Die Zelle von Eudoxus | Ein möglicher Christ

  • Einzelzelle

    CP-I


    Ganz allein wurde der Mann untergebracht, der wohl ein Christianer war. Die Einzelzellen waren schmal, dunkel und tief wie ein Grab. Als Eudoxus eintrat, fand er den Raum gerade so dimensioniert, dass ein Mensch sich hinlegen konnte. Wenn er die Arme ausbreitete, berührte er rechts und links die Mauern. Den meisten Platz beanspruchte ein frischer Haufen Stroh zum Schlafen, denn es musste etwas geben, das man dem neuen Insassen wegnehmen konnte. Die Notdurft würde er fortan in ein kleines Loch im Boden verrichten, das in einer stinkenden Sickergrube endete, anstatt in die Kanalisation zu führen.

  • Ganz und gar auf sich selbst zurückgeworfen war Eudoxus. Hier in der Dunkelheit, in der der Aasgestank aus dem Loch für die Notdurft zu ihm waberte und seine tastenden Hände nur schlüpfriges Mauerwerk erreichten.
    Bruder Achatius letzte Worte an ihn waren aus den Schriften gewesen, die Philotima so meisterhaft zu erzählen wusste: Und die Sonne blieb stehen und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte.


    Hier gab es keine Sonne, die stehen geblieben wäre durch die Kraft des HERREN, um den Israeliten den Sieg zu schenken,
    Dies war dunkle Nacht eines Grabes, in den man den Jüngling lebendig geworfen hatte. Und verschwistert mit der Dunkelheit war die Stille, die jedes Geräusch quälend laut machte, das Gluckern der Sickergrube, das Knacken in den Wänden, sogar das Schlagen des eigenen Herzens.
    Aber unter seinen Händen lag Stroh, noch ganz frisch, mit einer Ahnung von Ernte und Land, und Eudoxus wühlte sein Gesicht hinein, um seinen Duft einzuatmen.


    Die Zeit verstrich wohl, doch Eudoxus hörte nichts von seinen Gefährten, er wusste nicht, was aus dem getreuen Calvus und seiner Gattin Caeca geworden war, er wusste nichts über das Schicksal des alten Theognis.

    Er verbrachte die Zeit damit, sich zunächst Verteidigungsreden vor Gericht auszudenken, die in einer flammenden Anklage gegen das sündhafte Roma endeten, dieses Greuel vor dem Angesicht des HERREN;

    fürchten sollten sie sich allesamt, denn die Wiederkunft des HERREN war nahe, und dann würde nicht Eudoxus vor einem Menschengericht stehen, sondern sie alle bis hinauf zu SATAN, die sie Caesar Augustus nannten, vor dem Göttlichen und hinabgestoßen werden die Höllenfürsten in die tiefsten Tiefen, wogegen die Getreuen erhöht...oh, sollten sie ihn öffentlich nur reden lassen, Eudoxus würde sprechen.


    Er würde sprechen. Aber niemand kam in seine Kerkernacht und sprach je mit ihm, obgleich man ihm mit dem Nötigsten versorgte. Es dauerte nicht allzu lange, bis er begann, sich nach dem Klang einer menschlichen Stimme zu sehnen.

  • Bislang verhielt der Gefangene in CP-I sich ruhig. Keine Anzeichen, dass er die Nerven verlor. Gelegentlich kamen Wachen für die Lebendkontrolle vorbei, doch sie sprachen nicht mit dem Gefangenen. Die schweigenden Schatten zogen vor dem winzigen Gitterfenster in der massiven Tür vorbei, unberührt von dem Leid. Manchmal wurde durch eine Klappe ein zäher Klumpen Getreidebrei in einer Holzschüssel und ein kleiner Holzeimer mit Wasser geschoben. Später musste beides wider hervorgegeben werden, sonst gab es nichts Neues. Ob sich anhand der Darreichung von Nahrung und Wasser ein Tagesablauf ableiten ließ, war fraglich. Wahrscheinlicher war, dass man alle Abstände bewusst unregelmäßig gestaltete, um auch das Zeitgefühl der Gefangenen zu zerstören.

  • ....Eudoxos, einziger Sohn des Kaufmanns Diomedes, ein dunkelhaariger helläuiger Knabe, saß auf der Bank im Innenhof und las unter dem wachsamen Blick seines Magisters eine Abschrift des Briefes vor, den der Gelehrte Plinius an Tacitus geschrieben und der erst kürzlich veröffentlicht worden war.

    Die Sonne schien; auf dem Dach des Hauses gurrten Tauben, eine Sklavin stand mit einem Tablett und einem Wasserkrug bereit. Der Springbrunnen plätscherte und breitete einen Sprühnebel erfrischender Kühle aus, den der warme Wind ab und an zu ihm hin trieb; das Licht brach sich indes in Regenbogenfarben.
    Wie gerne hätte sich Eudoxus unter den Wasserstrahl gestellt, wie gerne hätte er nachgesehen, ob auf der Palaistra schon die Freunde zum Ballspiel warteten. Der Vater bestand auf dem Studium, die Mutter jedoch war sanft, und sie hatte mit freundlicher Beharrlichkeit aus ihm und den Sklaven des Hauses Christianer gemacht.

    Aglaja glich sie in ihrer Güte...(Moment, er kannte gar keine Aglaja, noch nicht, er wollte gerne bleiben, wo er war.)


    „Überall war heller Tag, nur hier war Nacht, mehr als Nacht.“*, der Junge las laut und ließ den Brief sinken und lachte:
    „Magister Abronius, wie soll das gehen? Entweder ist Tag oder es ist Nacht? Beides kann nicht gleichzeitig existieren!“
    „Oh,das kommt auf die Situation an.“, erwiderte Magister Abronius,


    und dann war der Lehrer nicht mehr er selbst, sondern er schaute kurz durch eine Luke nach, ob sein Gefangener noch lebte, wie eigentümlich.


    Das Wegdriften in glücklichere Tage war endgültig zu Ende. Eudoxus lag wie zuvor schon auf dem Boden in seiner Zelle.


    Überall war heller Tag, nur hier war Nacht, mehr als Nacht.


    Vielleicht hatten sie ihn vergessen. Vielleicht ließen sie ihn verrotten. Vielleicht würde es keine Rede vor Gericht geben, ja, nicht einmal der Märtyrertod in der Arena war ihm vergönnt, vielleicht nichts als ein stilles Verfaulen bei lebendigem Leib.


    Obgleich es kühl in der Zelle war, schwitzte Eudoxus, als litte er an Fieberschüben. Angst stieg in ihm auf vor dem lebendig Begrabensein, eine ganz und gar elementare Angst, und doch setzte er immer noch seinen Glauben dagegen.


    Nun betete er laut, und er zwang sich dazu, es laut zu tun, obgleich seine Stimme ihm in den Ohren klang wie raschelnde Schatten: Herr, o Herr, dein Wille geschehe. Deinen Willen werde ich tun, o Herr, errette mich und ich komme über sie in DEINEM Namen….mit dem HERREN konnte er sprechen, aber nicht mit sich selbst; wer mit sich selbst sprach im Kerker, der war dabei, dem Wahnsinn anheim zu fallen, dachte Eudoxus.


    Er nahm den Fischanhänger, den er immer noch hatte**, und ritzte einen Strich in den Boden. Jedesmal wenn er annahm, dass die Sonne aufging, tat er das. Aber in Wahrheit hatte er jedes Zeitgefühl verloren.


    Sim-Off:

    * Plinius Minor VI, 16 , über den Ausbruch des Vesuvs


    Sim-Off:

    ** Ich konnte nicht finden, dass er ihm abgenommen worden war. :hmm: Falls ich mich irre, wird natürlich revidiert

  • Er mochte eine handvoll Striche geritzt haben zu jener Zeit, als hinter dem kleinen Gitterfenster ein Licht aufging, gleich dem Versprechen einer neuen Dämmerung. Schwer ging die Tür in den stabilen Eisenangeln. Das Geräusch verriet die Wuchtigkeit. Stilo trat in den Rahmen. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken - außerhalb des Sichtfeldes des Gefangenen hinter der Wand - standen zwei Kameraden, von denen einer die Eisenlaterne hielt.


    Stumm betrachtete Stilo den Gefangenen, seitlich beschienen von warmem Licht. Wäre der Kamerad direkt in den Rahmen getreten, wäre Eudoxus aufgrund des plötzlichen Lichtscheins nach der langen Episode der Finsternis vorübergehend erblindet. Stilo wartete, ohne ein Wort zu sagen.

  • Die Tür ging schwer und ächzend auf. Eudoxus erste Gemütsbewegung war Erleichterung; er war nicht vergessen, er war noch nicht begraben.

    Ein gedämpfter Lichtschein erfasste ihn so, dass er sich an die Helligkeit gewöhnen konnte und nicht geblendet wurde. Gerade weil der Praetorianer dieses Detail beachtete, war Eudoxus sehr auf der Hut. Den Folterknechten, den groben Kerlen, der blutgierigen Menge in der Arena konnte man sich leicht überlegen fühlen; ein hochrangiger Mittler des Bösen ging subtiler vor.


    Doch er war... nun was immer der Praetorianer auch war, er war das einzig menschliche Wesen in Reichweite.

    Eudoxus kannte noch nicht einmal seinen Namen.

    Doch war er die einzige Stimme, die er jetzt hören würde. Der Einzige, der ihm an Begegnung geblieben war, denn seine geliebten Brüder waren genauso unerreichbar wie seine Eltern oder die Gefährten seiner Kindheit.


    Der Jüngling bewegte sich mühsam, drehte sich, kam ganz langsam auf die Knie. Er wusste, dass sein Gestank nahezu leibhaftig im Kerker stand, und dass der Centurio ihn riechen musste. Ein wenig schämte er sich dafür, denn er war anders erzogen worden. Ja, sein Körper war armselig, geschunden, und nun öffnete er die verkrusteten Lider ganz und rieb sie, bevor er den Kopf hob. Aber der Körper war doch nur eine wertlose Hülle. Nicht um ihn sollte man sich kümmern, sondern um die unsterbliche Seele. Seine Seele war rein. (Wirklich rein, denn selbst den harmlosesten Gedanken an Aglaia oder eine andere Frau hatte er niedergerungen, indem er nachts auf spitzen Steinen kniete) Wenn er getötet hatte, war es aus reiner Liebe geschehen.


    Eudoxus versuchte zu lächeln, wissend dass das Lächeln eher einer Grimasse glich, doch er machte eine einladende Handbewegung, als sei der andere ein Besucher oder gar ein Klient, der sein Haus betrat.


    "Salve Soldat Roms", sprach er krächzend und mit einer Pause: "Was kann ich denn für dich tun?"

  • "Salve", antwortete der Prätorianer. "Ich bin Optio Sisenna Seius Stilo. Ich möchte dir ein pasr Fragen stellen. Komm."


    Aus dem namenlosen Schatten hatte sich der Mensch herausgeschält. Er ließ den Häftling vorangehen, lotste ihm verbal den Weg zum Verhörraum. Dunkel war es dort wie überall, die Luft roch muffig. Ein scharfer Geruch waberte im Hintergrund, Spuren von Jahrzehnten oder vielleicht Jahrhunderten des Schmerzes.


    Doch Eudoxus wurde in keine der Apparaturen gespannt. Er durfte am Tisch platznehmen, die Foltermaschinen gut im Blick.


    "Na dann", sprach Stilo, "erzähle mir von dir. Wer bist du, Eudoxus, und wie verschlug es dich zu diesen Leuten?"

  • Optio Seius Stilo also, dachte Eudoxus, als sich der Praetorianer nun ganz förmlich vorstellte. Das Einzige, das blieb. Als er den Raum betrat, der mit all dem ausgestattet war, was Menschen fähig waren anderen anzutun, zuckte er einen Moment zurück: Oh, Schwäche des Fleisches. Man folterte ihn jedoch nicht mit einer dieser Gerätschaften, sondern hieß ihn Platz nehmen. Doch eigentlich war er schon inmitten der Folter, denn die wenigen Tage in der Isolation hatten genügt, sein Bedürfnis nach Gesellschaft ins Unermessliche zu steigern. Das was ihm blieb, war just der Foltermeister, der kluge Mittler des Bösen: Optio Seius Stilo also.


    Eudoxus räusperte sich ein paar Mal. Er merkte wie mühevoll es war zu sprechen. Er spuckte aus – nicht in Stilos Richtung, sondern mit abgewandtem Gesicht unter den Tisch. Danach ging es mit dem Sprechen leichter:


    „ Mein Name ist Eudoxus, einziger Sohn des Kaufmanns Diomedes aus der Polis Antiochia ad Orontem. In Syria ist der Wahre Glaube weit verbreitet, und auch meine Mutter ist eine Christianerin. Sie lehrte mich schon im Knabenalter. Meine Familie befand sich nicht in Diensten der Rhomäer, daher hat es nicht gegen das Gesetz verstoßen. Der jetzige Caesar Augustus verfolgt die Christianer nicht.“


    In seine Stimme hatte sich kurzzeitig etwas Belehrendes eingeschlichen. Nun sprach er wie ein Jüngling aus der graecosemitischen Oberschicht jener Provinz, als den er sich auch sah. Er bemerkte es selbst und senkte den Blick, mäßigte seine Stimme:
    „Diese Leute, wie du sie nennst, leben im Geiste brüderlicher Liebe, Optio Seius Stilo. Ich reiste nach Rom, um sie zu besuchen.“

  • Das Ausspucken ignorierte Stilo. Er wusste es aufgrund des kratzigen Räusperns korrekt einzuordnen. Hier ging es um Bedeutsameres.


    "Beschränken die Christianer ihre Liebe also auf Glaubensbrüder, Eudoxus? Denn leider", in des Optios Stimme klang ein Hauch von Bedauern, "gibt es einige von ihnen, die sich ganz und gar nicht liebevoll benehmen. Wir sprechen hier von Tempelschändungen, Diebstählen, Zerstörung fremden Eigentums und sogar Mord."


    Keine weitere Frage. Aber eine Stille, ein Vakuum in der Konversation, das nach einer Reaktion verlangte.


    Stilo behielt den Eudoxus genau im Blick, und zwar auf eine Weise, die den jungen Mann spüren ließ, dass dem Optio kein noch so winziges Muskelzucken entgehen würde.


    An diesem Verhör fand Stilo seine Freude. Er schätzte geistvolle Gesprächspartner, das Fechten mit den Waffen des Geistes und kümmerte sich nicht darum, ob sein persönliches Interesse im Einzelfall moralisch vertretbar war oder nicht. Am Ende nützte es Rom, ganz gleich, ob er sich vor innerem Abscheu krümmte oder am Scharfsinn des Gefangenen labte. Was er fühlte, war für seine Taten vollkommen irrelevant, und beinahe hätte er gelächelt.

  • Eudoxus seufzte als verursachten ihm die Anschuldigungen beinahe körperliche Schmerzen. Er senkte die schweren Lider einen Moment, dann sah er auf:
    „Liebt der Medicus denn nicht, der ohne Scheu mit dem scharfen Messer das Geschwür herausschneidet, um den Patienten zu retten?

    Und du selbst, Optio Sisenna Seius Stilo, führst du dein Schwert nicht aus reiner Liebe zu deiner Vaterstadt Rom?

    Weshalb gestehst du dir selbst zu, was du anderen vorenthälst?“


    Er legfte seine schmutzige Hand mit den abgebrochenen Fingernägeln auf den Tisch:
    „Tempelschändung? Wie kann man etwas schänden, was überhaupt nicht existiert?

    Diebstahl? Wir nehmen nichts weg, wir leben in freiwilliger Armut und Entsagung.
    Zerstörung? Weißt du nicht, wenn DER HERR wiederkehrt, dass dann alle Ungläubigen in die Finsternis geworfen und ihre Werke zunichte werden?
    Mord? Solltet ihr euch nicht viel mehr um eure Seelen sorgen als um euren Leib?
    Ich habe in den Gassen vernommen, dass man uns für den Tod der Virgo Vestalis Maxima verantwortlich machen möchte. Doch wir sind nicht verantwortlich für jeden verwirrten Geist, der sich Christianer nennt. Wir sind die wahre Religion der Liebe und der Brüderlichkeit. Wir haben das nicht getan, und ebenso wenig alles andere, was man uns zur Last legt.“


    Nun stützte sich Eudoxus mit beiden Händen auf: „Lasst meine Brüder und Schwestern und mich frei. Wir sind unschuldig", er erhob die Stimme nicht, er senkte sie.
    Was er gesagt hatte, war Teil der Verteidigungsrede, die er sich im Kerker zurecht gelegt hatte. Der Eröffnungszug in dem Spiel, in das ihn der Höllenfürst zwang. Einen Moment hoffte Eudoxus, dass der andere wenigstens ein ehrlicher Spieler sein würde, doch davon konnte er nicht ausgehen. Und dennoch: Solange er, Bruder Eudoxus, noch sprechen konnte, war er noch am Leben.

  • Eine schwarze Braue schob sich nach oben, grub eine wellenförmige Falte in die Stirn des Prätorianers. "Setz dich." Dann würde Eudoxus Antwort auf seine Fragen erhalten. Stilo war noch immer in Plauderstimmung, seine Leutseligkeit nicht gespielt. Er hörte gern zu - besonders jenen, die innerlich für etwas brannten, ganz gleich, was es war. Jenen, die interessant waren und ihn nicht mit Phrasen langweilten.


    Ein weiterer von jenen harrte immer noch im Kerker ... Molliculus, über den man sich ob seiner Leibesfülle in der Truppe amüsierte. Und doch kannte jeder seinen Namen und grinste, wenn er von dem Römer sprach.


    Stilo ließ die letzten Momente Revue passieren, suchte jenen Augenblick, in welchem aus Eudoxus dem Samtzüngigen, Eudoxus der Zürnende hervorgebrochen war. Dann meinte er, ihn gefunden zu haben. O ja. Mal sehen, ob er sich nicht reproduzieren ließe, wenn Stilo die nächsten Worte entsprechend wählte.

  • „Verzeih mein Betragen, Optio“, sagte Eudoxus sogleich und setzte sich wieder hin.

    Weder bedrohlich noch unbeherrscht wollte er wirken. Er war wieder ganz und gar Geist, und das Ringen mit dem Höllenfürsten war für seine Begriffe das Ringen zwischen ihren beiden einsamen Geistern.


    Seine Gefährten in Christo: Bruder Volusus und die mitreißende Schwester Philotima, Schwester Caeca und Bruder Calvus, Bruder Theognis, sie waren nicht mehr hier; zerfetzt in der Kurve, verunfallt im Strom von Blut, der hinter den Christianern lag und nun auch vor ihnen, bis endlich glänzend das Zeichen des Erlösers über der gequälten Welt aufgehen würde. SEINE Ankunft musste schon so nahe sein....


    Eudoxus war den Lehren der Mutter gefolgt, nicht denen seines Vaters. Sein Vater hatte ihn als sein Nachfolger in der glänzenden Antiochier Gesellschaft gesehen, vielleicht sogar durch kaiserliche Gunst wegen der wirtschaftlichen Verdienste um das Imperium als römischer Bürger.
    Was jedoch hatte die kindlich geliebte Mutter in ihm gesehen?


    Der Jüngling verfolgte diesen Gedanken nicht weiter, sondern hob den Blick zu der wellenförmigen Falte auf der Stirn seines Gegenübers. Vorhin war die Falte über der schwarzen Braue noch nicht dagewesen. Was bedeutete sie? Was hatte sie verursacht? Was würde sie zum Verschwinden bringen?

    In der eingeschränkten Existenz des Eudoxus gewann jedes Stirnrunzeln, jeder Atemzug, jede Geste seines Kerkermeisters an Wichtigkeit.

    Würde Optio Stilo sich erheben und ihn verlassen, war da das ….nein, nein, da war nicht das Nichts, bitte noch nicht das Nichts...


    "Timor non est in caritate", wiederholte Eudoxus für sich die Worte des Johannes gegen das, was in ihm aufzusteigen drohte: "Es gibt keine Angst in der Liebe, sondern vollendete Liebe wirft die Angst hinaus,weil die Angst Strafe im Bewusstsein hat, wer aber Angst hat, ist nicht vollendet in der Liebe.“


    Hatte er den Vers laut ausgesprochen? ( Ja, hatte er!)


    Der Strom der eigenen peinigenden Gedanken ließ sich kaum mehr abstellen, und fast hätte sich Eudoxus dem Stilo zu Füßen geworfen:
    „ SPRICH … DU.... BITTE SPRICH"

  • Stilo ließ einige Augenblicke vertreichen, in denen er weder etwas sagte noch tat, weil er über das Zitat nachdachte. Er betrachtete den Jüngling, ließ ihn nicht aus den Augen. Sein Geist indessen prüfte die Syntax des Gesagten und die semantische Strutkur auf der Suche nach dem Sinn. Nachdem er probehalber einige Worte umgestellt und wieder zurück an ihren Platz gesetzt hatte, ohne dass dies etwas an seiner Einschätzung änderte, fühlte er sich merkwürdig leer. Etwas schien ihm zu fehlen, dass zur Vervollkommnung des Sinnes fehlte. Historisches Hintergrundwissen? Die Erkenntnis einer metaphorischen Doppelbödigkeit? Nachdenklich musterte er Eudoxus, der wieder klug und sanft geworden war.


    Doch in dem Moment schrie Eudoxus ihn an, ja, flehte! Dort, wo in Stilo die Leere des Nichtverstehens klaffte, ein gähnendes Vakuum, wurde Eudoxus die überlaufende Fülle, eine schäumende Flut von ... von was? Was war das?!


    "Ich spreche mit dir, Eudoxus", antwortete Stilo, dessen raue Stimme nun heiser klang, "und ich höre dir auch zu."


    Er merkte, wie sehr ihm ihr Spiel sehr gefiel. Und dass es ihm widerstrebte, es eines Tages enden zu lassen. Aber warum sollte es das? Stilo waren Handlungspielräume gegeben, Interpretationsmöglichkeiten. Er war Optio der Cohortes Praetoriae, Unteroffizier der Skorpione, die so oft die Politik Roms bestimmt hatten. Für ihn galt nur das Kriegsrecht, kein Zivilist könnte je an seinem finsteren Thron kratzen, wie sehr er es auch versuchte. Der Kaiser selbst schützte ihn. Wer sollte ihn verurteilen, wenn er im Rahmen seiner Position eine legitime Einschätzung machte? Wenn er mit Eudoxus tat, was ihm selbst gefiel? Wer wollte sich ihm in den Weg stellen, wer ihm nachweisen, dass dieser Fall sein ganz persönliches Spielchen war? Mit welchen Mitteln? Fallakten ließen sich korrigieren, Zeugen kaufen, Gefälligkeiten erwidern, Schweigen erzwingen ... die Kerker waren voll von Christianern. Niemand würde Eudoxus vermissen, wenn Stilo ihn ... verschwinden ließ.


    "Spürst du noch Angst wie jener, den du in deinen Worten erwähnst? Oder bist du schon vollkommen? Sprich, Eudoxus: Möchtest du leben?", fragte Stilo leise. Ein leichter Schweißfilm glänzte auf seinem Kinn, wo die schwarzen Bartstoppeln die fortgeschrittene Stunde verrieten.

  • Im ersten Moment Erleichterung: Stilo würde nicht gehen. Er würde ihn nicht zurücklassen, zurückgeworfen auf sich selbst in der Finsternis, in der Eudoxus mit seiner Unvollkommenheit haderte.

    Sein Gegenüber war präsent, er würde zuhören; vor Erleichterung rieb sich Eudoxus das Gesicht mit beiden Händen.


    Die nächste Frage schon stellte ihm die Nackenhaare auf, da war sie nämlich, die Stimme des Versuchers. Höllenfürst!

    Aber der Christianer dämpfte den Zorn und antwortete. Diesmal sprach er auch aus, was sonst nur im immerwährenden Strom seiner Gedanken war, der ewigen Rede und Gegenrede, die ihm jeden Augenblick vergewisserte, dass er existierte:


    „Der HERR floh in die Wüste. Dort wartete der Versucher auf ihn. Er sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürze dich vom Felsen. Gewiss geschieht dir nichts. Nein, erwiderte der HERR. Dann zeigte ihm der Versucher die ganze Erde und sprach: Ich mache dich zum Kaiser über alles, wenn du mich nur einmal anbetest. Nein, sprach der HERR: Weiche zurück, Versucher!


    Und du versuchst mich gerade, Optio der Praetorianer?

     
    Du fragst, ob ich leben will? Weißt du, was du anbietest? Hast du denn je gelebt außer umgeben von Finsternis und Eisen?


    Weißt du, wie es ist, wenn das Herz schneller schlägt, wenn sich deine Lungen mit klarer Luft füllen, wenn du mit Freunden trinkst, wenn du ein schönes Mädchen begehrst und es vielleicht sogar überzeugst in einer lauen Sommernacht, und mit ihr lachend und küssend Hand in Hand in ihrer Kammer verschwindest?

    Weißt du, wie es ist, wenn der Frühling kommt und die Schwalben rufen, und du nicht weißt, wohin mit deiner Kraft und deinem Überschwang?


    Ich weiß all das nur zu gut, aber ich habe diese Freuden bekämpft um der höchsten Freude und der höchsten Wahrheit Willen: Der Leib ist nichts, nur die Seele ist wichtig. Dieses Leben ist nichts, nur das Ewige Leben ist wichtig.

     
    Du bietest mir, was ich mir selbst schon oft verweigerte: Die körperliche Existenz.


    Möchtest Du denn leben, Sisenna Seius Stilo? Oder möchtest du nur weiter vegetieren in Sünde und Unwissenheit, der Hölle dienend?“


    Der Praetorianer hatte ihn gefragt, ob er noch Angst verspürte, oder ob er schon vollkommen war. Ob er leben wollte. Eudoxus gab die letzte Frage zurück.


    Im Gefängnis der Cohortes Praetoriae hatte Optio Stilo alle Macht, und er war ihm ausgeliefert, das wusste er. In der geistigen Welt jedoch, der einzigen, die zählte, näherte er, Eudoxus, sich der Vollendung.

    Der Gedanke an die eigene Vollkommenheit trieb ihm Tränen in die Augen, und er wischte sie ab.

  • "Ob ich je gelebt habe? Ich bin Soldat, Eudoxus. Finsternis und Eisen sind mein Geschäft. Und doch kennt niemand das Leben besser als ich. In Cappadocia sind wir durch Wind und Staub marschiert, halb blind von der gleißenden Sonne. Blut hat die Steppe getränkt, aber es war nicht mein Blut, denn ich lebe, und andere nicht mehr. Im Sommer haben wir uns, wenn wir zechten, Kronen aus Gras und grünem Weizen geflochten, denn woher sollten wir die Blumenkränze nehmen. Der Wein war billig, sauer und dünn, doch wenn man gemeinsam trinkt, schmeckt er besser. Wir haben vor den brennenden Gräbern jener gestanden, die es nicht schafften, ihren Rauch und ihre Asche auf der Zunge geschmeckt. Und wir haben um sie geweint und anschließend gefeiert, dass wir selbst noch hier sind.


    Es gibt irgendwo immer ein einsames Mädchen, das auf seinen Helden wartet. Ihre Gesichter und Namen ... bedeutungslos. Du kleidest die Begegnung in schöne Worte, vielleicht fühlst du tatsächlich so. Für mich aber ist es Routine, wie essen, trinken, schlafen. Ich pflücke sie wie reife Äpfel. Spannend sind nur jene Spiele, die einen Kopf und Kragen kosten können, verbotene Begegnungen. Die anderen ... Schatten im Nebel."


    Spiele wie dieses, denn Stilo hatte längst beschlossen, dass das Schicksal des Eudoxus nicht Rom dienen würde, sondern ihm. Und vielleicht hatte der Christ recht, wenn er fragte, ob Stilo hier unten noch sein Leben spürte. Die Zeiten waren trist, wenn er Dienst in der Dunkelheit schob, doch manchmal spürte er sein Blut noch in den Adern rauschen ... in Momenten wie diesen, in denen der graue Schleier sich lüftete und ein Licht hindurch schien.


    "Du erinnerst mich an diese Mädchen, Eudoxus, denn auch dein Retter, dein HERR, wird dich enttäuschen. Am Ende bin ich es, in dessen Händen dein Leib und dein Leben liegen. Aber das wirst du noch lernen. Und dann, wenn du gründlich über all diese Dinge nachgedacht hast, reden wir erneut."


    Er lehnte sich zurück, sein Gegenüber betrachtend, die Freude verbergend, die er spürte, da er nicht wusste, wie die Dinge sich entwickeln würden. Für heute setzte er den letzten Zug.


    "Geh nun zurück in deine Zelle. Und schließe hinter dir die Tür."

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