DIE VILLA AURELIA - MAGNUS CUBICULUM

  • Zwei Enden desselben Netzes

    II. ROMA

    Zur selben Stunde saß Titus in seinem MAGNUS CUBICULUM in der Villa Aurelia. Vor ihm lag die Wachstafel vom Markt.

    GERMANIA NON EST HOSTIS. (Germania ist nicht der Feind)

    QUAERE ROMAE. (Suche in Rom).

    Selina stand am Fenster. Massad war noch nicht zurückgekehrt. Titus hatte die Nachricht inzwischen vielleicht zwanzigmal gelesen. Sie sagte fast nichts. Und gerade deshalb sagte sie sehr viel. Der Absender wusste von Germania. Der Absender wusste, wer Titus war. Der Absender wusste, wo Titus sich befand. Und er hatte einen Boten innerhalb weniger Minuten zu ihm schicken können. Das bedeutete:

    Titus war bereits beobachtet worden, bevor er die Wachstafel erhalten hatte.

    III. MASSAD KEHRT ZURÜCK

    Kurz vor Mittag öffnete sich die Tür. Massad trat ein.

    „Der Junge wurde bezahlt.“

    „Von wem?“

    „Von einem Mann, den er nicht kannte.“

    „Beschreibung?“

    Massad legte einige Notizen auf den Tisch.

    „Etwa vierzig bis fünfzig Jahre. Römische Kleidung. Keine auffälligen Merkmale.“

    Selina schnaubte.

    „Also ungefähr jeder zehnte Mann in Rom.“

    „Fast.“

    Titus fragte:

    „Wo erhielt er die Nachricht?“

    „Forum.“

    Jetzt wurde Titus aufmerksam.

    „Wo genau?“

    Massad deutete auf die Notiz.

    „Nahe der Basilica Ulpia.“

    Titus stand auf. Das veränderte die Sache. Nicht irgendeine dunkle Gasse. Nicht irgendeine Taverne. Der Mann hatte sich in unmittelbarer Nähe eines der wichtigsten administrativen Zentren Roms bewegt. Das konnte Zufall sein. Aber Titus hatte gelernt, Zufälle erst dann für Zufälle zu halten, wenn andere Möglichkeiten ausgeschlossen waren.

    IV. SELINAS MANN

    Nun berichtete Selina. Der Mann auf der Galerie war schwieriger gewesen. Sie hatte ihn tatsächlich schon einmal gesehen. Nicht innerhalb der Villa Aurelia. Vor ihr. Zweimal. Beim ersten Mal hatte sie ihn für einen Händler gehalten. Beim zweiten Mal für einen Klienten irgendeines Senators. Nun war sie sich sicher: Er hatte die Villa beobachtet.

    „Seit wann?“, fragte Titus.

    „Mindestens drei Tage.“

    „Warum hast du nichts gesagt?“

    Selina verschränkte die Arme.

    „Weil ich dir nicht jeden Mann melden kann, der länger als zehn Atemzüge auf Euer Haus schaut.“

    Titus nickte.

    „Richtig.“

    Dann fragte er:

    „Wer ist er?“

    „Das weiß ich noch nicht.“

    „Dann finden wir es heraus.“

    VII. ROMA

    Titus setzt seine eigene Falle

    Titus wählte fast dieselbe Methode. Ohne zu wissen, dass Faustus hunderte Meilen entfernt genau dasselbe tat. Drei Personen erhielten drei unterschiedliche Informationen. Einer erzählte Titus beiläufig, er werde am nächsten Morgen den Senat besuchen. Einem anderen sagte er, er werde in Ostia erwartet. Einem dritten ließ er mitteilen, er werde die Villa Aurelia den gesamten Tag nicht verlassen. Keine dieser Angaben stimmte.

    Titus wollte wissen: Welche dieser Informationen würde seinen Beobachter erreichen?

    Selina grinste, als sie verstand.

    „Du wirst langsam misstrauisch.“

    „Langsam?“

    „Gut. Du warst vorher schon misstrauisch.“

    Massad stand an der Tür.

    „Und was macht Ihr tatsächlich?“

    Titus lächelte.

    „Etwas vollkommen Unvorhersehbares.“

    Dies X – Der falsche Hauptmann

    Damit beginnt die nächste Phase der Untersuchung.

    Faustus verfolgt die militärische Linie:

    Germania → Markwart → fremde Krieger → Verräter → Mogontiacum → Varro

    Titus verfolgt die römische Linie:

    Märkte → geheimnisvolle Wachstafel → Beobachter → Villa Aurelia → Varro

    Beide Spuren führen scheinbar zu demselben Mann.

    Genau das macht Varro verdächtig.

    Aber genau das sollte Titus und Faustus später ebenfalls misstrauisch machen.

    Denn ein wirklich mächtiger Verschwörer hinterlässt nicht an zwei Enden des Imperiums denselben Namen.

    Varro ist der erste Knoten des Netzes. Nicht dessen Zentrum. Und während Titus in Roma nach Varro sucht und Faustus in Mogontiacum dessen Nachrichtenwege verfolgt, erfährt eine bislang unbekannte Person, dass beide Untersuchungen gefährlich nahe aneinandergeraten.

    Zum ersten Mal fällt deshalb in einem verschlossenen Raum in Roma ein neuer Befehl:

    Zitat
    „Faustus Iunius Rupa darf nicht nach Roma berichten.“

    Eine Stimme aus dem Schatten fragt:

    Zitat
    „Und Titus Aurelius Romanus?“

    Lange Stille.

    Dann die Antwort:

    Zitat
    „Den Aurelier beobachten wir weiter.“

    Damit wird klar:

    Die Verschwörer kennen inzwischen beide Männer. Titus und Faustus kennen einander in diesem Zusammenhang jedoch noch immer nicht. Das Netz weiß also bereits mehr über seine Jäger als die Jäger übereinander.



    Teil II der Verschwörung um Faustus Iunius Rupa und Titus Aurelis Romanus

    SIN OFF: "Die hier aufgeführte Erzählung beginnt auf dem Markt in Rom und geht zur Villa Aurelia über, gleichzeitig operiert Faustus Iunius Rupa um mehr Informationen über die enttarnte Verschwörung von wem auch immer zu erlangen. Zur Vereinfachung bitte immer die Überschriften nutzen, da diese mit römischen Zahlen markiert sind"

  • DIES X

    Zwei Spuren – ein Name

    Mogontiacum und Roma, 123 n. Chr.

    Noch vor Sonnenaufgang öffnete sich in Mogontiacum eine Tür, die niemals hätte geöffnet werden dürfen. Zur selben Stunde begann in Roma ein Mann zu begreifen, dass sein Name auf Listen stand, auf denen kein vernünftiger Römer seinen Namen finden wollte. Zwischen beiden Ereignissen lagen viele Tagesreisen. Und doch gehörten sie zusammen.

    III. ROMA

    Lucius Cassius Varro

    Titus Aurelius Romanus saß im Tablinum der Villa Aurelia. Vor ihm lagen mehrere Wachstafeln. Selina stand ihm gegenüber. Massad kam gerade herein.

    „Wir haben ihn.“

    Titus blickte auf.

    „Varro?“

    „Sein Haus.“

    Massad legte eine kleine Skizze auf den Tisch.

    Lucius Cassius Varro.

    Römischer Bürger.

    Unauffälliges Vermögen.

    Keine bedeutende politische Karriere.

    Keine militärische Kommandostellung.

    Kein Senator.

    Kein Mann, dessen Name normalerweise in den Berichten der Administratio Imperatoris erscheinen würde.

    Und dennoch tauchte sein Name im Zusammenhang mit Germania auf.

    Titus las weiter.

    Varro hatte früher im Verwaltungsdienst gearbeitet.

    Nicht dort, wo Entscheidungen getroffen wurden.

    Sondern dort, wo Entscheidungen weitergeleitet wurden.

    Titus hielt inne.

    „Archive?“

    Massad nickte.

    „Auch.“

    „Korrespondenz?“

    „Ja.“

    „Militärische Depeschen?“

    „Möglich.“

    Jetzt verstand Titus. Lucius Cassius Varro musste niemals selbst einen Befehl erteilen. Er musste lediglich wissen, welcher Befehl wann an wen ging.

    IV. DER UNSICHTBARE WERT EINES SCHREIBERS

    Selina betrachtete die Unterlagen.

    „Also ein Schreiber.“

    Titus sah sie an.

    „Nein.“

    „Was dann?“

    „Ein Mann, den niemand beachtet.“

    Titus stand auf.

    „Ein Senator wird beobachtet. Ein Legat wird beobachtet. Ein Praefectus wird beobachtet.“

    Er nahm Varros Wachstafel.

    „Aber wer beobachtet den Mann, der ihre Briefe kopiert?“

    Selina verstand. Information musste nicht gestohlen werden. Manchmal genügte es, sie zu lesen.

    Marschbefehle.

    Versorgungsanforderungen.

    Versetzungen.

    Truppenbewegungen.

    Berichte aus den Provinzen.

    Selbst scheinbar belanglose Verwaltungsunterlagen konnten zusammengenommen ein Bild ergeben. Ein sehr genaues Bild.

    VI. VARROS HAUS

    Titus entschied sich gegen eine Festnahme.

    „Wir beobachten ihn.“

    Selina schüttelte den Kopf.

    „Wenn er merkt, dass wir nach ihm suchen, verschwindet er.“

    „Deshalb suchen wir nicht nach ihm.“

    „Was tun wir dann?“

    Titus sah Massad an.

    „Wir finden heraus, wer nach ihm sucht.“

    Massad lächelte schwach.

    „Das gefällt mir besser.“

    Varros Haus wurde beobachtet. Nicht ständig von denselben Personen.

    Ein Bettler.

    Ein Straßenverkäufer.

    Ein alter Veteran.

    Eine Frau mit einem Korb.

    Keiner blieb lange.

    Bis kurz nach Mittag ein Besucher erschien.

    Gut gekleidet.

    Keine senatorische Toga.

    Kein Soldat.

    Der Mann klopfte.

    Varro öffnete selbst.

    Als er den Besucher erkannte, veränderte sich sein Gesicht.

    Selina beobachtete die Szene aus einiger Entfernung.

    Varro hatte keine Freude über den Besuch.

    Er hatte Angst.

    IX. VARRO SPRICHT

    Am Abend verließ der unbekannte Besucher Varros Haus. Massad folgte ihm. Selina blieb bei Varro. Eine Stunde verging. Dann öffnete sich die Tür. Varro trat hinaus. Allein. Er ging schnell.

    Nicht in Richtung Forum. Nicht zu einer Taverne. Nicht zu Freunden. Er ging zur Villa Aurelia. Selina war überrascht. Varro blieb vor dem Eingang stehen.Die Wache wollte ihn abweisen.

    „Ich muss Titus Aurelius Romanus sprechen.“

    „Der Herr empfängt niemanden.“

    Varro blickte über die Schulter.

    „Dann sagt ihm, dass ich weiß, weshalb Germania ihn interessiert.“

    Die Wache reagierte nicht. Varro fügte hinzu:

    „Und sagt ihm, dass ich morgen wahrscheinlich tot bin.“

    X. TITUS UND VARRO

    Wenig später stand Lucius Cassius Varro im Tablinum. Titus saß ihm gegenüber.Selina blieb an der Tür. Varro schwitzte.

    „Ihr lasst mich beobachten.“

    Titus antwortete ruhig:

    „Ihr lasst mich beobachten.“

    Varro blickte überrascht auf.

    „Das war ich nicht.“

    „Der Mann beim Markt arbeitet für Euch.“

    „Nein.“

    „Er wurde mit Euch in Verbindung gebracht.“

    Varro lachte bitter.

    „Dann funktioniert es.“

    Titus schwieg.

    „Was funktioniert?“

    Varro sah zur Tür.

    „Mein Name.“

    Nun wurde Titus aufmerksam. Varro sprach weiter.

    „Sie benutzen meinen Namen.“

    „Wer?“

    „Das weiß ich nicht.“

    Titus glaubte ihm nicht. Noch nicht. Varro bemerkte es.

    „Genau das sollt Ihr glauben. Genau das sollen alle glauben.“

    „Warum Ihr?“

    „Weil ich Zugang hatte.“

    „Zu was?“

    Varro sah ihn an.

    „Zu allem, was uninteressant genug war, dass niemand es bewachte.“

    XI. DIE ADMINISTRATIO

    Varro erzählte. Jahrelang hatte er Verwaltungsunterlagen bearbeitet. Kopien. Register. Depeschen. Eingänge aus den Provinzen. Nichts davon allein war besonders geheim. Doch irgendwann hatte jemand begonnen, nach bestimmten Informationen zu fragen. Truppenbewegungen. Namen von Offizieren. Versorgungslinien. Berichte aus Germania Superior. Zunächst hatte Varro geglaubt, es handele sich um gewöhnliche Verwaltungsarbeit. Dann wurden die Fragen genauer.

    Welche Einheit patrouillierte wo?

    Welche Offiziere wurden versetzt?

    Welche Nachrichten kamen aus Mogontiacum?

    Titus unterbrach ihn.

    „Wer stellte diese Fragen?“

    Varro antwortete:

    „Nie dieselbe Person.“

    „Namen.“

    „Die Namen helfen Euch nicht.“

    „Das entscheide ich.“

    Varro schüttelte den Kopf.

    „Ihr versteht es noch immer nicht.“

    Er beugte sich vor.

    „Jeder Name, den Ihr finden werdet, gehört zu jemandem, den Ihr finden sollt.“

    Titus wurde still. Das war genau der Gedanke, der ihn an Varro gestört hatte.

    XIII. ROMA

    Varros Warnung

    Varro stand auf.

    „Wenn Ihr wirklich wissen wollt, was geschieht, sucht nicht nach Germania.“

    Titus betrachtete ihn.

    „Wonach dann?“

    Varro antwortete:

    „Nach den Berichten aus Germania.“

    Titus runzelte die Stirn.

    „Erklärt das.“

    „Nicht die Germanen sind entscheidend.“

    Varro deutete auf die Wachstafeln.

    „Entscheidend ist, wer in Roma erfährt, was die Legionen über die Germanen berichten.“

    Titus dachte an die Nachricht vom Markt.

    GERMANIA NON EST HOSTIS.

    QUAERE ROMAE.

    Plötzlich bekam sie eine andere Bedeutung.

    XVII. ZWEI NAMEN

    Zum ersten Mal tauchten in demselben Raum zwei Namen auf.

    FAUSTUS IUNIUS RUPA

    und

    TITUS AURELIUS ROMANUS

    Damit war etwas geschehen, das keiner der beiden Männer beabsichtigt hatte.

    Ihre Ermittlungen hatten sich berührt.

    Nicht bei ihnen.

    Beim Gegner.

    Faustus wusste noch nichts von Titus' Untersuchung.

    Titus wusste noch nichts von Faustus' Bericht.

    Doch diejenigen, die zwischen Mogontiacum und Roma Informationen manipulierten, kannten nun beide.

    Und sie mussten verhindern, dass die beiden Männer miteinander sprachen.

    XVIII. DER AUSTAUSCH

    Der Bericht des Faustus wurde nicht vernichtet. Das wäre zu auffällig gewesen. Stattdessen wurde er kopiert. Anschließend kehrte das Original in den Verwaltungsweg zurück. Nur eine einzige Wachstafel wurde ausgetauscht. Eine Passage über die nach Süden führende Nachrichtenkette verschwand. An ihre Stelle trat eine andere Information: Hinweise verdichten sich auf eine Verbindung germanischer Gruppen im Gebiet östlich des Rhenus. Damit wurde aus einer römischen Spur wieder eine germanische Spur. Genau dorthin, wo man Faustus haben wollte.

    XIX. VILLA AURELIA

    Spät in der Nacht saßen Titus und Varro noch immer im Tablinum. Massad kehrte zurück. Sein Gesicht verriet Titus sofort, dass etwas geschehen war.

    „Der Besucher Varros?“

    Massad nickte.

    „Ich habe ihn verfolgt.“

    Varro wurde bleich. Titus bemerkte es.

    „Wohin ging er?“

    Massad antwortete:

    „Zu einem Verwaltungsgebäude.“

    „Welchem?“

    Massad nannte es. Varro schloss die Augen. Titus beugte sich vor.

    „Ihr kennt den Ort.“

    Varro antwortete nicht sofort.

    Dann sagte er:

    „Natürlich kenne ich ihn.“

    „Warum?“

    Varro sah Titus an.

    „Weil dort die Berichte aus den Provinzen eingehen.“

    Stille. Titus dachte nach.

    „Auch aus Germania Superior?“

    Varro nickte.

    „Auch aus Mogontiacum.“

    Ende Dies X

    Damit verändert sich die Lage entscheidend:

    Faustus glaubt noch, gegen ein Informationsnetz zwischen Mogontiacum und Germania zu ermitteln.

    Titus erkennt bereits, dass sich der entscheidende Teil des Netzes innerhalb der römischen Verwaltung befinden könnte.

    Varro ist kein Hauptverschwörer, sondern ein ehemaliger Informationsmittler, dessen Name bewusst als falsche Spur benutzt wird.

    Die Verschwörer kennen inzwischen sowohl Titus als auch Faustus und wissen als Einzige, dass beide unabhängig voneinander dieselbe Struktur untersuchen.

    Und der Bericht des Faustus wurde nicht einfach vernichtet.

    Das ist wesentlich gefährlicher:

    Er wurde manipuliert.

    Denn von diesem Moment an kann die Verschwörung nicht nur verhindern, dass Informationen Rom erreichen.

    Sie kann dafür sorgen, dass Rom die falschen Informationen erhält.

    DIES XI – Relatio Falsa

    Am folgenden Morgen erhält Faustus eine vollkommen glaubwürdig wirkende Antwort aus Roma.

    Seine Arbeit wird ausdrücklich gelobt.

    Seine bisherigen Maßnahmen werden bestätigt.

    Und er erhält einen neuen Befehl:

    Die Exploratio Imperii soll unverzüglich erneut nach Germania Magna vorstoßen.

    Faustus hat zunächst keinen Grund, an der Echtheit des Befehls zu zweifeln.

    Zur selben Zeit erfährt Titus von Varro etwas Beunruhigendes:

    Zitat
    „Wenn sie wissen, dass ein Mann ihnen gefährlich wird, töten sie ihn nicht immer.“

    Titus fragt:

    Zitat
    „Was tun sie dann?“

    Varro antwortet:

    Zitat
    „Sie geben ihm einen Befehl.“

    Damit würde Dies XI zur Falle: Faustus marschiert im Glauben, einen kaiserlich legitimierten Auftrag auszuführen, während Titus in Rom versucht herauszufinden, welcher Amtsträger überhaupt befugt gewesen wäre, diesen Befehl nach Mogontiacum zu senden.



    Teil V der Verschwörung um Faustus Iunius Rupa und Titus Aurelius Romanus

    SITeil IV der Verschwörung um Faustus Iunius Rupa und Titus Aurelius RomanusN OFF: "Die hier aufgeführte Erzählung beginnt auf dem Markt in Rom und geht zur Villa Aurelia über, gleichzeitig operiert Faustus Iunius Rupa um mehr Informationen über die enttarnte Verschwörung von wem auch immer zu erlangen. Zur Vereinfachung bitte immer die Überschriften nutzen, da diese mit römischen Zahlen markiert sind"

  • DIES XI – RETE

    Das Netz beginnt sichtbar zu werden

    Der entscheidende Unterschied lautet:

    Titus sucht nicht mehr nach einem einzelnen Verräter. Er will das gesamte Netz sichtbar machen.

    Und Faustus bekommt denselben Befehl für Germania:

    Nicht einzelne Germanen festnehmen. Das Netz ausheben.

    I. ROM – Titus Aurelius Romanus übernimmt die Initiative

    Am Morgen versammelt Titus nur zwei Personen. Selina und Massad. Auf einem Tisch der Villa Aurelia liegen Wachstafeln, Karten und kleine Holzmarken.

    Titus sagt:

    Damit beginnt Operatio RETE.

    II. Titus' erster Schritt – alle bekannten Informationen trennen

    Titus begeht nicht den Fehler, sofort Verdächtige festzuhalten. Denn jeder Festgenommene würde die anderen warnen. Stattdessen erstellt er vier getrennte Ermittlungsstränge.

    Selina – HOMINES

    Selina untersucht die Menschen.

    Wer kennt wen?

    Wer trifft sich mit wem?

    Welche Senatorenhaushalte, Kaufleute, Veteranen, Beamten und militärischen Kuriere überschneiden sich?

    Sie besucht gesellschaftliche Zusammenkünfte, Thermen, Tempelveranstaltungen und Händler.

    Nicht als Ermittlerin.

    Sondern als Angehörige des gesellschaftlichen Umfeldes der Gens Aurelia.

    Sie hört zu.

    Und sie stellt scheinbar harmlose Fragen.

    Massad – VIAE

    Massad übernimmt die Wege.

    Er interessiert sich nicht dafür, was in einem Brief steht.

    Er will wissen:

    Wer transportiert ihn?

    Welche Kuriere kommen aus Germania superior?

    Wo wechseln sie Pferde?

    Wo übernachten sie?

    Wer empfängt sie in Rom?

    Massad lässt einzelne Boten beobachten.

    Und dabei entdeckt er etwas.

    Mehrere Kuriere aus dem Norden besuchen vor ihrer offiziellen Meldung immer wieder dasselbe Lagerhaus nahe des Emporiums.

    Das ist verdächtig.

    Aber Titus lässt das Gebäude nicht durchsuchen.

    Noch nicht.

    Titus – NUNTII

    Titus selbst untersucht die Nachrichten.

    Er vergleicht Meldungen aus Germania mit Informationen, die später in Rom kursieren.

    Dabei entdeckt er etwas Entscheidendes:

    Bestimmte militärische Informationen tauchen in Rom auf, bevor die offiziellen Berichte eintreffen.

    Damit ist bewiesen: Es existiert ein zweiter Nachrichtenweg.

    III. Titus legt drei Köder aus

    Jetzt beginnt seine eigentliche Gegenoperation. Titus erfindet drei unterschiedliche Informationen die in Rom verbreitet werden.

    Köder A:

    Die Legio XXII werde zwei Kohorten verlegen.

    Köder B:

    Eine größere Getreidelieferung werde verspätet eintreffen.

    Köder C:

    Eine Reitereinheit werde einen bestimmten Abschnitt des Limes verlassen.

    Jede Information bekommt einen anderen Übermittlungsweg.

    Nur Titus weiß, dass alle drei Meldungen falsch sind.

    Selina kennt A.

    Massad kennt B.

    Ein bestimmter Beamter erhält C.

    Dann warten sie.

    VII. Rom – Selina macht die erste große Entdeckung

    Währenddessen entdeckt Selina etwas, das Titus über Akten niemals gefunden hätte. Sie begegnet einem Mann, der behauptet, Lucius Cassius Varro persönlich zu kennen.

    Selina stellt beiläufig Fragen.

    Wann habe er Varro zuletzt gesehen?

    „Vor sechs Tagen.“

    Wo?

    „Bei einem Abendessen auf dem Aventin.“

    Selina reagiert nicht.

    Aber sie weiß:

    Das kann nicht stimmen. Denn Titus hat inzwischen nachgewiesen, dass der echte Varro sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Rom befand.

    Damit existiert nicht nur ein falscher Name.

    Es gibt einen Mann, der öffentlich als Varro auftritt.

    Das verändert alles.

    VIII. Massad folgt dem falschen Varro

    Massad übernimmt.

    Aber er folgt Varro nicht selbst.

    Das wäre zu auffällig.

    Er baut eine Beobachtungskette auf.

    Ein Straßenjunge sieht Varro das Haus verlassen.

    Ein Händler beobachtet die nächste Straße.

    Ein Veteran sitzt scheinbar betrunken vor einer taberna.

    Ein Fuhrmann übernimmt später.

    Keiner verfolgt Varro länger als wenige Minuten.

    Varro kann deshalb keinen einzelnen Verfolger entdecken.

    Und schließlich sehen sie:

    Varro betritt das bereits verdächtige Lagerhaus am Emporium.

    Jetzt verbinden sich zwei Spuren.

    Kuriere aus Germania → Lagerhaus

    und

    falscher Varro → Lagerhaus.

    Titus hat erstmals einen konkreten Knotenpunkt.

    IX. Trotzdem greift Titus nicht zu

    Selina versteht es zunächst nicht.

    Das Lagerhaus wird deshalb rund um die Uhr beobachtet.

    X. Jetzt erstellt Titus sein RETE

    Für jeden beobachteten Menschen legt Titus eine Holzmarke auf seine Karte.

    Ein Kreis bedeutet:

    bestätigter Kontakt.

    Ein Strich:

    beobachtete Verbindung.

    Zwei Striche:

    wiederholte Verbindung.

    Nach einigen Tagen entsteht auf dem Tisch ein regelrechtes Spinnennetz.

    Und plötzlich erkennt Selina etwas.

    Mehrere Linien laufen bei einem Mann zusammen.

    Nicht bei Varro.

    Nicht bei einem Senator.

    Nicht bei einem Germanen.

    Sondern bei einem Beamten.

    Einem Mann, der Zugang zur Administratio Imperatoris besitzt.

    XII. Der Durchbruch

    Jetzt greifen Titus' falsche Meldungen. Von seinen drei Ködern taucht nur eine wieder auf. Die angebliche Verlegung einer Reitereinheit.

    Und Titus weiß genau:

    Nur vier Menschen kannten diese Information.

    Damit schrumpft sein Kreis dramatisch.

    Titus schreibt ihre Namen auf:

    I

    II

    III

    IV

    Einer davon ist der Beamte, bei dem bereits mehrere Linien seines Netzes zusammenlaufen.

    Jetzt besitzt Titus erstmals einen konkreten Hauptverdächtigen.

    Aber noch keinen Beweis.

    XIII. Deshalb startet Titus die zweite Phase

    Jetzt wird aus Beobachtung Infiltration.

    Titus, Selina und Massad teilen die Aufgaben.

    Selina soll Zugang zum gesellschaftlichen Umfeld des Verdächtigen gewinnen.

    Massad soll dessen Diener, Händler und Kuriere identifizieren.

    Titus verfolgt Geld und Nachrichten.

    Dabei entsteht langsam eine Hierarchie:

    Ebene 1 – Informanten

    Händler, Soldaten, Schreiber.

    ↓

    Ebene 2 – Kuriere

    Sie transportieren Nachrichten.

    ↓

    Ebene 3 – Koordinatoren

    Varro und Hadubrand.

    ↓

    Ebene 4 – Verwaltung

    Der unbekannte Beamte.

    ↓

    Ebene 5 – ?

    Und genau hier hört Titus' Netz auf.

    Über dem Beamten befindet sich noch jemand.

    XV. Und dann kreuzen sich Titus und Faustus

    Faustus lässt Hadubrand eine falsche Nachricht nach Rom schicken.

    Titus bekommt genau diese Nachricht zugespielt.

    Darin befindet sich eine winzige Besonderheit.

    Ein Zeichen.

    Vielleicht:

    𐌗

    oder eine ungewöhnliche Kombination aus drei Punkten.

    Titus kennt dieses Zeichen.

    Es befindet sich auf einem Dokument aus seinem eigenen Archiv.

    Jetzt legt er beide Wachstafeln nebeneinander.

    Germania.

    Rom.

    Dasselbe Zeichen.

    Titus schaut Selina an.

    Zitat
    „Jetzt haben wir sie.“

    Selina fragt:

    Zitat
    „Wen?“

    Titus schüttelt den Kopf.

    Zitat
    „Noch nicht wen.“

    Dann zeigt er auf die beiden Tafeln.

    Zitat
    „Aber jetzt wissen wir, wo sie miteinander sprechen.“




    Teil V der Verschwörung um Faustus Iunius Rupa und Titus Aurelis Romanus

    SIN OFF: "Die hier aufgeführte Erzählung beginnt auf dem Markt in Rom und geht zur Villa Aurelia über, gleichzeitig operiert Faustus Iunius Rupa um mehr Informationen über die enttarnte Verschwörung von wem auch immer zu erlangen. Zur Vereinfachung bitte immer die Überschriften nutzen, da diese mit römischen Zahlen markiert sind"


  • DIES XII – RETE: Das Netz zieht sich zusammen

    DIES XII – RETE

    Rom und Mogontiacum

    I. Villa Aurelia – Rom

    Titus Aurelius Romanus stand über einen Tisch gebeugt. Vor ihm lag keine amtliche Karte. Keine geheimen Berichte des Kaiserhofes. Keine Listen der Verwaltung. Nur das, was er selbst zusammengetragen hatte.

    Wachstafeln.

    Namen.

    Notizen.

    Beobachtungen.

    Und zwischen ihnen dünne Schnüre. Selina betrachtete das Durcheinander eine Weile.

    „Du siehst aus, als wolltest du einen Krieg führen.“

    Titus hob den Kopf.

    „Ich versuche herauszufinden, ob bereits einer geführt wird.“

    Massad saß einige Schritte entfernt und schälte mit einem kleinen Messer einen Apfel.

    „Du denkst zu viel.“

    „Und du zu wenig.“

    Massad grinste.

    „Deshalb ergänzen wir uns.“

    Salina ging um den Tisch.

    „Also noch einmal. Was wissen wir wirklich? Nicht was du vermutest. Was wissen wir?“

    Titus deutete auf die erste Tafel.

    „Lucius Cassius Varro.“

    „Den es gibt“, sagte Selina.

    „Ja.“

    „Der aber nicht in Rom ist.“

    „Richtig.“

    Massad biss in seinen Apfel.

    „Und trotzdem läuft hier einer herum und nennt sich Varro.“

    Titus legte einen Stein auf den Namen.

    „Genau dort beginnen wir.“

    Salina verschränkte die Arme.

    „Wir?“

    Titus sah sie an.

    „Du wolltest doch wissen, was hinter der Sache steckt.“

    „Ich wollte wissen, weshalb du nachts nicht mehr schläfst.“

    Massad lachte. Selina warf ihm einen Blick zu. Er verstummte.

    „Also“, sagte sie. „Was willst du tun?“

    Titus zeigte auf fünf Namen.

    VARRO.

    LAGERHAUS.

    KURIER.

    BEAMTER.

    Darunter hatte Titus nur ein Fragezeichen eingeritzt.

    Salina las es.

    „Und das?“

    „Der Mann dahinter.“

    Massad legte den Apfel weg.

    „Jetzt wird es interessant.“

    II. Titus hat ein Problem

    Titus besaß keine Amtsgewalt. Er konnte niemanden verhaften. Er konnte keine Verwaltungsarchive durchsuchen. Er konnte keinen Beamten zum Verhör bestellen. Und wenn er mit seinen Vermutungen zu einem Magistraten ging und sich irrte, würde die Geschichte enden, bevor sie begonnen hatte. Schlimmer noch:

    Wenn tatsächlich Männer innerhalb der römischen Verwaltung beteiligt waren, wusste Titus nicht, wem er überhaupt trauen konnte.Selina verstand das sofort.

    „Du kannst also niemanden fragen.“

    „Doch.“

    „Wen?“

    „Die falschen Leute.“

    Massad begann zu lächeln.

    „Jetzt gefällt mir dein Plan.“

    Titus sah ihn an.

    „Ich habe noch gar keinen.“

    „Doch. Du weißt es nur noch nicht.“

    Massad stand auf.

    „Du willst wissen, was in diesem Lagerhaus geschieht.“

    „Ja.“

    „Dann fragen wir nicht den Besitzer.“

    „Sondern?“

    „Die Männer, die dort arbeiten.“

    III. Massads Männer

    Am folgenden Abend führte Massad Titus in eine kleine Schenke jenseits der besseren Viertel Roms. Selina blieb dicht bei Titus.

    „Du hättest mir sagen können, wohin wir gehen.“

    „Dann wärst du nicht gekommen.“

    „Dann kennst du mich schlecht.“

    Massad öffnete die Tür.

    Fünf Männer saßen darin.

    Keine jungen Männer.

    Narben.

    Gebrochene Nasen.

    Die Haltung ehemaliger Soldaten war selbst Jahre nach dem Dienst noch zu erkennen.

    Einer erhob sich.

    „Massad.“

    Sie umarmten sich kurz.

    „Das ist also der Aurelier?“

    Titus musterte ihn.

    „Und du bist?“

    „Paullus. Gladiator. Heute löse ich Probleme.“

    Selina flüsterte:

    „Das klingt beruhigend.“

    Corvinus hörte es.

    „Soll es nicht.“

    Massad stellte die Männer vor.

    Corvinus.

    Marcellus.

    Naso.

    Celer.

    Und der schweigsame Lupus.

    Ehemalige und aktive Gladiatoren.

    Keine offiziellen Befugnisse.

    Aber Männer, die wussten, wie man beobachtete, wartete, kämpfte – und schwieg.

    Titus legte einen kleinen Geldbeutel auf den Tisch.

    Corvinus sah ihn nicht einmal an.

    „Was sollen wir tun?“

    „Beobachten.“

    Corvinus runzelte die Stirn.

    „Nur beobachten?“

    „Niemanden schlagen.“

    Massad räusperte sich.

    Titus sah ihn an.

    „Niemanden.“

    „Schade“, murmelte Corvinus.

    Selina grinste.

    IV. Das Lagerhaus

    Drei Tage lang geschah nichts.

    Dann kam einer der Gladiatoren zur Villa Aurelia.

    „Wir haben etwas.“

    Titus ließ ihn sofort herein.

    „Was?“

    „Das Lagerhaus bekommt Besucher.“

    „Das wussten wir.“

    „Nicht diese.“

    Corvinus legte eine Wachstafel auf den Tisch.

    Darauf standen Uhrzeiten und Beschreibungen.

    Ein Fuhrmann.

    Zwei Händler.

    Ein Mann aus Ostia.

    Ein ehemaliger Soldat.

    Und:

    drei Kuriere aus dem Norden.

    Titus blieb an diesem Eintrag hängen.

    „Woher weißt du, dass sie aus dem Norden kommen?“

    „Ausrüstung. Pferde. Schlamm. Einer hat in einer Schenke erzählt, er komme über Augusta Treverorum.“

    Selina trat näher.

    „Also aus Richtung Germania.“

    Titus nickte langsam. Massad zeigte auf einen weiteren Eintrag.

    „Und hier.“

    VARRO.

    Zweimal.

    Titus blickte auf.

    „Er war dort?“

    „Zweimal“, sagte Corvinus.

    „Wie lange?“

    „Beim ersten Mal vielleicht eine Stunde. Beim zweiten Mal bis nach Sonnenuntergang.“

    Salina sah Titus an.

    „Damit haben wir Varro und das Lagerhaus.“

    Titus zog eine Linie zwischen beiden Namen.

    VARRO → LAGERHAUS.

    „Nein“, sagte er.

    Salina runzelte die Stirn.

    „Was nein?“

    „Damit haben wir noch gar nichts.“

    Massad lächelte.

    Er wusste bereits, worauf Titus hinauswollte.

    „Wir müssen sehen, wer nach Varro kommt.“

    VI. Selinas Methode

    In Rom hatte unterdessen Salina eine eigene Idee.

    „Ihr macht einen Fehler.“

    Titus blickte von seinen Tafeln auf.

    „Welchen?“

    „Ihr beobachtet Männer.“

    Massad sah Titus an.

    „Ich beobachte gern Männer.“

    „Das merkt man.“

    Selina setzte sich.

    „Ihr verfolgt Varro. Ihr verfolgt Kuriere. Ihr beobachtet das Lagerhaus.“

    „Und?“

    „Wer kocht für sie?“

    Titus schwieg.

    „Wer wäscht ihre Kleidung? Wer kauft ihr Essen? Wer leert ihre Latrinen? Wer bringt Wein? Wer bringt Öl?“

    Massad hörte jetzt aufmerksam zu.

    Salina fuhr fort:

    „Männer wie Varro sehen Menschen unter ihrem Stand nicht.“

    Titus begann zu verstehen.

    „Sklaven.“

    „Sklaven. Diener. Lieferanten. Prostituierte. Wirte.“

    Massad grinste.

    „Und die wissen alles.“

    Salina lächelte.

    „Jetzt denkst du.“

    VII. Der erste Durchbruch

    Zwei Tage später kannte Massad den Namen eines Mannes.

    Publius Fabius Crispus.

    Ein kleiner Verwaltungsbeamter.

    Kein bedeutender Mann.

    Kein Senator.

    Kein Angehöriger des Kaiserhauses.

    Ein Schreiber, der mit Transport- und Versorgungspapieren zu tun hatte.

    Aber Crispus besuchte das Lagerhaus.

    Nicht regelmäßig.

    Nur einmal alle acht oder zehn Tage.

    Und immer nachts.

    Titus zog die nächste Linie.

    VARRO → LAGERHAUS → CRISPUS.

    Salina betrachtete sie.

    „Das ist dein Verwaltungsbeamter.“

    „Vielleicht.“

    Massad stöhnte.

    „Wann ist bei dir eigentlich jemand schuldig?“

    „Wenn ich weiß, dass er schuldig ist.“

    „Langweilig.“

    „Nützlich.“

    IX. Titus lässt einen Fehler geschehen

    In Rom wurde Titus ungeduldig. Und genau das bemerkte Salina.

    „Du willst hinein.“

    Titus antwortete nicht.

    „Titus.“

    „Ja.“

    „Nein.“

    Er sah sie an.

    „Seit wann entscheidest du das?“

    „Seit du auf die Idee gekommen bist, nachts in ein Lagerhaus einzubrechen, das möglicherweise von Verschwörern benutzt wird.“

    Massad kam herein.

    „Ich finde die Idee gut.“

    Salina drehte sich zu ihm.

    „Natürlich.“

    Massad setzte sich.

    „Aber ich würde Titus nicht mitnehmen.“

    „Warum?“

    „Weil er aussieht wie ein Aurelier.“

    Titus hob eine Augenbraue. Massad deutete auf seine Tunika.

    „Selbst wenn wir dich in Lumpen stecken, siehst du aus wie ein Mann, der noch nie einen Sack Getreide getragen hat.“

    Salina lachte. Titus nicht.

    „Dann gehst du.“

    Massad wurde ernst.

    „Nein.“

    Jetzt überraschte er beide.

    „Wir gehen überhaupt nicht hinein.“

    „Warum?“

    „Weil jemand herauskommen wird.“

    X. Sie nehmen den Kurier

    Zwei Nächte später verließ tatsächlich ein Mann das Lagerhaus.

    Massads Leute folgten ihm. Nicht bis zu seinem Haus.

    Nicht bis zu einer Schenke. Sie warteten.

    Der Mann ging durch eine enge Gasse.

    Corvinus stand plötzlich vor ihm.

    Der Kurier drehte sich um.

    Lupus stand hinter ihm.

    „Freunde“, sagte Corvinus.

    „Ich habe kein Geld.“

    „Wir wollen kein Geld.“

    Der Kurier griff unter seine Tunika.

    Lupus packte seinen Arm.

    Sekunden später lag der Mann an der Wand.

    Massad trat aus dem Schatten.

    „Wir wollen nur etwas sehen.“

    Sie fanden eine Wachstafel. Versiegelt.

    Massad brach sie nicht auf. Er brachte sie Titus.

    Selina betrachtete das Siegel.

    „Wenn ihr das öffnet, weiß der Empfänger, dass jemand die Nachricht gelesen hat.“

    Titus nickte.

    Massad fragte:

    „Also?“

    Titus nahm die Tafel.

    „Wir lesen sie nicht.“

    Massad starrte ihn an.

    „Wir haben einen Mann zusammengeschlagen, um seine Nachricht nicht zu lesen?“

    „Ihr solltet niemanden schlagen.“

    „Er ist gestolpert.“

    Selina verdrehte die Augen. Titus betrachtete das Siegel.

    „Wir brauchen nicht zu wissen, was darin steht.“

    Er gab die Tafel zurück.

    „Wir müssen wissen, wem er sie gibt.“

    XI. Der Mann hinter Crispus

    Der Kurier wurde freigelassen. Er glaubte, gewöhnlichen Straßenräubern entkommen zu sein.

    Am nächsten Morgen folgte Corvinus ihm. Der Kurier ging nicht zu Varro.

    Nicht zum Lagerhaus. Er ging zu Crispus.

    Titus hatte damit:

    VARRO → LAGERHAUS → KURIER → CRISPUS.

    Doch Crispus war nicht das Ende.

    Denn noch am selben Abend verließ Crispus sein Haus.

    Salina, Titus und Massad beobachteten ihn aus einer gedeckten Sänfte.

    Crispus ging durch mehrere Straßen.

    Dann betrat er ein großes Haus.

    Titus wurde still.

    Salina bemerkte es.

    „Kennst du das Haus?“

    „Nein.“

    Massad blickte auf den Eingang.

    „Aber du kennst das Zeichen.“

    Über dem Eingang befand sich ein Familienemblem.

    Titus nickte.

    „Ich habe es schon einmal gesehen.“

    „Wo?“

    Titus sah zu Salina.

    „Bei Varro.“

    Stille.

    Damit schloss sich der erste Kreis.

    XIV. Titus erkennt die eigentliche Gefahr

    Zurück in der Villa Aurelia standen Titus, Salina und Massad wieder vor dem Tisch. Jetzt lagen dort fünf Steine.

    Varro.

    Das Lagerhaus.

    Der Kurier.

    Crispus.

    Das unbekannte Haus.

    Massad deutete darauf.

    „Jetzt gehen wir hinein.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Titus.“

    „Nein.“

    Salina beobachtete ihn.

    „Du hast Angst.“

    Massad sah überrascht zu ihr.

    Titus schwieg. Dann nickte er.

    „Ja.“

    Salina trat näher.

    „Vor wem?“

    Titus blickte auf das Netz.

    „Nicht vor ihnen.“

    Er zeigte auf Crispus.

    „Vor dem, was wir nicht sehen.“

    Sein Finger wanderte weiter.

    Varro.

    Kuriere.

    Germania.

    Lagerhaus.

    Beamte.

    „Das sind zu viele Menschen.“

    Massad verstand.

    „Für einen einzelnen Mann.“

    „Genau.“

    Titus setzte einen letzten schwarzen Stein oberhalb aller anderen.

    ?

    „Varro führt das nicht.“

    „Crispus auch nicht“, sagte Salina.

    „Nein.“

    „Also suchen wir den Mann dort oben.“

    Titus nickte.

    Massad betrachtete den schwarzen Stein.

    „Und wenn wir ihn finden?“

    Titus schwieg einen Moment.

    „Dann finden wir zuerst heraus, was er vorhat.“

    Massad lächelte.

    „Und danach?“

    Titus sah ihn an.

    „Danach darfst du deine Gladiatoren holen.“

    Massads Lächeln wurde breiter.

    Salina seufzte.

    „Das hätte er jetzt besser nicht gesagt.“

    XV. Zwei Männer – dasselbe Netz

    In derselben Nacht stehen zwei Männer Hunderte Meilen voneinander entfernt über zwei verschiedenen Karten.

    In Rom:

    Titus Aurelius Romanus.

    Vor ihm:

    VARRO → LAGERHAUS → KURIER → CRISPUS → ?

    In Mogontiacum:

    Faustus Iunius Rupa.

    Vor ihm:

    MARKWART → HADUBRAND → RHEINÜBERGANG → KONTAKTMANN → ?

    Beide zeichnen unabhängig voneinander die nächste Linie.

    Und beide Linien führen zum selben Ort.

    ROMA.

    Faustus betrachtet das Wort.

    „Rom.“

    Zur selben Zeit steht Titus vor seiner Karte.

    Selina kommt hinter ihn.

    „Was ist?“

    Titus antwortet nicht sofort. Dann zeigt er auf die beiden Enden seines Netzes.

    „Wir haben die ganze Zeit angenommen, dass jemand aus Rom Nachrichten nach Germania schickt.“

    „Und?“

    Titus dreht sich zu ihr.

    „Was, wenn es in beide Richtungen geht?“

    Massad hebt den Kopf. Titus schaut wieder auf die Karte.

    „Was, wenn die Germanen nicht nur Befehle erhalten?“

    Salina versteht als Erste.

    „Sie liefern etwas.“

    Titus nickt.

    „Informationen.“

    Massad steht auf.

    „Über was?“

    Titus schaut auf das schwarze Fragezeichen.

    „Das ist die nächste Frage.“

    Draußen liegt Rom im Dunkeln.

    Und irgendwo in dieser gewaltigen Stadt glaubt ein Mann noch immer, dass sein Netz unentdeckt ist.

    Er weiß nicht, dass ein neugieriger Aurelier begonnen hat, an einem seiner Fäden zu ziehen.

    Und er weiß erst recht nicht, dass weit im Norden ein Mann namens Faustus Iunius Rupa dasselbe tut.

    Noch kennen Titus und Faustus einander nicht.

    Aber sie kommen aufeinander zu. Von beiden Enden desselben Netzes.

    Der nächste Abschnitt kann jetzt einen richtig starken Sprung machen:


    **DIES XIII – FILUM („Der Faden“) **. Die drei Figuren in Rom kommen jetzt erst einmal richtig in Gefahr bringen. Selina versucht, über eine gesellschaftliche Bekanntschaft an den Haushalt hinter dem unbekannten Haus heranzukommen; Massad schleust einen seiner Veteranen als Arbeiter ins Lagerhaus ein; und Titus begeht seinen ersten schweren Fehler – er stellt eine scheinbar harmlose Frage an den falschen Mann und verrät damit den Verschwörern, dass jemand ihre Verbindungen untersucht.

    Parallel kann Faustus seinen Kontaktmann in Mogontiacum nicht einfach festnehmen, sondern gezielt mit falschen Informationen füttern. Dadurch könnte erstmals eine von Faustus erfundene Nachricht über Hadubrand und das germanische Netz nach Rom gelangen – und dort ausgerechnet von Massads Männern entdeckt werden. Das wäre der erste belastbare Beweis dafür, dass Titus und Faustus tatsächlich dieselbe Organisation von zwei Seiten verfolgen, noch bevor sie voneinander wissen.



    Teil VII der Verschwörung um Faustus Iunius Rupa und Titus Aurelis Romanus

    SIN OFF: "Die hier aufgeführte Erzählung beginnt auf dem Markt in Rom und geht zur Villa Aurelia über, gleichzeitig operiert Faustus Iunius Rupa um mehr Informationen über die enttarnte Verschwörung von wem auch immer zu erlangen. Zur Vereinfachung bitte immer die Überschriften nutzen, da diese mit römischen Zahlen markiert sind"

  • Eine Taverne abseits der großen Straßen.


    Paullus betritt die Taverne und schaut sich um und lächelt, denn saßen sie, ein Wachoffizier und und ein Beamter, beide auf mittler Ebene angesiedelt. Beide, Paullus Samius Scandilianus Cato und Tiberius Caecius Gavianus waren alte Bekannte von ihm. Paullus begrüßte sie und setzte sich zu ihnen. Die Männer waren in Zivil und fielen so nicht auf.

    „Lucius Cassius Varro und Publius Fabius Crispus, was habt Ihr?

    Gavianus äußerte sich als erster.

    "Crispus steckt des öfteren mit einen gewissen Nero Patulcius Trogus zusammen."

    Nun war es Cato der die Ohren spitzte.

    "Sagtes Du Trogus? Trogus der Eunuch? Jener ist es der mit Varro des öfteren gesehen."

    Nun wurde Pauulus aufmerksam.

    "Es scheint dieser Nero Patulcius Trogus, ein Eunuch , wie festgestellt ist die Verbindung? Nun jener hat Zugang zu den Räumen im Palast, wo nicht ein jeglicher hinkommt."

    Beide nickten und Paullus war mit dem Gehörten zufrieden.

    Man trankt und ass, alles zur Tarnung.

  • Eine Taverne abseits der großen Straßen


    Selbst zu Titus zu gehen hielt Paullus für unklug eben so das einer seiner Bekannten tat. So also ließ er Wein auffahren und schreib den Namen auf eine Tontafel ,welche er dan in ein Stück Stoff einwickelte. Er winkte einen der Schank-und oder Küchenbuben. Ein blasser Knabe trabte an und verneigte sich.

    "Der Herr hat rufen, was ist Dein Begehr Herr?

    Paullus legte die eingewickelte Tontafel auf den Tisch, und zwei Solidi dazu ,viel Geld für so einen Buben.

    "Ist Dir ein Titus Aurelius Romanus bekannt, Bursche? Zumindest sein Haus? wenn ja , so gehe dorthin und überbringen ihm und nur ihm dieses Tei und das ohne nachzuschauen, was es ist! Du erhältst die Solodi, kehrst Du heim, der Auftrag wurde zur Zufriedenheit erfüllt , bekommst Du den selben Anteil noch einmal. Willst Du es tun?"

    Welche frage ,dem Knaben sprang vor Freude das Herze höher. er verneigte sich und antwortet.

    "Ja Herr ,das Haus kenne ich. Das will ich gern tun und danke für Dein Vertrauen."

    Nun der gute Paullus hatte soeben aus einen mittellosen Knaben, einen für seine Verhältnisse wohlhabenden gemacht.

    Paullus drückte dem Knaben die eingewickelte Tafel in die Hand gab jenem die Solodi. Der Knabe verbeugte sich abermals und verließ flinken Fußes die Taverne, um den Auftrag auszuführen.


    Nero Patulcius Trogus

    Eunuch am Hofe

    Verbindung zu unseren Freunden Varro und Crispus

  • Titus hatte von Paullus eine Nachricht erhalten. Auf dieser stand ein Name den er vom hören sagen kannte, aber bisher vermieden hatte diese Person zu treffen." Nero Patulcius Trogus" ein Eunuch der laut Information Varro und Crispus kannte. Dieser Eunuch war im kaiserlichen Palast und ging dort ein und aus. Welche genaue Position er inne hatte erschloss sich Titus nicht wirklich. Es schien an der Zeit zu sein sich mit Paullus zu treffen und sich genauer auszutauschen. Im Prinzip lief die Geheimhaltung zwischen ihnen optimal, so dass es geboten schien so weiter vorzugehen. Doch im Aurelier brodelte es ordentlich und er wollte endlich diese komische Situation beenden. und zwar erfolgreich. So entschied sich Titus doch die abseits gelegene Taverne, in der sich Paullus gewöhnlich aufhielt aufzusuchen.


    Tatsächlich sah Titus als er ankam Paullus entspannt sitzen. Er war sich aber absolut sicher, dass Paullus innerhalb kürzester Zeit bei Gefahr reaktionsbereit gewesen wäre.

    "Salve Paullus, ich musste jetzt doch kommen um mich mit dir genauer auszutauschen. Ich bin unbemerkt hergekommen und draußen stehen Selina und Massad bereit sollte jemand etwas versuchen wollen. Lass uns gleich zur Sache kommen, was genau weisst du über diesen Eunuchen und welche Position hat er im kaiserlichen Palast?"

  • I. Vorposten der Exploratio Imperii

    Rom - Die Villa Aurelia

    Während Faustus Hadubrands Unterlagen untersuchte, saßen Titus Aurelius Romanus, Selina und Massad im Garten der Villa Aurelia. Titus betrachtete eine Wachstafel. Selina hatte die Füße auf einen niedrigen Schemel gelegt und beobachtete ihn. Massad aß Feigen.

    „Du wirst noch Löcher in diese Tafel starren“, bemerkte Salina.

    Titus reagierte nicht.

    „Titus!“

    „Was?“

    „Du siehst seit einer halben Stunde denselben Namen an.“

    „Publius Fabius Crispus.“

    Massad verschluckte sich beinahe.

    „Wenn du ihn noch einmal aussprichst, erscheint er vielleicht persönlich.“

    Salina lachte. Titus legte die Tafel auf den Tisch.

    „Wir wissen, dass Varro das Lagerhaus besucht. Wir wissen, dass Kuriere aus dem Norden dort erscheinen. Und wir wissen, dass Crispus mit beiden in Verbindung steht.“

    Massad nickte.

    „Und wir wissen, wo er wohnt.“

    „Das genügt nicht.“

    „Mir schon.“

    Salina setzte sich aufrecht hin.

    „Massad, du wirst diesen Mann nicht einfach zusammenschlagen.“

    „Ich habe überhaupt nichts gesagt.“

    „Du hast es gedacht.“

    Massad grinste.

    „Dann solltest du nicht in meinem Kopf herumspazieren.“

    Titus unterbrach sie.

    „Ich möchte wissen, woher Crispus sein Geld bekommt.“

    Salina sah ihn an.

    „Dann sollten wir nicht Crispus beobachten.“

    „Sondern?“

    „Seinen Haushalt.“

    Massad legte die letzte Feige beiseite.

    „Jetzt wird es interessant.“

    VI. Selinas Entdeckung

    Selina hatte inzwischen herausgefunden, dass Crispus regelmäßig einen bestimmten Stoffhändler aufsuchte. Nicht wegen seiner Kleidung. Der Händler unterhielt Geschäftsbeziehungen zu mehreren wohlhabenden Haushalten Roms. Und seine Frau kannte Selina. Am folgenden Nachmittag kehrte Selina von einem Besuch zurück. Titus wartete bereits.

    „Nun?“

    Sie nahm sich zunächst einen Becher verdünnten Wein. Massad verdrehte die Augen.

    „Sie macht das absichtlich.“

    Salina lächelte.

    „Natürlich.“

    Titus trat näher.

    „Selina!“

    „Crispus ist kein reicher Mann.“

    „Das wussten wir.“

    „Seine Frau gibt allerdings Geld aus, als wäre er einer.“

    Massad richtete sich auf.

    „Wie viel?“

    „Genug, um aufzufallen.“

    „Woher kommt das Geld?“

    Salina setzte ihren Becher ab.

    „Das ist das Interessante. Offenbar erhält Crispus regelmäßig Zahlungen für die Vermittlung von Handelsgeschäften.“

    Titus wurde aufmerksam.

    „Welche Geschäfte?“

    „Transporte.“

    „Wohin?“

    Salina sah ihn an.

    „Unter anderem nach Germania.“

    Titus blieb stehen. Massad pfiff leise.

    „Da haben wir es.“

    „Noch nicht“, erwiderte Titus.

    Salina lächelte.

    „Aber wir kommen näher.“

    VII. Massad und Gladiator Paullus und seine Männer

    Am Abend traf sich Massad mit Corvinus und zwei weiteren ehemaligen Legionären in einer Schenke nahe dem Emporium.

    Corvinus begrüßte ihn.

    „Was gibt es?“

    Massad setzte sich.

    „Ich brauche Informationen über einen Mann.“

    „Schon wieder?“

    „Publius Fabius Crispus.“

    Corvinus verzog das Gesicht.

    „Den beobachten wir doch bereits.“

    „Jetzt möchte ich wissen, mit wem er Geschäfte macht.“

    „Das kostet.“

    Massad grinste.

    „Titus bezahlt.“

    Corvinus lachte.

    „Dann wird es teuer.“

    Massad wurde ernst.

    „Ich möchte keine Schlägerei. Keine Toten. Und niemand soll erfahren, dass wir uns für Crispus interessieren.“

    Corvinus betrachtete ihn.

    „Seit wann bist du so vorsichtig?“

    „Seit ich begriffen habe, dass wir möglicherweise Männer beobachten, die uns verschwinden lassen könnten.“

    Corvinus hörte auf zu lachen.

    „Wie gefährlich?“

    Massad beugte sich vor.

    „Das versuchen wir gerade herauszufinden.“

    VIII. Der Mann aus Germania

    Zwei Tage später brachte Corvinus eine Nachricht zur Villa Aurelia. Titus, Salina und Massad versammelten sich im Arbeitszimmer.

    Corvinus berichtete:

    „Ein Mann aus Germania ist gestern Abend im Lagerhaus eingetroffen.“

    Titus blickte auf.

    „Ein Germane?“

    „Ja.“

    „Name?“

    „Hadubrand.“

    Titus griff nach seinem Griffel.

    „Was wissen wir über ihn?“

    „Händler. Vieh, Felle, Getreide. Er reist regelmäßig zwischen Germania und Mogontiacum.“

    Selina runzelte die Stirn.

    „Was macht er in Rom?“

    Corvinus zuckte mit den Schultern.

    „Geschäfte.“

    Massad lachte trocken.

    „Natürlich.“

    Titus betrachtete seine Wachstafel.

    „Hat Hadubrand Crispus getroffen?“

    „Noch nicht. Aber er hat sich nach ihm erkundigt.“

    „Und Varro?“

    „War gestern Abend im Lagerhaus.“

    Titus stand auf.

    „Dann dürfen wir Hadubrand nicht aus den Augen verlieren.“

    Selina sah ihn an.

    „Du glaubst, er verbindet Germania mit unserem falschen Varro?“

    Titus nickte langsam.

    „Vielleicht ist er genau der Mann, nach dem wir seit Tagen suchen.“

    XII. Rom – Titus erhält eine Warnung

    Spät in der Nacht klopfte Massad an Titus' Tür.

    „Titus!“

    Dieser öffnete.

    „Was ist geschehen?“

    Massad trat ein.

    „Corvinus hat einen unserer Beobachter verloren.“

    Titus wurde blass.

    „Tot?“

    „Nein. Verschwunden.“

    „Wann?“

    „Heute Abend.“

    „Wo?“

    „Beim Lagerhaus.“

    Titus griff nach seinem Mantel. Massad hielt ihn zurück.

    „Du gehst nirgendwohin.“

    „Wir müssen ihn suchen.“

    „Das tun meine Männer bereits.“

    In diesem Augenblick erschien Selina.

    „Was ist los?“

    Massad erklärte die Situation. Selina blickte Titus an.

    „Sie wissen es.“

    „Was?“

    „Dass jemand sie beobachtet.“

    Titus schwieg. Massad nickte.

    „Und ich fürchte, sie wissen inzwischen auch, wer dahintersteckt.“

    Selina trat zum Tisch. Dort lagen die Namen der Verdächtigen.

    Varro.

    Crispus.

    Hadubrand.

    Und der unbekannte Hintermann.

    Sie betrachtete die Tafeln.

    „Wir müssen herausfinden, ob unser Mann gefangen genommen wurde.“

    Titus nickte.

    „Und wir müssen damit rechnen, dass sie uns beobachten.“

    Massad zog seinen Dolch aus der Scheide und betrachtete die Klinge. Selina sah ihn an.

    „Steck das Ding weg.“

    Massad grinste nicht.

    „Diesmal nicht, Selina.“

    XIII. Zwei Männer, ein Name

    In derselben Nacht saßen zwei Männer weit voneinander entfernt über ihren Aufzeichnungen. Faustus Iunius Rupa im vorgeschobenen Beobachtungsposten der Exploratio Imperii.

    Titus Aurelius Romanus in seiner Villa in Rom. Vor beiden lag derselbe Name.

    PUBLIUS FABIUS CRISPUS.

    Faustus betrachtete die Zahlungen für Hadubrands Lebensmitteltransporte.

    Titus betrachtete die Verbindungen zwischen Crispus, Varro und dem Lagerhaus.

    Beide hatten unabhängig voneinander erkannt, dass dieser Mann eine wichtige Rolle spielte.

    Doch noch fehlte ihnen die entscheidende Erkenntnis.

    Crispus war möglicherweise nicht der Auftraggeber.

    Er könnte lediglich dafür sorgen, dass Geld, Waren und Nachrichten zwischen den einzelnen Beteiligten zirkulierten.

    Und während Titus und Faustus versuchten, die Bedeutung dieses Mannes zu verstehen, bereitete der unbekannte Hintermann bereits seine nächste Maßnahme vor.

    Denn auch er hatte inzwischen bemerkt, dass sich etwas verändert hatte.

    Seine Kuriere wurden beobachtet.

    Seine Warenlieferungen wurden überprüft.

    Und zwei Männer, die einander noch nicht kannten, begannen, sein sorgfältig aufgebautes Netz von entgegengesetzten Seiten aufzudecken.

  • VII. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XVI – VESTIGIA

    Die Spuren

    Germania Magna und Rom, 123 n. Chr.

    Exploratio Imperii – Operatio UMBRA SILVARUM

    Der sechzehnte Tag der Ermittlungen begann mit einer Entdeckung, die Faustus Iunius Rupa zunächst für einen Zufall hielt. Noch vor Sonnenuntergang sollte er erkennen, dass die Vorgänge in den germanischen Wäldern mit einem Mann in Rom verbunden waren.

    Zur selben Zeit gerieten Titus Aurelius Romanus, Salina und Massad in eine gefährliche Lage. Sie wussten nicht, dass ihre Nachforschungen bereits die Aufmerksamkeit der Verschwörer erregt hatten.

    Und keiner der Beteiligten ahnte, dass die beiden Ermittlungen unmittelbar vor ihrem ersten gemeinsamen Durchbruch standen.

    V. ROM – Die Villa Aurelia

    Während Faustus Hadubrands Unterlagen untersuchte, saßen Titus Aurelius Romanus, Selina und Massad im Garten der Villa Aurelia. Titus betrachtete eine Wachstafel.Selina hatte die Füße auf einen niedrigen Schemel gelegt und beobachtete ihn. Massad aß Feigen.

    „Du wirst noch Löcher in diese Tafel starren“, bemerkte Selina.

    Titus reagierte nicht.

    „Titus!“

    „Was?“

    „Du siehst seit einer halben Stunde denselben Namen an.“

    „Publius Fabius Crispus.“

    Massad verschluckte sich beinahe.

    „Wenn du ihn noch einmal aussprichst, erscheint er vielleicht persönlich.“

    Salina lachte. Titus legte die Tafel auf den Tisch.

    „Wir wissen, dass Varro das Lagerhaus besucht. Wir wissen, dass Kuriere aus dem Norden dort erscheinen. Und wir wissen, dass Crispus mit beiden in Verbindung steht.“

    Massad nickte.

    „Und wir wissen, wo er wohnt.“

    „Das genügt nicht.“

    „Mir schon.“

    Salina setzte sich aufrecht hin.

    „Massad, du wirst diesen Mann nicht einfach zusammenschlagen.“

    „Ich habe überhaupt nichts gesagt.“

    „Du hast es gedacht.“

    Massad grinste.

    „Dann solltest du nicht in meinem Kopf herumspazieren.“

    Titus unterbrach sie.

    „Ich möchte wissen, woher Crispus sein Geld bekommt.“

    Salina sah ihn an.

    „Dann sollten wir nicht Crispus beobachten.“

    „Sondern?“

    „Seinen Haushalt.“

    Massad legte die letzte Feige beiseite.

    „Jetzt wird es interessant.“

    VI. Selinas Entdeckung

    Salina hatte inzwischen herausgefunden, dass Crispus regelmäßig einen bestimmten Stoffhändler aufsuchte. Nicht wegen seiner Kleidung. Der Händler unterhielt Geschäftsbeziehungen zu mehreren wohlhabenden Haushalten Roms. Und seine Frau kannte Selina. Am folgenden Nachmittag kehrte Salina von einem Besuch zurück. Titus wartete bereits.

    „Nun?“

    Sie nahm sich zunächst einen Becher verdünnten Wein. Massad verdrehte die Augen.

    „Sie macht das absichtlich.“

    Selina lächelte.

    „Natürlich.“

    Titus trat näher.

    „Selina!“

    „Crispus ist kein reicher Mann.“

    „Das wussten wir.“

    „Seine Frau gibt allerdings Geld aus, als wäre er einer.“

    Massad richtete sich auf.

    „Wie viel?“

    „Genug, um aufzufallen.“

    „Woher kommt das Geld?“

    Selina setzte ihren Becher ab.

    „Das ist das Interessante. Offenbar erhält Crispus regelmäßig Zahlungen für die Vermittlung von Handelsgeschäften.“

    Titus wurde aufmerksam.

    „Welche Geschäfte?“

    „Transporte.“

    „Wohin?“

    Salina sah ihn an.

    „Unter anderem nach Germania.“

    Titus blieb stehen. Massad pfiff leise.

    „Da haben wir es.“

    „Noch nicht“, erwiderte Titus.

    Salina lächelte.

    „Aber wir kommen näher.“

    VII. Massad und die Gladiatoren

    Am Abend traf sich Massad mit Corvinus und zwei weiteren ehemaligen Legionären in einer Schenke nahe dem Emporium. Corvinus begrüßte ihn.

    „Was gibt es?“

    Massad setzte sich.

    „Ich brauche Informationen über einen Mann.“

    „Schon wieder?“

    „Publius Fabius Crispus.“

    Corvinus verzog das Gesicht.

    „Den beobachten wir doch bereits.“

    „Jetzt möchte ich wissen, mit wem er Geschäfte macht.“

    „Das kostet.“

    Massad grinste.

    „Titus bezahlt.“

    Corvinus lachte.

    „Dann wird es teuer.“

    Massad wurde ernst.

    „Ich möchte keine Schlägerei. Keine Toten. Und niemand soll erfahren, dass wir uns für Crispus interessieren.“

    Corvinus betrachtete ihn.

    „Seit wann bist du so vorsichtig?“

    „Seit ich begriffen habe, dass wir möglicherweise Männer beobachten, die uns verschwinden lassen könnten.“

    Corvinus hörte auf zu lachen.

    „Wie gefährlich?“

    Massad beugte sich vor.

    „Das versuchen wir gerade herauszufinden.“

    VIII. Der Mann aus Germania

    Zwei Tage später brachte Corvinus eine Nachricht zur Villa Aurelia. Titus, Selina und Massad versammelten sich im Arbeitszimmer.

    Corvinus berichtete:

    „Ein Mann aus Germania ist gestern Abend im Lagerhaus eingetroffen.“

    Titus blickte auf.

    „Ein Germane?“

    „Ja.“

    „Name?“

    „Hadubrand.“

    Titus griff nach seinem Griffel.

    „Was wissen wir über ihn?“

    „Händler. Vieh, Felle, Getreide. Er reist regelmäßig zwischen Germania und Mogontiacum.“

    Selina runzelte die Stirn.

    „Was macht er in Rom?“

    Corvinus zuckte mit den Schultern.

    „Geschäfte.“

    Massad lachte trocken.

    „Natürlich.“

    Titus betrachtete seine Wachstafel.

    „Hat Hadubrand Crispus getroffen?“

    „Noch nicht. Aber er hat sich nach ihm erkundigt.“

    „Und Varro?“

    „War gestern Abend im Lagerhaus.“

    Titus stand auf.

    „Dann dürfen wir Hadubrand nicht aus den Augen verlieren.“

    Salina sah ihn an.

    „Du glaubst, er verbindet Germania mit unserem falschen Varro?“

    Titus nickte langsam.

    „Vielleicht ist er genau der Mann, nach dem wir seit Tagen suchen.“

    XII. Rom – Titus erhält eine Warnung

    Spät in der Nacht klopfte Massad an Titus' Tür.

    „Titus!“

    Dieser öffnete.

    „Was ist geschehen?“

    Massad trat ein.

    „Corvinus hat einen unserer Beobachter verloren.“

    Titus wurde blass.

    „Tot?“

    „Nein. Verschwunden.“

    „Wann?“

    „Heute Abend.“

    „Wo?“

    „Beim Lagerhaus.“

    Titus griff nach seinem Mantel.

    Massad hielt ihn zurück.

    „Du gehst nirgendwohin.“

    „Wir müssen ihn suchen.“

    „Das tun meine Männer bereits.“

    In diesem Augenblick erschien Selina.

    „Was ist los?“

    Massad erklärte die Situation. Selina blickte Titus an.

    „Sie wissen es.“

    „Was?“

    „Dass jemand sie beobachtet.“

    Titus schwieg. Massad nickte.

    „Und ich fürchte, sie wissen inzwischen auch, wer dahintersteckt.“

    Selina trat zum Tisch. Dort lagen die Namen der Verdächtigen.

    Varro.

    Crispus.

    Hadubrand.

    Und der unbekannte Hintermann. Sie betrachtete die Tafeln.

    „Wir müssen herausfinden, ob unser Mann gefangen genommen wurde.“

    Titus nickte.

    „Und wir müssen damit rechnen, dass sie uns beobachten.“

    Massad zog seinen Dolch aus der Scheide und betrachtete die Klinge. Selina sah ihn an.

    „Steck das Ding weg.“

    Massad grinste nicht.

    „Diesmal nicht, Salina.“

    XIII. Zwei Männer, ein Name

    In derselben Nacht saßen zwei Männer weit voneinander entfernt über ihren Aufzeichnungen. Faustus Iunius Rupa im vorgeschobenen Beobachtungsposten der Exploratio Imperii.

    Titus Aurelius Romanus in seiner Villa in Rom. Vor beiden lag derselbe Name.

    PUBLIUS FABIUS CRISPUS.

    Faustus betrachtete die Zahlungen für Hadubrands Lebensmitteltransporte.

    Titus betrachtete die Verbindungen zwischen Crispus, Varro und dem Lagerhaus.

    Beide hatten unabhängig voneinander erkannt, dass dieser Mann eine wichtige Rolle spielte.

    Doch noch fehlte ihnen die entscheidende Erkenntnis. Crispus war möglicherweise nicht der Auftraggeber.

    Er könnte lediglich dafür sorgen, dass Geld, Waren und Nachrichten zwischen den einzelnen Beteiligten zirkulierten.

    Und während Titus und Faustus versuchten, die Bedeutung dieses Mannes zu verstehen, bereitete der unbekannte Hintermann bereits seine nächste Maßnahme vor.

    Denn auch er hatte inzwischen bemerkt, dass sich etwas verändert hatte.

    Seine Kuriere wurden beobachtet.

    Seine Warenlieferungen wurden überprüft.

    Und zwei Männer, die einander noch nicht kannten, begannen, sein sorgfältig aufgebautes Netz von entgegengesetzten Seiten aufzudecken.


    DIES XVII – PRODITIO

    Der Verrat

    Imperium Romanum, 123 n. Chr.

    Rom – Mogontiacum – Germania Magna

    Operatio UMBRA SILVARUM

    Der Verrat begann nicht mit einem gezogenen Schwert. Er begann mit einem verschwundenen Mann, einer gefälschten Nachricht und einem Namen, der in keinem der bisherigen Ermittlungsberichte aufgetaucht war.

    In Rom suchten Titus Aurelius Romanus, Selina und Massad nach dem verschwundenen ehemaligen Legionär. An der germanischen Grenze untersuchte Faustus Iunius Rupa die Verbindung zwischen Hadubrand, Markwart und Publius Fabius Crispus.

    Ein weiterer Mann bewegte sich nahezu unsichtbar zwischen den beiden Schauplätzen: Paullus, ein Gladiator, der mehr wusste, als seine Umgebung ahnte.

    Und im kaiserlichen Palast saß Nero Patulcius Trogus.

    Ein Eunuch im Dienst des Palastes. Ein Mann, den zahlreiche Würdenträger täglich sahen, ohne ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

    Niemand ahnte, dass ausgerechnet er die Fäden der Verschwörung in seinen Händen hielt.

    I. ROM – Ein Mann verschwindet

    Die Nacht lag über der Villa Aurelia. Titus stand im Arbeitszimmer. Vor ihm lagen die Wachstafeln mit den Namen der Verdächtigen. Selina saß am Tisch. Massad ging unruhig auf und ab.

    „Wir haben ein Problem“, erklärte Massad.

    Titus sah auf.

    „Das hast du bereits gesagt.“

    „Dann hast du offenbar noch nicht verstanden, wie groß es ist.“

    Selina stellte ihren Becher ab.

    „Massad, fang von vorne an.“

    Massad blieb stehen.

    „Naso sollte gestern das Lagerhaus beobachten. Corvinus hat ihn am Abend abgelöst. Als Naso zum vereinbarten Treffpunkt kommen sollte, erschien er nicht.“

    „Vielleicht wurde er aufgehalten“, meinte Titus.

    Massad schüttelte den Kopf.

    „Naso ist ein ehemaliger Legionär. Er hat zwölf Jahre Dienst hinter sich. Wenn er nicht erscheint, gibt es dafür einen Grund.“

    „Habt ihr seine Unterkunft überprüft?“

    „Ja. Niemand hat ihn gesehen.“

    Selina dachte nach.

    „Wer wusste, dass Naso das Lagerhaus beobachtet?“

    „Corvinus, Marcellus, Lupus, Celer, ich und ihr beide.“

    Titus hob den Kopf.

    „Du glaubst, einer deiner Männer hat ihn verraten?“

    Massad schwieg. Selina sah ihn aufmerksam an.

    „Massad?“

    „Ich glaube inzwischen gar nichts mehr.“

    Er zog eine kleine Wachstafel aus seinem Mantel.

    „Aber das hier wurde heute Morgen vor meiner Tür abgelegt.“

    Titus nahm sie entgegen. Darauf standen lediglich vier Worte:

    DESINITE QUAERERE. HOMO VESTER VIVIT. (Hört auf zu suchen. Euer Mann lebt.)

    Titus las die Nachricht zweimal.

    „Eine Drohung.“

    Massad nickte.

    „Und eine Einladung.“

    „Wozu?“

    „Einen Fehler zu machen.“

    Selina stand auf.

    „Dann sollten wir ihnen diesen Gefallen nicht tun.“

    II. SELINA – Die Frau, die niemand beachtet

    Am folgenden Morgen besuchte Selina eine Bekannte, deren Familie Geschäftsbeziehungen zu mehreren wohlhabenden Haushalten Roms unterhielt. Sie hatte einen Verdacht. Wenn Publius Fabius Crispus tatsächlich in die Verschwörung verwickelt war, musste er sein Geld irgendwo erhalten. Und Geld hinterließ Spuren. Ihre Bekannte empfing sie in einem kleinen Garten.

    „Selina! Was führt dich zu mir?“

    „Neugier.“

    „Das klingt gefährlich.“

    „Nur für Menschen, die etwas zu verbergen haben.“

    Die Frauen lachten. Während des Gesprächs lenkte Selina das Thema scheinbar beiläufig auf Crispus.

    „Seine Frau soll kürzlich einen außergewöhnlich teuren Stoff gekauft haben.“

    „Allerdings.“

    „Dabei ist ihr Mann doch nur ein kleiner Verwaltungsbeamter.“

    Ihre Bekannte senkte die Stimme.

    „Man erzählt sich, dass er inzwischen sehr einflussreiche Freunde besitzt.“

    „Wirklich?“

    „Er erhält gelegentlich Besuch aus dem kaiserlichen Palast.“

    Selina hielt ihren Becher ruhig.

    „Aus dem Palast?“

    „Ja. Ein Bediensteter lässt regelmäßig Nachrichten überbringen.“

    „Kennst du seinen Namen?“

    „Nein. Aber er ist ein Eunuch.“

    Selina spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

    Sie ließ sich nichts anmerken.

    „Wie interessant.“

    III. DER KAISERPALAST – Nero Patulcius Trogus

    Im Palast auf dem Palatin begann Nero Patulcius Trogus seinen gewöhnlichen Dienst. Er war ein Eunuch, der im Umfeld der kaiserlichen Haushaltsverwaltung arbeitete. Durch seine Tätigkeit hatte er Zugang zu zahlreichen Bediensteten, Schreibern und Boten. Seine offizielle Stellung war unscheinbar. Seine tatsächlichen Verbindungen waren es nicht. Vor ihm lagen mehrere Schriftrollen. Eine betraf Lieferungen an militärische Einrichtungen. Eine zweite enthielt private Handelsabrechnungen. Die dritte trug kein amtliches Siegel. Trogus öffnete sie zuerst. Ein Mann trat ein.

    „Die Nachricht aus Germania.“

    Trogus las schweigend. Dann legte er das Schreiben beiseite.

    „Faustus Iunius Rupa“, murmelte er.

    Der Bote wartete.

    „Er hat den vorgeschobenen Beobachtungsposten persönlich aufgesucht.“

    „Ja, Herr.“

    „Und Hadubrand?“

    „Seine Geschäfte werden untersucht.“

    Trogus verschränkte die Hände.

    „Dann haben wir ein Problem.“

    „Sollen wir Hadubrand warnen?“

    „Nein.“

    Der Bote sah überrascht auf.

    „Aber er könnte festgenommen werden.“

    Trogus lächelte.

    „Dann wird er eben festgenommen.“

    „Er kennt unsere Verbindungen.“

    „Er kennt einige unserer Verbindungen.“

    Trogus nahm eine weitere Wachstafel. Darauf stand ein Name. PUBLIUS FABIUS CRISPUS.

    „Crispus wird uns vielleicht bald ebenfalls Schwierigkeiten bereiten.“

    „Soll er verschwinden?“

    Trogus schüttelte den Kopf.

    „Noch nicht. Ein plötzlich verschwundener Verwaltungsbeamter erregt Aufmerksamkeit.“

    Er blickte zum Fenster.

    „Wir brauchen zunächst einen Mann, dem wir sämtliche Unregelmäßigkeiten zuschreiben können.“

    „Hadubrand?“

    „Möglicherweise.“

    Trogus lächelte.

    „Oder einen gewissen Faustus Iunius Rupa.“

    IV. MASSAD – Die Suche nach Naso

    Massad traf Corvinus in einer Schenke nahe dem Emporium.

    Marcellus und Lupus warteten bereits.

    „Habt ihr etwas gefunden?“

    Corvinus nickte.

    „Naso wurde gesehen.“

    Massad setzte sich.

    „Wo?“

    „In der Subura.“

    „Allein?“

    „Nein. Zwei Männer begleiteten ihn.“

    „Freiwillig?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Massad blickte zu Lupus.

    „Du hast die Männer gesehen?“

    Lupus nickte.

    „Einer trug einen dunklen Mantel. Der andere hatte eine auffällige Narbe am Hals.“

    „Wohin sind sie gegangen?“

    „In ein Gebäude hinter einer Werkstatt.“

    Massad dachte nach.

    „Wie viele Eingänge?“

    „Zwei, die ich sehen konnte.“

    Corvinus beugte sich vor.

    „Wir könnten heute Nacht hineingehen.“

    Massad schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Marcellus sah ihn überrascht an.

    „Seit wann wartest du?“

    „Seit wir wissen, dass jemand unsere Leute verschwinden lassen kann.“

    Er betrachtete Lupus.

    „Beobachte das Gebäude. Niemand unternimmt etwas, bevor wir wissen, wer dort ein und aus geht.“

    Corvinus nickte.

    „Und Titus?“

    „Dem erzählen wir zunächst nur, dass wir eine Spur haben.“

    VIII. ROM – Selina bringt die Nachricht

    Am Abend kehrte Selina zur Villa Aurelia zurück. Titus wartete bereits.

    „Du bist spät.“

    „Und du bist ungeduldig.“

    Massad stand am Fenster.

    „Habt ihr beide eure Begrüßung beendet?“

    Selina setzte sich.

    „Crispus erhält Besuch aus dem kaiserlichen Palast.“

    Titus erstarrte.

    „Was?“

    „Ein Eunuch überbringt regelmäßig Nachrichten.“

    Massad drehte sich um.

    „Ein Eunuch?“

    Selina nickte.

    „Offenbar.“

    Titus begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

    „Das bedeutet, dass Crispus möglicherweise Kontakte in die kaiserliche Haushaltsverwaltung besitzt.“

    Selina nickte.

    „Genau.“

    „Dann könnte der unbekannte Hintermann dort sitzen.“

    Massad lachte trocken.

    „Ausgezeichnet. Wir suchen also einen Mann im kaiserlichen Palast.“

    Titus blieb stehen.

    „Wir suchen zunächst den Boten.“

    Selina sah ihn an.

    „Und diesmal wirst du nicht persönlich hinter ihm herlaufen.“

    „Warum nicht?“

    „Weil du inzwischen wahrscheinlich der einzige Mann in Rom bist, der noch nicht bemerkt hat, dass man uns beobachtet.“

    Massad grinste.

    „Sie hat recht.“

    Titus seufzte.

    „Ihr seid unerträglich.“

    X. Nero Patulcius Trogus erhält eine Warnung

    Im kaiserlichen Palast öffnete Nero Patulcius Trogus eine neue Nachricht. Sie stammte aus Mogontiacum. Faustus Iunius Rupa untersucht die Nachrichtenwege der Lagerverwaltung. Mehrere unterschiedliche Meldungen wurden verbreitet. Trogus las den Text zweimal.

    Dann lächelte er.

    „Ein kluger Mann.“

    Sein Bote wartete.

    „Was sollen wir unternehmen?“

    Trogus legte die Nachricht ins Feuer.

    „Nichts.“

    „Nichts?“

    „Faustus glaubt, einen Verräter suchen zu müssen.“

    „Aber er könnte ihn finden.“

    Trogus stand auf.

    „Dann sorgen wir dafür, dass er jemanden findet.“

    Der Bote verstand.

    „Einen Schuldigen.“

    „Einen überzeugenden Schuldigen.“

    Trogus trat zum Fenster.

    „Und während Faustus seinen Verräter verhört, wird Markwart seine Männer versammeln.“

    „Was ist mit Titus Aurelius Romanus?“

    Trogus' Gesicht veränderte sich.

    „Der junge Mann aus der Gens Aurelia?“

    „Er untersucht Crispus.“

    Trogus schwieg einen Moment.

    „Dann müssen wir ihn beschäftigen.“

    „Wie?“

    Trogus betrachtete den Boten.

    „Er hat Freunde.“

    XI. Die Falle in Rom

    Noch in derselben Nacht erhielt Titus eine Nachricht. Sie wurde von einem unbekannten Jungen zur Villa Aurelia gebracht. Titus öffnete die Wachstafel.

    Darauf stand:

    Euer Mann lebt. Wenn ihr ihn wiedersehen wollt, kommt morgen zur dritten Stunde zum alten Lagerhaus am Tiber.

    Massad las die Nachricht.

    „Eine Falle.“

    Selina nickte.

    „Natürlich.“

    Titus betrachtete die Tafel.

    „Aber Naso könnte tatsächlich dort sein.“

    Massad verschränkte die Arme.

    „Dann werden wir herausfinden, ob das stimmt.“

    „Wie?“

    Massad lächelte.

    „Indem wir nicht tun, was sie verlangen.“

    Selina blickte ihn an.

    „Und was hast du vor?“

    „Corvinus und seine Männer beobachten das Lagerhaus bereits.“

    Titus hob überrascht den Kopf.

    „Seit wann?“

    „Seit gestern.“

    „Warum hast du mir nichts gesagt?“

    Massad zuckte mit den Schultern.

    „Weil du sonst mitgekommen wärst.“

    Selina lachte. Titus betrachtete beide.

    „Ihr habt offenbar beschlossen, mich von meinen eigenen Ermittlungen auszuschließen.“

    Massad wurde ernst.

    „Nein. Wir haben beschlossen, dich am Leben zu halten.“

    XII. Die erste Enthüllung

    Am folgenden Morgen erhielt Massad eine Nachricht von Corvinus. Ein Mann hatte das Lagerhaus verlassen. Er trug einen dunklen Mantel. Und er wurde von einem Begleiter eskortiert.

    Corvinus hatte beide verfolgt. Ihr Weg führte nicht zu Crispus. Nicht zu Varro. Sondern zu einem Gebäude, das unmittelbar mit der Verwaltung des kaiserlichen Haushalts verbunden war.

    Als Massad Titus und Selina davon berichtete, herrschte zunächst Schweigen. Titus betrachtete die Karte Roms.

    „Der Palast.“

    Selina nickte.

    „Genau wie ich vermutet habe.“

    Massad legte die Hände auf den Tisch.

    „Dann sollten wir herausfinden, wer dort unsere Freunde verschwinden lässt.“

    Titus sah ihn an.

    „Und diesmal brauchen wir Beweise.“

    Selina lächelte.

    „Dann sollten wir jemanden finden, der Zugang zum Palast besitzt.“

    Massad dachte an Paullus. Er sagte jedoch nichts.

    XIII. Der unsichtbare Drahtzieher

    Am Abend stand Nero Patulcius Trogus allein in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm lagen drei Nachrichten.

    Die erste betraf Faustus Iunius Rupa.

    Die zweite Titus Aurelius Romanus.

    Die dritte Markwart.

    Trogus betrachtete die Namen. Sein Plan war gefährdet.

    Doch noch besaß er einen entscheidenden Vorteil.

    Faustus wusste nicht, wer in Rom seine Ermittlungen beobachtete.

    Titus wusste nicht, wer im kaiserlichen Palast die Nachrichten empfing.

    Und Markwart wusste nicht, dass der Mann, der seine Lebensmitteltransporte finanzierte, gleichzeitig Informationen an die Römer weitergeben ließ.

    Trogus nahm seinen Griffel.

    Er schrieb eine kurze Nachricht.

    Die nächste Lieferung wird wie vereinbart ausgeführt. Weitere Anweisungen folgen.

    Dann versiegelte er die Tafel.

    Sein Bote trat ein.

    „Wohin?“

    Trogus antwortete:

    „Nach Germania.“

    „An Hadubrand?“

    „Nein.“

    Der Bote sah überrascht auf. Trogus lächelte.

    „Diesmal unmittelbar an Markwart.“

  • Eine Taverne abseits der großen Straßen


    Titus betrat abermals die Taverne, kaum das er saß, erschien Titus. Jener begrüßte ihn freundlich, was Paullus eben so tat. Titus setzte sich , Paullus bestellte, der schein muss gewahr werden. Dann begann er zu berichten und es war doch einigen was inzwischen zusammen gekommen war.

    "Gut beginnen wir mit dem Eunuchen Trogus. Jener scheint vom Rang nicht der Höchste jedoch er hat eine Schlüsselstellung inne und das im wahrsten Sinne des Wortes. Er scheint der Schlüsselwart des Hofes zu sein. Ich will Dir ihn beschreiben, kahlköpfig, massig ohne fett zu wirken, ca 180 m groß, gebräunte Haut. Er speist und trinkt gern und er spielt. Wie man mir von kompetenter Seite bestätige ist er ein durchaus fähiger Beamter und er versteht sich aufs kämpfen, sowohl als Ringer ,wie als Schwertkämpfer. Der Mann ist also keine einfache Beute!

    Etwas andres, es betrifft Germanien, wie mir mein Bekannter Cato berichtet gibt es Gerüchte über einen römischen Offizier ,keltischer Abstammung, einen Fürstensohn.

    Musste wohl nach dem Tod de Eltern fliehen, kam dann zu den Germanen, als der Stamm sich unterwarf soll auch der Kelte als Geisel zu uns gekommen. Stieg dann wohl sehr schnell auf. Könnte neben den bekannten Aufrührern , wie Tankwart, Markert und Belldumir, so ähnlich heißen die doch wohl, ein neuer Gegenspieler werden. Jedoch sind es nur Gerüchte.

    So möchte du noch etwas wissen?"

    Paullus fragte sicherheitshalber nach, den er war sich nicht sicher ob seinem Gegenüber dies genügte.

  • Titus betrachtete Paullus nachdenklich. Dann nahm er seinen Becher und trank einen kleinen Schluck.

    „Ja, Paullus. Ich möchte noch einiges wissen. Beginnen wir mit diesem Trogus.“

    Er beugte sich etwas vor und senkte die Stimme.

    „Du sagst, er ist Schlüsselwart des kaiserlichen Hofes. Welche Türen kann er tatsächlich öffnen? Hat er Zugang zu den Privatgemächern, den Archiven oder den Räumen der kaiserlichen Verwaltung?“

    „Du vermutest, dass er mehr ist als ein gewöhnlicher Hofbeamter?“

    Titus stellte seinen Becher ab.

    „Außerdem möchte ich wissen, mit wem Trogus spielt. Ein Mann, der gerne spielt, verliert gelegentlich Geld. Und ein Mann, der Geld verliert, braucht Freunde.“

    „Oder Gläubiger.“

    „Und was ist mit diesem keltischen Fürstensohn?“

    „Das interessiert mich beinahe noch mehr. Ein römischer Offizier keltischer Herkunft, der bei den Germanen gelebt hat und anschließend als Geisel nach Rom kam? Eine ungewöhnliche Geschichte.“

    Titus lehnte sich zurück.

    „Ich möchte seinen Namen erfahren. Seine Einheit, seinen gegenwärtigen Dienstort und vor allem, wer seine militärische Laufbahn gefördert hat.“

    „ Ich verlange ziemlich viel für einen Becher Wein.“

    „Bestelle dir doch noch einen zweiten.“

    „Ich werde zunächst Selina und Massad verständigen. Wir müssen herausfinden, ob zwischen Trogus und den Nachrichten aus Germanien eine Verbindung besteht.“

    Titus sah Paullus ernst an.

    „Wir haben ein Problem mit diesem Trogus. Denn ein Mann, der im kaiserlichen Palast die richtigen Türen öffnen kann, kann sie hinter seinen Feinden auch verschließen.“

    Wir müssen dafür sorgen, dass er nicht erfährt, wer nach seinen Schlüsseln fragt.“

  • DIES XVIII – SILENTIUM ANTE TEMPESTATEM

    Die Stille vor dem Sturm


    Rom, 123 n. Chr. Titus Aurelius Romanus

    Drei getrennte Handlungsstränge: Titus, Selina und Massad.

    Paullus hatte sich noch immer nicht gemeldet. Seit ihrem letzten Gespräch in der Taverne wartete Titus auf Nachrichten über Nero Patulcius Trogus, den geheimnisvollen keltischen Fürstensohn und die möglichen Verbindungen zwischen dem kaiserlichen Palast und den Ereignissen in Germania.

    Doch der Gladiator schwieg.

    Titus wusste, dass er Paullus nicht unter Druck setzen durfte. Der Mann bewegte sich in einer gefährlichen Umgebung. Eine einzige unbedachte Frage konnte ausreichen, um die Aufmerksamkeit der falschen Leute auf ihn zu lenken.

    Währenddessen hatten Selina und Massad ihre eigenen Überlegungen angestellt.

    Die drei beschlossen, sich in der Villa Aurelia zu beraten.

    I. PRIMA HORA – TITUS UND DAS SCHWEIGEN DES PAULLUS

    Handlungsstrang I – Titus Aurelius Romanus

    Titus saß im Tablinum der Villa Aurelia. Vor ihm lagen mehrere Wachstafeln, auf denen er die bisherigen Erkenntnisse zusammengetragen hatte. Drei Namen beschäftigten ihn besonders.

    Publius Fabius Crispus.

    Lucius Cassius Varro.

    Nero Patulcius Trogus.

    Dazu kam ein vierter Mann, dessen Namen er noch nicht kannte: ein keltischer Fürstensohn, der angeblich bei den Germanen gelebt hatte und später in römische Dienste getreten war.

    Titus nahm seinen Griffel.

    „Ein Mann, der zwischen zwei Welten aufgewachsen ist“, murmelte er. „Eine bemerkenswerte Voraussetzung für jemanden, der zwischen Rom und Germania vermitteln möchte.“

    Er legte den Griffel beiseite. In diesem Augenblick betrat Selina das Zimmer.

    „Du sitzt schon wieder über deinen Wachstafeln.“

    „Wie du siehst.“

    „Und? Hast du inzwischen herausgefunden, wer den Kaiser tatsächlich regiert?“

    Titus musste lachen.

    „Noch nicht. Aber ich habe inzwischen genügend Namen gesammelt, um einen kleinen Senat zu gründen.“

    Selina setzte sich.

    „Paullus?“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Keine Nachricht.“

    „Dann sollten wir warten.“

    „Das fällt mir schwer.“

    „Das ist mir bekannt.“

    Titus betrachtete sie.

    „Selina, ich möchte wissen, welche Türen Trogus tatsächlich öffnen kann.“

    „Weshalb?“

    „Weil ein Schlüsselwart möglicherweise Zugang zu Räumen besitzt, die selbst hochrangige Beamte nicht ohne Weiteres betreten dürfen.“

    Selina überlegte.

    „Aber das bedeutet nicht, dass er auch die dort verwahrten Unterlagen lesen kann.“

    „Richtig. Deshalb müssen wir herausfinden, ob er lediglich Schlüssel verwaltet oder tatsächlich Einfluss auf die Zugangsberechtigungen besitzt.“

    Selina nickte.

    „Und wenn er beides kann?“

    Titus blickte sie ernst an.

    „Dann könnte er nicht nur Nachrichten verschwinden lassen, sondern auch bestimmen, wer bestimmte Informationen überhaupt erhält.“

    Selina betrachtete die Wachstafeln.

    „Und du glaubst, dass er genau das tut?“

    „Ich glaube inzwischen überhaupt nichts mehr, solange ich keine Beweise habe.“

    Sie lächelte.

    „Endlich eine vernünftige Aussage.“

    Titus lachte.

    Dann wurde er ernst.

    „Paullus muss uns zunächst sagen, was er herausgefunden hat. Vorher werden wir nichts unternehmen, das ihn gefährden könnte.“

    II. SECUNDA HORA – SELINA UND DIE FRAUEN ROMS

    Handlungsstrang II – Selina

    Selina verließ das Tablinum und begab sich in den Hortus.

    Dort setzte sie sich unter einen schattigen Laubengang.

    Sie wusste, dass Titus recht hatte. Ohne Paullus fehlten ihnen entscheidende Informationen.

    Allerdings besaß Rom eine bemerkenswerte Eigenschaft: Die Menschen redeten ununterbrochen.

    Und während die Männer des Imperiums ihre Angelegenheiten in Amtsstuben, Kasernen und Senatssitzungen regelten, erfuhren die Frauen der großen Haushalte häufig Dinge, die niemals in offiziellen Berichten auftauchten.

    Selina musste lächeln.

    „Vielleicht suchen wir tatsächlich an der falschen Stelle.“

    Sie dachte an ihre Bekannte, deren Familie mit mehreren wohlhabenden Haushalten Geschäftsbeziehungen unterhielt.

    Durch sie hatte Selina bereits erfahren, dass Publius Fabius Crispus regelmäßig Besuch aus dem Umfeld des kaiserlichen Palastes erhielt.

    Aber sie wollte ihre Bekannte nicht erneut in Gefahr bringen.

    Stattdessen beschloss sie, zunächst mit den eigenen Bediensteten der Villa Aurelia zu sprechen.

    Wenig später erschien die Haushälterin.

    „Herrin?“

    „Setz dich einen Augenblick.“

    Die Frau blickte überrascht auf.

    „Ist etwas geschehen?“

    „Nein. Ich möchte lediglich wissen, ob in letzter Zeit ungewöhnliche Besucher nach Titus gefragt haben.“

    Die Haushälterin überlegte.

    „Es waren mehrere Boten hier.“

    „Aus welchen Haushalten?“

    „Einige aus befreundeten Familien. Außerdem ein junger Mann, der behauptete, eine Nachricht aus dem Umfeld der kaiserlichen Verwaltung überbringen zu wollen.“

    Selina wurde aufmerksam.

    „Wann?“

    „Vor zwei Tagen.“

    „Hat er eine Nachricht hinterlassen?“

    „Nein. Als er erfuhr, dass der Herr nicht anwesend war, ging er wieder.“

    Selina dachte nach.

    „Wie sah er aus?“

    „Jung. Dunkle Haare. Er trug eine einfache Tunika und einen guten Mantel.“

    „War er bewaffnet?“

    „Das konnte ich nicht erkennen.“

    Selina nickte.

    „Falls dieser Mann erneut erscheint, möchte ich verständigt werden.“

    „Selbstverständlich.“

    Nachdem die Haushälterin gegangen war, blieb Selina nachdenklich zurück.

    Möglicherweise war der Besuch vollkommen harmlos gewesen.

    Vielleicht hatte jedoch jemand versucht herauszufinden, wann Titus die Villa verließ.

    Sie beschloss, Massad davon zu erzählen.

    III. TERTIA HORA – MASSAD UND DIE MÄNNER DES EMPORIUMS

    Handlungsstrang III – Massad

    Massad hatte den Vormittag damit verbracht, seine bisherigen Kontakte zu überprüfen.

    Corvinus und dessen Männer hatten bereits mehrfach wertvolle Informationen geliefert. Allerdings wollte Massad vermeiden, dass sie durch übertriebene Neugier die Aufmerksamkeit der Verschwörer erregten.

    Am späten Vormittag traf er Corvinus in einer kleinen Schenke nahe dem Emporium.

    „Salve, Corvinus.“

    „Massad! Setz dich.“

    Massad nahm Platz.

    „Gibt es Neuigkeiten?“

    Corvinus schüttelte den Kopf.

    „Wenig.“

    „Das klingt nicht besonders erfreulich.“

    „Die Männer, die wir bisher beobachtet haben, sind vorsichtiger geworden.“

    Massad nahm einen Becher.

    „Was bedeutet das?“

    „Weniger Besuche im Lagerhaus. Andere Boten. Und einige Transporte finden inzwischen zu ungewöhnlichen Zeiten statt.“

    Massad wurde aufmerksam.

    „Habt ihr jemanden verfolgt?“

    „Nein. Du hast ausdrücklich angeordnet, keine unnötigen Risiken einzugehen.“

    Massad nickte zufrieden.

    „Ausgezeichnet.“

    Corvinus grinste.

    „Seit wann bist du so vernünftig?“

    „Seit ich für einen Mann arbeite, der gelegentlich glaubt, ganz Rom persönlich retten zu müssen.“

    Beide lachten.

    Dann wurde Massad ernst.

    „Ich möchte, dass du vorläufig sämtliche Nachforschungen nach Trogus unterlässt.“

    Corvinus hob überrascht den Kopf.

    „Trogus?“

    Massad betrachtete ihn aufmerksam.

    „Kennst du den Namen?“

    „Nur vom Hörensagen.“

    „Dann belassen wir es dabei.“

    Corvinus lehnte sich zurück.

    „Du hast offenbar Schwierigkeiten.“

    „Möglicherweise.“

    „Kann ich helfen?“

    „Ja. Sorge dafür, dass unsere bisherigen Beobachter nicht unnötig auffallen. Niemand soll versuchen, Zugang zum Palast zu erhalten.“

    Corvinus nickte.

    „Verstanden.“

    Massad erhob sich.

    „Und falls Paullus nach mir fragt, soll er wissen, dass er mich über unsere üblichen Kontakte erreichen kann.“

    Corvinus lächelte.

    „Der Gladiator?“

    „Genau.“

    „Ein bemerkenswerter Mann.“

    Massad grinste.

    „Du hast keine Vorstellung davon.“

    IV. QUARTA HORA – DIE DREI VERTRAUTEN

    Gemeinsamer Handlungsstrang – Die Beratung in der Villa Aurelia

    Am frühen Nachmittag versammelten sich Titus, Selina und Massad im Tablinum.

    Ein Sklave brachte frisches Brot, Oliven, Käse und verdünnten Wein.

    Titus betrachtete seine beiden Vertrauten.

    „Nun?“

    Massad setzte sich.

    „Unsere bisherigen Kontakte haben nichts Entscheidendes herausgefunden.“

    Selina nickte.

    „Auch ich habe keine gesicherten Neuigkeiten. Allerdings hat sich vor zwei Tagen ein unbekannter Bote nach dir erkundigt.“

    Titus wurde aufmerksam.

    „Aus dem Palast?“

    „Das hat er zumindest behauptet.“

    Massad verschränkte die Arme.

    „Vielleicht wollte jemand feststellen, wann du zu Hause bist.“

    „Möglich“, erwiderte Titus. „Aber wir sollten aus einem einzelnen Besuch keine Verschwörung machen.“

    Selina lächelte.

    „Du lernst tatsächlich dazu.“

    Titus ignorierte die Bemerkung.

    „Wir haben drei offene Fragen.“

    Er nahm eine Wachstafel.

    „Erstens: Welche tatsächlichen Befugnisse besitzt Nero Patulcius Trogus?“

    Er nahm eine zweite.

    „Zweitens: Wer ist dieser keltische Fürstensohn, und welche Beziehungen unterhält er zu den militärischen Kreisen in Germania?“

    Schließlich nahm er die dritte Tafel.

    „Und drittens: Besteht eine nachweisbare Verbindung zwischen Trogus, Varro und Crispus?“

    Massad betrachtete die drei Tafeln.

    „Und wie sollen wir das herausfinden?“

    Titus legte seinen Griffel beiseite.

    „Zunächst überhaupt nicht.“

    Massad starrte ihn an.

    „Wie bitte?“

    „Wir warten auf Paullus.“

    Selina begann zu lachen.

    „Bei Venus! Das hätte ich nicht erwartet.“

    Titus grinste.

    „Ich kann gelegentlich vernünftig sein.“

    Massad nahm einen Becher.

    „Dann sollten wir diesen außergewöhnlichen Augenblick feiern.“

    Die drei lachten.

    Doch Titus wurde bald wieder ernst.

    „Eine Sache möchte ich allerdings klarstellen. Niemand versucht, Trogus persönlich zu beobachten. Niemand stellt Fragen über seine Schlüssel. Und niemand spricht mit einem Bediensteten des Palastes über unsere Ermittlungen.“

    Selina nickte.

    „Einverstanden.“

    Massad hob seinen Becher.

    „Auf die Vernunft.“

    Titus betrachtete ihn.

    „Übertreibe es nicht.“

    V. VESPERA – DER MANN, DER NICHT ERSCHEINT

    Handlungsstrang V – Titus Aurelius Romanus

    Der Abend senkte sich über die Villa Aurelia.

    Titus stand auf der Terrasse und betrachtete den Hortus.

    Er dachte an Paullus.

    Der Gladiator hatte Zugang zu Menschen, mit denen ein Angehöriger der Gens Aurelia niemals ungezwungen sprechen konnte. Seine Stärke lag nicht allein in seinen körperlichen Fähigkeiten, sondern vor allem darin, dass ihn viele Menschen unterschätzten.

    Doch gerade deshalb war seine Aufgabe gefährlich.

    Titus wusste nicht, ob Paullus bereits etwas über Trogus herausgefunden hatte.

    Vielleicht beobachtete er dessen Spielgewohnheiten.

    Vielleicht versuchte er, den geheimnisvollen keltischen Offizier zu identifizieren.

    Oder vielleicht hatte er noch überhaupt keine Gelegenheit gefunden, seine Nachforschungen fortzusetzen.

    Selina trat neben Titus.

    „Du denkst schon wieder an deine Ermittlungen.“

    „Ja.“

    „Und an Paullus?“

    „Auch.“

    Sie betrachtete ihn.

    „Du kannst nicht jeden Menschen beschützen.“

    Titus schwieg.

    Dann antwortete er:

    „Aber ich kann vermeiden, jemanden durch meine Ungeduld in Gefahr zu bringen.“

    Selina lächelte.

    „Das ist zumindest ein Anfang.“

    Titus nahm ihre Hand.

    „Was würde ich eigentlich ohne dich und Massad machen?“

    „Vermutlich längst in irgendeinem Kerker sitzen.“

    Titus lachte.

    „Eine bemerkenswert tröstliche Vorstellung.“

    Sie standen noch eine Weile schweigend nebeneinander.

    Dann erschien Massad.

    „Titus!“

    „Was gibt es?“

    „Ein Bote ist eingetroffen.“

    Titus drehte sich sofort um.

    „Von Paullus?“

    Massad schüttelte den Kopf.

    „Nein. Eine persönliche Einladung aus einem befreundeten Patrizierhaus.“

    Titus seufzte.

    Selina grinste.

    „Du siehst enttäuscht aus.“

    „Ich hatte gehofft, endlich Neuigkeiten zu erhalten.“

    Massad legte ihm die Einladung in die Hand.

    „Dann wirst du dich wohl noch etwas gedulden müssen.“

    Titus betrachtete das Schreiben.

    An diesem Abend würde er weder den Namen des keltischen Fürstensohnes erfahren noch herausfinden, welche Türen Nero Patulcius Trogus tatsächlich öffnen konnte.

    Paullus hatte sich weiterhin nicht gemeldet.

    Und solange das so blieb, würden Titus, Selina und Massad keine weiteren Ermittlungen gegen den Schlüsselwart des kaiserlichen Hofes unternehmen.

    ENDE – SILENTIUM ANTE TEMPESTATEM

    Die Ermittlungen in Rom ruhen vorläufig. Paullus bleibt der entscheidende Verbindungsmann, während Titus, Selina und Massad auf seine Nachricht warten.

  • IV. VILLA AURELIA – ROM

    Fast zur selben Stunde stand Titus Aurelius Romanus im Atrium der Villa Aurelia.

    Vor ihm lag ein Brief.

    Nicht auf seinem gewöhnlichen Schreibtisch.

    Nicht bei der übrigen Korrespondenz.

    Der Brief war von einem Sklaven des Palastes persönlich übergeben worden.

    Titus betrachtete das Siegel.

    Massad stand rechts von ihm.

    Selina links.

    Keiner sprach.

    Schließlich nahm Titus den Brief.

    Er brach das Siegel.

    Las.

    Dann noch einmal.

    Selina verlor die Geduld.

    „Nun?“

    Titus reichte ihr das Schreiben.

    Massad trat näher.

    Die Botschaft war kurz.

    Beunruhigend kurz.

    Titus Aurelius Romanus wird ersucht, sich morgen nach Sonnenuntergang am südlichen Zugang des Palatiums einzufinden.

    Er möge ohne militärische Begleitung erscheinen.

    Die Angelegenheit betrifft das Wohl des Imperiums.


    Keine Unterschrift.

    Nur das Siegel einer Dienststelle des Palastes.

    Massad knurrte:

    „Nein.“

    Titus sah ihn an.

    „Eine erstaunlich gründliche Analyse.“

    „Ich kann sie ausführlicher formulieren.“

    Massad nahm den Brief.

    „Nein.“

    Selina ging zum Fenster.

    „Sie beobachten die Villa seit Wochen.“

    Titus nickte.

    „Vielleicht.“

    Selina drehte sich um.

    „Nicht vielleicht.“

    Ihre Stimme war ungewöhnlich scharf.

    „Du hast selbst die Männer gesehen.“

    „Ich habe Männer gesehen.“

    „Titus.“

    „Selina.“

    Ihre Blicke trafen sich.

    Dann musste Titus trotz allem lächeln.

    „Wir wissen nicht, wer sie geschickt hat.“

    Selina trat näher.

    „Und deshalb gehst du natürlich allein in den Palast.“

    „Das habe ich nicht gesagt.“

    Massad verschränkte die Arme.

    „Du denkst darüber nach.“

    Titus antwortete nicht.

    Massad sah zu Selina.

    „Er denkt darüber nach.“

    „Natürlich tut er das.“

    Titus seufzte.

    „Es ist ausgesprochen angenehm, mit Menschen zu leben, die meine Gedanken kennen.“

    Selina lächelte süß.

    „Du bist nicht besonders schwierig.“

    „Das verletzt mich.“

    „Du wirst es überleben.“

    Dann wurde sie wieder ernst.

    „Geh nicht.“

    Titus blickte erneut auf den Brief.

    „Wenn ich nicht gehe, erfahren wir nichts.“

    Massad antwortete:

    „Wenn du hingehst und nicht zurückkommst, erfahren wir ebenfalls nichts.“

    V. DIE ENTSCHEIDUNG DES AURELIERS

    Später stand Titus allein im Hortus.

    Die Nacht war warm.

    Aus der Ferne drang der Lärm Roms über die Mauern der Villa.

    An Selina.

    An Massad.

    An Appius in Mogontiacum.

    Und an die Männer, die seine Villa beobachteten.

    Seit Wochen bewegten sich Schatten um ihn.

    Keine offenen Angriffe.

    Keine Drohungen.

    Keine Forderungen.

    Nur Beobachtung.

    Warum?

    Was wusste er, das andere fürchteten?

    Oder schlimmer:

    Was glaubten sie, dass er wusste?

    Titus betrachtete den Brief.

    Die Angelegenheit betrifft das Wohl des Imperiums.

    Eine perfekte Formulierung.

    Ein patriotischer Mann konnte kaum ablehnen.

    Ein vorsichtiger Mann konnte kaum annehmen.

    „Sehr geschickt“, murmelte Titus.

    Hinter ihm erklang eine Stimme.

    „Dann gehst du.“

    Selina.

    Titus drehte sich nicht um.

    „Du bewegst dich inzwischen fast so leise wie Massad.“

    „Von ihm gelernt.“

    Sie stellte sich neben ihn.

    „Du gehst also.“

    „Ja.“

    Selina schloss kurz die Augen.

    „Allein?“

    Jetzt sah Titus sie an.

    „Selbstverständlich.“

    Sie wollte widersprechen.

    Titus hob die Hand.

    „Aber allein bedeutet nicht ungeschützt.“

    Selina verstand.

    Langsam erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

    „Massad wird begeistert sein.“

    „Massad sieht grundsätzlich begeistert aus.“

    „Das ist sein fröhliches Gesicht.“

    Titus lachte leise.

    Dann wurde er ernst.

    „Niemand folgt mir bis zum Palatium.“

    Selina runzelte die Stirn.

    „Warum?“

    „Weil diejenigen, die mich beobachten, sehen sollen, dass ich ihre Bedingungen erfülle.“

    Jetzt begriff sie.

    „Du willst ihnen geben, was sie erwarten.“

    „Ja.“

    „Und während sie dich beobachten…“

    „…beobachten wir sie.“

    Selina lächelte.

    „Kluges Spiel.“

    Titus blickte zum Himmel.

    „Das werden wir sehen.“

    Und in Rom, bereitete Titus Aurelius Romanus sich auf seinen Weg zum Palatium vor.

    Massad befestigte schweigend einen Dolch unter Titus' Tunika.

    Selina kontrollierte ein zweites Mal die Verschlüsse.

    Titus sah beide an.

    „Ihr wisst, dass ich zu einer Unterredung gehe und nicht in eine Schlacht.“

    Massad zog den Riemen fester.

    „Das entscheidet gewöhnlich der Gegner.“

    Titus verzog das Gesicht.

    „Etwas lockerer.“

    „Nein.“

    Selina musste lachen.

    Doch Titus bemerkte etwas.

    Auf einem Dach gegenüber der Villa bewegte sich eine Gestalt.

    Nur für einen Augenblick.

    Dann war sie verschwunden.

    Titus' Lächeln erlosch.

    „Sie sind da.“

    Selina wollte sich umdrehen.

    „Nicht hinsehen.“

    Sie blieb stehen.

    Massad verstand ebenfalls.

    Titus nahm seinen Mantel.

    „Heute geben wir ihnen genau das, was sie wollen.“

    „Dich?“, fragte Selina.

    Titus blickte zum Ausgang der Villa.

    „Nein.“

    Er lächelte kalt.

    „Die Gewissheit, dass ihr Plan funktioniert.“


  • VI. ROM – DER PALATIN

    Titus Aurelius Romanus erreichte nach Sonnenuntergang den Palatin.

    Allein.

    Zumindest musste es so aussehen.

    Am vereinbarten Zugang warteten zwei Männer.

    Keine Prätorianer.

    Keine ihm bekannten Beamten.

    „Titus Aurelius Romanus?“

    „Offensichtlich.“

    Keine Reaktion.

    „Folgt uns.“

    Titus lächelte.

    „Eine Einladung, bei der der Gastgeber seinen Namen verschweigt. Rom wird wirklich immer höflicher.“

    Wieder keine Reaktion.

    Sie führten ihn durch einen Seitengang.

    Titus zählte die Abzweigungen.

    Eine.

    Zwei.

    Drei.

    Treppe.

    Innenhof.

    Weiterer Gang.

    Dann blieb einer der Männer stehen.

    „Hier.“

    Eine Tür öffnete sich.

    Titus trat ein.

    Ein Mann saß hinter einem Tisch.

    Älter.

    Kahlköpfig.

    Massig gebaut, ohne schwerfällig zu wirken.

    Seine Hände lagen ruhig auf der Tischplatte.

    Titus kannte ihn nicht persönlich.

    Doch er hatte die Beschreibung gehört.

    Nero Patulcius Trogus.

    Der Mann erhob sich.

    „Titus Aurelius Romanus.“

    Titus blieb stehen.

    „Nero Patulcius Trogus.“

    Zum ersten Mal zeigte der Eunuch eine Reaktion.

    Nur ein kaum sichtbares Lächeln.

    „Interessant.“

    „Was?“

    „Dass Ihr meinen Namen kennt.“

    Titus antwortete ruhig:

    „Rom ist eine Stadt, in der jeder jeden kennt.“

    Trogus trat um den Tisch herum.

    „Nein.“

    Er blieb vor Titus stehen.

    „Rom ist eine Stadt, in der jeder glaubt, jeden zu kennen.“

    VII. MASSAD

    Außerhalb des Palatiums wartete Massad.

    Nicht am vereinbarten Eingang.

    Mehrere Straßen entfernt.

    Er tat nichts.

    Er beobachtete.

    Menschen kamen.

    Menschen gingen.

    Sklaven.

    Beamte.

    Soldaten.

    Dann sah er ihn.

    Ein Mann trat aus einem schmalen Durchgang.

    Massad kannte das Gesicht.

    Er hatte ihn dreimal in der Nähe der Villa Aurelia gesehen.

    Der Mann blieb stehen.

    Ein zweiter Mann kam zu ihm.

    Sie sprachen kurz miteinander.

    Massad konnte die Worte nicht verstehen.

    Dann übergab der zweite Mann etwas.

    Eine kleine Wachstafel.

    Massad folgte ihnen.

    Nicht lange.

    Nur bis zu einer Straßenkreuzung.

    Dort trennten sie sich.

    Einer ging Richtung Forum.

    Der andere Richtung Tiber.

    Massad entschied sich für den zweiten.

    Denn an dessen Gürtel hatte er etwas gesehen.

    Ein kleines Zeichen.

    Einen Adler.

    Darunter drei Kerben.

    Darunter einen Kreis.

    VIII. TROGUS UND TITUS

    „Warum bin ich hier?“, fragte Titus.

    Trogus schenkte Wein ein.

    „Weil Ihr beobachtet werdet.“

    Titus sagte nichts.

    Trogus reichte ihm einen Becher.

    Titus nahm ihn nicht.

    Der Eunuch lächelte.

    „Vorsichtig.“

    „Durstig bin ich zu Hause.“

    Trogus stellte den Becher zurück.

    „Die Männer vor Eurer Villa gehören nicht mir.“

    Titus betrachtete ihn.

    „Das ist bemerkenswert.“

    „Warum?“

    „Weil ich Euch nicht gefragt habe.“

    Stille.

    Trogus lächelte erneut.

    „Jetzt verstehe ich, warum man Euch für gefährlich hält.“

    „Wer ist man?“

    Keine Antwort.

    Titus trat näher.

    „Ihr habt mich hierher bestellt.“

    „Ja.“

    „Dann redet.“

    Trogus setzte sich.

    „Jemand benutzt meinen Namen.“

    Titus schwieg.

    „Am Rhenus.“

    Jetzt änderte sich etwas in Titus' Gesicht.

    Nur wenig.

    Aber Trogus bemerkte es.

    „Mogontiacum interessiert Euch.“

    Titus antwortete:

    „Mogontiacum interessiert jeden interessierten Patrizier der sic Gedanken um das Imperium macht.“

    „Natürlich.“

    Trogus faltete die Hände.

    „Dann hört gut zu.“

    Er beugte sich vor.

    „Wenn in den kommenden Tagen jemand behauptet, Befehle aus dem Palast erhalten zu haben, glaubt ihm nicht.“

    Titus' Blick wurde hart.

    „Auch Euch nicht?“

    Zum ersten Mal lachte Trogus.

    „Sehr gut.“

    Dann wurde er schlagartig ernst.

    „Vor allem mir nicht.“

    X. DREI MÄNNER – EIN NAME

    In Mogontiacum stand Faustus vor dem Verwaltungsgebäude der militärischen Versorgung.

    In einem Landhaus außerhalb der Stadt stand Appius über einem ermordeten Gefangenen.

    In Rom saß Titus Aurelius Romanus Nero Patulcius Trogus gegenüber.

    Drei Männer.

    Drei Orte.

    Drei Ermittlungen.

    Und überall derselbe Name.

    Trogus.

    Doch Faustus hatte inzwischen gelernt, dass offensichtliche Antworten meistens jemandem gehörten.

    Appius hatte erkannt, dass Marcellus ihn nicht informieren, sondern prüfen wollte.

    Und Titus saß ausgerechnet jenem Mann gegenüber, der angeblich das Zentrum des gesamten Netzes bildete.

    Trogus blickte Titus lange an.

    Dann sagte er:

    „Ihr sucht einen Verräter, Aurelier.“

    „Vielleicht.“

    „Faustus Iunius Rupa sucht ebenfalls einen.“

    Titus erstarrte.

    Trogus lächelte nicht mehr.

    „Und Appius Orbius Herminianus glaubt noch immer, dass niemand von seinem tatsächlichen Auftrag weiß.“

    Titus trat einen Schritt vor.

    „Woher kennt Ihr diese Namen?“

    Trogus antwortete nicht sofort.

    Dann sprach er vier Worte:

    „Weil ich Euch beobachte.“

    Titus' Hand wanderte langsam unter seinen Mantel.

    Trogus bemerkte es.

    „Wenn ich Euch hätte töten wollen, Titus Aurelius Romanus, wärt Ihr niemals bis zu dieser Tür gekommen.“

    „Das soll mich beruhigen?“

    „Nein.“

    Trogus beugte sich vor.

    „Es soll Euch Angst machen.“

    Titus sah ihn lange an.

    „Dann habt Ihr Euch verrechnet.“

    Trogus' Augen wurden schmal.

    „Das werden wir sehen.“

    . X. DREI MÄNNER – EIN NAME

    In Mogontiacum stand Faustus vor dem Verwaltungsgebäude der militärischen Versorgung.

    In einem Landhaus außerhalb der Stadt stand Appius über einem ermordeten Gefangenen.

    In Rom saß Titus Aurelius Romanus Nero Patulcius Trogus gegenüber.

    Drei Männer.

    Drei Orte.

    Drei Ermittlungen.

    Und überall derselbe Name.

    Trogus.

    Doch Faustus hatte inzwischen gelernt, dass offensichtliche Antworten meistens jemandem gehörten.

    Appius hatte erkannt, dass Marcellus ihn nicht informieren, sondern prüfen wollte.

    Und Titus saß ausgerechnet jenem Mann gegenüber, der angeblich das Zentrum des gesamten Netzes bildete.

    Trogus blickte Titus lange an.

    Dann sagte er:

    „Ihr sucht einen Verräter, Aurelier.“

    „Vielleicht.“

    „Faustus Iunius Rupa sucht ebenfalls einen.“

    Titus erstarrte.

    Trogus lächelte nicht mehr.

    „Und Appius Orbius Herminianus glaubt noch immer, dass niemand von seinem tatsächlichen Auftrag weiß.“

    Titus trat einen Schritt vor.

    „Woher kennt Ihr diese Namen?“

    Trogus antwortete nicht sofort.

    Dann sprach er vier Worte:

    „Weil ich Euch beobachte.“

    Titus' Hand wanderte langsam unter seinen Mantel.

    Trogus bemerkte es.

    „Wenn ich Euch hätte töten wollen, Titus Aurelius Romanus, wärt Ihr niemals bis zu dieser Tür gekommen.“

    „Das soll mich beruhigen?“

    „Nein.“

    Trogus beugte sich vor.

    „Es soll Euch Angst machen.“

    Titus sah ihn lange an.

    „Dann habt Ihr Euch verrechnet.“

    Trogus' Augen wurden schmal.

    „Das werden wir sehen.“

  • Der falsche Name

    I. ROM – TITUS UND TROGUS

    „Weil ich Euch beobachte.“

    Die Worte des Eunuchen standen noch immer zwischen ihnen.

    Titus Aurelius Romanus ließ die Hand unter seinem Mantel sinken. Nicht weil er Trogus vertraute, sondern weil er begriffen hatte, dass ein Dolch ihm hier keine Antworten verschaffen würde.

    „Dann beginnen wir noch einmal“, sagte Titus ruhig. „Ihr wisst von Faustus. Ihr wisst von Appius. Ihr wisst von den Männern vor meiner Villa. Und gleichzeitig behauptet Ihr, mit ihnen nichts zu tun zu haben.“

    Nero Patulcius Trogus lehnte sich zurück.

    „Richtig.“

    „Das ist eine bemerkenswerte Ansammlung von Zufällen.“

    „Ich glaube nicht an Zufälle.“

    „Ich ebenfalls nicht.“

    Titus trat an den Tisch.

    „Also erklärt es mir.“

    Trogus schwieg.

    Titus beugte sich vor.

    „Oder ich verlasse diesen Raum.“

    „Das würdet Ihr nicht tun.“

    „Versucht es.“

    Die beiden Männer sahen einander an.

    Trogus lächelte diesmal nicht.

    Schließlich griff er unter den Tisch und holte eine kleine hölzerne Kassette hervor.

    Er öffnete sie.

    Darin lagen Wachstafeln und mehrere Pergamentstücke.

    „Lest.“

    Titus nahm das erste Schreiben.

    Es war ein Verwaltungsbefehl.

    Getreidetransporte.

    Nichts Besonderes.

    Bis Titus das Ende erreichte.

    Nero Patulcius Trogus.

    Darunter ein Siegel.

    Titus nahm das zweite Schreiben.

    Waffenlieferungen an Grenzgarnisonen.

    Wieder Trogus.

    Das dritte.

    Eine Anweisung an einen Beamten in Ostia.

    Wieder Trogus.

    Titus legte die Schreiben zurück.

    „Und?“

    Trogus' Blick wurde kalt.

    „Keines davon stammt von mir.“

    Titus sah erneut auf die Dokumente.

    „Das Siegel?“

    „Echt.“

    Jetzt schwieg Titus.

    Trogus sagte:

    „Seit Monaten erscheinen Befehle unter meinem Namen. Zuerst Kleinigkeiten. Transporte. Lagerbestände. Dienstreisen.“

    „Dann?“

    „Geld.“

    Trogus stand auf.

    „Waffen.“

    Er ging zum Fenster.

    „Personen.“

    Titus folgte ihm mit den Augen.

    „Welche Personen?“

    Trogus drehte sich um.

    „Menschen, die versetzt wurden. Andere verschwanden. Wieder andere tauchten plötzlich dort auf, wo sie niemals hätten sein dürfen.“

    „Und Ihr habt nichts unternommen?“

    Trogus lachte leise.

    „Ich habe sehr viel unternommen.“

    „Offensichtlich nicht genug.“

    Für einen Moment blitzte Zorn in den Augen des Eunuchen auf.

    Dann war er verschwunden.

    „Deshalb sitzt Ihr hier.“

    II. DAS SIEGEL

    Titus nahm eines der Schreiben erneut in die Hand.

    „Wenn das Siegel echt ist, muss jemand Zugang dazu besitzen.“

    Keine Antwort.

    „Wer?“

    Trogus schwieg.

    „Wer besitzt Zugang zu Eurem Siegel?“

    Wieder nichts.

    Titus legte das Schreiben auf den Tisch.

    „Ihr bestellt mich heimlich hierher, erzählt mir, jemand benutze Euren Namen, und verschweigt ausgerechnet die wichtigste Information.“

    Trogus sah ihn an.

    „Ja.“

    „Warum?“

    „Weil ich Euch nicht vertraue.“

    Titus lachte trocken.

    „Endlich etwas, worin wir übereinstimmen.“

    Trogus trat näher.

    „Ihr seid ein Aurelier. Ihr verfügt über Vermögen, Beziehungen und Männer, die bereit sind, für Euch zu töten.“

    „Und?“

    „Und irgendjemand versucht seit Wochen herauszufinden, wie viel Ihr wisst.“

    Titus' Gesicht wurde ernst.

    Trogus fuhr fort:

    „Vielleicht seid Ihr das Ziel.“

    Eine Pause.

    „Vielleicht seid Ihr aber auch Teil davon.“

    Titus sah ihn lange an.

    „Dann wäre es ausgesprochen unklug gewesen, mich hierherzubringen.“

    „Oder ausgesprochen klug.“

    „Wer besitzt Zugang zum Siegel?“

    Trogus schwieg erneut.

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Dann sind wir fertig.“

    Er wandte sich zur Tür.

    „Aurelier.“

    Titus blieb stehen.

    „Noch etwas.“

    Trogus' Stimme war jetzt leiser.

    „Wenn Ihr nach Mogontiacum schreibt, benutzt keinen offiziellen Kurier.“

    Titus drehte sich um.

    „Warum?“

    „Weil mindestens zwei meiner gefälschten Schreiben ihren Weg über Mogontiacum genommen haben.“

    „Zu wem?“

    Trogus antwortete:

    „Das versuche ich herauszufinden.“

    Titus öffnete die Tür.

    Dann hielt er inne.

    „Nein.“

    Trogus runzelte die Stirn.

    „Was?“

    Titus sah ihn an.

    „Ihr versucht nicht herauszufinden, wer Euren Namen benutzt.“

    Er deutete auf die Kassette.

    „Ihr wisst längst mehr.“

    Trogus sagte nichts.

    „Ihr versucht herauszufinden, wem Ihr noch vertrauen könnt.“

    Titus verließ den Raum.

    Hinter ihm blieb Trogus vollkommen regungslos stehen.


    VII. ROM – MASSAD

    Massad folgte dem Mann bis zum Tiber.

    Nicht zu nahe.

    Nie in derselben Entfernung.

    Mal auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

    Mal hinter einem Lastenträger.

    Mal blieb er stehen und ließ sein Ziel beinahe verschwinden.

    Der Mann betrat schließlich ein unscheinbares Haus.

    Keine Wachen.

    Kein Schild.

    Keine Sklaven vor der Tür.

    Massad wartete.

    Eine Viertelstunde.

    Dann kam ein zweiter Mann.

    Massad wollte zunächst nicht glauben, was er sah.

    Er kannte ihn.

    Natürlich kannte er ihn.

    Der Mann gehörte seit Jahren zum Haushalt der Aurelier.

    Dama.

    Einer der älteren Schreiber der Villa Aurelia.

    Unauffällig.

    Höflich.

    Zuverlässig.

    Ein Mann, der Rechnungen führte, Lieferungen überprüfte und Zugang zu einem erheblichen Teil der Korrespondenz des Hauses besaß.

    Massad bewegte sich nicht.

    Dama sah sich um.

    Dann klopfte er.

    Dreimal.

    Pause.

    Zweimal.

    Die Tür öffnete sich.

    Er verschwand im Haus.

    Massad flüsterte:

    „Bei allen Göttern.“

    VIII. MASSAD HÖRT ZU

    Er wartete nicht.

    Hinter dem Haus führte eine schmale Gasse entlang.

    Ein Fenster im Obergeschoss stand einen Spalt offen.

    Massad kletterte.

    Langsam.

    Lautlos.

    Er erreichte einen Mauervorsprung.

    Stimmen.

    „…heute im Palast.“

    Massad erstarrte.

    Eine zweite Stimme antwortete.

    „Wir wissen es.“

    „Hat Trogus mit ihm gesprochen?“

    „Ja.“

    Massad presste sich an die Wand.

    Damas Stimme.

    „Dann weiß Titus jetzt von den Schreiben.“

    „Das war beabsichtigt.“

    Massads Augen verengten sich.

    „Und Mogontiacum?“

    „Rupa hat angebissen.“

    Massad musste sich beherrschen.

    Faustus.

    Sie wussten von Faustus.

    Dama fragte:

    „Und Marcellus?“

    Eine Pause.

    Dann die Antwort:

    „Marcellus glaubt noch immer, dass er uns benutzt.“

    Massad spürte, wie ihm kalt wurde.

    Das bedeutete—

    Marcellus gehörte nicht zwingend zum innersten Kreis.

    Vielleicht wurde auch er geführt.

    Dann sagte Dama:

    „Was ist mit dem Aurelier?“

    Die Antwort kam sofort.

    „Noch nicht.“

    „Warum?“

    „Weil Titus Aurelius Romanus lebend nützlicher ist.“

    Massads Hand schloss sich um den Griff seines Dolches.

    IX. TITUS KEHRT ZURÜCK

    Titus erreichte die Villa Aurelia spät.

    Selina wartete im Atrium.

    „Endlich.“

    Titus legte seinen Mantel ab.

    „Ich freue mich ebenfalls, dich zu sehen.“

    „Was wollte Trogus?“

    Titus blieb stehen.

    „Wo ist Massad?“

    Selina blickte zur Tür.

    „Noch nicht zurück.“

    Titus' Gesicht veränderte sich.

    „Seit wann?“

    „Seit du gegangen bist.“

    „Verdammt.“

    Selina trat näher.

    „Was ist passiert?“

    Titus legte die Kassette nicht vor sie – denn Trogus hatte ihm nichts mitgegeben.

    Also erzählte er.

    Von den gefälschten Schreiben.

    Vom echten Siegel.

    Von Mogontiacum.

    Von Trogus' Warnung.

    Selina hörte schweigend zu.

    Dann fragte sie:

    „Glaubst du ihm?“

    Titus ging zum Tisch.

    „Nein.“

    „Du glaubst, dass er lügt?“

    „Das habe ich nicht gesagt.“

    Selina runzelte die Stirn.

    Titus sah sie an.

    „Ich glaube nur nicht, dass er mir alles erzählt hat.“

    „Das ist etwas anderes.“

    „Sehr.“

    In diesem Moment öffnete sich die Tür.

    Massad trat ein.

    Titus sah sofort, dass etwas geschehen war.

    „Was?“

    Massad blickte zu Selina.

    Dann zu Titus.

    „Wir haben einen Verräter in der Villa.“

    X. DER MANN IN DER VILLA

    Titus sagte nichts.

    Selina ebenfalls nicht.

    Massad legte einen kleinen Gegenstand auf den Tisch.

    Eine Wachstafel.

    „Woher?“

    „Aus dem Haus am Tiber.“

    Titus nahm sie.

    „Du bist hineingegangen?“

    „Nicht ganz.“

    „Massad.“

    „Später.“

    Titus öffnete die Tafel.

    Nur wenige Zeichen.

    Lieferlisten.

    Namen.

    Daten.

    Nichts Auffälliges.

    Dann sah Titus die Rückseite.

    Dort war etwas eingeritzt.

    Adler.

    Drei Striche.

    Kreis.

    Titus hob langsam den Blick.

    „Wer?“

    Massad antwortete:

    „Dama.“

    Selina wurde blass.

    „Unser Dama?“

    „Ja.“

    Titus ging einige Schritte.

    „Bist du sicher?“

    Massad sah ihn beinahe beleidigt an.

    „Ich habe Augen.“

    „Das war nicht meine Frage.“

    Massad verstand.

    „Ja. Ich bin sicher.“

    Titus schwieg.

    Dann fragte er:

    „Hat er dich gesehen?“

    „Nein.“

    „Dann bleibt das so.“

    Selina sah Titus an.

    „Du willst ihn nicht festnehmen?“

    „Nein.“

    „Warum nicht?“

    Titus antwortete:

    „Weil Dama kein Drahtzieher ist.“

    Massad nickte langsam.

    „Ein Bote.“

    „Oder Beobachter.“

    Selina begriff.

    „Dann lassen wir ihn glauben, dass wir nichts wissen.“

    Titus lächelte schwach.

    „Kluges Mädchen.“

    Selina verdrehte die Augen.

    „Sag das noch einmal und ich lasse dich deine Verschwörung allein lösen.“

    Zum ersten Mal an diesem Abend musste Titus lachen.

    Nur kurz.

    Dann wurde er wieder ernst.

    „Ab jetzt erhält Dama Informationen.“

    Massad verstand sofort.

    „Falsche.“

    „Nicht nur falsche.“

    Titus sah auf das Symbol.

    „Die besten Lügen enthalten Wahrheit.“


  • Die drei Namen

    Die Nacht war noch nicht vorüber.

    In Rom kehrte Titus Aurelius Romanus vom Palatin zurück, ohne zu wissen, dass Massad wenige Straßen entfernt bereits den ersten Mann aus dem eigenen Haushalt mit dem unsichtbaren Netz verbunden hatte.

    In Mogontiacum begann Faustus Iunius Rupa währenddessen seine gefährlichste Täuschung: Er wollte nicht länger den Spuren folgen, die man ihm hinterließ.

    Er wollte selbst Spuren legen.

    Und Appius Orbius Herminianus ritt vom Landhaus des Gaius Iunius Marcellus zurück zur Stadt, während ihm eine einzige Frage nicht aus dem Kopf ging:

    Woher wusste Marcellus, dass Titus ihn geschickt hatte?

    Drei Männer suchten nach derselben Wahrheit.

    Doch noch immer wusste keiner, ob sie überhaupt denselben Feind suchten.

    I. VILLA AURELIA – DIE RÜCKKEHR

    Titus betrat das Atrium der Villa Aurelia kurz nach Mitternacht.

    Selina wartete bereits.

    Sie saß auf einer niedrigen Bank, die Arme verschränkt.

    Als Titus hereinkam, erhob sie sich.

    „Endlich.“

    „Eine ausgesprochen herzliche Begrüßung.“

    „Du solltest längst zurück sein.“

    Titus nahm den Mantel ab.

    „Trogus redet gern.“

    „Was wollte er?“

    Titus sah sich um.

    „Wo ist Massad?“

    Selina schwieg einen Moment.

    „Noch nicht zurück.“

    Titus' Gesicht veränderte sich.

    „Seit wann?“

    „Seit du gegangen bist.“

    „Verdammt.“

    Selina trat näher.

    „Was ist passiert?“

    Titus deutete auf das Tablinum.

    „Nicht hier.“

    Sie folgte ihm.

    Er schloss die Tür.

    Dann erzählte er ihr alles.

    Die gefälschten Schreiben.

    Die Transporte.

    Das echte Siegel.

    Die Warnung vor Mogontiacum.

    Und Trogus' Verdacht, dass Informationen aus der Villa Aurelia nach außen gelangten.

    Selina hörte schweigend zu.

    Erst als Titus geendet hatte, sagte sie:

    „Glaubst du ihm?“

    „Nein.“

    „Dann glaubst du, dass er lügt.“

    „Auch nicht.“

    Selina schüttelte den Kopf.

    „Manchmal bist du anstrengend.“

    Titus lächelte.

    „Trogus hat mir Wahrheit gegeben.“

    „Aber?“

    „Nicht die ganze.“

    Jetzt öffnete sich draußen eine Tür.

    Schritte.

    Titus griff instinktiv zum Dolch.

    Dann erschien Massad.

    Sein Gesicht genügte.

    Titus wusste sofort, dass etwas geschehen war.

    „Was?“

    Massad schloss die Tür hinter sich.

    „Wir haben einen Mann im Haus.“

    Selina runzelte die Stirn.

    „Natürlich haben wir Männer im Haus.“

    Massad sah sie an.

    „Einen von ihnen sollten wir nicht haben.“

    Titus wurde vollkommen ruhig.

    „Wer?“

    Massad antwortete:

    „Dama.“

    II. DER VERRÄTER IM EIGENEN HAUS

    Titus sagte zunächst nichts.

    Dama.

    Einer der älteren Schreiber.

    Seit Jahren in Diensten der Aurelier.

    Unauffällig.

    Zuverlässig.

    Ein Mann, der Rechnungen führte, Lieferlisten prüfte und regelmäßig Teile der Korrespondenz sah.

    „Bist du sicher?“, fragte Titus.

    Massads Blick wurde hart.

    „Ich habe ihn selbst gesehen.“

    „Wo?“

    „In einem Haus nahe dem Tiber.“

    „Allein?“

    „Nein.“

    Massad berichtete.

    Vom Beobachter der Villa.

    Vom Zeichen an dessen Gürtel.

    Adler – drei Striche – Kreis.

    Von der Verfolgung.

    Vom Haus.

    Und schließlich von Dama.

    Selina wurde blass.

    „Dama hat Zugang zu unseren Schreiben.“

    „Nicht zu allen“, sagte Titus.

    „Aber zu genug.“

    Massad legte die Hand auf seinen Dolch.

    „Ich hole ihn.“

    „Nein.“

    Massad sah Titus an.

    „Nein?“

    „Du tust gar nichts.“

    „Er verrät dich.“

    „Wahrscheinlich.“

    „Dann—“

    „Gerade deshalb bleibt er.“

    Massad schwieg.

    Selina begriff zuerst.

    „Du willst ihn benutzen.“

    Titus nickte.

    „Bis heute wusste Dama Dinge, weil er sie heimlich erfahren konnte.“

    Ein dünnes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

    „Ab morgen erfährt er Dinge, weil ich möchte, dass er sie erfährt.“

    III. DIE ERSTE FALSCHE WAHRHEIT

    Titus setzte sich an den Tisch.

    „Wir brauchen etwas Glaubwürdiges.“

    Massad verschränkte die Arme.

    „Eine Lüge.“

    „Nein.“

    Titus nahm eine Wachstafel.

    „Eine Wahrheit.“

    Selina sah ihn fragend an.

    „Die besten Täuschungen“, erklärte Titus, „beginnen mit etwas, das der Gegner überprüfen kann.“

    Er schrieb.

    Langsam.

    Dann las er vor:

    „Appius Orbius Herminianus soll seine Untersuchungen in Mogontiacum beenden und innerhalb von fünf Tagen nach Rom zurückkehren.“

    Massad runzelte die Stirn.

    „Das stimmt doch nicht.“

    „Noch nicht.“

    Selina lächelte.

    „Du wirst den Befehl tatsächlich schicken.“

    „Genau.“

    Titus schrieb weiter.

    Faustus Iunius Rupa ist über die Hintergründe nicht zu informieren.

    Massad blickte ihn an.

    „Das ist gefährlich.“

    „Deshalb wird man es glauben.“

    Selina trat an den Tisch.

    „Und was möchtest du damit erreichen?“

    Titus sah auf die Wachstafel.

    „Ich möchte wissen, wer Angst davor bekommt, dass Appius Mogontiacum verlässt.“

    VII. TROGUS ENTDECKT DAS FEHLENDE SIEGEL

    Im Palast war Nero Patulcius Trogus noch wach.

    Titus war längst gegangen.

    Trogus stand allein vor seiner Kassette.

    Die gefälschten Schreiben lagen auf dem Tisch.

    Er öffnete ein verborgenes Fach.

    Darin befand sich sein persönliches Siegel.

    Unbeschädigt.

    Trogus nahm es heraus.

    Betrachtete es.

    Dann drückte er gegen die Seitenwand des Fachs.

    Ein zweiter Mechanismus öffnete sich.

    Trogus griff hinein.

    Seine Hand blieb stehen.

    Das Fach war leer.

    „Nein.“

    Er suchte erneut.

    Nichts.

    Dort hatte ein zweiter Gegenstand gelegen.

    Ein altes Gegensiegel.

    Ursprünglich angefertigt, um bestimmte vertrauliche Befehle unabhängig vom gewöhnlichen Verwaltungsweg bestätigen zu können.

    Trogus setzte sich.

    Das erklärte die perfekten Fälschungen.

    Nicht kopiert.

    Nicht nachgeahmt.

    Echt gesiegelt.

    Nur drei Menschen wussten, dass dieses Gegensiegel existierte.

    Trogus saß lange schweigend da.

    Dann nahm er eine Wachstafel.

    Er schrieb drei Namen.

    Beim dritten hielt seine Hand inne.

    „Bei den Göttern.“

    VIII. DER MORGEN IN DER VILLA AURELIA

    Dama erschien wie jeden Morgen.

    Saubere Tunika.

    Ordentliches Haar.

    Wachstafeln unter dem Arm.

    Nichts an ihm deutete darauf hin, dass Massad ihn wenige Stunden zuvor in einem konspirativen Haus gesehen hatte.

    Titus saß bereits im Tablinum.

    „Guten Morgen, Dama.“

    Der Schreiber verbeugte sich.

    „Dominus.“

    Massad stand im Hintergrund.

    Dama schenkte ihm kaum Beachtung.

    Selina war nicht zu sehen.

    Titus deutete auf den Tisch.

    „Es gibt einiges zu erledigen.“

    „Selbstverständlich.“

    Dama setzte sich.

    Titus beobachtete ihn.

    Ruhige Hände.

    Ruhiger Atem.

    Keine Nervosität.

    Gut, dachte Titus.

    Sehr gut sogar.

    „Ich brauche einen Kurier nach Mogontiacum.“

    Für den Bruchteil eines Augenblicks hielt Damas Griffel inne.

    Nur einen Herzschlag.

    Dann schrieb er weiter.

    Titus hatte es gesehen.

    Massad ebenfalls.

    „An Legatus Aurelianus Appius Orbius Herminianus.“

    „Jawohl, Dominus.“

    „Der Brief ist vertraulich.“

    Wieder dieser winzige Moment.

    „Natürlich.“

    Titus legte die vorbereitete Wachstafel auf den Tisch.

    „Niemand außer dem Kurier soll sie sehen.“

    Dama nahm sie.

    „Ich kümmere mich darum.“

    Titus lächelte freundlich.

    „Das weiß ich.“

    IX. SELINA LEGT DIE ZWEITE SPUR

    Dama verließ das Tablinum.

    Massad wollte ihm folgen.

    Titus hob die Hand.

    „Nicht du.“

    „Warum?“

    „Er kennt dich.“

    Eine Stimme erklang hinter ihnen.

    „Mich aber unterschätzt er.“

    Selina trat aus einem Nebenraum.

    Massad sah sie an.

    „Du folgst ihm nicht allein.“

    „Warum?“

    „Weil—“

    Selina hob eine Augenbraue.

    Massad schwieg.

    Titus grinste.

    „Eine ausgezeichnete Entscheidung.“

    Massad sah ihn finster an.

    Selina zog einen schlichten Mantel über.

    „Wenn Dama die Nachricht weitergibt, möchte ich wissen, wem.“

    Titus nickte.

    „Nur beobachten.“

    „Natürlich.“

    Massad murmelte:

    „Das sagt sie jetzt.“

    Selina lächelte.

    „Ich habe dich gehört.“

    „Das war beabsichtigt.“

    XI. DIE BOTSCHAFT DES TROGUS

    Kurz vor Mittag erschien ein Bote an der Villa Aurelia.

    Er trug kein Zeichen des Palastes.

    Keine Uniform.

    Nur eine kleine versiegelte Wachstafel.

    „Für Titus Aurelius Romanus.“

    Massad nahm sie entgegen.

    „Von wem?“

    „Das wird der Dominus wissen.“

    Der Mann ging.

    Titus öffnete die Tafel.

    Nur ein Satz:

    Wir müssen über drei Namen sprechen.

    Darunter:

    N.P.T.

    Titus blickte zu Massad.

    „Trogus.“

    „Was will er?“

    „Mich offenbar wiedersehen.“

    Massad verschränkte die Arme.

    „Dieses Mal komme ich mit.“

    „Nein.“

    „Titus.“

    „Massad.“

    Bevor der Streit beginnen konnte, erschien Selina.

    Sie war außer Atem.

    „Dama.“

    Titus stand sofort auf.

    „Was ist passiert?“

    „Er hat den Brief nicht dem Kurier gegeben.“

    Titus' Augen verengten sich.

    „Wem?“

    „Einem Mann am Forum Boarium.“

    „Kennst du ihn?“

    „Nein.“

    „Beschreibung?“

    „Habe ich.“

    Titus lächelte.

    Die Falle hatte funktioniert.

    „Und Dama?“

    „Ist zurück auf dem Weg zur Villa.“

    Titus sah Massad an.

    „Dann wissen wir jetzt, dass er tatsächlich weitergibt.“

    Massad griff an seinen Dolch.

    „Jetzt?“

    „Noch immer nicht.“

    „Wie lange willst du ihn laufen lassen?“

    Titus antwortete:

    „Bis er uns zu jemandem führt, der wichtiger ist als er.“

    XII. TROGUS NENNT DEN ERSTEN NAMEN

    Am Nachmittag traf Titus erneut auf Trogus.

    Diesmal nicht im selben Raum.

    Der Eunuch hatte einen kleinen abgeschlossenen Archivraum gewählt.

    Keine Diener.

    Keine Wachen.

    Trogus legte eine Wachstafel auf den Tisch.

    Drei Namen standen darauf.

    Doch zwei waren mit Wachs verdeckt.

    Nur der erste war sichtbar.

    Publius Aelius Saturninus.

    Titus kannte ihn dem Namen nach.

    Ein hochrangiger Verwaltungsbeamter mit Zugang zu internen Schriftstücken des Palastes.

    „Saturninus wusste vom Gegensiegel“, sagte Trogus.

    „Warum?“

    „Weil er vor Jahren an der Einrichtung des Verfahrens beteiligt war.“

    „Wo ist er?“

    Trogus sah Titus an.

    „Verschwunden.“

    „Seit wann?“

    „Seit sechs Monaten.“

    Titus' Blick wurde scharf.

    „Und ungefähr seit sechs Monaten tauchen die falschen Schreiben auf.“

    „Ja.“

    Titus deutete auf den zweiten verdeckten Namen.

    „Der nächste.“

    Trogus entfernte das Wachs.

    Titus las.

    Gaius Iunius Marcellus.

    Er sah sofort auf.

    „Marcellus?“

    „Er wusste nicht, wo das Gegensiegel lag.“

    „Aber dass es existierte.“

    „Ja.“

    Titus dachte an Appius.

    An Mogontiacum.

    An die gefälschten Dokumente.

    „Warum wusste er davon?“

    „Weil Marcellus vor Jahren für eine Sonderkommission tätig war, die vertrauliche Transporte zwischen Rom und den Rheinprovinzen überprüfte.“

    Titus' Gesicht wurde hart.

    Plötzlich verbanden sich Dinge.

    Mogontiacum.

    Marcellus.

    Die Transporte.

    Das Siegel.

    Doch Titus erinnerte sich an seine eigene Erkenntnis.

    Zu einfach.

    „Und der dritte?“

    Trogus legte die Hand auf das Wachs.

    „Bevor ich ihn Euch zeige, müsst Ihr etwas verstehen.“

    „Was?“

    „Dieser Name beweist keine Schuld.“

    „Das entscheidet nicht Ihr.“

    „Aurelier.“

    „Zeigt ihn.“

    Trogus zögerte.

    Dann entfernte er das Wachs.

    Titus las.

    Und wurde vollkommen still.

    XIII. DER DRITTE NAME

    Dort stand:

    Marcus Aurelius Scaurus.

    Titus kannte den Namen.

    Nicht nur aus Verwaltungslisten.

    Nicht nur aus Erzählungen.

    Marcus Aurelius Scaurus hatte viele Jahre zuvor zum erweiterten Umfeld der Gens Aurelia gehört.

    Ein entfernter Verwandter.

    Ein Mann, der zeitweise Aufgaben für das Haus übernommen hatte.

    Ein Mann, dessen Name in alten Familienunterlagen der Villa Aurelia auftauchte.

    Titus hob langsam den Blick.

    „Das ist unmöglich.“

    „Nein.“

    „Scaurus ist seit Jahren aus Rom verschwunden.“

    „Richtig.“

    „Man sagte, er sei tot.“

    Trogus schwieg.

    Titus verstand.

    „Man sagte.“

    „Sein Tod wurde niemals zweifelsfrei bestätigt.“

    Titus ging einige Schritte.

    Plötzlich bekam Damas Verrat eine neue Dimension.

    Ein Schreiber der Villa Aurelia.

    Ein altes Mitglied aus dem Umfeld der Aurelier.

    Gefälschte Palastbefehle.

    Mogontiacum.

    „Warum wusste Scaurus vom Gegensiegel?“

    Trogus antwortete:

    „Weil er damals der Mann war, der es transportierte.“

    Titus drehte sich um.

    „Wohin?“

    Trogus sah ihn an.

    „Nach Mogontiacum.“

    Titus stand noch immer vor Trogus.

    Saturninus.

    Marcellus.

    Scaurus.

    Drei Männer.

    Drei mögliche Zugänge zum Gegensiegel.

    Der erste war verschwunden.

    Der zweite befand sich in Mogontiacum.

    Der dritte sollte tot sein.

    „Welchen verdächtigt Ihr?“, fragte Titus.

    Trogus antwortete:

    „Alle.“

    Titus schüttelte den Kopf.

    „Das ist keine Antwort.“

    „Es ist die einzige, die ich habe.“

    Titus blickte erneut auf die Namen.

    Dann auf Scaurus.

    „Wenn er lebt…“

    „Dann besitzt Ihr ein Problem.“

    Titus sah Trogus an.

    „Nein.“

    Er nahm die Wachstafel.

    „Dann besitzen wir beide eines.“

    XVI. DAS NETZ REAGIERT

    Noch am selben Abend geschahen vier Dinge.

    In Mogontiacum verließ ein unbekannter Kurier das Verwaltungsviertel und ritt nach Süden.

    Faustus ließ ihn verfolgen.

    Appius erhielt eine zweite Nachricht.

    Diesmal ohne Siegel.

    Nur drei Worte:

    KEHRE NICHT ZURÜCK.

    In Rom verließ Dama die Villa Aurelia erneut.

    Selina folgte ihm.

    Massad folgte Selina.

    Und Titus saß im Tablinum über alten Unterlagen der Gens Aurelia.

    Schließlich fand er den Namen.

    Marcus Aurelius Scaurus.

    Daneben eine alte Notiz.

    Titus las sie zweimal.

    Dann ein drittes Mal.

    Scaurus hatte Jahre zuvor nicht allein nach Mogontiacum reisen sollen.

    Ein zweiter Mann war ihm zugeteilt gewesen.

    Ein Begleiter.

    Ein Verbindungsmann.

    Titus kannte auch diesen Namen.

    Sehr gut.

    Er stand auf.

    „Bei allen Göttern.“

    Die drei Namen

    Zum ersten Mal besitzt die Verschwörung nicht einen Verdächtigen, sondern drei:

    Publius Aelius Saturninus – ein verschwundener Beamter aus der kaiserlichen Verwaltung.

    Gaius Iunius Marcellus – der Mann in Mogontiacum, der offenbar wesentlich mehr über Titus' Ermittlungen weiß, als er wissen dürfte.

    Marcus Aurelius Scaurus – ein verschollenes Mitglied aus dem Umfeld der Gens Aurelia, das einst das Gegensiegel des Trogus nach Mogontiacum transportierte.

    Doch keiner dieser Namen beweist Schuld.

    Währenddessen haben Titus und Faustus unabhängig voneinander denselben entscheidenden Schritt getan:

    Sie verfolgen das Netz nicht mehr.

    Sie beginnen, es zu füttern.

    Titus benutzt Dama.

    Faustus benutzt Lucius.

    Appius wird bewusst zum sichtbaren Verbindungsmann zwischen beiden Seiten.

    Und irgendwo zwischen Rom und Mogontiacum beginnen jene Menschen, die sich bisher unsichtbar glaubten, auf die Täuschungen zu reagieren.

    Die Jagd verändert ihre Richtung.

    Zum ersten Mal müssen nicht mehr Titus, Faustus und Appius reagieren.

    Der Gegner muss es.

    Fortsetzung: DIES VIII – MORTUUS QUI VIVIT – Der Tote, der lebt

    Titus entdeckt in den alten Unterlagen der Gens Aurelia, wer Marcus Aurelius Scaurus damals nach Mogontiacum begleitet hatte. Der Name führt zu einem Mann, der heute noch lebt – und den Titus seit Jahren kennt.

    Faustus lässt unterdessen den aus Mogontiacum aufgebrochenen Kurier verfolgen. Doch statt nach Rom führt dessen Weg zu einem abgelegenen römischen Gut südlich der Stadt. Dort begegnet er einem Mann, der laut offiziellen Unterlagen seit Jahren tot sein müsste.

    Appius versucht herauszufinden, wer ihm die Warnung KEHRE NICHT ZURÜCK geschickt hat. Dabei entdeckt er, dass sein angeblicher Rückruf nach Rom bereits bekannt war, bevor der offizielle Kurier Mogontiacum erreicht hatte.

    In Rom führt Dama Selina und Massad erneut zum Haus am Tiber. Dieses Mal verlässt dort jedoch ein Mann das Gebäude, dessen Gesicht Selina aus der Villa Aurelia kennt.

    Und im Palast erhält Trogus eine Nachricht, die nur aus fünf Worten besteht:

    DAS GEGSIEGEL IST NICHT BEI UNS.

    Damit entsteht eine noch gefährlichere Möglichkeit:

    Vielleicht gibt es nicht ein unsichtbares Netz.

    Vielleicht kämpfen im Hintergrund zwei verschiedene Gruppen um dieselben Geheimnisse.

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