Ehrenhafte Entlassung des Tribunus laticlavius Galeo Seius Ravilla

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    Ehrenhafte Entlassung

    des Tribunus laticlavius

    Galeo Seius Ravilla


    Die Sohlen der nahenden Soldaten schlugen dumpf im Gleichtakt, als sie sich auf dem Drillplatz hinter der Außenmauer des schwer befestigten Legionslagers einfanden. Schwere graue Wolken rollten über den Himmel und entluden ihre feuchte Fracht. Jede Einheit marschierte für sich und trug ihr Feldzeichen vorwerg. In dichter Reihe wippten die nassen Helmbüsche aus Rosshaar. Unter den polierten Panzern trugen die Soldaten ihre strahlend weiß gebleichte Tunika, wie sie zu feierlichen Anlässen üblich war. Die wenigen Schaulustigen, die trotz des nasskalten Wetters aus de Stadt hinzugekommen waren, wichen zur Seite und machten den nahenden Kohorten der Legio XXII Primigenia Platz. In perfekt geplanter Choreografie arrangierten sie sich, so dass jede Einheit einen guten Blick auf die Tribüne genoss. Das Holz war dunkel vom Regen. "Consistite! Scuta deponite!", hallte der Ruf. Hunderte Schildkanten knallten gleichzeitig auf den fest getrampelten Erdboden und verursachten nasse Spritzer. Schweigend standen die Soldaten Roms wie eiserne Statuen, unbeeindruckt ob des Wetters, während von ihren Rüstungen der Regen perlte. Die stolzen Banner wehten sacht im kalten Herbstwind.


    Einen Moment legte sich vollkommene Stille auf den Drillplatz, während der Legatus Legionis an dem Platz Aufstellung nahm, dem die gesamte Aufmerksamkeit heute galt, denn es ging um die ehrenhafte Entlassung der altgedienten Soldaten, aber auch um jene des senatorischen Tribuns, dessen Amtszeit mit dem heutigen Tag dem Ende entgegen endete. Auf den Tribünen zu seiner Rechten und seiner Linken saßen in bester Blickachse die Würdenträger in ihren Togas, ein dicht gedrängtes weißes Ensabel, von einer gespannten Plane gegen den Herbstregen geschützt. Ihre Sklaven reichten ihnen heiße Getränke oder legten ihnen eine weiße Decke um die Schultern. Lanzenbewehrte Soldaten der Legio sorgten für Ordnung und Sicherheit.


    Alle Blicke waren waren auf den einzelnen Mann gerichtet.


    "Soldaten der Legio XXII Primigenia, liebe Gäste." Der Legatus Legionis warf einen kurzen Blick auf die Legio, dann zu den Tribünen und zu den Schaulustigen, die von den Soldaten auf Abstand gehalten wurden. "Wir haben uns heute hier versammelt, um jene zu verabschieden, die dem Kaiser, dem Senat und dem Volk von Rom in unserer Legio treu gedient haben und heute ehrenhaft entlassen werden. Viele gehen nach Jahrzehnten des Dienstes, zahlreichen Gefechten, Siegen und Verlusten in den wohlverdienten Ruhestand, für andere markiert die Honesta missio erst den Anfang ihrer Karriere. Einer von jenen, den wir heute verabschieden wollen, ist Tribunus laticlavius Galeo Seius Ravilla, dessen Amtszeit sich heute dem Ende neigt. Tribunus laticlavius Galeo Seius Ravilla, tritt vor!"

  • Nun war es also so weit. Ravilla, heute das letzte Mal in seiner Rolle als Tribun und antetan in seinen besten Zwirn und Muskelharnisch, trat vor den Legatus Legionis. Eine gewisse Wehmut ließ sich unschwer verhehlen. Er grüßte den altgedienten Veteranen mit dem gebotenen Respekt. «Salve, Legat!»

  • Der Legat gab dem scheidenden Tribun die Hand. "Ich bedanke mich für deinen Dienst, Galeo Seius Ravilla. Du bist nun ein anderer Mann als an dem Tag, an dem du deinen Posten angetreten bist. Ich denke, du bist auf einem guten Weg und das Lagerleben hat dir gut getan. Für deinen weiteren Werdegang wünsche ich dir alles Gute. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder." Er lächelte. Damit überreichte er ihm die Entlassungsurkunde, die ihm aus der kaiserlichen Kanzlei zugesandt worden war, denn niemand anderem stand es zu, einen vom Kaiser eingesetzten Tribun wieder zu entlassen:


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    IN NOMINE IMPERII ROMANI
    ET IMPERATORIS CAESARIS AUGUSTI


    entlasse ich


    Galeo Seius Ravilla


    ehrenvoll als


    Tribunus Laticlavius

    der Legio XXII Primigenia.


    ANTE DIEM III KAL NOV DCCCLXXIII A.U.C.

    (30.10.2023/120 n.Chr.).


    Siegel - Procura Augusti



    Doch Ravilla sollte den Weg nicht ohne Ehrungen beschreiten. So überreichte ihm der Legat nun auch eine besondere Lanze. Sie war das übliche Entlassungsgeschenk beim Verlassen einer Truppe:


    hastapura.png


    IN NOMINE IMPERII ROMANI
    ET IMPERATORIS CAESARIS AUGUSTI


    zeichne ich


    Galeo Seius Ravilla


    für


    seine Verdienste

    als Tribunus Laticlavius

    der Legio XXII Primigenia


    mit einer


    Hasta pura


    aus.


    ANTE DIEM III KAL NOV DCCCLXXIII A.U.C.

    (30.10.2023/120 n.Chr.).


    Siegel - Procura Augusti



    Das wichtigste jedoch war vielleicht die dritte Urkunde:


    diploma.png


    IN NOMINE IMPERII ROMANI
    ET IMPERATORIS CAESARIS AUGUSTI


    verleihe ich


    Galeo Seius Ravilla


    für


    die Planung und Betreuung

    des Baus einer Militärstraße


    ein


    Grundstück.


    ANTE DIEM III KAL NOV DCCCLXXIII A.U.C.

    (30.10.2023/120 n.Chr.)


    Siegel - Procura Augusti



    Der Überreichung folgte ein kollektives Jubeln und Lärmen der Soldaten. Sie waren den Wechsel der Tribuni Laticlavi gewöhnt, die kamen und gingen wie Sommer und Winter, doch Seius Ravilla hatte seine Sache in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit gut gemacht und so kam der Applaus von Herzen.

  • Ein Lächeln zeigte sich auf dem ausdrucksvollen Gesicht des Tribuns, dessen Amtszeit hiermit nicht allein kalendarisch, sondern auch formal endete. «Einem möglichen Wiedersehen blicke ich mit gutem Gefühl entgegen. Ich bedanke mich für die gute Zusammenarbeit, Legat! Insbesondere für die Zeit, die du dir für meine vielen Fragen genommen hast.» Er nahm die beiden Urkunden und die Lanze entgegen. Wo das Grundstück verortet war, würde sich in Erfahrung bringen lassen. Da ihm nun der Zeitpunkt gegeben ward, da einige Worte an die Soldaten gerichtet werden durften, wandte er sich zu diesen um.


    «Heute seht ihr mich das letzte Mal in der Tracht des Tribuns. Wenn die Götter wünschen, sehen wir uns eines Tages wieder, wenn ich ein anderes Gewandt trage. Es war eine lehrreiche Zeit für uns alle. Wir haben die neu gegründete Legio XXII Primigenia mit unseren Händen und sehr viel Fleiß aus dem Nichts aufgebaut. Es bedurfte zahlreicher Anstrengungen, doch am Ende wuchs nicht allein die Legio, sondern auch jeder einzelne von uns wuchs an dieser Aufgabe.»


    Man sah dem jungen Manne nun wohl an, dass ihm der Abschied nicht gleichgültig war. Während seines Dienstes hatte er sich keine Nachlässigkeit erlaubt und zu jedem Augenblick fast schon wahnhaft auf sein korrektes Auftreten geachtet, um sich - einem fleißigen, doch verwöhnten Homo novus aus dem Osten - keine Blöße zu geben. Nun jedoch glitzerte es verräterisch in seinen Augenwinkeln, das Lächeln wurde ein wenig verschämt und die Wangen erglühten wie das aufsteigenede Rot der Morgendämmerung.


    «Auf diese Leistung dürfen wir alle mit Fug und Recht stolz sein. Haltet diese Zeit des Aufbaus, das Gefühl des Aufbruchs und des Neubeginns in Ehren und in eurem Gedächtnis, auf dass ihr daraus Kraft schöpfen möget, wenn die Götter dereinst den Himmel verdunkeln. Erinnert euch stets daran, was mit vereinten Kräften möglich ist und was ihr alles bereits geschafft habt. Valete, Soldaten der Legio XXII Primigenia, lebt wohl, und vielleicht auf Wiedersehen.»


    Nun musste er gehen, ein wenig schneller als angemessen, empfangen von Anaxis, der ihm die Augen mit weichem Tuch tupfte und für seine Worte lobte, wohl in dem Versuch, seinen Herrn zu trösten, doch war kein Trost notwendig, denn es war reines Glück, das Ravilla empfand, vermischt einem süßen Schmerz.

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