Roma, 123 n. Chr. – Vormittag
Schon lange bevor Titus Aurelius Romanus die eigentlichen Markthallen erreichte, hörte er das Stimmengewirr. Händler riefen ihre Angebote aus. Käufer stritten über Preise. Lastenträger bahnten sich fluchend ihren Weg durch die Menge. Dazwischen erklangen Gesprächsfetzen in Latein und Griechisch und in Sprachen, die selbst Titus nicht zuordnen konnte. Rom kaufte hier die Welt. Und die Welt schien nach Rom gekommen zu sein, um sich verkaufen zu lassen. Titus blieb einen Augenblick stehen und betrachtete das Treiben. Zu seiner Rechten ging Selina. Sie trug keine schwere militärische Ausrüstung. Das wäre inmitten des Marktes zu auffällig gewesen. Ihre Kleidung war zweckmäßig, ihr Mantel ließ genügend Bewegungsfreiheit, und ihre Bewaffnung war so getragen, dass sie schnell erreichbar blieb. Selina betrachtete nicht die Waren. Sie betrachtete die Menschen. Links hinter Titus bewegte sich Massad. Auch er hielt genügend Abstand, um nicht wie ein Teil einer militärischen Eskorte zu wirken. Wer Titus jedoch länger beobachtete, würde erkennen, dass die drei Männer und Frauen sich keineswegs zufällig gemeinsam durch die Menge bewegten. Selina sicherte voraus und seitlich. Massad beobachtete den rückwärtigen Raum. Titus blieb in ihrer Mitte.
Die Welt des Imperiums
Die drei betraten den Marktkomplex. Unter den Arkaden lagen Tabernae dicht nebeneinander. Keramik aus Gallien stapelte sich neben Amphoren mit hispanischem Öl. Händler boten italischen Wein an. Stoffe lagen auf hölzernen Tischen ausgebreitet. Glasgefäße schimmerten im einfallenden Sonnenlicht. Gewürze verbreiteten Gerüche, die sich mit Rauch, gebratenem Fleisch, Wein, Schweiß und dem Staub der Straßen vermischten. Ein Händler hielt Titus eine kleine Glasflasche entgegen.
„Alexandria! Beste Arbeit aus Aegyptus!“
Titus nahm das Gefäß in die Hand und betrachtete es.
„Und selbstverständlich gerade heute besonders günstig.“
Der Händler grinste.
„Für dich, Herr, selbstverständlich.“
Selina sah Titus an.
„Das hat er dem Mann vor Euch ebenfalls gesagt.“
Der Händler verstummte. Titus musste lächeln.
„Deshalb nehme ich sie mit.“
Selina hob eine Augenbraue.
„Weil er Euch belogen hat?“
„Nein. Weil er es wenigstens überzeugend versucht hat.“
Massad betrachtete inzwischen den Händler.
„Der Preis ist trotzdem zu hoch.“
Der Händler blickte von Titus zu Massad.
„Vielleicht ein kleines Entgegenkommen.“
Massad schwieg.
„Ein sehr kleines Entgegenkommen.“
Massad schwieg weiter. Der Händler seufzte.
„Die Hälfte.“
Titus gab ihm das Gefäß zurück.
„Ich sollte Euch häufiger zum Einkaufen mitnehmen.“
„Das wäre Verschwendung meiner Fähigkeiten“, erwiderte Massad.
Selinas Blick
Während Titus sich treiben ließ, blieb Selina aufmerksam. Ein Junge näherte sich von rechts. Vielleicht zwölf Jahre alt. Schmutzige Tunika. Barfuß. ein Blick wanderte nicht zu Titus' Gesicht. Er wanderte zu dessen Gürtel. Selina wechselte kaum sichtbar ihre Position. Der Junge bemerkte die Bewegung. Ihre Blicke trafen sich. Selina sagte nichts. Der Junge ebenfalls nicht. Einen Augenblick standen beide still.
Dann entschied er sich offenbar für ein leichteres Opfer und verschwand zwischen zwei Lastenträgern. Titus hatte den Vorgang bemerkt.
„Taschendieb?“
„Vielleicht.“
„Du hast ihn laufen lassen.“
„Er hat nichts gestohlen.“
Massad sah dem Jungen hinterher.
„Noch nicht.“
Selina zuckte mit den Schultern.
„Rom wird das schon ändern.“
Via Biberatica
Sie gingen weiter. Hier war das Gedränge dichter. Vor einer Garküche brutzelte Fleisch auf einer Eisenplatte. Ein Wirt schöpfte einen dampfenden Eintopf in Schalen. Arbeiter standen neben Händlern, Sklaven neben Freigelassenen. An einem anderen Stand wurde Wein ausgeschenkt. Titus verlangsamte seinen Schritt. Nicht wegen des Weines. Zwei Männer unterhielten sich dort.
„…aus Mogontiacum.“
Titus ging weiter. Keine Reaktion. Auch Selina zeigte nicht, dass sie das Wort gehört hatte. Nur Massad änderte seine Position geringfügig. Die drei blieben einige Schritte weiter an einem Händler mit Ledergürteln stehen. Titus nahm einen Gürtel in die Hand. Hinter ihnen ging das Gespräch weiter.
„Die Germanen machen wieder Schwierigkeiten.“
„Die Germanen machen immer Schwierigkeiten.“
Gelächter.
„Diesmal soll es anders sein.“
Titus drehte den Gürtel um.
„Schlechte Naht“, sagte er.
Der Händler protestierte sofort.
„Herr! Das ist ausgezeichnete Arbeit!“
Doch Titus hörte ihm kaum zu. Hinter ihm sprach der Fremde weiter.
„Es sollen Männer über den Rhein gekommen sein.“
„Germanen?“
„Römer.“
Jetzt sah Titus zu Selina. Nur einen Augenblick. Das genügte.
Keine Verfolgung
Sie gingen weiter. Erst zwei Gänge später sprach Selina leise.
„Soll ich zurückgehen?“
„Nein.“
„Massad?“
„Auch nicht.“
Massad sah Titus an.
„Dann verlieren wir sie.“
„Wenn wir uns jetzt für sie interessieren, könnten sie auch bemerken, dass wir uns für sie interessieren.“
Titus blieb vor einem Stoffhändler stehen. Er strich über einen fein gewebten Stoff.
„Außerdem“, sagte er leise, „möchte ich wissen, ob das Gerücht bereits allgemein auf dem Markt erzählt wird.“
Selina verstand. Ein einzelner Mann mit geheimen Informationen war interessant. Ein ganzer Markt, der dieselbe Geschichte kannte, war wesentlich interessanter.
Informationen sind ebenfalls Waren
Titus begann nun, den Markt mit anderen Augen zu betrachten. Hier wurden nicht nur Öl, Getreide, Wein und Stoffe gehandelt. Hier wurden Nachrichten gehandelt. Ein Händler aus Gallien erzählte einem Römer, was er in Massilia gehört hatte. Ein Schiffer brachte Neuigkeiten aus Ostia. Ein Veteran berichtete von den Legionen am Rhein. Ein Kaufmann aus Antiochia wusste, was Karawanen aus dem Osten erzählten. Und irgendwann wusste niemand mehr, wo eine Nachricht ursprünglich entstanden war. Titus blieb stehen. Plötzlich verstand er die Bedeutung dieses Ortes. Die Märkte waren ein Spiegel des Imperiums. Aber sie waren noch etwas anderes. Ein Nachrichtennetz ohne Zentrale. Gerüchte konnten innerhalb weniger Tage von einer Provinz zur nächsten gelangen. Und wer wusste, wie man zuhörte, konnte hier manchmal Entwicklungen erkennen, lange bevor ein offizieller Bericht auf dem Schreibtisch eines Beamten lag.
Ein bekanntes Gesicht
Massad berührte Titus leicht am Arm. Nur einmal. Warnung. Titus folgte seinem Blick nicht sofort.
„Wo?“
„Obere Galerie.“
Titus betrachtete weiterhin die Auslagen.
„Beschreibung.“
„Graue Tunika. Dunkler Mantel. Etwa fünfzig. Allein.“
Selina stellte sich scheinbar interessiert vor einen Schmuckstand. Von dort hatte sie freie Sicht nach oben. Dann sagte sie:
„Er beobachtet uns.“
Titus nahm einen kleinen bronzenen Anhänger vom Tisch.
„Seit wann?“
„Mindestens seit dem Weinhändler.“
„Kennt ihr ihn?“
Massad antwortete:
„Nein.“
Selina schwieg. Titus bemerkte es.
„Du schon.“
„Vielleicht.“
„Das ist keine besonders hilfreiche Antwort.“
„Ich habe ihn schon einmal gesehen.“
Jetzt wurde Titus aufmerksam.
„Wo?“
Selina sah wieder hinauf. Der Platz auf der Galerie war leer. Der Mann war verschwunden.
„Bei der Villa Aurelia.“
Die Taverna
Titus entschied sich gegen eine Verfolgung. Stattdessen betraten sie eine Taverne. Massad wählte einen Tisch mit Blick auf Eingang und Straße. Selina setzte sich so, dass sie den hinteren Bereich überblicken konnte.
Titus saß zwischen beiden. Wein wurde gebracht. Dazu Brot, Käse, Oliven und etwas warmes Fleisch. Für einige Minuten sagte niemand etwas. Dann hob Titus seinen Becher.
„Wir sind vor weniger als einer Stunde hierhergekommen, um einzukaufen.“
Selina nahm eine Olive.
„Ihr seid zum Einkaufen gekommen.“
Massad ergänzte:
„Wir sind gekommen, damit Ihr das Einkaufen überlebt.“
Titus betrachtete beide.
„Und inzwischen haben wir ein Gerücht über Mogontiacum gehört und einen Mann entdeckt, der möglicherweise meine Villa beobachtet.“
Selina nickte.
„Für einen Vormittag auf dem Markt nicht schlecht.“
Titus trank einen Schluck Wein. Dann wurde sein Gesicht ernst.
„Wir tun zunächst gar nichts.“
Massad runzelte die Stirn.
„Gar nichts?“
„Der Mann auf der Galerie hat uns beobachtet. Wenn wir ihm folgen, weiß er, dass wir ihn bemerkt haben.“
Titus deutete mit seinem Becher auf das Treiben draußen.
„Also lassen wir ihn glauben, dass wir drei wohlhabende Leute sind, die ihren Vormittag auf dem Markt verbringen.“
Selina sah auf ihre Kleidung.
„Bei Massad wird das schwierig.“
Massad blickte sie ausdruckslos an.
„Ich kann sehr überzeugend wohlhabend aussehen.“
Zum ersten Mal an diesem Vormittag lachte Selina.
Der Bote
Dann erschien ein Junge am Eingang. Nicht der Taschendieb von zuvor. Dieser war sauber gekleidet. Er sah sich um. Entdeckte Titus. Kam zu seinem Tisch.
„Titus Aurelius Romanus?“
Massad stand bereits. Der Junge erstarrte.
„Wer schickt dich?“, fragte Massad.
„Ich weiß es nicht.“
„Wer hat dir die Nachricht gegeben?“
„Ein Mann.“
Selina verdrehte die Augen.
„Das grenzt die Sache erheblich ein.“
Der Junge griff vorsichtig unter seine Tunika und zog eine kleine versiegelte Wachstafel hervor. Massad nahm sie ihm ab. Titus betrachtete das Siegel. Er kannte es nicht.
„Was hat der Mann gesagt?“
Der Junge dachte nach.
„Nur, dass ich sie Euch persönlich geben soll.“
Titus brach das Siegel. Auf der Wachstafel standen lediglich wenige Worte: GERMANIA NON EST HOSTIS. (Germania ist nicht der Feind)
Darunter stand:
QUAERE ROMAE. (Suche in Rom)
Titus las die Worte noch einmal. Dann reichte er die Tafel Selina. Ihr Lächeln verschwand. Massad setzte sich wieder. Draußen gingen Händler, Bürger, Sklaven, Soldaten und Fremde weiter ihren Geschäften nach.
Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Rom lebte. Rom handelte. Rom redete. Titus Aurelius Romanus blickte hinaus auf die Menschenmenge. Titus legte einige Münzen auf den Tisch.
„Selina.“
„Ja?“
„Finde heraus, wer der Mann auf der Galerie war.“
Dann sah er Massad an.
„Und du findest denjenigen, der dem Jungen diese Wachstafel gegeben hat.“
Massad stand auf.
„Und Ihr?“
Titus nahm ruhig seinen Becher und trank den letzten Schluck.
„Ich gehe weiter einkaufen.“
Selina starrte ihn an.
„Einkaufen?“
Titus erhob sich.
„Natürlich.“
Er blickte hinaus auf die Marktstände.
„Wenn jemand mich beobachtet, möchte ich ihn schließlich nicht enttäuschen.“
Dann ging Titus Aurelius Romanus zurück in die Menge. Diesmal wusste er jedoch, dass irgendwo zwischen den hundert Stimmen des Marktes eine weitere verborgen war. Eine Stimme, die offenbar wusste, was in Germania Magna geschehen war. Und möglicherweise wusste sie auch, warum.