[Alpes Graiae et Poeninae] Summus Poeninus

  • Die Reise von Augusta Praetoria Salassorum hatte einen Tag länger gedauert, als ich geplant hatte. Genauer gesagt etwas mehr als einen halben Tag, aber da ich nicht ungeschützt auf dem Passweg in der freien Natur des Gebirges übernachten wollte, hatte ich den Rest des Tages für die Pflege der Pferde und Maultiere verwendet. Wobei ich vor allem damit beschäftigt war, den Kindern des Dorfes neugierige Fragen zu meiner Kleidung und wo ich schon überall gewesen war zu beantworten. Die Mansio in dem Dorf, dessen Name ich bei der Abreise schon wieder vergessen hatte, war klein, aber sauber gewesen. Das einzige Einzelzimmer hatte ich für mich erhalten, nachdem ich dem Händler, der es vor mir gemietet hatte, eine so hohe Summe geboten hatte, dass er nicht ablehnen konnte.


    Nach dem inzwischen bei mir üblichen Frühstück hatten wir uns auf den Weg gemacht. Es war sonnig und die Luft war klar. Ein perfektes Wetter für den Aufstieg. Die vorhandene Straße machte es leicht, den Aufstieg zu bewältigen und wir machten gut Strecke. Noch am Vormittag überholten wir einen Händler, der seine Maultiere zu Fuß führte. Wir hingegen saßen auf unseren Pferden und führten die Maultiere deutlich zügiger.


    Als wir an einer Geröllhalde vorbeikamen entschied ich, eine kleine Mittagspause zu machen. Ich teilte Brot, Hartwurst und Käse aus und dazu etwas Posca für den Durst. Wir bemerkten, dass wir wohl schon eine Meile an Höhe über dem Meer hatten. Die Luft schien irgendwie dünner zu sein und alles war ein wenig anstrengender als sonst. Nicht so, dass es uns beeinträchtigte, aber doch bemerkbar. Ich beschloss, dennoch das Panorama und die weite Sicht zu genießen. Die von der Sonne beschienenen Gipfel, die... mein Blick ging zurück zu den Gipfeln. Ihre Konturen waren nicht mehr so gestochen scharf, wie bei unserer Abreise am Morgen. Ich blickte Richtung Tal. Es lag ein leichter Dunst darüber. Dann blickte ich zum Himmel. Er war noch blau, aber wie durch einen feinen Schleier gesehen. Und auch der Wind hatte sich geändert. Die Böen waren etwas stärker und zogen in Richtung der Berge.


    Ohne Hektik stand ich auf und packte mein Essen in die Ledertasche mit den Vorräten zurück. "Genug Pause. Lasst uns weiterziehen." Kurz dachte ich darüber nach, ob ich meinen Grund nennen sollte. Ja, sie würden es verstehen und dann besser handeln. "Das Wetter ändert sich."

  • Amytis ritt schweigend hinter Yúnzi her, den schweren Pelzmantel fest um die Schultern gezogen. Der Stoff roch immer noch nach ihm, dachte sie nicht das erste Mal, und der Geruch gefiel ihr, wie sie gestehen musste. Der Morgen in dem kleinen Dorf war kühl, aber klar gewesen, gutes Reisewetter. Sie hatte im Hof der Mansio gestanden, während die Kinder neugierig um Yúnzi herumschlichen und ihn mit Fragen bombardierten. Er hatte geduldig geantwortet, in seinem ruhigen, fast leisen Ton, und sie hatte zugesehen, wie die Seide seines Gewandes im Sonnenlicht schimmerte. Es hatte etwas fast Unwirkliches gehabt, diesen Mann in der rauen Bergwelt zu sehen, aber sie hatte nicht weniger interessiert seinen Antworten gelauscht, als die Kinder.

    Der Aufstieg war anstrengender gewesen, als sie erwartet hatte. Die Luft wurde mit jedem Schritt dünner, und ihr Atem ging schneller. Die steilen Hänge, die Geröllfelder, die schroffen Felsen, auf sie wirkte alles fremd und feindselig. Kein Ort für Menschen, fand sie. Und doch war sie hier. Frei. Freiwillig.



    Während der Mittagspause hatte sie das Brot und den Käse mit kleinen Bissen gegessen, den Blick immer wieder zu den Gipfeln gehoben, die sich nun dunkler gegen den Himmel abzeichneten. Sporus hatte nervös gewirkt, und selbst Yúnzi war unruhiger geworden. Sie hatte es an der Art gespürt, wie er das Essen wegpackte, vielleicht ein wenig schneller, als unbedingt nötig.


    Dann hatte der Wind sich gedreht.

    Zuerst war es nur ein leichter Dunst gewesen, der das Tal verschleierte. Dann kamen bald die ersten schweren Tropfen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der feine Nieselregen in einen kalten Regen, der von den Böen quer über den Pass getrieben wurde. Der Staub auf dem Weg wurde rasch zu Schlamm.

    Man war in Bewegung, aber Amytis spürte, wie der Pelzmantel schwerer wurde. Alles ungeschützte klebte kalt an der Haut. Der Wind fuhr hin und wieder unter den Stoff und ließ sie erzittern. Sie ritt dichter an Yúnzi heran, bis ihre Pferde fast nebeneinander gingen.


    „Yúnzi…“, rief sie gegen den Wind an. „Wir brauchen Schutz!“

    Ein Blitz zuckte in der Ferne auf, noch weit entfernt, aber gefolgt von einem dumpfen Grollen, das zwischen den Felsen widerhallte. Der Regen wurde stärker, schlug ihr ins Gesicht, lief ihr in die Augen, die Tiere wurden kurz unruhig.

    Amytis spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie zog den Pelzmantel wieder enger um sich und wünschte sich für einen kurzen Moment, er würde sie einfach festhalten, bis der Sturm vorüber war.

    Der Regen prasselte erbarmungslos weiter.

  • Auch ohne Amytis' Ausruf war mir klar, dass wir Schutz brauchten. Ich war inzwischen komplett durchnässt und die Seide war schwerer als gewohnt. Die unterste Schicht Kleidung klebte an meiner Haut, aber das schwarze, äußerste Gewand, fiel immer noch erstaunlich gut. So konnte man also trotz Regen immer noch halbwegs würdevoll aussehen. Kurz zuckte ein Lächeln über mein Gesicht. Doch war der Regen, der mir inzwischen in Strömen in die Augen lief, sehr hilfreich darin, mir das Lächeln äußerst schnell wieder auszutreiben.


    Ich ließ die Zügel meines Pferdes etwas lockerer, weil mir der Karawanenführer in der Taklamakan erzählt hatte, dass die Tiere stets den Ort fanden, der Schutz versprach. Wenn das stimmte, dann war mit meinem Pferd irgend etwas nicht in Ordnung. Es nutzte die Bewegungsfreiheit nur, um mich kurz anzusehen. Sein Blick sah irgendwie fragend und vorwurfsvoll zugleich aus. So musste ich also einen passenden Ort finden. Wir könnten der Straße bergabwärts folgen. Aber je weiter es nach unten ging, umso mehr Wasser würde sich sammeln und der anschwellende Bach hier oben wäre unten vielleicht schon ein reißender Strom. Zu gefährlich. Weiter nach oben ziehen, hin zum Pass, war aber auch keine Option. Es schien mir höchst unvernünftig zu sein, sich näher an Gewitterwolken heran zu wagen. Und weiter oben würden wir wahrscheinlich mitten in den Gewitterwolken stehen. Auch das war zu gefährlich. Ein Gebäude wäre nett, aber ich sah keins. Der Regen war viel zu dicht, um weit sehen zu können. Felsvorsprünge könnten Schutz bieten, aber sie könnten auch zur tödlichen Falle werden, wenn Schlamm und Geröll sich in Bewegung setzten und uns unter dem Vorsprung verschütten könnten. Terpander musste so oder so ähnlich gestorben sein. Aber hier stehenbleiben war auch keine Option. Das würde uns nur dem heftiger werdenden Gewitter aussetzen. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als es kurz hell wie die Sonne selbst wurde, während fast zeitgleich ein heftiger Donnerknall über uns hinweg fegte. Ich spürte den Druck des Donners. Der Blitz musste in einen der Grate zu unserer Rechten eingeschlagen haben.


    Was sollte ich jetzt machen? Mein Vater hatte mir immer gesagt, dass ich auf die Götter vertrauen sollte. Sie würden mir im Zweifel ein Zeichen geben. Also schön. "Iuppiter Optimus Maximus, wir sind hier auf deinem Berg. Wohin sollen wir gehen?" rief ich laut, während ich meine Arme ausbreitete. Ein Blitz schlug etwas weiter entfernt rechts vor uns ein. "Danke." Ich setzte mein Pferd in Bewegung, als nicht weit vom Ort des letzten Einschlags wieder ein Blitz einschlug. "Verstehe. Falsche Richtung. Habe dich eben falsch verstanden! Mein Fehler!" Als ich mein Pferd wendete, sah ich auch in der entgegengesetzten Richtung einen Blitz einschlagen. "Ist nicht dein Ernst, oder?" Interessanterweise wieherte jetzt mein Pferd und es klang wie ein Lachen. Iuppiter fand das wohl lustig.


    Dann kam mir mein Freund Cáozǐ in den Sinn. Der konfuzianische Meister hatte mich viel gelehrt. Vor allem sagte er mir, dass Tiān, der Himmel, denen, die ihn aufmerksam beobachteten, stets seinen Willen zeigte. Man solle aber stets gut geerdet sein, um Himmel und Erde zu verbinden und dadurch Teil der Vollkommenheit zu sein. Ich stieg von meinem Pferd ab und reichte Amytis die Zügel. Gemessenen Schrittes stieg ich auf eine kleine Erhebung, sie mir einen besseren Überblick gewährte. Blitze zuckten überall um uns herum und der heftige Wind peitschte mir den Regen ins Gesicht. Ich ließ mich davon nicht beirren, legte die linke Hand auf meine rechte Hand, hob beide vor meine Brust und verneigte mich dreimal in Richtung des Bergpasses. Zumindest glaubte ich, dass die Richtung stimmte. Während ich mich langsam drehte, beobachtete ich, was ich erkennen konnte. Weiße Regenschleier wehten an mir vorbei. Und dann sah ich etwas. Von Blitzen nur kurz erleuchtet war ein Dreieck sichtbar. Noch ein Blitz, nochmal das Dreieck. Flach, ein ganzes Stück abseits des Weges, aber verschont von Blitzen. Der Berghang dort war eher flach. Das Dreieck war zu regelmäßig, um natürlich zu sein.


    Ich ging zurück zu meinem Pferd und stieg wieder in den Sattel. "Folgt mir! Und verliert die Maultiere nicht!" rief ich so laut ich konnte gegen den Wind an. Wir setzten uns in Bewegung und je näher wir dem Dreieck kamen, umso klarer wurde, worum es sich handelte. Der Giebel eines Stalls. Als wir schließlich dort ankamen, ließ ich zuerst Amytis und Sporus in das Gebäude, dann die Maultiere und ganz zum Schluss betrat ich selbst den Stall. Das Tor war defekt und ließ sich nicht ganz schließen und das Dach hatte ein paar undichte Stellen, aber es war hier allemal besser als draußen. "Alle sauber geworden?" fragte ich mit einem schelmischen Lächeln, während wir mit unseren Tieren eng zusammen standen.

  • Amytis klammerte sich an die Zügel, während der Sturm um sie herum tobte. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie sah zu, was Yúnzi tat. Sie sah, wie er abstieg, sich auf die Erhebung stellte und sich mit ruhiger Würde verneigte. Inmitten der zuckenden Blitze und des heulenden Windes wirkte er wie ein Fremder aus einer anderen Welt, unerschütterlich und doch ganz bei sich. Beeindruckend.

    Leise betete sie ihrerseits Ahura Mazda an, die Lippen kaum bewegend, während kalte Tropfen über ihre Wangen rannen, "Herr des Lichts und der Ordnung, schütze diesen Mann. Schütze uns alle auf diesem fremden Pfad. Lass deine Weisheit durch ihn sprechen, wie du es durch die Flammen tust".


    Als Yúnzi zurückkehrte und sie anwies, ihm zu folgen, gehorchte sie ohne Zögern. Die Pferde und Maultiere drängten sich durch den prasselnden Regen, bis der dunkle Umriss des Stalls vor ihnen auftauchte. Kaum hatten sie das halb verfallene Tor durchschritten, sank Amytis erleichtert vom Pferd. Der Regen trommelte weiter auf das Dach, doch hier drinnen war es wenigstens erträglich und vielleicht etwas sicherer.

    Mit klammen Fingern löste sie den schweren Pelzmantel, den Yúnzi ihr geliehen hatte, und ließ ihn von den Schultern gleiten. Darunter kam ihr Reisegewand zum Vorschein, ebenso völlig durchweicht. Der feine Stoff klebte an ihrer Haut, zeichnete die sanften Linien ihrer Schultern, die Wölbung ihrer Brüste und die schlanke Kurve ihrer Taille mit schonungsloser Deutlichkeit nach. Das Wasser rann in dünnen Bächen an ihr herab, und das Gewand wurde beinahe durchscheinend, wo es ihren Körper umschloss. Noch bemerkte sie es nicht, zu sehr war sie damit beschäftigt, den nassen Stoff von ihrer Haut zu lösen und nach Atem zu ringen.


    „Wir haben es geschafft…“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst.

    Doch kaum hatte sie die Worte gesprochen, drang von draußen ein tiefes, unheilvolles Grollen herein. Es war kein Donner, sondern mehr als das. Der Boden erzitterte leicht, und ein dumpfes Rauschen schwoll an, als Geröll und Schlamm sich lösten und in einer gewaltigen Lawine den Hang hinabdonnerten, genau dort, wo sie noch vor wenigen Augenblicken geritten waren. Staub und Steinbrocken wirbelten auf, versperrten den Weg zurück und begruben Teile des Pfades unter sich.

    Amytis erstarrte als sie sie es durch einen Spalt in der Wand erkannte, die Hand noch am Kragen ihres nassen Gewandes. Ihre Augen suchten erst Sporus', dann Yúnzis Blick. Die Berge hatten gesprochen.

  • Jedes Mal, wenn ihre Figur sich so deutlich unter ihrer Kleidung abzeichnete, stelle Amytis meine Selbstbeherrschung auf die Probe. Irgendwann musste mein Verstand doch einmal endgültig über meine körperliche Natur siegen. Aber dann hätte ich wahrscheinlich die Stufe des Edlen erreicht und eine komplett andere Sicht auf die Welt. Bis dahin musste ich mich eben anstrengen, um durch ständige Übung meine Selbstbeherrschung zu verbessern.


    Davon abgesehen hielt ich es für unklug, dass Amytis den Mantel auszog, auch wenn er nass war. Ohne Mantel würde es noch kühler werden. Das hatte ich in deutlich größeren Höhen gelernt. Doch bevor ich etwas sagen konnte, hörte ich das Grollen von herabrauschendem Gestein. Ich sah, wie Amytis durch den Spalt in der Wand blickte und erstarrte. Als sie zu mir blickte, sah ich ihr kurz direkt in die Augen, bevor ich zum Tor des Stalls schritt und ein paar Schritte zurück in den Regen machte. er war schwächer geworden, aber immer noch zu stark, um den Weg zum Pass weiterzugehen.


    Die Gerölllawine hatte Einiges unter sich begraben. Und wären wir nicht in den Stall gegangen, wären wir genau dort gewesen - und jetzt tot. Ich verneigte mich dreimal, so wie ich es auch getan hatte, als ich den Himmel um Erkenntnis gebeten hatte. Nun tat ich es, um dem Himmel zu danken. Als ich wieder aufblickte, sah ich, dass es hinter den Bergen heller wurde. Und es blitzte auch seltener. Als ich mich wieder zum Stall umdrehte und mich gerade auf den Weg zurück machen wollte, schlug ein Blitz in den uns am nächsten gelegenen Berghang ein. Licht und Donner kamen gleichzeitig bei mir an, gefolgt von einem Rasseln. In meinem Augenwinkel erfasste ich, was es war, und rannte zurück in den Stall. Kurz darauf prasselten Steine gegen die Wand des Stalls. Sie waren nicht allzu groß und das Gebäude hielt ihnen Stand. Ein Mensch war aber weniger robust, so dass ich froh war, es rechtzeitig hineingeschafft zu haben.


    Nach einem kurzen Moment, in dem ich durchatmete und meinen Sprint vergessen wollte, sprach ich zu Amytis und Sporus. "Tiān möchte uns im Moment genau hier haben. Also bleiben wir, bis das Gewitter endgültig fort ist. Es ist bereits schwächer geworden." Dann fiel mir wieder ein, was mir zuvor durch den Kopf ging. "Amytis, du solltest den Mantel wieder anziehen. Er mag nass sein, aber ohne Mantel wirst du noch schneller auskühlen." Dass mir selbst kalt wurde, konnte ich noch verbergen. "Übrigens, ihr Beiden, wusstet ihr schon, dass dieser Pass dem Iuppiter heilig ist? Der Summus Poeninus ist nach Iuppiter Poeninus benannt. Er soll sogar einen Tempel auf der Passhöhe haben. Und wie es aussieht, hat er uns auf seine ihm eigene Art soeben herzlich begrüßt." Dabei umspielte ein leichtes Lächeln meine Mundwinkel. "Aber ich denke, dass er uns nur seine Macht zeigen wollte und wir bald weiterziehen dürfen." So durchnässt, wie wir waren, würden wir sicher mindestens einen Extratag auf der Passhöhe einlegen müssen, um die Mäntel zu trocknen. Das war vielleicht auch die Absicht des Gottes gewesen. Um seine Einladung angemessen zu würdigen, nahm ich mir vor, ihm ein Opfer darzubringen - sobald wir die Mansio erreicht hätten.

  • Sporus hörte nicht zu. Ihn hatte die ganze Zeit die Panik im Griff. Das Unwetter machte ihn so zu schaffen, dass es nur noch irgendwie funktionierte. Und dann die Bilder - Egal wohin er auch sah, sah er Terpander, wie er gerade in die Tiefe stürzt. Sporus saß in einer Ecke des Stalls und betete zitternd zu den Göttern, dass das Unwetter endlich vorbei sein würde.

  • Als ich bemerkte, dass Sporus mehr oder weniger apathisch war und anscheinend zu den Göttern betete, überlegte ich kurz, ob ich etwas Beruhigendes zu ihm sagen sollte. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich ihn nicht besser im aktuellen Zustand belassen sollte, damit sich seine Lage nicht verschlimmerte. Immerhin blieb er so an seinem Platz und lief nicht panisch davon. So sagte ich nachdenklich mit einem kurzen Nicken in Richtung Sporus zu Amytis "Ich denke, wir sollten ihn beten lassen. Es fixiert ihn wenigstens dort, wo er ist. Wenn er rausrennen und das Weite suchen würde, wäre er in größerer Gefahr. Und was dich anbetrifft, Amytis, so sei dir gewiss, dass alles, was hier geschieht auf irgendeine Art zu irgendeinem Zeitpunkt, der weit in der Zukunft liegen mag, der Harmonie der Welt dient." Diesen letzten Satz sprach ich mit einer absoluten Gewissheit. Es war etwas, was ich von den Serern gelernt hatte, und das mir die Gewissheit gab, dass alles seinen Sinn hatte.

  • Amytis stand noch einen Augenblick reglos da, die Finger fest um den nassen Pelzmantel geschlossen, den sie gerade erst abgelegt hatte. Das durchweichte Gewand klebte kalt und schwer an ihrer Haut, entblößte sie mehr oder weniger, doch sie bemerkte es erst, als sie seinen Blick, nur für einen winzigen Moment, auf sich spürte, bevor er sich beherrschte. Es störte sie nicht wirklich, sie war schon sehr viel gieriger und in anderen Situtationen angeschaut worden, und auch wenn sie hier gerade mit zwei Männern alleine war, fühlte sie sich sicher. Ihr Blick ruhte auf Yúnzi, der trotz des Chaos um sie herum eine unerschütterliche Ruhe ausstrahlte. Selbst hier, in diesem halb verfallenen Stall, inmitten von Blitz und Donner, wirkte er wie der richtige Anführer für so ein Abenteuer, in das sie unverhofft geraten waren.


    Ein Schauer durchfuhr sie, als draußen erneut Donner zu hören war. So nah, so tödlich. Nur wenige Schritte hatten zwischen ihnen und dem Untergang gestanden. Sie zog den nassen Mantel langsam wieder über ihre Schultern.

    „Du hast recht. Sollten wir versuchen, ein Feuer zu entzünden? Oder vielleicht sind die Decken noch nicht ganz nass?“ Sie hob fragend eine Braue, dann glitt ihr Blick zu Sporus, der in der Ecke kauerte und zitternd betete. Mitleid schnürte ihr die Brust zusammen. Sie machte einen halben Schritt auf ihn zu, hielt dann aber inne. Yúnzi hatte recht, manchmal war das Gebet der einzige Anker, den ein Mensch noch hatte.


    Sie nickte, zog den Pelzmantel enger um sich und trat ein Stück von Sporus fort, was sie unweigerlich in die Nähe von Tacitus brachte. Zusammen mit den Tieren war hier kaum mehr Platz, aber es würde wohl gehen.

    „Wenn die Götter uns hier haben wollen“, flüsterte sie, „dann müssen wir wohl darauf vertrauen.“ Ein schwaches, doch aufrichtiges Lächeln huschte über ihre Lippen, trotz der klammen Kälte und der Furcht, die noch in ihren Adern pochte. „Aber ich bin dankbar, dass wir diesen Sturm gemeinsam ertragen.“

    Sie senkte den Blick einen Moment, lauschte dem nachlassenden, aber immer noch starken Prasseln des Regens auf dem Dach und dem Grollen des Donners, das sich langsam entfernte. Die Angst ließ nach, und sie spürte, dass dieser, ihr Weg der richtige war.

  • Die Frage nach dem Feuer quittierte ich mit einem leichten Kopfschütteln. Hier, dicht gedrängt mit Tieren, würde es nicht funktionieren. Die Tiere würden nur in Panik verfallen. Ich sagte es nicht, weil ich mir sicher war, dass Amytis von selbst darauf kommen würde.


    Wir warteten, während sich das Gewitter entfernte. Als kein Donner mehr zu hören war, beschloss ich, dass wir weiterziehen sollten. Es regnete zwar noch, aber es war auch noch ein ganzes Stück bis zum Pass. Ich ging zu Sporus und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Deine Gebete haben funktioniert. Wir ziehen weiter." Dann ging ich zu meinem Pferd und führte es aus dem Stall, mit den aneinander gebundenen Maultieren im Schlepp. Ich deutete Amytis und Sporus, es mir gleich zu tun. Draußen war schnell klar, dass der Boden es nicht hergab, zu reiten. Wir würden unsere Pferde führen müssen. Und so ging ich voran, immer weiter der Straße folgend. Die Straße ließ sich erkennen, auch wenn Schlamm und immer wieder auch Geröll sie teilweise verdeckten.


    Mit zunehmender Höhe wurde der Wind immer kälter. Unsere nasse Kleidung verstärkte dessen Effekt noch. Aber es half nichts. Immer weiter bewegen, damit man doch noch warm blieb. Die Gebirge des Ostens hatten mich abgehärtet. Und doch konnte ich mein Frieren irgendwann nicht mehr verbergen. Ich versuchte, es so gut wie möglich zu überspielen. Schließlich erreichten wir den Pass. Zuerst konnten wir das Dach des Iuppiter-Tempels erkennen. Dann gelangten wir an einen See, an dessen Ufer die Mansio stand. Inzwischen waren die Wolken verzogen und im Licht des Abendrotes leuchtete die Rauchsäule über dem Kamin golden.


    Nachdem wir die Mansio betreten hatten, kümmerte ich mich als Erstes um Stallplätze für unsere Tiere und einen bewachten Lagerraum für unsere Waren. Erst, als alles im Lager verstaut war und unsere Tiere versorgt waren, kümmerte ich mich um Zimmer. Genau genommen um ein Zimmer. Die Möglichkeit, ein eigenes Zimmer zu erhalten, gab es nicht. Wir mussten uns zu dritt ein Zimmer teilen. Mit einem Aureus konnte ich einen Händler mit seinem Sohn davon überzeugen, sein Zimmer mit unserem zu tauschen, so dass wir das Zimmer über der Küche erhielten. An einer Wand lief der Kamin entlang. Davor war eine Holzbank, auf der wir unsere nassen Sachen zum Trocknen platzieren konnten. Das Bett, eigentlich eine große Kline, bot für drei Personen Platz. Doch entschied ich mich, lieber im Korbsessel zu nächtigen, der am Fenster stand. Doch zunächst mussten wir uns umziehen. Die Seide, in die ich gewandet war, war bereits teilweise getrocknet. Dennoch entschied ich mich, mir einen Satz Ersatzkleidung anzulegen. Die getragene Kleidung legte ich auf dem Teil der Bank ab, der dem Kamin am weitesten entfernt lag. Seide war empfindlich. "Zieht euch um und versucht nicht an die Kälte zu denken. Gleich werden wir es deutlich wärmer haben." Während ich sprach, zog ich gerade die kurze weiße Jacke an. Die weiße Hose hatte ich bereits zuvor angezogen. Die Seide glänzte hell im Schein der Öllampen. Dabei versuchte ich, weder Sporus noch Amytis anzusehen. Es kam mir falsch vor, jemanden nackt zu sehen. Terpander hätte das wohl für unverständlich erachtet, aber der war ja auch Grieche. Wobei meine Zurückhaltung auch für einen Römer ungewöhnlich stark ausgeprägt war. Das war nicht immer so gewesen. Serica hatte mich verändert.

  • Sporus zog sich um, wie ihn geheißen. Er hatte zuerst Probleme vor Amytis und Tacitus nackt zu sein. Aber er wollte seine Narben, wo einst sein Gemächt war, nicht mehr verstecken. Es brauchte zwar Überwindung, aber sollte er für den Rest seines Lebens immer darauf achten, dass niemand sieht, was mit ihm gemacht wurde? Als er die trockene Kleidung angezogen hatte, legte er sich hin, und nahm, wie immer, das kleine Kästchen in die Hand. Er trug es immer bei sich, egal in welcher Situation. Dann übermannte ihn die Müdigkeit und er schlief, leicht schnarchend, ein.

  • Amytis stieg schweigend den letzten steilen Abschnitt des Passes hinauf. Der Sturm hatte sich gelegt, doch die Kälte blieb in ihren Knochen, verstärkte sich eher noch. Jeder Schritt, jedes Stolpern des Pferdes zehrte an ihren Kräften. Die nasse Kleidung scheuerte auf ihrer Haut, und der Pelzmantel, wärmte sie wohl, aber er war schwer und nass und erschien eher wie eine Last. Dennoch klagte sie nicht. Sie hatte deutlich Schlimmeres ertragen. Als Sklavin hatte sie gelernt, dass der Körper sehr viel aushalten konnte, wenn der Wille zum Durchhalten da war.


    Als sie endlich die Mansio erreichten, fühlte es sich wie eine Erlösung an. Das warme Licht aus den Fenstern, der Rauch aus dem Kamin, alles versprach Wärme und Schutz. Nachdem die Tiere versorgt und das Gepäck verstaut war, betraten sie das gemeinsame Zimmer. Die Wärme des Kamins war eine willkommene Erlösung.

    Amytis trat sofort dicht an die warme Wand heran, die Hände ausgestreckt, und ließ die Wärme in ihre durchfrorenen Glieder sickern. Ein wohliges Zittern durchlief ihren Körper, während das Wasser aus ihrem Haar und dem Mantel tropfte.


    Es erschien auch ihr das einzig naheliegende, ihre Kleidung zu wechseln. Ohne Zögern, denn die Scham hatte man ihr als Sklavin ausgetrieben, löste sie den nassen Mantel und legte ihn behutsam auf die Bank – er war ja nicht ihrer. Dann folgte das durchweichte Reisegewand, welches sie ohnehin kaum mehr verhüllen konnte. Der Stoff war komplett durchweicht und enthüllte ihre ebenmäßige Haut, die gerade nur noch von einer Gänsehaut bedeckt war. Obwohl sie mit gleich zwei Männern alleine war, störte es sie nicht, und sie fühlte sich sicher. Nackt stand sie einen kurzen Moment lang da, die Arme rieben ihre Oberarme, und genoss die aufsteigende Wärme auf ihrer bloßen Brust und den Schenkeln.


    Als sie sich umwandte, um an ihr Bündel zu gehen, konnte sie kaum anders, als zumindest einen flüchtigen Blick auf die beiden Männer zu werfen. Yúnzis bewusste Zurückhaltung fiel ihr auf, sein abgewandter Blick. Ihr Blick ruhte einen Herzschlag länger auf ihm als angemessen. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Das war nicht das, was sie von Männern gewohnt war. Aber sie respektierte es, auch wenn er jemand war, dem sie einen interessierten Blick nicht übel genommen hätte.

    Sporus’ Nacktheit war indes weitaus überraschender, denn auch wenn sie ahnte, was ihm angetan worden war, war dieser Anblick dann doch etwas, was sie so noch nie gesehen hatte. Sie musste sich ihrerseits bemühen, nicht unhöflich zu starren, auch wenn sie es mutig fand, dass der junge Mann sich nicht zu verstecken versuchte.

    Rasch griff sie dann nach trockener Kleidung aus ihrem Bündel, zog sich eine nur klamme Tunika über. Dann, während Sporus sich bereits schlafen legte, setzte sie sich auf die Bank nahe dem Kamin, zog die Beine an und wartete darauf, dass die Wärme auch die letzten Reste der Kälte aus vertrieb. „Du bist ein guter Anführer, Yúnzi“, sagte sie leise. „Und ein außergewöhnlicher Mann.“ Ihr Blick fiel auf Sporus, dann wanderte er wieder zurück zu Tacitus. „Ihr beide.“ Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

  • Ich sah Amytis einen Moment lang nachdenklich an. "Vielleicht bin ich ein guter Anführer, vielleicht aber auch nicht. Ich bedaure, euch diese Strapazen zuzumuten." Und doch hatte ich bereits größere Strapazen auf mich genommen. Langsam ging ich zur Kline, nahm eine Wolldecke und deckte den schlafenden Sporus zu, bevor ich in Richtung Amytis weiterging und mich auf die ihr nächste Kante der Kline setzte, vorsichtig und auf den äußersten Rand, um nicht versehentlich Sporus zu wecken. "Außergewöhnlich sind wir wohl alle drei." Dabei huschte ein leichtes Lächeln über mein Gesicht.


    Dann, obwohl es vielleicht nicht unbedingt passte, wechselte ich das Thema. "Da ich dich als Schülerin angenommen habe, sollte ich dich unterrichten. Obwohl ich es eigentlich permanent mache. Mein Verhalten soll zum Vorbild taugen, auch wenn ich selbst nicht perfekt bin. Doch kannst du nicht allein durch Beobachtung lernen. Ich sollte dich an den Lehren teilhaben lassen, die mich prägten. Am Museion lernte ich von den Philosophen der Griechen, auch wenn sie teilweise schon lange verstorben waren. In Serica lernte ich vor allem von den Philosphen, die den Lehren des Kǒng Fūzǐ folgen. Beide Denkschulen haben Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Und vielleicht haben mich die Lehren des Meisters Kǒng stärker geprägt als die Jahre am Museion." Den Namen dieses lange verstorbenen Meisters sprach ich in korrektem serisch aus und mit großem Respekt. "Was allen Lehren gemein ist, ist die Betonung der Tugend. Der Weise, wie es die Griechen nennen, oder der jūnzǐ, den man wohl am besten als den Edlen übersetzt, so wie es die Serer nennen, ist ein tugendhafter Mensch, ein Leitbild für eine tugendhafte Lebensführung. Selbstdisziplin ist ihm wichtig und er kultiviert sie immer und ohne Pause. Er entwickelt sich immer weiter, bis er stirbt. Äußere Umstände berühren ihn nicht, er ruht in sich selbst. Und er versucht, stets das rechte Maß zu halten. Kein zu viel, kein zu wenig. Und doch gibt es wichtige Unterschiede. Die Griechen glauben, dass uns die Natur die Vernunft gab und Selbsterkenntnis uns zwangsläufig zur Moral führt. Die Serer hingegen glauben, dass man der Anleitung bedarf, um sich zu entwickeln. Man soll sich durch Andere unterrichten lassen und Vorbilder nachahmen. Und ich möchte hinzufügen, dass auch Bücher dazu geeignet sind, uns zu unterrichten und auch längst vergangene Menschen zum Vorbild taugen. Vielleicht sogar gerade diese, verdrängt die Zeit doch die Erinnerung an schlechte Eigenschaften und lässt die guten Eigenschaften umso stärker glänzen. Bedenke aber auch, dass wir einem Ideal hinterherstreben, das wir nie erreichen werden. Auch Meister Kǒng hat es nach eigenem Bekunden niemals geschafft, ein jūnzǐ zu werden. Das ist aber auch nicht wichtig. Wichtig ist es, den Weg der Verbesserung ständig zu beschreiten, niemals aufzugeben und das Ideal nicht aus den Augen zu verlieren. Doch soll man nicht einfach nur Lernen und das Gelernte besitzen und wie eine Auszeichnung vor sich her tragen. Das Gelernte muss verinnerlicht werden, und es muss genutzt werden, um auch um sich herum die Menschen zu verbessern, wo das möglich ist. Neben dem rechten Maß ist auch wichtig, zur rechten Zeit zu handeln." Ich ging zu einer der ledernen Hüllen für meine Schriftrollen und holte ein Buch, das aus beschrifteten, zusammengebundenen und aufgerollten Bambusstreifen bestand, hervor. Ich rollte es ein wenig auf und überflog den Text. "Xué ér shí xí zhī, bù yì yuè hū? Wenn man lernt, und das Gelernte zur rechten Zeit anwendet, ist das nicht auch eine Freude? Diese Frage will ich dir als erste Lektion schenken." Das Wort 'schenken' hatte ich bewusst gewählt. Ich legte das Buch neben mich und ergriff dann sanft ihre Hände, während ich ihr direkt in die Augen sah. "Denke darüber nach, versuche die Frage vollständig zu ergründen. Was bedeutet Lernen für dich? Was bedeutet anwenden? Wann ist die rechte Zeit? Warum macht es Freude? Was verursacht die Freude am Lernen und die Freude an der Anwendung des Gelernten? Wie hängt beides zusammen und warum ist die Freude besonders groß, wenn du Gelerntes zur rechten Zeit anwendest?" Ich ließ ihre Hände wieder los und sah Amytis noch einen Moment lang an.

  • Amytis saß reglos auf der Bank, die Wärme des Kamins kroch vom Rücken langsam in ihre Glieder, doch es war nicht nur das Feuer, das ihre Haut zum Glühen brachte. Yúnzis Worte gingen tief und waren ernst, wie das ferne Grollen des Donners, als das Gewitter sich verzogen hatte. Seine Hände, warm, fest, aber unerwartet sanft, hatten die ihren für einen kostbaren Moment umschlossen. Die Berührung fühlte sich gut an, und sie genoss den kurzen intimen Moment der Nähe. Was keineswegs selbstverständlich war, denn seit sie wieder eine Wahl gehabt hatte, hatte sie noch kaum menschlichen Kontakt gehabt. Aber das hier war anders.

    Sie senkte den Blick auf ihre Hände, als könnte sie sich das Bild und das Gefühl so besser einprägen, hob den Blick dann aber wieder, um ihm in die Augen zu schauen. Die klamme Tunika klebte auch jetzt noch an ihrer Brust, doch die sanfte Röte, die langsam ihren Hals hinaufstieg, kam nicht von der Kälte. In diesem engen Zimmer, mit dem schlafenden Sporus nur wenige Schritte entfernt und der Wärme, die sie umgab, fühlte sie sich sicher genug für diese Berührung, und das gefiel ihr, auch als er ihre Hände losließ.


    Gebannt schaut sie ihm auf die Lippen, als er die fremden Worte sprach, als wollte sie ihren Klang in sich aufnehmen. Sie ahnte durchaus, dass die Frage, die er stellte, anders gemeint war. Doch für jemanden mit ihrer Geschichte hatte es noch eine andere Bedeutung, die jemandem wie einem Gelehrten vielleicht nicht direkt in den Sinn kam.

    „Freude am Lernen und das rechte Handeln...“, sagte sie leise. „Ich bin mir sicher, dass man diesen Idealen immer nacheifern möchte, wenn man es freiwillig tut. Doch wie soll eine Frau wie ich das rechte Maß finden, wenn ihr Leben in der letzten Zeit aus zu viel und zu wenig bestand? Zu viel Schmerz. Zu wenig Freiheit.“

    Ein schwaches, bittersüßes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie beugte sich ein wenig vor. „Ich habe gelernt, zu überleben. Zu dienen. Zu schweigen. Zu ertragen." Sie verzog den Mund kurz, fing sich aber wieder. "Nicht unbedingt etwas, was man gerne tut, aber dennoch hilfreich, denke ich. Doch jetzt weiß ich, wieviel es wert ist, seinen Geist frei zu entfalten. Und gleichzeitig, wie wenig ich wirklich weiß. Wieviel es zu lernen gibt. Diese Sprache zum Beispiel.“

    Sie lehnte sich zurück, hielt den Blick auf ihm. Der Gedanke an die Gefahr der Reise kam ihr, und auch das war eine Lektion.

    „Die rechte Zeit…“, murmelte sie, den Blick unverwandt auf ihn gerichtet. „Vielleicht ist sie jetzt. Was nützt einem alles Wissen der Welt, wenn ein Steinschlag einen trifft? Und dennoch ist es sicherlich eine Freude, wenn man merkt, dass sich eine Lektion gelohnt hat, und man sieht oder merkt, dass sie das Leben leichter macht.“


    Sie verstummte, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Das Leben konnte jeden Augenblick vorbei sein oder andere, unerwartete Wege einschlagen, und ebenso wie es um nutzlose Lektionen schade wäre, wäre es schade um verpasste Möglichkeiten. Und man wusste nie, wann es wieder eine Möglichkeit gab, Dinge zu tun, die man auf später verschieben wollte. Dennoch hielt sie sich zurück, sondern lächelte ihn an, viel schüchterner, als ihr Umgang mit der Nacktheit eben vermuten lassen würde. Sie war eine Frau, die nach Wärme hungerte. In Yúnzis Nähe fühlte sie, wie sich etwas in ihr regte, das sie längst verloren geglaubt hatte. Sie war eine Perle, die endlich begann, ihren Glanz wiederzufinden.

  • Ich hörte ihr aufmerksam zu. Ich konnte ihr folgen, aber doch meinte ich, ihr nicht ganz zustimmen zu können. Aber ich würde ihre Perspektive erweitern können, oder es zumindest versuchen. "Dein Leben, deine Vergangenheit hat dich hierher geführt. Alles, was geschehen ist, brachte dich hierhin, genau an diesen Ort, zu mir, zu meinem Wissen. Dein Wissen und deine Erfahrungen und mein Wissen und meine Erfahrungen sollen in einen Austausch gebracht werden. Das alles ist kein Zufall. Doch solltest du deiner Vergangenheit keine Macht über unsere Zukunft geben. Die Vergangenheit prägt uns, aber wir entscheiden, wo unsere Zukunft liegen soll. Natürlich gibt es noch andere Faktoren, die unsere Zukunft beeinflussen, aber doch haben wir viel Einfluss. Wir sind wie Kapitäne auf Schiffen. Wir können Wind, Wetter und Strömungen nicht beeinflussen, aber wir können den Kurs setzen."


    In der Hoffnung, ihr damit eine andere Sicht auf ihre Vergangenheit eröffnet zu haben, wechselte ich leicht das Thema. "Bedenke aber auch, das echte Freiheit ein seltenes Gut ist. Ein Sklave dient seinem Herrn, der jüngere Bruder dient dem älteren Bruder, der Legionär dient dem Centurio, der Scriba dem Primicerius, der Primicerius dem Procurator, und dieser dem Kaiser. Und der Kaiser? Der ist eigentlich der am wenigsten freie Mensch, denn er muss allen dienen, indem er dafür sorgt, dass allen ein gutes Leben ermöglicht wird. Zugleich müssen auch die Höheren den Niederen helfen. Und so, wie die Niederen den Höheren Respekt und Gehorsam schulden, schulden die Höheren den Niederen Respekt und Unterstützung. Fehlt es an einem, dann ist die Gesellschaft in Unordnung. Unordnung führt zu Chaos. Chaos ist der Untergang. Wir müssen gegen das Chaos ankämpfen, wo immer wir es können. Dabei müssen wir, die wir dem Pfad des jūnzǐ folgen, Vorbilder sein. Doch drängen wir uns nicht auf. Wir sind da, wenn wir gebraucht werden, aber wir drängen uns nicht auf. Wir müssen nicht die ganze Welt erleuchten, aber wir sind ein Licht für unsere Umgebung. So, wie eine Kerze nicht die ganze Welt erleuchtet, wohl aber den Raum, in dem sie steht. Und so, wie die Kerze den Raum auch dann erhellt, wenn niemand dort ist, werden wir uns auch dann noch vorbildlich verhalten, wenn wir allein im Raum sind. Bereits Meister Kǒng sagte, dass man sich auch allein zu Hause so verhalten soll, dass man sich vor den Wänden des Hauses nicht zu schämen braucht. Alles folgt Regeln, und durch die Befolgung der Regeln entsteht Ordnung. Wir sollten die Zahl der Regeln so gering wie möglich halten und nicht zu viele Details regeln. Aber diesen wenigen Regeln sollten wir folgen. Denn wahre Freiheit bedeutet nicht, alles tun zu können, was wir wollen. Wahre Freiheit bedeutet, die Regeln zu erkennen, die dem Chaos entgegenstehen und sich diesen freiwillig zu unterwerfen, um so ein lebenswertes Leben für alle zu ermöglichen. Und in diesem Leben sind alle zufrieden und frei." Kurz lächelte ich. "Mir ist bewusst, dass wir von dieser Freiheit für alle noch weit entfernt sind. Aber hier kommt das Lernen zur Geltung. Lernen führt zur Erkenntnis. Dazu gehört auch die Erkenntnis, den rechten Moment des Handelns zu erkennen. Wenn wir aber zur rechten Zeit handeln, dann erreichen wir mit wenig Arbeit sehr viel. Wir geben quasi nur einen kleinen Anstoß und alles entwickelt sich wie von selbst zum Besseren. Und wir sind durch das Gelernte befähigt, den Zusammenhang zu erkennen. Wir sehen, wie durch unseren kleinen Anstoß alles besser wurde. Ist das nicht eine Freude? Die Freude zu wissen, dass man etwas verbessert hat?" Dass ich selbst bislang auch nur wenig bis gar keine großen Verbesserungen erreicht hatte, war mir bewusst. Aber ich war mit wenig zufrieden. Ich sah, wie sich Amytis und Sporus entwickelten. Und ich glaubte, dass dies auch meinem Einfluss geschuldet war. Das machte mir Freude. Wenn man mich irgendwann fragen würde, Verantwortung in der Verwaltung zu übernehmen, würde ich mehr bewirken können. Doch im Moment war es meine kleine Umgebung, die ich erhellen konnte. Wobei, wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich auch die Leben von Jì Mǐn und Tán Yù verbessert, vielleicht auch das von Jì Dé verbessert, hatte ich doch seinem Sohn Jì Mǐn eine gute Ausbildung und Karriere in der Verwaltung ermöglicht. Und wer wusste schon, was der junge Jì Mǐn dereinst als Beamter verbessern würde? Und während mein Blick nachdenklich ins Leere ging, merkte ich, wie sich meine Mundwinkel zu einem ganz leichten Lächeln hochzogen.

  • Sie hörte ihm fasziniert zu, den Kopf leicht geneigt, die dunklen Augen unverwandt auf sein Gesicht gerichtet. Jede Silbe, jede Geste seiner Hände, mit denen er die unsichtbare Ordnung der Welt zu beschreiben schien, zog sie in seinen Bann.

    Während er von Pflichtgefühl sprach, von Regeln, denen man sich aus Einsicht beugte, um wahre Freiheit zu erlangen, spürte Amytis, wie ihre Wangen warm wurden. Freiwillige Unterwerfung hatte er erwähnt. Die Worte stachen heraus, für sie zumindest, auch wenn alle Worte wichtig waren. Als Sklavin hatte sie Unterwerfung gekannt, brutal, erzwungen und entwürdigend. Doch sie verstand, was er meinte, dass man manche Dinge nicht nur tun sollte, weil man musste oder um anderen zu gefallen, sondern für einen höheren Zweck. Es war erstrebenswert, da stimmte sie ihm zu, und natürlich sollte ihre Vergangenheit sie nicht beeinflussen, zumindest nicht auch ihre Zukunft bestimmen. Es war aber ein anderer Gedanke, der ihr, gänzlich unpassend, kam. Sich einem Mann, sich Yúnzi freiwillig hinzugeben, das wäre etwas Neues. Nicht minder gefährlich, als es unter Zwang zu tun, doch in dieser Hinsicht kannte sie keine Angst mehr. Der Gedanke gehörte hier nicht hin und sie wusste, dass der Mann vor ihr niemals so davon sprechen würde, aber es weckte ein Ziehen zwischen ihren Schenkeln. Sie stellte sich unwillkürlich vor, wie sie vor ihm kniete, weil sie es wollte, wie seine Hände, diese ruhigen, aber dennoch starken Hände, sie lenkten, wie sie sich unterwarf, um auch in dieser Hingabe einen Sinn zu finden.


    Sie beugte sich unmerklich vor, als wollte sie seine Worte körperlich in sich aufnehmen. Die Nähe zu ihm, nur eine Armlänge entfernt, während Sporus erschöpft in der Kline schlief, ließ eine gewisse Spannung zutage treten, die zumindest sie spürte. Man war sich nah und quasi ungestört. Es war intim. Ein Gefühl, das sie lange nicht mehr gefühlt hatte, trotz aller Körperlichkeiten.

    Seine Worte über den rechten Moment des Handelns, über die Freude, die entstand, wenn man zur rechten Zeit das Richtige tat, schienen ebenfalls darauf abzuzielen. Jetzt, dachte sie. Der rechte Moment war jetzt. Der Sturm hatte sie hierhergetrieben, in dieses Zimmer, an diesen Ort der Nähe. Das Leben war zu kurz, zu ungewiss, um weiter zu warten.

    Oder bildete sie sich das nur ein? Amytis konnte nicht klar denken, aber sie wollte ebenso keinen Fehler machen, den man später bereuen würde. Sie hatte gelernt, sich zu beherrschen, und so blieb es dabei, dass sie sich kurz in seinem Blick, der in die Ferne schweifte, verlor.


    Als der Moment endete und ein leises, nachdenkliches Lächeln seine Mundwinkel umspielte, konnte Amytis nicht länger schweigen. Sie lächelte warm. Langsam neigte sie den Kopf, eine Strähne ihres noch feuchten Haares fiel ihr über die Schulter. "Ich werde mich bemühen, diese Disziplin zu üben." Tatsächlich war sie momentan zu durcheinander, um wirklich zu wissen, welche Disziplin genau er meinte. Und dennoch beherrschte sie sich gerade ja recht meisterlich.

    Es ist schön, dich lächeln zu sehen, Yúnzi“, flüsterte sie. „Es geschieht so selten… und doch verändert es den ganzen Raum. Als würde es ein wenig wärmer werden.“

    Sie hielt inne, ließ den Blick einen Herzschlag länger auf seinen Lippen ruhen, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. In ihrer Miene lag eine Mischung aus aufrichtiger Bewunderung und einer nun wieder distanzierteren Sehnsucht nach Nähe.

    „Woran denkst du gerade?“, fragte sie, fast schüchtern. „Wenn du es mit mir teilen möchtest.“

  • Von Amytis' Gefühlsleben bekam ich nichts mit, während ich sprach. Mir schien es so zu sein, dass sie mir besonders aufmerksam zuhören wollte. Vielleicht forderte ich auch zu viel, am Abend nach so einem anstrengenden Reisetag wie dem heutige.


    Die Erwähnung meines Lächeln ließ mich kurz breiter und etwas verlegen Lächeln. Das war für mich ein ungewöhnliches Kompliment. Wie bei allen Komplimenten, die mir gemacht wurden, gab es diesen ersten Impuls, das Kompliment abzulehnen. Diesmal gab ich dem Impuls aber nicht nach. Ihre Bewunderung konnte ich erkennen, auch wenn ich für mich selbst schon vor langer Zeit beschlossen hatte, dass ich nichts Bewundernswertes tat, sondern einfach nur im Rahmen meiner Möglichkeiten versuchte, die Welt zu verbessern.


    Ihre Frage riss mich nun endgültig aus meinen Gedanken. "Ich denke an meine Freunde, die tausende Meilen entfernt sind. An Serica. Ganz konkret dachte ich gerade daran, ob ich bislang irgendeine relevante Verbesserung bewirkt hatte. Und da musste ich an Jì Mǐn denken. Er ist der Sohn meines guten Freundes Jì Dé, von dem ich Serisch gelernt hatte und der mir seine Kultur erklärte. Jì Dé ist ein Fernhändler und eigentlich wäre Jì Mǐn nicht für eine große Karriere in der Verwaltung in Frage gekommen. Aber ich konnte ihm ein Studium an der kaiserlichen Akademie ermöglicht. Mein hoher Beamtenstatus in Serica trug dazu bei, denn dadurch konnte ich für ihn bürgen. Manchmal frage ich mich, wie er sich im Studium macht und wie es seiner Frau ergeht. Ich hatte ihm Tán Yù vorgestellt, die Nichte eines recht einflussreichen Eunuchen am Hof des Kaisers. Eigentlich wollte ihr Onkel sie mit mir verheiraten, aber ich lehnte ab. Es wäre nicht in Ordnung gewesen, sie ihrer Heimat zu entreißen. Und für mich wäre es nicht in Ordnung gewesen, dauerhaft in Serica zu bleiben. Sie und Jì Mǐn passen aber gut zusammen und ich denke, dass sie glücklich sind." Der Gedanke an die beiden ließ mich wieder lächeln. "Und dann frage ich mich noch, ob aus Jì Mǐn ein guter Beamter werden wird und ob er sein Amt dann nutzen wird, um das Leben vieler Menschen zu verbessern und die Harmonie zu mehren. Ich hoffe es. Wenn er der Mann bleibt, der er war, als ich ihn verließ, wird meine Hoffnung auch erfüllt." Kurz pausierte ich, als mir ein Gedanke kam. "Vielleicht sollte ich in einigen Jahren noch einmal nach Serica reisen und ihn besuchen. Allerdings nur dann, wenn ich zuvor hier eine Audienz bei unserem Augustus erhalten habe. Denn das ist meine Aufgabe als Beamter. Der Amtsbefehl muss erfüllt werden, bevor man zurückkehren kann." Dass ich mich darauf freute, irgendwann noch einmal nach Serica zu reisen, konnten meine Augen nicht verbergen.

  • Yúnzis Worte über Serica, über die Freunde dort, über die abgelehnte Heirat und die Pflicht, die er über alles stellte, waren interessant, aber sie stimmten sie nachdenklich. Sie hörte zu, den Kopf leicht geneigt, bewunderte ihn für das, was er sagte und lebte, aber merkte auch, wie es sein Leben in allen Bereichen bestimmte.


    Die Geschichte der jungen Frau, die er hätte haben können und doch freigegeben hatte, berührte sie tiefer, als sie erwartet hatte. In ihrer eigenen Vergangenheit war niemand je so selbstlos gewesen. Männer, natürlich vor allem hier in Rom, hatten genommen, was sie wollten, ohne Rücksicht auf Heimat, Würde oder Zukunft. Selbst wenn sie es hinterher bereuten. Hier aber saß einer, der eine Frau um ihrer selbst willen freiließ und sich selbst die Möglichkeit einer Verbindung versagte, weil er glaubte, es sei das Rechte. Das stimmte vermutlich sogar, aber die Geste war so rein, dass sie fast wehtat, denn Amytis ging davon aus, dass die Frau nicht abgeneigt gewesen war.

    Sie atmete langsam aus, ihr Blick glitt über sein Gesicht, über die leichten Anzeichen der Anstrengung, die der Tag hinterlassen hatte, über die Seide, die im Lampenschein matt glänzte. Die Nähe war greifbar. Sporus schlief nur wenige Schritte entfernt, das leichte Schnarchen füllte die Stille zwischen den Worten, und doch fühlte sich der Raum an, als gehöre er in diesem Augenblick nur ihnen beiden. Die Gefahr des Tages, der Sturm, der Steinschlag, die gemeinsam erduldete Anstrengung, alles hatte die Distanz zwischen ihnen verringert. Und sogar auf dieser Reise hatte er Sporus und ihr Kleidung angeboten, um dann vermutlich selbst zu frieren. Allzuviel Selbstlosigkeit war eben auch nicht nur gut, wie sie fand.


    „Du sprichst von Pflicht und Harmonie, als wären sie die einzigen Sterne, nach denen man navigieren darf“, sagte sie leise. Und natürlich meinte er das sicher auch genauso „Und doch… wenn ich höre, wie du diese Frau freigegeben hast, wie du sie nicht zu deiner Frau genommen hast, obwohl du es gekonnt hättest und sie vielleicht mochtest… dann frage ich mich, ob Selbstlosigkeit nicht auch eine Form von Einsamkeit ist.“

    Sie beugte sich ein Stück vor, die Hände umklammerten die Kante der Bank, als bräuchte sie Halt. Die klamme Tunika spannte sich über ihrer Brust, doch sie achtete nicht darauf. Ihr Blick suchte den seinen.

    „Ich weiß, wie es ist, wenn man keine Wahl hat, wenn andere für einen bestimmen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nichts besitzt außer dem, was andere einem lassen. Aber du.... Du gibst, ohne zu nehmen. Du schützt, ohne zu bestimmen. Du führst, ohne zu fordern. Und ich…“ Sie stockte, suchte nach den richtigen Worten, und fand sie schließlich. „Ich frage mich, ob ein Mann, der so selbstlos ist, jemals glauben wird, dass er jemanden an seiner Seite haben darf. Ob er denkt, dass er allein bleiben muss, damit die Harmonie und sein Pflichtgefühl nicht gestört wird.“

    Ihre Stimme wurde leiser, fast ein Flüstern, und sie ließ den Blick nicht von ihm.

    „Glaubst du, Yúnzi… dass man allein bleiben musst, wenn man so selbstlos ist?“

  • Ihre Worte berührten mich. Am meisten berührte mich, als sie sagte, dass ich geben würde, ohne zu nehmen, schützen würde, ohne zu bestimmen und führen würde, ohne zu fordern. War ich auf dem Weg des Edlen wirklich schon so weit vorangekommen? Wenn sie nur wüsste, wie sehr ich täglich an mir zweifelte. Doch ich zeigte es nicht. Nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, dachte ich nach, wobei sich meine Stirn leicht runzelte. Ein Zeichen, dass ich wirklich darauf fokussiert war, meine Gedanken zu ordnen. Ich setzte zum Sprechen an, schloss aber wieder meinen Mund und dachte erneut nach. Schließlich sprach ich. Leise, aber doch deutlich genug, dass sie mich verstehen konnte. "Pflicht und Harmonie sind die wichtigsten Sterne, nach denen ich navigiere." Sie hatte da ein schönes Bild für die Orientierung auf dem Weg des eigenen Lebens gegeben. "Aber es sind meine wichtigsten Sterne. Es ist mein Weg, den ich gehe, weil er mir offenbart wurde. Dein Weg ist vielleicht ein anderer, so wie auch Sporus seinen eigenen Weg zu gehen hat. Und doch sind Pflicht und Harmonie für jeden geeignet, um nicht vom rechten Weg abzukommen. Sie sind aber nicht alles. Freundschaft ist auch ein möglicher Leitstern. Wahre Freundschaft, nicht um des Nutzens Willen, sondern um des Menschen willen, mit dem man befreundet ist. Und das Streben nach Erkenntnis. Und sicher noch viele andere. Vielleicht Liebe, vielleicht das Streben nach Glück... jeder muss die passenden Sterne selbst finden und zu einem Sternbild zusammensetzen, das den eigenen Weg ausleuchten und für ein Leben in Zufriedenheit sorgen wird."


    Irgendwie schweiften meine Gedanken ab und ich dachte darüber nach, wie viele verschiedene Lebenswege es wohl geben mochte und ob der eigene Lebensweg eigentlich vorbestimmt war oder ob man in seinem Leben auch auf einen anderen Weg wechseln konnte. Wahrscheinlich eher Letzteres. Am Museion war ich vor allem Philosoph und Naturforscher, in Rom war ich Jurist, auf dem Weg nach Serica noch am ehesten ein Händler. In Serica wieder Philosoph und dann Beamter. Und jetzt, hier? Beamter, Lehrer, wieder Philosoph? War das überhaupt wichtig?


    Und dann brachte mich mein Verstand wieder zurück zu Amytis' Frage. Und zu den Sätzen, die sie zuvor gesagt hatte. "Meister Kǒng hatte eine Frau, die er sehr liebte, und viele Kinder, die er auch sehr liebte. Seine Nachfahren leben noch heute. Ohne Kinder gibt es auch niemanden, um der Ahnen zu gedenken. Man hält es in Serica für ein großes Unglück, wenn jemand einsam bleibt und keine Kinder hat. Man könnte auch sagen, dass es eine Pflicht zur Familie gibt. Damit würden sich Pflicht und Einsamkeit ganz und gar nicht ausschließen, meinst du nicht? Und ich bin auch nicht selbstlos. Ich versuche, ständig ein besserer Mensch zu werden. Ich habe mich für den Weg des jūnzǐ entschieden. Aber vielleicht habe ich bereits einen Punkt erreicht, an dem ich mit sehr wenig viel erreiche. Ich bestimme nicht, ich nehme nicht, ich fordere nicht, weil ich es nicht mehr muss. Man sagt, der jūnzǐ könne mit einem einzigen Wort ein ganzes Königreich verändern. Davon bin ich weit entfernt. Aber wenn ich ohne Zwang die Harmonie mehren kann, ist auch schon viel erreicht." Das beantwortete aber noch nicht ihre Frage. "Aber muss ich deshalb einsam sein? Nein. Aber im Moment bin ich noch zu unsicher auf dem Weg, als dass ich mir eine Störung leisten könnte. Was die Zukunft bringt, kann ich nicht sagen." Ich lächelte sanft und blickte ihr in die Augen. "Beantwortet das deine Frage?"

  • Amytis hörte ihm zu, während die Wärme des Kamins langsam die letzte Kälte aus ihren Gliedern trieb. Seine Worte waren wie immer gut gewählt. Pflicht und Harmonie als Leitsterne, sie verstand das natürlich. Sie hatte auch in ihrer Heimat gelernt, dass die Welt eine Ordnung besaß, die größer war als der einzelne Mensch und dass man ihr zu folgen hatte. Doch bei Yúnzi klang es anders. Nicht als Befehl der Götter, sondern als etwas, das er sich selbst auferlegt hatte, Tag für Tag, Meile für Meile. Und so handelte er auch.

    Ein bitteres Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie kannte Störungen. Ihr ganzes Leben war eine Kette davon gewesen. Ihre Familie hatte über sie bestimmt, man hatte sie gefangen genommen, entführt, und dann an jederzeit über sie verfügt, als wäre sie ein Gegenstand. Und doch saß sie nun hier, in einem gemeinsamen Zimmer auf einem heiligen Pass, und fühlte etwas, das sie lange verloren geglaubt hatte: den Wunsch, ihm näherzukommen. Nicht weil sie musste. Nicht aus Berechnung. Sondern weil seine Nähe ihr die Kälte der Welt erträglicher machte.


    „Du hast meine Frage beantwortet“, sagte sie leise. „Und doch…“ Sie stockte, suchte nach den richtigen Worten, während ihre Finger unwillkürlich den Saum ihrer noch leicht feuchten Tunika umspielten. „Ich verstehe das. In meiner Heimat denkt man nicht anders über Familie, Kinder und so weiter. Aber das Leben spielt manchmal nicht mit“ Sie schaute demonstrativ zu Sporus hinüber, der kaum eine Wahl gehabt hatte, aber eben auch nie Kinder haben würde.Und sie wusste sehr gut, dass es ihr ähnlich hätte gehen können.

    Sie beugte sich ein wenig vor. Die Bank war schmal, und der Raum eng. Zwischen ihnen lag nur die Wärme des Feuers und der leichte Geruch von nasser Wolle und getrockneter Seide.

    „Ich habe gelernt, was es heißt, keine Wahl zu haben“, fuhr sie fort, und diesmal klang ihre Stimme fester. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn andere bestimmen. Du aber… du bestimmst nur über dich selbst. Und vielleicht ist das der Grund, warum deine Selbstlosigkeit mich so beeindruckt. Aber…“ Sie hielt inne, der Blick glitt zu seinen Händen, die vorhin die ihren gehalten hatten, warm und fest. „ denkst du wirklich, dass eine Störung immer eine Gefahr ist… oder manchmal auch ein Geschenk?“ Sie legte ihre Hände auf die seinen.


    Ein Schauer lief ihr über den Rücken, obwohl die Kälte längst gewichen war. Sie lächelte, schüchtern und zugleich wissend. „Du hast recht. Jeder muss seine eigenen Leitsterne finden. Aber vielleicht… vielleicht ist nicht jede Störung ein Hindernis.“

    Sie lehnte sich zurück, die Hände auf seinen, und ließ den Blick auf ihm ruhen. Draußen heulte der Wind um die Mansio. Amytis fühlte sich kühn an diesem Abend.

  • Zu verneinen, dass mir die Berührung ihrer Hände gefiel, hätte bedeutet, mich selbst zu belügen. Und was ihre Frage anbetraf, brauchte ich gar nicht lange nachdenken. Ich kannte die Antwort nicht. Aber ich war mir bewusst, dass ich Angst hatte. Angst, meinen Weg zu verlieren, bevor ich ihn bis zum Ende gegangen war. Mein Körper, den ich nun jahrelang an Entbehrungen gewöhnt hatte, sehnte sich nach Zuneigung. Aber mein Verstand hielt dagegen. Und mein Verstand war schon immer deutlich stärker gewesen als mein Körper - obwohl beide untrennbar zusammengehörten, so wie yīn und yáng. Es war wohl ein Zeichen, dass ich meine innere Balance noch nicht gefunden hatte. Aber es war damit auch ein Zeichen, dass eine Störung mich völlig von meinem Weg abbringen konnte. Ich war mir dessen aber nicht sicher.


    "Ich weiß es nicht." Nachdem ich die Worte gesprochen hatte, zog ich meine Schultern hoch, wodurch ich auch meine Hände ein Stück weit unter ihren Händen zurückzog, auch wenn das nicht meine Absicht war. Ihre Hände lagen jetzt nur noch auf meinen Fingern. Schließlich löste ich meinen Blick von ihren Augen. "Es ist spät. Wir sollten uns etwas Ruhe gönnen." Normalerweise würde ich mich jetzt erheben, aber ich blieb sitzen. Was hielt mich auf der Bank? Warum stand ich nicht auf? Also noch ein Versuch. "Die Kline ist groß genug, du kannst dich dort neben Sporus schlafen legen, ohne dass er es auch nur ansatzweise merkt. Ich werde im Korbsessel schlafen." Und jetzt müsste ich es nur noch schaffen, die paar Schritte bis zum Sessel zu gehen.

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