[Bibliotheca] WIssen ist Macht

  • Der Mann, der vor ihm kam


    Die älteste Aufzeichnung


    Titus Aurelius Romanus hatte die Nacht schlecht geschlafen. Immer wieder waren seine Gedanken zu den beiden Schriftstücken zurückgekehrt, die er am Vorabend nebeneinandergelegt hatte. Ein Handelsvertrag aus Ostia. Eine vertrauliche Verwaltungsanweisung aus Rom. Beide enthielten den Namen desselben Zeugen. Oder zumindest denselben geschriebenen Namen.

    Das war ein Unterschied, den Titus inzwischen sehr ernst nahm. Am Morgen saß er wieder im Arbeitszimmer der Villa Aurelia. Vor ihm lagen die beiden Dokumente, daneben mehrere Wachstafeln und ein Verzeichnis älterer Geschäftsunterlagen seiner Familie. Selina stand am Fenster und betrachtete den Garten. Massad saß auf einer niedrigen Bank und untersuchte die Rückseite einer hölzernen Schreibtafel.

    „Du suchst an der falschen Stelle“, sagte er schließlich.

    Titus hob den Kopf.

    „Ach?“

    „Du vergleichst Unterschriften.“

    „Das ist gewöhnlich eine recht brauchbare Methode, um festzustellen, wer ein Dokument unterzeichnet hat.“

    „Wenn der Mann selbst unterschrieben hat.“

    Titus betrachtete ihn aufmerksam. Massad legte die Tafel nieder.

    „In meiner Heimat habe ich Kaufleute kennengelernt, die ihre Geschäfte durch Schreiber erledigen ließen. Manchmal unterschrieben sie selbst. Manchmal ein Bevollmächtigter. Und manchmal wusste derjenige, dessen Name unter einem Vertrag stand, überhaupt nicht, dass dieser Vertrag existierte.“

    Titus schwieg. Selina wandte sich vom Fenster ab.

    „Dann könnte die gleiche Handschrift zwei verschiedene Männer bezeichnen.“

    „Oder zwei verschiedene Handschriften denselben Mann“, ergänzte Massad.

    Titus betrachtete die Dokumente erneut.

    „Dann ist die Unterschrift allein wertlos.“

    „Nicht wertlos“, erwiderte Massad. „Aber sie beweist weniger, als du möchtest.“

    Titus lächelte schwach.

    „Eine unangenehme Eigenschaft von Beweisen.“

    Er schob die beiden Schriftstücke zur Seite.

    „Dann beginnen wir anders.“

    Die Vollmacht

    Das älteste Verzeichnis der Villa Aurelia stammte aus der Zeit, als Titus noch ein Kind gewesen war. Es enthielt Aufzeichnungen über Grundstücke, Lieferverträge, Darlehen und Handelsbeziehungen der Familie. Einige der Einträge waren von Schreibern angefertigt worden, deren Namen Titus nicht kannte. Andere trugen die persönlichen Vermerke seines Vaters Marcus Aurelius Iustus. Titus hatte diese Handschrift seit Jahren nicht mehr gesehen. Er erkannte sie dennoch sofort. Die schmalen Buchstaben. Die ungewöhnlich weit auseinandergezogenen Endstriche. Die Neigung, einzelne Wörter am Rand einer Tafel abzukürzen. Für einen Augenblick empfand er jene alte Unruhe, die ihn stets überkam, wenn er an seinen Vater dachte. Dann zwang er sich, weiterzulesen. Massad bemerkte seine Veränderung, sagte aber nichts. Selina trat näher.

    „Hast du etwas gefunden?“

    „Vielleicht.“

    Titus zog eine schmale Wachstafel aus einem Bündel. Sie enthielt einen Eintrag über die Übertragung bestimmter Verwaltungsbefugnisse. Keine große Angelegenheit. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Ein Bevollmächtigter sollte berechtigt sein, Lieferungen entgegenzunehmen, Zahlungen zu bestätigen und im Namen eines Geschäftspartners bestimmte Urkunden vorzulegen. Titus las die betreffende Stelle zweimal. Dann ein drittes Mal.

    „Das ist interessant.“

    Massad stand auf.

    „Was?“

    „Die Vollmacht wurde nicht einem bestimmten Mann ausschließlich persönlich erteilt.“

    „Sondern?“

    „Sie war an eine Verwaltungsfunktion gebunden.“

    Selina runzelte die Stirn.

    „Was bedeutet das?“

    Titus deutete auf den Text.

    „Der Bevollmächtigte durfte einen zugelassenen Vertreter einsetzen, sofern dieser durch eine zusätzliche Bestätigung ausgewiesen wurde.“

    Massad betrachtete die Tafel.

    „Also konnte ein anderer Mann mit denselben Befugnissen auftreten.“

    „Ja.“

    „Unter seinem eigenen Namen?“

    Titus zögerte.

    „Das hätte er eigentlich tun müssen.“

    Massad lächelte nicht.

    „Aber wenn jemand nur die ursprüngliche Vollmacht prüfte und nicht die zusätzliche Bestätigung ...“

    „Dann konnte er glauben, der ursprüngliche Bevollmächtigte stehe noch immer hinter dem Geschäft.“

    Selina sah zwischen beiden Männern hin und her.

    „Das klingt nach einer Möglichkeit, eine Identität weiterzuverwenden.“

    Titus nickte langsam.

    „Eine rechtmäßige Vertretung könnte der Anfang gewesen sein.“

    Er legte die Tafel auf den Tisch.

    „Und irgendwann könnte jemand aufgehört haben, zwischen dem Bevollmächtigten und seinem Vertreter zu unterscheiden.“

    Der unbekannte Vorgänger

    Die Suche führte sie tiefer in die alten Unterlagen. Titus ließ mehrere versiegelte Kästen aus dem Archiv bringen. Sie enthielten Dokumente, die seit vielen Jahren nicht mehr benötigt worden waren. Massad überprüfte die Verschlüsse. Selina ordnete die Schriftrollen nach ihrem ungefähren Alter. Titus verglich die Namen. Gaius Septimius Largus tauchte in den ältesten Aufzeichnungen nicht auf. Auch Lucius Cassius Varro wurde zunächst nicht erwähnt. Dafür erschien ein anderer Name. Publius Aelius Severus. Titus las ihn laut vor. Massad hob den Kopf.

    „Kennst du ihn?“

    „Nein.“

    „Ein Verwandter?“

    „Nicht dass ich wüsste.“

    Titus betrachtete den Eintrag. Publius Aelius Severus war als Beauftragter für die Prüfung bestimmter Liefer- und Zahlungsnachweise genannt. Seine Aufgabe bestand offenbar darin, Dokumente zwischen privaten Handelshäusern und einer Verwaltungsstelle zu bestätigen. Es war keine ungewöhnliche Tätigkeit. Gerade deshalb interessierte Titus der Mann.

    „Hier steht, dass Severus bereits tätig war, bevor Largus in unseren Unterlagen erscheint.“

    Selina trat neben ihn.

    „Wie viele Jahre früher?“

    „Mehrere.“

    Massad nahm eine weitere Tafel.

    „Dann könnte er der Mann sein, den wir suchen.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Er könnte es sein.“

    Er betonte das erste Wort.

    „Wir wissen nicht einmal, ob er jemals mit Varro zusammengearbeitet hat.“

    Selina nickte.

    „Aber sein Name gehört zu derselben Art von Geschäften.“

    „Genau.“

    Titus lehnte sich zurück.

    „Und das genügt, um weiterzusuchen.“

    Der Eintrag ohne Abschluss

    Gegen Mittag entdeckte Selina eine ungewöhnliche Stelle in einem alten Rechnungsverzeichnis.

    „Titus.“

    Er blickte auf.

    „Hier fehlt etwas.“

    Sie hielt ihm die Tafel hin. Mehrere Geschäftsvorgänge waren mit einem kurzen Vermerk abgeschlossen worden.

    Solutum. Bezahlt.

    Andere trugen den Hinweis, dass eine Lieferung bestätigt worden war. Doch bei einem Eintrag fehlte jede abschließende Bemerkung. Titus betrachtete das Datum. Dann den Namen.

    Publius Aelius Severus.

    „Merkwürdig.“

    Massad trat hinzu.

    „Was ist daran ungewöhnlich?“

    „Der Vorgang wurde eröffnet, aber offenbar nie abgeschlossen.“

    „Vielleicht hat jemand vergessen, den Abschluss einzutragen.“

    „Möglich.“

    Titus prüfte die folgenden Tafeln. Der Name Severus erschien noch zweimal. Dann verschwand er. Kein Hinweis auf seinen Tod. Keine Mitteilung über eine Entlassung.

    Keine Übertragung seiner Aufgaben auf einen Nachfolger. Nichts. Massad verschränkte die Arme.

    „Ein Mann verschwindet aus den Unterlagen.“

    Selina betrachtete Titus.

    „Und Jahre später taucht ein anderer Mann in ähnlichen Geschäften auf.“

    Titus nickte.

    „Largus.“

    Er nahm die ältere Tafel erneut zur Hand.

    „Aber dazwischen liegt eine Lücke.“

    Massad blickte auf die Dokumente.

    „Vielleicht ist genau diese Lücke wichtig.“

    Titus sagte nichts. Er dachte an den Namen Lucius Cassius Varro. An die alten Zahlungen. An die unterschiedlichen Identitäten. Und an die Möglichkeit, dass jemand ein ursprünglich rechtmäßiges System der Vertretung verändert hatte. Wenn Severus der erste Verwalter dieser Vollmachten gewesen war, musste er nicht notwendigerweise auch derjenige gewesen sein, der sie später missbraucht hatte. Vielleicht war er nur der Mann gewesen, dessen Stellung ein anderer übernommen hatte. Vielleicht war er selbst Opfer einer Täuschung geworden.

    Oder vielleicht hatte er den entscheidenden Schritt bewusst ermöglicht. Noch war alles offen.

    Selinas Frage

    Am Nachmittag verließen die drei das Arbeitszimmer und begaben sich in den schattigen Innenhof der Villa. Selina ließ sich auf einer Steinbank nieder. Titus blieb vor dem kleinen Wasserbecken stehen. Massad lehnte an einer Säule. Eine Weile sprachen sie nicht.

    Dann fragte Selina:

    „Titus, warum bist du eigentlich überzeugt, dass hinter all dem ein einzelner Mann steht?“

    Er wandte sich um.

    „Das bin ich nicht.“

    „Aber du suchst immer nach einem Ursprung. Nach dem ersten Namen. Nach dem Mann, der alles begonnen hat.“

    Titus betrachtete sie aufmerksam. Selina fuhr fort.

    „Was ist, wenn niemand dieses System geplant hat?“

    Massad hob den Kopf.

    „Wie meinst du das?“

    „Vielleicht hat zunächst ein Verwalter eine Vollmacht weitergegeben. Dann hat ein anderer diese Möglichkeit genutzt, um Zahlungen zu bestätigen. Später hat jemand erkannt, dass man damit auch einen fremden Namen verwenden konnte.“

    Titus schwieg.

    „Und irgendwann“, sagte Selina, „hat niemand mehr gefragt, ob der Mann hinter dem Namen überhaupt noch existierte.“

    Massad nickte langsam.

    „Ein Betrug, der nicht als Betrug begonnen hat.“

    Titus betrachtete das Wasserbecken. Die Worte beschäftigten ihn. Bislang hatte er angenommen, dass ein kluger Kopf hinter dem gesamten Geflecht stand. Ein Mann, der falsche Identitäten geschaffen und über Jahre hinweg benutzt hatte. Aber Selina hatte recht. Ein System konnte auch entstehen, weil mehrere Menschen nacheinander dieselbe Schwachstelle ausnutzten.

    „Dann suchen wir vielleicht nicht nach dem Erfinder“, sagte Titus schließlich.

    Selina sah ihn an.

    „Sondern?“

    „Nach dem ersten Mann, der erkannt hat, was man mit diesen Vollmachten anfangen konnte.“

    Massad lächelte.

    „Das gefällt mir besser.“

    Ein Name aus Ostia

    Am späten Nachmittag kehrten sie zu den Dokumenten zurück. Titus wollte den ältesten Handelsvertrag aus Ostia noch einmal untersuchen. Er legte ihn neben den Eintrag über Publius Aelius Severus. Dann betrachtete er die Namen der beteiligten Kaufleute. Einer davon fiel ihm auf. Demetrios von Ostia. Titus hatte diesen Namen bereits in anderen Unterlagen gesehen.

    Damals war er ihm nicht besonders wichtig erschienen. Nun betrachtete er ihn genauer. Demetrios war nicht als Hauptvertragspartner aufgeführt. Er erschien lediglich als Vermittler.

    Ein Mann, der die Übergabe bestimmter Waren und die Bestätigung der entsprechenden Zahlungen begleitet hatte. Massad bemerkte Titus' Aufmerksamkeit.

    „Wieder ein Name?“

    „Ein alter Bekannter.“

    „Wer?“

    „Demetrios.“

    Massad trat näher.

    „Der Vermittler aus Ostia?“

    „Ja.“

    Titus deutete auf den Vertrag.

    „Er war bereits an Geschäften beteiligt, bevor Largus in unseren Aufzeichnungen auftauchte.“

    Selina betrachtete die Unterschrift.

    „Und Severus?“

    „Er war zur selben Zeit mit der Prüfung ähnlicher Vorgänge betraut.“

    Massad sah Titus an.

    „Dann müssen wir herausfinden, ob die beiden einander kannten.“

    Titus nickte.

    „Und ob Demetrios später mit Varro oder Largus zu tun hatte.“

    Er nahm eine leere Wachstafel.

    Darauf schrieb er vier Namen.

    Publius Aelius Severus.

    Demetrios.

    Lucius Cassius Varro.

    Gaius Septimius Largus.

    Dann betrachtete er die Reihenfolge.

    Sie war noch keine bewiesene Abfolge von Verantwortlichkeiten.

    Nicht einmal eine gesicherte Verbindung zwischen allen vier Männern.

    Aber sie zeigte erstmals eine mögliche Entwicklung über mehrere Jahre hinweg.

    Massad betrachtete die Tafel.

    „Vier Männer.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Vier Namen.“

    Selina lächelte schwach.

    „Du lernst.“

    Titus erwiderte ihr Lächeln.

    „Langsam.“

    Die verschlossene Korrespondenz

    Kurz vor Sonnenuntergang entdeckte Massad in einem der ältesten Archivkästen ein schmales Bündel versiegelter Schriftrollen. Die Schnur war spröde geworden. Das äußere Siegel trug das Zeichen des Hauses Aurelia. Titus betrachtete es lange.

    „Das ist das persönliche Siegel meines Vaters.“

    Selina trat näher.

    „Willst du es öffnen?“

    Titus zögerte.

    Die Briefe waren offenbar nie in die gewöhnlichen Geschäftsunterlagen eingeordnet worden. Sie gehörten zur privaten Korrespondenz des Marcus Aurelius Iustus. Für einen Augenblick kehrten Erinnerungen zurück, die Titus längst verdrängt zu haben glaubte. Das strenge Gesicht seines Vaters. Die kalte Stimme. Die unerschütterliche Überzeugung, dass Paullus und Lucius stets im Recht seien. Und das Gefühl eines kleinen Jungen, der wusste, dass niemand ihm glauben würde. Massad bemerkte, wie Titus' Hand auf dem Siegel ruhte.

    „Wir können bis morgen warten.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Er nahm ein kleines Messer.

    Vorsichtig löste er die alte Schnur.

    Das Siegel zerbrach.

    Im Inneren befanden sich mehrere Briefe.

    Der erste behandelte gewöhnliche Grundstücksangelegenheiten.

    Der zweite eine Darlehensforderung.

    Der dritte jedoch ließ Titus innehalten.

    Er war an Marcus Aurelius Iustus persönlich gerichtet.

    Der Absender hatte lediglich seine Initialen angegeben.

    P. A. S.

    Titus las die ersten Zeilen.

    Dann wurde sein Gesicht ernst.

    Selina bemerkte die Veränderung sofort.

    „Was steht darin?“

    Titus antwortete nicht.

    Er las weiter.

    Schließlich legte er den Brief auf den Tisch.

    „Der Absender bittet meinen Vater um eine persönliche Unterredung.“

    Massad beugte sich vor.

    „Weshalb?“

    Titus betrachtete die Zeilen erneut.

    „Weil offenbar jemand eine seiner Vollmachten verwendet hat, ohne dass er davon wusste.“

    Stille breitete sich aus.

    Selina sah auf den Brief.

    „Publius Aelius Severus?“

    Titus nickte langsam.

    „Vielleicht.“

    Massad betrachtete die Initialen.

    „Und was schreibt er noch?“

    Titus nahm den Brief wieder auf.

    Seine Stimme war nun leiser.

    „Er befürchtet, dass die betreffenden Dokumente nicht mehr eindeutig einem bestimmten Bevollmächtigten zugeordnet werden können.“

    Massad richtete sich auf.

    „Dann hat jemand den Missbrauch bereits damals bemerkt.“

    Titus nickte.

    „Ja.“

    Er betrachtete die Unterschrift.

    „Und möglicherweise hat mein Vater davon gewusst.“

    Der Schatten des Vaters

    Lange sagte niemand ein Wort.

    Titus stand am Fenster und blickte in den Garten.

    Er hatte seinen Vater nie geliebt.

    Zumindest nicht in jener selbstverständlichen Weise, mit der andere Söhne von ihren Vätern sprachen.

    Marcus Aurelius Iustus war für ihn stets eine ferne, strenge Gestalt gewesen.

    Ein Mann, dessen Anerkennung er vergeblich gesucht hatte.

    Nun musste Titus sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass sein Vater in eine Angelegenheit verwickelt gewesen war, deren Folgen bis in die Gegenwart reichten.

    Selina trat zu ihm.

    „Du weißt nicht, was dein Vater getan hat.“

    „Nein.“

    „Vielleicht hat er versucht, den Missbrauch zu verhindern.“

    Titus lächelte bitter.

    „Das wäre eine angenehme Vorstellung.“

    „Aber keine unmögliche.“

    Er sah sie an.

    Selina sprach ruhig weiter.

    „Du darfst deine Erinnerungen nicht zu Beweisen machen.“

    Titus schwieg.

    Sie hatte recht.

    Er wusste es.

    Gerade deshalb fiel es ihm schwer.

    Massad trat mit dem Brief zu ihnen.

    „Wir sollten die übrigen Schreiben lesen.“

    Titus nickte.

    „Ja.“

    Er nahm das Dokument entgegen.

    „Und wir sollten herausfinden, ob diese Unterredung jemals stattgefunden hat.“

    Hinweis auf den nächsten Schritt

    Der letzte Brief des Bündels war kürzer als die übrigen.

    Er enthielt keine ausführliche Erklärung.

    Nur wenige Zeilen.

    Der Absender teilte mit, dass die Angelegenheit nicht länger ausschließlich durch private Gespräche geklärt werden könne.

    Eine Abschrift der betreffenden Vollmacht sei deshalb bei einer zuständigen Stelle hinterlegt worden.

    Titus las den Satz mehrfach.

    „Eine Abschrift.“

    Massad nickte.

    „Dann könnte es noch ein zweites Dokument geben.“

    „Ja.“

    Selina fragte:

    „Wo?“

    Titus betrachtete die Ortsangabe am Ende des Schreibens.

    „Ostia.“

    Massad stieß leise die Luft aus.

    „Natürlich.“

    Titus legte den Brief auf den Tisch.

    „Dort hat jemand eine Abschrift hinterlegt, bevor die späteren Unregelmäßigkeiten begannen.“

    Selina sah ihn aufmerksam an.

    „Dann könnten wir erstmals feststellen, wie die ursprüngliche Vollmacht tatsächlich lautete.“

    „Und wer sie benutzen durfte“, ergänzte Massad.

    Titus nickte.

    „Vor allem das.“

    Er blickte auf die vier Namen, die er zuvor auf der Wachstafel notiert hatte.

    Severus.

    Demetrios.

    Varro.

    Largus.

    Vier Namen, deren Verhältnis zueinander noch ungeklärt war.

    Aber nun gab es eine konkrete Spur.

    Nicht nur eine Vermutung.

    Nicht nur eine Ähnlichkeit zwischen Unterschriften.

    Sondern den Hinweis auf ein Dokument, das möglicherweise noch existierte.

    Eine Entscheidung in der Villa Aurelia

    Als die Dunkelheit über Rom hereinbrach, saßen Titus, Selina und Massad erneut im Arbeitszimmer. Die Briefe lagen sorgfältig geordnet auf dem Tisch. Titus hatte eine Liste der nächsten Schritte angefertigt. Zunächst mussten sie feststellen, bei welcher Stelle in Ostia die Abschrift hinterlegt worden war. Anschließend sollte geprüft werden, ob sich der ursprüngliche Umfang der Vollmacht rekonstruieren ließ. Und schließlich mussten sie herausfinden, welche Rolle Publius Aelius Severus und Demetrios tatsächlich gespielt hatten. Massad betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Du willst nach Ostia.“

    Titus nickte.

    „Ja.“

    „Wann?“

    „Sobald wir wissen, wo wir suchen müssen.“

    Selina sah ihn an.

    „Und dein Vater?“

    Titus schwieg einen Augenblick.

    Dann antwortete er:

    „Seine Rolle werden wir ebenfalls untersuchen.“

    Massad hob eine Augenbraue.

    „Auch wenn dir das Ergebnis nicht gefällt?“

    Titus blickte ihn ruhig an.

    „Gerade dann.“

    Er nahm die älteste Vollmacht in die Hand.

    „Ich habe zu lange nach einem Mann gesucht, dessen Name möglicherweise nur noch auf Schriftstücken existierte.“

    Er legte sie wieder nieder.

    „Jetzt will ich wissen, wer diese Schriftstücke zuerst benutzt hat.“

    Selina nickte.

    „Dann beginnen wir in Ostia.“

    Titus betrachtete die beiden Menschen, denen er mehr vertraute als fast allen anderen.

    „Ja.“

    Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

    „Aber diesmal suchen wir nicht nach einem verschwundenen Mann.“

    Massad sah ihn fragend an.

    Titus deutete auf die Dokumente.

    „Wir suchen nach einer Vollmacht.“

    EPILOG – PRIMA POTESTAS

    Die erste Vollmacht Spät in der Nacht blieb Titus noch einmal allein im Arbeitszimmer zurück. Die Lampen brannten niedrig. Vor ihm lagen die alten Briefe seines Vaters. Daneben die Vollmacht. Und die vier Namen. Er betrachtete die Initialen unter dem ältesten Schreiben.

    P. A. S.

    Publius Aelius Severus.

    Vielleicht war er der Mann, der vor Largus gekommen war. Vielleicht war er lediglich der erste gewesen, der den Missbrauch einer rechtmäßigen Vollmacht bemerkt hatte. Noch konnte Titus das nicht entscheiden. Aber er hatte etwas Wichtiges erkannt. Die Geschichte begann nicht mit einer falschen Zahlung. Nicht mit einem verschwundenen Lagerverwalter. Und möglicherweise auch nicht mit Lucius Cassius Varro. Sie begann mit einem Recht. Dem Recht, im Namen eines anderen Menschen zu handeln. Und mit der Frage, was geschah, wenn dieses Recht weiterbestand, obwohl niemand mehr wusste, wer es tatsächlich ausübte. Titus löschte die letzte Lampe. Am folgenden Morgen würde er beginnen, die Spur nach Ostia vorzubereiten. Denn dort könnte sich das Dokument befinden, das alle späteren Vorgänge in einem anderen Licht erscheinen ließ. Und vielleicht würde sich dort erstmals zeigen, ob Publius Aelius Severus der Ursprung des Systems gewesen war – oder sein erstes Opfer.

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  • VESTIGIA OSTIENSIA (Die Spuren von Ostia).

    Die Namen der Vergangenheit

    Der Morgen brach über Rom herein, als Titus Aurelius Romanus sein Arbeitszimmer betrat. Die Dienerschaft hatte bereits die Fensterläden geöffnet, und das erste Sonnenlicht fiel auf den großen Schreibtisch, auf dem noch immer die Unterlagen der vergangenen Nacht lagen. Titus hatte nur wenige Stunden geschlafen. Seine Gedanken waren immer wieder zu jener Vollmacht zurückgekehrt, die er zwischen den alten Briefen seines Vaters gefunden hatte. Ein unscheinbares Dokument. Einige Zeilen in sorgfältiger Schrift. Eine Bestätigung, dass ein bestimmter Mann berechtigt gewesen war, im Namen eines anderen rechtsverbindliche Geschäfte abzuwickeln. Und darunter drei Initialen. P. A. S. Publius Aelius Severus. Titus setzte sich und betrachtete das Schreiben erneut. Die Vollmacht selbst war nicht ungewöhnlich. Römische Kaufleute, Grundbesitzer und Angehörige bedeutender Familien bedienten sich regelmäßig bevollmächtigter Vertreter, um ihre Geschäfte in anderen Städten oder Provinzen abzuwickeln. Ungewöhnlich war vielmehr, dass diese Vollmacht offenbar über viele Jahre hinweg in späteren Unterlagen wieder auftauchte. Nicht immer mit demselben Namen. Nicht immer mit derselben Unterschrift. Aber stets mit einer ähnlichen Formulierung. Ex auctoritate domini.

    Auf Weisung des Berechtigten. Titus strich mit dem Finger über die Zeile.

    „Auf wessen Weisung?“, murmelte er.

    Hinter ihm öffnete sich die Tür. Selina trat ein. Sie trug eine schlichte dunkle Tunika und hatte ihr Haar zu einem festen Knoten gebunden.

    „Du bist schon wieder bei deinen Schriftstücken.“

    Titus blickte auf.

    „Sie lassen mir keine Ruhe.“

    „Das habe ich bemerkt.“

    Sie trat an den Tisch.

    „Hast du etwas Neues entdeckt?“

    „Vielleicht.“

    Er zeigte auf die Vollmacht.

    „Sieh dir diese Formulierung an.“

    Selina beugte sich über das Dokument.

    „Auf Weisung des Berechtigten.“

    „Genau.“

    „Was ist daran ungewöhnlich?“

    Titus lehnte sich zurück.

    „Nichts. Solange der Berechtigte tatsächlich existiert und die Weisung erteilt hat.“

    Selina sah ihn an.

    „Und wenn nicht?“

    „Dann handelt jemand im Namen eines Mannes, der möglicherweise gar nichts mehr davon weiß.“

    Sie schwieg einen Augenblick.

    „Oder der längst tot ist.“

    Titus nickte.

    „Genau das.“

    Vier Namen und eine Vollmacht

    Wenig später erschien Massad.Er hatte ein Stück Brot in der Hand und betrachtete die ausgebreiteten Schriftstücke mit unverhohlener Abneigung.

    „Ich nehme an, dass wir heute wieder einmal versuchen, einen Mann zu finden, der entweder tot ist oder nicht existiert.“

    Titus lächelte.

    „Du hast unsere Ermittlungen erstaunlich treffend zusammengefasst.“

    Massad setzte sich.

    „Dann können wir vielleicht zur Abwechslung einen lebenden Mann suchen.“

    Selina schob ihm die Vollmacht zu.

    „Vielleicht haben wir einen gefunden.“

    Massad las den Namen.

    „Publius Aelius Severus.“

    „Kennst du ihn?“, fragte Titus.

    „Nein.“

    „Den Namen schon einmal gehört?“

    Massad überlegte.

    „Aelius ist kein seltener Name. Severus ebenfalls nicht. Ohne weitere Angaben könnten wir halb Rom durchsuchen.“

    Titus nickte.

    „Deshalb suchen wir nicht nach seinem Namen.“

    „Sondern?“

    „Nach seiner Tätigkeit.“

    Er nahm vier kleine Wachstafeln und legte sie nebeneinander.

    Auf der ersten stand:

    PUBLIUS AELIUS SEVERUS

    Auf der zweiten:

    GAIUS SEPTIMIUS LARGUS

    Auf der dritten:

    LUCIUS CASSIUS VARRO

    Die vierte trug den Namen eines weiteren Beteiligten aus den alten Unterlagen. Titus hatte dessen Identität noch nicht sicher mit den späteren Vorgängen verbinden können.

    „Diese vier Namen tauchen in unterschiedlichen Zusammenhängen auf“, erklärte er. „Doch jedes Mal geht es um dieselbe Sache.“

    Massad betrachtete die Tafeln.

    „Geld.“

    „Nicht unmittelbar.“

    Titus tippte auf die Vollmacht.

    „Das Recht, über Geld und Waren zu verfügen.“

    Selina verschränkte die Arme.

    „Dann könnte Severus am Anfang gestanden haben.“

    „Oder jemand hat seinen Namen benutzt.“

    Massad hob den Kopf.

    „Was wäre, wenn Severus selbst gar nicht wusste, dass sein Name weiterverwendet wurde?“

    Titus sah ihn aufmerksam an.

    „Dann wäre er möglicherweise das erste Opfer.“

    „Und wenn er es wusste?“

    „Dann könnte er der Mann sein, den wir seit Monaten suchen.“

    Eine Weile herrschte Schweigen.

    Schließlich fragte Selina:

    „Warum Ostia?“

    Titus zog eine weitere Schriftrolle hervor.

    „Weil die früheste nachweisbare Verwendung dieser Vollmacht mit einer Warenlieferung verbunden ist, die über den Hafen von Ostia abgewickelt wurde.“

    „Welche Waren?“

    „Das steht nicht eindeutig darin.“

    Massad grinste.

    „Natürlich nicht.“

    Titus ignorierte die Bemerkung.

    „Aber es gibt eine Angabe über die Verwahrung der ursprünglichen Urkunde.“

    Er zeigte auf einen verblassten Vermerk.

    Exemplum apud tabularium portus.

    Eine Abschrift beim Hafenarchiv.

    Selina blickte auf.

    „Dann könnte das Original noch dort liegen.“

    „Vielleicht. Oder eine beglaubigte Abschrift, die uns sagt, wer die Vollmacht ursprünglich ausgestellt hat.“

    Massad legte das Brot beiseite.

    „Und wer sie später benutzt hat.“

    Titus nickte.

    „Genau.“

    Die Entscheidung zur Reise

    Titus erhob sich und trat an das Fenster. Unter ihm erwachte die Villa Aurelia zum Leben. Diener trugen Wasserkrüge über den Innenhof. Aus den Wirtschaftsräumen drang der Geruch frisch gebackenen Brotes. Alles wirkte friedlich. Doch Titus wusste inzwischen, wie leicht sich hinter einer scheinbar geordneten Verwaltung ein Geflecht aus Betrug, falschen Identitäten und verschwundenen Menschen verbergen konnte.

    „Wir reisen nach Ostia“, sagte er.

    Selina nickte.

    „Wann?“

    „Morgen früh.“

    Massad hob eine Augenbraue.

    „Warum nicht heute?“

    „Weil ich zuerst wissen möchte, welche Unterlagen wir dort verlangen müssen.“

    „Und weil du nicht möchtest, dass jemand von unserer Ankunft erfährt“, ergänzte Selina.

    Titus drehte sich um.

    „Richtig.“

    Massad verschränkte die Arme.

    „Dann reisen wir also unauffällig.“

    „So unauffällig wie möglich.“

    „Mit dir?“

    Titus betrachtete ihn.

    „Was soll das heißen?“

    „Du hast die Angewohnheit, dich überall wie ein Mann zu bewegen, dem das Gebäude bereits gehört.“

    Selina musste lachen. Titus schüttelte den Kopf.

    „Dann werde ich mich bemühen, diesmal weniger auffällig zu sein.“

    Massad nickte zufrieden.

    „Ein guter Anfang.“

    Die alten Geschäfte des Marcus Aurelius

    Am Nachmittag ließ Titus mehrere Truhen aus dem Archiv der Villa Aurelia bringen. Sie enthielten Geschäftskorrespondenz seines Vaters Marcus Aurelius. Die meisten Schreiben waren gewöhnlicher Natur. Pachtverträge. Abrechnungen von Landgütern. Lieferungen von Öl und Wein. Vereinbarungen mit Kaufleuten aus Ostia und Puteoli. Doch zwischen diesen Unterlagen fand Titus mehrere Briefe, die sein Interesse weckten. Einer davon war an einen Verwalter in Ostia gerichtet. Er stammte aus einer Zeit, in der Titus noch ein Kind gewesen war.

    Titus las ihn langsam. Die bisherigen Vereinbarungen bleiben bestehen. Änderungen an der Vertretungsbefugnis bedürfen meiner ausdrücklichen Zustimmung. Darunter stand der Name seines Vaters. Marcus Aurelius. Selina beugte sich über seine Schulter.

    „Dein Vater wollte also verhindern, dass jemand eigenmächtig handelt.“

    „Offenbar.“

    „Warum?“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Das steht nicht darin.“

    Massad betrachtete ein zweites Schreiben.

    „Hier ist wieder Severus.“

    Titus nahm den Brief. Es handelte sich um eine kurze Mitteilung über die Übergabe mehrerer Rechnungsbücher. Der Empfänger war nicht eindeutig bezeichnet. Doch der Absender hatte mit denselben drei Initialen unterschrieben. P. A. S. Titus verglich die Schrift mit der älteren Vollmacht. Dann hielt er inne.

    „Selina.“

    „Ja?“

    „Sieh dir das an.“

    Er legte beide Dokumente nebeneinander. Die Initialen waren ähnlich. Aber nicht identisch. Auf der Vollmacht war das S mit einem langen, geschwungenen unteren Bogen geschrieben.

    Auf dem späteren Brief fehlte dieser Bogen vollständig. Selina betrachtete die beiden Schriftzüge.

    „Zwei verschiedene Hände.“

    „Vielleicht.“

    Massad beugte sich vor.

    „Oder derselbe Mann hat seine Schrift verändert.“

    Titus nickte.

    „Auch das ist möglich.“

    Er griff nach einer kleinen Lampe und hielt das ältere Dokument schräg gegen das Licht.

    Auf dem Papyrus waren feine Druckspuren sichtbar.

    „Seht euch den letzten Buchstaben an.“

    Selina trat näher.

    „Was ist damit?“

    „Er wurde nachträglich verstärkt.“

    Massad runzelte die Stirn.

    „Du meinst, jemand hat die Unterschrift verändert?“

    „Ich meine, dass wir es nicht ausschließen können.“

    Titus legte das Schreiben vorsichtig zurück.

    „Wir brauchen das ursprüngliche Register.“

    Ein gefährlicher Gedanke

    Als die Sonne bereits tief stand, saßen die drei im Arbeitszimmer. Die Unterlagen waren inzwischen nach Jahren und Herkunftsorten geordnet. Selina betrachtete die älteste Vollmacht.

    „Angenommen, Severus war der erste Bevollmächtigte.“

    Titus nickte.

    „Ja.“

    „Und angenommen, jemand hat später seinen Namen benutzt.“

    „Dann müsste es einen Zeitpunkt geben, an dem die rechtmäßige Vertretung endete und der Missbrauch begann.“

    Massad lehnte sich zurück.

    „Vielleicht mit seinem Tod.“

    „Vielleicht“, sagte Titus.

    „Oder mit seinem Verschwinden“, ergänzte Selina.

    Titus blickte auf.

    „Das wäre noch interessanter.“

    Massad sah zwischen beiden hin und her.

    „Warum?“

    Titus nahm eine Wachstafel.

    „Ein toter Mann hinterlässt gewöhnlich Spuren. Eine Bestattung, eine Erbschaft, eine Veränderung der Besitzverhältnisse.“

    Er zog eine Linie.

    „Ein verschwundener Mann dagegen kann in den Unterlagen weiterleben.“

    Selina nickte langsam.

    „Weil niemand sicher weiß, ob er tot ist.“

    „Genau.“

    Massad betrachtete die Linie.

    „Und wenn jemand seine Vollmacht besitzt, kann er möglicherweise weiter in seinem Namen auftreten.“

    Titus legte den Griffel ab.

    „Nicht rechtmäßig. Aber unter Umständen lange genug, bis jemand die Täuschung bemerkt.“

    Selina sah ihn ernst an.

    „Das erinnert an Varro.“

    Titus schwieg.

    Lucius Cassius Varro.

    Der Mann, dessen Tod lange als sicher gegolten hatte.

    Der Name, der immer wieder in den Unterlagen auftauchte.

    Und dessen mögliche Rückkehr inzwischen zu einer der wichtigsten Fragen der Ermittlungen geworden war.

    „Ja“, sagte Titus schließlich.

    „Es erinnert an Varro.“

    Die Straße nach Ostia

    Am nächsten Morgen verließen Titus, Selina und Massad die Villa Aurelia noch vor Sonnenaufgang. Sie reisten mit zwei Pferden und einem kleinen Reisewagen.

    Die wichtigsten Schriftstücke hatte Titus in einer verschlossenen Ledertasche verstaut. Massad führte die Pferde. Selina saß neben Titus. Als sie die Stadt hinter sich ließen und die Via Ostiensis erreichten, lag noch leichter Morgennebel über den Feldern. Die Straße führte südwestlich in Richtung des Tiberhafens. Händler, Fuhrleute und Reisende waren bereits unterwegs.

    Einige Wagen transportierten Amphoren. Andere brachten Getreide und Baumaterialien in Richtung Rom. Titus beobachtete den Verkehr.

    „All diese Waren“, sagte er nach einer Weile, „müssen irgendwo verzeichnet werden.“

    Selina blickte auf die vorbeiziehenden Wagen.

    „Und überall gibt es Menschen, die diese Verzeichnisse führen.“

    „Ja.“

    Massad drehte sich kurz um.

    „Und Menschen, die sie fälschen.“

    Titus lächelte schwach.

    „Auch das.“

    Sie reisten mehrere Stunden. Unterwegs hielten sie nur kurz an, um die Pferde zu tränken. Je näher sie Ostia kamen, desto dichter wurde der Verkehr. Immer häufiger begegneten ihnen schwer beladene Wagen. Schließlich erreichten sie die Umgebung der Hafenstadt.

    Ostia – Die Stadt der Waren und Namen

    Ostia war ein Ort ständiger Bewegung. Aus den Straßen drangen Stimmen in zahlreichen Sprachen Latein. Griechisch. Ägyptische und syrische Dialekte.

    Händler verhandelten über Preise, Schreiber überprüften Lieferlisten, und Hafenarbeiter trugen schwere Lasten zwischen Speichern und Anlegestellen.

    Der Geruch von Salz, Fisch, Öl und feuchtem Holz lag in der Luft. Titus ließ den Wagen in einem kleinen Hof abstellen. Massad überprüfte die Umgebung.

    „Wir werden hier nicht lange unbemerkt bleiben.“

    Titus nickte.

    „Deshalb beginnen wir sofort.“

    Selina betrachtete die Gebäude entlang der Straße.

    „Wo liegt das Archiv?“

    „Bei den Verwaltungsgebäuden in der Nähe des Hafens. Zumindest befindet sich dort die Stelle, an die unsere älteste Abschrift verweist.“

    Massad zog seinen Mantel enger.

    „Dann hoffe ich, dass die Römer ihre Schriftstücke besser aufbewahren als ihre Geheimnisse.“

    Titus musste lachen.

    „Darauf verlassen wir uns.“

    Sie gingen weiter. Vor einem größeren Verwaltungsgebäude blieb Titus stehen. Zwei steinerne Säulen flankierten den Eingang. Im Inneren waren Schreiber und Beamte beschäftigt.

    Titus betrachtete die Fassade.

    „Hier beginnen wir.“

    Das Register der Vollmachten

    Ein älterer Schreiber führte die drei in einen Raum, in dem zahlreiche Holztafeln, Schriftrollen und versiegelte Behälter aufbewahrt wurden. Titus hatte sich als Angehöriger des Hauses Aurelia vorgestellt und die Berechtigung zur Einsicht in ältere Familiengeschäfte geltend gemacht. Der Schreiber war zunächst zurückhaltend gewesen. Doch als Titus eine beglaubigte Abschrift des Schreibens seines Vaters vorlegte, erklärte er sich bereit, die einschlägigen Register zu überprüfen.

    „Welchen Namen sucht Ihr?“, fragte er.

    „Publius Aelius Severus.“

    Der Schreiber dachte nach.

    „Aus welchem Jahr?“

    Titus nannte den Zeitraum, der sich aus den ältesten Briefen ergab.

    Der Mann nickte langsam.

    „Dann müssen wir in den älteren Beständen suchen.“

    Er verschwand hinter einer schmalen Tür.

    Massad betrachtete die Regale.

    „Wenn hier jemand etwas verschwinden lassen wollte, müsste er nur die richtige Rolle herausnehmen.“

    Selina schüttelte den Kopf.

    „Nicht unbedingt. Es könnte weitere Abschriften geben.“

    Titus nickte.

    „Deshalb suchen wir nach Verweisen. Nicht nur nach dem Dokument selbst.“

    Nach einiger Zeit kehrte der Schreiber zurück.

    Er trug eine kleine Holztafel.

    „Ich habe einen Eintrag gefunden.“

    Titus erhob sich.

    „Zeigt ihn mir.“

    Der Mann legte die Tafel auf den Tisch.

    Darauf standen mehrere Namen und eine kurze Notiz.

    Titus las langsam.

    PUBLIUS AELIUS SEVERUS

    Mandatum receptum.

    Vollmacht empfangen.

    Darunter folgte ein Datum.

    Und eine weitere Bemerkung.

    Exemplum transmissum ad horrea.

    Abschrift an die Speicherverwaltung übermittelt.

    Titus blickte auf.

    „An welche Speicherverwaltung?“

    Der Schreiber zuckte mit den Schultern.

    „Das müsste in einem zweiten Register stehen.“

    Massad verschränkte die Arme.

    „Dann benötigen wir dieses Register.“

    Der Schreiber zögerte.

    „Das könnte schwierig werden.“

    Titus betrachtete ihn aufmerksam.

    „Warum?“

    „Weil ein Teil der älteren Speicherunterlagen vor einigen Jahren verlegt wurde.“

    „Wohin?“

    Der Mann schwieg einen Augenblick.

    Dann antwortete er:

    „In ein gesondertes Archiv.“

    Titus lehnte sich vor.

    „Und wo befindet sich dieses Archiv?“

    Der Schreiber senkte die Stimme.

    „Das weiß ich nicht genau. Aber die Übertragung wurde von einem Mann angeordnet, dessen Namen ich noch kenne.“

    Titus wartete.

    Der Schreiber sah auf die Tafel.

    Dann sagte er:

    „Gaius Septimius Largus.“

    Der zweite Schlüssel

    Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Titus spürte, wie sich seine Gedanken ordneten. Largus. Wieder Largus. Der Mann, dessen Name bereits in den alten Finanzunterlagen der Villa Aurelia aufgetaucht war. Der Mann, dessen Verbindung zu Lucius Cassius Varro bislang ungeklärt geblieben war. Und nun der Mann, der offenbar die Verlegung jener Unterlagen veranlasst hatte, die mit der ursprünglichen Vollmacht des Publius Aelius Severus zusammenhingen.

    „Wann wurde die Verlegung angeordnet?“, fragte Titus.

    Der Schreiber nannte das ungefähre Jahr.

    Titus dachte nach.

    Es lag deutlich nach der Ausstellung der ersten Vollmacht.

    Und vor den späteren Vorgängen, die sie inzwischen untersuchten.

    „Gab es eine Begründung?“

    „Eine Neuordnung der Verwaltungsbestände.“

    Massad lachte trocken.

    „Wie praktisch.“

    Selina warf ihm einen kurzen Blick zu.

    Titus blieb ernst.

    „Gibt es eine Liste der verlegten Dokumente?“

    Der Schreiber nickte.

    „Ja. Eine Übergabeliste müsste vorhanden sein.“

    „Dann möchte ich sie sehen.“

    Der Mann zögerte erneut.

    „Dafür benötigt Ihr eine besondere Genehmigung.“

    Titus richtete sich auf.

    „Von wem?“

    „Vom zuständigen Verwalter.“

    „Und wie heißt dieser?“

    Der Schreiber sah ihn an.

    „Das könnte Euch interessieren.“

    Titus wartete.

    „Er führt sein Amt unter einem Namen, der in den alten Registern ebenfalls vorkommt.“

    „Welchem?“

    Der Mann antwortete:

    „Cassius.“

    Titus blieb vollkommen ruhig.

    Doch Selina bemerkte, wie sich seine Hand langsam zur Faust schloss.

    „Cassius?“, wiederholte Titus.

    „Ja.“

    „Sein vollständiger Name?“

    Der Schreiber schüttelte den Kopf.

    „Ich kenne nur den Namen, unter dem seine Anweisungen in den Unterlagen vermerkt sind.“

    Titus betrachtete die Holztafel.

    Cassius.

    Es war ein verbreiteter römischer Familienname.

    Er bewies nichts.

    Aber in Verbindung mit Largus und Severus war er zu auffällig, um ignoriert zu werden.

    Eine neue Richtung

    Als Titus, Selina und Massad das Verwaltungsgebäude verließen, stand die Sonne bereits hoch über Ostia. Auf den Straßen herrschte geschäftiges Treiben. Doch Titus nahm die Umgebung kaum wahr. Seine Gedanken kreisten um die neuen Erkenntnisse. Publius Aelius Severus hatte tatsächlich eine Vollmacht hinterlegt. Eine Abschrift war an die Speicherverwaltung gegangen. Später hatte Gaius Septimius Largus die Verlegung der zugehörigen Unterlagen veranlasst. Und der Zugang zu diesen Unterlagen wurde nun durch einen Verwalter kontrolliert, dessen Name zumindest eine mögliche Verbindung zu Lucius Cassius Varro nahelegte. Selina ging neben ihm.

    „Was denkst du?“

    Titus antwortete erst nach einigen Schritten.

    „Dass wir bisher an der falschen Stelle gesucht haben.“

    Massad blickte ihn an.

    „Inwiefern?“

    „Wir haben versucht herauszufinden, wer Geld unterschlagen hat.“

    „Und?“

    Titus blieb stehen.

    „Vielleicht ging es ursprünglich gar nicht um Geld.“

    Selina sah ihn fragend an.

    „Sondern?“

    „Um die Kontrolle über die Verwaltung.“

    Er blickte zurück zum Archivgebäude.

    „Wer die Vollmachten kontrolliert, kann bestimmen, wer Geschäfte abschließen darf. Wer die Register kontrolliert, kann entscheiden, welche Geschäfte später nachweisbar sind.“

    Massad nickte langsam.

    „Und wer beides kontrolliert ...“

    „... kann einen Menschen aus den Unterlagen verschwinden lassen und einen anderen an seine Stelle setzen“, vollendete Titus.

    Selina verschränkte die Arme.

    „Dann suchen wir nicht nur nach einem Betrüger.“

    Titus blickte sie ernst an.

    „Nein.“

    Er ließ seinen Blick über die geschäftige Hafenstadt wandern.

    „Wir suchen nach einem System.“

    EPILOG – NOMEN IN TABULIS

    Ein Name in den Registern Am Abend saßen Titus, Selina und Massad in einem gemieteten Raum eines angesehenen Gasthauses in Ostia. Auf dem Tisch lagen die Abschriften der neu gefundenen Einträge. Titus hatte drei Namen untereinander geschrieben. PUBLIUS AELIUS SEVERUS GAIUS SEPTIMIUS LARGUS LUCIUS CASSIUS VARRO Daneben hatte er eine vierte Zeile freigelassen. Selina betrachtete sie.

    „Für wen ist die?“

    Titus legte den Griffel ab.

    „Für den Mann, der heute die Unterlagen kontrolliert.“

    Massad lehnte sich zurück.

    „Und wenn es Varro selbst ist?“

    Titus schwieg.

    Dann antwortete er:

    „Dann müssen wir herausfinden, warum ein Mann, der längst tot sein sollte, noch immer Einfluss auf die Verwaltung von Ostia besitzt.“

    Selina blickte auf die Namen.

    „Und wenn es nicht Varro ist?“

    Titus nahm die älteste Vollmacht zur Hand.

    „Dann ist jemand sehr daran interessiert, dass wir an ihn denken.“

    Er betrachtete die Initialen.

    P. A. S.

    Zum ersten Mal erschien ihm eine weitere Möglichkeit.

    Was, wenn Publius Aelius Severus niemals freiwillig aus den Geschäften ausgeschieden war?

    Was, wenn seine Vollmacht nicht gefälscht, sondern ursprünglich vollkommen rechtmäßig gewesen war?

    Und was, wenn jemand erst später begonnen hatte, diese Befugnis für eigene Zwecke zu missbrauchen?

    Dann musste es einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem der rechtmäßige Vertreter die Kontrolle verloren hatte.

    Vielleicht durch Krankheit.

    Vielleicht durch Gefangenschaft.

    Vielleicht durch Mord.

    Oder durch eine sorgfältig geplante Ersetzung seiner Identität.

    Titus legte das Dokument auf den Tisch.

    „Morgen suchen wir die Übergabeliste.“

    Massad nickte.

    „Und den Verwalter namens Cassius.“

    „Nein“, sagte Titus.

    Selina blickte überrascht auf.

    „Nein?“

    Titus sah beide an.

    „Zuerst suchen wir den Mann, der die Übergabe damals bezeugt hat.“

    Er zeigte auf eine kleine Randnotiz in der Abschrift.

    Dort stand ein Name, den sie bisher übersehen hatten.

    MARCUS VETTIUS.

    Selina erstarrte.

    Massad beugte sich vor.

    Titus betrachtete den Eintrag lange.

    Der Name war ihm aus den Nachrichten seines alten Freundes Faustus Iunius Rupa bekannt.

    Ein Name, der auch in Aquae Mattiacorum aufgetaucht war.

    Ein Name, hinter dem sich möglicherweise mehr als eine Identität verbarg.

    Titus sprach schließlich leise:

    „Jetzt beginnt es interessant zu werden.“

    Er nahm den Griffel und schrieb unter die drei Namen einen vierten.

    MARCUS VETTIUS

    Dann zog er einen Kreis darum.

    Die Spur führte nicht länger nur nach Ostia.

    Sie reichte bis nach Germanien.

    Und irgendwo zwischen diesen beiden Orten musste die Wahrheit verborgen liegen.

    FORTSETZUNG: CAPUT – TESTIS ABSENS (Der abwesende Zeuge)

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