Der Mann, der vor ihm kam
Die älteste Aufzeichnung
Titus Aurelius Romanus hatte die Nacht schlecht geschlafen. Immer wieder waren seine Gedanken zu den beiden Schriftstücken zurückgekehrt, die er am Vorabend nebeneinandergelegt hatte. Ein Handelsvertrag aus Ostia. Eine vertrauliche Verwaltungsanweisung aus Rom. Beide enthielten den Namen desselben Zeugen. Oder zumindest denselben geschriebenen Namen.
Das war ein Unterschied, den Titus inzwischen sehr ernst nahm. Am Morgen saß er wieder im Arbeitszimmer der Villa Aurelia. Vor ihm lagen die beiden Dokumente, daneben mehrere Wachstafeln und ein Verzeichnis älterer Geschäftsunterlagen seiner Familie. Selina stand am Fenster und betrachtete den Garten. Massad saß auf einer niedrigen Bank und untersuchte die Rückseite einer hölzernen Schreibtafel.
„Du suchst an der falschen Stelle“, sagte er schließlich.
Titus hob den Kopf.
„Ach?“
„Du vergleichst Unterschriften.“
„Das ist gewöhnlich eine recht brauchbare Methode, um festzustellen, wer ein Dokument unterzeichnet hat.“
„Wenn der Mann selbst unterschrieben hat.“
Titus betrachtete ihn aufmerksam. Massad legte die Tafel nieder.
„In meiner Heimat habe ich Kaufleute kennengelernt, die ihre Geschäfte durch Schreiber erledigen ließen. Manchmal unterschrieben sie selbst. Manchmal ein Bevollmächtigter. Und manchmal wusste derjenige, dessen Name unter einem Vertrag stand, überhaupt nicht, dass dieser Vertrag existierte.“
Titus schwieg. Selina wandte sich vom Fenster ab.
„Dann könnte die gleiche Handschrift zwei verschiedene Männer bezeichnen.“
„Oder zwei verschiedene Handschriften denselben Mann“, ergänzte Massad.
Titus betrachtete die Dokumente erneut.
„Dann ist die Unterschrift allein wertlos.“
„Nicht wertlos“, erwiderte Massad. „Aber sie beweist weniger, als du möchtest.“
Titus lächelte schwach.
„Eine unangenehme Eigenschaft von Beweisen.“
Er schob die beiden Schriftstücke zur Seite.
„Dann beginnen wir anders.“
Die Vollmacht
Das älteste Verzeichnis der Villa Aurelia stammte aus der Zeit, als Titus noch ein Kind gewesen war. Es enthielt Aufzeichnungen über Grundstücke, Lieferverträge, Darlehen und Handelsbeziehungen der Familie. Einige der Einträge waren von Schreibern angefertigt worden, deren Namen Titus nicht kannte. Andere trugen die persönlichen Vermerke seines Vaters Marcus Aurelius Iustus. Titus hatte diese Handschrift seit Jahren nicht mehr gesehen. Er erkannte sie dennoch sofort. Die schmalen Buchstaben. Die ungewöhnlich weit auseinandergezogenen Endstriche. Die Neigung, einzelne Wörter am Rand einer Tafel abzukürzen. Für einen Augenblick empfand er jene alte Unruhe, die ihn stets überkam, wenn er an seinen Vater dachte. Dann zwang er sich, weiterzulesen. Massad bemerkte seine Veränderung, sagte aber nichts. Selina trat näher.
„Hast du etwas gefunden?“
„Vielleicht.“
Titus zog eine schmale Wachstafel aus einem Bündel. Sie enthielt einen Eintrag über die Übertragung bestimmter Verwaltungsbefugnisse. Keine große Angelegenheit. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Ein Bevollmächtigter sollte berechtigt sein, Lieferungen entgegenzunehmen, Zahlungen zu bestätigen und im Namen eines Geschäftspartners bestimmte Urkunden vorzulegen. Titus las die betreffende Stelle zweimal. Dann ein drittes Mal.
„Das ist interessant.“
Massad stand auf.
„Was?“
„Die Vollmacht wurde nicht einem bestimmten Mann ausschließlich persönlich erteilt.“
„Sondern?“
„Sie war an eine Verwaltungsfunktion gebunden.“
Selina runzelte die Stirn.
„Was bedeutet das?“
Titus deutete auf den Text.
„Der Bevollmächtigte durfte einen zugelassenen Vertreter einsetzen, sofern dieser durch eine zusätzliche Bestätigung ausgewiesen wurde.“
Massad betrachtete die Tafel.
„Also konnte ein anderer Mann mit denselben Befugnissen auftreten.“
„Ja.“
„Unter seinem eigenen Namen?“
Titus zögerte.
„Das hätte er eigentlich tun müssen.“
Massad lächelte nicht.
„Aber wenn jemand nur die ursprüngliche Vollmacht prüfte und nicht die zusätzliche Bestätigung ...“
„Dann konnte er glauben, der ursprüngliche Bevollmächtigte stehe noch immer hinter dem Geschäft.“
Selina sah zwischen beiden Männern hin und her.
„Das klingt nach einer Möglichkeit, eine Identität weiterzuverwenden.“
Titus nickte langsam.
„Eine rechtmäßige Vertretung könnte der Anfang gewesen sein.“
Er legte die Tafel auf den Tisch.
„Und irgendwann könnte jemand aufgehört haben, zwischen dem Bevollmächtigten und seinem Vertreter zu unterscheiden.“
Der unbekannte Vorgänger
Die Suche führte sie tiefer in die alten Unterlagen. Titus ließ mehrere versiegelte Kästen aus dem Archiv bringen. Sie enthielten Dokumente, die seit vielen Jahren nicht mehr benötigt worden waren. Massad überprüfte die Verschlüsse. Selina ordnete die Schriftrollen nach ihrem ungefähren Alter. Titus verglich die Namen. Gaius Septimius Largus tauchte in den ältesten Aufzeichnungen nicht auf. Auch Lucius Cassius Varro wurde zunächst nicht erwähnt. Dafür erschien ein anderer Name. Publius Aelius Severus. Titus las ihn laut vor. Massad hob den Kopf.
„Kennst du ihn?“
„Nein.“
„Ein Verwandter?“
„Nicht dass ich wüsste.“
Titus betrachtete den Eintrag. Publius Aelius Severus war als Beauftragter für die Prüfung bestimmter Liefer- und Zahlungsnachweise genannt. Seine Aufgabe bestand offenbar darin, Dokumente zwischen privaten Handelshäusern und einer Verwaltungsstelle zu bestätigen. Es war keine ungewöhnliche Tätigkeit. Gerade deshalb interessierte Titus der Mann.
„Hier steht, dass Severus bereits tätig war, bevor Largus in unseren Unterlagen erscheint.“
Selina trat neben ihn.
„Wie viele Jahre früher?“
„Mehrere.“
Massad nahm eine weitere Tafel.
„Dann könnte er der Mann sein, den wir suchen.“
Titus schüttelte den Kopf.
„Er könnte es sein.“
Er betonte das erste Wort.
„Wir wissen nicht einmal, ob er jemals mit Varro zusammengearbeitet hat.“
Selina nickte.
„Aber sein Name gehört zu derselben Art von Geschäften.“
„Genau.“
Titus lehnte sich zurück.
„Und das genügt, um weiterzusuchen.“
Der Eintrag ohne Abschluss
Gegen Mittag entdeckte Selina eine ungewöhnliche Stelle in einem alten Rechnungsverzeichnis.
„Titus.“
Er blickte auf.
„Hier fehlt etwas.“
Sie hielt ihm die Tafel hin. Mehrere Geschäftsvorgänge waren mit einem kurzen Vermerk abgeschlossen worden.
Solutum. Bezahlt.
Andere trugen den Hinweis, dass eine Lieferung bestätigt worden war. Doch bei einem Eintrag fehlte jede abschließende Bemerkung. Titus betrachtete das Datum. Dann den Namen.
Publius Aelius Severus.
„Merkwürdig.“
Massad trat hinzu.
„Was ist daran ungewöhnlich?“
„Der Vorgang wurde eröffnet, aber offenbar nie abgeschlossen.“
„Vielleicht hat jemand vergessen, den Abschluss einzutragen.“
„Möglich.“
Titus prüfte die folgenden Tafeln. Der Name Severus erschien noch zweimal. Dann verschwand er. Kein Hinweis auf seinen Tod. Keine Mitteilung über eine Entlassung.
Keine Übertragung seiner Aufgaben auf einen Nachfolger. Nichts. Massad verschränkte die Arme.
„Ein Mann verschwindet aus den Unterlagen.“
Selina betrachtete Titus.
„Und Jahre später taucht ein anderer Mann in ähnlichen Geschäften auf.“
Titus nickte.
„Largus.“
Er nahm die ältere Tafel erneut zur Hand.
„Aber dazwischen liegt eine Lücke.“
Massad blickte auf die Dokumente.
„Vielleicht ist genau diese Lücke wichtig.“
Titus sagte nichts. Er dachte an den Namen Lucius Cassius Varro. An die alten Zahlungen. An die unterschiedlichen Identitäten. Und an die Möglichkeit, dass jemand ein ursprünglich rechtmäßiges System der Vertretung verändert hatte. Wenn Severus der erste Verwalter dieser Vollmachten gewesen war, musste er nicht notwendigerweise auch derjenige gewesen sein, der sie später missbraucht hatte. Vielleicht war er nur der Mann gewesen, dessen Stellung ein anderer übernommen hatte. Vielleicht war er selbst Opfer einer Täuschung geworden.
Oder vielleicht hatte er den entscheidenden Schritt bewusst ermöglicht. Noch war alles offen.
Selinas Frage
Am Nachmittag verließen die drei das Arbeitszimmer und begaben sich in den schattigen Innenhof der Villa. Selina ließ sich auf einer Steinbank nieder. Titus blieb vor dem kleinen Wasserbecken stehen. Massad lehnte an einer Säule. Eine Weile sprachen sie nicht.
Dann fragte Selina:
„Titus, warum bist du eigentlich überzeugt, dass hinter all dem ein einzelner Mann steht?“
Er wandte sich um.
„Das bin ich nicht.“
„Aber du suchst immer nach einem Ursprung. Nach dem ersten Namen. Nach dem Mann, der alles begonnen hat.“
Titus betrachtete sie aufmerksam. Selina fuhr fort.
„Was ist, wenn niemand dieses System geplant hat?“
Massad hob den Kopf.
„Wie meinst du das?“
„Vielleicht hat zunächst ein Verwalter eine Vollmacht weitergegeben. Dann hat ein anderer diese Möglichkeit genutzt, um Zahlungen zu bestätigen. Später hat jemand erkannt, dass man damit auch einen fremden Namen verwenden konnte.“
Titus schwieg.
„Und irgendwann“, sagte Selina, „hat niemand mehr gefragt, ob der Mann hinter dem Namen überhaupt noch existierte.“
Massad nickte langsam.
„Ein Betrug, der nicht als Betrug begonnen hat.“
Titus betrachtete das Wasserbecken. Die Worte beschäftigten ihn. Bislang hatte er angenommen, dass ein kluger Kopf hinter dem gesamten Geflecht stand. Ein Mann, der falsche Identitäten geschaffen und über Jahre hinweg benutzt hatte. Aber Selina hatte recht. Ein System konnte auch entstehen, weil mehrere Menschen nacheinander dieselbe Schwachstelle ausnutzten.
„Dann suchen wir vielleicht nicht nach dem Erfinder“, sagte Titus schließlich.
Selina sah ihn an.
„Sondern?“
„Nach dem ersten Mann, der erkannt hat, was man mit diesen Vollmachten anfangen konnte.“
Massad lächelte.
„Das gefällt mir besser.“
Ein Name aus Ostia
Am späten Nachmittag kehrten sie zu den Dokumenten zurück. Titus wollte den ältesten Handelsvertrag aus Ostia noch einmal untersuchen. Er legte ihn neben den Eintrag über Publius Aelius Severus. Dann betrachtete er die Namen der beteiligten Kaufleute. Einer davon fiel ihm auf. Demetrios von Ostia. Titus hatte diesen Namen bereits in anderen Unterlagen gesehen.
Damals war er ihm nicht besonders wichtig erschienen. Nun betrachtete er ihn genauer. Demetrios war nicht als Hauptvertragspartner aufgeführt. Er erschien lediglich als Vermittler.
Ein Mann, der die Übergabe bestimmter Waren und die Bestätigung der entsprechenden Zahlungen begleitet hatte. Massad bemerkte Titus' Aufmerksamkeit.
„Wieder ein Name?“
„Ein alter Bekannter.“
„Wer?“
„Demetrios.“
Massad trat näher.
„Der Vermittler aus Ostia?“
„Ja.“
Titus deutete auf den Vertrag.
„Er war bereits an Geschäften beteiligt, bevor Largus in unseren Aufzeichnungen auftauchte.“
Selina betrachtete die Unterschrift.
„Und Severus?“
„Er war zur selben Zeit mit der Prüfung ähnlicher Vorgänge betraut.“
Massad sah Titus an.
„Dann müssen wir herausfinden, ob die beiden einander kannten.“
Titus nickte.
„Und ob Demetrios später mit Varro oder Largus zu tun hatte.“
Er nahm eine leere Wachstafel.
Darauf schrieb er vier Namen.
Publius Aelius Severus.
Demetrios.
Lucius Cassius Varro.
Gaius Septimius Largus.
Dann betrachtete er die Reihenfolge.
Sie war noch keine bewiesene Abfolge von Verantwortlichkeiten.
Nicht einmal eine gesicherte Verbindung zwischen allen vier Männern.
Aber sie zeigte erstmals eine mögliche Entwicklung über mehrere Jahre hinweg.
Massad betrachtete die Tafel.
„Vier Männer.“
Titus schüttelte den Kopf.
„Vier Namen.“
Selina lächelte schwach.
„Du lernst.“
Titus erwiderte ihr Lächeln.
„Langsam.“
Die verschlossene Korrespondenz
Kurz vor Sonnenuntergang entdeckte Massad in einem der ältesten Archivkästen ein schmales Bündel versiegelter Schriftrollen. Die Schnur war spröde geworden. Das äußere Siegel trug das Zeichen des Hauses Aurelia. Titus betrachtete es lange.
„Das ist das persönliche Siegel meines Vaters.“
Selina trat näher.
„Willst du es öffnen?“
Titus zögerte.
Die Briefe waren offenbar nie in die gewöhnlichen Geschäftsunterlagen eingeordnet worden. Sie gehörten zur privaten Korrespondenz des Marcus Aurelius Iustus. Für einen Augenblick kehrten Erinnerungen zurück, die Titus längst verdrängt zu haben glaubte. Das strenge Gesicht seines Vaters. Die kalte Stimme. Die unerschütterliche Überzeugung, dass Paullus und Lucius stets im Recht seien. Und das Gefühl eines kleinen Jungen, der wusste, dass niemand ihm glauben würde. Massad bemerkte, wie Titus' Hand auf dem Siegel ruhte.
„Wir können bis morgen warten.“
Titus schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er nahm ein kleines Messer.
Vorsichtig löste er die alte Schnur.
Das Siegel zerbrach.
Im Inneren befanden sich mehrere Briefe.
Der erste behandelte gewöhnliche Grundstücksangelegenheiten.
Der zweite eine Darlehensforderung.
Der dritte jedoch ließ Titus innehalten.
Er war an Marcus Aurelius Iustus persönlich gerichtet.
Der Absender hatte lediglich seine Initialen angegeben.
P. A. S.
Titus las die ersten Zeilen.
Dann wurde sein Gesicht ernst.
Selina bemerkte die Veränderung sofort.
„Was steht darin?“
Titus antwortete nicht.
Er las weiter.
Schließlich legte er den Brief auf den Tisch.
„Der Absender bittet meinen Vater um eine persönliche Unterredung.“
Massad beugte sich vor.
„Weshalb?“
Titus betrachtete die Zeilen erneut.
„Weil offenbar jemand eine seiner Vollmachten verwendet hat, ohne dass er davon wusste.“
Stille breitete sich aus.
Selina sah auf den Brief.
„Publius Aelius Severus?“
Titus nickte langsam.
„Vielleicht.“
Massad betrachtete die Initialen.
„Und was schreibt er noch?“
Titus nahm den Brief wieder auf.
Seine Stimme war nun leiser.
„Er befürchtet, dass die betreffenden Dokumente nicht mehr eindeutig einem bestimmten Bevollmächtigten zugeordnet werden können.“
Massad richtete sich auf.
„Dann hat jemand den Missbrauch bereits damals bemerkt.“
Titus nickte.
„Ja.“
Er betrachtete die Unterschrift.
„Und möglicherweise hat mein Vater davon gewusst.“
Der Schatten des Vaters
Lange sagte niemand ein Wort.
Titus stand am Fenster und blickte in den Garten.
Er hatte seinen Vater nie geliebt.
Zumindest nicht in jener selbstverständlichen Weise, mit der andere Söhne von ihren Vätern sprachen.
Marcus Aurelius Iustus war für ihn stets eine ferne, strenge Gestalt gewesen.
Ein Mann, dessen Anerkennung er vergeblich gesucht hatte.
Nun musste Titus sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass sein Vater in eine Angelegenheit verwickelt gewesen war, deren Folgen bis in die Gegenwart reichten.
Selina trat zu ihm.
„Du weißt nicht, was dein Vater getan hat.“
„Nein.“
„Vielleicht hat er versucht, den Missbrauch zu verhindern.“
Titus lächelte bitter.
„Das wäre eine angenehme Vorstellung.“
„Aber keine unmögliche.“
Er sah sie an.
Selina sprach ruhig weiter.
„Du darfst deine Erinnerungen nicht zu Beweisen machen.“
Titus schwieg.
Sie hatte recht.
Er wusste es.
Gerade deshalb fiel es ihm schwer.
Massad trat mit dem Brief zu ihnen.
„Wir sollten die übrigen Schreiben lesen.“
Titus nickte.
„Ja.“
Er nahm das Dokument entgegen.
„Und wir sollten herausfinden, ob diese Unterredung jemals stattgefunden hat.“
Hinweis auf den nächsten Schritt
Der letzte Brief des Bündels war kürzer als die übrigen.
Er enthielt keine ausführliche Erklärung.
Nur wenige Zeilen.
Der Absender teilte mit, dass die Angelegenheit nicht länger ausschließlich durch private Gespräche geklärt werden könne.
Eine Abschrift der betreffenden Vollmacht sei deshalb bei einer zuständigen Stelle hinterlegt worden.
Titus las den Satz mehrfach.
„Eine Abschrift.“
Massad nickte.
„Dann könnte es noch ein zweites Dokument geben.“
„Ja.“
Selina fragte:
„Wo?“
Titus betrachtete die Ortsangabe am Ende des Schreibens.
„Ostia.“
Massad stieß leise die Luft aus.
„Natürlich.“
Titus legte den Brief auf den Tisch.
„Dort hat jemand eine Abschrift hinterlegt, bevor die späteren Unregelmäßigkeiten begannen.“
Selina sah ihn aufmerksam an.
„Dann könnten wir erstmals feststellen, wie die ursprüngliche Vollmacht tatsächlich lautete.“
„Und wer sie benutzen durfte“, ergänzte Massad.
Titus nickte.
„Vor allem das.“
Er blickte auf die vier Namen, die er zuvor auf der Wachstafel notiert hatte.
Severus.
Demetrios.
Varro.
Largus.
Vier Namen, deren Verhältnis zueinander noch ungeklärt war.
Aber nun gab es eine konkrete Spur.
Nicht nur eine Vermutung.
Nicht nur eine Ähnlichkeit zwischen Unterschriften.
Sondern den Hinweis auf ein Dokument, das möglicherweise noch existierte.
Eine Entscheidung in der Villa Aurelia
Als die Dunkelheit über Rom hereinbrach, saßen Titus, Selina und Massad erneut im Arbeitszimmer. Die Briefe lagen sorgfältig geordnet auf dem Tisch. Titus hatte eine Liste der nächsten Schritte angefertigt. Zunächst mussten sie feststellen, bei welcher Stelle in Ostia die Abschrift hinterlegt worden war. Anschließend sollte geprüft werden, ob sich der ursprüngliche Umfang der Vollmacht rekonstruieren ließ. Und schließlich mussten sie herausfinden, welche Rolle Publius Aelius Severus und Demetrios tatsächlich gespielt hatten. Massad betrachtete die Aufzeichnungen.
„Du willst nach Ostia.“
Titus nickte.
„Ja.“
„Wann?“
„Sobald wir wissen, wo wir suchen müssen.“
Selina sah ihn an.
„Und dein Vater?“
Titus schwieg einen Augenblick.
Dann antwortete er:
„Seine Rolle werden wir ebenfalls untersuchen.“
Massad hob eine Augenbraue.
„Auch wenn dir das Ergebnis nicht gefällt?“
Titus blickte ihn ruhig an.
„Gerade dann.“
Er nahm die älteste Vollmacht in die Hand.
„Ich habe zu lange nach einem Mann gesucht, dessen Name möglicherweise nur noch auf Schriftstücken existierte.“
Er legte sie wieder nieder.
„Jetzt will ich wissen, wer diese Schriftstücke zuerst benutzt hat.“
Selina nickte.
„Dann beginnen wir in Ostia.“
Titus betrachtete die beiden Menschen, denen er mehr vertraute als fast allen anderen.
„Ja.“
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Aber diesmal suchen wir nicht nach einem verschwundenen Mann.“
Massad sah ihn fragend an.
Titus deutete auf die Dokumente.
„Wir suchen nach einer Vollmacht.“
EPILOG – PRIMA POTESTAS
Die erste Vollmacht Spät in der Nacht blieb Titus noch einmal allein im Arbeitszimmer zurück. Die Lampen brannten niedrig. Vor ihm lagen die alten Briefe seines Vaters. Daneben die Vollmacht. Und die vier Namen. Er betrachtete die Initialen unter dem ältesten Schreiben.
P. A. S.
Publius Aelius Severus.
Vielleicht war er der Mann, der vor Largus gekommen war. Vielleicht war er lediglich der erste gewesen, der den Missbrauch einer rechtmäßigen Vollmacht bemerkt hatte. Noch konnte Titus das nicht entscheiden. Aber er hatte etwas Wichtiges erkannt. Die Geschichte begann nicht mit einer falschen Zahlung. Nicht mit einem verschwundenen Lagerverwalter. Und möglicherweise auch nicht mit Lucius Cassius Varro. Sie begann mit einem Recht. Dem Recht, im Namen eines anderen Menschen zu handeln. Und mit der Frage, was geschah, wenn dieses Recht weiterbestand, obwohl niemand mehr wusste, wer es tatsächlich ausübte. Titus löschte die letzte Lampe. Am folgenden Morgen würde er beginnen, die Spur nach Ostia vorzubereiten. Denn dort könnte sich das Dokument befinden, das alle späteren Vorgänge in einem anderen Licht erscheinen ließ. Und vielleicht würde sich dort erstmals zeigen, ob Publius Aelius Severus der Ursprung des Systems gewesen war – oder sein erstes Opfer.