich vertraue ihm. Er ist wirklich ein ganz netter Kerl. Natürlich noch jung und manchmal hat er ehrlich gesagt eine sehr merkwürdige Auffassung von Humor, der es liebt mich an die Decke gehen zu lassen. Das Verhältnis zu ihm ist zeitweise etwas schwierig. Im Allgemeinen habe ich ihn sehr gern. Er versucht es mir hier so einfach wie möglich zu machen und kümmert sich um mich, da du dieser Aufgabe ja entflohen bist. Andererseits, er ist der Hausherr. Ihm – und Marcus natürlich – obliegt das Wohl unserer gens. Das bringt automatisch auch Spannungen mit sich. Zuweilen habe ich den Eindruck, er ist tatsächlich so etwas wie ein guter Freund für mich, aber dann setzt er bereits im nächsten Moment die Maske des herrischen Hausherrn auf, sodass ich ganz verwirrt bin und für einen Atemzug gar nicht mehr weiß wie ich reagieren soll. Auch bin ich mir im Moment nicht so sicher, was er damit bezweckt mich nach drei Monaten Aufenthalt hier in Rom zurück nach Mogontiacum zu schicken. Ich soll eine gute Tochter sein, sagt er. Vermutlich hat er meinen Postausgang kontrolliert und festgestellt, dass ich Cretica noch keinen einzigen Brief geschrieben habe. Ehrlich gesagt reiße ich mich auch nicht gerade darum! Aber jetzt zurück nach Hause?! Ich fürchte der Grund ist, dass es unserer Mutter nicht so gut geht. Sie hat ja nun doch schon einige Winter auf den schmalen Schultern. Obschon es mir widerstrebt zurück zugehen, mache ich mir doch Sorgen. Wir – Corona wird mich begleiten und Lucius´ Maiordomus – werden während der Zeit übrigens bei einem Freund der Familie unterkommen. Marcus Decimus Livianus. Ich habe schon von ihm gehört. Ein wichtiger Senator, der nun einen Posten bei der Legio in Germania inferior angenommen hat. Ich weiß nicht, weshalb uns Lucius zu ihm schickt. Meiner Ansicht nach kann das nur bedeuten, dass es um Creticas Gesundheit nicht sehr gut bestellt ist. Ich bete dafür, dass ich mich irre... Bitte schreib mir bald, mein lieber Bruder! Ich lechze nach jedem kleinsten Wörtchen von dir! Vergiss mich nicht, auch wenn du im Moment so unglaublich fern von mir bist. Ich vermisse dich schrecklich! (Und hoffe, dass dich das schlechte Gewissen dafür verfolgt!). Ich werde dir schreiben, sobald ich kann!


    Ich umarme dich!


    Cara

  • Vestinus ging den Flur entlang, bald müsste er aufbrechen. Seine Sachen waren bereits von den Sklaven gepackt wurden, aber er wollte noch eine kleine Sache erledigen. Er ging zu Caras Zimmer, blieb aber vor der Tür stehen. Er legte die beiden Kleidungsstücke ab und legte einen Zettel darauf. Dann verschwand er.



    Salve Cara!


    I.Tunika: Zu groß
    II.Tunika: Schreckliche Farbe


    Eventuell könntest du noch einmal auf den Markt gehen? Die Stücke gefallen mir alle beide nicht. Der Stoff ist gut, aber die Farben! Wer solch eine Kleidung herstellt, gehört ans Kreuz genagelt. Aber Danke für deine Bemühungen, auch wenn sie nicht fruchteten.


    P.S. Ich habe im Hof etwas für dich hinterlassen, ich hoffe es gefällt dir.


    Vale, Vestinus,

  • Müde und erschöpft schritt Cara in einer kobaldfarbenen Pala, die einen wunderbaren Kontrast zu ihren roten Haaren gab und die Farbe ihrer Augen aufgriff, den Gang zu ihrem cubiculum entlang. Der Sommer stand vor der Tür und sendete seine ersten heißen Vorboten durch den Türspalt und das Schlüsselloch herein. Die junge Iulia, die sonst kältere Gefilde gewohnt war, hatte mit dieser Hitze zu kämpfen, denn sie war es schlichtweg nicht gewohnt.


    Schon von weitem sah sie das Bündel, das vor ihrer Tür auf dem Boden lag. Kritisch die Stirn kräuselnd trat sie näher heran. Die Tuniken! Eine Welle der Wut überspielte sie. >Dieser unverschämte Kerl wagt es!...<
    Sie bückte sich, um die beiliegende Nachricht aufzusammeln.


    >I. Tunika: Zu groß....II. Tunika: Schreckliche Farbe...?!.....<"Dieser elende Hund!", knurrte sie und umgriff das zarte Pergament fester, dass es knitterte. Sie kochte vor Wut und vergaß überdies sogar ihre Schwierigkeiten mit der Stadtrömischenhitze.
    Sie konnte förmlich Kaesos hämisches Gesicht sehen, wie es auf den Bogen blickten und diese Zeilen bannte. Natürlich wollte er sie nur ärgern. Das war ganz uns gar offensichtlich. >Eventuell könntest du noch einmal auf den Markt gehen?...?!<"Pah! Dir werde ich nochmals einen Geflallen erweisen. Du undankbarer, idiotische, vorlaute...ARGH!" Ein Sklave der an ihr vorbeiglitt warf der Iulia einen irritierten Blick zu.
    "Was schaust du so?!", schnauzte sie ihn an, ehe sie nochmals auf die Nachricht blickte....
    >Hinter diesem Etwas kann auch nur wieder eine Gemeinheit stecken...< dachte sie schnaubend. Dennoch, das musste sie sich eingestehen, war sie neugierig. Kaeso hatte seine Spitzen dieses Mal nicht so extravagant ausgefeilt, wir es sonst zu tun pflegte...Sie ließ die Schriftrolle abfällig auf die Tuniken fallen und machte sich schließlich in besonders würdevoller Haltung auf den Weg in den Hof....

  • Cara stand in ihrem Zimmer und beobachtete wie zwei kräftige Sklaven die schwere Truhe hinaus trugen, die sie auf ihrer Reise zurück nach Mogontiacum begleiten würde. Zurück. Das Wort katapultierte ihren Unmut in ungeahnte Höhen. Zurück. Dabei war sie ihrem Gefühl nach doch gerade erst angekommen. Gerade erst hatte sie begonnen all die Eindrücke aufzusaugen, zu sammeln, wie ein Schmetterlingssammler und sie zu verdauen – Zurück. Sechs Buchtsaben stellten sich ihr in den Weg. Lucius, der gerade einmal ein paar klagliche Winter älter war als sie, hatte ein Machtwort gesprochen, gegen das sie sich nicht wehren konnte, egal wie sehr sie aufbockte. Mehr denn je spürte sie ihre eigene Machtlosigkeit. Es war diese Ohnmacht gegen die sie sich wie gegen eine Wand mit ihrem Trotz warf. Wohlwissend, dass sie nicht einmal erzittern würde. Und das machte sie wütend.
    Krachend stießen die beiden Sklaven mit der hinteren Ecke der Truhe an den Türrahmen.
    „Pass doch auf!“, schalt der vordere und warf der Iulia, die mit verschränkten Armen da stand einen ungewissen Blick zu, als fürchte er gleich ein Donnerwetter. Cara indessen hatte sich inzwischen darauf verlegt blind in den fast leeren Raum zu starren und achtete nicht weiter auf die beiden Sklaven.
    >Immerhin hat es Lucius einiges gekostet...<, ging es ihr grimmig durch den Kopf und verschaffte ihr zumindest etwas Genugtuung. Der Iulier hatte ihnen tatsächlich einiges zugestehen müssen. Müssen deshalb, weil die Iulia diese Gelegenheit natürlich nicht hatte verstreichen lassen können. Das Fest, das großzügige Reisetaschengeld – und sie durften zu Pferde reisen! Er war ihnen so sehr entgegen gekommen, dass es sie eigentlich stutzig machte: >Es muss ihm viel daran liegen uns aus Rom rauß und nach Germania zu schicken...< Seine Gedanken verbarg er jedoch meisterhaft – oder sie interpretierte tatsächlich zu viel...>Vielleicht doch nur Mutter....womöglich geht es ihr doch sehr schlecht...<Ein bisschen hatte Cara ja schon ein schlechtes Gewissen, dass sie ihm unterstellte, die gesundheitlichen Probleme ihrer Mutter als Grund vorzuschieben. Und nicht nur ihm gegenüber – auch gegenüber ihr. In der Tat war sie ihr keine gute Tochter. Das wurde ihr neben Corona immer bewusster. Und damit im Grunde auch keine Zierde ihrer Familie. Die Verwandte hatte bestimmt keinen Augenblick gezögert zu ihrer Mutter zu eilen. Sie seufzte. Es half nichts.
    In dem Wirrwarr ihrer Gedanken tauchte eine neuer auf.
    >Pax...ich muss ihn unbedingt mitnehmen....< Freilich würde sie das Tier micht die ganze Strecke über reiten, um es zu schonen. Verzichten wollte sie auf den Hengst allerdings nicht. Schon jetzt war er ohr ans Herz gewachsen. Noch immer konnte sie es nicht so recht glauben, dass dieser Kaeso zu so einer Geste fähig gewesen war! Und dann auch noch ohne Haken!
    >Ob er mich locken möchte?< Sie verharrte misstrauisch. Pax. Friede.
    Sie beide waren nicht die Wurzel des Konflikts, der zwischen den Familienzweigen entbrannt war. Dennoch fochten sie unerbittlich. >Glaubt er, er könne – so großartig dieses Geschenk auch ist – das alles ungeschehen machen?< So dämlich konnte nicht einmal er sein, anzunehmen, sie ließe sich einlullen. Trotzdem hatte sie den Waffenstillstand akzeptiert – vor allem deshalb, weil sie neugierig war, was er damit genau bezweckte. >Was will er?< Schond eshalb war es schade, dass sie nun für einige Zeit weg sein würde. Sollte sie ihm eine Nachricht zukommen kassen? Aber eigentlich war schon allein, dass sie den Hengst nicht zurück schickte Antwort genug...Na vielleicht....
    "domina? Bist du bereit?“ Die Stimme Tsuniros riss sie aus ihren Gedanken. Zerstreut sah Cara auf. Die ägyptische Sklavin steckte den Kopf zur Tür herein. >Bereit?< Ja richtig...der Aufbruch. Sie reckte sich und hob den Kopf. Lucius Befehl mochte ihr nicht gefallen, aber immerhin würde sie ihn mit Würde tragen.
    „Ich komme...“, sagte sie und ließ ihr neues Zuhause hinter sich.

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