STATIO MUNITISSIMA EXPLORATIONIS IMPERII I


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    GERMANIA IN FLAMMIS (GERMANIEN IN FLAMMEN)


    Die Geschichte basiert auf dem Erkundungsvorstoß des Biarchus Faustus Iunius Rupa in das unbesetzte Germanien. Faustus hatte den Auftrag einen ungedeckten Vorposten im Schutze der germanischen Wälder zu errichten und die Region auszuspähen, möglichst ohne gesehen zu werden. Doch wie wir wissen misslang diese Aktion mit Pauken und Trompeten. Hinzu kam eine Verschwörung auf die Faustus durch Zufall traf. Die Komplexität dieser Verschwörung beschäftigt neben Faustus auch noch Titus Aurelius Romanus, der in Rom weilt und durch Zufall in die ganze Geschichte hineingezogen wurde.


    Nachdem der Dienst für die Männer der Exploratio Imperii weiter geht, denn am Limes darf man nicht schlafen, kam ein neuer Auftrag hinzu, diesmal entschied sich das Legionskommando der Legio XXII Primigenia dafür einen kleinen bewaffneten Vorposten in Germania Magna zu errichten mit dem offiziellen Auftrag die germanische Region und ihr Hinterland zu erkunden. Bisher ist alles ruhig an der Grenze und zwischen der Besatzung des Vorpostens, sowie Markwarts Dorf. Doch die Frage lautet in Wirklichkeit: "Wie lange noch?"



    Faustus Iunius Rupa und der später hinzustoßende Titus Aurelius Romanus hegen ihre Zweifel und als Soldaten des Limes entwickeln sie ein Gespür für Veränderungen an der Grenze zum wilden Germanien. Hinzu kommt noch immer die unsägliche Verschwörung von wem auch immer. Beide Protagonisten kommen bei ihrer Suche nach dem Hauptverantwortlichen nicht wirklich voran. Was seitens der Verschwörer auch gewollt ist. Für Faustus wie auch Titus sind die allgegenwärtigen Probleme so groß und unübersichtlich, dass sie fast ihren Auftrag die Grenze um jeden Preis zu schützen vergessen. Ihre große Befürchtung umfasst den Germanenhäuptling Markwart und seinen Sohn Dankwart, die so hoffen sie, sich nicht von den wilden Gerüchten rund um einen schwachen Limes, sowie einer personell schwachen Legion XXII Primigenia, verleiten lassen eine Dummheit in Form eines Aufstandes gegen das Imperium Romanum zu wagen.



    Unter dem Unterpunkt Nebenschauplätze erfolgen begleitende Geschichten, die augenscheinlich kaum etwas mit unserer Hauptstory zu tun haben. Doch der Ausbau der Straße zwischen Mogontiacum und dem Castellun lugum betrifft unsere Protagonisten doch erheblich, denn es ist eine der wichtigsten damals real existierenden Straßen um so schnell wie möglich an den Limes zu gelangen. Diese Straße wird im Laufe der Zeit noch erheblich an Bedeutung gewinnen um dann den zukünftigen Höhepunkt zu unterstützen. Lasst euch überraschen liebe Leser unserer Geschichte rund um Faustus Iunius Rupa und Titus Aurelius Romanus.


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    Titus Aurelius Romanus

    Faustus Iunius Rupa




    Inhaltsverzeichnis:


    Germania Magna (1-10)

    I. Vorposten der Exploratio Imperii

    II. Vorposten der Exploratio Imperii

    III. Vorposten der Exploratio Imperii

    IV. Vorposten der Exploratio Imperii

    V. Vorposten der Exploratio Imperii

    VI. Vorposten der Exploratio Imperii

    VII. Vorposten der Exploratio Imperii

    VIII. Vorposten der Exploratio Imperii

    IX. Vorposten der Exploratio Imperii

    X. Vorposten der Exploratio Imperii

    XI. Vorposten der Exploratio Imperii




    Roma (1-6)

    VI. Vorposten der Exploratio Imperii - Rom - Die Villa Aurelia

    VII. Vorposten der Exploratio Imperii - Rom - Die Villa Aurelia




    Nebenschauplätze Region um Mogontiacum (1-6)

    GEHEIMBERICHT - ERMANIA SUPERIOR – DER LIMES IM JAHRE 123 N. CHR.

    Constrctae Mogontiacum ad Limes

    Documetum Secretum und Konsequenzen für Faustus


  • I. Vorposten der Exploratio Imperii

    VIDERE – SCIRE – NUNTIARE

    Kontrollbesuch des Biarchus Faustus Iunius Rupa

    Der Vorposten lag dort, wo das römische Reich aufhörte, Gewissheit zu sein. Auf einem felsigen Höhenrücken erhob sich die kleine Befestigung über dem weiten Tal. Tief unten wand sich ein Fluss zwischen bewaldeten Hügeln hindurch. Dahinter begann das Land der Germanen: Wälder, offene Weideflächen, einzelne Gehöfte und kleine Siedlungen, deren Rauchfahnen an windstillen Tagen bis vom Wachtturm aus zu erkennen waren.

    Es war kein Kastell und sollte auch keines sein. Der Posten war ein Auge. Ein Ohr. Und eine Stimme, die das Gesehene nach Mogontiacum weitergab. Über dem Eingang waren drei Worte in eine Holztafel eingeschnitten:

    VIDERE – SCIRE – NUNTIARE. (Sehen. Wissen. Melden)

    Das war der Auftrag, den Biarchus Faustus Iunius Rupa gegeben hatte.

    Und der Mann, der dafür verantwortlich war, hieß Circitor Sisenna Digitius Plautianus.

    I. Der Vorposten

    Sisenna stand auf dem hölzernen Beobachtungsturm und hatte beide Hände auf die Brüstung gelegt. Unter ihm lag der gesamte Posten. Eine hohe Palisade aus dicht gesetzten, oben zugespitzten Stämmen umschloss die Anlage. An der besonders gefährdeten Seite verstärkten ein niedriger Erdwall und ein Graben die Befestigung. Das einzige Tor war so angelegt, dass ein Besucher nicht unmittelbar in den Innenhof gelangen konnte.

    Der Turm beherrschte die Anlage. Sein steinerner Unterbau machte ihn widerstandsfähiger gegen Feuer, während die oberen Geschosse aus kräftigen Holzbalken bestanden. Ganz oben befand sich die offene Beobachtungsplattform. Von dort konnte ein Speculator bei gutem Wetter weit in das umliegende Land sehen. Unterhalb des Turmes lagen die Unterkünfte. Ein langgestrecktes Gebäude beherbergte die Speculatores. Daneben befanden sich ein kleiner Befehlsraum, Vorratsräume, Magazin und Stallungen. Pferde standen unter einfachen überdachten Verschlägen. In der Mitte des Hofes befand sich der Brunnen. Eine kleine Schmiedestelle erlaubte einfache Reparaturen.

    Speere.

    Schnallen.

    Hufeisen.

    Beschläge.

    Alles, was größere Arbeiten erforderte, musste nach Mogontiacum gebracht werden. Neben dem Befehlsraum befand sich jedoch der wichtigste Raum des gesamten Vorpostens. Der Kartenraum. Dort wurden Meldungen gesammelt, Wege eingezeichnet, Beobachtungen verglichen und Veränderungen festgehalten.

    Sisenna hörte Schritte hinter sich.

    „Plautianus.“

    Der Speculator Marcus Vibius trat auf die Plattform.

    „Was gibt es?“

    „Bewegung am Waldrand.“

    Sisenna griff nach seinem Fernrohr – einem einfachen tubus, der keine Wunder vollbrachte, aber den Blick bündelte und half, Geländepunkte genauer anzuvisieren.

    „Wo?“

    Marcus zeigte.

    „Jenseits des Baches. Neben der großen Buche.“

    Sisenna sah hinüber. Zwei Männer standen dort. Germanen. Einer hielt einen Speer. Der andere hatte einen dunklen Mantel um die Schultern gelegt. Sie standen einfach dort. Und blickten zum römischen Vorposten.

    Sisenna beobachtete sie eine Weile.

    „Tun sie etwas?“

    „Nein.“

    „Sind weitere Männer zu sehen?“

    „Nein.“

    „Waffenbewegungen?“

    „Nein.“

    „Feuerzeichen?“

    „Nein.“

    Sisenna setzte den tubus ab.

    „Dann sind sie zwei Männer, die uns ansehen.“

    Marcus grinste.

    „Soll ich zwei Reiter hinausschicken?“

    Sisenna sah ihn scharf an.

    „Wozu?“

    „Um festzustellen, was sie wollen.“

    „Wir wissen, was sie wollen.“

    „Und das wäre?“

    Sisenna deutete auf den Vorposten.

    „Sie wollen wissen, was wir wollen.“

    Er wandte sich wieder dem Tal zu.

    „Keine Reiter.“

    „Jawohl.“

    „Keine Drohgebärden. Keine Waffen zeigen. Niemand nähert sich ihnen.“

    Marcus nickte. Sisenna fügte hinzu:

    „Aber du trägst die Beobachtung ein.“

    „Zwei Germanen am Waldrand?“

    „Genau.“

    „Das ist alles?“

    „Das ist alles.“

    Marcus zögerte.

    „Nicht besonders aufregend.“

    Sisenna sah ihn an.

    „Vibius, wenn du Aufregung suchst, bist du hier falsch.“

    Er zeigte hinaus.

    „Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Abenteuer zu erleben.“

    Dann tippte er mit dem Finger gegen die eingeschnittenen Worte an einem Balken.

    VIDERE. SCIRE. NUNTIARE.

    „Wir sehen. Wir versuchen zu verstehen. Und wir melden.“

    II. Die Befehle des Sisenna

    Kurz nach Sonnenaufgang ließ Sisenna die dienstfreien Männer im Hof antreten. Vierzehn Männer standen vor ihm. Speculatores, Reiter, ein Schreiber, zwei Männer für Versorgung und Pferde sowie Soldaten, die im Notfall die Verteidigung verstärkten. Sisenna ging langsam vor ihnen entlang.

    „Heute ändern wir den Beobachtungsplan.“

    Ein Speculator hob den Kopf.

    „Warum?“

    „Weil wir seit drei Tagen immer zur gleichen Zeit dieselben Punkte kontrollieren.“

    Stille. Sisenna blieb stehen.

    „Und was glaubt ihr, geschieht, wenn die Menschen dort draußen uns ebenfalls beobachten?“

    Niemand antwortete. Sisenna zeigte auf einen jungen Speculator.

    „Crispus.“

    „Sie lernen unseren Rhythmus.“

    „Richtig.“

    Sisenna ging weiter.

    „Deshalb gibt es ab heute keine festen Zeiten mehr.“

    Er zeigte auf drei Männer.

    „Crispus, Vibius, Laelius. Ihr nehmt den Nordabschnitt.“

    „Jawohl.“

    „Nicht gemeinsam.“

    Crispus runzelte die Stirn.

    „Getrennt?“

    „Mit Sichtverbindung.“

    Sisenna hob einen Finger.

    „Und niemand überschreitet den Bach.“

    „Auch wenn wir Spuren finden?“

    „Dann betrachtet ihr sie.“

    „Und wenn sie interessant sind?“

    „Dann merkt ihr euch die Stelle.“

    „Und wenn—“

    Sisenna unterbrach ihn.

    „Dann kommt ihr zurück.“

    Crispus schwieg. Sisenna trat unmittelbar vor ihn.

    „Was ist unsere Aufgabe?“

    „Beobachten.“

    „Weiter.“

    „Erkennen.“

    „Weiter.“

    „Melden.“

    Sisenna nickte.

    „Nicht verfolgen. Nicht provozieren. Nicht irgendeinem Germanen beweisen, dass ein Römer schneller reiten kann als er.“

    Einige Männer grinsten.

    „Das gilt besonders für dich, Crispus.“

    Jetzt lachten sie.

    „Jawohl.“

    Sisenna wandte sich an den Schreiber.

    „Aulus.“

    „Hier.“

    „Das Beobachtungsbuch.“

    Der Schreiber öffnete eine Wachstafel.

    „Ab heute wird jede Sichtung mit vier Angaben eingetragen: Zeit, Ort, Zahl und Verhalten.“

    „Verstanden.“

    „Keine Vermutungen.“

    Sisenna sah die Männer an.

    „Ich will nicht lesen: Verdächtiger Germane beobachtet Posten.“

    Er deutete hinaus.

    „Was bedeutet verdächtig? Nichts.“

    Dann diktierte er:

    „Zwei Männer. Bewaffnet mit Speeren. Am östlichen Waldrand. Beobachteten den Posten ungefähr eine halbe Stunde. Keine Annäherung. Keine feindliche Handlung.“

    Der Schreiber nickte.

    „Das ist eine Meldung.“

    Sisenna tippte gegen seine Stirn.

    „Alles andere entsteht hier drin. Und Gedanken sind noch keine Tatsachen.“

    III. Die friedlichen Nachbarn

    In den folgenden Tagen blieb die Lage ruhig. Germanische Hirten führten Vieh über entfernte Weideflächen. Holzfäller arbeiteten am Waldrand. Fischer waren am Fluss zu sehen. Manchmal erschienen einzelne Männer auf einer Anhöhe und betrachteten den römischen Vorposten. Die Römer beobachteten zurück. Mehr geschah nicht. Keine Pfeile flogen. Keine Patrouille wurde angegriffen. Kein Versorgungstrupp verschwand. Es gab keine nächtlichen Feuerzeichen und keine Ansammlung bewaffneter Krieger. Sisenna achtete sorgfältig darauf, dass seine Männer diese Ruhe nicht zerstörten. Als eines Nachmittags drei germanische Jugendliche näher als gewöhnlich an die Palisade kamen, meldete ein Wachposten aufgeregt:

    „Plautianus! Drei Germanische am Westhang!“

    Sisenna trat auf den Wehrgang. Die drei standen vielleicht zweihundert Schritt entfernt. Einer zeigte auf den Turm. Ein anderer lachte.

    „Bogen bereitmachen?“, fragte der Wachposten.

    Sisenna drehte langsam den Kopf.

    „Weshalb?“

    „Sie kommen näher.“

    „Haben sie Waffen?“

    „Einer ein Messer.“

    „Du trägst ebenfalls ein Messer.“

    Der Mann schwieg. Unten rief einer der Jugendlichen etwas. Die anderen lachten. Sisenna musste selbst lächeln.

    „Was hat er gesagt?“, fragte der Wachposten.

    „Keine Ahnung.“

    „Soll ich sie vertreiben?“

    „Nein.“

    „Und wenn sie noch näher kommen?“

    „Dann reden wir mit ihnen.“

    „Und wenn sie Steine werfen?“

    „Dann überlegen wir uns, ob wir schlechte Nachbarn sind.“

    Der Wachposten sah ihn verwundert an. Sisenna wurde wieder ernst.

    „Wir sind hier, um Informationen zu gewinnen. Jeder unnötige Streit macht unsere Aufgabe schwieriger.“

    Er zeigte hinaus.

    „Solange sie friedlich bleiben, bleiben wir friedlich.“

    IV. Reiter aus Mogontiacum

    Drei Tage später ertönte vom Turm ein Ruf.

    „Reiter! Südstraße!“

    Sisenna kam aus dem Befehlsraum.

    „Wie viele?“

    „Sechs!“

    „Kennzeichen?“

    Der Beobachter beugte sich über die Brüstung. Dann rief er:

    „Römisch!“

    Eine kurze Pause.

    „Exploratio!“

    Sisenna blieb stehen.

    Er wusste sofort, wer kam.

    „Torwache!“

    „Hier!“

    „Tor öffnen.“

    Er strich seinen Mantel glatt.

    „Der Biarchus kommt.“

    Wenig später ritten sechs Männer den schmalen Weg zum Vorposten hinauf. An ihrer Spitze saß Faustus Iunius Rupa. Sisenna erwartete ihn innerhalb des Tores. Faustus sprang vom Pferd. Die beiden Männer sahen sich an. Sisenna hob die Hand zum Gruß.

    „Biarchus.“

    „Plautianus.“

    Faustus blickte sich um. Palisade. Turm. Stall. Wachen. Männer beim Reinigen ihrer Ausrüstung. Ein Schreiber, der gerade aus dem Kartenraum trat.

    „Du hast den Posten verändert.“

    „Verbessert.“

    Faustus deutete auf den Turm.

    „Steinsockel?“

    „Der alte Holzunterbau war mir zu brandgefährdet.“

    Faustus nickte.

    „Vernünftig.“

    Dann sah er Sisenna an.

    „Zeig mir alles.“

    V. Der Kontrollgang

    Sie begannen am Tor. Sisenna erklärte:

    „Nachts zwei Mann. Einer oben, einer unten.“

    „Tagsüber?“

    „Einer.“

    „Tor geschlossen?“

    „Bei Dunkelheit immer.“

    Faustus prüfte selbst den Riegel.

    „Wie schnell könnt ihr alarmieren?“

    „Probieren wir es aus?“

    Faustus grinste.

    „Später.“

    Sie gingen zu den Stallungen.

    „Acht Pferde“, sagte Sisenna.

    Faustus zählte.

    „Ich sehe sieben.“

    „Das achte ist mit einem Melder unterwegs.“

    „Wohin?“

    „Zwischenstation Süd.“

    „Wann zurück?“

    „Spätestens morgen Mittag.“

    Faustus nickte. Weiter.

    „Getreide?“

    „Für sechzehn Tage.“

    „Wasser?“

    „Brunnen ausreichend.“

    „Pfeile?“

    „Zweihundertachtundsechzig.“

    Faustus blieb stehen.

    „Du weißt die genaue Zahl?“

    Sisenna sah ihn trocken an.

    „Du würdest fragen.“

    Faustus lachte kurz.

    „Deshalb leite ich dich gerne.“

    „Das sagst du nur, solange die Zahlen stimmen.“

    VI. Der Kartenraum

    Schließlich betraten sie das Herz des Vorpostens. Ein großer Tisch stand in der Mitte. Darauf lagen Wachstafeln, Kartenfragmente und Skizzen des Umlandes. Wege waren eingezeichnet.

    Bäche.

    Furten.

    Hügel.

    Waldränder.

    Siedlungen.

    Beobachtungspunkte.

    Sisenna legte eine Tafel vor Faustus.

    „Die letzten zwölf Tage.“

    Faustus las.

    „Keine Angriffe.“

    „Nein.“

    „Keine verschwundenen Patrouillen.“

    „Nein.“

    „Keine größeren Ansammlungen bewaffneter Männer.“

    „Keine.“

    „Veränderungen bei den Siedlungen?“

    „Nicht erkennbar.“

    Faustus sah auf die Karte.

    „Und die Germanen?“

    Sisenna zeigte auf drei Markierungen.

    „Beobachten uns.“

    Faustus blickte auf.

    „Wie häufig?“

    „Unregelmäßig. Manchmal zwei Männer. Manchmal drei. Einmal fünf.“

    „Annäherung?“

    „Bis ungefähr zweihundert Schritt.“

    „Provokationen?“

    „Keine.“

    Faustus schwieg einen Augenblick.

    „Deine Einschätzung?“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Neugier.“

    „Nur Neugier?“

    „Und Vorsicht.“

    Er zeigte auf den Vorposten.

    „Wir haben ihnen einen römischen Holzkasten auf einen Hügel gestellt und beobachten jeden, der sich bewegt. Natürlich beobachten sie zurück.“

    Faustus musste lachen.

    „Ein römischer Holzkasten?“

    „Ein hervorragend befestigter römischer Holzkasten.“

    „Das wollte ich hören.“

    Dann wurde Faustus ernst.

    „Siehst du Anzeichen für Feindseligkeit?“

    „Nein.“

    „Vorbereitungen für einen Angriff?“

    „Nein.“

    „Bewegungen größerer Kriegergruppen?“

    „Nein.“

    „Verdeckte Annäherungen?“

    „Keine festgestellt.“

    Faustus betrachtete lange die Karte.

    „Dann machen wir nicht den Fehler, Frieden mit Schwäche zu verwechseln.“

    Sisenna nickte.

    „Aber auch nicht den Fehler, Frieden durch Misstrauen zu zerstören.“

    Faustus sah ihn an.

    „Genau.“

    VII. Die Lageeinweisung

    Sisenna schob eine zweite Tafel über den Tisch.

    „Dann die Lage im Einzelnen.“

    Faustus setzte sich. Sisenna blieb stehen.

    „Abschnitt Nord: ruhig. Zwei bekannte Viehpfade. Täglich Hirtenbewegungen. Keine ungewöhnlichen Veränderungen.“

    Sein Finger wanderte.

    „Abschnitt Ost: Waldgebiet. Schlechte Sicht. Deshalb zwei wechselnde Beobachtungspunkte.“

    Weiter.

    „Süd: unser eigener Versorgungsweg. Zweimal täglich Sichtkontrolle vom Turm.“

    „Westen?“

    „Interessanter.“

    Faustus hob den Kopf.

    „Warum?“

    „Mehr Bewegung.“

    „Krieger?“

    „Nein.“

    „Was dann?“

    „Händler. Fischer. Bauern. Mehr Verkehr entlang des Flusses.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Also gerade deshalb wichtig.“

    „Genau.“

    Sisenna legte eine weitere Wachstafel hin.

    „Ich lasse nicht nur Männer zählen.“

    „Sondern?“

    „Wagen.“

    Faustus lächelte.

    „Gut.“

    „Boote ebenfalls.“

    „Noch besser.“

    „Und Vieh.“

    Faustus hob eine Augenbraue.

    „Vieh?“

    Sisenna nickte.

    „Wenn plötzlich dreimal so viele Tiere aus einem Gebiet verschwinden, möchte ich wissen warum.“

    Faustus sah ihn einen Moment schweigend an. Dann sagte er:

    „Das ist scire.“

    Sisenna deutete auf den Turm.

    „Das dort oben ist videre.“

    Er tippte auf die Wachstafeln.

    „Das hier macht daraus scire.“

    Dann deutete er auf einen verschlossenen Lederbehälter.

    „Und das geht als nuntiare nach Mogontiacum.“

    VIII. Faustus prüft die Männer

    Am Nachmittag ließ Faustus überraschend Alarm geben. Ein Hornstoß erschallte.

    „AD ARMA!“

    Sofort kam Bewegung in den Posten. Männer liefen aus den Unterkünften. Schilde wurden aufgenommen. Das Tor geschlossen. Zwei Speculatores rannten zum Turm. Bogenschützen bezogen Positionen hinter der Palisade. Pferde wurden zurückgeführt. Sisenna stand mitten im Hof.

    „Nordseite besetzen!“

    „Jawohl!“

    „Crispus – Turm!“

    „Schon unterwegs!“

    „Vibius!“

    „Hier!“

    „Pferde sichern!“

    „Jawohl!“

    „Aulus!“

    Der Schreiber erschien mit einer Tasche.

    „Meldeunterlagen!“

    „Gesichert!“

    Faustus beobachtete alles. Nach kurzer Zeit hob er die Hand.

    „Satis! Genug!“

    Ruhe kehrte ein. Faustus sah zu Sisenna.

    „Nicht schlecht.“

    Sisenna verzog das Gesicht.

    „Nicht schlecht?“

    „Willst du Lob?“

    „Nein.“

    „Gut.“

    Faustus deutete auf einen Mann an der Palisade.

    „Der dort war zu langsam.“

    Sisenna nickte.

    „Laelius!“

    „Ja?“

    „Heute Abend zehnmal vom Schlafplatz zur Weststellung.“

    Laelius stöhnte.

    „Zehnmal?“

    „Mit Schild.“

    „Sisenna—“

    „Elfmal.“

    Laelius schwieg. Faustus grinste.

    „Du bist ein unangenehmer Vorgesetzter.“

    Sisenna sah ihn an.

    „Von dir gelernt.“

    IX. Männer am Waldrand

    Gegen Abend standen Faustus und Sisenna gemeinsam auf dem Turm. Die Sonne sank über den Hügeln. Der Fluss glänzte golden. Dann zeigte Sisenna hinaus.

    „Da.“

    Drei Gestalten standen auf einer Anhöhe. Germanen. Faustus beobachtete sie.

    „Seit wann?“

    „Vielleicht eine Viertelstunde.“

    „Bewaffnet?“

    „Speere.“

    Faustus sah genauer hin. Die Männer machten keinerlei Anstalten, näherzukommen. Einer saß schließlich sogar im Gras. Faustus schnaubte belustigt.

    „Furchterregend.“

    Sisenna grinste.

    „Wir sind vermutlich interessanter als ihr Abendessen.“

    Faustus lehnte sich gegen die Brüstung.

    „Und deine Männer gewöhnen sich daran?“

    „Das müssen sie.“

    „Niemand versucht, sie zu vertreiben?“

    „Verboten.“

    Faustus blickte ihn an.

    „Von dir?“

    „Von mir.“

    „Gut.“

    Sisenna wurde ernst.

    „Wenn wir jeden Mann, der uns betrachtet, wie einen Feind behandeln, haben wir irgendwann nur noch Feinde.“

    Faustus nickte langsam.

    „Beobachten sie uns morgen wieder?“

    „Dann beobachten wir sie wieder.“

    „Und übermorgen?“

    „Dasselbe.“

    „Und wenn sie hundert Mann bringen?“

    Sisenna lächelte nicht mehr.

    „Dann bekommst du einen sehr schnellen Melder.“

    Faustus sah hinaus.

    „Genau deshalb steht dieser Posten hier.“

    X. Neue Befehle

    Am nächsten Morgen versammelte Sisenna die Männer. Faustus stand etwas abseits.

    Dies war Sisenna Digitius Plautianus' Posten. Deshalb gab Sisenna die Befehle.

    „Ab heute gelten folgende Aufträge.“

    Die Männer hörten aufmerksam zu.

    „Erstens: Jede größere Bewegung wird dokumentiert.“

    „Zweitens: Germanische Beobachter werden nicht vertrieben, solange sie sich friedlich verhalten.“

    „Drittens: Niemand überschreitet eigenmächtig unsere festgelegte Beobachtungsgrenze.“

    „Viertens: Kein Speculator verfolgt jemanden ohne meinen ausdrücklichen Befehl.“

    Er ging vor den Männern auf und ab.

    „Fünftens: Meldungen enthalten Tatsachen. Keine Geschichten.“

    Crispus grinste. Sisenna bemerkte es.

    „Möchtest du etwas beitragen?“

    „Nein.“

    „Schade. Ich hätte gerne gehört, was du unter Tatsachen verstehst.“

    Die Männer lachten. Dann wurde Sisenna wieder ernst.

    „Sechstens: Jede Veränderung im Alltag der umliegenden Bevölkerung wird festgehalten.“

    Er begann aufzuzählen.

    „Wagenverkehr. Viehbewegungen. Boote. Rauchstellen. Neue Wege. Verlassene Höfe. Jagdgruppen. Händler. Bewaffnete Männer.“

    Faustus hörte aufmerksam zu. Sisenna blieb stehen.

    „Und siebtens.“

    Jetzt herrschte völlige Ruhe. Sisenna deutete auf die drei Worte über dem Eingang.

    VIDERE.

    „Ihr seht.“

    SCIRE.

    „Ihr versucht zu verstehen.“

    NUNTIARE.

    „Ihr meldet.“

    Er ließ seinen Blick über die Männer wandern.

    „Ihr seid nicht hier, um einen Krieg zu beginnen.“

    Stille.

    „Ihr seid hier, damit Rom rechtzeitig weiß, wenn einer beginnt.“

    XI. Abschied

    Kurz darauf wurde Faustus' Pferd aus dem Stall geführt. Sisenna begleitete ihn zum Tor. Faustus nahm die Zügel.

    „Ich bin zufrieden.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Das klingt beinahe wie Lob.“

    „Gewöhn dich nicht daran.“

    „Keine Sorge.“

    Faustus setzte einen Fuß in den Steigbügel. Dann hielt er inne.

    „Plautianus.“

    „Biarchus?“

    Faustus deutete hinaus auf das germanische Land.

    „Wenn dort draußen nichts geschieht, meldest du mir was?“

    Sisenna antwortete sofort:

    „Dass nichts geschieht.“

    Faustus nickte.

    „Gut.“

    Er stieg auf.

    „Denn auch das ist eine Nachricht.“

    Sisenna hob die Hand. Das Tor öffnete sich. Faustus und seine Begleiter ritten hinaus. Die Palisade schloss sich wieder hinter ihnen. Sisenna stieg auf den Turm. In der Ferne waren erneut zwei Germanen zu erkennen.

    Sie standen am Waldrand. Sie betrachteten die Römer. Sisenna betrachtete sie. Neben ihm fragte Marcus:

    „Befehl?“

    Sisenna legte beide Hände auf die hölzerne Brüstung.

    „Beobachten.“

    „Sonst nichts?“

    „Sonst nichts.“

    Eine Weile standen beide schweigend dort. Unter ihnen ging der Alltag des Vorpostens weiter. Pferde wurden gestriegelt. Ein Mann schleppte Wasser vom Brunnen. Zwei Speculatores verglichen ihre Wachstafeln. Aus der kleinen Schmiedestelle erklang das regelmäßige Schlagen eines Hammers. Jenseits der Palisade lag Germania. Keine Schlacht. Kein Angriff. Kein unsichtbarer Feind, der hinter jedem Baum lauerte. Nur zwei Seiten einer Grenze, die einander beobachteten. Sisenna blickte zu den drei Worten am Balken des Turmes.

    VIDERE. SCIRE. NUNTIARE.

    Dann sagte er leise:

    „Wir müssen nicht kämpfen, um unseren Auftrag zu erfüllen.“

    Marcus blickte hinaus.

    „Und wenn es so bleibt?“

    Sisenna lächelte.

    „Dann, Marcus, haben wir einen verdammt guten Dienst getan.“

  • II. Vorposten der Exploratio Imperii

    VIDERE – SCIRE – NUNTIARE

    Aufklärung in Richtung des germanischen Dorfes

    Der Morgen lag kühl über dem Vorposten, als Sisenna Digitius Plautianus auf der oberen Plattform des Beobachtungsturmes stand. Unter ihm erwachte die kleine befestigte Anlage. Die Palisade umschloss Unterkünfte, Stallungen, Magazin, Kartenraum und Brunnen. Zwei Männer öffneten die schweren Torflügel. Im Hof wurden Pferde gestriegelt. Aus der Kochstelle stieg dünner Rauch empor. Jenseits der Befestigung begann das eigentliche Arbeitsgebiet der Exploratio Imperii.

    Germania.

    Und irgendwo dort draußen lag das Dorf, das in den bisherigen Berichten mit Dankwart in Verbindung gebracht worden war. Doch weder Dankwart noch Markwart waren zu sehen.

    Sisenna wollte an diesem Morgen auch keinen von beiden suchen. Er wollte etwas viel Wertvolleres kennenlernen: das gewöhnliche Leben des Dorfes.

    Denn Faustus Iunius Rupa hatte den Auftrag des Vorpostens mit drei Worten zusammengefasst:

    VIDERE. SCIRE. NUNTIARE.

    Sehen. Wissen. Melden.


    Sisenna hatte daraus eine Dienstvorschrift gemacht.

    I. Der Morgenbefehl

    „Antreten!“

    Die Gespräche im Hof verstummten. Acht Speculatores und vier weitere Männer stellten sich vor Sisenna auf. Sisenna ging langsam an ihnen entlang.

    „Heute interessiert mich kein Heldentum.“

    Einige Männer sahen einander an.

    „Und bevor Crispus fragt: Nein, das war keine Einladung, das Gegenteil zu beweisen.“

    Leises Lachen. Crispus verzog das Gesicht.

    „Ich habe überhaupt nichts gesagt.“

    „Das macht mir Sorgen.“

    Jetzt lachten auch die anderen. Sisenna blieb vor ihnen stehen.

    „Wir erweitern heute unsere Aufklärung nach Nordosten.“

    Er zeigte auf den Kartenraum.

    „Zielgebiet ist die Umgebung des germanischen Dorfes.“

    Sofort wurde es still. Marcus Vibius fragte:

    „Das Dorf Dankwarts?“

    Sisenna hob die Hand.

    „Das Dorf.“

    „Aber—“

    „Wir beobachten keine Namen, Vibius. Wir beobachten Menschen, Wege und Veränderungen.“

    Marcus nickte.

    „Verstanden.“

    Sisenna wandte sich an die Gruppe.

    „Ich will wissen, wie dieses Dorf lebt.“

    Crispus runzelte die Stirn.

    „Wie es lebt?“

    „Genau.“

    „Keine Krieger zählen?“

    „Wenn du Krieger siehst, zählst du sie.“

    „Waffen?“

    „Ebenfalls.“

    „Befestigungen?“

    „Natürlich.“

    Sisenna trat näher.

    „Aber wenn du nur nach Kriegern suchst, siehst du irgendwann überall Krieger.“

    Er deutete hinaus.

    „Ich will wissen, wann die Menschen ihre Tiere hinausführen. Wo sie Wasser holen. Welche Felder sie bearbeiten. Welche Wege sie benutzen. Wer das Dorf verlässt. Wer zurückkehrt. Ob Händler kommen. Ob Fremde dort übernachten.“

    Crispus nickte langsam.

    „Also Alltag.“

    „Genau.“

    Sisenna lächelte.

    „Alltag ist Information.“

    II. Die Aufträge

    Sisenna rief drei Männer nach vorn.

    „Vibius.“

    „Hier.“

    „Crispus.“

    „Hier.“

    „Laelius.“

    „Hier.“

    Sisenna breitete eine kleine Wachstafel aus.

    „Ihr bildet die Fernaufklärung.“

    Sein Finger folgte einem Bachlauf.

    „Ihr verlasst den Posten nach Osten, folgt zunächst dem Bach und schwenkt anschließend nach Norden.“

    Marcus fragte:

    „Bis zum Dorf?“

    „Nein.“

    Sisenna sah ihn streng an.

    „Ihr betretet das Dorf nicht.“

    „Wie nahe?“

    „So nahe wie nötig. So weit entfernt wie möglich.“

    Crispus grinste.

    „Sehr genaue Entfernungsangabe.“

    „Deshalb bist du Speculator und kein Landvermesser.“

    Wieder leises Lachen. Dann wurde Sisenna ernst.

    „Ihr sucht einen Beobachtungspunkt, von dem aus ihr Teile des Dorfes und mindestens einen seiner Zugangswege überblicken könnt.“

    Er sah jeden einzeln an.

    „Keine Kontaktaufnahme.“

    „Keine Provokation.“

    „Keine Verfolgung.“

    „Keine Gegenstände mitnehmen.“

    „Keine Häuser betreten.“

    „Und wenn wir entdeckt werden?“, fragte Laelius.

    „Dann zieht ihr euch zurück.“

    „Wenn sie uns folgen?“

    „Weiter zurück.“

    „Und wenn sie uns angreifen?“

    Sisenna antwortete ruhig:

    „Dann verteidigt ihr euch und löst euch aus der Lage.“

    Er machte eine Pause.

    „Aber bisher hat niemand dort draußen Feindseligkeit gezeigt. Also erwarte ich von euch, dass ihr nicht diejenigen seid, die damit anfangen.“

    III. Was soll beobachtet werden?

    Marcus zeigte auf seine Wachstafel.

    „Was genau willst du im Bericht?“

    Sisenna begann aufzuzählen.

    „Erstens: Zahl der Häuser.“

    Marcus schrieb.

    „Zweitens: ungefähre Einwohnerzahl.“

    „Drittens: Vieh.“

    „Viertens: Felder und Arbeitsflächen.“

    „Fünftens: Wasserstellen.“

    „Sechstens: Wege.“

    „Siebtens: Wagen.“

    „Achtens: Pferde.“

    Crispus unterbrach:

    „Bewaffnete Männer.“

    Sisenna nickte.

    „Natürlich.“

    Dann hob er einen Finger.

    „Aber getrennt.“

    „Wie meinst du das?“

    „Ein Mann, der mit einem Speer Vieh bewacht, ist nicht automatisch Teil einer Kriegergruppe.“

    Marcus schrieb weiter. Sisenna diktierte:

    „Bewaffnete Personen werden nach Tätigkeit erfasst.“

    „Jäger.“

    „Hirten.“

    „Reisende.“

    „Wachen.“

    „Gruppen bewaffneter Männer.“

    Laelius sah auf.

    „Das wird ziemlich ausführlich.“

    Sisenna grinste.

    „Faustus mag es ausführlich.“

    „Das habe ich bemerkt.“

    „Und ich mag Berichte, bei denen ich anschließend keine zwanzig Fragen stellen muss.“

    IV. Der Marsch

    Wenig später öffnete sich das Tor. Marcus, Crispus und Laelius verließen den Vorposten zu Fuß. Keine glänzenden Helme. Keine auffälligen Schilde. Nur unauffällige Reisemäntel über ihrer militärischen Ausrüstung. Sisenna beobachtete sie vom Turm. Neben ihm stand Aulus, der Schreiber.

    „Glaubst du, sie finden etwas?“

    „Natürlich.“

    „Was?“

    Sisenna sah ihn an.

    „Menschen.“

    Aulus lachte.

    „Sehr hilfreich.“

    Sisenna deutete ins Tal.

    „Das ist genau das Problem. Jeder erwartet immer etwas Außergewöhnliches.“

    Er blickte wieder hinaus.

    „Zwanzig Krieger im Wald. Geheime Versammlungen. Brennende Höfe. Boten in der Nacht.“

    „Und wenn nichts davon passiert?“

    „Dann müssen wir verstehen, was normalerweise passiert.“

    Aulus nickte. Sisenna sagte:

    „Erst wenn du das Normale kennst, erkennst du das Ungewöhnliche.“

    V. Das Dorf

    Gegen Mittag erreichten die drei Speculatores eine bewaldete Anhöhe. Unter ihnen lag das Dorf. Keine große Siedlung. Mehrere langgestreckte Häuser standen unregelmäßig zwischen umzäunten Flächen. Rauch stieg aus Dachöffnungen. Schweine liefen zwischen Gebäuden herum. Auf einer Weide standen Rinder. Marcus lag hinter einem umgestürzten Baum.

    „Das also ist unser gefährlicher Feind.“

    Crispus beobachtete zwei Kinder, die einem Hund hinterherliefen.

    „Der kleine da sieht besonders gefährlich aus.“

    Laelius flüsterte:

    „Ruhe.“

    Marcus nahm seine Wachstafel.

    „Beginnen wir.“

    Sie beobachteten. Eine Frau trug einen Eimer. Zwei Männer reparierten einen Zaun. Ein alter Mann führte mehrere Ziegen aus dem Dorf. Kinder sammelten Holz. Ein Mann kam mit einem Wagen zurück.

    Crispus flüsterte:

    „Wagen.“

    Marcus schrieb.

    „Ein Wagen. Zwei Zugtiere. Ladung?“

    Laelius kniff die Augen zusammen.

    „Holz.“

    Marcus ritzte es in die Wachsschicht. Eine halbe Stunde später fragte Crispus:

    „Wie lange wollen wir uns das ansehen?“

    Marcus antwortete:

    „Bis wir wissen, was wir sehen.“

    Crispus grinste.

    „Jetzt redest du schon wie Sisenna.“

    „Schlimm, nicht wahr?“

    VI. Die Germanen beobachten zurück

    Plötzlich berührte Laelius Marcus am Arm.

    „Links.“

    Am Rand des Dorfes stand ein Germane. Er hatte die Römer offenbar entdeckt. Der Mann trug einen Speer. Aber er hob ihn nicht. Er stand einfach da.

    Marcus flüsterte:

    „Er sieht uns.“

    Crispus legte instinktiv die Hand an sein Schwert. Marcus schüttelte den Kopf.

    „Lass es.“

    Der Germane sagte etwas zu einem zweiten Mann. Dieser kam hinzu. Nun standen beide dort. Römer und Germanen betrachteten einander über die Entfernung.

    Laelius fragte:

    „Rückzug?“

    Marcus überlegte. Dann nickte er.

    „Langsam.“

    Crispus blickte noch einmal hinüber.

    „Sie folgen uns nicht.“

    „Dann geben wir ihnen auch keinen Grund dazu.“

    Die drei Männer erhoben sich und verschwanden zwischen den Bäumen. Die Germanen blieben zurück. Kein Ruf. Kein Speerwurf. Keine Verfolgung.

    Nichts.

    VII. Rückkehr

    Am späten Nachmittag ertönte vom Turm:

    „Eigene Männer!“

    Sisenna trat aus dem Kartenraum.

    „Tor öffnen!“

    Wenig später kamen die drei Speculatores herein. Sisenna wartete bereits.

    „Verwundet?“

    „Nein.“

    „Kontakt?“

    Marcus überlegte.

    „Sichtkontakt.“

    Sisenna wurde aufmerksam.

    „Berichtsraum.“

    Crispus seufzte.

    „Nicht erst essen?“

    Sisenna sah ihn an.

    „Hast du unterwegs vergessen, was nuntiare bedeutet?“

    „Ich hatte gehofft, es bedeutet Abendessen.“

    „Berichtsraum.“

    „Jawohl.“

    VIII. Die Lagebesprechung

    Die Männer standen um den Kartentisch. Marcus begann.

    „Dorf unverändert bewohnt.“

    Sisenna fragte:

    „Ungefähre Größe?“

    „Zwischen zwölf und fünfzehn größere Gebäude. Dazu kleinere Speicher und Unterstände.“

    Aulus schrieb.

    „Menschen?“

    „Schwer zu bestimmen. Vielleicht sechzig bis achtzig.“

    „Bewaffnete?“

    „Einzelne.“

    Sisenna blickte auf.

    „Definiere einzelne.“

    „Drei Männer mit Speeren gesehen. Einer führte Ziegen. Einer arbeitete an einem Zaun. Einer beobachtete uns.“

    Sisenna nickte zufrieden.

    „Genau so.“

    Crispus zeigte auf die Karte.

    „Hier sind Weideflächen.“

    „Wie viele Rinder?“

    „Mindestens zwei Dutzend.“

    „Pferde?“

    „Vier sicher gesehen.“

    „Wagen?“

    „Zwei.“

    „Felder?“

    Laelius zeigte auf einen anderen Bereich.

    „Hier. Außerdem kleinere Flächen südlich des Dorfes.“

    Sisenna hörte aufmerksam zu.

    „Versammlung bewaffneter Männer?“

    „Nein.“

    „Fremde Krieger?“

    „Nicht gesehen.“

    „Befestigungsarbeiten?“

    „Nein.“

    „Ungewöhnliche Vorratstätigkeit?“

    „Nicht erkennbar.“

    „Wachen?“

    Marcus überlegte.

    „Keine festen Wachen festgestellt.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Und der Kontakt?“

    Marcus berichtete:

    „Ein Mann bemerkte uns. Dann kam ein zweiter.“

    „Was taten sie?“

    „Sie beobachteten uns.“

    „Waffen erhoben?“

    „Nein.“

    „Rufe?“

    „Nicht gegen uns.“

    „Annäherung?“

    „Nein.“

    „Verfolgung?“

    „Nein.“

    Sisenna sah zu Aulus.

    „Schreib genau das.“

    IX. SCIRE

    Sisenna trat an die Karte.

    „Jetzt haben wir videre.“

    Crispus deutete auf die Wachstafeln.

    „Und jetzt kommt scire?“

    „Jetzt kommt der schwierige Teil.“

    Sisenna zeigte auf das Dorf.

    „Was wissen wir?“

    Laelius antwortete:

    „Die Bewohner sind friedlich.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Zu weit.“

    „Aber sie haben nichts getan.“

    „Richtig. Deshalb wissen wir, dass wir heute keine feindliche Handlung beobachtet haben.“

    Marcus nickte. Sisenna fuhr fort:

    „Wir wissen außerdem, dass der normale Alltag weitergeht.“

    Sein Finger wanderte über die Karte.

    „Viehhaltung.“

    „Feldarbeit.“

    „Holztransport.“

    „Wasserholen.“

    „Kinder.“

    „Wagenverkehr.“

    „Keine erkennbare Konzentration bewaffneter Männer.“

    „Keine sichtbaren Verteidigungsvorbereitungen.“

    Er blickte seine Männer an.

    „Das ist unsere Lage.“

    Crispus fragte:

    „Und Dankwart?“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Nicht gesehen.“

    „Markwart?“

    „Ebenfalls nicht.“

    Sisenna strich beide Namen von der heutigen Wachstafel.

    „Also bauen wir keinen Bericht um Männer, die niemand gesehen hat.“

    X. Sisenna erteilt die nächsten Aufträge

    Am folgenden Morgen standen die Speculatores erneut im Hof. Sisenna hatte die Beobachtungen der ersten Aufklärung ausgewertet.

    „Wir ändern unsere Methode.“

    Marcus sah ihn fragend an.

    „Was möchtest du jetzt wissen?“

    „Rhythmus.“

    „Rhythmus?“

    „Wir haben gestern ein Bild bekommen. Jetzt brauche ich Bewegung.“

    Sisenna deutete auf drei Punkte der Karte.

    „Gruppe Eins beobachtet den nördlichen Weg.“

    „Gruppe Zwei den Flussweg.“

    „Gruppe Drei bleibt südwestlich des Dorfes.“

    Crispus fragte:

    „Wie lange?“

    „Mehrere Tage, wechselnde Zeiten.“

    „Warum?“

    Sisenna sah ihn an.

    „Weil ein einzelner Tag nichts beweist.“

    Dann gab er die Befehle einzeln aus.

    „Vibius: Du beobachtest Verkehr. Wer kommt? Wer geht? Wagen, Tiere, Reisende.“

    „Verstanden.“

    „Laelius: Landwirtschaft und Versorgung. Ich will wissen, welche Flächen genutzt werden und wohin Vieh getrieben wird.“

    „Jawohl.“

    „Crispus.“

    „Bewaffnete Männer?“

    Sisenna grinste.

    „Du bekommst tatsächlich deine bewaffneten Männer.“

    Crispus strahlte.

    „Endlich.“

    „Du dokumentierst jede sichtbare Waffe.“

    Crispus nickte.

    „Speere, Schwerter, Schilde—“

    „Und du notierst, was der Träger damit tut.“

    Crispus' Begeisterung ließ etwas nach.

    „Natürlich.“

    „Ein Speer neben einem Hirten macht noch keinen Aufmarsch.“

    „Verstanden.“

    Sisenna sah alle an.

    „Und noch etwas.“

    Stille.

    „Wenn die Germanen euch sehen, bleibt ihr ruhig.“

    „Keine Gesten.“

    „Keine Drohungen.“

    „Keine Annäherung.“

    „Wenn sie Abstand halten, haltet ihr Abstand.“

    Marcus fragte:

    „Und wenn sie uns einfach beobachten?“

    Sisenna zuckte mit den Schultern.

    „Dann haben sie offenbar ihre eigene Exploratio.“

    Gelächter ging durch die Gruppe.

    XI. Tage der Beobachtung

    So entwickelte sich eine eigentümliche Normalität. Die Römer beobachteten die Germanen. Die Germanen bemerkten gelegentlich die Römer. Und beide Seiten ließen einander in Ruhe.

    An einem Morgen beobachtete Marcus, wie Männer Rinder auf eine Weide trieben. Am nächsten Tag sah Laelius Frauen bei der Verarbeitung von Getreide. Kinder sammelten Holz. Ein Schmied arbeitete vor einem der Häuser. Fischer gingen zum Fluss. Jäger kehrten mit Wild zurück. Manchmal verschwanden Männer für Stunden im Wald und kamen mit Holz oder Jagdbeute zurück. Keine Truppenbewegungen. Keine Kampfvorbereitungen. Keine feindlichen Reaktionen. Und weder Dankwart noch Markwart tauchten auf. Eines Tages standen drei Germanen auf einem entfernten Hügel und betrachteten den römischen Vorposten. Oben auf dem Turm stand Sisenna mit Marcus.

    „Da sind unsere Freunde wieder“, sagte Marcus.

    „Welche?“

    „Die Beobachter.“

    Sisenna sah hinüber. Einer der Germanen saß schließlich auf einem Stein. Ein anderer deutete zum römischen Turm.

    Marcus fragte:

    „Was glaubst du, erzählen die über uns?“

    Sisenna dachte kurz nach. Dann grinste er.

    „Wahrscheinlich dasselbe, was wir über sie schreiben.“

    „Und das wäre?“

    Sisenna blickte hinaus.

    „Keine besonderen Vorkommnisse.“

    XII. Der Bericht für Faustus Iunius Rupa

    Am Abend saß Sisenna im Kartenraum. Aulus hielt den Griffel bereit.

    „Überschrift?“

    Sisenna diktierte:

    An Biarchus Faustus Iunius Rupa.

    Lagebericht des vorgeschobenen Beobachtungspostens der Exploratio Imperii.

    Aulus schrieb.

    „Weiter.“

    Sisenna ging langsam durch den Raum.

    „Aufklärung im nordöstlichen Beobachtungsabschnitt fortgesetzt.“

    Der Griffel kratzte über die Wachstafel.

    „Germanische Siedlung mehrfach aus wechselnden Positionen beobachtet.“

    „Gewöhnliche dörfliche Tätigkeit festgestellt: Viehhaltung, Feldarbeit, Holzgewinnung, Wassertransport, Fischfang, handwerkliche Tätigkeiten und lokaler Verkehr.“

    Aulus blickte auf.

    „Bewaffnete?“

    „Schreib: Einzelne bewaffnete Männer festgestellt. Verhalten überwiegend mit Jagd, Viehhaltung oder gewöhnlichem Aufenthalt vereinbar.“

    „Gut.“

    „Keine Konzentration bewaffneter Gruppen beobachtet.“

    „Keine Befestigungsarbeiten.“

    „Keine erkennbare Vorbereitung feindlicher Handlungen.“

    Aulus schrieb weiter.

    „Begegnungen?“

    „Mehrfach gegenseitige Beobachtung auf Entfernung.“

    Sisenna machte eine Pause.

    „Keine Annäherung.“

    „Keine Verfolgung.“

    „Keine feindlichen Gesten.“

    „Keine Angriffe.“

    Aulus blickte auf.

    „Dankwart?“

    „Nicht festgestellt.“

    „Markwart?“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Nicht festgestellt.“

    Aulus schrieb die letzten Worte.

    „Bewertung?“

    Sisenna trat ans Fenster.

    Draußen färbte die untergehende Sonne die Palisade golden.

    „Schreib.“

    Aulus wartete.

    Die Lage ist ruhig. Die germanische Bevölkerung setzt ihren gewöhnlichen Alltag fort. Gegenwärtig bestehen im beobachteten Abschnitt keine sichtbaren Hinweise auf feindliche Absichten gegen den römischen Vorposten. Die Aufklärung wird fortgesetzt.


    Aulus setzte den Griffel ab.

    „Das ist alles?“

    Sisenna wandte sich um.

    „Nein.“

    Er trat zum Tisch und setzte eigenhändig drei Worte unter den Bericht:

    VIDERE – SCIRE – NUNTIARE

    Aulus betrachtete die Worte.

    „Sehen. Wissen. Melden.“

    „Genau.“

    Draußen wurde das Tor des Vorpostens geschlossen. Auf dem Turm übernahm die Nachtwache ihren Dienst. Im germanischen Dorf erloschen nach und nach die Feuer. An diesem Tag hatte niemand gekämpft. Niemand war verfolgt worden. Niemand hatte einen Speer geworfen. Und gerade deshalb hatte der kleine Vorposten seinen Auftrag erfüllt. Er hatte gesehen. Er hatte aus dem Gesehenen Erkenntnis gewonnen. Und nun würde ein Reiter den Bericht zu Faustus Iunius Rupa bringen. NUNTIARE.

  • III. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XIII – SILENTIUM

    Die verdächtige Stille

    Germania Magna – Vorgeschobener Beobachtungsposten der Exploratio Imperii. Der Vorposten setzte seine Beobachtung des germanischen Dorfes fort. Seit mehreren Tagen berichteten die Speculatores von gewöhnlicher Feldarbeit, Viehhaltung und einem auffallend friedlichen Zusammenleben. Weder Markwart noch Dankwart waren aufgetaucht. Feindselige Handlungen hatte niemand beobachtet. Doch Sisenna Digitius Plautianus begann, an dieser Ruhe zu zweifeln.

    I. Ein Morgen wie jeder andere

    Die Sonne stand bereits über den Wäldern, als Marcus Vibius, Crispus und Laelius von ihrer morgendlichen Beobachtung zurückkehrten. Sisenna erwartete sie im Kartenraum.

    „Nun?“

    Marcus legte seine Wachstafel auf den Tisch.

    „Keine besonderen Vorkommnisse.“

    Sisenna schloss kurz die Augen.

    „Wenn ich diese Worte noch einmal höre, lasse ich euch den Brunnen ausschachten.“

    Crispus grinste.

    „Dann solltest du uns nicht nach besonderen Vorkommnissen fragen.“

    „Berichte!“

    Marcus begann:

    „Die Bewohner sind seit Sonnenaufgang bei der Arbeit. Zwei Männer reparieren das Dach eines Langhauses. Mehrere Frauen verarbeiten Getreide. Kinder spielen zwischen den Häusern. Drei Männer sind mit Vieh auf die Weiden gezogen.“

    „Bewaffnete?“

    „Zwei Männer mit Speeren.“

    „Zwei?“

    „Ja.“

    „Gestern?“

    „Drei.“

    „Vorgestern?“

    Marcus überlegte.

    „Vier, glaube ich.“

    Sisenna sah ihn lange an.

    „Du glaubst?“

    „Vier. Ich habe es aufgeschrieben.“

    Sisenna wandte sich an Aulus.

    „Bring mir sämtliche Beobachtungsberichte der vergangenen Tage.“

    Crispus betrachtete seinen Vorgesetzten.

    „Was stimmt denn nicht?“

    Sisenna antwortete nicht sofort. Dann sagte er leise:

    „Genau das möchte ich herausfinden.“

    II. Das Dorf, in dem niemand Krieg führt

    Eine Stunde später lagen die Berichte auf dem Tisch. Sisenna ging langsam auf und ab.

    „Marcus, wie viele Menschen leben in diesem Dorf?“

    „Sechzig bis achtzig, soweit wir feststellen konnten.“

    „Wie viele erwachsene Männer?“

    „Vielleicht zwanzig.“

    „Und wie viele davon haben wir in den vergangenen drei Tagen gesehen?“

    Marcus blickte auf seine Aufzeichnungen.

    „Sieben. Möglicherweise acht.“

    Sisenna blieb stehen.

    „Wo sind die anderen?“

    Crispus zuckte mit den Schultern.

    „Auf der Jagd.“

    „Alle?“

    „Vielleicht arbeiten sie auf entfernten Feldern.“

    „Möglich.“

    Laelius meldete sich.

    „Sie könnten auch andere Siedlungen besuchen.“

    „Ebenfalls möglich.“

    Sisenna deutete auf die Karte.

    „Und Markwart?“

    Niemand antwortete.

    „Dankwart?“

    Schweigen.

    „Die fremden Krieger, von denen Faustus berichtet hat?“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Keinen einzigen gesehen.“

    Sisenna trat ans Fenster.

    „Wir beobachten seit Tagen ein Dorf, das möglicherweise in die Vorbereitungen eines germanischen Aufstandes verwickelt ist. Und was sehen wir?“

    Crispus antwortete:

    „Kinder, Frauen, alte Männer und ein paar Bauern.“

    „Ganz genau.“

    Sisenna drehte sich um.

    „Es ist zu ruhig.“

    Marcus verschränkte die Arme.

    „Vielleicht ist es tatsächlich ruhig.“

    „Vielleicht.“

    „Dann suchen wir nach etwas, das gar nicht existiert.“

    Sisenna nickte.

    „Auch das ist möglich. Aber etwas gefällt mir nicht.“

    „Was?“

    „Wir sehen immer dieselben Menschen. Dieselben Arbeiten. Dieselben Wege. Und niemand scheint sich dafür zu interessieren, dass wir sie beobachten.“

    Crispus lachte.

    „Vielleicht sind wir ihnen gleichgültig.“

    Sisenna schüttelte langsam den Kopf.

    „Oder sie haben einen guten Grund, uns genau das glauben zu lassen.“

    III. Die Beobachtung vom Hügel

    Am Nachmittag begleitete Sisenna persönlich Marcus und Laelius zu einem Aussichtspunkt. Das germanische Dorf lag friedlich unter ihnen. Rauch stieg aus den Dächern. Eine Frau schöpfte Wasser aus einem Brunnen. Zwei Kinder liefen hinter einem Hund her. Ein alter Mann saß vor seinem Haus und bearbeitete ein Stück Holz. Sisenna beobachtete lange schweigend.

    „Ein schönes Dorf“, bemerkte Marcus.

    „Ja.“

    „Fast idyllisch.“

    „Eben.“

    Marcus blickte ihn an.

    „Was soll das heißen?“

    Sisenna deutete auf den Dorfplatz.

    „Siehst du die beiden Männer dort?“

    „Ja.“

    „Was tun sie?“

    „Sie unterhalten sich.“

    „Und der Mann am Waldrand?“

    Marcus suchte ihn mit den Augen.

    „Er sitzt auf einem Baumstamm.“

    „Er saß gestern ebenfalls dort.“

    Marcus richtete sich auf.

    „Du glaubst, er beobachtet uns?“

    „Ich weiß es nicht.“

    In diesem Augenblick erhob sich der Mann am Waldrand. Er ging langsam zu den beiden Männern auf dem Dorfplatz und sprach kurz mit ihnen. Einer der Männer blickte beinahe beiläufig in Richtung des bewaldeten Hügels. Sisenna duckte sich.

    „Runter!“

    Marcus und Laelius folgten. Eine Weile geschah nichts. Dann fragte Marcus:

    „Haben sie uns entdeckt?“

    Sisenna antwortete:

    „Das ist die falsche Frage.“

    „Welche wäre die richtige?“

    „Seit wann wissen sie, dass wir hier sind?“

    IV. Die verschwundenen Krieger

    Am Abend ließ Sisenna alle bisherigen Beobachtungen zusammentragen. Aulus las die Aufzeichnungen vor.

    „Erster Beobachtungstag: drei Männer mit Speeren.“

    „Weiter.“

    „Zweiter Tag: vier bewaffnete Männer.“

    „Weiter.“

    „Dritter Tag: zwei.“

    „Und danach?“

    „Zwischen zwei und vier.“

    Sisenna zeigte auf die Karte.

    „Wo befinden sich die Pferde?“

    Laelius antwortete:

    „Vier haben wir sicher festgestellt.“

    „Und die übrigen?“

    „Welche übrigen?“

    Sisenna sah ihn an.

    „Wenn Markwart tatsächlich eine größere Zahl Krieger um sich versammelt hat, benötigt er Transportmöglichkeiten, Lebensmittel und Unterkünfte.“

    Marcus nickte.

    „Es sei denn, seine Männer befinden sich überhaupt nicht mehr im Dorf.“

    Sisenna lächelte nicht.

    „Jetzt kommen wir der Sache näher.“

    Crispus trat an den Tisch.

    „Du glaubst, sie haben das Dorf verlassen?“

    „Ich glaube zunächst nur, dass wir sie nicht sehen.“

    „Und wo sollen wir suchen?“

    Sisenna zeigte auf die umliegenden Wälder.

    „Vielleicht dort. Vielleicht in anderen Dörfern. Vielleicht sind sie längst auf dem Weg zu einem Sammelplatz.“

    Marcus dachte nach.

    „Dann wäre das Dorf nur noch eine Art Täuschung.“

    „Möglicherweise.“

    „Mit Frauen und Kindern?“

    Sisenna blickte ihn ernst an.

    „Vergiss nicht, dass diese Menschen tatsächlich hier leben. Ihr Alltag ist keine Täuschung, nur weil Markwart vielleicht etwas vor uns verbirgt.“

    Er machte eine Pause.

    „Aber vielleicht benutzt jemand diesen Alltag, damit wir nicht bemerken, was außerhalb des Dorfes geschieht.“

    V. Eine unerwartete Beobachtung

    Am folgenden Morgen kehrte Crispus früher als erwartet zurück. Er betrat den Kartenraum, ohne anzuklopfen.

    „Sisenna!“

    „Was ist?“

    „Du solltest mitkommen.“

    Sisenna legte seinen Griffel beiseite.

    „Warum?“

    „Wir haben etwas beobachtet.“

    „Was?“

    „Die Frauen.“

    Sisenna hob eine Augenbraue.

    „Das musst du genauer erklären.“

    Crispus trat an die Karte.

    „Gestern wurden mehrere große Körbe aus einem Speicher geholt. Heute Morgen haben sie wieder Lebensmittel hineingetragen.“

    „Das ist in einem Dorf nichts Ungewöhnliches.“

    „Ja. Aber anschließend kamen zwei Männer mit einem Wagen.“

    „Und?“

    „Sie haben die Körbe aufgeladen.“

    „Wohin sind sie gefahren?“

    Crispus deutete auf einen schmalen Weg.

    „Nach Norden. In den Wald.“

    Sisenna wurde aufmerksam.

    „Habt ihr sie verfolgt?“

    „Nein. Wie befohlen.“

    „Gut.“

    Crispus zögerte.

    „Und noch etwas.“

    „Was?“

    „Der alte Mann, der immer vor seinem Haus sitzt, hat den Wagen beobachtet. Als die beiden Männer losfuhren, stand er auf und verschwand hinter den Häusern.“

    Sisenna sah auf die Karte.

    „Vielleicht hat er ihnen einen guten Weg gewünscht.“

    Crispus grinste.

    „Du glaubst das selbst nicht.“

    „Nein. Aber ich möchte es ausschließen können.“

    VI. Sisenna begreift

    Später stand Sisenna wieder auf dem Beobachtungsturm. Unter ihm ging der gewöhnliche Dienstbetrieb weiter. Er dachte an die vergangenen Tage. Die wenigen Krieger. Die verschwundenen Anführer. Die scheinbar unbeteiligten Dorfbewohner. Die Männer, die regelmäßig an denselben Stellen auftauchten. Und nun die Lebensmitteltransporte. Marcus trat neben ihn.

    „Was beschäftigt dich?“

    Sisenna blickte hinaus.

    „Erinnerst du dich an Faustus' Bericht über Markwart?“

    „Natürlich.“

    „Und an die fremden Krieger?“

    „Ja.“

    „Dann erkläre mir, weshalb wir weder Markwart noch Dankwart noch einen einzigen dieser fremden Männer gesehen haben.“

    „Vielleicht sind sie abgezogen.“

    „Wohin?“

    Marcus schwieg. Sisenna zeigte auf den Wald.

    „Vielleicht beobachten wir seit Tagen den falschen Ort.“

    Marcus blickte ihn an.

    „Du meinst, das Dorf ist gar nicht mehr wichtig?“

    „Doch. Es könnte sogar ausgesprochen wichtig sein.“

    „Warum?“

    Sisenna antwortete:

    „Weil die Menschen dort jemanden versorgen könnten, den wir nicht sehen.“

    Er trat vom Turm zurück.

    „Und weil ich allmählich den Eindruck bekomme, dass jemand sehr genau darauf achtet, was wir sehen sollen.“

    VII. Der Befehl

    Im Kartenraum warteten die Speculatores. Sisenna breitete die Karte aus.

    „Wir setzen die Beobachtung fort. Niemand betritt das Dorf. Niemand bedroht die Bewohner.“

    Crispus fragte:

    „Und was unternehmen wir gegen die verschwundenen Krieger?“

    „Zunächst stellen wir fest, ob sie überhaupt verschwunden sind.“

    Er wandte sich an Marcus.

    „Ich möchte wissen, ob die Lebensmitteltransporte regelmäßig stattfinden.“

    „Jawohl.“

    „Laelius, vergleiche die Zahl der beobachteten Menschen mit den bisherigen Berichten. Besonders die erwachsenen Männer.“

    „Verstanden.“

    „Crispus, du beobachtest die Veränderungen im Dorf.“

    Crispus grinste.

    „Also wieder Kinder und Ziegen?“

    „Auch Kinder und Ziegen.“

    Sisenna beugte sich über die Karte.

    „Aber diesmal interessiert mich besonders, was geschieht, bevor ein Wagen das Dorf verlässt und nachdem er zurückkehrt.“

    Marcus fragte:

    „Und wenn wir feststellen, dass die Wagen Krieger versorgen?“

    Sisenna blickte auf.

    „Dann haben wir eine neue Lage.“

    „Melden wir bereits jetzt an Faustus?“

    „Selbstverständlich.“

    VIII. Eine Nachricht nach Mogontiacum

    Aulus saß am Schreibtisch.

    „Ich bin bereit.“

    Sisenna begann zu diktieren.

    "An Biarchus Faustus Iunius Rupa.

    Die Beobachtung der germanischen Siedlung wurde fortgesetzt. Der gewöhnliche Dorfalltag besteht unverändert fort. Eine Konzentration bewaffneter Männer ist weiterhin nicht festzustellen."

    Aulus schrieb.

    "Markwart und Dankwart wurden während des gesamten Beobachtungszeitraums nicht gesehen."

    Sisenna hielt inne.

    "Die auffallend geringe Zahl beobachteter wehrfähiger Männer lässt mehrere Erklärungen zu. Ein Aufenthalt außerhalb der Siedlung kann nicht ausgeschlossen werden."

    „Weiter?“, fragte Aulus.

    Sisenna nickte.

    "Erstmals wurde ein Lebensmitteltransport auf einem nördlich aus der Siedlung führenden Weg festgestellt. Ziel und Zweck sind unbekannt."

    Er trat ans Fenster.

    "Es besteht der Verdacht, dass sich außerhalb des beobachteten Dorfes weitere Personen aufhalten, die möglicherweise von der Siedlung versorgt werden."

    Aulus sah auf.

    „Bewertung?“

    Sisenna dachte einen Moment nach.

    „Schreib: Die bisherige Ruhe darf nicht mit dem Fehlen militärischer Aktivitäten im weiteren Umfeld gleichgesetzt werden.“

    Er wandte sich um.

    „Und darunter: Weitere Aufklärung erforderlich.“

    Aulus beendete den Bericht.

    „Soll der Reiter sofort aufbrechen?“

    „Ja.“

    IX. Die letzte Beobachtung

    Kurz vor Sonnenuntergang stand Sisenna erneut auf dem Turm. Marcus kam die Leiter herauf.

    „Der Bote ist unterwegs.“

    „Gut.“

    „Du bist immer noch nicht zufrieden.“

    Sisenna blickte in Richtung des germanischen Dorfes.

    „Nein.“

    „Warum?“

    „Weil es mir nicht gefällt, wenn ich etwas nicht verstehe.“

    Marcus lachte.

    „Dann hast du den falschen Beruf gewählt.“

    Sisenna lächelte kurz. Doch plötzlich wurde er wieder ernst.

    „Marcus, wenn du Markwart wärst und wüsstest, dass die Römer dein Dorf beobachten – was würdest du tun?“

    Marcus überlegte.

    „Ich würde meine Krieger verstecken.“

    „Und dann?“

    „Meine Leute ihren gewöhnlichen Arbeiten nachgehen lassen.“

    „Und die Römer?“

    Marcus blickte hinaus.

    „Die würden irgendwann glauben, dass nichts geschieht.“

    Sisenna nickte.

    „Ganz genau.“

    Er betrachtete den dunkler werdenden Wald.

    „Und während sie Kinder, Ziegen und Bauern zählen, könnte ich meine Krieger irgendwo anders versammeln.“

    Marcus schwieg. Dann fragte er:

    „Glaubst du, Markwart ist so klug?“

    Sisenna antwortete:

    „Ich hoffe nicht.“

    Er blickte ein letztes Mal in Richtung des Dorfes.

    „Aber ich fürchte, wir unterschätzen ihn.“

  • IV. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XIV – UMBRA SILVARUM

    Die Schatten der Wälder

    Germania Magna und Mogontiacum, 123 n. Chr.

    Exploratio Imperii – Aufklärung im Gebiet Markwarts

    VIDERE – SCIRE – NUNTIARE

    Sehen – Wissen – Melden

    I. Der Wagen aus dem Norden

    Der Morgennebel hing noch über den Wiesen, als Marcus Vibius eine Bewegung auf dem nördlichen Waldweg entdeckte.

    „Crispus! Komm her!“

    Crispus kroch neben ihn.

    „Was ist denn jetzt schon wieder?“

    „Der Wagen.“

    „Welcher Wagen?“

    „Der gestern mit den Getreidekörben verschwunden ist.“

    Crispus beobachtete die beiden Zugtiere.

    „Er ist leer.“

    „Und sieh dir die Ochsen an.“

    Die Tiere bewegten sich langsam. Ihre Flanken waren schweißnass. Einer der beiden Männer auf dem Wagen hielt seinen linken Arm auffällig dicht am Körper.

    „Der ist verletzt“, stellte Crispus fest. Marcus beobachtete, wie der Wagen das Dorf erreichte. Drei Männer kamen ihm entgegen. Einer half dem Verletzten herunter. Eine Frau erschien mit einem Wasserkrug. Kurz darauf verschwanden alle hinter einem der Langhäuser.

    „Das gefällt Sisenna überhaupt nicht“, murmelte Crispus.

    „Mir auch nicht.“

    „Sollen wir den Wagen verfolgen, wenn er wieder aufbricht?“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Wir melden zunächst, was wir gesehen haben.“

    Er betrachtete die Siedlung.

    „Aber ich glaube, wir haben etwas übersehen.“

    II. Sisenna stellt die entscheidende Frage

    Eine Stunde später versammelte Sisenna Digitius Plautianus seine Männer im Kartenraum. Marcus berichtete. Sisenna hörte schweigend zu.

    „Ein leerer Wagen, zwei erschöpfte Ochsen und ein verletzter Mann“, wiederholte er.

    „Richtig.“

    „Was beweist uns das?“

    Crispus antwortete sofort:

    „Dass die Germanen irgendwo im Wald ihre Krieger versorgen.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Falsch.“

    „Aber—“

    „Wir wissen weder, weshalb der Mann verletzt ist, noch wohin die Lebensmittel gebracht wurden.“

    Er trat vor die Karte.

    „Was wir wissen, ist etwas anderes. Das Dorf verbraucht offenbar nicht alle Lebensmittel selbst, die dort gesammelt werden.“

    Laelius nickte.

    „Und wir wissen nicht, wie viele Menschen tatsächlich zu diesem Dorf gehören.“

    Sisenna drehte sich zu ihm.

    „Wiederhole das.“

    „Wir wissen nicht, wie viele Menschen dort leben.“

    Sisenna starrte auf die Karte. Dann lächelte er langsam.

    „Bei Jupiter!“

    Marcus sah ihn überrascht an.

    „Was ist?“

    Sisenna nahm die Wachstafel mit der ursprünglichen Bevölkerungszählung.

    „Sechzig bis achtzig Menschen.“

    Er warf sie auf den Tisch.

    „Wir haben gezählt, wie viele Menschen wir sehen konnten. Nicht, wie viele dort wohnen!“

    Er deutete auf die Häuser.

    „Wie viele Gebäude haben wir erfasst?“

    „Fünfzehn größere Häuser und einige Nebengebäude.“

    „Und wie viele Menschen passen in ein germanisches Langhaus?“

    Laelius überlegte.

    „Das hängt von der Größe ab. Eine Familie, vielleicht mehrere Generationen, dazu möglicherweise weitere Angehörige und Bedienstete.“

    „Ganz genau.“

    Sisenna sah seine Männer an.

    „Wir haben ein Dorf mit fünfzehn größeren Gebäuden, mehreren Speichern, Viehställen und einer erstaunlichen Menge an Vorräten.“

    Er schlug mit der Hand auf den Tisch.

    „Und wir behaupten, dort wohnen achtzig Menschen!“

    Crispus räusperte sich.

    „Vielleicht sollten wir noch einmal zählen.“

    „Nicht vielleicht, Crispus. Genau das werden wir tun.“

    III. Die zweite Volkszählung

    Sisenna ordnete eine vollständige Neubewertung der Siedlung an. Nicht nur die Menschen sollten erfasst werden. Auch die Häuser, Feuerstellen, Vorräte, Wasserstellen, Werkstätten und angrenzenden Gehöfte. Drei Tage später lagen die Ergebnisse vor. Marcus eröffnete die Besprechung.

    „Wir haben einen schweren Fehler gemacht.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Dann erkläre ihn.“

    Marcus zeigte auf die Karte.

    „Wir haben bisher nur das eigentliche Dorf beobachtet. Die Siedlung reicht jedoch wesentlich weiter.“

    Er zeigte auf die nördlichen Waldgebiete.

    „Hier befinden sich mindestens sechs weitere Gebäude.“

    Sein Finger wanderte nach Osten.

    „Hier haben wir vier zusätzliche Gehöfte festgestellt.“

    Laelius ergänzte:

    „Und südlich des Dorfes befinden sich mehrere Wohngebäude, die wir bisher für Wirtschaftsgebäude gehalten haben.“

    Sisenna betrachtete die neue Karte.

    „Wie viele Gebäude insgesamt?“

    „Einunddreißig größere Wohn- und Wirtschaftsgebäude, darunter vermutlich Zwanzig bewohnte Häuser. Dazu Speicher, Ställe und kleinere Unterstände.“

    „Menschen?“

    Marcus zögerte.

    „Wir haben unsere Schätzung mehrfach überprüft.“

    „Marcus!“

    „Mindestens dreihundertfünfzig.“

    Stille. Crispus pfiff leise.

    „Dreihundertfünfzig?“

    Laelius schüttelte den Kopf.

    „Wahrscheinlich mehr.“

    Sisenna setzte sich.

    „Das ist kein gewöhnliches kleines Dorf.“

    Marcus nickte.

    „Es ist eine ausgedehnte Siedlung. Vielleicht sogar der Mittelpunkt mehrerer zusammengehöriger Gemeinschaften.“

    Sisenna blickte auf die Karte.

    „Und wir haben seit Tagen nur einen Bruchteil ihrer Bewohner gesehen.“

    Die neue Lageeinschätzung


    Ursprünglich geschätzte Bevölkerung

    60–80

    Neue Mindestschätzung

    350

    Erfasste größere Gebäude

    41

    Vermutlich bewohnte Häuser

    29

    Bisher beobachtete Bewaffnete

    2–4 gleichzeitig

    Aufenthaltsort Markwarts und Dankwarts

    Unbekannt

    Ziel der Lebensmitteltransporte

    Unbekannt

    SIM OFF: "Entscheidende Erkenntnis

    Die ursprüngliche Beobachtung erfasste lediglich den sichtbaren Kern einer wesentlich größeren Siedlung. Eine historische Einordnung: Eine Siedlung mit 350 Bewohnern wäre für das gewählte Szenario bemerkenswert groß, aber nicht grundsätzlich größer als jede bekannte germanische Siedlung. Gerade größere Siedlungskomplexe und Zentralorte sind archäologisch belegt. Sisennas Überraschung ergibt sich deshalb vor allem daraus, dass er in diesem Grenzabschnitt bislang nur wesentlich kleinere Siedlungen kannte."

    IV. Wo sind die Krieger?

    „Jetzt haben wir ein anderes Problem“, erklärte Sisenna.

    Crispus seufzte.

    „Wir haben immer Probleme.“

    „Und du bist eines davon.“

    Die Männer lachten. Sisenna zeigte auf die neue Bevölkerungsschätzung.

    „Dreihundertfünfzig Menschen. Vielleicht mehr. Wie viele davon könnten erwachsene Männer sein?“

    Laelius antwortete:

    „Je nach Zusammensetzung vielleicht siebzig bis neunzig.“

    „Und wie viele sehen wir?“

    Marcus betrachtete seine Aufzeichnungen.

    „Tagsüber höchstens zwölf bis fünfzehn. Bewaffnet nur wenige.“

    Sisenna wurde ernst.

    „Dann möchte ich wissen, wo sich die übrigen aufhalten.“

    „Vielleicht sind sie auf den Feldern“, warf Crispus ein.

    „Dann müssen wir sie dort feststellen können.“

    „Vielleicht befinden sie sich auf der Jagd.“

    „Dann müssten sie irgendwann zurückkehren.“

    Marcus sah ihn an.

    „Und wenn sie nicht zurückkehren?“

    Sisenna antwortete leise:

    „Dann haben wir möglicherweise einen Sammelplatz übersehen.“

    Er nahm einen roten Griffel und zeichnete einen großen Kreis um die nördlichen Wälder.

    „Und ich befürchte, dass er sich genau hier befindet.“

    V. Mogontiacum – Faustus erhält zwei Berichte

    Während Sisenna die neue Lage auswertete, saß Faustus Iunius Rupa im Stabsgebäude der Exploratio Imperii in Mogontiacum. Vor ihm lagen zwei Berichte. Der erste stammte von Sisenna. Der zweite von seinen Ermittlern, die Hadubrands Handelsverbindungen untersuchten. Faustus las beide mehrfach. Dann rief er seinen Schreiber.

    „Lies mir die Mengen noch einmal vor.“

    „Vier Wagen Getreide, mehrere Säcke Salz und eine Lieferung getrocknetes Fleisch.“

    „Empfänger?“

    „Nicht eindeutig festgestellt.“

    „Bestimmungsort?“

    „Angeblich mehrere germanische Handelsplätze.“

    „Angeblich?“

    „Die Waren sind auf keinem der uns bekannten Märkte aufgetaucht.“

    Faustus lehnte sich zurück.

    „Und Hadubrand?“

    „Hat die Transporte organisiert.“

    Faustus nahm Sisennas Bericht.

    „Dreihundertfünfzig Menschen.“

    Er blickte seinen Schreiber an.

    „Was glaubst du, wie viel Getreide eine solche Gemeinschaft benötigt?“

    „Eine beträchtliche Menge.“

    „Richtig. Aber Sisenna berichtet gleichzeitig, dass Lebensmittel aus dem Dorf verschwinden.“

    Der Schreiber überlegte.

    „Dann versorgen sie vielleicht noch weitere Menschen.“

    Faustus stand auf.

    „Genau das befürchte ich.“

    Er trat vor die Karte.

    „Hadubrand bringt Getreide und Salz über den Rhein. Lebensmittel verlassen Markwarts Dorf nach Norden. Und Sisenna findet eine Siedlung, die mehr als viermal so groß ist wie ursprünglich angenommen.“

    „Das kann kein Zufall sein.“

    Faustus drehte sich um.

    „Doch. Es kann durchaus Zufall sein. Und solange wir nichts anderes beweisen können, behandeln wir es auch so.“

    Er deutete auf die Karte.

    „Aber wenn diese Beobachtungen zusammenhängen, dann versorgt Hadubrand möglicherweise nicht nur ein Dorf.“

    „Sondern?“

    Faustus blickte auf die Wälder.

    „Ein Heer.“

    VI. Die Nacht, in der das Dorf erwacht

    Sisenna hatte inzwischen eine weitere Beobachtung angeordnet. Die Männer sollten herausfinden, ob die Siedlung nachts ebenso ruhig war wie am Tage. Marcus und Laelius übernahmen die erste Nacht. Crispus die zweite. In der dritten Nacht geschah etwas. Kurz nach Mitternacht hörte Crispus aus der Ferne das Knarren von Wagenrädern. Er weckte Marcus.

    „Hörst du das?“

    Marcus lauschte.

    „Wagen.“

    „Mehrere.“

    Zwischen den Häusern bewegten sich dunkle Gestalten. Zwei Ochsenwagen verließen die Siedlung. Dann ein dritter. Marcus beobachtete, wie sich mehrere Männer anschlossen.

    „Wie viele?“

    Crispus zählte.

    „Acht. Nein, zehn.“

    „Bewaffnet?“

    „Mindestens vier tragen Speere.“

    Die Wagen bewegten sich nach Norden. Dann verschwanden sie zwischen den Bäumen. Marcus wartete. Eine halbe Stunde später verließen weitere Männer das Dorf. Ohne Wagen. Ohne Tiere. Zu Fuß. Crispus flüsterte:

    „Jetzt wissen wir, weshalb wir tagsüber so wenige Männer sehen.“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Was?“

    „Wir wissen nur, dass nachts Männer das Dorf verlassen.“

    Er blickte in den Wald.

    „Und jetzt möchte ich wissen, ob sie zurückkommen.“

    VII. Sisenna erkennt die Inszenierung

    Am folgenden Morgen hörte Sisenna den Bericht. Er unterbrach Marcus kein einziges Mal. Erst als dieser geendet hatte, stellte er eine Frage.

    „Wie viele Menschen haben die Siedlung heute Morgen verlassen?“

    „Etwa dieselbe Anzahl wie gestern.“

    „Und die Wagen?“

    „Noch nicht zurückgekehrt.“

    Sisenna ging langsam zum Fenster.

    „Interessant.“

    Crispus runzelte die Stirn.

    „Was?“

    „Seit Tagen beobachten wir eine friedliche Siedlung.“

    „Ja.“

    „Kinder spielen. Frauen arbeiten. Alte Männer sitzen vor ihren Häusern.“

    „Ja.“

    Sisenna drehte sich um.

    „Und nachts verlassen bewaffnete Männer mit Lebensmitteltransporten das Dorf.“

    Marcus nickte.

    „So sieht es aus.“

    „Dann gibt es zwei Möglichkeiten.“

    Er hob einen Finger.

    „Entweder wir haben eine Gemeinschaft entdeckt, deren Bewohner aus völlig gewöhnlichen Gründen nachts unterwegs sind.“

    Ein zweiter Finger folgte.

    „Oder Markwart nutzt die Siedlung als Versorgungszentrum und hält seine Krieger außerhalb unserer Sicht.“

    Crispus grinste.

    „Ich nehme die zweite Möglichkeit.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Du nimmst überhaupt nichts. Du beobachtest.“

    Er wandte sich an Marcus.

    „Ich möchte wissen, ob die Menschen im Dorf ihren gewöhnlichen Tagesablauf fortsetzen, während die Wagen unterwegs sind.“

    „Warum?“

    „Weil wir vielleicht nicht das Dorf beobachten sollen.“

    Er deutete auf den Wald.

    „Sondern weil jemand möchte, dass wir das Dorf beobachten, während dort draußen etwas anderes geschieht.“

    VIII. Die Nachricht, die alles verändert

    Am nächsten Tag erreichte ein Bote aus Mogontiacum den Vorposten. Er übergab Sisenna eine versiegelte Nachricht. Faustus hatte geschrieben: Die Ermittlungen gegen Hadubrand ergeben Hinweise auf umfangreiche Lebensmitteltransporte über den Rhein. Die Waren sind auf den bekannten Märkten nicht nachweisbar. Es ist zu prüfen, ob ein Zusammenhang mit den von euch beobachteten Transporten besteht. Weitere Aufklärung ist erforderlich. Eine feindliche Absicht ist bislang nicht nachgewiesen. Sisenna las die Nachricht zweimal. Dann ließ er seine Männer antreten.

    „Wir haben möglicherweise ein Problem.“

    Crispus grinste.

    „Endlich.“

    „Ein großes Problem.“

    Das Grinsen verschwand. Sisenna legte beide Berichte nebeneinander.

    „Faustus sucht Lebensmittel, die aus Mogontiacum verschwunden sind.“

    Marcus begriff.

    „Du glaubst, es sind dieselben Lebensmittel?“

    „Möglicherweise.“

    „Dann müssen wir herausfinden, wohin die Wagen fahren.“

    Sisenna nickte.

    „Und wir müssen wissen, weshalb Markwart seine Krieger vor uns verbirgt.“

    Er blickte hinaus.

    „Denn ich fürchte, wir haben bisher nur die Küche seines Heeres entdeckt.“

    IX. Der Mann am Waldrand

    Am späten Nachmittag stand Sisenna erneut auf dem Beobachtungsturm. Marcus trat neben ihn.

    „Der alte Germane ist wieder da.“

    Sisenna blickte in die angegebene Richtung. Tatsächlich saß der Mann wie gewöhnlich auf seinem Baumstamm.

    „Er scheint uns zu mögen“, bemerkte Marcus.

    Sisenna antwortete nicht. Dann bemerkte er eine Bewegung. Der alte Mann stand auf. Ein Junge kam aus dem Dorf gelaufen und sprach kurz mit ihm. Der Alte nickte Dann verschwand der Junge auf einem schmalen Pfad im Wald. Wenige Augenblicke später stieg auf einem entfernten Hügel eine dünne Rauchsäule auf. Marcus deutete darauf.

    „Ein Feuer.“

    Sisenna beobachtete es schweigend.

    „Vielleicht ein Köhler“, sagte Marcus.

    „Vielleicht.“

    „Oder ein Signal.“

    Sisenna ließ den Blick über die bewaldeten Höhen wandern.

    „Schick niemanden hinterher.“

    „Warum nicht?“

    „Weil wir noch nicht wissen, ob wir beobachtet werden.“

    Er trat vom Turm zurück.

    „Und ich möchte nicht, dass Markwart erfährt, wie viel wir inzwischen verstanden haben.“

    Marcus folgte ihm.

    „Was melden wir Faustus?“

    Sisenna blieb stehen.

    „Dass wir dreihundertfünfzig Menschen gefunden haben.“

    „Und die Krieger?“

    Sisenna blickte ein letztes Mal zum Wald.

    „Dass wir sie noch immer suchen.“

    X. Ein unerwarteter Befehl aus Mogontiacum

    Zwei Tage später traf Faustus' Antwort ein. Sisenna öffnete das Schreiben. Es enthielt lediglich wenige Sätze: Die Aufklärung wird fortgesetzt. Keine eigenmächtigen Kampfhandlungen. Keine Festnahmen ohne unmittelbare Notwendigkeit. Die Beobachtung der Lebensmitteltransporte hat Vorrang. Ich werde persönlich zum Vorposten kommen. Sisenna ließ den Brief sinken.

    Crispus sah ihn erwartungsvoll an.

    „Und?“

    „Faustus kommt.“

    „Persönlich?“

    „Ja.“

    Marcus trat näher.

    „Dann hält er die Sache für ernst.“

    Sisenna faltete das Schreiben zusammen.

    „Offenbar.“

    Er betrachtete die Karte. Dreihundertfünfzig Menschen. Verschwundene Krieger. Nächtliche Lebensmitteltransporte. Ein geheimnisvoller Sammelplatz. Und irgendwo dort draußen Markwart und Dankwart. Sisenna strich mit dem Finger über die Wälder.

    „Meine Herren, ich glaube, wir werden bald sehr viel mehr über unsere friedlichen Nachbarn erfahren.“

    Crispus grinste.

    „Vielleicht erleben wir endlich etwas.“

    Sisenna sah ihn ernst an.

    „Sei vorsichtig mit deinen Wünschen.“

    Er blickte wieder auf die Karte.

    „Denn wenn ich recht habe, beobachten wir nicht einfach ein Dorf.“

    Eine kurze Pause.

    „Wir stehen möglicherweise vor dem Versorgungszentrum einer germanischen Streitmacht.“

    Und weit entfernt, jenseits der Wälder, versammelte Markwart in dieser Nacht seine Männer. Nicht dreihundertfünfzig Dorfbewohner. Sondern Krieger aus mehreren Siedlungen. Wie viele es tatsächlich waren, wusste zu diesem Zeitpunkt noch kein Römer. Auch nicht Sisenna Digitius Plautianus.

  • V. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XV – ADVENTUS FAUSTI

    Die Ankunft des Faustus

    Germania Magna, 123 n. Chr. – Vorgeschobener Beobachtungsposten der Exploratio Imperii

    Operatio UMBRA SILVARUM – Die Schatten der Wälder

    VIDERE – SCIRE – NUNTIARE

    I. Faustus erreicht den Vorposten

    Es war kurz nach Sonnenaufgang, als der Wachposten auf dem Turm Bewegung auf dem südlichen Waldweg bemerkte.

    „Reiter! Vier Mann!“

    Sisenna Digitius Plautianus trat aus dem Kartenraum.

    „Erkennt ihr sie?“

    „Römische Ausrüstung! Einer trägt das Abzeichen der Exploratio Imperii!“

    Sisenna stieg auf die hölzerne Plattform. Zwischen den Bäumen erschienen vier Reiter. An ihrer Spitze ritt Faustus Iunius Rupa.

    „Tor öffnen!“, befahl Sisenna.

    Wenig später hielt Faustus im Hof. Sein Pferd war verschwitzt, sein Mantel staubig. Er sprang aus dem Sattel und übergab die Zügel einem Soldaten. Sisenna trat vor ihn.

    „Salve, Biarchus!“

    „Salve, Sisenna. Wie ist die Lage?“

    „Ruhig.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Das steht in jedem deiner Berichte.“

    „Deshalb habe ich inzwischen aufgehört, mich darüber zu freuen.“

    Faustus lächelte.

    „Gut. Dann haben wir offenbar dieselben Bedenken.“

    Er blickte zum Beobachtungsturm.

    „Wo ist Markwart?“

    „Unbekannt.“

    „Dankwart?“

    „Ebenfalls.“

    „Seine Krieger?“

    Sisenna deutete auf den Kartenraum.

    „Genau darüber sollten wir sprechen.“

    Faustus nahm seinen Helm ab.

    „Dann verschwenden wir keine Zeit.“

    II. Die Lagebesprechung

    Im Kartenraum warteten Marcus Vibius, Crispus, Laelius und Aulus. Auf dem großen Tisch lag die inzwischen mehrfach ergänzte Karte des germanischen Siedlungsgebietes. Faustus betrachtete sie aufmerksam.

    „Das soll alles zu Markwarts Dorf gehören?“

    Sisenna nickte.

    „Nach unseren neuesten Beobachtungen müssen wir davon ausgehen.“

    „Wie viele Einwohner?“

    „Mindestens dreihundertfünfzig.“

    Faustus hob überrascht den Kopf.

    „Du hast ursprünglich achtzig gemeldet.“

    „Ich weiß.“

    „Eine bemerkenswerte Abweichung.“

    Crispus räusperte sich.

    „Wir haben die Menschen gezählt, die wir sehen konnten.“

    Faustus sah ihn an.

    „Und die anderen?“

    „Die haben sich offenbar nicht zählen lassen.“

    Sisenna warf Crispus einen strengen Blick zu. Faustus hingegen musste lächeln.

    „Immerhin eine Erklärung.“

    Dann wurde er ernst.

    „Zeig mir die zusätzlichen Gebäude.“

    Marcus trat vor und erläuterte die neuen Beobachtungen. Er zeigte die nördlichen Gehöfte, die südlichen Wohngebäude und die verstreuten Wirtschaftsgebäude. Faustus hörte aufmerksam zu.

    „Einundvierzig größere Gebäude“, wiederholte er.

    „Richtig.“

    „Neunundzwanzig vermutlich bewohnt.“

    „Ja.“

    „Und trotzdem nur wenige erwachsene Männer sichtbar.“

    Sisenna nickte. Faustus verschränkte die Arme.

    „Was sagt uns das?“

    Crispus antwortete sofort.

    „Dass Markwart seine Krieger versteckt.“

    Faustus sah ihn an.

    „Das ist eine Vermutung.“

    „Eine ziemlich gute.“

    „Vielleicht. Aber ich möchte wissen, wo sie sich befinden, bevor ich sie für eine Bedrohung erkläre.“

    Er wandte sich an Sisenna.

    „Zeig mir die nächtlichen Transporte.“

    III. Die Verbindung zu Hadubrand

    Faustus öffnete seine Ledertasche und entnahm ihr mehrere Wachstafeln.

    „Während ihr hier Kinder, Bauern und Ochsen beobachtet habt, haben meine Männer in Mogontiacum etwas Interessantes herausgefunden.“

    Crispus grinste.

    „Wir haben auch Wagen beobachtet.“

    „Ausgezeichnet. Vielleicht gehören sie zusammen.“

    Faustus legte die erste Tafel auf den Tisch.

    „Hadubrand.“

    Sisenna beugte sich darüber.

    „Der germanische Händler?“

    „Genau der.“

    „Was hat er getan?“

    „In den vergangenen Tagen größere Mengen Getreide, Salz und getrocknetes Fleisch über den Rhein bringen lassen.“

    Marcus fragte:

    „Wohin?“

    Faustus sah ihn an.

    „Das ist unser Problem.“

    Er legte die zweite Tafel daneben.

    „Die Waren sind auf keinem der bekannten Märkte aufgetaucht.“

    Sisenna zog seine Karte heran.

    „Und bei uns verlassen nachts beladene Wagen das Dorf.“

    Faustus nickte.

    „Jetzt verstehst du, weshalb ich persönlich gekommen bin.“

    Er zeigte auf den nördlichen Waldweg.

    „Wir müssen herausfinden, ob Hadubrands Lieferungen hier ankommen und anschließend weitertransportiert werden.“

    Laelius fragte:

    „Glaubst du, dass Markwart ein Heer versorgt?“

    Faustus antwortete:

    „Ich glaube, dass jemand erhebliche Mengen Lebensmittel benötigt. Ob es Markwart ist, müssen wir herausfinden.“

    Sisenna betrachtete die beiden Karten.

    „Und wenn Hadubrand für die Verschwörer arbeitet?“

    Faustus blickte auf.

    „Dann könnte dieser Waldweg uns mehr verraten als sämtliche Verhöre in Mogontiacum.“

    IV. Faustus beobachtet das Dorf

    Am Nachmittag begleitete Sisenna Faustus zu einem Beobachtungspunkt. Unter ihnen erstreckte sich die germanische Siedlung. Rauch stieg aus zahlreichen Dächern. Auf den Weiden standen Rinder. Frauen trugen Körbe zwischen den Häusern. Mehrere Männer arbeiteten an einem Zaun. Faustus betrachtete das Dorf schweigend.

    „Friedlich“, bemerkte er schließlich.

    „Zu friedlich“, antwortete Sisenna.

    Faustus blickte ihn an.

    „Erkläre mir das.“

    Sisenna deutete auf die Häuser.

    „Wir haben mindestens dreihundertfünfzig Bewohner festgestellt. Aber nur einen kleinen Teil der erwachsenen Männer sehen wir tagsüber.“

    „Vielleicht arbeiten sie außerhalb.“

    „Das habe ich ebenfalls angenommen.“

    „Und?“

    „Wir haben die Felder beobachtet. Die Weiden. Die bekannten Wege. Trotzdem fehlen uns Männer.“

    Faustus dachte nach.

    „Du vermutest, dass sie nachts das Dorf verlassen.“

    „Wir haben es beobachtet.“

    „Wie viele?“

    „In einer Nacht mindestens zehn bewaffnete Männer mit drei Wagen. Später folgten weitere Männer zu Fuß.“

    Faustus richtete seinen Blick auf den nördlichen Wald.

    „Und niemand weiß, wohin sie gegangen sind?“

    „Noch nicht.“

    Eine Weile schwiegen beide. Dann fragte Faustus:

    „Haben die Germanen eure Beobachter entdeckt?“

    „Mehrfach.“

    „Wie haben sie reagiert?“

    „Überhaupt nicht.“

    Faustus sah ihn überrascht an.

    „Keine Drohungen?“

    „Nein.“

    „Keine Verfolgung?“

    „Nein.“

    „Keine Versuche, euch zu vertreiben?“

    „Nicht einmal das.“

    Faustus beobachtete die Siedlung erneut.

    „Vielleicht haben sie gelernt, mit unserer Anwesenheit zu leben.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Oder sie wissen ganz genau, weshalb wir hier sind.“

    V. Der alte Germane

    Plötzlich berührte Sisenna Faustus am Arm.

    „Dort.“

    Am Rand der Siedlung saß ein älterer Germane auf einem Baumstamm. Faustus folgte Sisennas Blick.

    „Was ist mit ihm?“

    „Er sitzt fast jeden Tag dort.“

    „Ein alter Mann, der sich ausruht. Eine bemerkenswerte Entdeckung.“

    „Warte.“

    Wenig später kam ein Junge aus dem Dorf gelaufen. Er sprach kurz mit dem Alten. Der Mann erhob sich, blickte scheinbar beiläufig zum Wald und verschwand hinter einem Gebäude.

    Faustus beobachtete ihn aufmerksam.

    „Und jetzt?“

    „Jetzt warten wir.“

    Einige Zeit später stieg auf einem entfernten Hügel eine dünne Rauchsäule auf. Faustus kniff die Augen zusammen.

    „Wie oft habt ihr das beobachtet?“

    „Zweimal.“

    „Immer nachdem der Junge mit dem Alten gesprochen hat?“

    „Beim ersten Mal konnten wir den Zusammenhang nicht feststellen.“

    Faustus schwieg. Sisenna fragte:

    „Was denkst du?“

    „Dass ein Feuer zunächst ein Feuer ist.“

    „Und wenn es ein Signal ist?“

    Faustus wandte sich ihm zu.

    „Dann möchte ich wissen, wer es empfängt.“

    Er blickte erneut auf den Alten.

    „Aber wir dürfen uns nicht ausschließlich auf diesen Mann konzentrieren. Sonst übersehen wir womöglich genau das, was Markwart vor uns verbergen möchte.“

    VI. Der erste konkrete Hinweis

    Am Abend traf eine weitere Nachricht aus Mogontiacum ein. Faustus öffnete das Schreiben unmittelbar. Sisenna wartete.

    „Neuigkeiten?“

    Faustus las schweigend. Dann legte er das Schreiben auf den Tisch.

    „Unsere Männer haben einen der Transporte Hadubrands überprüft.“

    „Und?“

    „Ein Fuhrmann hat ausgesagt, dass er seine Ladung nicht auf einem Markt abliefern sollte.“

    „Wo dann?“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „An einem abgelegenen Übergabeplatz jenseits des Rheins.“

    Sisenna beugte sich vor.

    „Wie weit von unserem Dorf entfernt?“

    „Das wissen wir noch nicht genau. Der Fuhrmann kennt nur den ersten Teil des Weges.“

    „Was geschah mit den Waren?“

    „Sie wurden auf andere Wagen umgeladen.“

    Sisenna blickte auf.

    „Andere Wagen?“

    „Ja. Die ursprünglichen Fuhrleute mussten anschließend umkehren.“

    Marcus, der bisher geschwiegen hatte, trat näher.

    „Damit kennen die einzelnen Fuhrleute nicht den endgültigen Bestimmungsort.“

    Faustus nickte.

    „Ganz genau.“

    Sisenna betrachtete die Karte.

    „Hadubrand organisiert also die Lieferungen. Aber andere Männer übernehmen den Weitertransport.“

    „Offenbar.“

    „Dann könnte Markwarts Dorf eine weitere Übergabestelle sein.“

    Faustus lächelte.

    „Und jetzt haben wir endlich eine überprüfbare Vermutung.“

    VII. Die Nachtwache

    In dieser Nacht blieben Faustus und Sisenna selbst auf dem Beobachtungsposten. Die Stunden vergingen. Schließlich bemerkte Marcus Bewegung zwischen den Häusern.

    „Dort!“

    Zwei Männer führten Ochsen aus einem Stall. Ein dritter öffnete die Tore eines Speichers. Kurz darauf erschienen mehrere Männer mit Körben und Säcken. Faustus beobachtete aufmerksam.

    „Jetzt zählen wir.“

    Marcus notierte die Beobachtungen.

    „Erster Wagen. Zweiter Wagen.“

    Ein dritter folgte. Sisenna deutete auf die Männer.

    „Sechs Bewaffnete.“

    „Mindestens“, ergänzte Faustus.

    Die Wagen setzten sich in Bewegung. Sie verließen das Dorf auf dem nördlichen Waldweg. Faustus sah ihnen nach.

    „Interessant.“

    Sisenna blickte ihn an.

    „Was?“

    „Niemand versucht, uns abzulenken.“

    „Vielleicht wissen sie nicht, dass wir hier sind.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Du hast mir selbst berichtet, dass sie eure Männer mehrfach entdeckt haben.“

    Er dachte einen Augenblick nach.

    „Vielleicht wollen sie, dass wir diese Wagen sehen.“

    Sisenna wurde ernst.

    „Eine Falle?“

    „Möglich.“

    „Was unternehmen wir?“

    Faustus beobachtete die Wagen, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden.

    „Heute Nacht gar nichts.“

    Crispus, der hinter ihnen wartete, konnte seine Enttäuschung kaum verbergen.

    „Wir lassen sie einfach fahren?“

    Faustus wandte sich um.

    „Crispus, wenn jemand möchte, dass du einem Wagen in einen dunklen Wald folgst, solltest du dir sehr genau überlegen, weshalb.“

    VIII. Markwarts Kriegsrat

    Mehrere Wegstunden nördlich der Siedlung versammelten sich unterdessen Männer aus verschiedenen germanischen Gemeinschaften. Markwart stand vor einem großen Feuer. Neben ihm wartete sein Sohn Dankwart. Ein älterer Krieger trat vor.

    „Die Römer beobachten unser Dorf.“

    Markwart nickte.

    „Das weiß ich.“

    „Sie haben ihre Männer verstärkt.“

    „Auch das weiß ich.“

    Dankwart blickte seinen Vater an.

    „Wie lange wollen wir sie noch gewähren lassen?“

    Markwart lächelte.

    „Solange sie uns beobachten, wissen wir wenigstens, wo sie sind.“

    Der ältere Krieger runzelte die Stirn.

    „Und wenn sie unsere Lager entdecken?“

    Markwart wurde ernst.

    „Dann müssen wir entscheiden, ob wir bleiben oder unsere Männer auseinanderziehen.“

    Dankwart trat näher.

    „Unsere Leute werden ungeduldig.“

    „Unsere Leute sollen ihre Waffen instand halten und auf die nächste Versammlung warten.“

    „Und die Lebensmittel?“

    Markwart blickte zu einem seiner Männer.

    „Hadubrand hat weitere Lieferungen versprochen.“

    „Können wir ihm vertrauen?“, fragte Dankwart.

    Markwart antwortete nicht sofort. Dann sagte er:

    „Ich vertraue ihm so weit, wie ich seine Waren zählen kann.“

    Dankwart lächelte.

    „Du misstraust ihm.“

    „Ich misstraue jedem Mann, der gleichzeitig mit Römern und Germanen Geschäfte macht.“

    Ein Bote näherte sich.

    „Markwart! Die Wagen sind unterwegs.“

    Markwart nickte.

    „Gut.“

    „Und die römischen Beobachter?“

    Markwart blickte in die Dunkelheit.

    „Sie sollen ruhig weiter unser Dorf betrachten.“

    Dankwart verstand.

    „Während wir uns hier versammeln.“

    Markwart legte ihm eine Hand auf die Schulter.

    „Ein Mann, der nur dorthin blickt, wo er etwas erwartet, ist leicht zu täuschen.“

    IX. Faustus und Sisenna – zwei unterschiedliche Einschätzungen

    Am folgenden Morgen saßen Faustus und Sisenna wieder im Kartenraum.

    „Ich möchte eine vollständige Aufstellung“, erklärte Faustus.

    „Worüber?“

    „Über alles, was wir tatsächlich wissen.“

    Sisenna nahm eine Wachstafel.

    „Dreihundertfünfzig Bewohner.“

    „Mindestens.“

    „Einundvierzig größere Gebäude.“

    „Weiter.“

    „Nächtliche Lebensmitteltransporte.“

    „Weiter.“

    „Unbekannter Aufenthaltsort Markwarts und Dankwarts.“

    „Weiter.“

    „Unbekannter Aufenthaltsort eines erheblichen Teils der erwachsenen Männer.“

    Faustus nickte.

    „Und was vermuten wir?“

    Sisenna antwortete:

    „Dass Markwart außerhalb des Dorfes Krieger versammelt.“

    „Dass Hadubrand sie versorgt“, ergänzte Faustus.

    „Und dass die nächtlichen Wagen zu diesem Sammelplatz fahren.“

    Faustus verschränkte die Arme.

    „Drei Vermutungen. Noch kein vollständiger Beweis.“

    Sisenna sah ihn an.

    „Aber genügend Gründe, unsere Aufklärung auszuweiten.“

    „Ja.“

    „Und was geschieht, wenn wir das Lager finden?“

    Faustus antwortete nicht sofort. Er betrachtete die Karte.

    „Dann müssen wir herausfinden, weshalb Markwart seine Männer versammelt.“

    Sisenna hob überrascht den Kopf.

    „Ist das nicht offensichtlich?“

    „Nein.“

    „Du glaubst nicht, dass er einen Angriff vorbereitet?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Ich glaube, dass jemand möchte, dass wir genau das glauben.“

    Sisenna wurde nachdenklich.

    „Hadubrand?“

    „Vielleicht.“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „Und vielleicht jemand, der weit entfernt von diesem Wald sitzt und davon profitiert, wenn Römer und Germanen wieder gegeneinander kämpfen.“

    X. Der nächste Schritt

    Am Abend verließ Faustus den Kartenraum und trat auf den Beobachtungsturm. Sisenna folgte ihm. Vor ihnen erstreckten sich die dunklen Wälder Germaniens.

    „Was meldest du nach Mogontiacum?“, fragte Sisenna.

    Faustus antwortete:

    „Dass wir Hinweise auf eine größere germanische Streitmacht gefunden haben.“

    „Und an die Legio XXII Primigenia?“

    „Noch keinen Alarm. Zunächst melde ich die veränderte Lage und unsere unvollständigen Erkenntnisse.“

    Sisenna nickte.

    „Und Hadubrand?“

    Faustus lächelte kaum merklich.

    „Der darf vorerst weiter glauben, dass wir nur seine Waren zählen.“

    „Du willst ihn nicht festnehmen?“

    „Nein.“

    „Warum?“

    Faustus blickte hinaus.

    „Weil Hadubrand vielleicht der einzige Mann ist, der uns zu Markwart und gleichzeitig zu unseren unbekannten Freunden in Rom führen kann.“

    Sisenna sah ihn überrascht an.

    „Rom?“

    Faustus schwieg einen Augenblick. Dann antwortete er:

    „Ja, Sisenna. Ich beginne zu glauben, dass dieser Wald nur ein Teil unseres Problems ist.“

    Er wandte sich zum Abstieg.

    „Und morgen möchte ich wissen, wo diese verdammten Wagen ihre Ladung abliefern.“

  • VI. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XVI – VESTIGIA

    Die Spuren

    Germania Magna und Rom, 123 n. Chr.

    Exploratio Imperii – Operatio UMBRA SILVARUM

    Der sechzehnte Tag der Ermittlungen begann mit einer Entdeckung, die Faustus Iunius Rupa zunächst für einen Zufall hielt. Noch vor Sonnenuntergang sollte er erkennen, dass die Vorgänge in den germanischen Wäldern mit einem Mann in Rom verbunden waren.

    Zur selben Zeit gerieten Titus Aurelius Romanus, Salina und Massad in eine gefährliche Lage. Sie wussten nicht, dass ihre Nachforschungen bereits die Aufmerksamkeit der Verschwörer erregt hatten.

    Und keiner der Beteiligten ahnte, dass die beiden Ermittlungen unmittelbar vor ihrem ersten gemeinsamen Durchbruch standen.

    I. Der zurückgekehrte Krieger

    Der Morgennebel lag noch zwischen den Bäumen, als Laelius seinen Kameraden Marcus Vibius am Arm packte.

    „Dort! Am nördlichen Weg!“

    Marcus hob den Kopf. Ein einzelner Mann näherte sich dem Dorf. Er trug einen dunklen Wollmantel, einen Speer und einen kleinen ledernen Beutel. Sein rechter Fuß schien ihm Schwierigkeiten zu bereiten.

    „Kennst du ihn?“, fragte Marcus.

    Laelius überlegte.

    „Warte. Er war vor einigen Tagen bei den Männern, die nachts das Dorf verlassen haben.“

    „Bist du sicher?“

    „An seiner Schulter hängt derselbe beschädigte Schildriemen.“

    Marcus beobachtete, wie der Germane an einem der Häuser stehen blieb. Ein älterer Mann kam ihm entgegen. Die beiden wechselten einige Worte. Dann öffnete der Krieger seinen Lederbeutel. Laelius richtete sich auf.

    „Bei Jupiter! Siehst du das?“

    Marcus kniff die Augen zusammen. Der Germane hielt einen kleinen metallenen Gegenstand in der Hand. Er glänzte im Morgenlicht.

    „Eine römische Fibel“, flüsterte Marcus.

    „Woher willst du das wissen?“

    „Sieh dir die Form an. Eine solche trägt man an militärischen Mänteln.“

    Der alte Germane betrachtete den Gegenstand, nickte und gab ihn zurück. Anschließend verschwanden beide in einem Langhaus. Marcus griff nach seiner Wachstafel.

    „Das muss Sisenna erfahren.“

    II. Die Fibel

    Eine Stunde später stand Faustus gemeinsam mit Sisenna, Marcus und Laelius im Kartenraum.

    „Eine römische Fibel?“, fragte Faustus.

    „Ja, Biarchus.“

    „Eine gewöhnliche Fibel oder eine militärische?“

    Marcus zögerte.

    „Ich würde sagen, eine militärische.“

    Faustus sah ihn streng an.

    „Du würdest sagen?“

    „Aus dieser Entfernung konnte ich es nicht mit Sicherheit feststellen.“

    „Gut. Dann schreiben wir genau das.“

    Sisenna lächelte.

    „Ich habe ihm bereits erklärt, dass Vermutungen keine Tatsachen sind.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Wann ist der Mann zurückgekehrt?“

    „Kurz nach Sonnenaufgang.“

    „Allein?“

    „Ja.“

    „Bewaffnet?“

    „Speer und Messer. Außerdem trug er einen Lederbeutel.“

    „Verwundet?“

    „Er hinkte.“

    Faustus ging zum Fenster.

    „Eine römische Fibel beweist zunächst wenig. Sie könnte erbeutet, gekauft oder verschenkt worden sein.“

    Sisenna nickte.

    „Aber wenn dieser Mann tatsächlich zu Markwarts verschwundenen Kriegern gehört, interessiert mich, woher er kommt.“

    Faustus drehte sich um.

    „Mich interessiert noch etwas anderes.“

    „Was?“

    „Weshalb bringt ein Krieger einen kleinen römischen Gegenstand zu einem alten Mann, anstatt nach Hause zu gehen?“

    Marcus überlegte.

    „Vielleicht überbringt er eine Nachricht.“

    Faustus blickte ihn an.

    „Genau diese Möglichkeit müssen wir prüfen.“

    III. Der alte Mann

    Sisenna breitete eine weitere Wachstafel aus.

    „Wir beobachten diesen Alten seit mehreren Tagen.“

    Faustus trat näher.

    „Was wissen wir über ihn?“

    „Er sitzt häufig am Waldrand. Mehrfach hat er mit einem Jungen gesprochen. Kurz darauf wurden auf einem entfernten Hügel Feuer beobachtet.“

    „Du vermutest eine Nachrichtenverbindung?“

    „Ja.“

    „Und heute empfängt er einen zurückkehrenden Krieger, der einen möglicherweise römischen Gegenstand mitführt.“

    „Richtig.“

    Faustus schwieg. Dann nahm er einen kleinen Stein und legte ihn auf die Karte.

    „Wir nennen ihn vorläufig den Alten.“

    Crispus grinste.

    „Ein besonders einfallsreicher Name.“

    Faustus sah ihn an.

    „Hast du einen besseren?“

    „Nein, Biarchus.“

    „Dann bleibt es dabei.“

    Sisenna beugte sich über die Karte.

    „Was unternehmen wir?“

    Faustus überlegte.

    „Wir müssen herausfinden, ob der Alte ein gewöhnliches Familienoberhaupt ist oder Nachrichten weiterleitet.“

    „Und wenn er tatsächlich Markwarts Verbindungsmann ist?“

    „Dann darf er vorerst nicht wissen, dass wir ihn erkannt haben.“

    Faustus zeigte auf den nördlichen Wald.

    „Denn ich möchte, dass er uns zu dem Mann führt, der diese Fibel übergeben hat.“

    IV. Hadubrands Geschäftsbücher

    Am Mittag traf ein Reiter aus Mogontiacum ein. Er brachte ein versiegeltes Schreiben sowie Abschriften mehrerer Geschäftseinträge, die Faustus' Männer bei ihren Ermittlungen gegen Hadubrand beschafft hatten. Faustus setzte sich sofort an den Tisch. Sisenna blieb neben ihm stehen.

    „Was haben sie gefunden?“

    „Vielleicht endlich den Grund, weshalb Hadubrand so viel Getreide über den Rhein schafft.“

    Faustus öffnete die erste Wachstafel. Mehrere Lieferungen waren verzeichnet.

    Getreide.

    Salz.

    Getrocknetes Fleisch.

    Leder.

    Eisenwaren.

    Daneben standen Namen und Beträge. Faustus las die Einträge langsam. Dann blieb sein Blick an einem Namen hängen.

    PUBLIUS FABIUS CRISPUS.

    „Sisenna!“

    „Ja?“

    „Kennst du einen Publius Fabius Crispus?“

    Sisenna schüttelte den Kopf. Crispus, der gerade den Raum betreten hatte, blieb stehen.

    „Ich heiße Crispus.“

    Faustus blickte auf.

    „Das ist mir bekannt.“

    „Nur damit keine Verwechslung entsteht.“

    Sisenna seufzte.

    „Eine berechtigte Sorge.“

    Faustus las weiter.

    „Publius Fabius Crispus. Zahlungen für Transportleistungen. Mehrere Einträge.“

    „Ein Händler?“, fragte Sisenna.

    „Möglicherweise.“

    Faustus griff nach dem Begleitschreiben. Darin stand, dass ein Mann dieses Namens geschäftliche Verbindungen nach Rom unterhielt. Faustus wurde nachdenklich.

    „Rom.“

    Sisenna sah ihn an.

    „Schon wieder Rom?“

    Faustus nickte.

    „Hadubrand kauft Waren auf der römischen Seite des Rheins. Seine Transporte verschwinden in Germania. Und nun finden wir einen Geschäftspartner, dessen Zahlungen über Rom laufen.“

    Er betrachtete die Einträge.

    „Vielleicht ist Crispus nur ein gewöhnlicher Geschäftsmann.“

    „Und wenn nicht?“

    Faustus antwortete:

    „Dann interessiert mich, weshalb ein Mann in Rom Lebensmitteltransporte finanziert, deren Bestimmungsort niemand kennt.“

    Er konnte nicht wissen, dass Titus Aurelius Romanus denselben Namen bereits auf seiner eigenen Wachstafel stehen hatte.


    IX. GERMANIA – Der zweite Hinweis

    Während Titus in Rom seine Ermittlungen ausweitete, beobachteten Sisennas Männer erneut den nördlichen Waldweg. Am späten Nachmittag kehrte der verletzte Krieger zurück. Diesmal war er nicht allein. Zwei weitere Männer begleiteten ihn. Marcus bemerkte sofort, dass einer von ihnen einen römischen Militärmantel trug.

    „Laelius!“

    „Ich sehe ihn.“

    „Ein römischer Mantel.“

    „Vielleicht Beutegut.“

    Marcus beobachtete, wie die drei Männer den Alten aufsuchten. Der Mann mit dem römischen Mantel übergab ihm eine kleine Wachstafel.

    Laelius flüsterte:

    „Jetzt haben wir mehr als eine Fibel.“

    Marcus nickte.

    „Eine Nachricht.“

    Der Alte betrachtete die Tafel. Dann verschwand er im größten Langhaus des Dorfes. Wenig später kam der Junge heraus, den die Römer bereits mehrfach beobachtet hatten.

    Er lief in Richtung Wald. Marcus legte seinen Griffel beiseite.

    „Jetzt bin ich mir sicher.“

    „Wobei?“

    „Der Alte ist ein Nachrichtenvermittler.“

    Laelius beobachtete den Jungen.

    „Dann müssen wir herausfinden, wohin er läuft.“

    X. Faustus erkennt die Verbindung

    Als Marcus seinen Bericht ablieferte, saßen Faustus und Sisenna noch immer über Hadubrands Geschäftseinträgen. Faustus hörte aufmerksam zu.

    „Ein römischer Militärmantel und eine Wachstafel?“

    „Ja, Biarchus.“

    „Habt ihr den Inhalt gesehen?“

    „Nein.“

    „Dann wissen wir nicht, was darin stand.“

    Sisenna trat näher.

    „Aber wir haben jetzt zwei möglicherweise römische Gegenstände, die bei denselben Männern auftauchen.“

    Faustus nickte.

    „Und einen Alten, der offenbar Nachrichten empfängt.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Wir haben Hadubrand, die Lebensmitteltransporte, den nördlichen Waldweg und möglicherweise einen Nachrichtenvermittler.“

    Marcus fragte:

    „Und was bedeutet das?“

    Faustus blickte auf.

    „Dass wir möglicherweise zwei unterschiedliche Verbindungen entdeckt haben.“

    „Welche?“

    „Eine versorgt Markwarts Männer.“

    Er deutete auf Hadubrands Namen.

    „Die andere übermittelt Nachrichten.“

    Sisenna wurde nachdenklich.

    „Und wenn beide zusammengehören?“

    Faustus antwortete:

    „Dann haben wir nicht nur ein germanisches Versorgungsnetz entdeckt.“

    Er legte den Finger auf die Wachstafel.

    „Dann haben wir möglicherweise einen Nachrichtenweg zwischen Germania und Rom gefunden.“

    XI. Die Entscheidung

    Am Abend versammelte Faustus seine Männer.

    „Wir ändern unsere Prioritäten.“

    Sisenna stand neben ihm. Faustus zeigte auf die Karte.

    „Die Beobachtung des Dorfes wird fortgesetzt. Der Alte, der verletzte Krieger und die nächtlichen Transporte bleiben von besonderem Interesse.“

    Crispus fragte:

    „Und der Wald?“

    Faustus antwortete:

    „Wir müssen herausfinden, ob sich dort tatsächlich ein Sammelplatz befindet.“

    „Und wenn wir ihn entdecken?“

    „Dann beobachten wir zunächst.“

    Sisenna nickte.

    „Keine eigenmächtigen Kampfhandlungen.“

    Faustus sah seine Männer an.

    „Ich will wissen, wie viele Krieger Markwart tatsächlich versammelt hat, woher sie kommen und wer sie versorgt.“

    Er hielt kurz inne.

    „Und besonders interessiert mich, ob jemand aus Rom ihre Vorbereitungen finanziert.“

    Marcus fragte:

    „Was geschieht, wenn wir diese Verbindung nachweisen können?“

    Faustus antwortete:

    „Dann müssen wir entscheiden, wem wir in Mogontiacum überhaupt noch vertrauen können.“



    XIII. Zwei Männer, ein Name

    In derselben Nacht saßen zwei Männer weit voneinander entfernt über ihren Aufzeichnungen. Faustus Iunius Rupa im vorgeschobenen Beobachtungsposten der Exploratio Imperii.

    Titus Aurelius Romanus in seiner Villa in Rom. Vor beiden lag derselbe Name.

    PUBLIUS FABIUS CRISPUS.

    Faustus betrachtete die Zahlungen für Hadubrands Lebensmitteltransporte.

    Titus betrachtete die Verbindungen zwischen Crispus, Varro und dem Lagerhaus.

    Beide hatten unabhängig voneinander erkannt, dass dieser Mann eine wichtige Rolle spielte.

    Doch noch fehlte ihnen die entscheidende Erkenntnis.

    Crispus war möglicherweise nicht der Auftraggeber.

    Er könnte lediglich dafür sorgen, dass Geld, Waren und Nachrichten zwischen den einzelnen Beteiligten zirkulierten.

    Und während Titus und Faustus versuchten, die Bedeutung dieses Mannes zu verstehen, bereitete der unbekannte Hintermann bereits seine nächste Maßnahme vor.

    Denn auch er hatte inzwischen bemerkt, dass sich etwas verändert hatte.

    Seine Kuriere wurden beobachtet.

    Seine Warenlieferungen wurden überprüft.

    Und zwei Männer, die einander noch nicht kannten, begannen, sein sorgfältig aufgebautes Netz von entgegengesetzten Seiten aufzudecken.


  • VII. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XVI – VESTIGIA

    Die Spuren

    Germania Magna und Rom, 123 n. Chr.

    Exploratio Imperii – Operatio UMBRA SILVARUM

    Der sechzehnte Tag der Ermittlungen begann mit einer Entdeckung, die Faustus Iunius Rupa zunächst für einen Zufall hielt. Noch vor Sonnenuntergang sollte er erkennen, dass die Vorgänge in den germanischen Wäldern mit einem Mann in Rom verbunden waren.

    Zur selben Zeit gerieten Titus Aurelius Romanus, Salina und Massad in eine gefährliche Lage. Sie wussten nicht, dass ihre Nachforschungen bereits die Aufmerksamkeit der Verschwörer erregt hatten.

    Und keiner der Beteiligten ahnte, dass die beiden Ermittlungen unmittelbar vor ihrem ersten gemeinsamen Durchbruch standen.

    I. Der zurückgekehrte Krieger

    Der Morgennebel lag noch zwischen den Bäumen, als Laelius seinen Kameraden Marcus Vibius am Arm packte.

    „Dort! Am nördlichen Weg!“

    Marcus hob den Kopf. Ein einzelner Mann näherte sich dem Dorf. Er trug einen dunklen Wollmantel, einen Speer und einen kleinen ledernen Beutel. Sein rechter Fuß schien ihm Schwierigkeiten zu bereiten.

    „Kennst du ihn?“, fragte Marcus. Laelius überlegte.

    „Warte. Er war vor einigen Tagen bei den Männern, die nachts das Dorf verlassen haben.“

    „Bist du sicher?“

    „An seiner Schulter hängt derselbe beschädigte Schildriemen.“

    Marcus beobachtete, wie der Germane an einem der Häuser stehen blieb. Ein älterer Mann kam ihm entgegen. Die beiden wechselten einige Worte. Dann öffnete der Krieger seinen Lederbeutel. Laelius richtete sich auf.

    „Bei Jupiter! Siehst du das?“

    Marcus kniff die Augen zusammen. Der Germane hielt einen kleinen metallenen Gegenstand in der Hand. Er glänzte im Morgenlicht.

    „Eine römische Fibel“, flüsterte Marcus.

    „Woher willst du das wissen?“

    „Sieh dir die Form an. Eine solche trägt man an militärischen Mänteln.“

    Der alte Germane betrachtete den Gegenstand, nickte und gab ihn zurück. Anschließend verschwanden beide in einem Langhaus. Marcus griff nach seiner Wachstafel.

    „Das muss Sisenna erfahren.“

    II. Die Fibel

    Eine Stunde später stand Faustus gemeinsam mit Sisenna, Marcus und Laelius im Kartenraum.

    „Eine römische Fibel?“, fragte Faustus.

    „Ja, Biarchus.“

    „Eine gewöhnliche Fibel oder eine militärische?“

    Marcus zögerte.

    „Ich würde sagen, eine militärische.“

    Faustus sah ihn streng an.

    „Du würdest sagen?“

    „Aus dieser Entfernung konnte ich es nicht mit Sicherheit feststellen.“

    „Gut. Dann schreiben wir genau das.“

    Sisenna lächelte.

    „Ich habe ihm bereits erklärt, dass Vermutungen keine Tatsachen sind.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Wann ist der Mann zurückgekehrt?“

    „Kurz nach Sonnenaufgang.“

    „Allein?“

    „Ja.“

    „Bewaffnet?“

    „Speer und Messer. Außerdem trug er einen Lederbeutel.“

    „Verwundet?“

    „Er hinkte.“

    Faustus ging zum Fenster.

    „Eine römische Fibel beweist zunächst wenig. Sie könnte erbeutet, gekauft oder verschenkt worden sein.“

    Sisenna nickte.

    „Aber wenn dieser Mann tatsächlich zu Markwarts verschwundenen Kriegern gehört, interessiert mich, woher er kommt.“

    Faustus drehte sich um.

    „Mich interessiert noch etwas anderes.“

    „Was?“

    „Weshalb bringt ein Krieger einen kleinen römischen Gegenstand zu einem alten Mann, anstatt nach Hause zu gehen?“

    Marcus überlegte.

    „Vielleicht überbringt er eine Nachricht.“

    Faustus blickte ihn an.

    „Genau diese Möglichkeit müssen wir prüfen.“

    III. Der alte Mann

    Sisenna breitete eine weitere Wachstafel aus.

    „Wir beobachten diesen Alten seit mehreren Tagen.“

    Faustus trat näher.

    „Was wissen wir über ihn?“

    „Er sitzt häufig am Waldrand. Mehrfach hat er mit einem Jungen gesprochen. Kurz darauf wurden auf einem entfernten Hügel Feuer beobachtet.“

    „Du vermutest eine Nachrichtenverbindung?“

    „Ja.“

    „Und heute empfängt er einen zurückkehrenden Krieger, der einen möglicherweise römischen Gegenstand mitführt.“

    „Richtig.“

    Faustus schwieg. Dann nahm er einen kleinen Stein und legte ihn auf die Karte.

    „Wir nennen ihn vorläufig den Alten.“

    Crispus grinste.

    „Ein besonders einfallsreicher Name.“

    Faustus sah ihn an.

    „Hast du einen besseren?“

    „Nein, Biarchus.“

    „Dann bleibt es dabei.“

    Sisenna beugte sich über die Karte.

    „Was unternehmen wir?“

    Faustus überlegte.

    „Wir müssen herausfinden, ob der Alte ein gewöhnliches Familienoberhaupt ist oder Nachrichten weiterleitet.“

    „Und wenn er tatsächlich Markwarts Verbindungsmann ist?“

    „Dann darf er vorerst nicht wissen, dass wir ihn erkannt haben.“

    Faustus zeigte auf den nördlichen Wald.

    „Denn ich möchte, dass er uns zu dem Mann führt, der diese Fibel übergeben hat.“

    IV. Hadubrands Geschäftsbücher

    Am Mittag traf ein Reiter aus Mogontiacum ein. Er brachte ein versiegeltes Schreiben sowie Abschriften mehrerer Geschäftseinträge, die Faustus' Männer bei ihren Ermittlungen gegen Hadubrand beschafft hatten. Faustus setzte sich sofort an den Tisch. Sisenna blieb neben ihm stehen.

    „Was haben sie gefunden?“

    „Vielleicht endlich den Grund, weshalb Hadubrand so viel Getreide über den Rhein schafft.“

    Faustus öffnete die erste Wachstafel. Mehrere Lieferungen waren verzeichnet.

    Getreide.

    Salz.

    Getrocknetes Fleisch.

    Leder.

    Eisenwaren.

    Daneben standen Namen und Beträge. Faustus las die Einträge langsam. Dann blieb sein Blick an einem Namen hängen.

    PUBLIUS FABIUS CRISPUS.

    „Sisenna!“

    „Ja?“

    „Kennst du einen Publius Fabius Crispus?“

    Sisenna schüttelte den Kopf. Crispus, der gerade den Raum betreten hatte, blieb stehen.

    „Ich heiße Crispus.“

    Faustus blickte auf.

    „Das ist mir bekannt.“

    „Nur damit keine Verwechslung entsteht.“

    Sisenna seufzte.

    „Eine berechtigte Sorge.“

    Faustus las weiter.

    „Publius Fabius Crispus. Zahlungen für Transportleistungen. Mehrere Einträge.“

    „Ein Händler?“, fragte Sisenna.

    „Möglicherweise.“

    Faustus griff nach dem Begleitschreiben. Darin stand, dass ein Mann dieses Namens geschäftliche Verbindungen nach Rom unterhielt. Faustus wurde nachdenklich.

    „Rom.“

    Sisenna sah ihn an.

    „Schon wieder Rom?“

    Faustus nickte.

    „Hadubrand kauft Waren auf der römischen Seite des Rheins. Seine Transporte verschwinden in Germania. Und nun finden wir einen Geschäftspartner, dessen Zahlungen über Rom laufen.“

    Er betrachtete die Einträge.

    „Vielleicht ist Crispus nur ein gewöhnlicher Geschäftsmann.“

    „Und wenn nicht?“

    Faustus antwortete:

    „Dann interessiert mich, weshalb ein Mann in Rom Lebensmitteltransporte finanziert, deren Bestimmungsort niemand kennt.“

    Er konnte nicht wissen, dass Titus Aurelius Romanus denselben Namen bereits auf seiner eigenen Wachstafel stehen hatte.

    IX. GERMANIA – Der zweite Hinweis

    Während Titus in Rom seine Ermittlungen ausweitete, beobachteten Sisennas Männer erneut den nördlichen Waldweg. Am späten Nachmittag kehrte der verletzte Krieger zurück.

    Diesmal war er nicht allein. Zwei weitere Männer begleiteten ihn. Marcus bemerkte sofort, dass einer von ihnen einen römischen Militärmantel trug.

    „Laelius!“

    „Ich sehe ihn.“

    „Ein römischer Mantel.“

    „Vielleicht Beutegut.“

    Marcus beobachtete, wie die drei Männer den Alten aufsuchten. Der Mann mit dem römischen Mantel übergab ihm eine kleine Wachstafel. Laelius flüsterte:

    „Jetzt haben wir mehr als eine Fibel.“

    Marcus nickte.

    „Eine Nachricht.“

    Der Alte betrachtete die Tafel. Dann verschwand er im größten Langhaus des Dorfes. Wenig später kam der Junge heraus, den die Römer bereits mehrfach beobachtet hatten. Er lief in Richtung Wald. Marcus legte seinen Griffel beiseite.

    „Jetzt bin ich mir sicher.“

    „Wobei?“

    „Der Alte ist ein Nachrichtenvermittler.“

    Laelius beobachtete den Jungen.

    „Dann müssen wir herausfinden, wohin er läuft.“

    X. Faustus erkennt die Verbindung

    Als Marcus seinen Bericht ablieferte, saßen Faustus und Sisenna noch immer über Hadubrands Geschäftseinträgen. Faustus hörte aufmerksam zu.

    „Ein römischer Militärmantel und eine Wachstafel?“

    „Ja, Biarchus.“

    „Habt ihr den Inhalt gesehen?“

    „Nein.“

    „Dann wissen wir nicht, was darin stand.“

    Sisenna trat näher.

    „Aber wir haben jetzt zwei möglicherweise römische Gegenstände, die bei denselben Männern auftauchen.“

    Faustus nickte.

    „Und einen Alten, der offenbar Nachrichten empfängt.“

    Er zeigte auf die Karte.

    „Wir haben Hadubrand, die Lebensmitteltransporte, den nördlichen Waldweg und möglicherweise einen Nachrichtenvermittler.“

    Marcus fragte:

    „Und was bedeutet das?“

    Faustus blickte auf.

    „Dass wir möglicherweise zwei unterschiedliche Verbindungen entdeckt haben.“

    „Welche?“

    „Eine versorgt Markwarts Männer.“

    Er deutete auf Hadubrands Namen.

    „Die andere übermittelt Nachrichten.“

    Sisenna wurde nachdenklich.

    „Und wenn beide zusammengehören?“

    Faustus antwortete:

    „Dann haben wir nicht nur ein germanisches Versorgungsnetz entdeckt.“

    Er legte den Finger auf die Wachstafel.

    „Dann haben wir möglicherweise einen Nachrichtenweg zwischen Germania und Rom gefunden.“

    XI. Die Entscheidung

    Am Abend versammelte Faustus seine Männer.

    „Wir ändern unsere Prioritäten.“

    Sisenna stand neben ihm. Faustus zeigte auf die Karte.

    „Die Beobachtung des Dorfes wird fortgesetzt. Der Alte, der verletzte Krieger und die nächtlichen Transporte bleiben von besonderem Interesse.“

    Crispus fragte:

    „Und der Wald?“

    Faustus antwortete:

    „Wir müssen herausfinden, ob sich dort tatsächlich ein Sammelplatz befindet.“

    „Und wenn wir ihn entdecken?“

    „Dann beobachten wir zunächst.“

    Sisenna nickte.

    „Keine eigenmächtigen Kampfhandlungen.“

    Faustus sah seine Männer an.

    „Ich will wissen, wie viele Krieger Markwart tatsächlich versammelt hat, woher sie kommen und wer sie versorgt.“

    Er hielt kurz inne.

    „Und besonders interessiert mich, ob jemand aus Rom ihre Vorbereitungen finanziert.“

    Marcus fragte:

    „Was geschieht, wenn wir diese Verbindung nachweisen können?“

    Faustus antwortete:

    „Dann müssen wir entscheiden, wem wir in Mogontiacum überhaupt noch vertrauen können.“

    XIII. Zwei Männer, ein Name

    In derselben Nacht saßen zwei Männer weit voneinander entfernt über ihren Aufzeichnungen.

    Faustus Iunius Rupa im vorgeschobenen Beobachtungsposten der Exploratio Imperii.

    Titus Aurelius Romanus in seiner Villa in Rom.

    Vor beiden lag derselbe Name.

    PUBLIUS FABIUS CRISPUS.

    Faustus betrachtete die Zahlungen für Hadubrands Lebensmitteltransporte.

    Titus betrachtete die Verbindungen zwischen Crispus, Varro und dem Lagerhaus.

    Beide hatten unabhängig voneinander erkannt, dass dieser Mann eine wichtige Rolle spielte.

    Doch noch fehlte ihnen die entscheidende Erkenntnis.

    Crispus war möglicherweise nicht der Auftraggeber.

    Er könnte lediglich dafür sorgen, dass Geld, Waren und Nachrichten zwischen den einzelnen Beteiligten zirkulierten.

    Und während Titus und Faustus versuchten, die Bedeutung dieses Mannes zu verstehen, bereitete der unbekannte Hintermann bereits seine nächste Maßnahme vor.

    Denn auch er hatte inzwischen bemerkt, dass sich etwas verändert hatte.

    Seine Kuriere wurden beobachtet.

    Seine Warenlieferungen wurden überprüft.

    Und zwei Männer, die einander noch nicht kannten, begannen, sein sorgfältig aufgebautes Netz von entgegengesetzten Seiten aufzudecken.


    DIES XVII – PRODITIO

    Der Verrat

    Imperium Romanum, 119 n. Chr.

    Rom – Mogontiacum – Germania Magna

    Operatio UMBRA SILVARUM

    Der Verrat begann nicht mit einem gezogenen Schwert. Er begann mit einem verschwundenen Mann, einer gefälschten Nachricht und einem Namen, der in keinem der bisherigen Ermittlungsberichte aufgetaucht war.

    In Rom suchten Titus Aurelius Romanus, Selina und Massad nach dem verschwundenen ehemaligen Legionär. An der germanischen Grenze untersuchte Faustus Iunius Rupa die Verbindung zwischen Hadubrand, Markwart und Publius Fabius Crispus.

    Ein weiterer Mann bewegte sich nahezu unsichtbar zwischen den beiden Schauplätzen: Paullus, ein Gladiator, der mehr wusste, als seine Umgebung ahnte.

    Und im kaiserlichen Palast saß Nero Patulcius Trogus.

    Ein Eunuch im Dienst des Palastes. Ein Mann, den zahlreiche Würdenträger täglich sahen, ohne ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

    Niemand ahnte, dass ausgerechnet er die Fäden der Verschwörung in seinen Händen hielt.

    VI. GERMANIA – Faustus entdeckt den Verrat

    Während Massad in Rom nach Naso suchte, erreichte Faustus eine Nachricht aus Mogontiacum. Sisenna brachte sie ihm persönlich.

    „Ein Bericht unserer Ermittler.“

    Faustus öffnete das Schreiben. Darin stand, dass einer der Fuhrleute Hadubrands unmittelbar nach seiner Befragung verschwunden war. Faustus blickte auf.

    „Wer wusste von der Befragung?“

    Sisenna überlegte.

    „Unsere Ermittler. Der zuständige Schreiber. Zwei Männer der Lagerverwaltung.“

    „Sonst niemand?“

    „Soweit wir wissen.“

    Faustus legte das Schreiben auf den Tisch.

    „Dann haben wir möglicherweise ein Informationsleck.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Innerhalb unserer eigenen Reihen?“

    „Vielleicht.“

    „Was unternehmen wir?“

    Faustus dachte nach.

    „Wir stellen fest, wer Zugang zu unseren Berichten besitzt.“

    Er trat an die Karte.

    „Und wir schicken drei unterschiedliche Nachrichten nach Mogontiacum.“

    Sisenna hob überrascht den Kopf.

    „Drei?“

    „Ja.“

    „Mit welchem Inhalt?“

    Faustus lächelte.

    „Jede Nachricht enthält eine andere Information über unsere angeblichen nächsten Schritte.“

    Sisenna begriff.

    „Und wenn eine davon bei Markwart auftaucht ...“

    „... wissen wir, über welchen Nachrichtenweg sie weitergegeben wurde.“

    VII. Die drei Nachrichten

    Faustus ließ Aulus drei Wachstafeln vorbereiten. Die erste enthielt die Behauptung, dass die römischen Beobachter ihren Vorposten innerhalb von zwei Tagen verlassen würden.

    Die zweite kündigte eine angebliche Verlegung zusätzlicher Reiter an. Die dritte erwähnte eine geplante Untersuchung der südlichen Handelswege. Jede Nachricht ging über einen anderen Übermittlungsweg nach Mogontiacum. Sisenna betrachtete Faustus.

    „Und wenn niemand reagiert?“

    „Dann haben wir zunächst nichts bewiesen.“

    „Und wenn Markwart reagiert?“

    „Dann müssen wir feststellen, auf welche Nachricht.“

    Crispus, der die Besprechung aufmerksam verfolgt hatte, fragte:

    „Was geschieht, wenn unser Verräter merkt, dass wir ihn suchen?“

    Faustus blickte ihn an.

    „Dann wird er vorsichtiger.“

    „Und wenn er versucht, uns umzubringen?“

    „Dann hoffe ich, dass du schneller bist als er.“

    Crispus grinste.

    „Endlich ein Befehl, den ich verstehe.“

    IX. Der Verräter zeigt sich

    Zwei Tage später traf am vorgeschobenen Beobachtungsposten eine neue Meldung ein. Marcus Vibius brachte sie unmittelbar zu Faustus.

    „Biarchus!“

    „Was gibt es?“

    „Die Germanen haben ihre Beobachter vom südlichen Hügel abgezogen.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Wann?“

    „Heute Morgen.“

    „Und die nördlichen Wege?“

    „Unverändert.“

    Sisenna trat hinzu.

    „Was bedeutet das?“

    Faustus nahm die drei Abschriften seiner falschen Nachrichten. Er verglich sie. Dann zeigte er auf die dritte.

    „Wir haben angekündigt, die südlichen Handelswege untersuchen zu lassen.“

    Sisenna blickte auf.

    „Und jetzt verschwinden ihre Beobachter von dort?“

    „Offenbar.“

    „Dann ist die dritte Nachricht durchgesickert.“

    Faustus nickte langsam.

    „Möglicherweise.“

    Er betrachtete den Übermittlungsvermerk. Die dritte Nachricht war über einen Schreiber der Lagerverwaltung weitergegeben worden. Sisenna wurde ernst.

    „Wir haben unseren Verräter.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Noch nicht.“

    „Aber wir kennen den Nachrichtenweg.“

    „Vielleicht.“

    Er legte die Wachstafel beiseite.

    „Jetzt müssen wir herausfinden, wer die Nachricht tatsächlich weitergegeben hat.“

    X. Nero Patulcius Trogus erhält eine Warnung

    Im kaiserlichen Palast öffnete Nero Patulcius Trogus eine neue Nachricht. Sie stammte aus Mogontiacum. Faustus Iunius Rupa untersucht die Nachrichtenwege der Lagerverwaltung. Mehrere unterschiedliche Meldungen wurden verbreitet. Trogus las den Text zweimal. Dann lächelte er.

    „Ein kluger Mann.“

    Sein Bote wartete.

    „Was sollen wir unternehmen?“

    Trogus legte die Nachricht ins Feuer.

    „Nichts.“

    „Nichts?“

    „Faustus glaubt, einen Verräter suchen zu müssen.“

    „Aber er könnte ihn finden.“

    Trogus stand auf.

    „Dann sorgen wir dafür, dass er jemanden findet.“

    Der Bote verstand.

    „Einen Schuldigen.“

    „Einen überzeugenden Schuldigen.“

    Trogus trat zum Fenster.

    „Und während Faustus seinen Verräter verhört, wird Markwart seine Männer versammeln.“

    „Was ist mit Titus Aurelius Romanus?“

    Trogus' Gesicht veränderte sich.

    „Der junge Mann aus der Gens Aurelia?“

    „Er untersucht Crispus.“

    Trogus schwieg einen Moment.

    „Dann müssen wir ihn beschäftigen.“

    „Wie?“

    Trogus betrachtete den Boten.

    „Er hat Freunde.“

    XIV. Der Verrat

    Im vorgeschobenen Beobachtungsposten betrachtete Faustus die neuesten Berichte. Sisenna trat zu ihm.

    „Was beschäftigt dich?“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „Wir haben ein Problem.“

    „Schon wieder?“

    „Ja.“

    „Welches?“

    Faustus blickte ihn an.

    „Unsere Gegner wissen zu viel.“

    Sisenna nickte.

    „Ein Verräter.“

    „Vielleicht sogar mehrere.“

    Er trat zum Fenster.

    „Aber das ist nicht meine größte Sorge.“

    „Was dann?“

    Faustus antwortete langsam:

    „Dass jemand unsere Ermittlungen benutzt, um Markwart zu einer Handlung zu bewegen, die er möglicherweise gar nicht geplant hatte.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Du glaubst, jemand möchte einen Krieg provozieren?“

    Faustus nickte.

    „Es wäre nicht das erste Mal, dass Männer weit entfernt von der Grenze Entscheidungen treffen, für die andere sterben müssen.“

    Er blickte auf die germanischen Wälder.

    „Und wenn ich recht habe, dann müssen wir herausfinden, wer davon profitiert.“

    Während Faustus diese Worte sprach, verließ ein weiterer Kurier den kaiserlichen Palast in Rom. Er trug eine Nachricht, deren Inhalt Markwart vor eine Entscheidung stellen würde.

    Und Nero Patulcius Trogus wartete. Denn für ihn waren die Germanen, die römischen Soldaten und selbst seine eigenen Mittelsmänner lediglich Figuren auf einem Spielbrett.

    Ein Spielbrett, dessen Regeln bislang nur er kannte. Doch zum ersten Mal bewegten sich zwei Figuren unabhängig von seinem Willen: Titus Aurelius Romanus und Faustus Iunius Rupa.

  • VIII. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XVIII – VIA PRODITIONIS

    Die Straße des Verrats

    Germania Magna, 123 n. Chr. Exploratio Imperii – Operatio UMBRA SILVARUM

    XVIII. TAG DER ERMITTLUNGEN

    Der achtzehnte Tag begann mit einer Nachricht, die Faustus Iunius Rupa nicht erwartet hatte.

    Einer seiner Männer war verschwunden.

    Es war nicht irgendein Mann. Es war Aulus, jener Schreiber, der die drei unterschiedlichen Nachrichten vorbereitet hatte, mit denen Faustus den Verräter innerhalb der römischen Nachrichtenwege aufzuspüren versuchte.

    Gleichzeitig meldeten die vorgeschobenen Beobachtungsposten ungewöhnliche Bewegungen im germanischen Wald. Markwarts Krieger hatten ihre bisherigen Beobachtungsstellungen verlassen. Hadubrands Versorgungstransporte wurden umgeleitet, und der geheimnisvolle alte Germane hatte das Dorf in der Nacht verlassen.

    Faustus stand vor seiner Karte.

    „Sisenna, wir haben einen Fehler gemacht.“

    „Welchen?“

    „Wir haben angenommen, dass wir diejenigen sind, die unsere Gegner beobachten.“

    Er blickte auf die drei Wachstafeln.

    „Möglicherweise beobachten sie längst uns.“

    I. PRIMA LUX – DER VERSCHWUNDENE SCHREIBER

    Der Morgennebel hing zwischen den Bäumen, als Marcus Vibius das Officium betrat.

    „Biarchus!“

    Faustus blickte von seiner Wachstafel auf.

    „Was gibt es?“

    „Aulus ist verschwunden.“

    Sisenna Digitus Plautianus, der neben Faustus saß, richtete sich auf.

    „Verschwunden? Seit wann?“

    „Er wurde gestern Abend zuletzt gesehen. Heute Morgen war sein Schlafplatz leer.“

    „Seine Ausrüstung?“, fragte Faustus.

    „Teilweise verschwunden. Sein Schwert und sein Reisemantel fehlen. Die übrigen Gegenstände hat er zurückgelassen.“

    „Sein Pferd?“

    „Steht noch im Stall.“

    Faustus legte den Griffel nieder.

    „Hat jemand beobachtet, wie er das Lager verlassen hat?“

    „Nein.“

    „Dann wissen wir zunächst nur, dass er nicht an seinem Platz ist.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Ausgerechnet der Mann, der unsere drei Nachrichten vorbereitet hat.“

    „Ja.“

    „Das kann kein Zufall sein.“

    Faustus sah ihn an.

    „Doch, Sisenna. Es kann ein Zufall sein. Aber wir dürfen uns nicht darauf verlassen.“

    Er erhob sich.

    „Niemand verlässt das Lager, bevor wir festgestellt haben, was geschehen ist. Ich will wissen, wer Aulus zuletzt gesprochen hat, welche Wachstafeln er bearbeitet hat und ob etwas aus unserem Archiv fehlt.“

    Marcus salutierte.

    „Jawohl, Biarchus.“

    „Und Marcus?“

    „Ja?“

    „Die Männer sollen nicht nach einem Verräter suchen. Sie sollen nach einem verschwundenen Kameraden suchen.“

    Sisenna wartete, bis Marcus gegangen war.

    „Du willst nicht, dass sie misstrauisch werden?“

    „Sie werden ohnehin misstrauisch. Ich möchte verhindern, dass sie sich gegenseitig beschuldigen.“

    II. HORA SECUNDA – DIE DREI NACHRICHTEN

    Faustus ließ sämtliche Unterlagen der letzten drei Tage zusammentragen. Vor ihm lagen die Abschriften der drei Nachrichten, die über unterschiedliche Verbindungen nach Mogontiacum übermittelt worden waren. Die erste hatte den angeblichen Abzug des römischen Vorpostens angekündigt. Die zweite hatte eine Verstärkung durch zusätzliche Reiter erwähnt.

    Die dritte hatte eine Untersuchung der südlichen Handelswege angekündigt. Auf genau diese dritte Nachricht hatten die Germanen möglicherweise reagiert.

    Sisenna deutete auf die betreffende Wachstafel.

    „Wir wissen, dass diese Nachricht über die Lagerverwaltung weitergegeben wurde.“

    „Richtig.“

    „Und wir wissen, dass Aulus sie geschrieben hat.“

    „Er hat alle drei geschrieben.“

    „Aber nur diese Nachricht scheint unsere Gegner erreicht zu haben.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Wir wissen nicht einmal, ob die Germanen tatsächlich auf unsere Nachricht reagiert haben. Vielleicht hatten sie ihre Beobachter aus einem ganz anderen Grund abgezogen.“

    Sisenna setzte sich.

    „Du machst es einem wirklich nicht leicht.“

    „Das ist auch nicht meine Aufgabe.“

    „Was ist dann deine Aufgabe?“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Dafür zu sorgen, dass wir den richtigen Mann finden.“

    In diesem Augenblick erschien Crispus.

    „Biarchus, wir haben Aulus' letzte Aufzeichnungen gefunden.“

    „Wo?“

    „Unter seiner Schlafstätte.“

    „Bring sie her.“

    Crispus legte eine kleine Wachstafel auf den Tisch. Faustus untersuchte sie sorgfältig. Zwischen gewöhnlichen Verwaltungsnotizen standen drei kurze Einträge. Zweiter Kurier – verspätet.

    Hadubrand – Lieferung bestätigt. Alter Mann – nördlicher Waldweg. Sisenna las die Worte.

    „Bei allen Göttern! Aulus wusste von Hadubrand?“

    „Offenbar.“

    „Aber weshalb sollte unser Schreiber Aufzeichnungen über einen germanischen Händler führen?“

    Faustus drehte die Tafel um.

    Auf der Rückseite befanden sich mehrere hastig eingeritzte Buchstaben.

    Er hielt die Tafel näher an das Licht.

    „Marcus soll sofort zurückkommen.“

    „Warum?“

    „Weil ich wissen möchte, ob Aulus diese Einträge selbst geschrieben hat.“

    III. HORA TERTIA – DER ALTE MANN

    Etwa eine halbe Tagesreise entfernt beobachteten Laelius und zwei weitere Speculatores das germanische Dorf. Die Männer hatten ihre Stellung noch vor Sonnenaufgang bezogen.

    Laelius hob plötzlich die Hand.

    „Bewegung am großen Langhaus.“

    Sein Kamerad schob vorsichtig einige Zweige beiseite. Der alte Germane trat aus dem Gebäude. Er trug einen dunklen Mantel und führte ein kleines Pferd am Zügel. Zwei bewaffnete Krieger begleiteten ihn.

    „Wohin will er?“, flüsterte einer der Römer.

    „Das werden wir herausfinden.“

    Der Alte bestieg sein Pferd. Die drei Männer verließen das Dorf auf dem nördlichen Waldweg. Laelius wartete, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden waren.

    „Wir folgen ihnen.“

    „Mit drei Männern?“

    „Wir sollen sie beobachten, nicht bekämpfen.“

    „Und wenn sie uns entdecken?“

    Laelius betrachtete seinen Kameraden.

    „Dann haben wir unsere Arbeit schlecht gemacht.“

    Die drei Speculatores verschwanden im Wald. Nach ungefähr einer Stunde erreichten die Germanen eine kleine Lichtung. Dort warteten weitere Männer. Laelius erkannte zunächst fünf Krieger. Dann entdeckte er zwischen den Bäumen drei zusätzliche Gestalten. Einer von ihnen trug einen römischen Militärmantel.

    „Da ist er wieder“, flüsterte Laelius.

    „Der Mann mit dem Mantel?“

    „Ja.“

    Der Alte stieg vom Pferd. Der Mann im römischen Mantel kam ihm entgegen. Die beiden sprachen längere Zeit miteinander. Schließlich übergab der Alte einen kleinen Lederbeutel.

    Laelius beobachtete aufmerksam, wie der Empfänger den Beutel öffnete. Ein kleiner metallener Gegenstand kam zum Vorschein.

    „Die Fibel“, murmelte er.

    Sein Kamerad blickte ihn an.

    „Bist du sicher?“

    „Nein. Aber ich werde herausfinden, weshalb sie diesen Gegenstand immer wieder vorzeigen.“

    IV. HORA QUARTA – HADUBRANDS GEHEIMNIS

    Zur gleichen Zeit traf eine weitere Nachricht aus Mogontiacum ein. Ein römischer Ermittler hatte die Geschäftsbücher Hadubrands erneut untersucht. Dabei waren zusätzliche Zahlungen entdeckt worden, die keinem gewöhnlichen Warentransport zugeordnet werden konnten. Sisenna las den Bericht laut vor.

    „Drei Lieferungen Getreide. Zwei Lieferungen Salz. Eine Lieferung Eisenwaren.“

    „Bestimmungsorte?“, fragte Faustus.

    „Nicht verzeichnet.“

    „Empfänger?“

    „Ebenfalls nicht.“

    „Zahlungen?“

    Sisenna hielt inne.

    „Publius Fabius Crispus.“

    Faustus schloss kurz die Augen.

    „Schon wieder dieser Name.“

    Crispus, der neben der Tür stand, räusperte sich.

    „Ich möchte erneut darauf hinweisen, dass ich mit diesem Mann nicht verwandt bin.“

    Sisenna blickte ihn an.

    „Das wissen wir inzwischen.“

    „Ich halte es trotzdem für wichtig.“

    Faustus musste unwillkürlich lächeln.

    Dann wurde er wieder ernst.

    „Wie hoch sind die Zahlungen?“

    Sisenna nannte die Beträge. Faustus rechnete kurz nach.

    „Das ist erheblich mehr, als die verzeichneten Waren kosten dürften.“

    „Vielleicht hat Hadubrand zusätzliche Waren geliefert.“

    „Vielleicht. Aber weshalb sollte er sie nicht aufschreiben?“

    „Um Abgaben zu umgehen?“

    „Oder weil die Lieferung überhaupt nicht aus gewöhnlichen Handelswaren bestand.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Waffen?“

    „Möglich.“

    „Geld?“

    „Ebenfalls möglich.“

    Faustus trat an die Karte.

    „Wir haben bislang angenommen, dass Hadubrand Lebensmittel zu Markwarts Männern transportiert. Vielleicht übernimmt er zusätzlich die Bezahlung anderer Beteiligter.“

    „Welcher Beteiligter?“

    „Das müssen wir herausfinden.“

    Er zeigte auf den Rhein.

    „Ich möchte sämtliche bekannten Transporte Hadubrands der letzten Wochen miteinander vergleichen. Wagenzahl, Warenmenge, Begleitpersonal, Abfahrtszeiten und die tatsächlichen Ankunftsorte.“

    Sisenna nickte.

    „Das wird dauern.“

    „Dann beginnen wir sofort.“

    V. HORA SEXTA – DIE FALLE IM WALD

    Laelius und seine Männer folgten der germanischen Gruppe bis zu einem verlassenen Gehöft. Das Gebäude lag in einer kleinen Senke. Ein schmaler Bach verlief unmittelbar dahinter.

    Laelius entdeckte frische Wagenspuren.

    „Hier wurden schwere Lasten transportiert.“

    Sein Kamerad untersuchte die Spuren.

    „Mehrere Wagen. Vielleicht vier.“

    „Sieh dir die Erde an. Die Spuren sind noch frisch.“

    Plötzlich ertönte hinter ihnen das Knacken eines Astes. Laelius erstarrte. Ein Mann stand zwischen den Bäumen. Er trug germanische Kleidung und hielt einen Speer in der Hand.

    „Nicht bewegen“, flüsterte Laelius.

    Der Germane blickte aufmerksam in ihre Richtung. Sekunden vergingen. Dann ertönte vom Gehöft ein kurzer Pfiff. Der Krieger wandte sich um und verschwand zwischen den Bäumen.

    Laelius wartete.

    „Wir ziehen uns zurück.“

    „Aber wir haben den Treffpunkt gefunden!“

    „Und möglicherweise haben sie uns ebenfalls gefunden.“

    „Sollen wir nicht wenigstens feststellen, was sich in dem Gebäude befindet?“

    Laelius schüttelte den Kopf.

    „Unsere Aufgabe ist es, Informationen zurückzubringen. Nicht, wegen eines verlassenen Hauses drei Männer zu verlieren.“

    Sie begannen ihren vorsichtigen Rückzug. Doch kaum hatten sie den Bach erreicht, entdeckte Laelius eine weitere Spur. Im feuchten Boden zeichnete sich deutlich der Abdruck einer römischen Militärsandale ab. Er kniete nieder.

    „Bei Jupiter.“

    Sein Kamerad beugte sich neben ihn.

    „Was ist?“

    „Hier ist ein Römer entlanggegangen.“

    „Der Mann mit dem Militärmantel?“

    Laelius betrachtete die Spur.

    „Vielleicht.“

    Er blickte zum Gehöft zurück.

    „Oder jemand, den wir noch gar nicht kennen.“

    VI. HORA SEPTIMA – AULUS' LETZTER WEG

    Marcus hatte inzwischen mehrere Legionäre befragt. Seine Ermittlungen führten ihn zunächst zur Wachmannschaft, anschließend zum Stall und schließlich zum südlichen Ausgang des Lagers. Dort hatte ein Wachposten am Vorabend einen Mann beobachtet, der einen dunklen Mantel getragen hatte. Marcus stellte sich vor ihn.

    „War es Aulus?“

    „Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen.“

    „Wie groß war der Mann?“

    „Ungefähr so groß wie Aulus.“

    „War er bewaffnet?“

    „Das konnte ich nicht feststellen.“

    „Warum hast du ihn nicht angehalten?“

    Der Legionär zögerte.

    „Er sagte, er müsse einen dringenden Auftrag ausführen.“

    Marcus wurde aufmerksam.

    „In wessen Auftrag?“

    „Er behauptete, der Biarchus habe ihn geschickt.“

    Marcus schwieg einen Augenblick.

    „Und du hast ihn gehen lassen?“

    „Er kannte das Losungswort.“

    Marcus betrachtete den Wachposten.

    „Welches Losungswort?“

    Der Mann nannte es.

    Marcus spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Es war das Losungswort, das erst am vergangenen Abend ausgegeben worden war. Nur ein begrenzter Kreis von Männern hatte es gekannt. Er verließ den Wachposten und eilte unmittelbar zum Officium.

    VII. HORA OCTAVA – FAUSTUS ERKENNT DAS MUSTER

    Marcus betrat das Officium, ohne die übliche Anmeldung abzuwarten.

    „Biarchus! Wir haben etwas gefunden.“

    Faustus blickte auf.

    „Berichte.“

    Marcus schilderte seine Befragung. Als er das Losungswort erwähnte, veränderte sich Faustus' Gesichtsausdruck. Sisenna wurde bleich.

    „Das ist unmöglich.“

    Faustus blickte ihn an.

    „Weshalb?“

    „Das Losungswort wurde gestern erst nach Sonnenuntergang ausgegeben.“

    „Richtig.“

    „Aulus konnte es also nur von jemandem erhalten haben, der Zugang zu den neuen Befehlen hatte.“

    Faustus schwieg. Dann fragte er Marcus:

    „Hat der Wachposten den Mann tatsächlich als Aulus erkannt?“

    „Nein.“

    „Hat er gesehen, wohin der Mann gegangen ist?“

    „Nur, dass er den südlichen Weg genommen hat.“

    Faustus trat an die Karte.

    „Dann haben wir zwei Möglichkeiten. Entweder Aulus hat das Lager freiwillig verlassen, oder jemand hat seinen Namen benutzt.“

    Sisenna betrachtete die Karte.

    „Und wenn Aulus ermordet wurde?“

    „Dann müssen wir ihn finden.“

    Faustus nahm die Wachstafel mit den drei rätselhaften Einträgen.

    „Was mich beunruhigt, ist nicht allein sein Verschwinden.“

    „Sondern?“

    „Er wusste möglicherweise, dass Hadubrand und der Alte miteinander verbunden sind.“

    „Woher?“

    „Das ist die entscheidende Frage.“

    Er wandte sich an Marcus.

    „Stelle zehn zuverlässige Männer zusammen. Wir untersuchen den südlichen Weg. Keine auffällige Suchkolonne. Ich möchte nicht, dass unser Gegner erkennt, wonach wir suchen.“

    „Jawohl, Biarchus.“

    „Und Marcus?“

    „Ja?“

    „Sollten wir Aulus lebend finden, wird niemand Hand an ihn legen. Ich möchte seine Geschichte hören.“

    VIII. VESPER – DER MANN MIT DEM RÖMISCHEN MANTEL

    Als Laelius seinen Beobachtungsposten wieder erreichte, erwartete ihn bereits ein Meldereiter.

    „Du sollst unverzüglich zum Biarchus kommen.“

    „Was ist geschehen?“

    „Aulus ist verschwunden.“

    Laelius erstarrte.

    „Aulus?“

    „Ja.“

    „Wann?“

    „Gestern Abend.“

    Laelius dachte an den Mann mit dem römischen Militärmantel.

    „Dann müssen wir uns beeilen.“

    Wenig später stand er vor Faustus und Sisenna. Er berichtete ausführlich über das Treffen am verlassenen Gehöft, die frischen Wagenspuren und den Abdruck der römischen Militärsandale.

    Faustus hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Schließlich fragte er:

    „Hast du das Gesicht des Mannes im römischen Mantel gesehen?“

    „Nur kurz.“

    „Könntest du ihn wiedererkennen?“

    Laelius überlegte.

    „Vermutlich.“

    „War es Aulus?“

    „Nein, Biarchus. Dafür war er zu groß.“

    Sisenna atmete hörbar aus.

    „Dann befindet sich möglicherweise ein weiterer Römer bei den Germanen.“

    Faustus nickte.

    „Oder ein Germane, der römische Ausrüstung trägt.“

    Laelius griff nach seiner Wachstafel.

    „Es gibt noch etwas.“

    „Was?“

    „Der Alte hat diesem Mann einen kleinen metallenen Gegenstand übergeben. Möglicherweise dieselbe Fibel, die wir bereits im Dorf beobachtet haben.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Vielleicht ist diese Fibel überhaupt kein gewöhnlicher Gegenstand.“

    Sisenna hob den Kopf.

    „Sondern?“

    „Ein Erkennungszeichen.“

    IX. DIE NACHTBESPRECHUNG

    Die Offiziere der Exploratio Imperii versammelten sich nach Einbruch der Dunkelheit. Faustus hatte die bisherigen Erkenntnisse auf mehreren Wachstafeln zusammengetragen.

    „Wir haben drei Vorgänge, die möglicherweise miteinander verbunden sind.“

    Er legte die erste Wachstafel auf den Tisch.

    „Hadubrands Versorgungstransporte. Wir kennen einen Teil seiner Lieferungen, aber nicht sämtliche Empfänger.“

    Daneben legte er die zweite.

    „Der alte Germane. Er empfängt Nachrichten und trifft sich mit einem unbekannten Mann, der einen römischen Militärmantel trägt.“

    Schließlich nahm er die dritte.

    „Aulus. Unser Schreiber ist verschwunden. Ein Mann, der möglicherweise Aulus war, hat unser Lager mit einem gültigen Losungswort verlassen.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Du vermutest, dass Aulus die Nachrichten an Hadubrand weitergegeben hat?“

    „Nein. Ich vermute, dass jemand genau das von uns erwartet.“

    Im Raum wurde es still. Crispus sah überrascht auf.

    „Du meinst, man will uns Aulus als Verräter präsentieren?“

    „Es wäre eine Möglichkeit.“

    „Aber weshalb sollte er dann verschwinden?“

    Faustus betrachtete die Männer.

    „Vielleicht hat er etwas entdeckt, das er nicht entdecken sollte.“

    Marcus fragte:

    „Und wenn er tatsächlich der Verräter ist?“

    „Dann werden wir das beweisen müssen.“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „Wir verändern unsere Vorgehensweise. Ab sofort werden unsere Nachrichtenwege voneinander getrennt. Keine einzelne Person erhält mehr sämtliche Informationen über unsere Operation.“

    Sisenna nickte.

    „Und der alte Germane?“

    „Wird weiterhin beobachtet.“

    „Hadubrand?“

    „Seine Transporte ebenfalls.“

    „Was geschieht mit dem unbekannten Römer?“

    Faustus antwortete:

    „Den möchte ich persönlich kennenlernen.“

    X. NOX – DIE VIERTE NACHRICHT

    Es war bereits weit nach Sonnenuntergang, als ein einzelner Reiter den vorgeschobenen Beobachtungsposten erreichte. Sein Pferd war erschöpft. Der Mann verlangte unmittelbar nach Faustus. Marcus führte ihn ins Officium.

    „Biarchus, eine dringende Nachricht.“

    Faustus nahm das versiegelte Schreiben entgegen.

    „Von wem?“

    „Unserem Verbindungsmann an der südlichen Grenze des Beobachtungsgebietes.“

    Faustus brach das Siegel. Der Bericht war kurz. Ein römischer Schreiber war am Nachmittag in Begleitung zweier bewaffneter Männer gesehen worden. Die Gruppe hatte sich in Richtung eines verlassenen Gehöfts bewegt. Faustus blickte auf.

    „Sisenna!“

    Sein Kamerad trat näher.

    „Was gibt es?“

    Faustus reichte ihm das Schreiben. Sisenna las.

    „Das könnte Aulus sein.“

    „Ja.“

    „Dann müssen wir sofort aufbrechen!“

    Faustus hielt ihn zurück.

    „Noch nicht.“

    „Warum?“

    „Weil ich wissen möchte, ob der Schreiber freiwillig mit diesen Männern unterwegs war.“

    Sisenna starrte ihn an.

    „Und wenn er unser Gefangener ist?“

    Faustus wurde ernst.

    „Dann holen wir ihn heraus.“

    Er trat zur Tür.

    „Marcus!“

    „Biarchus?“

    „Zwölf Männer. Vollständige Ausrüstung. Keine Fackeln. Wir brechen noch in dieser Nacht auf.“

    „Wohin?“

    Faustus nahm seine Waffen.

    „Zum verlassenen Gehöft.“

    Operationslage am Ende von DIES XVIII

    Aulus

    Verschwunden; möglicherweise am verlassenen Gehöft gesehen

    Hadubrand

    Ungeklärte Zahlungen und unbekannte Empfänger

    Publius Fabius Crispus

    Wiederholt in Hadubrands Geschäftsbüchern genannt

    Der alte Germane

    Verdacht auf eine Nachrichtenverbindung

    Unbekannter Mantelträger

    Möglicherweise Verbindung zu römischen Kreisen

    Informationsleck

    Der Übermittlungsweg ist eingegrenzt, der Verräter nicht identifiziert

    Exploratio Imperii

    Zwölf Mann bereiten einen nächtlichen Erkundungseinsatz vor



  • IX. Vorposten der Exploratio Imperii

    DIES XIX – UMBRAE SILVARUM

    Die Schatten der Wälder

    Germania Magna, 123 n. Chr. Exploratio Imperii – Operatio UMBRA SILVARUM XIX. Tag der Ermittlungen

    Die Nacht hatte sich über die germanischen Wälder gelegt. Dichter Nebel kroch durch die Täler, und zwischen den gewaltigen Eichen und Buchen herrschte eine beinahe unheimliche Stille.

    Zwölf Männer der Exploratio Imperii bereiteten sich auf einen nächtlichen Einsatz vor. Ihr Auftrag lautete, das verlassene Gehöft zu untersuchen, an dem ein römischer Schreiber in Begleitung zweier bewaffneter Männer beobachtet worden war.

    Möglicherweise handelte es sich um Aulus.

    Doch Faustus Iunius Rupa hatte einen anderen Verdacht: Jemand versuchte, ihn und seine Männer gezielt in eine Falle zu locken.

    Und möglicherweise war das Verschwinden seines Schreibers nur ein Teil eines wesentlich größeren Plans.

    I. PRIMA VIGILIA – DER NÄCHTLICHE AUFBRUCH

    Handlungsstrang I – Faustus Iunius Rupa

    Im schwachen Licht einer Öllampe betrachtete Faustus die Karte des Beobachtungsgebietes.

    Neben ihm standen Sisenna Digitius Plautianus, Marcus Vibius und Laelius.

    „Zwölf Männer“, begann Faustus. „Nicht mehr und nicht weniger. Ich möchte keinen nächtlichen Feldzug veranstalten.“

    Marcus deutete auf die Karte.

    „Das Gehöft liegt ungefähr eine halbe Tagesreise entfernt. Wenn wir die südliche Schlucht benutzen, könnten wir es noch vor Tagesanbruch erreichen.“

    Laelius schüttelte den Kopf.

    „Dort gibt es nur einen schmalen Übergang. Wenn uns jemand erwartet, sitzen wir in der Falle.“

    Faustus nickte.

    „Genau deshalb werden wir diesen Weg nicht benutzen.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Du gehst also davon aus, dass unsere Gegner wissen, dass wir kommen?“

    „Ich gehe davon aus, dass sie uns besser kennen, als mir lieb ist.“

    Er zeigte auf den nördlichen Waldweg.

    „Laelius, du führst vier Männer über diesen Höhenzug. Ihr beobachtet das Gehöft aus sicherer Entfernung.“

    „Jawohl.“

    „Marcus, du übernimmst vier Männer und sicherst unseren Rückweg.“

    „Verstanden.“

    „Sisenna, du begleitest mich mit den übrigen Männern. Wir werden uns dem Gehöft von Westen nähern.“

    Sisenna grinste.

    „Du suchst dir selbstverständlich wieder den gefährlichsten Weg aus.“

    „Nein. Ich überlasse dir lediglich die Ehre, mich dabei zu begleiten.“

    Marcus lachte.

    „Dann werde ich schon einmal überlegen, was ich in eurem Bericht schreiben soll.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Am besten, dass wir alle wohlbehalten zurückgekehrt sind.“

    Seine Miene wurde ernst.

    „Noch etwas. Niemand greift an, solange ich keinen entsprechenden Befehl gebe. Unser Ziel ist Aulus. Wir wissen nicht, ob er freiwillig dort ist oder gefangen gehalten wird.“

    „Und der unbekannte Römer?“, fragte Laelius.

    „Den möchte ich lebend.“

    „Warum?“

    Faustus nahm seinen Helm.

    „Weil tote Männer ausgesprochen schlechte Zeugen sind.“

    Wenig später verließen die zwölf Speculatores lautlos den Vorposten.

    II. SECUNDA VIGILIA – DAS VERLASSENE GEHÖFT

    Handlungsstrang II – Laelius und seine Beobachter

    Der Mond war hinter dichten Wolken verschwunden, als Laelius mit seinen vier Männern die bewaldete Anhöhe erreichte.

    Unter ihnen lag das verlassene Gehöft. Zumindest schien es verlassen. Aus dem beschädigten Dach eines Nebengebäudes stieg ein dünner Rauchfaden auf. Laelius legte sich zwischen die Wurzeln einer mächtigen Eiche.

    „Seht ihr das?“

    Einer seiner Männer nickte.

    „Dort brennt ein Feuer.“

    „Also ist jemand zu Hause.“

    „Vielleicht ein Köhler.“

    Laelius schüttelte den Kopf.

    „Ein Köhler, der seine Pferde hinter dem Haus versteckt?“

    Er deutete auf zwei dunkle Gestalten, die zwischen den Bäumen standen.

    Pferde. Wenig später öffnete sich die Tür des Hauptgebäudes. Ein Mann trat heraus. Er trug einen römischen Militärmantel. Laelius erstarrte.

    „Da ist er.“

    „Der Mann vom gestrigen Treffen?“

    „Ja.“

    Er war kleiner und trug einen dunklen Reisemantel.

    Laelius hob den Kopf.

    „Bei Jupiter!“

    „Was ist?“

    „Der zweite Mann könnte Aulus sein.“

    Sein Kamerad betrachtete die beiden Gestalten.

    „Kannst du ihn erkennen?“

    „Nein. Nicht bei diesem Licht.“

    Plötzlich packte Laelius seinen Kameraden am Arm.

    „Still!“

    Unterhalb ihrer Stellung bewegten sich zwei bewaffnete Germanen durch das Unterholz. Sie schienen nach etwas zu suchen. Oder nach jemandem. Laelius wartete, bis sie verschwunden waren. Dann flüsterte er:

    „Wir müssen Faustus verständigen. Und zwar sofort.“

    III. TERTIA VIGILIA – DER SCHREIBER UND SEIN BEWACHER

    Handlungsstrang III – Aulus

    Aulus saß auf einem niedrigen Schemel im Inneren des Gehöfts. Seine Hände waren nicht gefesselt. Dennoch wusste er, dass er das Gebäude nicht verlassen konnte. Vor ihm stand ein Mann mit einem römischen Militärmantel.

    „Du wirst mir jetzt erklären, weshalb Faustus Iunius Rupa drei unterschiedliche Nachrichten verschickt hat.“

    Aulus betrachtete ihn schweigend.

    Der Mann setzte sich.

    „Ich weiß, dass du sie geschrieben hast.“

    „Ich schreibe viele Nachrichten.“

    „Dann wirst du dich sicherlich an diese erinnern.“

    Er legte drei Wachstafeln auf den Tisch. Aulus erkannte sie sofort. Es waren Abschriften jener Nachrichten, die er für Faustus vorbereitet hatte. Sein Magen zog sich zusammen. Der Mann lächelte.

    „Siehst du? Wir wissen mehr, als dein Biarchus vermutet.“

    Aulus betrachtete die Tafeln.

    „Dann benötigst du meine Hilfe offenbar nicht.“

    Das Lächeln verschwand.

    „Du bist mutig.“

    „Nein. Ich bin lediglich ein Schreiber.“

    „Ein Schreiber, der für die Exploratio Imperii arbeitet.“

    Der Unbekannte beugte sich vor.

    „Ich möchte wissen, welche Nachricht tatsächlich weitergeleitet werden sollte.“

    Aulus antwortete nicht.

    „War es die Nachricht über den Rückzug des Vorpostens?“

    Schweigen.

    „Oder die Verstärkung durch zusätzliche Reiter?“

    Aulus blickte auf die Tischplatte.

    „Vielleicht die Untersuchung der südlichen Handelswege?“

    Der Mann beobachtete jede seiner Bewegungen.

    Schließlich erhob er sich.

    „Du wirst darüber nachdenken.“

    Er ging zur Tür. Aulus hob plötzlich den Kopf.

    „Warum interessiert euch Hadubrand so sehr?“

    Der Unbekannte blieb stehen.

    „Was weißt du über Hadubrand?“

    Aulus lächelte schwach.

    „Offenbar mehr, als dir lieb ist.“

    Der Mann drehte sich langsam um.

    „Du solltest vorsichtig sein, Schreiber.“

    Aulus erwiderte seinen Blick.

    „Das sagt mein Biarchus ebenfalls ständig.“

    IV. QUARTA VIGILIA – DIE FALLE

    Handlungsstrang IV – Faustus und Sisenna

    Faustus erreichte mit seiner Gruppe den westlichen Waldrand. Sisenna deutete auf das Gehöft.

    „Dort.“

    Zwischen den Bäumen war ein schwacher Lichtschein erkennbar. Faustus kniete nieder.

    „Wie viele Wachen?“

    „Mindestens vier.“

    „Weitere Männer?“

    „Unbekannt.“

    Faustus betrachtete die Umgebung. Etwas störte ihn. Der Zugang zum Gehöft war ungewöhnlich schlecht gesichert. Ein schmaler Weg führte unmittelbar zur Hintertür. Keine Wache.

    Keine Hindernisse. Keine erkennbare Beobachtungsstellung.

    „Sisenna.“

    „Ja?“

    „Was fällt dir auf?“

    Sein Kamerad betrachtete das Gelände.

    „Die Hinterseite ist unbewacht.“

    „Richtig.“

    „Vielleicht haben sie nicht genügend Männer.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Oder sie möchten, dass wir genau dort hineingehen.“

    Sisenna fluchte leise.

    „Eine Falle.“

    „Möglicherweise.“

    In diesem Augenblick erreichte sie ein Melder von Laelius. Er berichtete von dem unbekannten Römer, dem möglichen Aulus und den germanischen Beobachtern. Faustus hörte aufmerksam zu. Dann fragte er:

    „Hat Laelius einen zweiten Ausgang entdeckt?“

    „Ja. Hinter dem Stall führt ein schmaler Weg zum Bach.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Ausgezeichnet.“

    Sisenna grinste.

    „Du hast einen Plan.“

    „Noch nicht.“

    „Aber gleich?“

    Faustus lächelte.

    „Vermutlich.“

    Er deutete auf den Bach.

    „Wir werden unseren Freunden einen kleinen Besuch abstatten. Allerdings nicht dort, wo sie uns erwarten.“

    V. PRIMA LUX – DER ZUGRIFF

    Handlungsstrang V – Die Exploratio Imperii

    Der erste schwache Lichtschein erschien am östlichen Horizont. Die Männer der Exploratio Imperii lagen bereits auf ihren zugewiesenen Positionen.

    Laelius beobachtete weiterhin das Gehöft. Marcus sicherte den Rückweg. Faustus und Sisenna hatten sich dem Bach genähert.

    Plötzlich öffnete sich die Hintertür. Zwei Männer traten heraus. Zwischen ihnen ging eine dritte Gestalt. Aulus. Faustus erkannte ihn sofort.

    „Bei allen Göttern“, flüsterte Sisenna.

    „Er lebt.“

    Die Männer führten Aulus zum Stall. Dort warteten drei Pferde. Faustus beobachtete aufmerksam. Dann bemerkte er etwas Entscheidendes. Aulus ging nicht freiwillig. Einer seiner Begleiter hielt ihn am Oberarm fest. Der andere trug sein Schwert. Faustus hob langsam die Hand. Seine Männer machten sich bereit.

    „Noch nicht“, flüsterte er.Laelius hatte das vereinbarte Zeichen gegeben. Die germanischen Beobachter bewegten sich vom Gehöft weg. Faustus wartete. Dann gab er den Befehl.

    „JETZT!“

    Die Speculatores erhoben sich aus ihrer Deckung.

    „WAFFEN NIEDER! IM NAMEN DER LEGIO XXII PRIMIGENIA!“

    Einer der Bewacher griff nach seinem Schwert. Sisenna war schneller. Mit einem kräftigen Schildstoß warf er den Mann zu Boden. Der zweite Bewacher ließ Aulus los und versuchte zu fliehen. Doch zwei Speculatores versperrten ihm den Weg. Faustus erreichte den Schreiber.

    „Aulus!“

    „Biarchus!“

    „Bist du verletzt?“

    „Nein.“

    „Kannst du laufen?“

    „Selbstverständlich.“

    Faustus grinste.

    „Ausgezeichnet. Dann wirst du mir später erklären, weshalb du ohne meine Genehmigung einen nächtlichen Ausflug unternommen hast.“

    Aulus lächelte erschöpft.

    „Ich hatte gehofft, dass du mich findest.“

    Faustus wurde ernst.

    „Ich lasse meine Männer nicht einfach verschwinden.“

    Plötzlich ertönte hinter ihnen ein Ruf.

    „FAUSTUS!“

    Der Mann mit dem römischen Militärmantel stand am Eingang des Gehöfts. In seiner rechten Hand hielt er ein Schwert.

    „Du hast einen Fehler gemacht!“

    Faustus drehte sich um.

    „Das behaupten meine Vorgesetzten regelmäßig.“

    Der Unbekannte lächelte kalt.

    „Du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast.“

    Faustus zog langsam sein Schwert.

    „Dann solltest du dich vorstellen.“

    Der Mann antwortete nicht. Stattdessen hob er die linke Hand. An seinem Finger glänzte ein metallener Ring. Ein Adler. Drei senkrechte Striche. Und ein Kreis.

    Faustus erstarrte. Dasselbe Zeichen, das später auch in den Unterlagen des geheimen Depots auftauchen sollte. Der Unbekannte bemerkte seinen Blick.

    „Du erkennst es.“

    Faustus nickte langsam.

    „Noch nicht. Aber ich werde herausfinden, was es bedeutet.“

    Der Mann trat einen Schritt zurück. Dann verschwand er im Gebäude. Faustus wollte ihm folgen. Doch plötzlich schlugen Flammen aus einem der Fenster.

    „FEUER!“, rief Sisenna.

    Innerhalb weniger Augenblicke breitete sich der Brand aus. Der Unbekannte hatte das Gehöft in Brand setzen lassen. Faustus blieb stehen.

    „NIEMAND GEHT HINEIN!“

    Sisenna blickte ihn überrascht an.

    „Aber der Mann entkommt!“

    „Dann werden wir ihn später finden.“

    Faustus deutete auf Aulus.

    „Heute haben wir bereits jemanden gefunden, der wesentlich wichtiger ist.“

    VI. HORA SECUNDA – DIE RÜCKKEHR DES AULUS

    Handlungsstrang VI – Die Aussage des Schreibers

    Am Vormittag erreichten die Männer der Exploratio Imperii ihren Vorposten. Aulus wurde zunächst vom zuständigen Medicus untersucht. Anschließend erschien er im Officium des Faustus.

    Sisenna und Marcus waren ebenfalls anwesend. Faustus deutete auf einen Stuhl.

    „Setz dich.“

    Aulus gehorchte.

    „Und jetzt erzählst du mir alles.“

    Der junge Schreiber berichtete ausführlich über sein Verschwinden. Er hatte am vergangenen Abend einen vermeintlichen Befehl erhalten, der ihn zum südlichen Ausgang des Lagers führte. Dort erwarteten ihn zwei Männer. Einer trug einen römischen Militärmantel. Der andere war ein Germane.

    „Ich glaubte zunächst, dass es sich um einen gewöhnlichen Nachrichtenauftrag handelte.“

    Faustus nickte.

    „Und wann hast du bemerkt, dass etwas nicht stimmt?“

    „Als sie mir mein Schwert abnahmen.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Bei Jupiter!“

    Aulus fuhr fort.

    „Sie brachten mich zum Gehöft und verlangten Informationen über unsere drei Nachrichten.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Hast du ihnen etwas erzählt?“

    „Nur das, was sie ohnehin bereits wussten.“

    „Was genau?“

    „Dass ich die Nachrichten geschrieben habe.“

    „Sonst nichts?“

    Aulus zögerte.

    „Sie wussten bereits, dass wir Hadubrands Transporte untersuchen.“

    Faustus richtete sich auf.

    „Woher?“

    „Das weiß ich nicht.“

    „Haben sie Namen genannt?“

    Aulus überlegte.

    Dann nickte er.

    „Einen.“

    Sisenna beugte sich vor.

    „Welchen?“

    Aulus antwortete:

    „Publius Fabius Crispus.“

    Im Raum wurde es still. Marcus blickte überrascht auf.

    „Der Mann aus Hadubrands Geschäftsbüchern?“

    Aulus nickte.

    „Ja.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Dann haben wir endlich eine Verbindung zwischen Hadubrands Transporten und dem unbekannten Römer.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Und was machen wir jetzt?“

    Faustus nahm eine leere Wachstafel.

    „Jetzt werden wir herausfinden, wer Publius Fabius Crispus tatsächlich ist.“

    VII. HORA TERTIA – DER UNBEKANNTE RÖMER

    Handlungsstrang VII – Die Flucht

    Mehrere Meilen entfernt ritt der Mann mit dem römischen Militärmantel durch den germanischen Wald. Neben ihm befand sich ein bewaffneter Begleiter.

    „Wir haben den Schreiber verloren“, sagte dieser.

    Der Unbekannte nickte.

    „Ja.“

    „Und das Gehöft?“

    „Verbrannt.“

    „Was sollen wir jetzt tun?“

    Der Mann betrachtete seinen Siegelring.

    „Wir werden unsere Auftraggeber informieren.“

    „Und Faustus?“

    Der Unbekannte lächelte.

    „Er glaubt, dass er uns einen Schritt voraus ist.“

    „Ist er das nicht?“

    „Nein.“

    Der Mann blickte in Richtung Rhein.

    „Er hat lediglich begonnen, die richtigen Fragen zu stellen.“

    Sein Begleiter schwieg.

    Dann fragte er:

    „Wohin reiten wir?“

    Der Unbekannte antwortete:

    „Nach Mogontiacum.“

    VIII. VESPERA – DIE NEUE SPUR

    Handlungsstrang VIII – Faustus und seine Offiziere

    Am Abend versammelten sich die Offiziere der Exploratio Imperii erneut im Officium. Faustus stand vor seiner Karte. Neben ihm lagen die bisherigen Ermittlungsunterlagen.

    Hadubrands Transporte. Die geheimnisvolle Fibel. Der alte Germane. Der unbekannte Römer. Publius Fabius Crispus. Und schließlich Aulus.

    „Meine Herren“, begann Faustus, „wir haben heute einen wichtigen Erfolg erzielt.“

    Sisenna nickte.

    „Wir haben Aulus zurückgebracht.“

    „Richtig.“

    Faustus betrachtete den jungen Schreiber.

    „Und wir haben festgestellt, dass unsere Gegner Zugang zu Informationen besitzen, die ausschließlich innerhalb unserer militärischen Nachrichtenwege bekannt sein sollten.“

    Marcus verschränkte die Arme.

    „Dann haben wir einen Verräter.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Wir haben Hinweise auf einen Verräter.“

    Er nahm eine Wachstafel.

    „Und wir werden nicht denselben Fehler machen wie unsere Gegner.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Welchen Fehler?“

    Faustus lächelte.

    „Wir werden niemanden für schuldig erklären, bevor wir seine Schuld beweisen können.“

    Er legte die Tafel auf den Tisch.

    „Morgen beginnen wir mit einer vollständigen Überprüfung unserer Nachrichtenwege. Gleichzeitig werden wir Hadubrands Transporte weiter beobachten.“

    Laelius trat vor.

    „Und der alte Germane?“

    „Den verlieren wir ebenfalls nicht aus den Augen.“

    „Was ist mit dem Mann im römischen Militärmantel?“

    Faustus blickte auf die Karte.

    „Der ist unterwegs nach Mogontiacum.“

    Sisenna wurde aufmerksam.

    „Woher weißt du das?“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Weil dort vermutlich die Antworten auf unsere Fragen liegen.“

    Er wandte sich an seine Männer.

    „VIDERE – SCIRE – NUNTIARE.“

    Die Speculatores erwiderten den Gruß.

    „SEHEN – WISSEN – MELDEN!“

    Draußen senkte sich die Nacht über den germanischen Wald.

    Und irgendwo zwischen den Bäumen bewegte sich ein Reiter in Richtung Rhein.

    ENDE DIES XIX – UMBRAE SILVARUM

  • IX. Vorposten der Exploratio Imperii

    Die Spuren zum Rhein

    Germania Magna, 123 n. Chr. Exploratio Imperii – Operatio UMBRA SILVARUM XX. Tag der Ermittlungen

    Der zwanzigste Tag der Ermittlungen begann mit einer Erkenntnis, die Faustus Iunius Rupa zunehmend beunruhigte: Seine Gegner verfügten nicht nur über Geld, bewaffnete Männer und ausgezeichnete Nachrichtenverbindungen. Sie schienen auch die Fähigkeit zu besitzen, Waren und militärische Ausrüstung unbemerkt über die Grenze des Imperiums zu transportieren.

    Hadubrands Geschäftsbücher enthielten Zahlungen, die sich nicht durch gewöhnliche Handelsgeschäfte erklären ließen. Der unbekannte Römer war nach der Befreiung des Aulus verschwunden. Und irgendwo am Rhein musste sich jener Übergang befinden, über den ein Teil der geheimnisvollen Transporte abgewickelt wurde.

    Faustus hatte deshalb beschlossen, seine Ermittlungen auf drei Ziele zu konzentrieren: den unbekannten Rheinübergang, die tatsächlichen Empfänger der Waren und die Identität jener Männer, die auf beiden Seiten der römischen Grenze miteinander zusammenarbeiteten.

    Doch der Rhein war nicht nur die Grenze zwischen dem Imperium und Germania Magna.

    Er war auch ein Ort, an dem sich mit ausreichend Geld beinahe alles beschaffen ließ.

    Und manche Männer verkauften dort mehr als nur Waren.

    I. PRIMA LUX – DER KRIEGSRAT DES FAUSTUS

    Handlungsstrang I – Faustus Iunius Rupa

    Die ersten Sonnenstrahlen erreichten kaum den Boden des germanischen Waldes, als Faustus seine engsten Mitarbeiter im Officium versammelte.

    Sisenna Digitius Plautianus stand neben der großen Geländekarte. Marcus Vibius überprüfte die Wachlisten, während Laelius seine Beobachtungsberichte ordnete.

    Aulus saß an einem kleinen Tisch und fertigte Abschriften der sichergestellten Unterlagen an.

    Faustus betrachtete seine Männer.

    „Meine Herren, unser gestriger Ausflug hat uns drei Dinge beschert.“

    Sisenna grinste.

    „Einen lebenden Schreiber, zwei Gefangene und ausgesprochen schlechte Laune bei unseren Gegnern.“

    „Vier Dinge“, erwiderte Faustus. „Du hast meine ausgezeichnete Laune vergessen.“

    Marcus lachte.

    „Die hat allerdings niemand bemerkt.“

    Faustus deutete auf die Karte.

    „Wir wissen inzwischen, dass Hadubrands Handelsverbindungen eine wesentliche Rolle spielen. Wir wissen außerdem, dass der unbekannte Römer mit diesen Verbindungen in Kontakt steht.“

    Er setzte einen kleinen Holzmarker auf die Karte.

    „Was wir nicht wissen, ist, wohin die Waren tatsächlich gelangen.“

    Laelius trat näher.

    „Die Wagenspuren am verlassenen Gehöft führten nach Westen.“

    „Zum Rhein“, ergänzte Sisenna.

    „Vermutlich“, antwortete Faustus. „Aber wir werden uns nicht allein auf Vermutungen verlassen.“

    Er deutete auf drei mögliche Übergänge.

    „Der erste liegt an einer bekannten Handelsstraße. Dort verkehren regelmäßig Händler, Fischer und kleinere militärische Transporte.“

    Marcus nickte. „Ein ungeeigneter Ort für geheime Waffenlieferungen.“

    „Nicht unbedingt. Manchmal lässt sich etwas am besten verstecken, indem man es mitten unter gewöhnliche Waren mischt.“

    Faustus zeigte auf den zweiten Übergang.

    „Hier befindet sich eine alte Furt. Allerdings ist sie für schwere Wagen bei diesem Wasserstand kaum geeignet.“

    Schließlich legte er den Finger auf einen dritten Punkt.

    „Und hier liegt eine bewaldete Flussbiegung. Laelius hat in der Nähe frische Wagenspuren entdeckt.“

    Sisenna betrachtete die Karte.

    „Ein geeigneter Ort, um Waren auf Boote umzuladen.“

    „Genau.“

    Faustus richtete sich auf.

    „Laelius übernimmt mit sechs Männern die Beobachtung des nördlichen Ufers. Marcus untersucht mit weiteren sechs Männern die Zufahrtswege. Sisenna begleitet mich mit acht Speculatores zum vermuteten Übergang.“

    „Und die übrigen Männer?“, fragte Marcus.

    „Sie sichern unseren Vorposten, unsere Nachrichtenverbindungen und die Rückzugswege. Ich werde nicht unsere gesamte Einheit wegen einiger verdächtiger Wagen an den Rhein führen.“

    Aulus hob die Hand. Faustus betrachtete ihn.

    „Ja, Aulus?“

    „Darf ich eine Frage stellen?“

    „Du darfst sogar zwei stellen, sofern sie vernünftig sind.“

    „Weshalb untersuchen wir nicht zunächst die Unterlagen des unbekannten Römers? Vielleicht finden wir darin einen Hinweis auf den tatsächlichen Übergang.“

    Faustus lächelte.

    „Eine ausgezeichnete Frage. Deshalb wirst du genau das tun.“

    „Allein?“

    „Crispus wird dich unterstützen.“

    Aulus nickte.

    „Dann beginnen wir sofort.“

    Faustus nahm seinen Militärmantel.

    „Meine Herren, wir suchen heute keine Schlacht. Wir suchen eine Handelsverbindung.“

    Sisenna griff nach seinem Schwert.

    „Und wenn die Handelsverbindung beschließt, uns anzugreifen?“

    „Dann werden wir ihr erklären, dass römische Geschäftsverhandlungen gewöhnlich ohne Schwerter stattfinden.“

    II. HORA SECUNDA – HADUBRANDS GESCHÄFTE

    Handlungsstrang II – Hadubrand

    Etwa eine halbe Tagesreise entfernt herrschte auf Hadubrands Handelshof ungewöhnliche Betriebsamkeit. Vier schwere Wagen standen vor einem lang gestreckten Wirtschaftsgebäude. Männer verluden Getreidesäcke, Salz und verschiedene eiserne Werkzeuge. Zumindest sah es so aus. Hadubrand stand neben dem ersten Wagen und betrachtete die Ladung.

    „Nehmt die oberen Säcke noch einmal herunter.“

    Sein Verwalter blickte überrascht auf.

    „Weshalb?“

    „Weil ich es befohlen habe.“

    Die Männer gehorchten.

    Unter den Getreidesäcken kamen mehrere längliche Holzkisten zum Vorschein.

    Hadubrand öffnete eine davon.

    Im Inneren lagen sorgfältig in Tücher eingeschlagene eiserne Lanzenspitzen.

    Der Verwalter betrachtete die Waffen.

    „Wir sollten diese Lieferung verschieben.“

    „Weshalb?“

    „Die Römer stellen Fragen.“

    Hadubrand schloss die Kiste.

    „Die Römer stellen immer Fragen.“

    „Diesmal ist es anders.“

    Hadubrand sah ihn an.

    „Erkläre dich.“

    „Einer ihrer Offiziere untersucht unsere Transporte. Er hat bereits mehrere Händler befragen lassen.“

    „Faustus Iunius Rupa.“

    „Ja.“

    Hadubrand fluchte.

    „Dieser Mann besitzt offenbar zu viel Zeit.“

    Der Verwalter trat näher.

    „Vielleicht sollten wir den Transport vollständig einstellen.“

    Hadubrand schüttelte den Kopf.

    „Dann verlieren wir unsere Auftraggeber.“

    „Und wenn wir weitermachen, verlieren wir möglicherweise unseren Kopf.“

    Der Händler betrachtete ihn lange.

    „Du verstehst unsere Situation nicht.“

    „Dann erkläre sie mir.“

    Hadubrand deutete auf die Wagen.

    „Diese Waren gehören nicht alle mir. Ein Teil wurde bereits bezahlt. Andere Lieferungen müssen noch abgerechnet werden.“

    „Von wem?“

    „Von Männern, deren Namen du besser nicht kennen solltest.“

    Der Verwalter schwieg.

    Hadubrand ging zum letzten Wagen.

    Dort öffnete er eine kleinere Truhe.

    Sie enthielt mehrere versiegelte Lederbeutel.

    Er nahm einen davon heraus und wog ihn in der Hand.

    „Geld.“

    „Für Markwart?“

    Hadubrand schüttelte den Kopf.

    „Nicht ausschließlich.“

    „Für wen sonst?“

    Der Händler verschloss die Truhe.

    „Für Männer, die dafür sorgen, dass bestimmte Wege offen bleiben.“

    Der Verwalter blickte erschrocken auf.

    „Römische Soldaten?“

    Hadubrand antwortete nicht.

    Stattdessen gab er einen neuen Befehl.

    „Die Waffen bleiben heute hier. Zwei Wagen fahren mit gewöhnlichen Handelswaren zum nördlichen Übergang. Die anderen werden erst nach Sonnenuntergang beladen.“

    „Und wenn die Römer uns beobachten?“

    Hadubrand lächelte bitter.

    „Dann sollen sie zunächst sehen, was sie ohnehin erwarten.“

    III. HORA TERTIA – DER GEHEIME RHEINÜBERGANG

    Handlungsstrang III – Laelius und Marcus Vibius

    Der Rhein lag unter einer dünnen Nebeldecke. Zwischen den Schilfgürteln und den niedrigen Weiden verlief ein schmaler, kaum erkennbarer Weg zum Wasser.

    Laelius beobachtete die Umgebung von einer bewaldeten Anhöhe aus. Neben ihm lag einer seiner Speculatores.

    „Siehst du die Stelle dort unten?“

    „Den kleinen Anleger?“

    „Ja.“

    Mehrere Baumstämme waren so miteinander verbunden worden, dass eine einfache Anlegestelle entstanden war.

    Ein flaches Lastboot lag halb verborgen zwischen den Weiden.

    Laelius betrachtete es aufmerksam.

    „Das ist kein gewöhnlicher Fischerplatz.“

    „Weshalb nicht?“

    „Sieh dir die Spuren an.“

    Mehrere tiefe Wagenspuren führten unmittelbar zum Anleger.

    „Hier werden schwere Lasten umgeschlagen.“

    Sein Kamerad nickte.

    „Vielleicht Holz.“

    „Vielleicht.“

    Laelius beobachtete weiter.

    Wenig später erschienen zwei Männer.

    Sie trugen germanische Kleidung und führten ein Pferd mit sich.

    Einer der Männer ging zum Anleger und betrachtete den Fluss.

    Der andere blieb am Waldrand stehen.

    „Wachen“, flüsterte Laelius.

    „Oder Händler.“

    „Händler bewachen gewöhnlich ihre Waren. Hier sind allerdings noch gar keine Waren zu sehen.“

    Er nahm eine kleine Wachstafel.

    „Wir warten.“

    Zur gleichen Zeit erreichte Marcus Vibius mit seinen Männern einen schmalen Waldweg südlich des vermuteten Übergangs.

    Dort entdeckten sie frische Spuren.

    Marcus kniete nieder.

    „Mindestens drei Wagen.“

    Einer seiner Männer untersuchte den Boden.

    „Schwere Wagen.“

    „Richtig.“

    „Sollen wir ihnen folgen?“

    Marcus betrachtete den Weg.

    „Nein. Wir werden zunächst feststellen, ob sie tatsächlich zum Fluss führen.“

    Er deutete auf eine kleine Anhöhe.

    „Zwei Mann bleiben hier. Die übrigen begleiten mich.“

    Die Speculatores verschwanden zwischen den Bäumen.

    Wenig später entdeckten sie eine kleine Lichtung.

    Dort standen mehrere leere Transportgestelle und einige große Holzkisten.

    Marcus betrachtete eine der Kisten.

    Auf ihrem Deckel befand sich ein eingebranntes Zeichen.

    Drei senkrechte Striche.

    Darunter ein Kreis.

    „Bei Jupiter.“

    Sein Kamerad trat näher.

    „Was bedeutet das?“

    Marcus berührte das Zeichen.

    „Das werden wir unseren Biarchus fragen.“

    IV. HORA QUARTA – DIE AUFZEICHNUNGEN DES UNBEKANNTEN

    Handlungsstrang IV – Aulus und Crispus

    Im Officium des Vorpostens hatte Aulus inzwischen sämtliche verfügbaren Aufzeichnungen des unbekannten Römers nebeneinandergelegt.

    Einige waren beim nächtlichen Einsatz in der Nähe des verlassenen Gehöfts gefunden worden. Andere stammten aus früheren Ermittlungen.

    Crispus betrachtete die Wachstafeln.

    „Das wird Stunden dauern.“

    Aulus nickte.

    „Vermutlich.“

    „Dann sollten wir uns etwas zu essen bringen lassen.“

    „Eine ausgezeichnete Idee.“

    Crispus stand auf.

    Doch Aulus hielt ihn zurück.

    „Warte.“

    „Was ist?“

    Der junge Schreiber betrachtete eine der Tafeln.

    „Sieh dir das an.“

    Crispus beugte sich vor.

    Zwischen gewöhnlichen Handelsaufzeichnungen befanden sich mehrere Einträge, die offenbar keinem bekannten Geschäft zugeordnet werden konnten.

    Neben einigen Warenmengen standen kurze Kennzeichnungen.

    Drei senkrechte Striche.

    Ein Kreis.

    Und gelegentlich ein kleiner Adler.

    Crispus runzelte die Stirn.

    „Ein Händlerzeichen?“

    „Vielleicht.“

    Aulus nahm eine zweite Tafel.

    „Aber weshalb erscheint dasselbe Zeichen auf mehreren unterschiedlichen Aufzeichnungen?“

    „Vielleicht gehören die Waren demselben Händler.“

    Aulus schüttelte den Kopf.

    „Dann müsste sein Name ebenfalls auftauchen.“

    Er verglich die Einträge.

    „Hier steht Getreide. Dort Eisen. Und auf dieser Tafel werden lediglich Geldbeträge genannt.“

    Crispus betrachtete die Zeichen.

    „Vielleicht handelt es sich um verschiedene Teile einer Lieferung.“

    „Oder um eine Kennzeichnung, die nicht die Waren beschreibt.“

    „Sondern?“

    Aulus hielt die Tafeln nebeneinander.

    „Den Auftraggeber.“

    Crispus schwieg.

    Aulus nahm eine weitere Aufzeichnung.

    „Hier ist noch etwas.“

    „Was?“

    „Die Lieferungen sind offenbar in mehrere Gruppen unterteilt.“

    Er deutete auf die Zeichen.

    „Bei einigen steht nur der Kreis. Bei anderen die drei Striche. Und bei wenigen erscheint zusätzlich der Adler.“

    Crispus betrachtete die Tafeln.

    „Vielleicht unterschiedliche Empfänger.“

    „Oder unterschiedliche Berechtigungen.“

    „Berechtigungen?“

    Aulus nickte.

    „Vielleicht darf nicht jeder Beteiligte sämtliche Transporte kennen.“

    Er begann, die verschiedenen Kennzeichnungen sorgfältig abzuschreiben.

    Dann entdeckte er einen weiteren Eintrag.

    Sein Gesicht veränderte sich.

    „Crispus.“

    „Ja?“

    „Hier steht ein Name.“

    „Welcher?“

    Aulus las langsam.

    „Publius Fabius Crispus.“

    Sein Kamerad stöhnte.

    „Bei allen Göttern! Nicht schon wieder!“

    Aulus musste lachen.

    „Ich weiß. Du bist nicht mit ihm verwandt.“

    „Ich werde mir eine entsprechende Erklärung auf meinen Schild schreiben.“

    Doch Aulus wurde bereits wieder ernst.

    Neben dem Namen stand die vollständige Kennzeichnung.

    Ein Adler.

    Drei senkrechte Striche.

    Und ein Kreis.

    „Das ist kein gewöhnlicher Handelsvermerk“, murmelte er.

    „Woher weißt du das?“

    „Weil derselbe Mann in Hadubrands Geschäftsbüchern erscheint.“

    Aulus nahm eine leere Wachstafel.

    „Ich werde Faustus unverzüglich einen Bericht schicken.“

    V. HORA QUINTA – DIE WAREN DES IMPERIUMS

    Handlungsstrang V – Faustus und Sisenna am Rhein

    Faustus erreichte mit seinen acht Speculatores eine bewaldete Anhöhe, von der aus er den Fluss überblicken konnte.

    Sisenna legte sich neben ihn.

    „Dort unten befindet sich also unser geheimnisvoller Übergang.“

    „Offenbar.“

    „Ich sehe zwei Boote, einige Männer und einen ausgesprochen hässlichen Schuppen.“

    Faustus betrachtete die Anlegestelle.

    „Mich interessieren die Wagen.“

    „Welche Wagen?“

    „Diejenigen, deren Spuren bis hierher führen, die aber nirgends zu sehen sind.“

    Sisenna richtete sich etwas auf.

    „Du vermutest, dass sie bereits entladen wurden?“

    „Entweder das, oder sie warten irgendwo im Wald.“

    In diesem Augenblick erreichte sie ein Melder des Marcus Vibius.

    Er übergab Faustus eine kleine Wachstafel.

    Der Biarchus las den Bericht.

    Dann reichte er ihn Sisenna.

    „Marcus hat eine interessante Entdeckung gemacht.“

    Sisenna überflog die Aufzeichnungen.

    „Holzkisten mit drei senkrechten Strichen und einem Kreis.“

    „Genau.“

    „Dasselbe Zeichen wie auf der Fibel?“

    „Möglicherweise. Allerdings fehlt der Adler.“

    Faustus nahm seinen Griffel und zeichnete die Kennzeichnung auf eine neue Tafel.

    „Wir haben inzwischen mehrere Gegenstände, die ähnliche Zeichen tragen. Vielleicht sollten wir endlich herausfinden, ob sie tatsächlich zusammengehören.“

    Sisenna blickte zum Fluss.

    „Und wie möchtest du das anstellen?“

    Faustus lächelte.

    „Indem wir uns ansehen, was in diesen Kisten steckt.“

    „Du willst die Kisten öffnen?“

    „Nicht unbedingt.“

    „Sondern?“

    „Ich möchte zunächst wissen, wer sie transportiert und wohin.“

    Sisenna seufzte.

    „Natürlich. Weshalb sollten wir etwas Einfaches tun, wenn wir stattdessen den ganzen Tag im Gebüsch liegen können?“

    „Weil du dich so selten über unsere Ausflüge beschwerst.“

    Wenig später beobachteten die Männer, wie zwei schwere Wagen aus dem Wald auftauchten.

    Die Fuhrleute hielten unmittelbar am Anleger.

    Mehrere bewaffnete Männer begannen mit dem Entladen.

    Faustus zählte die Kisten.

    „Sechs.“

    Sisenna nickte.

    „Alle ungefähr gleich groß.“

    Die erste Kiste wurde auf das größere Lastboot gebracht.

    Bei der zweiten riss ein Tragegurt.

    Das Holz schlug gegen einen Stein. Der Deckel sprang teilweise auf.

    Mehrere eiserne Gegenstände fielen heraus.

    Sisenna richtete sich überrascht auf.

    „Bei Mars!“

    Faustus beobachtete aufmerksam, wie die Männer die Gegenstände hastig einsammelten.

    Es waren Lanzenspitzen.

    Und zwischen ihnen lagen mehrere kurze römische Schwerter.

    „Militärische Ausrüstung“, murmelte Faustus.

    „Römische?“

    „Zumindest ein Teil davon sieht danach aus.“

    Sisenna betrachtete die Männer am Anleger.

    „Dann versorgt jemand unsere germanischen Gegner mit römischen Waffen.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Das wissen wir noch nicht.“

    „Was benötigen wir denn noch? Eine persönliche Einladung des Händlers?“

    „Wir müssen feststellen, wer diese Waffen erhält.“

    Er deutete auf das Boot.

    „Vielleicht werden sie an Markwarts Männer geliefert. Vielleicht an andere germanische Gruppen. Vielleicht sollen sie sogar wieder auf die römische Rheinseite gelangen.“

    Sisenna blickte überrascht auf.

    „Weshalb sollte jemand römische Waffen aus dem Imperium schaffen, nur um sie anschließend zurückzubringen?“

    Faustus betrachtete die Ladung.

    „Weil Waffen nicht die einzigen Gegenstände sind, die man auf diese Weise transportieren kann.“

    VI. HORA SEXTA – DER MANN IN MOGONTIACUM

    Handlungsstrang VI – Publius Fabius Crispus

    Während Faustus den geheimen Rheinübergang beobachtete, betrat in Mogontiacum ein erschöpfter Reiter das Haus des Publius Fabius Crispus.

    Das Gebäude lag in einer wohlhabenden Gegend unweit der militärischen Verwaltungsgebäude.

    Crispus saß in seinem Arbeitszimmer.

    Vor ihm lagen mehrere Schriftrollen und Wachstafeln.

    Als sein Verwalter den Besucher anmeldete, blickte er verärgert auf.

    „Ich habe ausdrücklich angeordnet, dass ich nicht gestört werden möchte.“

    „Der Mann behauptet, eine dringende Nachricht zu überbringen.“

    „Von wem?“

    Der Verwalter zögerte.

    „Er hat mir ein Zeichen gezeigt.“

    Crispus wurde augenblicklich aufmerksam.

    „Lass ihn eintreten.“

    Wenig später stand der Reiter vor ihm.

    „Du kommst spät.“

    „Die Wege werden beobachtet.“

    „Von wem?“

    „Von der Exploratio Imperii.“

    Crispus legte seinen Griffel nieder.

    „Faustus Iunius Rupa?“

    „Ja.“

    „Was hat er herausgefunden?“

    „Er hat den Schreiber zurückgebracht.“

    Crispus erstarrte.

    „Aulus?“

    Der Reiter nickte.

    „Und das Gehöft?“

    „Verbrannt.“

    Crispus erhob sich.

    „Dann hat unser unbekannter Freund versagt.“

    „Er ist auf dem Weg hierher.“

    „Das wird ihm wenig nützen.“

    Der Reiter trat näher.

    „Es gibt noch etwas.“

    „Was?“

    „Hadubrands Geschäftsbücher wurden untersucht.“

    Crispus schwieg.

    „Welche?“

    „Offenbar auch die Aufzeichnungen über die zusätzlichen Zahlungen.“

    Der Römer ging langsam zum Fenster.

    Draußen herrschte das geschäftige Treiben einer römischen Garnisonsstadt.

    Händler, Soldaten, Fuhrleute und Verwaltungsbeamte bewegten sich durch die Straßen.

    Crispus betrachtete sie lange.

    Dann sagte er:

    „Hadubrand wird nervös werden.“

    „Was sollen wir tun?“

    „Zunächst nichts.“

    Der Reiter blickte überrascht auf.

    „Nichts?“

    „Wenn wir jetzt sämtliche Verbindungen abbrechen, bestätigen wir Faustus nur, dass er auf der richtigen Spur ist.“

    Crispus kehrte zu seinem Schreibtisch zurück.

    „Stattdessen werden wir unsere Geschäfte fortsetzen.“

    „Auch die Waffenlieferungen?“

    „Vorläufig nur die gewöhnlichen Waren.“

    Er nahm eine kleine Wachstafel.

    „Und überbringe Hadubrand diese Nachricht.“

    Der Reiter nahm sie entgegen.

    „Was steht darauf?“

    Crispus lächelte kalt.

    „Dass er sich an unsere Vereinbarungen erinnern soll.“

    „Und wenn er sich weigert?“

    Crispus öffnete eine kleine Holzkassette.

    Darin befand sich eine Fibel.

    Auf ihrer Oberfläche war ein Adler eingraviert.

    Darunter drei senkrechte Striche.

    Und ein Kreis.

    „Dann wird er erfahren, dass Handelsverträge manchmal unangenehme Verpflichtungen enthalten.“

    VII. HORA SEPTIMA – DIE LADUNG DES HADUBRAND

    Handlungsstrang VII – Die Beobachtung des Rheinübergangs

    Am geheimen Anleger begannen die Männer inzwischen damit, das zweite Lastboot zu beladen.

    Faustus beobachtete die Arbeiten durch eine schmale Lücke zwischen den Zweigen.

    „Sisenna.“

    „Ja?“

    „Sieh dir die Männer auf dem zweiten Boot an.“

    Sisenna betrachtete sie.

    „Drei Germanen.“

    „Und der vierte?“

    Ein Mann in einem dunklen Mantel stand am Heck.

    Er trug keine sichtbaren Waffen.

    Seine Bewegungen unterschieden sich deutlich von denen der übrigen Männer.

    „Ein Römer?“, fragte Sisenna.

    „Möglich.“

    Plötzlich nahm der Unbekannte eine kleine Wachstafel entgegen.

    Er las sie, nickte und übergab sie anschließend einem der Fuhrleute.

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Diesen Mann möchte ich genauer beobachten.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Du möchtest heute offenbar sehr viele Menschen kennenlernen.“

    „Ich bin ausgesprochen gesellig.“

    In diesem Augenblick erschien Laelius.

    Er hatte sich von seiner Beobachtungsstellung gelöst und näherte sich vorsichtig.

    „Biarchus.“

    Faustus blickte auf.

    „Berichte.“

    „Das größere Boot wird offenbar für die Fahrt zum gegenüberliegenden Ufer vorbereitet. Das kleinere bleibt zunächst hier.“

    „Wie viele Männer befinden sich am anderen Ufer?“

    „Mindestens acht. Weitere könnten sich im Wald aufhalten.“

    „Bewaffnung?“

    „Speere, Schilde und einige Schwerter.“

    Faustus nickte.

    „Hast du ihre Kleidung erkannt?“

    „Unterschiedlich. Sie scheinen nicht alle derselben Gruppe anzugehören.“

    Sisenna blickte zum Fluss.

    „Dann könnte Hadubrand tatsächlich mehrere germanische Gruppen beliefern.“

    Faustus betrachtete die gegenüberliegende Uferseite.

    „Oder jemand benutzt diesen Übergang als Sammelstelle für Waren, die anschließend weiterverteilt werden.“

    Laelius trat näher.

    „Sollen wir das Boot abfangen?“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Aber wir könnten die Waffen sicherstellen.“

    „Und anschließend?“

    Laelius schwieg.

    Faustus deutete auf das gegenüberliegende Ufer.

    „Wir wissen weder, wie viele Männer dort warten, noch wohin die Ladung anschließend gebracht wird. Wenn wir jetzt eingreifen, erfahren wir möglicherweise niemals, wer hinter diesen Transporten steht.“

    Sisenna grinste.

    „Also beobachten wir weiter.“

    „Richtig.“

    „Ich hätte es wissen müssen.“

    VIII. HORA OCTAVA – DIE NACHRICHT DES AULUS

    Handlungsstrang VIII – Die ungewöhnliche Kennzeichnung

    Am frühen Nachmittag erreichte ein Meldereiter des Vorpostens die Beobachtungsstellung des Faustus.

    Er überbrachte die Aufzeichnungen des Aulus.

    Faustus nahm die Wachstafel entgegen.

    „Von unserem Schreiber?“

    „Jawohl, Biarchus.“

    „Ausgezeichnet.“

    Er begann zu lesen.

    Sisenna trat näher.

    „Was hat er gefunden?“

    Faustus betrachtete die sorgfältig angefertigten Abschriften.

    „Unser Aulus hat offenbar beschlossen, seine Zeit sinnvoll zu verbringen.“

    „Was steht darin?“

    „Mehrere unterschiedliche Kennzeichnungen, die in den Aufzeichnungen unserer Gegner erscheinen.“

    Er zeichnete die Zeichen nebeneinander in den feuchten Boden.

    Einen Kreis.

    Drei senkrechte Striche.

    Schließlich einen Adler über den drei Strichen und dem Kreis.

    Sisenna betrachtete die Zeichnungen.

    „Eine Rangfolge?“

    „Möglicherweise.“

    „Oder verschiedene Auftraggeber?“

    „Auch das wäre denkbar.“

    Faustus nahm die Wachstafel erneut zur Hand.

    „Aber Aulus hat noch etwas entdeckt.“

    „Was?“

    „Die vollständige Kennzeichnung erscheint neben dem Namen Publius Fabius Crispus.“

    Sisenna wurde ernst.

    „Dann ist Crispus möglicherweise einer der Auftraggeber.“

    Faustus nickte langsam.

    „Oder ein Mann, der berechtigt ist, bestimmte Lieferungen zu bestätigen.“

    Er blickte zum Rhein.

    „Und jetzt möchte ich wissen, weshalb unsere Gegner diese Kennzeichnung auch auf ihren Transportkisten verwenden.“

    Laelius trat näher.

    „Biarchus, das größere Boot legt ab.“

    Faustus verstaute die Wachstafel.

    „Dann wollen wir sehen, wohin unsere Freunde ihre Waren bringen.“

    IX. HORA NONA – DIE VERTEILUNG DER WAFFEN

    Handlungsstrang IX – Das gegenüberliegende Rheinufer

    Das größere Lastboot erreichte nach einiger Zeit das gegenüberliegende Ufer.

    Dort warteten mehrere Männer.

    Einige trugen germanische Kleidung. Andere waren mit römischen Ausrüstungsgegenständen versehen.

    Laelius beobachtete die Vorgänge von seiner Stellung aus.

    „Sie entladen die Kisten.“

    Faustus nickte.

    „Zähle sie.“

    „Sechs.“

    Die Männer trugen vier Kisten zu einem bereitstehenden Wagen.

    Die beiden übrigen wurden auf kleinere Lasttiere verteilt.

    Sisenna wurde aufmerksam.

    „Sie teilen die Ladung auf.“

    „Richtig.“

    „Dann gibt es mindestens zwei Bestimmungsorte.“

    Faustus betrachtete die Bewegungen.

    Die vier Kisten auf dem Wagen verschwanden auf einem Waldweg nach Norden.

    Die beiden übrigen wurden von einer kleineren Gruppe nach Osten gebracht.

    Laelius zeigte auf den nördlichen Weg.

    „Diese Richtung führt in das Gebiet, in dem wir zuletzt Markwarts Boten beobachtet haben.“

    Sisenna nickte.

    „Dann könnten die Waffen tatsächlich für ihn bestimmt sein.“

    Faustus antwortete nicht sofort.

    Er betrachtete die zweite Gruppe.

    „Und wohin führt der östliche Weg?“

    Laelius überlegte.

    „Zu mehreren kleineren Siedlungen. Außerdem gibt es dort einen alten Handelsweg.“

    Faustus nickte.

    „Dann haben wir möglicherweise zwei unterschiedliche Empfänger.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Und welchen verfolgen wir?“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Beide.“

    Laelius blickte überrascht auf.

    „Mit unseren wenigen Männern?“

    „Nein. Wir werden zunächst ihre Abmarschrichtungen festhalten und die Informationen an unseren Vorposten übermitteln.“

    Er nahm eine Wachstafel.

    „Anschließend werden wir entscheiden, welche Verbindung wir weiter untersuchen.“

    Sisenna grinste.

    „Du möchtest also wieder einmal verhindern, dass wir uns unnötig in Schwierigkeiten bringen.“

    Faustus lächelte.

    „Eine meiner zahlreichen unangenehmen Eigenschaften.“

    X. VESPERA – DER ALTE GERMANE

    Handlungsstrang X – Das Treffen im Wald

    Während Faustus seine Beobachtungen auswertete, erreichte der alte Germane, den Laelius bereits mehrfach beobachtet hatte, eine kleine Lichtung unweit eines verlassenen Handelsweges.

    Zwei bewaffnete Männer begleiteten ihn.

    Auf der Lichtung wartete Hadubrand.

    Der Händler wirkte nervös.

    „Du kommst spät.“

    Der Alte betrachtete ihn.

    „Ich komme, wenn es notwendig ist.“

    Hadubrand verschränkte die Arme.

    „Unsere Geschäfte werden gefährlich.“

    „Geschäfte sind immer gefährlich, wenn man mit Männern verhandelt, denen man nicht vertrauen kann.“

    „Die Römer beobachten meine Transporte.“

    „Dann solltest du vorsichtiger sein.“

    Hadubrand schnaubte.

    „Du hast leicht reden. Du musst nicht erklären, weshalb deine Geschäftsbücher plötzlich römische Offiziere interessieren.“

    Der Alte trat näher.

    „Was willst du?“

    „Eine neue Vereinbarung.“

    „Mit wem?“

    Hadubrand blickte sich um.

    „Mit den Männern, die hinter unseren Auftraggebern stehen.“

    Der Alte schwieg.

    „Ich möchte wissen, weshalb wir inzwischen nicht nur Waren und Waffen transportieren, sondern auch Nachrichten, Geld und römische Militärunterlagen.“

    Der Alte betrachtete ihn lange.

    Dann sagte er:

    „Du stellst Fragen, die du besser nicht stellen solltest.“

    Hadubrand wurde wütend.

    „Ich riskiere meinen gesamten Handel!“

    „Und ich riskiere meinen Kopf.“

    Der Händler schwieg.

    Schließlich fragte er:

    „Was bedeutet eigentlich dieses Zeichen?“

    Er deutete auf die Fibel, die der Alte an seinem Mantel trug.

    Ein Adler.

    Drei senkrechte Striche.

    Ein Kreis.

    Der Alte bedeckte die Fibel mit seiner Hand.

    „Das geht dich nichts an.“

    Hadubrand trat einen Schritt zurück.

    „Dann werde ich keine weiteren Lieferungen übernehmen.“

    Der Alte betrachtete ihn.

    „Das kannst du versuchen.“

    „Ist das eine Drohung?“

    „Nein.“

    Der Alte wandte sich zum Gehen.

    „Eine Warnung.“

    XI. PRIMA VIGILIA – DIE AUSWERTUNG

    Handlungsstrang XI – Faustus und seine Männer

    Als Faustus am Abend zum Vorposten zurückkehrte, erwartete ihn Aulus bereits im Officium.

    Der junge Schreiber hatte weitere Unterlagen vorbereitet.

    „Biarchus, ich glaube, ich habe etwas Wichtiges entdeckt.“

    Faustus legte seinen Mantel ab.

    „Das hoffe ich. Andernfalls hast du mir einen ausgezeichneten Abend verdorben.“

    Aulus lächelte.

    „Dann solltest du dir das ansehen.“

    Er legte mehrere Wachstafeln nebeneinander.

    Faustus betrachtete die Aufzeichnungen.

    „Was genau?“

    „Die Datumsangaben.“

    Sisenna trat näher.

    „Was ist damit?“

    Aulus zeigte auf die erste Tafel.

    „Diese Lieferung wurde angeblich vor zwölf Tagen durchgeführt.“

    Er nahm die zweite.

    „Hier steht dieselbe Warenmenge, allerdings mit einem anderen Bestimmungsort.“

    Schließlich legte er die dritte daneben.

    „Und hier wird derselbe Betrag als Zahlung an einen unbekannten Empfänger verzeichnet.“

    Faustus betrachtete die Einträge.

    „Du vermutest, dass dieselbe Lieferung mehrfach verbucht wurde?“

    „Ja.“

    „Warum?“

    „Vielleicht, um die tatsächlichen Empfänger zu verschleiern.“

    Faustus nickte.

    „Das wäre eine Möglichkeit.“

    Aulus zeigte auf die vollständige Kennzeichnung.

    „Aber es gibt noch etwas.“

    „Was?“

    „Diese Einträge tragen alle dasselbe Zeichen.“

    Sisenna betrachtete die Tafeln.

    „Den Adler.“

    „Richtig.“

    Faustus setzte sich.

    „Dann könnte dieses Zeichen tatsächlich eine übergeordnete Bedeutung besitzen.“

    Aulus nickte.

    „Vielleicht kennzeichnet es jene Transporte, die nicht in den gewöhnlichen Geschäftsbüchern erscheinen dürfen.“

    Faustus überlegte.

    „Oder jene Personen, die über diese Transporte verfügen können.“

    Marcus Vibius trat hinzu.

    „Dann handelt es sich möglicherweise um eine Organisation.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Möglicherweise.“

    „Eine Organisation, die auf beiden Seiten des Rheins tätig ist.“

    Faustus nickte langsam.

    „Und deren Mitglieder offenbar Zugang zu römischen Militärinformationen besitzen.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Dann haben wir es nicht mehr mit gewöhnlichen Schmugglern zu tun.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Nein.“

    Er nahm eine neue Wachstafel.

    „Wir haben es möglicherweise mit einem Netzwerk zu tun, das Handel, militärische Informationen und politische Interessen miteinander verbindet.“

    Im Raum wurde es still.

    Schließlich fragte Aulus:

    „Und was machen wir jetzt?“

    Faustus blickte auf.

    „Wir finden heraus, wer dieses Netzwerk führt.“

    XII. SECUNDA VIGILIA – DIE ENTSCHEIDUNG DES FAUSTUS

    Handlungsstrang XII – Der nächste Schritt

    Spät in der Nacht saßen Faustus und Sisenna allein im Officium.

    Vor ihnen lagen die Berichte des Tages.

    Der geheime Rheinübergang.

    Die Waffenlieferungen.

    Hadubrands Zahlungen.

    Publius Fabius Crispus.

    Der unbekannte Römer.

    Der alte Germane.

    Und die geheimnisvolle Kennzeichnung.

    Sisenna betrachtete die Karte.

    „Wir könnten morgen den Rheinübergang besetzen.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Dann erfahren unsere Gegner sofort, dass wir ihre Verbindung entdeckt haben.“

    „Wir könnten Hadubrand festnehmen.“

    „Mit welcher Begründung?“

    „Er transportiert Waffen.“

    „Das allein beweist noch nicht, dass er an einer Verschwörung beteiligt ist.“

    Sisenna seufzte.

    „Du machst es einem wirklich nicht leicht.“

    Faustus lächelte.

    „Das behauptest du erstaunlich häufig.“

    Dann wurde er ernst.

    „Wir werden morgen drei Dinge tun.“

    Er legte den Finger auf den Rheinübergang.

    „Erstens beobachten wir sämtliche weiteren Transporte.“

    Dann zeigte er auf Hadubrands Handelshof.

    „Zweitens lassen wir seine bekannten Geschäftsverbindungen überprüfen.“

    Schließlich nahm er die Wachstafel des Aulus.

    „Und drittens untersuchen wir sämtliche Dokumente, auf denen dieses Zeichen erscheint.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Was erwartest du zu finden?“

    Faustus antwortete nicht sofort.

    Dann sagte er:

    „Eine Verbindung zwischen Männern, die einander offiziell überhaupt nicht kennen dürften.“

    „Und wenn wir sie finden?“

    Faustus betrachtete die kleine Zeichnung.

    Den Adler.

    Die drei senkrechten Striche.

    Den Kreis.

    „Dann werden wir möglicherweise verstehen, weshalb jemand bereit war, Aulus zu entführen und unsere Männer in eine Falle zu locken.“

    Sisenna erhob sich.

    „Dann sollten wir schlafen.“

    Faustus lächelte.

    „Eine ausgezeichnete Idee.“

    Er nahm jedoch erneut eine Wachstafel zur Hand.

    Sisenna blieb an der Tür stehen.

    „Du kommst nicht mit, oder?“

    „Gleich.“

    „Das hast du gestern ebenfalls gesagt.“

    „Und vorgestern.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Bei allen Göttern! Eines Tages werde ich dir das Schreiben verbieten.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Dann werde ich dich zum Schreiber ernennen.“

    Sisenna verließ fluchend das Officium.

    Faustus blieb allein zurück.

    Er betrachtete die Karte.

    Irgendwo zwischen Mogontiacum und den germanischen Wäldern existierte ein Nachrichten- und Handelsnetz, dessen tatsächliche Ausdehnung er noch nicht kannte.

    Doch eines stand inzwischen fest.

    Die Männer, gegen die er ermittelte, arbeiteten nicht zufällig zusammen.

    Jemand koordinierte ihre Handlungen.

    Und dieser Jemand verfügte offenbar über beträchtliche Mittel.

    Faustus löschte die Öllampe.

    „VIDERE – SCIRE – NUNTIARE.“

    Sehen.

    Wissen.

    Melden.

    Doch bevor er etwas melden konnte, musste er zunächst verstehen, was er tatsächlich gesehen hatte.

    XIII. MEDIA NOX – DIE GEHEIME ANWEISUNG

    Handlungsstrang XIII – Publius Fabius Crispus

    In Mogontiacum saß Publius Fabius Crispus noch immer in seinem Arbeitszimmer.

    Vor ihm lag eine Nachricht des unbekannten Römers.

    Er hatte sie inzwischen mehrfach gelesen.

    Schließlich nahm er eine neue Wachstafel.

    Sein Verwalter trat ein.

    „Herr, der Meldereiter wartet.“

    Crispus nickte.

    „Gut.“

    Er schrieb einige kurze Zeilen.

    Dann versiegelte er die Tafel.

    Der Verwalter betrachtete das Zeichen.

    Ein Adler.

    Drei senkrechte Striche.

    Ein Kreis.

    „Soll die Nachricht noch heute übermittelt werden?“

    „Unverzüglich.“

    „An wen?“

    Crispus betrachtete ihn.

    „An unseren Verbindungsmann.“

    „Welchen?“

    Der Römer lächelte.

    „Denjenigen, der Zugang zu den militärischen Transportlisten besitzt.“

    Der Verwalter verneigte sich.

    „Und was soll er tun?“

    Crispus antwortete:

    „Er soll dafür sorgen, dass Faustus Iunius Rupa eine bestimmte Information erhält.“

    „Welche?“

    Der Römer blickte auf die Karte.

    „Dass sich am nördlichen Rheinübergang eine bedeutende Waffenlieferung befindet.“

    Der Verwalter wurde aufmerksam.

    „Aber dort befindet sich doch tatsächlich eine Lieferung.“

    Crispus nickte.

    „Richtig.“

    „Dann liefern wir ihm eine wahre Information?“

    Der Römer lächelte.

    „Selbstverständlich.“

    Er verschloss die Kassette mit seinem Siegelring.

    „Die beste Täuschung beginnt mit einer Wahrheit.“

    ENDE DIES XX – VESTIGIA AD RHENUM


  • X. Vorposten der Exploratio Imperii

    Wahrheit und Täuschung

    Germania Magna, 123 n. Chr. Exploratio Imperii – Operatio UMBRA SILVARUM XXI. Tag der Ermittlungen

    Der einundzwanzigste Tag begann mit einer Nachricht, auf die Faustus Iunius Rupa seit Tagen gewartet hatte.

    Eine bedeutende Waffenlieferung sollte den Rhein überqueren. Ihr Bestimmungsort lag möglicherweise im Einflussgebiet Markwarts. Der Absender war unbekannt, doch sämtliche bisherigen Ermittlungen deuteten darauf hin, dass Hadubrand den Transport organisierte.

    Was Faustus nicht wusste: Die Nachricht war absichtlich für ihn bestimmt.

    Publius Fabius Crispus hatte beschlossen, den Biarchus nicht länger von der Wahrheit fernzuhalten. Stattdessen wollte er ihm genau jene Informationen zukommen lassen, die ihn zu einer militärischen Reaktion zwingen sollten.

    Während Faustus eine Waffenlieferung verhindern würde, sollte andernorts etwas wesentlich Bedeutenderes geschehen.

    Und dieses Mal war nicht seine Neugier das Ziel der Verschwörer.

    Es war sein Pflichtbewusstsein.

    I. PRIMA LUX – DIE NACHRICHT AUS MOGONTIACUM

    Handlungsstrang I – Faustus Iunius Rupa

    Der Morgennebel lag noch über dem Vorposten, als Marcus Vibius das Officium betrat.

    „Biarchus! Eine dringende Nachricht.“

    Faustus blickte von seiner Karte auf.

    „Von wem?“

    „Unserem Verbindungsmann in Mogontiacum.“

    „Dann wollen wir hoffen, dass er uns zur Abwechslung etwas Erfreuliches mitteilt.“

    Marcus überreichte ihm einen versiegelten Schriftrollenbehälter.

    Faustus untersuchte das Siegel, öffnete den Behälter und begann zu lesen.

    Sisenna Digitius Plautianus trat näher.

    „Was gibt es?“

    Faustus antwortete zunächst nicht.

    Dann legte er die Nachricht auf den Tisch.

    „Eine größere Waffenlieferung soll heute den nördlichen Rheinübergang erreichen.“

    Sisenna wurde aufmerksam.

    „Wie viele Wagen?“

    „Sechs.“

    „Bewachung?“

    „Ungefähr zwanzig bewaffnete Männer.“

    „Bestimmungsort?“

    Faustus betrachtete die Nachricht erneut.

    „Unbekannt. Allerdings soll die Lieferung nach dem Übersetzen auf zwei Gruppen verteilt werden.“

    Marcus verschränkte die Arme.

    „Dann könnte es sich um dieselben Männer handeln, die wir gestern beobachtet haben.“

    „Möglich.“

    Sisenna deutete auf die Karte.

    „Wenn diese Waffen Markwart erreichen, könnten sie seine Krieger erheblich verstärken.“

    Faustus nickte.

    „Deshalb müssen wir handeln.“

    „Dann fangen wir den Transport ab.“

    „Vielleicht.“

    Sisenna starrte ihn an.

    „Vielleicht?“

    „Wir wissen nicht, wer diese Nachricht verfasst hat.“

    „Unser Verbindungsmann.“

    „Er hat sie übermittelt. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Informationen ursprünglich von ihm stammen.“

    Marcus blickte auf.

    „Du vermutest eine Täuschung?“

    Faustus legte die Nachricht beiseite.

    „Ich vermute, dass wir zunächst feststellen sollten, weshalb uns plötzlich jemand sämtliche Einzelheiten eines geheimen Waffentransports mitteilt.“

    Er wandte sich an Marcus.

    „Hole Aulus. Und bring sämtliche Transportaufzeichnungen mit.“

    II. HORA SECUNDA – DER FEHLER IN DEN ZAHLEN

    Handlungsstrang II – Aulus und Crispus

    Aulus erschien wenig später mit mehreren Wachstafeln.

    Hinter ihm folgte Crispus, der bereits seit dem frühen Morgen an der Auswertung von Hadubrands Geschäftsbüchern arbeitete.

    Faustus zeigte auf die Nachricht.

    „Sechs Wagen. Ungefähr zwanzig bewaffnete Männer. Transport über den nördlichen Rheinübergang.“

    Aulus las aufmerksam.

    „Wann?“

    „Heute, zwischen der sechsten und achten Stunde.“

    Der junge Schreiber begann sofort, seine Aufzeichnungen zu durchsuchen.

    Crispus beobachtete ihn.

    „Was suchst du?“

    „Die gestrigen Warenmengen.“

    „Weshalb?“

    „Weil mir etwas nicht gefällt.“

    Faustus lächelte.

    „Eine ausgezeichnete Voraussetzung für einen erfolgreichen Arbeitstag.“

    Aulus legte drei Tafeln nebeneinander.

    „Gestern haben wir sechs Kisten auf dem größeren Lastboot beobachtet. Vier wurden anschließend auf einen Wagen geladen. Zwei wurden mit Lasttieren weitertransportiert.“

    Sisenna nickte.

    „Das wissen wir.“

    „Aber diese Aufzeichnung enthält zwölf Kisten.“

    Er deutete auf eine Warenliste.

    „Und zwar mit denselben Gewichtsangaben.“

    Marcus beugte sich vor.

    „Vielleicht wurden weitere Kisten geliefert.“

    „Dann müsste eine zusätzliche Lieferung verzeichnet sein.“

    Aulus nahm eine weitere Tafel.

    „Außerdem stimmt die Zahl der Wagen nicht.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Erkläre dich.“

    „Laut dieser Nachricht sollen sechs Wagen zum Rheinübergang kommen. Unsere Beobachter haben gestern jedoch festgestellt, dass der Anleger bei diesem Wasserstand nur von einem schmalen Zufahrtsweg erreicht werden kann.“

    „Und?“

    „Sechs schwere Wagen könnten dort nicht gleichzeitig entladen werden. Die Anlegestelle bietet dafür nicht genügend Platz.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Dann kommen sie nacheinander.“

    „Möglicherweise. Aber die Nachricht behauptet ausdrücklich, dass alle sechs Wagen gemeinsam eintreffen und unmittelbar entladen werden.“

    Faustus nahm die Nachricht erneut.

    „Eine interessante Ungenauigkeit.“

    Aulus schüttelte den Kopf.

    „Ich glaube nicht, dass es sich um eine Ungenauigkeit handelt.“

    „Sondern?“

    „Jemand möchte, dass wir dort sechs Wagen erwarten.“

    Im Raum wurde es still.

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Und während wir auf diese sechs Wagen warten, geschieht möglicherweise etwas anderes.“

    Crispus nickte.

    „Eine zweite Lieferung.“

    „Oder ein zweiter Transportweg.“

    Faustus lächelte schwach.

    „Meine Herren, ich glaube, wir haben gerade eine Einladung erhalten.“

    III. HORA TERTIA – HADUBRANDS ENTSCHEIDUNG

    Handlungsstrang III – Der Handelshof

    Hadubrand hatte schlecht geschlafen.

    Seit dem vergangenen Abend wusste er, dass seine Geschäftsverbindungen zunehmend gefährlich wurden. Die Römer untersuchten seine Bücher. Der unbekannte Mann mit dem Militärmantel hatte seinen Auftrag nicht erfüllt. Und Publius Fabius Crispus verlangte weiterhin die Durchführung sämtlicher vereinbarter Lieferungen.

    Nun stand Hadubrand vor seinen Wagen und betrachtete die Männer, die gerade mehrere Holzkisten verluden.

    Sein Verwalter trat neben ihn.

    „Die sechs Wagen sind vorbereitet.“

    Hadubrand nickte.

    „Und die übrigen?“

    „Stehen hinter dem Wirtschaftsgebäude.“

    „Gut.“

    „Ich verstehe noch immer nicht, weshalb wir die Wagen aufteilen.“

    Hadubrand betrachtete ihn.

    „Weil ich nicht sämtliche Waren verlieren möchte, wenn die Römer beschließen, unseren Handel zu beenden.“

    „Aber Crispus hat ausdrücklich angeordnet, dass die gesamte Lieferung über den nördlichen Übergang gebracht werden soll.“

    „Crispus sitzt in Mogontiacum. Ich bin hier.“

    Der Verwalter schwieg.

    Hadubrand ging zu einem der Wagen.

    Unter einer Abdeckung lagen mehrere schwere Holzkisten.

    Er öffnete die erste.

    Darin befanden sich eiserne Lanzenspitzen.

    Die zweite enthielt römische Schwerter.

    In der dritten lagen kleine, sorgfältig versiegelte Lederbeutel.

    Der Verwalter betrachtete sie.

    „Geld?“

    „Ja.“

    „Wie viel?“

    „Genug, um zahlreiche Männer für ihre Dienste zu bezahlen.“

    Hadubrand verschloss die Kiste.

    „Diese drei Wagen werden nicht zum nördlichen Übergang fahren.“

    „Wohin dann?“

    „Zum alten Handelsweg.“

    Der Verwalter wurde bleich.

    „Dort gibt es keinen regulären Rheinübergang.“

    Hadubrand lächelte bitter.

    „Eben deshalb.“

    IV. HORA QUARTA – DIE ZWEITE OPERATION

    Handlungsstrang IV – Publius Fabius Crispus

    In Mogontiacum saß Publius Fabius Crispus vor einer großen Karte der Rheinregion.

    Neben ihm stand der unbekannte Römer mit dem Militärmantel.

    Sein Gesicht zeigte deutliche Spuren der vergangenen Ereignisse.

    „Du hast den Schreiber verloren“, begann Crispus.

    „Faustus war schneller, als wir erwartet hatten.“

    „Das ist keine Entschuldigung.“

    Der Unbekannte schwieg.

    Crispus deutete auf die Karte.

    „Diesmal werden wir nicht denselben Fehler machen.“

    „Was hast du vor?“

    „Faustus erhält eine zutreffende Nachricht über eine Waffenlieferung.“

    „Dann wird er sie abfangen.“

    „Genau.“

    Der Mann mit dem Militärmantel betrachtete ihn.

    „Und währenddessen?“

    Crispus setzte einen kleinen Holzmarker auf einen anderen Punkt der Karte.

    „Wird unser eigentlicher Transport einen anderen Weg nehmen.“

    „Welche Ladung?“

    Crispus öffnete eine kleine Kassette.

    Darin lagen mehrere versiegelte Schriftrollen.

    „Dokumente.“

    „Welche Dokumente?“

    „Unterlagen, die niemals in die Hände der Exploratio Imperii gelangen dürfen.“

    Der Unbekannte betrachtete ihn.

    „Dann wäre es einfacher, sie zu vernichten.“

    Crispus schüttelte den Kopf.

    „Nein. Diese Dokumente sind wertvoll.“

    „Für wen?“

    Der Römer lächelte.

    „Für Männer, die wesentlich mächtiger sind als wir.“

    Er schloss die Kassette.

    „Außerdem werden wir dafür sorgen, dass Faustus einen weiteren Grund erhält, den nördlichen Übergang anzugreifen.“

    „Welchen?“

    Crispus betrachtete ihn lange.

    „Wir lassen ihn glauben, dass sich unter den Transportbegleitern Männer befinden, die für den Überfall auf seine Einheit verantwortlich sind.“

    „Das stimmt sogar.“

    „Natürlich.“

    Crispus trat ans Fenster.

    „Die beste Täuschung besteht nicht darin, einem Mann eine Lüge zu erzählen.“

    Er wandte sich um.

    „Sondern ihm eine Wahrheit zu geben, auf die er unbedingt reagieren muss.“

    V. HORA QUINTA – DER RAT DER SPECULATORES

    Handlungsstrang V – Faustus, Sisenna und Marcus

    Im Vorposten hatte Faustus inzwischen seine Männer versammelt.

    Auf dem Tisch lagen zwei Karten. Die erste zeigte den nördlichen Rheinübergang, die zweite das Gebiet zwischen Hadubrands Handelshof und den alten Handelswegen.

    „Meine Herren“, begann er, „wir haben einen bestätigten Waffentransport und eine Nachricht, deren Herkunft wir nicht vollständig kennen.“

    Sisenna deutete auf den nördlichen Übergang.

    „Wir könnten die Waffen beschlagnahmen, die Transportbegleiter gefangen nehmen und anschließend ihre Auftraggeber ermitteln.“

    „Vorausgesetzt, die Auftraggeber haben ihre Männer tatsächlich über ihre Identität informiert“, erwiderte Faustus.

    Marcus verschränkte die Arme.

    „Du möchtest die Lieferung weiter beobachten.“

    „Ich möchte verhindern, dass wir ausschließlich das tun, was unsere Gegner von uns erwarten.“

    Aulus meldete sich.

    „Biarchus, ich habe noch einmal die älteren Transportlisten untersucht.“

    „Und?“

    „Die Warenmengen stimmen nur dann überein, wenn man annimmt, dass zwei getrennte Transporte vorbereitet wurden.“

    Faustus trat näher.

    „Zeig es uns.“

    Aulus legte die Tafeln nebeneinander.

    „Hier werden zwölf Kisten aufgeführt. Die Nachricht aus Mogontiacum nennt sechs Wagen, aber keine Gesamtzahl der Kisten. Die Aufzeichnungen Hadubrands enthalten außerdem eine Zahlung für zusätzliche Zugtiere, die in keiner der offiziellen Lieferungen erscheinen.“

    Sisenna betrachtete die Einträge.

    „Dann existiert tatsächlich ein zweiter Transport.“

    „Die Unterlagen legen es nahe“, antwortete Aulus.

    Faustus nickte.

    „Wir werden beide Möglichkeiten untersuchen.“

    Er wandte sich an Laelius.

    „Du übernimmst sechs Männer und beobachtest den nördlichen Rheinübergang. Keine eigenmächtigen Angriffe.“

    „Jawohl.“

    „Marcus, du erhältst acht Männer. Ihr untersucht den alten Handelsweg und meldet jede größere Bewegung.“

    „Verstanden.“

    „Sisenna, du begleitest mich mit zehn Männern. Wir halten uns zwischen beiden Beobachtungsgebieten auf.“

    Aulus blickte überrascht auf.

    „Und ich?“

    „Du bleibst hier.“

    „Aber ich könnte euch begleiten!“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Du bist gerade erst aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Außerdem benötige ich jemanden, der unsere Nachrichten auswertet und erkennt, wenn man uns erneut dieselbe Lieferung unter drei verschiedenen Namen verkaufen möchte.“

    Crispus lachte.

    Aulus verzog das Gesicht.

    „Eine ausgesprochen ehrenvolle Aufgabe.“

    „Ich weiß.“

    Faustus wurde ernst.

    „Niemand versucht heute, ein Held zu werden. Wir beobachten, vergleichen und melden. Erst wenn wir wissen, was tatsächlich geschieht, entscheiden wir über weitere Maßnahmen.“

    Er legte die Hand auf die Karte.

    „Und falls wir feststellen, dass Waffen unmittelbar an feindliche Krieger übergeben werden sollen, werden wir entsprechend handeln.“

    Sisenna nickte.

    „Endlich einmal eine Entscheidung, die ich verstehe.“

    „Genieße diesen seltenen Augenblick.“

    VI. HORA SEXTA – DIE WAFFEN AM NÖRDLICHEN ÜBERGANG

    Handlungsstrang VI – Laelius

    Laelius hatte seine Beobachtungsstellung bereits bezogen, als die ersten Wagen erschienen.

    Er zählte aufmerksam.

    „Eins. Zwei. Drei.“

    Weitere Fahrzeuge folgten.

    Schließlich waren es sechs.

    Sein Kamerad grinste.

    „Die Nachricht war richtig.“

    „Zumindest in diesem Punkt.“

    Die Wagen hielten am Anleger. Ungefähr zwanzig bewaffnete Männer begleiteten sie.

    Laelius beobachtete, wie mehrere Holzkisten entladen wurden.

    Einer der Fuhrleute öffnete eine Kiste.

    Im Inneren lagen eiserne Lanzenspitzen.

    Ein weiterer Mann überprüfte mehrere Schwerter.

    „Römische Waffen“, murmelte der Speculator.

    Laelius nahm seine Wachstafel.

    „Wir melden die Beobachtung.“

    „Sollen wir nicht eingreifen?“

    „Unser Auftrag lautet beobachten.“

    „Aber diese Waffen könnten morgen gegen unsere eigenen Kameraden eingesetzt werden!“

    Laelius betrachtete den jungen Mann.

    „Das weiß ich.“

    „Dann sollten wir etwas unternehmen.“

    „Und wenn wir mit sechs Männern zwanzig Bewaffnete angreifen, wer überbringt anschließend unsere Erkenntnisse?“

    Der Speculator schwieg.

    Laelius schrieb seinen Bericht.

    Plötzlich wurde er aufmerksam.

    Ein Mann hatte sich von den Transportbegleitern entfernt und war zum Waldrand gegangen.

    Dort wartete ein Reiter.

    Die beiden sprachen kurz miteinander.

    Dann übergab der Mann dem Reiter eine kleine Wachstafel.

    Laelius beobachtete, wie dieser nach Süden davonritt.

    „Das gefällt mir nicht.“

    „Was?“

    „Unsere Freunde verschicken offenbar Nachrichten, bevor sie ihre Waren überhaupt verladen haben.“

    Er deutete auf den Reiter.

    „Zwei Mann folgen ihm mit ausreichendem Abstand. Die übrigen bleiben hier.“

    „Und wenn er nach Mogontiacum reitet?“

    Laelius lächelte.

    „Dann wird unser Biarchus einen ausgesprochen interessanten Bericht erhalten.“

    VII. HORA SEPTIMA – DER ALTE HANDELSWEG

    Handlungsstrang VII – Marcus Vibius

    Marcus und seine acht Männer erreichten gegen Mittag eine bewaldete Anhöhe südlich des bekannten Übergangs.

    Unter ihnen verlief ein alter Handelsweg.

    Seit Jahren wurde er nur noch selten benutzt. Umgestürzte Bäume, überwucherte Fahrspuren und ein kleiner Bach erschwerten die Durchfahrt.

    Marcus betrachtete die Umgebung.

    „Hier sollen schwere Wagen entlangfahren?“

    Einer seiner Männer nickte.

    „Die Spuren sind frisch.“

    Tatsächlich hatte jemand mehrere Hindernisse beseitigt.

    Äste waren zur Seite geräumt worden. An einer besonders schlammigen Stelle lagen frisch geschlagene Holzbohlen.

    Marcus kniete nieder.

    „Das wurde vorbereitet.“

    „Für einen Transport?“

    „Offenbar.“

    Sie folgten den Spuren.

    Nach einiger Zeit erreichten sie eine kleine Senke.

    Dort standen drei Wagen.

    Mehrere bewaffnete Männer bewachten die Fahrzeuge.

    Marcus ließ seine Männer in Deckung gehen.

    „Niemand bewegt sich.“

    Er beobachtete die Ladung.

    Die ersten beiden Wagen transportierten schwere Holzkisten.

    Auf dem dritten befanden sich mehrere kleinere Behälter, die mit Tüchern und Leder abgedeckt waren.

    Ein Mann trat an den letzten Wagen.

    Er trug einen dunklen Mantel.

    Marcus erkannte ihn.

    „Bei Jupiter!“

    Sein Kamerad blickte auf.

    „Was ist?“

    „Das ist der Mann, den Laelius am verlassenen Gehöft gesehen hat.“

    „Der unbekannte Römer?“

    „Ja.“

    Marcus beobachtete, wie der Mann einen der kleineren Behälter öffnete.

    Er nahm eine Schriftrolle heraus, überprüfte deren Siegel und legte sie wieder zurück.

    „Das ist keine gewöhnliche Waffenlieferung.“

    „Was sollen wir tun?“

    Marcus nahm eine Wachstafel.

    „Faustus informieren.“

    Plötzlich ertönte aus dem Wald ein kurzer Ruf.

    Die bewaffneten Männer griffen nach ihren Waffen.

    Marcus erstarrte.

    Ein weiterer Reiter näherte sich den Wagen.

    Er sprach mit dem unbekannten Römer.

    Anschließend begannen die Fuhrleute, die Pferde anzuschirren.

    Marcus wurde klar, dass der Transport unmittelbar bevorstand.

    „Wir müssen uns beeilen.“

    VIII. HORA OCTAVA – DIE ENTSCHEIDUNG

    Handlungsstrang VIII – Faustus und Sisenna

    Faustus hatte inzwischen die Berichte beider Beobachtungsgruppen erhalten.

    Er stand über seiner Karte.

    Sisenna wartete ungeduldig.

    „Am nördlichen Übergang stehen sechs Wagen mit Waffen. Am alten Handelsweg befinden sich drei weitere Wagen mit unbekannter Ladung.“

    Faustus nickte.

    „Richtig.“

    „Dann ist die Sache eindeutig. Die sechs Wagen sollen unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.“

    „Möglicherweise.“

    Sisenna schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

    „Faustus! Irgendwann musst du dich entscheiden!“

    Der Biarchus betrachtete ihn ruhig.

    „Das werde ich.“

    Er nahm die Nachricht aus Mogontiacum.

    „Unsere Gegner haben uns genaue Angaben über den nördlichen Transport geliefert. Gleichzeitig wurde ein zweiter Transport vorbereitet, dessen Existenz in keiner offiziellen Nachricht erwähnt wird.“

    „Also greifen wir den zweiten Transport an.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nicht sofort.“

    Sisenna starrte ihn an.

    „Was fehlt dir denn noch?“

    „Die Gewissheit, dass wir nicht gerade einen zweiten Köder entdeckt haben.“

    Der Biarchus ging zur Karte.

    „Stell dir vor, du wärst unser Gegner. Du weißt, dass wir misstrauisch geworden sind. Du weißt, dass wir nicht blindlings zum nördlichen Übergang marschieren werden.“

    Sisenna überlegte.

    „Dann würde ich einen zweiten Transport vorbereiten.“

    „Richtig.“

    „Und hoffen, dass wir ihn für den eigentlichen Transport halten.“

    „Genau.“

    Marcus, der inzwischen persönlich eingetroffen war, trat näher.

    „Aber der unbekannte Römer befindet sich tatsächlich beim zweiten Transport.“

    Faustus blickte auf.

    „Das verändert die Lage.“

    „Ich habe ihn eindeutig erkannt.“

    „Und was transportiert er?“

    „Schriftrollen. Mehr konnte ich nicht feststellen.“

    Faustus schwieg.

    Dann traf er seine Entscheidung.

    „Wir werden den zweiten Transport weiter beobachten. Gleichzeitig bleibt Laelius am nördlichen Übergang.“

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Und wenn die Waffen tatsächlich zu Markwart gelangen?“

    Faustus wurde ernst.

    „Dann werden wir versuchen, ihre Weitergabe zu verhindern. Aber wir werden unsere Männer nicht in einen vorbereiteten Hinterhalt schicken.“

    Er nahm eine Wachstafel.

    „Marcus, du kehrst zu deiner Beobachtungsgruppe zurück. Ich möchte wissen, wohin die drei Wagen fahren.“

    „Jawohl.“

    „Sisenna, wir werden uns dem alten Handelsweg nähern.“

    „Mit wie vielen Männern?“

    „Mit unserer bisherigen Gruppe.“

    Sisenna grinste.

    „Dann wird es doch noch ein interessanter Tag.“

    Faustus nahm seinen Helm.

    „Ich fürchte, du könntest recht behalten.“

    IX. HORA NONA – DIE WAHRE FALLE

    Handlungsstrang IX – Der unbekannte Römer

    Der Mann mit dem Militärmantel betrachtete die drei Wagen.

    Sein Begleiter trat neben ihn.

    „Die Römer beobachten uns.“

    „Ich weiß.“

    „Sollen wir sie angreifen?“

    „Nein.“

    „Dann werden sie uns folgen.“

    Der Unbekannte lächelte.

    „Genau das sollen sie.“

    Er nahm eine kleine Wachstafel.

    „Schicke diese Nachricht zum nördlichen Übergang.“

    „Was steht darauf?“

    „Dass die zweite Phase beginnen kann.“

    Der Begleiter verneigte sich.

    „Und wenn Faustus unseren Transport angreift?“

    „Dann wird er etwas finden, das ihn ausgesprochen beschäftigen dürfte.“

    „Was?“

    Der Unbekannte betrachtete den dritten Wagen.

    „Beweise.“

    „Aber wir sollten diese Unterlagen doch vernichten!“

    „Nicht alle.“

    Er verschloss die Wachstafel.

    „Einige Dokumente wurden eigens dafür angefertigt, gefunden zu werden.“

    Sein Begleiter wurde nachdenklich.

    „Du willst Faustus falsche Beweise liefern?“

    „Nein.“

    Der Mann lächelte.

    „Ich werde ihm echte Dokumente geben, deren Bedeutung er zunächst falsch verstehen muss.“

    „Und während er sie untersucht?“

    „Wird unser eigentlicher Auftrag ausgeführt.“

    X. VESPERA – DER HILFERUF

    Handlungsstrang X – Die Entscheidung des Biarchus

    Faustus und Sisenna hatten den alten Handelsweg inzwischen erreicht.

    Marcus führte sie zu seiner Beobachtungsstellung.

    „Die Wagen stehen noch immer dort.“

    Faustus betrachtete die Senke.

    „Ungewöhnlich.“

    Sisenna nickte.

    „Sie warten auf etwas.“

    In diesem Augenblick erschien ein erschöpfter Meldereiter.

    „BIARCHUS!“

    Faustus drehte sich um.

    „Berichte!“

    „Der nördliche Übergang wurde angegriffen!“

    Sisenna erstarrte.

    „Von wem?“

    „Mehrere bewaffnete Männer sind aus dem Wald gekommen. Es hat einen Kampf gegeben.“

    „Unsere Männer?“, fragte Faustus.

    „Laelius konnte sich zurückziehen. Aber zwei unserer Speculatores werden vermisst.“

    Faustus wurde ernst.

    „Verletzt? Gefangen?“

    „Das wissen wir nicht.“

    Der Reiter übergab ihm eine Wachstafel.

    Faustus las.

    Es handelte sich um eine Nachricht, die angeblich von einem der vermissten Männer stammte.

    Darin wurde behauptet, dass die beiden Speculatores gefangen genommen worden seien. Ihre Freilassung werde erfolgen, sobald die Römer ihre Beobachtung des nördlichen Übergangs einstellten.

    Sisenna fluchte.

    „Diese Hunde!“

    Marcus griff nach seinem Schwert.

    „Wir müssen unsere Männer herausholen!“

    Faustus betrachtete die Nachricht.

    Seine Miene wurde immer ernster.

    „Wer hat dir diese Tafel gegeben?“, fragte er den Meldereiter.

    „Ein germanischer Händler.“

    „Hat er gesagt, von wem sie stammt?“

    „Nein.“

    Faustus betrachtete die Schrift.

    Dann nahm er eine weitere Wachstafel aus seiner Tasche.

    Es war eine der Aufzeichnungen des Aulus.

    Er verglich die beiden.

    Sisenna trat näher.

    „Was machst du?“

    „Ich überprüfe die Schrift.“

    „Warum?“

    Faustus zeigte auf einen ungewöhnlich geformten Buchstaben.

    „Weil unser vermisster Speculator offenbar dieselben Schreibgewohnheiten besitzt wie der unbekannte Römer.“

    Marcus starrte ihn an.

    „Dann ist die Nachricht gefälscht?“

    „Möglicherweise.“

    Sisenna wurde wütend.

    „Aber was ist mit unseren Männern?“

    Faustus legte die Tafeln beiseite.

    „Genau das werden wir herausfinden.“

    Er wandte sich an den Meldereiter.

    „Du reitest unverzüglich zu Laelius zurück. Er soll bestätigen, welche Männer tatsächlich fehlen und wo sie zuletzt gesehen wurden.“

    „Jawohl!“

    „Marcus, du bleibst hier und beobachtest die drei Wagen.“

    „Und du?“

    Faustus nahm seinen Helm.

    „Sisenna und ich werden uns zum nördlichen Übergang begeben.“

    Sisenna betrachtete ihn überrascht.

    „Du gibst also den zweiten Transport auf?“

    „Nein.“

    Faustus zeigte auf die Karte.

    „Marcus wird ihn weiter beobachten. Sollte sich eine Gelegenheit ergeben, den Bestimmungsort festzustellen, nutzt er sie. Aber er greift nicht eigenmächtig an.“

    „Und wenn der Transport verschwindet?“

    Faustus blickte ihn ernst an.

    „Dann verschwindet er.“

    Marcus schwieg.

    Der Biarchus fuhr fort:

    „Unsere Aufgabe besteht nicht darin, um jeden Preis einige Holzkisten zu erbeuten. Wir müssen herausfinden, wer unsere Gegner sind. Und vor allem müssen wir feststellen, was mit unseren Kameraden geschehen ist.“

    XI. PRIMA VIGILIA – DER PREIS DER WAHRHEIT

    Handlungsstrang XI – Laelius

    Als Faustus den nördlichen Rheinübergang erreichte, war die Sonne bereits hinter den Bäumen verschwunden.

    Laelius erwartete ihn in einer verborgenen Stellung.

    „Biarchus!“

    „Berichte.“

    „Die Waffenlieferung hat den Übergang verlassen. Kurz darauf wurden wir von mehreren bewaffneten Männern entdeckt.“

    „Wie viele?“

    „Mindestens zwölf.“

    „Verluste?“

    „Keine bestätigten Toten. Zwei Männer sind allerdings noch nicht zurückgekehrt.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Wer?“

    Laelius nannte ihre Namen.

    „Wo wurden sie zuletzt gesehen?“

    „Am westlichen Waldrand. Sie sollten den Reiter verfolgen, der die Nachricht vom Anleger fortgebracht hatte.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Dann waren sie möglicherweise gar nicht am eigentlichen Kampf beteiligt.“

    „Nein.“

    „Hast du jemanden gesehen, der gefangen genommen wurde?“

    Laelius schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    Faustus betrachtete Sisenna.

    „Dann wissen wir bislang lediglich, dass zwei Männer vermisst werden.“

    Sisenna nickte langsam.

    „Und dass jemand möchte, dass wir sie für Gefangene halten.“

    In diesem Augenblick ertönte aus dem Wald ein leiser Pfiff.

    Laelius griff nach seinem Schwert.

    „Das ist unser Erkennungszeichen!“

    Wenig später erschienen zwei erschöpfte Gestalten zwischen den Bäumen.

    Die vermissten Speculatores.

    Einer von ihnen hatte eine blutende Verletzung am Arm.

    Faustus trat ihnen entgegen.

    „Bei Jupiter! Wo habt ihr gesteckt?“

    Der erste Mann nahm Haltung an.

    „Biarchus! Wir haben den Reiter verfolgt.“

    „Und?“

    „Er traf sich mit einem weiteren Mann. Anschließend wurden wir entdeckt und mussten einen großen Umweg nehmen.“

    Faustus betrachtete die beiden.

    „Hat euch jemand gefangen genommen?“

    „Nein.“

    Sisenna fluchte.

    „Dann war die Nachricht tatsächlich gefälscht.“

    Faustus nickte.

    „Offenbar.“

    Der verletzte Speculator griff plötzlich in seine Tasche.

    „Biarchus, wir haben etwas gefunden.“

    Er überreichte Faustus einen kleinen metallenen Gegenstand.

    Eine Fibel.

    Darauf befand sich ein Adler.

    Darunter drei senkrechte Striche.

    Und ein Kreis.

    Faustus betrachtete das Zeichen lange.

    „Woher habt ihr sie?“

    „Der Reiter hat sie verloren, als er sein Pferd bestieg.“

    „Habt ihr ihn erkannt?“

    „Nein.“

    Der Speculator zögerte.

    „Aber sein Begleiter trug einen römischen Militärmantel.“

    Faustus hob langsam den Kopf.

    Der unbekannte Römer.

    Wieder war er ihnen begegnet.

    Und wieder war er entkommen.

    XII. SECUNDA VIGILIA – DIE DRITTE LIEFERUNG

    Handlungsstrang XII – Marcus Vibius

    Während Faustus seine Männer am nördlichen Übergang versorgte, beobachtete Marcus weiterhin die drei Wagen am alten Handelsweg.

    Gegen Einbruch der Dunkelheit setzten sie sich endlich in Bewegung.

    Doch anstatt zum Rhein zu fahren, bogen sie nach Süden ab.

    Marcus wurde aufmerksam.

    „Das ist nicht der Weg zum Fluss.“

    Sein Kamerad betrachtete die Karte.

    „Dann wohin?“

    Marcus folgte mit dem Finger dem alten Handelsweg.

    Plötzlich erstarrte er.

    „Bei allen Göttern.“

    „Was ist?“

    „Dieser Weg führt zu einem alten, längst aufgegebenen römischen Versorgungspfad.“

    „Und?“

    Marcus betrachtete ihn.

    „Er führt zurück in Richtung Mogontiacum.“

    Die Männer wechselten überraschte Blicke.

    „Dann sollen die Waren überhaupt nicht über den Rhein gebracht werden?“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Zumindest nicht auf diesem Weg.“

    Er beobachtete die Wagen.

    „Wir folgen ihnen.“

    Nach einiger Zeit erreichten die Fahrzeuge eine kleine Lichtung.

    Dort warteten weitere Männer.

    Mehrere schwere Holzkisten wurden von einem Wagen auf einen anderen umgeladen.

    Marcus beobachtete den Vorgang.

    Dann entdeckte er etwas, das ihn erschauern ließ.

    Auf einem der neuen Wagen befand sich ein römisches Militärzeichen.

    Kein vollständiges Feldzeichen.

    Lediglich eine kleine, auf dem Holz angebrachte Kennzeichnung, wie sie bei militärischen Versorgungstransporten verwendet werden konnte.

    Marcus nahm seine Wachstafel.

    „Wir müssen Faustus informieren.“

    Sein Kamerad betrachtete ihn.

    „Was sollen wir melden?“

    Marcus antwortete:

    „Dass die vermeintliche Waffenlieferung möglicherweise nur ein Teil einer größeren Operation ist.“

    Er zeigte auf die Wagen.

    „Und dass unsere Gegner ihre Waren unter dem Anschein eines römischen Versorgungstransports nach Mogontiacum bringen.“

    XIII. TERTIA VIGILIA – DIE ERKENNTNIS DES FAUSTUS

    Handlungsstrang XIII – Die Zusammenführung der Berichte

    Es war bereits spät in der Nacht, als Faustus zum Vorposten zurückkehrte.

    Aulus erwartete ihn im Officium.

    „Biarchus, Marcus hat eine dringende Nachricht geschickt.“

    Faustus nahm die Wachstafel.

    Er las sie aufmerksam.

    Dann ließ er Sisenna rufen.

    Wenig später standen die beiden Männer über der Karte.

    Faustus setzte drei Holzmarker auf die bekannten Transportwege.

    „Hier befindet sich der nördliche Rheinübergang.“

    Er legte den ersten Marker ab.

    „Hier wurden die sechs Wagen mit Waffen beobachtet.“

    Der zweite Marker folgte.

    „Und hier haben wir die drei Wagen entdeckt, die angeblich ebenfalls zum Rhein fahren sollten.“

    Sisenna betrachtete die Karte.

    „Die aber tatsächlich nach Mogontiacum unterwegs sind.“

    „Richtig.“

    Faustus nahm die Fibel.

    Er legte sie neben die Wachstafeln des Aulus.

    „Wir haben inzwischen dieselbe Kennzeichnung auf Handelsaufzeichnungen, Transportkisten und diesem Gegenstand gefunden.“

    Aulus nickte.

    „Und neben dem Namen Publius Fabius Crispus.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Genau.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Dann sollten wir Crispus festnehmen.“

    „Noch nicht.“

    „Faustus!“

    Der Biarchus hob die Hand.

    „Wir haben Hinweise auf seine Beteiligung. Aber wir wissen noch immer nicht, welche Rolle er tatsächlich spielt.“

    Aulus betrachtete die Karte.

    „Vielleicht können wir das herausfinden.“

    Faustus blickte auf.

    „Wie?“

    Der junge Schreiber deutete auf die drei Transportwege.

    „Wenn diese Transporte tatsächlich zusammengehören, müsste jemand ihre Bewegungen koordinieren.“

    „Richtig.“

    „Dann benötigen die Beteiligten Nachrichten.“

    Faustus lächelte langsam.

    „Und Nachrichten hinterlassen Spuren.“

    Sisenna stöhnte.

    „Bei allen Göttern! Jetzt beginnt das Ganze wieder von vorne.“

    Faustus nahm eine leere Wachstafel.

    „Nein, mein lieber Sisenna.“

    Er betrachtete die Fibel.

    „Jetzt beginnt es erst richtig.“

    XIV. MEDIA NOX – DER UNBEKANNTE AUFTRAGGEBER

    Handlungsstrang XIV – Publius Fabius Crispus

    In Mogontiacum wartete Publius Fabius Crispus auf die Rückkehr seines Boten.

    Als dieser endlich eintraf, stellte Crispus nur eine Frage.

    „Hat Faustus reagiert?“

    „Ja.“

    „Hat er die Waffenlieferung angegriffen?“

    „Nein.“

    Crispus schwieg.

    „Er hat den Transport lediglich beobachten lassen.“

    Der Römer trat ans Fenster.

    „Dann hat er unsere erste Absicht erkannt.“

    „Offenbar.“

    „Und die zweite Lieferung?“

    „Sie wurde ebenfalls beobachtet.“

    Crispus drehte sich langsam um.

    „Was?“

    „Mehrere Speculatores haben unsere Wagen verfolgt.“

    Der Römer schlug mit der Faust auf den Tisch.

    „Bei Jupiter!“

    Sein Bote senkte den Kopf.

    „Allerdings ist der eigentliche Transport bereits unterwegs.“

    Crispus wurde ruhig.

    „Gut.“

    Er nahm eine kleine Wachstafel.

    „Dann müssen wir dafür sorgen, dass Faustus weiterhin die falschen Fragen stellt.“

    „Wie?“

    Crispus betrachtete den Mann.

    „Wir geben ihm einen neuen Hinweis.“

    „Welchen?“

    Der Römer öffnete eine verschlossene Kassette.

    Darin lag eine alte Transportliste.

    Auf ihr befand sich dieselbe Kennzeichnung wie auf der Fibel.

    Ein Adler.

    Drei senkrechte Striche.

    Ein Kreis.

    Crispus lächelte.

    „Diese Liste wird ihn zu einem Ort führen, den unsere Auftraggeber seit vielen Jahren benutzen.“

    Der Bote wurde aufmerksam.

    „Wohin?“

    Crispus antwortete:

    „Zu einer alten Anlage unter einem Hügel südlich des Limes.“

    „Aber dort befinden sich doch noch immer Unterlagen!“

    „Richtig.“

    „Dann wird Faustus sie entdecken!“

    Crispus betrachtete ihn lange.

    „Vielleicht.“

    Er verschloss die Kassette.

    „Aber bis er dort eintrifft, werden wir entschieden haben, welche Unterlagen er finden darf.“

    ENDE DIES XXI – VERITAS ET FRAUS

  • XI. Vorposten der Exploratio Imperii

    Der verborgene Weg

    Germania Superior und Germania Magna, 123 n. Chr. Legio XXII Primigenia – Exploratio Imperii Operatio UMBRA SILVARUM XXII. Tag der Ermittlungen

    Der zweiundzwanzigste Tag der Ermittlungen begann mit einer Entdeckung, die Faustus Iunius Rupa unmittelbar vor eine neue Herausforderung stellen sollte.

    Während Marcus Vibius den geheimen Transport bis in die Nähe von Mogontiacum verfolgte, beschäftigte sich Aulus mit einer Frage, die bisher niemand ernsthaft untersucht hatte: Wie alt war die geheimnisvolle Organisation tatsächlich?

    Der Adler, die drei senkrechten Striche und der Kreis waren inzwischen auf zahlreichen Gegenständen und Schriftstücken aufgetaucht. Doch ihre Bedeutung blieb rätselhaft.

    Gleichzeitig hatte Publius Fabius Crispus beschlossen, den Biarchus auf eine neue Spur zu führen. Eine alte römische Anlage sollte seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

    Crispus ahnte allerdings nicht, dass ausgerechnet an diesem Ort in Kürze eine größere militärische Baumaßnahme beginnen würde.

    Und dass die Verantwortung für deren Sicherheit einem Mann übertragen werden sollte, der bereits seit Wochen nach ihm suchte.

    I. PRIMA LUX – DIE WAGEN VERSCHWINDEN

    Handlungsstrang I – Marcus Vibius und seine Speculatores

    Der Morgennebel lag noch über den Feldern südlich von Mogontiacum, als Marcus Vibius seine Männer zum Halten brachte.

    Vor ihnen verlief eine schmale Straße zwischen landwirtschaftlichen Grundstücken, kleinen Gehöften und bewaldeten Anhöhen.

    In einiger Entfernung bewegten sich drei schwere Transportwagen.

    Marcus beobachtete sie aufmerksam.

    „Sie fahren nicht zum Legionslager.“

    Sein Kamerad Lucanus betrachtete die Straße.

    „Vielleicht benutzen sie einen anderen Zugang.“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Dann müssten sie nach Norden abbiegen.“

    Die Wagen setzten ihren Weg jedoch nach Südwesten fort.

    Schließlich erreichten sie ein abgelegenes Wirtschaftsgebäude, das von einer niedrigen Steinmauer umgeben war.

    Das Grundstück wirkte auf den ersten Blick unauffällig. Ein großer Innenhof, mehrere Stallungen, zwei Speichergebäude und ein lang gestreckter Schuppen bildeten eine gewöhnliche landwirtschaftliche Anlage.

    Doch Marcus bemerkte sofort mehrere ungewöhnliche Einzelheiten.

    Vor dem Eingang standen zwei bewaffnete Männer.

    Auf dem Dach des Hauptgebäudes befand sich ein Beobachtungsposten.

    Und die Tore waren mit schweren Eisenbeschlägen verstärkt worden.

    „Ein ausgesprochen gut bewachter Bauernhof“, murmelte Lucanus.

    Marcus lächelte.

    „Vielleicht baut der Besitzer besonders wertvolles Getreide an.“

    Die Wagen hielten vor dem Tor.

    Einer der Fuhrleute übergab dem Wachposten eine Wachstafel.

    Der Mann überprüfte sie und öffnete anschließend das Tor.

    Die drei Wagen verschwanden im Innenhof.

    Marcus wartete.

    „Lucanus, du bleibst mit zwei Männern hier. Ich werde mit den übrigen den rückwärtigen Zugang untersuchen.“

    „Sollen wir versuchen, in das Gebäude einzudringen?“

    „Nein. Wir wissen nicht, wie viele Männer sich dort aufhalten.“

    Marcus betrachtete die Anlage.

    „Unser Auftrag besteht darin, den Transport zu verfolgen. Nicht darin, einen kleinen Krieg auf einem Bauernhof zu beginnen.“

    Wenig später entdeckten sie auf der Rückseite einen zweiten Zugang.

    Dort führte ein schmaler Weg zu einem kleinen Bach.

    Marcus untersuchte die Fahrspuren.

    „Interessant.“

    „Was?“

    „Hier wurden ebenfalls schwere Wagen bewegt.“

    „Vielleicht gehören sie dem Bauern.“

    Marcus deutete auf die tiefen Spuren.

    „Dann besitzt unser Bauer eine bemerkenswert große Zahl schwerer Transportfahrzeuge.“

    Plötzlich öffnete sich eine Tür.

    Ein Mann trat heraus.

    Er trug einen dunklen Mantel.

    Marcus erkannte ihn augenblicklich.

    „Bei Jupiter!“

    Lucanus blickte auf.

    „Was ist?“

    „Unser unbekannter Römer.“

    Der Mann mit dem Militärmantel war also tatsächlich nach Mogontiacum zurückgekehrt.

    Und nun wusste Marcus, wo er sich aufhielt.

    II. HORA SECUNDA – DAS GEHEIMNIS DER ALTEN SIEGEL

    Handlungsstrang II – Aulus und Crispus

    Im Officium des Vorpostens hatte Aulus inzwischen sämtliche verfügbaren Aufzeichnungen der vergangenen Tage zusammengetragen.

    Neben ihm saß Crispus, der mit wachsender Verzweiflung versuchte, die verschiedenen Handelslisten miteinander zu vergleichen.

    „Aulus, ich habe inzwischen das Gefühl, dass diese Männer mehr Wachstafeln besitzen als die gesamte Verwaltung unserer Legion.“

    Aulus grinste.

    „Dann solltest du froh sein, dass wir nicht auch noch sämtliche Steuerlisten aus Mogontiacum untersuchen.“

    „Bei allen Göttern! Erwähne dieses Wort nie wieder!“

    Aulus lachte.

    Dann wurde er ernst.

    „Sieh dir das an.“

    Er legte mehrere Wachstafeln nebeneinander.

    „Wir haben bisher angenommen, dass die Kennzeichnung aus dem Adler, den drei Strichen und dem Kreis ausschließlich bei den jüngeren Transporten verwendet wurde.“

    Crispus nickte.

    „Und?“

    „Das stimmt nicht.“

    Aulus nahm eine ältere Abschrift.

    „Diese Aufzeichnung stammt aus einem früheren militärischen Versorgungsarchiv.“

    „Wie alt?“

    „Mindestens drei Jahrzehnte.“

    Crispus richtete sich auf.

    „Dreißig Jahre?“

    „Möglicherweise sogar älter.“

    Aulus zeigte auf eine beschädigte Stelle.

    Dort befand sich eine verblasste Kennzeichnung.

    Drei senkrechte Striche.

    Darunter ein Kreis.

    Der Adler fehlte.

    „Vielleicht handelt es sich um einen Zufall“, bemerkte Crispus.

    „Das habe ich zunächst ebenfalls gedacht.“

    Aulus nahm eine zweite Aufzeichnung.

    „Aber hier erscheint dasselbe Zeichen.“

    „Und diese Liste?“

    „Sie stammt aus einer anderen militärischen Versorgungseinrichtung.“

    Crispus betrachtete die Unterlagen.

    „Dann wurde das Zeichen möglicherweise schon damals verwendet.“

    „Genau.“

    „Aber von wem?“

    Aulus nahm eine dritte Tafel.

    „Das ist die interessante Frage.“

    Neben einer alten Transportaufstellung befand sich ein kurzer Vermerk:

    CUSTODIA OCCULTA.

    Crispus runzelte die Stirn.

    „Geheime Verwahrung?“

    „So könnte man es übersetzen.“

    „Vielleicht ein gewöhnliches militärisches Depot.“

    Aulus nickte.

    „Vielleicht.“

    Er deutete auf eine Ortsangabe.

    „Allerdings wird hier ein Lagerplatz erwähnt, der in unseren aktuellen Verzeichnissen nicht mehr existiert.“

    Crispus beugte sich vor.

    „Wo?“

    Aulus betrachtete die beschädigte Schrift.

    „Zwischen Mogontiacum und dem Limes.“

    „Eine alte Versorgungsstation?“

    „Oder ein Depot.“

    Crispus lehnte sich zurück.

    „Und weshalb sollte uns das interessieren?“

    Aulus lächelte.

    „Weil ich glaube, dass wir gerade herausgefunden haben, woher einige unserer geheimnisvollen Transportlisten stammen.“

    III. HORA TERTIA – DER AUFTRAG AUS MOGONTIACUM

    Handlungsstrang III – Faustus Iunius Rupa

    Faustus stand gerade über einer Karte der Rheinregion, als ein Meldereiter aus Mogontiacum eintraf.

    Der Mann nahm Haltung an.

    „Biarchus Faustus Iunius Rupa?“

    „Der steht vor dir.“

    „Ich überbringe einen Befehl des Legionskommandos.“

    Faustus nahm den versiegelten Schriftrollenbehälter entgegen.

    Er überprüfte das Siegel und öffnete ihn.

    Sisenna beobachtete ihn.

    „Neue Schwierigkeiten?“

    Faustus begann zu lesen.

    Dann lächelte er.

    „Das hängt davon ab, wie sehr du Straßen magst.“

    „Straßen?“

    „Wir haben einen neuen Auftrag.“

    Er reichte Sisenna das Schreiben.

    Der Inhalt war eindeutig.

    Zwischen Mogontiacum und einem Abschnitt des Limes sollte eine bestehende Verkehrsverbindung ausgebaut werden. Mehrere beschädigte Straßenabschnitte mussten erneuert und zusätzliche Entwässerungsgräben angelegt werden.

    Die Arbeiten sollten durch Abteilungen der Legio XXII Primigenia durchgeführt werden.

    Die Gesamtverantwortung übernahm Tribunus angusticlavius Publius Trebellius Ovinianus.

    Die neunte Kohorte sollte unter Centurio Spurius Stenius Ovianus die Erdarbeiten und die Vorbereitung des Straßenunterbaus übernehmen.

    Die zehnte Kohorte wurde unter Centurio Kaeso Herdonius Acilianus für Steintransporte, Materialversorgung und die Pflasterarbeiten eingeteilt.

    Faustus erhielt mit fünfzig Männern der Exploratio Imperii den Auftrag, die Sicherheit der Baustelle und ihrer Zufahrtswege zu gewährleisten.

    Sisenna las den Befehl.

    „Fünfzig Männer.“

    „Richtig.“

    „Für einen Straßenbau.“

    „Für die Sicherheit eines Straßenbaus.“

    „Das klingt nach einer ausgesprochen langweiligen Aufgabe.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Ich hoffe es.“

    „Du hoffst es?“

    „Selbstverständlich. Nach den vergangenen Tagen wäre ein wenig Langeweile eine willkommene Abwechslung.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Bei allen Göttern! Wenn du das sagst, geschieht garantiert etwas Schreckliches.“

    Faustus lachte.

    Dann wurde er ernst.

    „Wir werden unsere bisherigen Ermittlungen nicht einstellen.“

    „Aber wir müssen fünfzig Männer zur Baustelle führen.“

    „Richtig. Deshalb werden wir unsere Beobachtungen zunächst abschließen und sämtliche Erkenntnisse nach Mogontiacum übermitteln.“

    Er betrachtete die Karte.

    „Vielleicht ergeben sich dort neue Möglichkeiten.“

    Sisenna grinste.

    „Du meinst, wir können während des Straßenbaus weiter nach unseren Verschwörern suchen?“

    Faustus lächelte.

    „Ich sehe keinen Grund, weshalb sich beide Aufgaben grundsätzlich ausschließen sollten.“

    IV. HORA QUARTA – DIE BESPRECHUNG DER OFFIZIERE

    Handlungsstrang IV – Publius Trebellius Ovinianus

    Im Legionslager von Mogontiacum hatte Tribunus Publius Trebellius Ovinianus inzwischen die verantwortlichen Offiziere versammelt.

    Vor ihm lag eine große Karte des geplanten Straßenabschnitts.

    Spurius Stenius Ovianus betrachtete die eingezeichnete Trasse.

    „Wie lang ist der Abschnitt?“

    Ovinianus deutete auf die Karte.

    „Wir beginnen mit dem besonders beschädigten Teilstück zwischen diesem Waldgebiet und der nächsten militärischen Versorgungsstation.“

    Kaeso Herdonius Acilianus verschränkte die Arme.

    „Wie viele Steine benötigen wir?“

    Ovinianus lächelte.

    „Mehr, als dir lieb sein wird.“

    „Das habe ich befürchtet.“

    Spurius betrachtete die Geländedarstellung.

    „Hier befindet sich eine Senke.“

    „Richtig.“

    „Dann benötigen wir zusätzliche Entwässerungsgräben.“

    Ovinianus nickte.

    „Du übernimmst die Vorbereitung des Geländes. Deine Männer beseitigen Hindernisse, heben die notwendigen Gräben aus und stellen den tragfähigen Untergrund her.“

    Er wandte sich an Kaeso.

    „Du organisierst die Steintransporte, die Materialversorgung und die Pflasterarbeiten.“

    Kaeso nickte.

    „Verstanden.“

    „Die beiden Abteilungen arbeiten eng zusammen. Ich möchte nicht, dass deine Steine eintreffen, bevor Spurius überhaupt einen geeigneten Untergrund vorbereitet hat.“

    Kaeso grinste.

    „Dann werde ich ihm gelegentlich beim Graben zusehen.“

    Spurius betrachtete ihn.

    „Du wirst deine Männer lieber beim Tragen beobachten.“

    Ovinianus hob die Hand.

    „Meine Herren, ich freue mich über eure ausgezeichnete Zusammenarbeit.“

    Die beiden Centurionen verstummten.

    Der Tribun deutete auf einen bewaldeten Hügel.

    „Dieser Abschnitt bereitet mir allerdings Sorgen.“

    Spurius betrachtete die Karte.

    „Weshalb?“

    „Die ursprüngliche Vermessung ist unvollständig. Außerdem berichten mehrere Händler von ungewöhnlichen Bewegungen in diesem Gebiet.“

    Kaeso blickte auf.

    „Germanische Krieger?“

    „Möglicherweise. Genau deshalb habe ich die Exploratio Imperii angefordert.“

    Spurius nickte.

    „Faustus Iunius Rupa.“

    „Richtig.“

    Kaeso verzog das Gesicht.

    „Ist das nicht der Mann, der ständig irgendwelche geheimnisvollen Nachrichten untersucht?“

    Ovinianus lächelte.

    „Genau dieser Mann.“

    „Dann werden wir vermutlich mehr Zeit mit seinen Ermittlungen verbringen als mit dem Straßenbau.“

    Der Tribun wurde ernst.

    „Nein. Der Straßenbau bleibt unser Auftrag. Die Exploratio übernimmt die Sicherung. Sämtliche größeren Maßnahmen werden mit mir abgestimmt.“

    Er legte den Finger auf den bewaldeten Hügel.

    „Und diesen Abschnitt möchte ich besonders sorgfältig untersuchen lassen.“

    V. HORA QUINTA – DAS HAUS OHNE NAMEN

    Handlungsstrang V – Marcus Vibius und der unbekannte Römer

    Das abgelegene Wirtschaftsgebäude südlich von Mogontiacum erwies sich bei näherer Beobachtung als wesentlich interessanter, als Marcus zunächst angenommen hatte.

    Seit zwei Stunden beobachteten seine Männer die Anlage.

    Inzwischen hatten sie festgestellt, dass sämtliche drei Wagen entladen worden waren. Die Zugtiere standen im Stall, die Fuhrleute hatten das Gelände jedoch nicht verlassen.

    „Merkwürdig“, murmelte Lucanus.

    Marcus blickte ihn an.

    „Was?“

    „Wenn die Lieferung hier endet, weshalb bleiben die Fuhrleute?“

    „Eine ausgezeichnete Frage.“

    Marcus beobachtete das große Speichergebäude.

    Zwei Männer kamen heraus. Zwischen ihnen trugen sie eine schwere Holzkiste.

    Auf deren Deckel befand sich eine eingebrannte Kennzeichnung.

    Ein Adler.

    Drei senkrechte Striche.

    Ein Kreis.

    „Da ist unser Zeichen“, flüsterte Lucanus.

    Marcus nickte.

    Die Männer brachten die Kiste jedoch nicht zu den abgestellten Wagen. Stattdessen verschwanden sie damit hinter dem Hauptgebäude.

    Marcus betrachtete die Anlage.

    „Dort muss sich ein weiterer Lagerraum befinden.“

    „Oder ein Keller.“

    „Möglich.“

    In diesem Augenblick erschien der unbekannte Römer erneut.

    Er sprach mit einem älteren Mann, der eine hochwertige Tunika trug. Anschließend übergab er ihm eine versiegelte Schriftrolle.

    Der ältere Mann betrachtete das Siegel.

    Dann verneigte er sich.

    Marcus wurde aufmerksam.

    „Hast du das gesehen?“

    Lucanus nickte.

    „Er scheint den Mann zu kennen.“

    „Mehr als das. Er scheint seine Befehle entgegenzunehmen.“

    Wenig später öffnete sich das rückwärtige Tor.

    Zwei unbeladene Wagen verließen das Grundstück.

    Marcus beobachtete ihre Räder.

    „Interessant.“

    „Was?“

    „Die Wagen sind unbeladen. Trotzdem haben sie die schweren Transportgestelle nicht abgenommen.“

    Lucanus überlegte.

    „Sie sollen also weitere Waren aufnehmen.“

    Marcus nickte.

    „Und genau deshalb werden wir ihnen folgen.“

    Er teilte seine Männer auf. Zwei blieben am Wirtschaftsgebäude, während die übrigen die Wagen aus ausreichender Entfernung verfolgten.

    Nach einer guten Stunde erreichten sie einen kleinen Waldweg.

    Die Wagen hielten vor einer verlassen wirkenden Scheune.

    Dort warteten bereits mehrere Männer.

    Marcus beobachtete, wie die Fuhrleute ihre Fahrzeuge wendeten.

    Doch anstatt neue Waren aufzunehmen, öffneten sie die hölzernen Transportgestelle.

    Unter den Ladeflächen befanden sich verborgene Fächer.

    Lucanus starrte ungläubig auf die Szene.

    „Bei Jupiter!“

    Marcus lächelte nicht.

    „Jetzt wissen wir, weshalb unsere Freunde ihre Wagen so ungern aus den Augen lassen.“

    Aus den Verstecken wurden mehrere kleine Behälter hervorgeholt.

    Einer davon enthielt Schriftrollen.

    Ein anderer war mit schweren Lederbeuteln gefüllt.

    Der dritte wurde von zwei Männern besonders vorsichtig getragen.

    Marcus griff nach seiner Wachstafel.

    „Wir müssen herausfinden, wohin diese Behälter gebracht werden.“

    Plötzlich hörten sie hinter sich eine Stimme.

    „Das würde ich an eurer Stelle nicht tun.“

    Marcus erstarrte.

    Zwischen den Bäumen stand ein bewaffneter Mann.

    Und hinter ihm erschienen zwei weitere Gestalten.

    VI. HORA SEXTA – DER PREIS EINER BEOBACHTUNG

    Handlungsstrang VI – Marcus und seine Männer

    Marcus hob langsam die Hände.

    „Ein schöner Tag für einen Spaziergang.“

    Der bewaffnete Mann betrachtete ihn misstrauisch.

    „Wer seid ihr?“

    „Reisende.“

    „Reisende, die bewaffnet durch den Wald kriechen?“

    Marcus lächelte.

    „Die Wege sind gefährlich.“

    Der Mann trat näher.

    „Dann legt eure Waffen ab.“

    Marcus betrachtete ihn.

    „Das würde unsere Reise allerdings noch gefährlicher machen.“

    Der Fremde zog sein Schwert.

    „Ich werde es nicht wiederholen.“

    Marcus wusste, dass ein Kampf an dieser Stelle ausgesprochen ungünstig wäre. Seine Männer befanden sich in unübersichtlichem Gelände, und er konnte nicht erkennen, wie viele Gegner sich noch zwischen den Bäumen verbargen.

    Er hob langsam die rechte Hand.

    Das vereinbarte Zeichen.

    Seine Männer verhielten sich vollkommen ruhig.

    „Wir wollen keinen Streit“, erklärte Marcus.

    Der Bewaffnete trat einen weiteren Schritt vor.

    In diesem Augenblick ertönte von der Scheune ein lauter Ruf.

    „LASS SIE!“

    Ein Mann näherte sich.

    Marcus erkannte ihn sofort.

    Der unbekannte Römer.

    Er betrachtete Marcus aufmerksam.

    Dann lächelte er.

    „Die Exploratio Imperii.“

    Marcus erwiderte seinen Blick.

    „Offenbar sind wir inzwischen recht bekannt.“

    „Du arbeitest für Faustus Iunius Rupa.“

    „Möglich.“

    Der Unbekannte lachte.

    „Dein Biarchus sollte lernen, seine Männer vorsichtiger einzusetzen.“

    Marcus wurde ernst.

    „Und du solltest lernen, dass römische Soldaten nicht besonders gerne bedroht werden.“

    Der Mann betrachtete ihn lange.

    Dann gab er seinen Begleitern ein Zeichen.

    „Lasst sie gehen.“

    Einer der Bewaffneten protestierte.

    „Aber sie haben unsere Wagen beobachtet!“

    „Das weiß ich.“

    Der Unbekannte trat näher an Marcus heran.

    „Überbringe deinem Biarchus eine Nachricht.“

    „Welche?“

    „Er soll sich auf seinen neuen Auftrag konzentrieren.“

    Marcus erstarrte.

    „Welchen Auftrag?“

    Der Mann lächelte.

    „Den Straßenbau.“

    Für einen Augenblick herrschte vollkommene Stille.

    Marcus betrachtete den Unbekannten.

    „Woher weißt du davon?“

    „Dein Biarchus wird verstehen.“

    Der Mann wandte sich ab.

    „Und jetzt verschwindet.“

    Marcus ließ sich die Aufforderung nicht zweimal sagen.

    Er führte seine Männer langsam zurück.

    Erst als sie außer Sichtweite waren, beschleunigten sie ihren Schritt.

    Lucanus trat neben ihn.

    „Wir hätten ihn festnehmen sollen.“

    Marcus schüttelte den Kopf.

    „Mit vier Männern gegen eine unbekannte Zahl Bewaffneter?“

    „Aber er kennt unseren neuen Auftrag!“

    „Genau deshalb müssen wir Faustus unverzüglich informieren.“

    Er blickte noch einmal zurück.

    „Ich fürchte, wir sind gerade einem Mann begegnet, der wesentlich mehr weiß, als uns lieb sein kann.“

    VII. HORA SEPTIMA – DIE VERGESSENE ANLAGE

    Handlungsstrang VII – Aulus und der Mensor Lucius Petronius Varus

    Im Legionslager von Mogontiacum hatte Aulus inzwischen Zugang zu älteren Vermessungsunterlagen erhalten.

    Ein erfahrener Mensor namens Lucius Petronius Varus unterstützte ihn.

    Varus war ein Mann mittleren Alters, dessen Gesicht von jahrelanger Arbeit im Freien gezeichnet war. Er kannte zahlreiche Straßen, Brücken und militärische Anlagen der Provinz.

    Als Aulus ihm die alte Ortsangabe zeigte, runzelte er die Stirn.

    „Woher hast du das?“

    „Aus einer älteren Transportaufstellung.“

    Varus nahm die Tafel.

    „Diese Bezeichnung habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.“

    Aulus wurde aufmerksam.

    „Du kennst den Ort?“

    „Nicht persönlich. Aber ich erinnere mich an ältere Vermessungsunterlagen.“

    Er ging zu einem großen Schrank und begann, mehrere Schriftrollen zu durchsuchen.

    Aulus wartete ungeduldig.

    Schließlich zog Varus eine beschädigte Karte hervor.

    „Hier.“

    Er breitete sie auf dem Tisch aus.

    Die Karte zeigte einen alten Straßenverlauf zwischen Mogontiacum und einem militärischen Versorgungsgebiet in Richtung Limes.

    Mehrere kleinere Anlagen waren eingezeichnet.

    Varus deutete auf einen bewaldeten Hügel.

    „Dort befand sich offenbar einmal eine Versorgungseinrichtung.“

    Aulus beugte sich vor.

    „Ein Depot?“

    „Möglicherweise. Die Karte ist unvollständig.“

    „Weshalb wurde die Anlage aufgegeben?“

    Varus zuckte mit den Schultern.

    „Vielleicht veränderte sich der Straßenverlauf. Vielleicht wurde die Einrichtung nicht mehr benötigt.“

    Aulus betrachtete die Karte.

    Dann entdeckte er eine kleine Markierung.

    Drei senkrechte Striche.

    Ein Kreis.

    Er erstarrte.

    „Varus.“

    „Ja?“

    „Sieh dir das an.“

    Der Mensor betrachtete die Zeichnung.

    „Eine alte Vermessungsmarkierung?“

    „Vielleicht.“

    Aulus holte seine Abschriften hervor.

    „Aber dasselbe Zeichen erscheint auf diesen Transportlisten.“

    Varus verglich die Unterlagen.

    Seine Miene veränderte sich.

    „Das ist bemerkenswert.“

    Aulus deutete auf die Karte.

    „Und dieser Hügel?“

    Varus überlegte.

    „Er liegt unmittelbar an dem Straßenabschnitt, der jetzt ausgebaut werden soll.“

    Aulus blickte ihn an.

    „Bist du sicher?“

    „Vollkommen.“

    Der junge Schreiber nahm seine Wachstafeln.

    „Dann müssen wir sofort zu Faustus.“

    VIII. HORA OCTAVA – DIE ANKUNFT DES BIARCHUS

    Handlungsstrang VIII – Faustus und Ovinianus

    Faustus erreichte Mogontiacum am Nachmittag.

    Sisenna begleitete ihn.

    Die übrigen Männer der Exploratio Imperii waren bereits angewiesen worden, ihre Ausrüstung für den neuen Auftrag vorzubereiten.

    Im Stabsgebäude erwartete sie Publius Trebellius Ovinianus.

    Der Tribun betrachtete Faustus.

    „Biarchus Iunius Rupa.“

    Faustus nahm Haltung an.

    „Tribunus.“

    „Man hat mir berichtet, dass du dich in den vergangenen Tagen ausgesprochen intensiv mit germanischen Handelswegen beschäftigt hast.“

    „Unter anderem.“

    „Ich hoffe, du besitzt auch gewisse Kenntnisse über römische Straßen.“

    Faustus lächelte.

    „Ich habe bereits mehrere benutzt.“

    Ovinianus betrachtete ihn einen Augenblick.

    Dann musste er lachen.

    „Ausgezeichnet. Dann weißt du wenigstens, weshalb wir sie bauen.“

    Er deutete auf die Karte.

    „Du erhältst fünfzig Männer. Dein Auftrag besteht darin, unsere Baustelle zu sichern, die Zufahrtswege zu überprüfen und mögliche feindliche Bewegungen frühzeitig zu melden.“

    „Verstanden.“

    „Spurius Stenius Ovianus führt die Erdarbeiten. Kaeso Herdonius Acilianus übernimmt die Steintransporte und Pflasterarbeiten. Beide unterstehen während dieser Operation meiner Führung.“

    Faustus nickte.

    „Selbstverständlich.“

    Ovinianus wurde ernst.

    „Ich möchte keine eigenmächtigen Aktionen, die unsere Bauarbeiten gefährden.“

    „Du wirst über sämtliche wesentlichen Erkenntnisse unterrichtet.“

    Der Tribun betrachtete ihn.

    „Und deine bisherigen Ermittlungen?“

    „Sie könnten mit unserem neuen Auftrag zusammenhängen.“

    Ovinianus verschränkte die Arme.

    „Das klingt ausgesprochen unangenehm.“

    Faustus lächelte.

    „Noch wissen wir es nicht.“

    „Dann hoffe ich, dass es dabei bleibt.“

    In diesem Augenblick meldete sich ein Soldat.

    „Tribunus! Der Mensor Lucius Petronius Varus und ein Schreiber der Exploratio Imperii bitten um eine dringende Unterredung.“

    Ovinianus blickte Faustus an.

    „Gehört der Schreiber zu deinen Männern?“

    „Vermutlich.“

    „Dann ahne ich Schlimmes.“

    Faustus grinste.

    „Eine ausgesprochen gesunde Einstellung.“

    IX. HORA NONA – DIE KARTE DER VERGANGENHEIT

    Handlungsstrang IX – Aulus enthüllt seine Entdeckung

    Aulus betrat gemeinsam mit Lucius Petronius Varus das Stabsgebäude.

    Beide Männer nahmen Haltung an.

    „Tribunus!“

    Ovinianus deutete auf den Kartentisch.

    „Man hat mir berichtet, ihr hättet eine dringende Angelegenheit vorzubringen.“

    Aulus blickte kurz zu Faustus.

    „Biarchus, wir haben möglicherweise den Ursprung unserer geheimnisvollen Transportlisten gefunden.“

    Faustus wurde augenblicklich aufmerksam.

    „Erkläre dich.“

    Varus breitete die alte Vermessungskarte aus.

    „Diese Unterlagen stammen aus einem früheren Abschnitt der römischen Grenzverwaltung. Sie zeigen einen inzwischen teilweise aufgegebenen Straßenverlauf.“

    Ovinianus beugte sich vor.

    „Und was hat das mit meinem Straßenbau zu tun?“

    Varus deutete auf einen bewaldeten Hügel.

    „Genau hier soll die neue Trasse vorbeiführen.“

    Der Tribun betrachtete die Karte.

    „Das Gelände wurde bereits vermessen.“

    „Allerdings nur oberflächlich“, erwiderte Varus. „Die älteren Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass sich dort eine künstliche Anlage befunden haben könnte.“

    Spurius und Kaeso, die inzwischen ebenfalls eingetroffen waren, traten näher.

    Spurius betrachtete die Karte.

    „Eine alte Befestigung?“

    „Möglich.“

    Kaeso verschränkte die Arme.

    „Hoffentlich kein Steinbruch. Sonst erwartet der Tribun noch, dass ich sämtliche Steine persönlich heraustrage.“

    Ovinianus überging die Bemerkung.

    „Welche Bedeutung besitzt diese Anlage?“

    Aulus legte seine Wachstafeln auf den Tisch.

    „Tribun, wir untersuchen seit mehreren Tagen eine Reihe ungewöhnlicher Handels- und Militärtransporte.“

    Er zeigte auf die verschiedenen Kennzeichnungen.

    „Dieses Zeichen erscheint in den jüngeren Unterlagen. Eine vereinfachte Form befindet sich jedoch auch auf Dokumenten, die mindestens drei Jahrzehnte alt sind.“

    Faustus nahm eine der Tafeln.

    „Der Adler fehlt auf den älteren Aufzeichnungen.“

    „Richtig“, antwortete Aulus. „Aber die drei Striche und der Kreis stimmen überein.“

    Varus deutete auf die alte Karte.

    „Und dieselbe vereinfachte Kennzeichnung befindet sich neben dem Hügel.“

    Im Raum herrschte Schweigen.

    Schließlich fragte Ovinianus:

    „Was genau behauptest du, Aulus?“

    Der junge Schreiber schluckte.

    „Dass unsere heutigen Gegner möglicherweise eine Anlage benutzen, die bereits vor Jahrzehnten für militärische Transporte vorgesehen war.“

    Spurius runzelte die Stirn.

    „Dann könnten sich dort noch alte Vorräte befinden.“

    Kaeso betrachtete die Karte.

    „Oder Hohlräume, die unseren Straßenunterbau gefährden.“

    Ovinianus nickte.

    „Damit haben wir zwei voneinander unabhängige Gründe, das Gelände untersuchen zu lassen.“

    Er wandte sich an Varus.

    „Du wirst morgen gemeinsam mit Spurius den Hügel überprüfen. Ich möchte wissen, ob der geplante Straßenverlauf verändert werden muss.“

    Anschließend betrachtete er Faustus.

    „Deine Männer sichern die Untersuchung.“

    „Verstanden, Tribun.“

    Ovinianus zeigte auf die Unterlagen.

    „Und was diese angebliche Verbindung zu deinen Ermittlungen betrifft: Du darfst ihr nachgehen, solange du unseren Bauauftrag nicht gefährdest.“

    Faustus nahm Haltung an.

    „Jawohl.“

    Der Tribun lehnte sich zurück.

    „Bei Jupiter! Ich wollte eine Straße bauen und bekomme stattdessen eine Untersuchung über dreißig Jahre alte Geheimnisse.“

    Faustus lächelte.

    „Immerhin wird es eine ausgesprochen interessante Straße.“

    X. VESPERA – DIE WARNUNG DES MARCUS

    Handlungsstrang X – Der Mann mit dem Militärmantel

    Die Sonne stand bereits tief, als Marcus Vibius mit seinen Männern Mogontiacum erreichte.

    Er begab sich unverzüglich zu Faustus.

    Der Biarchus saß gerade mit Sisenna und Aulus über den alten Vermessungsunterlagen.

    „Marcus!“

    Faustus erhob sich.

    „Du bist zurück.“

    „Und ich habe Neuigkeiten.“

    Sisenna betrachtete den erschöpften Speculator.

    „Du siehst aus, als hättest du die halbe Provinz zu Fuß durchquert.“

    „So fühlt es sich auch an.“

    Marcus berichtete ausführlich über das abgelegene Wirtschaftsgebäude, die verborgenen Transportfächer und die Begegnung mit dem unbekannten Römer.

    Als er dessen Warnung erwähnte, wurde Faustus ernst.

    „Er wusste von unserem Straßenbauauftrag?“

    „Ja.“

    „Hat er ausdrücklich gesagt, dass ich mich darauf konzentrieren soll?“

    „Wortwörtlich.“

    Sisenna verschränkte die Arme.

    „Dann besitzt dieser Mann Zugang zu unseren militärischen Befehlen.“

    Faustus schüttelte den Kopf.

    „Nicht zwangsläufig. Vielleicht hat ihm jemand davon berichtet.“

    „Wer?“

    „Genau das müssen wir herausfinden.“

    Marcus nahm eine Wachstafel.

    „Außerdem haben wir festgestellt, dass die drei Wagen nicht sämtliche Waren transportierten. In ihren Ladeflächen befanden sich verborgene Fächer.“

    Aulus blickte auf.

    „Für Schriftrollen?“

    „Unter anderem.“

    Der junge Schreiber zeigte auf die alte Karte.

    „Dann könnte es sich um Dokumente handeln, die aus unserer geheimnisvollen Anlage stammen.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Möglich. Allerdings sollten wir nicht jede neue Entdeckung sofort mit dem Hügel verbinden.“

    Marcus trat näher.

    „Es gibt noch etwas.“

    „Was?“

    „Der unbekannte Römer hat uns absichtlich gehen lassen.“

    Sisenna lachte bitter.

    „Aus reiner Freundlichkeit?“

    „Das glaube ich kaum.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    „Dann wollte er, dass du mir seine Nachricht überbringst.“

    Marcus nickte.

    „Genau.“

    Faustus dachte einen Augenblick nach.

    Dann sagte er:

    „Unsere Gegner wissen also von meinem neuen Auftrag. Und möglicherweise wissen sie ebenfalls, dass die alte Anlage unmittelbar an unserer geplanten Straße liegt.“

    Aulus wurde blass.

    „Dann könnten sie versuchen, sämtliche Unterlagen vorher verschwinden zu lassen.“

    Faustus nahm seinen Helm.

    „Deshalb werden wir morgen sehr aufmerksam sein.“

    XI. PRIMA VIGILIA – DER LETZTE BESUCH

    Handlungsstrang XI – Publius Fabius Crispus und der unbekannte Römer

    Im abgelegenen Wirtschaftsgebäude südlich von Mogontiacum erwartete Publius Fabius Crispus bereits seinen Verbindungsmann.

    Als der unbekannte Römer eintrat, erhob sich Crispus.

    „Du hast die Speculatores laufen lassen.“

    „Ja.“

    „Weshalb?“

    „Weil ich wollte, dass Faustus erfährt, dass wir seinen neuen Auftrag kennen.“

    Crispus betrachtete ihn lange.

    „Du spielst ein gefährliches Spiel.“

    „Unser Biarchus ist vorsichtig geworden. Wenn wir ihn weiterhin mit gewöhnlichen Täuschungen beschäftigen, wird er früher oder später erkennen, was wir tatsächlich vorbereiten.“

    Crispus ging zum Kartentisch.

    „Dann sollten wir dafür sorgen, dass er die richtigen Unterlagen findet.“

    Der Unbekannte lächelte.

    „Genau das habe ich vor.“

    Er legte eine kleine Wachstafel auf den Tisch.

    Crispus las sie.

    Sein Gesicht veränderte sich.

    „Du willst ihn tatsächlich zu unserem alten Depot führen?“

    „Ja.“

    „Dort befinden sich noch immer Dokumente, die unsere Auftraggeber schwer belasten könnten!“

    „Deshalb werden wir sie vorher entfernen.“

    Crispus schüttelte den Kopf.

    „Und was geschieht mit den übrigen Unterlagen?“

    „Wir lassen diejenigen zurück, die Faustus zu einer falschen Schlussfolgerung führen.“

    „Welche Schlussfolgerung?“

    Der Unbekannte betrachtete ihn.

    „Dass Hadubrand und du die einzigen Verantwortlichen für diese Transporte seid.“

    Crispus erstarrte.

    „Du willst mich opfern?“

    „Nicht unbedingt.“

    „Was soll das bedeuten?“

    Der Mann trat näher.

    „Du besitzt Geld, Verbindungen und ausreichend Einfluss, um dich gegen die Anschuldigungen eines einfachen Biarchus zu verteidigen.“

    Crispus wurde wütend.

    „Ein einfacher Biarchus? Dieser Mann hat inzwischen mehr über unsere Geschäfte herausgefunden als sämtliche Ermittler der vergangenen Jahre!“

    Der Unbekannte lächelte.

    „Dann solltest du endlich aufhören, ihn zu unterschätzen.“

    Er nahm die Wachstafel zurück.

    „Die wirklich wichtigen Unterlagen werden noch heute Nacht entfernt.“

    „Wohin?“

    „An einen Ort, den Faustus nicht erreichen kann.“

    Crispus betrachtete ihn misstrauisch.

    „Rom?“

    Der Mann antwortete nicht.

    Stattdessen ging er zur Tür.

    „Sorge dafür, dass Hadubrand seine nächsten Lieferungen vorbereitet.“

    „Und du?“

    Der Unbekannte blieb stehen.

    „Ich werde unseren Freunden beim Straßenbau einen kleinen Besuch abstatten.“

    XII. SECUNDA VIGILIA – DIE FÜNFZIG MÄNNER

    Handlungsstrang XII – Faustus und die Exploratio Imperii

    Im Legionslager von Mogontiacum ließ Faustus seine fünfzig Männer antreten.

    Fackeln erhellten den Exerzierplatz.

    Sisenna stand neben ihm.

    Marcus, Laelius und Aulus hatten ihre Vorbereitungen abgeschlossen.

    Faustus trat vor seine Männer.

    „Exploratio Imperii!“

    Die Soldaten richteten sich auf.

    „Morgen beginnen wir einen neuen Auftrag.“

    Er ging langsam an der Formation entlang.

    „Unsere Aufgabe besteht darin, den Straßenbau zwischen Mogontiacum und dem Limes zu sichern. Wir werden die Zufahrtswege überprüfen, das umliegende Gelände beobachten und mögliche Bedrohungen frühzeitig erkennen.“

    Er blieb stehen.

    „Die Gesamtverantwortung für die Operation trägt Tribunus Publius Trebellius Ovinianus. Unsere Einheit wird ihre Sicherungsaufgaben in enger Abstimmung mit ihm erfüllen.“

    Sisenna trat vor.

    „Die Männer sind eingeteilt.“

    Faustus nickte.

    „Dreißig Mann übernehmen die unmittelbare Sicherung der Baustelle. Zwölf Männer werden die umliegenden Waldwege und Zugänge erkunden. Acht Mann bleiben als bewegliche Reserve verfügbar.“

    Er betrachtete seine Soldaten.

    „Außerdem haben wir Hinweise darauf, dass sich in der Nähe der geplanten Straße eine ältere römische Anlage befindet.“

    Ein Legionär meldete sich.

    „Biarchus! Müssen wir diese Anlage untersuchen?“

    „Ja. Allerdings ausschließlich im Rahmen unseres Sicherungsauftrags und nach Abstimmung mit dem Tribun.“

    „Erwarten wir feindliche Krieger?“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Ich erwarte zunächst einmal Bäume, Schlamm und eine große Zahl ausgesprochen unzufriedener Straßenbauer.“

    Gelächter ertönte.

    Dann wurde er ernst.

    „Unsere bisherigen Ermittlungen haben gezeigt, dass sich unbekannte Personen für unsere Bewegungen interessieren. Deshalb gelten erhöhte Sicherheitsmaßnahmen.“

    Er wandte sich an Sisenna.

    „Sämtliche Wachlisten werden überprüft. Unsere Nachrichtenwege bleiben getrennt. Und niemand erhält Informationen, die er für seinen Auftrag nicht benötigt.“

    „Verstanden.“

    Faustus blickte erneut auf seine Männer.

    „Wir haben in den vergangenen Tagen viel erreicht. Aber wir haben auch gelernt, dass unsere Gegner ausgezeichnet informiert sind.“

    Er zog sein Schwert.

    „Deshalb werden wir aufmerksam bleiben.“

    Die Männer richteten sich auf.

    Faustus hob seine Waffe.

    „VIDERE!“

    Die Soldaten antworteten:

    „SCIRE!“

    „NUNTIARE!“

    Fünfzig Stimmen hallten über den Exerzierplatz.

    XIII. TERTIA VIGILIA – DER HÜGEL

    Handlungsstrang XIII – Die unbekannten Männer

    Weit außerhalb von Mogontiacum bewegten sich mehrere Gestalten durch den nächtlichen Wald.

    Sie erreichten einen bewaldeten Hügel, dessen Oberfläche von dichtem Unterholz bedeckt war.

    Einer der Männer trug eine kleine Öllampe.

    Ein anderer führte zwei Packtiere.

    Der Anführer blieb vor einer unscheinbaren Felsformation stehen.

    „Hier.“

    Seine Begleiter begannen, mehrere Steine beiseitezuräumen.

    Darunter kam eine schmale Öffnung zum Vorschein.

    Ein dunkler Gang führte in das Innere des Hügels.

    Der Anführer entzündete seine Lampe.

    „Beeilt euch.“

    Die Männer betraten den Gang.

    Nach einigen Schritten erreichten sie eine kleine Kammer.

    Dort standen mehrere alte Holzkisten.

    An der Wand befand sich eine verblasste Kennzeichnung.

    Drei senkrechte Striche.

    Ein Kreis.

    Der Anführer betrachtete sie.

    „Die alten Vorräte.“

    Einer seiner Begleiter öffnete eine Kiste.

    Darin lagen mehrere versiegelte Schriftrollen.

    „Sollen wir alles mitnehmen?“

    „Nein.“

    „Weshalb nicht?“

    „Weil unsere Auftraggeber ausdrücklich angeordnet haben, dass bestimmte Unterlagen zurückbleiben.“

    Der Mann betrachtete ihn überrascht.

    „Aber wenn die Römer sie finden?“

    Der Anführer lächelte.

    „Dann werden sie genau das glauben, was sie glauben sollen.“

    Er nahm eine der Schriftrollen.

    „Die übrigen Dokumente bringen wir noch heute Nacht fort.“

    „Und wenn uns jemand beobachtet?“

    Der Anführer blickte zum Eingang.

    „Dann sorgen wir dafür, dass er uns nicht folgen kann.“

    Die Männer begannen mit ihrer Arbeit.

    Doch keiner von ihnen bemerkte die einzelne Gestalt, die sich zwischen den Bäumen oberhalb des Eingangs verborgen hielt.

    Ein römischer Speculator.

    Er hatte den Auftrag erhalten, den Hügel bereits in dieser Nacht aus sicherer Entfernung zu beobachten.

    Und nun wusste er, dass sich dort tatsächlich eine verborgene Anlage befand.

    XIV. QUARTA VIGILIA – DIE MELDUNG

    Handlungsstrang XIV – Die erste Entdeckung

    Kurz vor Tagesanbruch erreichte ein erschöpfter Speculator das provisorische Quartier des Faustus.

    Sisenna öffnete ihm die Tür.

    „Was gibt es?“

    „Eine dringende Meldung vom Hügel.“

    Faustus erhob sich sofort.

    „Berichte.“

    Der Mann nahm Haltung an.

    „Biarchus, wir haben mehrere Personen beobachtet, die während der Nacht eine verborgene Öffnung im Hügel freigelegt haben.“

    Faustus wurde aufmerksam.

    „Wie viele?“

    „Mindestens sechs.“

    „Bewaffnet?“

    „Einige von ihnen.“

    „Was haben sie getan?“

    „Sie haben mehrere Behälter aus dem Hügel getragen und auf Packtiere verladen.“

    Sisenna blickte Faustus an.

    „Dann existiert die Anlage tatsächlich.“

    Faustus nickte langsam.

    „Offenbar.“

    „Sollen wir sofort aufbrechen?“

    Der Biarchus betrachtete die Karte.

    „Noch nicht.“

    Sisenna stöhnte.

    „Bei allen Göttern!“

    Faustus hob die Hand.

    „Wir haben einen klaren militärischen Auftrag. Der Tribun muss über diese Entdeckung informiert werden.“

    Er wandte sich an den Speculator.

    „Wohin haben die Männer ihre Ladung gebracht?“

    „Nach Süden.“

    „Wurden sie verfolgt?“

    „Zwei unserer Männer beobachten ihren Weg. Sie haben ausdrücklich den Befehl, keinen Kampf zu beginnen.“

    Faustus nickte.

    „Ausgezeichnet.“

    Er nahm eine Wachstafel und begann zu schreiben.

    Sisenna betrachtete ihn.

    „Was hast du vor?“

    „Ich werde dem Tribun einen ausgesprochen interessanten Bericht übermitteln.“

    „Und anschließend?“

    Faustus lächelte.

    „Anschließend werden wir eine Straße bauen.“

    Sisenna schüttelte den Kopf.

    „Du bist vollkommen verrückt.“

    Faustus betrachtete ihn.

    „Möglich. Aber wenigstens werden wir dabei eine ausgezeichnete Straße erhalten.“

    XV. PRIMA LUX – DER BEGINN EINER NEUEN OPERATION

    Handlungsstrang XV – Ovinianus und seine Offiziere

    Als die ersten Sonnenstrahlen über Mogontiacum erschienen, versammelten sich die verantwortlichen Offiziere der Straßenbauoperation.

    Publius Trebellius Ovinianus stand vor seiner Karte.

    Spurius Stenius Ovianus überprüfte die Einteilung seiner Arbeitsgruppen.

    Kaeso Herdonius Acilianus kontrollierte die vorgesehenen Materialtransporte.

    Faustus Iunius Rupa trat gemeinsam mit Sisenna ein.

    „Tribunus.“

    Ovinianus blickte auf.

    „Biarchus. Du siehst aus, als hättest du eine interessante Nacht hinter dir.“

    Faustus lächelte.

    „Das könnte man so ausdrücken.“

    Er überreichte dem Tribun seinen Bericht.

    Ovinianus las aufmerksam.

    Seine Miene veränderte sich.

    „Eine unterirdische Anlage?“

    „Ja.“

    „Unmittelbar neben unserer geplanten Straße?“

    „Nach unseren bisherigen Beobachtungen.“

    Spurius trat näher.

    „Dann müssen wir den Untergrund überprüfen.“

    Kaeso verschränkte die Arme.

    „Und ich möchte wissen, ob meine schweren Transportwagen gefahrlos über diesen Abschnitt fahren können.“

    Ovinianus betrachtete die Karte.

    Dann traf er seine Entscheidung.

    „Wir werden den Hügel untersuchen.“

    Er wandte sich an Spurius.

    „Du bereitest die Erdarbeiten vor. Allerdings wird in unmittelbarer Nähe der vermuteten Anlage zunächst nicht gegraben.“

    „Verstanden.“

    „Kaeso, du organisierst die Materialtransporte und hältst ausreichend Bauholz für mögliche Sicherungsarbeiten bereit.“

    „Jawohl.“

    Anschließend betrachtete er Faustus.

    „Deine Männer sichern das Gelände. Ich möchte wissen, ob sich dort noch weitere unbekannte Personen aufhalten.“

    „Verstanden, Tribun.“

    Ovinianus legte die Karte beiseite.

    „Und der Mensor?“

    Varus trat vor.

    „Ich bin bereit.“

    „Ausgezeichnet.“

    Der Tribun nahm seinen Helm.

    „Dann werden wir uns diesen Hügel einmal genauer ansehen.“

    Faustus betrachtete die Karte.

    Er wusste noch nicht, welche Geheimnisse unter der Erde verborgen lagen.

    Doch die Ereignisse der vergangenen Tage hatten ihn eines gelehrt:

    Seine Gegner versuchten nicht mehr ausschließlich, ihn von ihren Geschäften fernzuhalten.

    Sie begannen, seine Ermittlungen gezielt zu lenken.

    Und genau das machte sie gefährlich.

    ENDE DIES XXII – ITER OCCULTUM

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