[Horti Sallustani] Sometimes I see you pass outside my door

  • Corvina legte mit kleinen, schlendernden Schritten also das Tempo ihres Spazierganges fest. Die Vögel sangen in den kunstvoll gepflanzten Bäumen, die hier und da mit ihren auslandenden Kronen ein wenig Schatten spendeten, während in der Sonne über den sorgsam gehegten Frühlingsblumen die Schmetterlinge tanzten.
    “Deine Prämisse lässt sich wohl nur schwer widerlegen. Vermutlich lässt es sich durchaus so zusammenfassen, dass jeder gute Künstler auch ein guter Handwerker sein muss, aber nicht jeder gute Handwerker auch ebenso ein großer Künstler ist.“ Corvina war weder das eine, noch das andere. Oh, sie hatte schon auch ihre Talente. Ihre gewebten Stoffe unterschieden sich kaum von jenen ausgebildeter Weberinnen, die ihre Stoffe auf dem Markt feilboten. Ihre Stickereien waren fein und akkurat. Sie wusste, wie man Blumen band und arrangierte, konnte sich notfalls selbst die Haare so richten, dass sie vorzeigbar war, man sagte ihr eine schöne Singstimme nach und sie konnte dutzende von Gedichten und Schriften rezitieren. Sie hatte sogar ein leidliches Talent für das zeichnen. Dennoch würde sie sich nie anmaßen, mit auch nur einem Künstler verglichen zu werden, dessen Werk hier zu sehen wär, oder sich irgendwo in den Mittelpunkt zu stellen und mit dem kläglichen bisschen, dessen sie fähig war, anzugeben.


    Sie kamen zu einer Niobidengruppe. Ein sterbender Jüngling, über seine tote Schwester gebeugt, beide von Pfeilen durchbohrt, und eine klagende Niobe über ihnen, die um das Leben ihrer Kinder zu flehen schien.
    “Auch traurig, nicht wahr?“, meinte Corvinna leise, während sie das Werk betrachtete. “Was meinst du, hat Iulius Caesar und später Sallust dazu gebracht, diesen wundervollen Garten nicht nur mit Statuen der Venus, sondern auch mit solch traurigen Szenen wie dieser oder dem sterbenden Gallier zu füllen?“

  • Ich passte mich natürlich dem Tempo der Aurelia an. So schlenderten wir gemächlich durch diesen wundervollen Garten. Ab und an verweilten wir kurz in den Schatten der ausladenden Bäume bevor wir schließlich vor dem nächsten Kunstwerk zum stehen kamen.
    Ich betrachtet nun auch das nächste Meisterwerk und es versetzte mir einen Stich mitten ins Herz. Ja ich würde meine Schwester bei drohender Gefahr wohl genau so versuchen zu schützen und wenn ich sie sterbend in den Armen halten würde, würde ich nicht mehr leben wollen. Ich streckte wie selbstverständlich meine Hand aus und strich der toten Schwester über die Wange. „Ergreifend.“ Sagte ich schließlich, bevor ich sie wieder ansah, mit einem traurigen Schimmer in den Augen. Ich atmet kurz durch. „Nun über ihre Beweggründe können wir nur spekulieren. Aber vielleicht haben sie die Göttin der Liebe mit dem Tot zusammengebracht. Weil Liebe kann ja mitunter auch den Tod bedeuten. Oder so wie hier die beiden Geschwister, ihre Lieben zueinander reicht so weit, das der Bruder die Schwerste selbst im Tod noch zu schützen versucht und die Mutter aus Liebe zu ihren Kindern um deren Leben fleht. So sind Liebe und Tod eng miteinander verbunden.“ Sagte ich nachdenklich

  • Ein wenig verwunderte es Corvina, als der Tiberius mit unerwarteter Zärtlichkeit die Wange des sterbenden Mädchens berührte. Sie fühlte sich mit einem Male so, als wäre sie in seine Privatsphäre unerlaubt eingedrungen und hätte einen wunden Punkt damit berührt, wenngleich sie keinerlei Ahnung hatte, was dies sein könnte. Und viel mehr noch fragte sie sich, womit sie diesen Einblick in seine Seele denn verdient hatte und weshalb er diesen nicht besser abschirmte, war sie doch sonst stets von Männern umgeben, hinter deren freundlichem Lächeln ihre wahren Absichten und Intentionen nur sehr selten durchschienen.
    Betreten sah Corvina beiseite und bemühte sich darum, sich weder etwas von ihrer Befangenheit anmerken zu lassen, noch davon, etwas vermeintlich bemerkt zu haben. Erst seine Stimme riss sie wieder ins Gespräch zurück, und nachdenklich betrachtete sie die Statuen. “Nun, als Venus Libitina kümmert sich die Göttin ja um die im Kampf Gefallenen. Allerdings sind ihre Darstellungen hier ansonsten welche in ihrer Eigenschaft als Verticordia oder Genetrix, insbesondere der Tempel. Wäre es da nicht passender, ebenso eher die lebensspendenden oder...“ Corvina bemühte sich, eine Formulierung zu finden, dass den Aspekt der Lust in weniger vulgäre Worte kleiden würde. “...körperlicheren Verkörperungen des göttlichen Handelns darzustellen?“ Wobei Corvina höchstwahrscheinlich sich weniger im Anblick von kopulierenden Statuen verlieren würde wie bei dem sterbenden Gallier oder der ein oder anderen Niobidengruppe. Überhaupt hätte der Garten dann einen sehr viel verrufeneren Beigeschmack als so und sie hätte wohl nicht die Erlaubnis ihres Onkels erhalten, hier allein herumzuschlendern. Oder fast allein, denn nach wie vor folgte in einigem Abstand ihre Anstandssklavin.

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