Zwei Enden desselben Netzes
II. ROMA
Zur selben Stunde saß Titus in seinem MAGNUS CUBICULUM in der Villa Aurelia. Vor ihm lag die Wachstafel vom Markt.
GERMANIA NON EST HOSTIS. (Germania ist nicht der Feind)
QUAERE ROMAE. (Suche in Rom).
Selina stand am Fenster. Massad war noch nicht zurückgekehrt. Titus hatte die Nachricht inzwischen vielleicht zwanzigmal gelesen. Sie sagte fast nichts. Und gerade deshalb sagte sie sehr viel. Der Absender wusste von Germania. Der Absender wusste, wer Titus war. Der Absender wusste, wo Titus sich befand. Und er hatte einen Boten innerhalb weniger Minuten zu ihm schicken können. Das bedeutete:
Titus war bereits beobachtet worden, bevor er die Wachstafel erhalten hatte.
III. MASSAD KEHRT ZURÜCK
Kurz vor Mittag öffnete sich die Tür. Massad trat ein.
„Der Junge wurde bezahlt.“
„Von wem?“
„Von einem Mann, den er nicht kannte.“
„Beschreibung?“
Massad legte einige Notizen auf den Tisch.
„Etwa vierzig bis fünfzig Jahre. Römische Kleidung. Keine auffälligen Merkmale.“
Selina schnaubte.
„Also ungefähr jeder zehnte Mann in Rom.“
„Fast.“
Titus fragte:
„Wo erhielt er die Nachricht?“
„Forum.“
Jetzt wurde Titus aufmerksam.
„Wo genau?“
Massad deutete auf die Notiz.
„Nahe der Basilica Ulpia.“
Titus stand auf. Das veränderte die Sache. Nicht irgendeine dunkle Gasse. Nicht irgendeine Taverne. Der Mann hatte sich in unmittelbarer Nähe eines der wichtigsten administrativen Zentren Roms bewegt. Das konnte Zufall sein. Aber Titus hatte gelernt, Zufälle erst dann für Zufälle zu halten, wenn andere Möglichkeiten ausgeschlossen waren.
IV. SELINAS MANN
Nun berichtete Selina. Der Mann auf der Galerie war schwieriger gewesen. Sie hatte ihn tatsächlich schon einmal gesehen. Nicht innerhalb der Villa Aurelia. Vor ihr. Zweimal. Beim ersten Mal hatte sie ihn für einen Händler gehalten. Beim zweiten Mal für einen Klienten irgendeines Senators. Nun war sie sich sicher: Er hatte die Villa beobachtet.
„Seit wann?“, fragte Titus.
„Mindestens drei Tage.“
„Warum hast du nichts gesagt?“
Selina verschränkte die Arme.
„Weil ich dir nicht jeden Mann melden kann, der länger als zehn Atemzüge auf Euer Haus schaut.“
Titus nickte.
„Richtig.“
Dann fragte er:
„Wer ist er?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Dann finden wir es heraus.“
VII. ROMA
Titus setzt seine eigene Falle
Titus wählte fast dieselbe Methode. Ohne zu wissen, dass Faustus hunderte Meilen entfernt genau dasselbe tat. Drei Personen erhielten drei unterschiedliche Informationen. Einer erzählte Titus beiläufig, er werde am nächsten Morgen den Senat besuchen. Einem anderen sagte er, er werde in Ostia erwartet. Einem dritten ließ er mitteilen, er werde die Villa Aurelia den gesamten Tag nicht verlassen. Keine dieser Angaben stimmte.
Titus wollte wissen: Welche dieser Informationen würde seinen Beobachter erreichen?
Selina grinste, als sie verstand.
„Du wirst langsam misstrauisch.“
„Langsam?“
„Gut. Du warst vorher schon misstrauisch.“
Massad stand an der Tür.
„Und was macht Ihr tatsächlich?“
Titus lächelte.
„Etwas vollkommen Unvorhersehbares.“
Dies X – Der falsche Hauptmann
Damit beginnt die nächste Phase der Untersuchung.
Faustus verfolgt die militärische Linie:
Germania → Markwart → fremde Krieger → Verräter → Mogontiacum → Varro
Titus verfolgt die römische Linie:
Märkte → geheimnisvolle Wachstafel → Beobachter → Villa Aurelia → Varro
Beide Spuren führen scheinbar zu demselben Mann.
Genau das macht Varro verdächtig.
Aber genau das sollte Titus und Faustus später ebenfalls misstrauisch machen.
Denn ein wirklich mächtiger Verschwörer hinterlässt nicht an zwei Enden des Imperiums denselben Namen.
Varro ist der erste Knoten des Netzes. Nicht dessen Zentrum. Und während Titus in Roma nach Varro sucht und Faustus in Mogontiacum dessen Nachrichtenwege verfolgt, erfährt eine bislang unbekannte Person, dass beide Untersuchungen gefährlich nahe aneinandergeraten.
Zum ersten Mal fällt deshalb in einem verschlossenen Raum in Roma ein neuer Befehl:
Zitat„Faustus Iunius Rupa darf nicht nach Roma berichten.“
Eine Stimme aus dem Schatten fragt:
Zitat„Und Titus Aurelius Romanus?“
Lange Stille.
Dann die Antwort:
Zitat„Den Aurelier beobachten wir weiter.“
Damit wird klar:
Die Verschwörer kennen inzwischen beide Männer. Titus und Faustus kennen einander in diesem Zusammenhang jedoch noch immer nicht. Das Netz weiß also bereits mehr über seine Jäger als die Jäger übereinander.
Teil II der Verschwörung um Faustus Iunius Rupa und Titus Aurelis Romanus