[Hortus] Faustus im Garten

  • Ich hörte ihm aufmerksam zu, nickte hin und wieder und ließ ihn sprechen. "In Anbetracht der Tatsache, dass meine Aufgabe aktuell vor allem darin besteht, auf einen Brief des Augustus zu warten, liegt es dann wohl an dir, vorbeizuschauen, wenn di Zeit hast. Ich bin recht spontan, also kannst du quasi jederzeit hereinschauen. Allerdings wäre es noch besser, wenn du mir einen Tag vorher mitteilen würdest, dass du vorbeizuschauen gedenkst. Denn es kann immer passieren, dass ich auch einmal ganz spontan die Gegend erkunde oder in die Stadt gehe. Realistischerweise eher Letzteres."


    Mein Blick ging zu Amytis und Sporus, die die ganze Zeit über ruhig waren. Amytis konnte ich ansehen, dass sie fror. "Aber, mein lieber Rupa, so gerne ich noch weiter mit dir diskutieren würde, muss ich doch erst einmal meine Gäste unterbringen und dann eine Cena vorbereiten. Wenn du magst und die Zeit erübrigen kannst, bist du heute Abend gerne eingeladen. Wobei ich auch weiß, dass die Legion es nicht gerne sieht, wenn ihre Soldaten abends zu spät in die Castra zurückkehren."


    Dann wandte ich mich an Sporus. "Sporus, das Cubiculum, in dem du hier untergebracht warst, sollte noch frei sein. Bring deine Sachen dort hinein. Danach kommst du zur Culina und hilfst mir dabei, die Cena zuzubereiten. Ich kann ein paar helfende Hände gebrauchen."


    Dann wandte ich mich an Amytis. "Wenn ich es richtig verstanden habe, müsste in einem der Risaliten ein Cubiculum frei sein, das dir einen schönen Blick auf den Rhenus bietet. Der Nachteil besteht darin, dass du dann immer Treppen laufen müsstest, um dorthin zu gelangen, und auch kein Hypocaustum vorhanden ist. Alternativ kann ich dir eines der gewöhnlichen Gästequartiere anbieten. Was bevorzugst du?"

  • Faustus Iunius Rupa lehnte sich auf seiner Sitzbank zurück und betrachtete seinen Gastgeber mit einem zufriedenen Lächeln. Der Aufenthalt im Hortus der Domus Iunia war eine willkommene Abwechslung zum streng geregelten Dienstbetrieb der Exploratio Imperii.

    „Mein lieber Aulus, du wirst lachen, aber ich hatte ohnehin vor, dir in nächster Zeit häufiger auf die Nerven zu gehen.“

    Er lachte herzlich, ehe er fortfuhr.

    „In meinem Officium liegen genügend Berichte, um drei Schreiber bis zum nächsten Winter zu beschäftigen. Dazu kommen meine Speculatores, die ständig neue Erkenntnisse aus Germania Magna mitbringen. Und natürlich gibt es immer irgendeinen Centurio, der glaubt, seine Angelegenheit sei die wichtigste im gesamten Imperium.“

    Faustus schüttelte amüsiert den Kopf.

    „Aber weißt du, was mir dabei fehlt? Ein vernünftiges Gespräch mit einem Menschen, der nicht bei jedem zweiten Satz an die Legion, den Limes oder irgendwelche germanischen Krieger denkt.“

    Er nahm einen kleinen Schluck Wein.

    „Dein Angebot nehme ich deshalb ausgesprochen gerne an. Ich werde versuchen, mich jeweils einen Tag vorher anzukündigen. Versprechen kann ich es allerdings nicht. Du kennst schließlich das Militär. Wenn der Legat ruft, dann ruft er. Und wenn er nicht ruft, findet garantiert irgendein anderer Vorgesetzter einen Grund, weshalb man gerade jetzt unentbehrlich ist.“

    Sein Blick wanderte zu Amytis, die tatsächlich ein wenig fröstelte.

    „Allerdings hat unser Gastgeber recht. Wir sitzen hier gemütlich beisammen, während die arme Amytis vermutlich bereits überlegt, ob sie sich nicht lieber in eine warme ägyptische Wüste zurückziehen sollte.“

    Er schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln. Dann erhob er sich.

    „Was deine Einladung zur heutigen Cena betrifft, lieber Aulus, muss ich allerdings etwas gestehen.“

    Faustus machte eine bedeutungsvolle Pause.

    „Ich hatte insgeheim gehofft, dass du mich einladen würdest!“

    Er lachte.

    „Selbstverständlich nehme ich an. Ich müsste schon einen außerordentlich wichtigen dienstlichen Grund haben, um eine anständige Cena und deine Gesellschaft auszuschlagen.“

    Er trat neben Aulus und senkte verschwörerisch die Stimme.

    „Außerdem bin ich ausgesprochen neugierig, was du und Sporus in deiner Culina zustande bringen werdet. Sollte es wider Erwarten ungenießbar sein, könnte ich immer noch behaupten, mich dringend um eine militärische Angelegenheit kümmern zu müssen.“

    Mit einem breiten Grinsen klopfte er seinem Gastgeber freundschaftlich auf die Schulter.

    „Nein, im Ernst. Ich freue mich darauf.“

    Für einen Augenblick wurde Faustus nachdenklich.

    „Ich werde allerdings vor der Cena noch einmal in die Castra zurückkehren müssen. Ein paar dienstliche Angelegenheiten verlangen meine Aufmerksamkeit. Meinem Stellvertreter werde ich entsprechende Anweisungen hinterlassen.“

    Er zwinkerte Aulus zu.

    „Was die Rückkehrzeit betrifft, werde ich selbstverständlich dafür sorgen, dass ich keinen unnötigen Ärger bekomme. Schließlich möchte ich nicht ausgerechnet wegen einer gelungenen Cena vor meinem Vorgesetzten antreten müssen.“

    Faustus blickte noch einmal durch den gepflegten Hortus. Das leise Plätschern des Wassers, die Pflanzen und die angenehme Atmosphäre ließen ihn beinahe vergessen, dass jenseits der Mauern von Mogontiacum eine völlig andere Welt begann.

    „Weißt du, Aulus, manchmal beneide ich dich tatsächlich. Während ich mich mit Meldereitern, Patrouillen, geheimen Berichten und der Verteidigung unserer Grenzen herumschlage, kannst du hier sitzen, deinen Wein genießen und auf einen Brief des Augustus warten.“

    Er hob warnend den Zeigefinger.

    „Allerdings solltest du vorsichtig sein. Sollte sich herausstellen, dass dein Brief niemals eintrifft, könnte ich auf die Idee kommen, dich regelmäßig als meinen persönlichen Gastgeber in Anspruch zu nehmen.“

    Er lachte erneut.

    „Also gut, mein Freund. Kümmere dich um deine Gäste. Ich werde mich vorerst verabschieden, meine Angelegenheiten erledigen und mich rechtzeitig zur Cena wieder hier einfinden.“

    Bereits auf dem Weg zum Ausgang blieb er noch einmal stehen und wandte sich um.

    „Ach, Aulus! Eine Kleinigkeit noch.“

    Faustus grinste.

    „Ich hoffe doch sehr, dass du einen ordentlichen Wein im Hause hast. Schließlich bin ich heute Abend nicht als Biarchus der Exploratio Imperii zu Gast, sondern ganz einfach als dein Freund und Verwandter Faustus.“

    Mit diesen Worten verabschiedete er sich von Amytis und Sporus, reichte Aulus zum Abschied den Unterarm und verließ gut gelaunt den Hortus der Domus Iunia.

    Zum ersten Mal seit einigen Tagen freute sich Faustus auf einen Abend, an dem weder germanische Krieger noch militärische Befehle im Mittelpunkt stehen sollten.

    Bedeutsam war an der ganzen Rede des Faustus, dass er auf einmal bereitwillig bekannt gab wer er war und das er etwas mit dem Schutz des Limes zu tun hatte. Aulus konnte davon ausgehen, dass Faustus ihn mochte so wie er war und Vertrauen zu ihm aufgebaut hatte.

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