DIE PRINZESSIN VON NISA
In den östlichen Weiten des Partherreiches, dort, wo die gewaltigen Gebirgszüge in die trockenen Ebenen übergingen und die Karawanenstraßen die reichen Städte des Orients miteinander verbanden, lag die alte Königsstadt Nisa. Einst war sie ein bedeutendes Zentrum der arsakidischen Herrscher gewesen, und noch immer lebten in ihrer Umgebung Angehörige jener vornehmen Familien, deren Abstammung bis in die frühen Tage des parthischen Großreiches zurückreichte. In dieser Welt wurde Selina geboren.
Sie war die jüngere Tochter eines parthischen Prinzen namens Artaban, dessen Familie einer Seitenlinie des arsakidischen Herrscherhauses entstammte. Ihre Mutter Roxana gehörte ebenfalls dem Hochadel an und hatte ihrem Gemahl zwei Töchter geschenkt. Die ältere, Atossa, war bereits ein junges Mädchen, als Selina geboren wurde. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte Selina in einer Welt, die von Wohlstand, höfischen Gebräuchen und einer beinahe grenzenlosen Geborgenheit geprägt war. Das fürstliche Anwesen ihrer Familie lag außerhalb der eigentlichen Stadt und war von hohen Mauern, schattigen Gärten und weitläufigen Stallungen umgeben. Wasser floss durch kunstvoll angelegte Kanäle, und die Innenhöfe waren mit kostbaren Teppichen und farbigen Wandverzierungen ausgestattet. Selina wuchs unter der Obhut ihrer Mutter, ihrer älteren Schwester und zahlreicher Dienerinnen auf. Besonders eng war ihre Beziehung zu Arshama, einer älteren Zofe, die bereits Roxana seit deren Jugend begleitet hatte. Schon früh zeigte sich, dass Selina keineswegs jenes stille und gehorsame Mädchen war, das man am parthischen Hof von einer Prinzessin erwartete. Während ihre Schwester Freude an Musik, Stickereien und den Unterweisungen der Hofdamen fand, zog es Selina immer wieder in die Stallungen und auf die Übungsplätze der fürstlichen Leibwache. Sie beobachtete die Reiter, die mit ihren mächtigen Reflexbögen übten, und versuchte, die Bewegungen der Schwertkämpfer nachzuahmen. Nicht selten wurde sie von den Stallmeistern auf einem kleinen Pferd angetroffen, obwohl ihr Vater ausdrücklich verboten hatte, dass sie ohne Begleitung ausritt.
Artaban betrachtete diese Eigenwilligkeit seiner jüngsten Tochter mit einer Mischung aus Sorge und heimlichem Stolz. Er selbst war ein erfahrener Reiter und hatte in seiner Jugend an mehreren Feldzügen teilgenommen. Dennoch wusste er, dass Selinas Zukunft nach den Vorstellungen seiner Familie in einer standesgemäßen Heirat liegen würde. Niemand konnte damals ahnen, dass gerade jene Fähigkeiten, für die sie als Kind häufig getadelt wurde, eines Tages über ihr Überleben entscheiden sollten. Denn während Selina in den Gärten von Nisa spielte, geriet ihre Familie zunehmend in den Strudel der parthischen Thronstreitigkeiten.
DIE NACHT DES VERRATS
Das Partherreich war zu jener Zeit keineswegs ein geschlossenes und friedliches Staatswesen. Verschiedene Zweige der arsakidischen Dynastie beanspruchten die Herrschaft, während mächtige Adelsfamilien versuchten, durch wechselnde Bündnisse ihren Einfluss zu bewahren. Artaban hatte sich lange bemüht, zwischen den verfeindeten Lagern eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Doch gerade diese Zurückhaltung machte ihn verdächtig. Für die Anhänger eines rivalisierenden Thronprätendenten erschien er als möglicher Gegner, dessen Herkunft und Ansehen eines Tages gefährlich werden konnten. Schließlich wurde beschlossen, seine Familie vollständig zu beseitigen. Der Überfall erfolgte in einer warmen Nacht, als die meisten Bewohner des Anwesens bereits schliefen. Eine Gruppe bewaffneter Männer hatte sich mit Unterstützung bestochener Bediensteter Zugang zu den äußeren Gebäuden verschafft. Die Wachen wurden überwältigt, ehe sie Alarm schlagen konnten. Innerhalb kurzer Zeit verwandelte sich das friedliche Anwesen in einen Ort des Schreckens.
Die Angreifer gingen mit einer Grausamkeit vor, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie nicht lediglich Artaban töten, sondern seine gesamte Familie auslöschen sollten. Männer wurden erschlagen, Diener niedergemacht und die Gemächer systematisch durchsucht. Auch die Frauen des Hauses blieben nicht verschont. Selina, damals kaum neun Jahre alt, wurde Zeugin jener Ereignisse, die ihr weiteres Leben bestimmen sollten. Sie musste mit ansehen, wie ihre Mutter und ihre ältere Schwester von den Eindringlingen misshandelt und sexuell erniedrigt wurden, bevor man sie ermordete. Die Schreie der beiden Frauen, ihre verzweifelten Bitten und schließlich die unheimliche Stille nach ihrem Tod brannten sich tief in das Gedächtnis des Kindes ein. Selina war zu jung, um die politischen Hintergründe zu begreifen. Sie verstand weder die Namen der verfeindeten Thronanwärter noch die Gründe, weshalb Männer, die noch wenige Wochen zuvor Gäste ihres Vaters gewesen waren, nun mit gezogenen Schwertern durch die Gemächer zogen. Sie verstand nur, dass ihre Familie vernichtet wurde.
Ihr eigenes Leben verdankte sie Arshama. Die alte Zofe hatte sich während des Überfalls in den rückwärtigen Teil der Frauengemächer retten können. Als sie Selina fand, gelang es ihr, das verstörte Mädchen durch einen schmalen Versorgungsgang aus dem Gebäude zu führen. Arshama kannte jeden Winkel des Anwesens. Sie wusste von einer kleinen Pforte, die von den Vorratsräumen in einen abgelegenen Garten führte und nur selten benutzt wurde. Durch diese Öffnung entkamen die beiden in die Dunkelheit. Hinter ihnen standen bereits Teile des Palastes in Flammen. Selina trug nichts bei sich außer ihrer Kleidung und einem kleinen goldenen Anhänger, den ihre Mutter ihr einst geschenkt hatte. Das Schmuckstück zeigte das Wappentier ihrer Familie und blieb fortan die einzige greifbare Erinnerung an ihre Herkunft. Noch in derselben Nacht verließen sie die Umgebung von Nisa. Die Prinzessin hatte ihre Familie, ihren gesellschaftlichen Rang und ihre Heimat verloren. Was ihr blieb, war eine alte Dienerin, die entschlossen war, das Kind um jeden Preis am Leben zu erhalten.
DIE FLUCHT IN DIE BERGE
Die folgenden Monate waren von Hunger, Erschöpfung und ständiger Angst geprägt. Arshama wusste, dass die Mörder ihrer Herrschaft möglicherweise nach überlebenden Angehörigen suchen würden. Deshalb vermied sie größere Siedlungen und die bekannten Handelsstraßen. Selinas Haare wurden kurz geschnitten, ihre kostbare Kleidung gegen einfache Gewänder getauscht und ihre Herkunft sorgfältig verschwiegen. Die beiden gaben sich als Großmutter und Enkel aus. Anfangs hoffte Arshama noch, bei entfernten Verwandten der Familie Schutz finden zu können. Doch Nachrichten über weitere Verhaftungen und Hinrichtungen machten deutlich, dass selbst ehemalige Freunde Artabans gefährlich geworden waren. So führte ihre Flucht immer weiter nach Westen. Sie durchquerten abgelegene Täler, schliefen in verlassenen Gebäuden und verdienten gelegentlich etwas Nahrung durch einfache Arbeiten. Selina, die zuvor niemals Hunger gekannt hatte, musste lernen, mit wenigen Datteln und trockenem Brot auszukommen. Besonders schwer waren die Nächte.
Immer wieder wurde sie von Erinnerungen an den Überfall heimgesucht. Das Gesicht ihrer Mutter, die Schreie ihrer Schwester und die blutverschmierten Waffen der Mörder erschienen ihr im Schlaf mit einer Deutlichkeit, die sie schreiend erwachen ließ. Arshama versuchte, sie zu trösten, doch auch die alte Frau hatte bei dem Überfall Menschen verloren, denen sie ihr ganzes Leben gedient hatte.
Im Laufe der Zeit veränderte sich Selina. Das unbeschwerte Mädchen wurde stiller und misstrauischer. Fremde Männer beobachtete sie mit besonderer Vorsicht. Sie gewöhnte sich daran, niemals mit dem Rücken zu einer offenen Tür zu sitzen und bei jedem unbekannten Geräusch aufzuschrecken. Diese Verhaltensweisen sollten sie noch viele Jahre begleiten. Schließlich gerieten die Flüchtlinge in einer abgelegenen Gebirgsregion in einen Hinterhalt. Bewaffnete Reiter umstellten sie auf einem schmalen Weg und brachten sie in ein verstecktes Lager. Es handelte sich um eine Bande von Räubern, die von Überfällen auf Karawanen, Schmuggel und der Erpressung wohlhabender Reisender lebte. Ihr Anführer war ein Mann namens Bandan. Er war bereits in mittleren Jahren, von kräftiger Gestalt und besaß ein von Narben gezeichnetes Gesicht. Sein Ruf reichte weit über die Gebirgstäler hinaus. Händler fürchteten seine Männer, und selbst kleinere militärische Abteilungen mieden jene Schluchten, in denen er seine Lager errichtete. Bandan war ein harter Mann, dessen Leben von Gewalt und Gesetzlosigkeit bestimmt wurde. Doch er besaß auch Eigenschaften, die Selina zunächst nicht verstand. Er hielt sein Wort, verlangte unbedingte Disziplin und ließ bestimmte Übergriffe innerhalb seiner Bande nicht zu. Vor allem hatte er eine Schwäche für Kinder, nachdem er Jahre zuvor seine eigene Tochter durch eine Krankheit verloren hatte. In Selina glaubte er etwas von dem verlorenen Mädchen wiederzuerkennen. Arshama und ihre junge Schutzbefohlene wurden deshalb nicht weiterverkauft oder vertrieben, sondern durften im Lager bleiben. Aus einer Gefangenschaft wurde allmählich eine neue Heimat.
BANDAN UND SEINE WÖLFIN
Bandans Lager lag in einem schwer zugänglichen Tal, das von steilen Felswänden und dichten Gehölzen geschützt wurde. Mehrere Höhlen dienten als Vorratsräume, während die Männer in einfachen Hütten und Zelten lebten. Die Pferde wurden in einem natürlichen Felskessel gehalten, dessen Zugang sich leicht verteidigen ließ. Die Gemeinschaft bestand aus Männern unterschiedlichster Herkunft. Unter ihnen befanden sich ehemalige Soldaten, desertierte Söldner, verarmte Bauern, flüchtige Verbrecher und Angehörige verschiedener Völker des parthischen Grenzraumes. Für Selina eröffnete sich damit eine Welt, die kaum gegensätzlicher zu ihrer Kindheit hätte sein können. Anstelle höfischer Zeremonien bestimmten nun Waffen, Pferde, Beutezüge und die täglichen Anforderungen des Überlebens ihr Leben. Bandan nahm sich persönlich ihrer Erziehung an. Anfangs betrachtete er das Mädchen lediglich als eine Art Ersatz für seine verstorbene Tochter. Doch schon bald erkannte er ihre ungewöhnliche Auffassungsgabe und ihren ausgeprägten Willen. Selina zeigte wenig Interesse an den traditionellen Arbeiten der Frauen im Lager. Stattdessen beobachtete sie die Männer beim Waffenreinigen, beim Bogenschießen und bei ihren Übungen. Besonders faszinierte sie der Umgang mit dem parthischen Reiterbogen. Bandan ließ schließlich zu, dass sie unter Anleitung eines erfahrenen Bogenschützen trainierte. Was zunächst als Beschäftigung für ein neugieriges Kind gedacht war, entwickelte sich rasch zu einer ernsthaften Ausbildung. Selina erwies sich als ausdauernd und lernbegierig. Sie übte stundenlang, bis ihre Finger wund waren und ihre Arme schmerzten. Niederlagen machten sie nicht mutlos, sondern steigerten ihren Ehrgeiz. Bald beherrschte sie nicht nur den Bogen, sondern auch den Umgang mit Dolch und Kurzschwert. Ein ehemaliger griechischer Söldner brachte ihr Techniken des Ringkampfes bei. Von einem alten Reiter lernte sie, sich selbst bei hoher Geschwindigkeit sicher im Sattel zu halten. Andere Männer unterrichteten sie im Fährtenlesen und in der Orientierung in unwegsamem Gelände. Bandan selbst übernahm den wichtigsten Teil ihrer Ausbildung. Er lehrte sie, dass der Ausgang eines Kampfes häufig bereits entschieden war, bevor die ersten Waffen gezogen wurden. Selina lernte, die Stärke eines Gegners einzuschätzen, günstige Geländeabschnitte zu erkennen und die Bewegungen größerer Gruppen vorauszuberechnen. Sie musste Fluchtwege festlegen, Wasserstellen berücksichtigen und dafür sorgen, dass ein erfolgreicher Überfall nicht durch eine unüberlegte Verfolgung zur Katastrophe wurde. Dabei entwickelte sie eine bemerkenswerte Fähigkeit, verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Bandan erkannte schließlich, dass seine Pflegetochter nicht nur eine ausgezeichnete Kämpferin, sondern auch eine mögliche Nachfolgerin war. Im Alter von sechzehn Jahren durfte Selina erstmals an einem kleineren Beutezug teilnehmen. Zwei Jahre später führte sie bereits selbst bewaffnete Männer. Unter den Bewohnern der umliegenden Täler verbreitete sich bald die Geschichte von einer jungen, schwarzhaarigen Räuberin, die ebenso schön wie gefährlich sein sollte.
Man nannte sie die Wölfin der Berge.
DIE SCHÖNE UND GEFÜRCHTETE RÄUBERIN
Aus dem verängstigten Kind war eine außergewöhnliche junge Frau geworden. Selina besaß eine schlanke, zierliche Gestalt, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit kaum erkennen ließ. Ihr langes schwarzes Haar, ihre dunklen Augen und die feinen Gesichtszüge verrieten noch immer ihre vornehme Herkunft. Ihre Schönheit blieb auch den Männern in Bandans Lager nicht verborgen. Mehr als einer hätte die junge Frau gerne für sich gewonnen. Doch Bandan hatte unmissverständlich klargestellt, dass Selina unter seinem persönlichen Schutz stand. Wer diesen Schutz missachtete, musste mit schwersten Konsequenzen rechnen. Hinzu kam, dass Selina selbst längst in der Lage war, unerwünschte Annäherungen entschieden zurückzuweisen. Ihre Fähigkeiten im bewaffneten und unbewaffneten Kampf hatten ihr innerhalb der Bande erheblichen Respekt verschafft. Selbst ältere und erfahrene Männer begegneten ihr mit Vorsicht. Dennoch war ihr Leben keineswegs unbeschwert. Die Erinnerungen an Nisa begleiteten sie weiterhin. Besonders in stillen Stunden kehrten die Bilder jener Nacht zurück. Selina hatte gelernt, ihre Gefühle hinter einer kontrollierten und manchmal beinahe kalten Fassade zu verbergen. Nur Arshama kannte die Verletzlichkeit, die sich dahinter verbarg.
Die alte Dienerin hatte ihre Schützlingin niemals verlassen. Während Selina zu einer gefürchteten Kämpferin heranwuchs, bewahrte Arshama die Erinnerungen an ihre Kindheit und unterrichtete sie weiterhin in den Sprachen und Gebräuchen des parthischen Adels. So blieb Selina trotz ihres Lebens unter Gesetzlosen eine gebildete Frau. Sie beherrschte ihre Muttersprache, sprach Griechisch und konnte lesen und schreiben. Sie kannte die Regeln höfischer Etikette und war mit den religiösen Vorstellungen ihrer Heimat vertraut. Diese Verbindung aus adeliger Erziehung und jahrelanger Kampferfahrung machte sie zu einer ungewöhnlichen Persönlichkeit. Innerhalb der Bande übernahm sie zunehmend Verantwortung. Sie plante Überfälle, teilte Männer ein und organisierte den Rückzug. Dabei zeigte sie eine besondere Abneigung gegen unnötige Grausamkeit. Wehrlose Reisende zu töten, nur um Widerstand auszuschließen, erschien ihr ebenso sinnlos wie die Misshandlung von Gefangenen. Diese Haltung brachte sie gelegentlich in Konflikt mit anderen Banditen.
Bandan unterstützte sie jedoch weitgehend, weil ihre Überfälle meist erfolgreich verliefen und sie ihre Männer nur selten unnötigen Gefahren aussetzte. Allmählich entstand der Eindruck, dass Selina eines Tages tatsächlich die Führung der Bande übernehmen könnte. Doch dazu sollte es niemals kommen.
DER HINTERHALT
Der verhängnisvolle Tag begann wie viele andere. Eine Nachricht hatte das Lager erreicht, dass eine wohlhabende Karawane einen wenig benutzten Gebirgspass überqueren würde. Die Ladung sollte aus kostbaren Stoffen, Gewürzen und Silber bestehen, während die Bewachung angeblich nur schwach war. Selina erhielt den Auftrag, die Karawane mit einer kleinen Gruppe abzufangen. Bereits bei der Vorbereitung empfand sie die Informationen als ungewöhnlich günstig. Dennoch ließ sie sich überzeugen, dass ein schneller Überfall möglich sei. Mit zwölf Männern verließ sie das Lager. Der Weg führte durch eine enge Schlucht, deren steile Hänge nur wenige Möglichkeiten zum Ausweichen boten. Als Selina die ersten Unregelmäßigkeiten bemerkte, war es bereits zu spät. Die vermeintliche Karawane war eine Falle. Bewaffnete Männer hatten die Höhen besetzt und warteten auf das Eintreffen der Räuber. Noch bevor Selina ihre Gruppe vollständig zurückziehen konnte, setzte ein Pfeilhagel ein. Mehrere ihrer Begleiter wurden unmittelbar getroffen. Die Überlebenden versuchten, hinter Felsen Schutz zu finden, während weitere Gegner die Zugänge zur Schlucht versperrten. Selina kämpfte mit jener Entschlossenheit, die sie während ihrer langen Ausbildung erworben hatte. Sie setzte zunächst ihren Bogen ein und verteidigte sich später mit dem Schwert gegen die heranstürmenden Angreifer. Doch die Übermacht war erdrückend. Einer ihrer engsten Gefährten fiel unmittelbar neben ihr. Andere wurden verwundet oder von ihren Pferden gerissen. Schließlich traf Selina ein schwerer Schlag am Kopf. Sie verlor das Bewusstsein. Als sie wieder erwachte, lag sie gefesselt zwischen mehreren Gefangenen. Die meisten ihrer Männer waren tot. Nur wenige hatten den Kampf überlebt. Später erfuhr sie, dass ein Verräter aus Bandans Umfeld die Informationen über den geplanten Überfall weitergegeben hatte. Die Angreifer waren keine gewöhnlichen Karawanenwachen, sondern eine bewaffnete Gruppe, die mit Sklavenhändlern zusammenarbeitete. Die Überlebenden wurden als Beute betrachtet. Für Selina begann damit ein neuer Abschnitt ihres Lebens, der sie weiter von ihrer Heimat entfernen sollte, als sie jemals für möglich gehalten hätte.
DER WEG IN DIE SKLAVEREI
Die Gefangenen wurden zunächst zu einem größeren Handelsplatz gebracht und dort verschiedenen Sklavenhändlern angeboten. Selina fiel wegen ihres Aussehens und ihrer Jugend sofort auf. Die Händler erkannten rasch, dass eine junge Frau von solcher Schönheit auf den Märkten der wohlhabenden Städte des Mittelmeerraumes einen hohen Preis erzielen konnte. Ihre Bildung und ihre Sprachkenntnisse steigerten ihren Wert zusätzlich. Besonders begehrt erschien sie jenen Käufern, die nach jungen Frauen für ihre privaten Haushalte oder für sexuelle Dienste suchten. Selina begriff sehr schnell, welches Schicksal ihr drohte. Sie hatte jahrelang gelernt, sich gegen bewaffnete Männer zu behaupten, doch nun waren ihre Hände gefesselt, und jeder Versuch der Gegenwehr wurde mit Schlägen beantwortet. Mehrfach versuchte sie zu fliehen. Einmal gelang es ihr sogar, einem Wächter einen Schlüssel zu entwenden. Ihre Flucht scheiterte jedoch, als sie kurz vor dem Verlassen des Lagers entdeckt wurde. Danach wurde sie besonders streng bewacht. Der lange Transport führte sie über verschiedene Handelsstationen schließlich an die Küste. Von dort gelangte sie auf einem Schiff nach Griechenland. Die Überfahrt war für sie eine qualvolle Erfahrung. Sie hatte zuvor nur selten das Meer gesehen und empfand das Eingesperrtsein unter Deck als unerträglich. Die schlechte Luft, die Enge und die ständige Ungewissheit über ihre Zukunft verstärkten ihre Verzweiflung. Dennoch bewahrte sie einen Rest jener inneren Unabhängigkeit, die Bandan ihr vermittelt hatte.Sie verweigerte den Händlern jede freiwillige Auskunft über ihre Vergangenheit. Weder ihre königliche Abstammung noch die Jahre als Anführerin einer Räubergruppe wurden bekannt. Für die Händler war sie lediglich eine schöne junge Partherin, deren Herkunft sich nicht mehr genau feststellen ließ. Schließlich erreichte das Schiff den Hafen von Piräus. Wenig später wurde Selina nach Athen gebracht. Dort sollte sie auf einem der Sklavenmärkte an den Meistbietenden verkauft werden.
ATHEN – DIE BEGEGNUNG MIT TITUS AURELIUS ROMANUS
Athen war zu jener Zeit noch immer eine Stadt von großer kultureller Bedeutung. Zwar hatte Rom längst die politische Herrschaft über Griechenland übernommen, doch die Schulen, Bibliotheken und philosophischen Lehrstätten der Stadt zogen weiterhin junge Männer aus wohlhabenden römischen Familien an. Unter ihnen befand sich auch Titus Aurelius Romanus. Der junge Angehörige der angesehenen Gens Aurelia hielt sich im Rahmen seiner Ausbildung in Griechenland auf. Begleitet wurde er von seinem Lehrer Sokrates, einem gebildeten Griechen, der ihn in Philosophie, Rhetorik und den geistigen Traditionen der hellenischen Welt unterrichtete. Titus war in einem wohlhabenden römischen Haushalt aufgewachsen und hatte früh gelernt, welche gesellschaftlichen Verpflichtungen mit seiner Herkunft verbunden waren. Seine Ausbildung sollte ihn auf ein Leben vorbereiten, in dem politische Beziehungen, wirtschaftliche Verantwortung und persönliche Ehre eine wichtige Rolle spielten. An jenem Tag hatten Titus und Sokrates ursprünglich beabsichtigt, einen Händler aufzusuchen, der seltene griechische Schriften zum Verkauf anbot. Auf ihrem Weg durch die Stadt gelangten sie zufällig in die Nähe eines Sklavenmarktes. Dort erregte eine junge Frau die Aufmerksamkeit des älteren Lehrers. Selina stand auf einer erhöhten Verkaufsfläche zwischen mehreren anderen Gefangenen. Man hatte sie sorgfältig gekleidet und ihr Haar geordnet, um ihren Wert möglichst vorteilhaft erscheinen zu lassen. Ihre äußere Erscheinung unterschied sich jedoch deutlich von ihrem Verhalten. Während andere Gefangene eingeschüchtert zu Boden blickten, beobachtete Selina die umstehenden Männer mit auffallender Aufmerksamkeit. Sie wirkte weder unterwürfig noch bereit, sich mit ihrer Lage abzufinden. Besonders bemerkenswert erschien Sokrates die Art, wie sie sich bewegte. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Schritte kontrolliert, und selbst in der beengten Situation schien sie ständig die Entfernung zu den Wächtern und mögliche Fluchtwege einzuschätzen. Der erfahrene Lehrer erkannte darin Eigenschaften, die nicht zu der Beschreibung des Händlers passten.
Als er Selina auf Griechisch ansprach, stellte sich außerdem heraus, dass sie die Sprache fließend beherrschte. Ihre Antworten waren zurückhaltend, aber präzise. Sie verrieten Bildung und eine Auffassungsgabe, die Sokrates sofort beeindruckten. Auch Titus begann sich für die junge Partherin zu interessieren. Zunächst war es ihre ungewöhnliche Schönheit gewesen, die ihm aufgefallen war. Doch je länger er sie beobachtete, desto deutlicher wurde ihm, dass diese Frau eine Geschichte besitzen musste, die weit über das hinausging, was der Händler über sie berichtete. Sokrates empfahl seinem Schüler schließlich, Selina zu erwerben. Er war überzeugt, dass sich hinter der schweigsamen jungen Frau eine außergewöhnliche Persönlichkeit verbarg. Titus zögerte zunächst. In seinem Haushalt gab es bereits zahlreiche Bedienstete, und er hatte keinen unmittelbaren Bedarf an einer weiteren Sklavin. Auch der verlangte Preis war beträchtlich. Doch das Urteil seines Lehrers besaß für ihn erhebliches Gewicht. Nach längeren Verhandlungen wurde Selina schließlich an Titus Aurelius Romanus verkauft. Für die Händler war die Angelegenheit damit abgeschlossen. Für Selina bedeutete der Kauf zunächst lediglich einen erneuten Wechsel ihres Besitzers. Sie hatte keine Vorstellung davon, wer dieser junge Römer tatsächlich war und welche Bedeutung er eines Tages für ihr Leben gewinnen würde.
DIE ERSTEN WOCHEN IM HAUSE DES AURELIERS
Titus ließ Selina zunächst in dem Haus unterbringen, das er während seines Aufenthalts in Athen bewohnte. Sie erhielt ein eigenes kleines Gemach, frische Kleidung und ausreichend Nahrung. Man übertrug ihr einfache Aufgaben innerhalb des Haushaltes, ohne sie zu schweren körperlichen Arbeiten heranzuziehen. Diese Behandlung machte Selina misstrauisch. Ihre bisherigen Erfahrungen hatten sie gelehrt, dass Freundlichkeit häufig nur ein Mittel war, um Vertrauen zu gewinnen und später Forderungen zu stellen. Besonders die Möglichkeit, erneut sexuell ausgebeutet zu werden, erfüllte sie mit Furcht und Abscheu. Doch Titus zeigte keinerlei Absicht, sie in dieser Weise zu benutzen. Er betrachtete Selina zunächst als eine ungewöhnlich gebildete Dienerin, deren Sprachkenntnisse und Auffassungsgabe für seinen Haushalt nützlich sein konnten. Sokrates beschäftigte sich gelegentlich mit ihr und stellte bald fest, dass sie über bemerkenswerte Kenntnisse der parthischen Geschichte und der höfischen Kultur verfügte.Selina wiederum beobachtete ihren neuen Herrn mit derselben Genauigkeit, mit der sie früher die Männer einer feindlichen Karawane eingeschätzt hatte. Sie erkannte, dass Titus zwar an gesellschaftliche Vorrechte gewöhnt war, aber keineswegs gedankenlos mit den Menschen seiner Umgebung umging. Er konnte anspruchsvoll und ungeduldig sein, besaß jedoch auch die Fähigkeit, gute Leistungen anzuerkennen und Ratschläge anzunehmen.Allmählich entwickelte sich zwischen beiden ein vorsichtiges Vertrauen. Selina begann, ihre Aufgaben mit größerer Selbstverständlichkeit zu erfüllen. Sie half bei der Ordnung von Schriftrollen, begleitete gelegentlich Einkäufe und unterstützte die Verwaltung kleinerer Angelegenheiten des Haushaltes. Dabei fiel Titus ihre außergewöhnliche Beobachtungsgabe auf. Sie erkannte verdächtige Fremde, bemerkte Unregelmäßigkeiten im Verhalten von Besuchern und erinnerte sich an Einzelheiten, denen andere kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Noch wusste Titus nicht, woher diese Fähigkeiten stammten. Das änderte sich durch einen Zufall.
DIE VERBORGENE KRIEGERIN
Eines Morgens beobachtete Titus Selina im Garten des Hauses. Sie hatte sich einen einfachen Übungsbogen beschafft und schoss damit auf ein kleines Ziel, das sie an einer Holzwand befestigt hatte. Ihre Bewegungen waren sicher und fließend. Die Pfeile trafen mit einer Genauigkeit, die selbst unter geübten Bogenschützen bemerkenswert gewesen wäre. Titus war überrascht. Er hatte zwar bemerkt, dass Selina über eine ungewöhnlich gute Körperbeherrschung verfügte, doch nichts hatte ihn auf diese Fähigkeiten vorbereitet. In den folgenden Tagen wurde deutlich, dass ihre Kenntnisse weit über den Umgang mit dem Bogen hinausgingen. Bei einer Übung mit hölzernen Schwertern gelang es ihr, einen erfahrenen Bediensteten des Hauses innerhalb kurzer Zeit zu entwaffnen. Auch Titus selbst, der im Rahmen seiner Erziehung Unterricht im Waffenhandwerk erhalten hatte, musste feststellen, dass die junge Partherin eine äußerst unangenehme Gegnerin war. Selina kämpfte nicht mit der Kraft eines schweren Infanteristen. Ihre Stärke lag in ihrer Schnelligkeit, ihrem Gleichgewicht und ihrer Fähigkeit, Bewegungen vorauszusehen. Sie nutzte die Kraft ihres Gegners gegen ihn und vermied es, sich auf einen längeren Kampf einzulassen, wenn ein schneller Angriff erfolgversprechender erschien. Besonders bemerkenswert war ihre Ruhe. Während andere Kämpfer bei einem unerwarteten Angriff häufig unüberlegt reagierten, schien Selina selbst in schwierigen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren. Titus begann, ihre Vergangenheit mit anderen Augen zu betrachten. Eine junge Frau, die solche Fähigkeiten besaß, konnte kaum ihr ganzes Leben in einem gewöhnlichen Haushalt verbracht haben. Selina gab zunächst nur wenig preis. Erst nach und nach berichtete sie von den Jahren unter Bandan, von ihrer Ausbildung und von den Überfällen, an denen sie teilgenommen hatte. Ihre königliche Herkunft verschwieg sie weiterhin. Titus war jedoch inzwischen überzeugt, dass er nicht nur eine außergewöhnliche Dienerin erworben hatte, sondern eine Frau, deren Fähigkeiten selbst für erfahrene Soldaten von Nutzen sein konnten.
DAS VERTRAUEN DES TITUS
Die eigentliche Veränderung ihres Verhältnisses erfolgte während eines Zwischenfalls in Athen. Titus hatte sich mit Sokrates und zwei Bediensteten auf den Weg zu einem wohlhabenden Bekannten gemacht. Selina begleitete die kleine Gruppe, da sie inzwischen häufig als Übersetzerin und persönliche Dienerin eingesetzt wurde. Auf dem Rückweg gerieten sie in einer schmalen Straße an mehrere bewaffnete Männer. Ob es sich um gewöhnliche Straßenräuber handelte oder ob der Angriff gezielt gegen Titus gerichtet war, ließ sich später nicht mit Sicherheit feststellen. Die Angreifer versuchten jedenfalls, die kleine Gruppe zu umstellen. Noch bevor die beiden männlichen Bediensteten ihre Waffen vollständig ziehen konnten, hatte Selina die Gefahr erkannt. Sie drängte Titus aus der unmittelbaren Angriffslinie, zog einen verborgenen Dolch und stellte sich zwischen ihn und die heranstürmenden Männer. Der folgende Kampf dauerte nur wenige Augenblicke. Selina verletzte einen Angreifer am Arm, brachte einen zweiten zu Fall und verschaffte den übrigen Begleitern damit genügend Zeit, ihre Waffen einzusetzen. Als sich weitere Passanten näherten, ergriffen die Räuber die Flucht. Titus blieb unverletzt. Selina hingegen hatte sich eine leichte Schnittwunde an der Schulter zugezogen. Für den jungen Aurelier war dieser Vorfall von erheblicher Bedeutung. Er hatte gesehen, mit welcher Entschlossenheit die Partherin gehandelt hatte. Obwohl sie selbst hätte fliehen können, war sie geblieben und hatte sein Leben verteidigt. Dabei hatte sie nicht auf einen Befehl gewartet. Sie hatte die Situation erkannt und selbstständig gehandelt. Von diesem Tag an veränderte sich ihre Stellung im Haushalt. Titus zog sie häufiger zu Fragen seiner persönlichen Sicherheit hinzu und begann, ihre Einschätzungen ernst zu nehmen. Selina wiederum erkannte, dass sie in seinem Dienst nicht nur geduldet, sondern wegen ihrer Fähigkeiten geschätzt wurde. Zum ersten Mal seit ihrer Gefangennahme hatte sie wieder das Gefühl, über einen Teil ihres eigenen Lebens bestimmen zu können.
DAS GEHEIMNIS IHRER HERKUNFT
Es dauerte noch längere Zeit, bis Selina ihrem Herrn die vollständige Geschichte ihrer Herkunft anvertraute. Die Erinnerungen an Nisa waren für sie mit so großer Scham, Trauer und Angst verbunden, dass sie selbst gegenüber Menschen, denen sie vertraute, nur schwer darüber sprechen konnte. Besonders die Ermordung ihrer Mutter und ihrer Schwester hatte tiefe Spuren hinterlassen. Noch Jahre später wurde sie von Albträumen heimgesucht. Bestimmte Geräusche, der Geruch von Rauch oder das plötzliche Auftreten bewaffneter Männer konnten Erinnerungen auslösen, gegen die selbst ihre eiserne Selbstbeherrschung wenig auszurichten vermochte. Titus bemerkte diese Zustände, ohne ihre Ursachen zunächst vollständig zu verstehen. Erst eines Abends, als Selina nach einem besonders schweren Albtraum keinen Schlaf mehr fand, erzählte sie ihm von ihrer Kindheit. Sie berichtete von ihrem Vater Artaban, von ihrer Mutter Roxana und ihrer Schwester Atossa. Sie schilderte den Überfall auf das Anwesen und die Flucht mit Arshama. Auch die Jahre unter Bandan verschwieg sie nicht. Zum ersten Mal erfuhr Titus, dass die Frau, die er auf einem Sklavenmarkt in Athen gekauft hatte, möglicherweise einer Seitenlinie des parthischen Königshauses entstammte. Diese Offenbarung veränderte sein Verständnis von Selina grundlegend. Ihre Bildung, ihre Haltung und ihre gelegentlich fast aristokratische Selbstverständlichkeit erhielten nun eine Erklärung. Zugleich erkannte er, dass ihre äußere Härte nicht allein das Ergebnis jahrelanger Ausbildung war, sondern auch ein Schutz gegen Erinnerungen, die sie niemals vollständig hatte verarbeiten können. Titus entschied, ihre Herkunft geheim zu halten. Eine öffentlich bekannte parthische Prinzessin hätte im Römischen Reich politische Aufmerksamkeit erregen können. Noch immer bestanden Spannungen zwischen Rom und dem Partherreich, und die Angehörigen der arsakidischen Dynastie waren keineswegs bedeutungslose Privatpersonen. Für Selina hätte eine Bekanntmachung ihrer Abstammung neue Gefahren bedeutet. So blieb sie nach außen die parthische Dienerin des Titus Aurelius Romanus. Nur wenige Menschen kannten die Wahrheit.
DIE ENTSCHEIDUNG DES AURELIERS
Je länger Titus Selina kannte, desto weniger erschien ihm ihre rechtliche Stellung angemessen. Sie war längst mehr als eine gewöhnliche Sklavin. Sie hatte sein Leben geschützt, sich als zuverlässig erwiesen und Fähigkeiten gezeigt, die er bei kaum einem anderen Menschen seines Haushaltes gefunden hatte. Vor allem hatte sich zwischen beiden ein persönliches Vertrauensverhältnis entwickelt. Titus entschloss sich deshalb, Selina aus der Sklaverei zu entlassen. Die Freilassung wurde nach den dafür vorgesehenen römischen Rechtsformen vorbereitet und schließlich vollzogen. Für Selina bedeutete dieser Schritt weit mehr als die Veränderung ihres rechtlichen Standes. Zum ersten Mal seit ihrer Gefangennahme konnte sie selbst entscheiden, wohin sie gehen und wie sie ihr weiteres Leben gestalten wollte. Titus bot ihr an, in seinem Haushalt zu bleiben. Nicht mehr als Sklavin, sondern als freie Angehörige seines persönlichen Gefolges. Selina nahm das Angebot an. Sie hatte keinen sicheren Ort, an den sie zurückkehren konnte. Nisa war für sie zu einem Ort schrecklicher Erinnerungen geworden, und das Schicksal Bandans und Arshamas war ihr seit ihrer Gefangennahme unbekannt. Vor allem aber hatte sie in Titus einen Menschen gefunden, dem sie vertrauen konnte. Sie entschied sich, ihren bisherigen Dienst fortzusetzen, nun jedoch aus freiem Willen. Damit begann ihre eigentliche Laufbahn als Leibwächterin des Aureliers.
DIE LEIBWÄCHTERIN DER VILLA AURELIA
Nach der Rückkehr nach Rom erhielt Selina eine besondere Stellung innerhalb der Villa Aurelia. Offiziell gehörte sie zum persönlichen Gefolge des Titus Aurelius Romanus und übernahm Aufgaben, die gewöhnlich erfahrenen Vertrauenspersonen vorbehalten waren. Ihre wichtigste Verpflichtung bestand darin, für die Sicherheit ihres Herrn zu sorgen. Dabei unterschied sie sich grundlegend von den kräftigen, schwer bewaffneten Männern, die üblicherweise als Leibwächter eingesetzt wurden. Selina trat selten offen als Bewaffnete auf. Ihre schlanke Gestalt, ihre gepflegte Erscheinung und ihre ruhige Art ließen sie vielmehr wie eine vornehme Dienerin oder persönliche Begleiterin erscheinen. Gerade darin lag ein erheblicher Vorteil. Während bewaffnete Wächter bei gesellschaftlichen Anlässen Aufmerksamkeit erregten, konnte Selina Titus fast überall begleiten, ohne dass ihre eigentliche Aufgabe erkennbar wurde. Sie nahm an Besuchen teil, begleitete ihn auf Reisen und hielt sich bei Empfängen häufig in seiner unmittelbaren Nähe auf. Ihre Aufmerksamkeit galt dabei weniger den Gesprächen als den Menschen. Sie beobachtete Besucher, achtete auf ungewöhnliche Bewegungen und prägte sich Gesichter ein. Verdächtige Veränderungen im Verhalten einzelner Personen entgingen ihr nur selten. Auch innerhalb der Villa Aurelia entwickelte sie sich zu einer wichtigen Vertrauensperson. Sie kannte die Gewohnheiten ihres Herrn, wusste um seine Vorlieben und konnte häufig bereits im Voraus erkennen, wann eine Situation unangenehm oder gefährlich werden könnte. Ihre Stellung war ungewöhnlich. Sie gehörte nicht zur römischen Aristokratie, obwohl sie selbst königlicher Abstammung war. Sie war keine Soldatin, obwohl sie über eine hervorragende Kampfausbildung verfügte. Und sie war keine gewöhnliche Dienerin mehr, obwohl sie zahlreiche Aufgaben im Haushalt übernahm. Sie war Selina. Die Partherin. Die Wölfin der Berge. Und inzwischen die persönliche Leibwächterin eines angesehenen römischen Patriziers.
SELINA UND MASSAD
Eine besondere Entwicklung nahm ihr Leben durch die Zusammenarbeit mit Massad, einem weiteren Vertrauten des Titus. Massad verfügte über Erfahrungen und Kenntnisse, die sich in mancher Hinsicht mit denen Selinas ergänzten. Während Selina ihre Stärke vor allem in der unmittelbaren Beobachtung, der körperlichen Verteidigung und dem raschen Erkennen gefährlicher Situationen besaß, beschäftigte sich Massad stärker mit Informationen, verborgenen Zusammenhängen und den Absichten anderer Menschen. Anfangs war ihr Verhältnis von gegenseitiger Vorsicht geprägt. Selina hatte in ihrem Leben gelernt, keinem Menschen leichtfertig zu vertrauen. Massad wiederum erkannte rasch, dass die schweigsame Partherin wesentlich mehr wusste und konnte, als sie gewöhnlich erkennen ließ. Im Laufe der Zeit entstand jedoch eine Zusammenarbeit, die für Titus von großem Wert wurde. Massad konnte Hinweise beschaffen und Verbindungen erkennen. Selina war in der Lage, daraus unmittelbare Konsequenzen für die Sicherheit ihres Herrn abzuleiten. Beide verstanden, dass eine Gefahr nicht immer in Gestalt eines bewaffneten Gegners auftrat. Manchmal war es ein unauffälliger Besucher, ein falsch überbrachter Brief oder ein Diener, dessen Verhalten plötzlich nicht mehr zu seinen bisherigen Gewohnheiten passte. Gerade in den späteren Jahren, als Titus zunehmend in geheimnisvolle Vorgänge und politische Verwicklungen hineingezogen wurde, erwies sich diese Zusammenarbeit als unverzichtbar. Selina und Massad bildeten schließlich einen kleinen, aber außerordentlich wirksamen Kreis persönlicher Vertrauter.
DIE SCHATTEN DER VERGANGENHEIT
Trotz ihrer neuen Stellung gelang es Selina niemals vollständig, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Die Schreie ihrer Mutter und ihrer Schwester begleiteten sie weiterhin. Manchmal genügte ein bestimmter Geruch oder ein zufällig gehörtes Wort in ihrer Muttersprache, um Erinnerungen wachzurufen, die sie längst überwunden zu haben glaubte. Besonders schwer fiel es ihr, mit dem Gedanken umzugehen, dass sie selbst überlebt hatte, während ihre Familie ausgelöscht worden war. Hinzu kam die Ungewissheit über Arshama und Bandan. Sie wusste nicht, ob die alte Zofe noch lebte oder ob Bandan nach ihrem Verschwinden versucht hatte, sie zu finden. Gelegentlich erkundigte sie sich bei Kaufleuten aus dem Osten nach Nachrichten aus den Gebirgsregionen ihrer früheren Heimat. Doch die Auskünfte blieben ungenau. Die Jahre waren vergangen, Handelswege hatten sich verändert, und die Namen kleinerer Räuberbanden verschwanden ebenso schnell, wie sie entstanden waren. Titus wusste um diese Sehnsucht. Er hatte ihr mehrfach angeboten, Nachforschungen anstellen zu lassen. Doch Selina zögerte. Einerseits wollte sie erfahren, was aus den Menschen geworden war, die ihr einst das Leben gerettet hatten. Andererseits fürchtete sie die Antworten. Die Möglichkeit, dass auch Arshama und Bandan längst tot sein könnten, erschien ihr beinahe unerträglich. So blieb ihre Vergangenheit ein unvollendetes Kapitel.
SELINA IM JAHRE 123 N. CHR.
Im Jahre 123 n. Chr. war Selina längst ein fester Bestandteil des Lebens in der Villa Aurelia. Titus Aurelius Romanus betrachtete sie nicht mehr lediglich als eine persönliche Beschützerin, sondern als eine seiner engsten Vertrauten. Sie kannte zahlreiche Einzelheiten seines privaten Lebens, war mit seinen Gewohnheiten vertraut und hatte im Laufe der Jahre gelernt, auch seine Stimmungen richtig einzuschätzen. Nach außen blieb sie zurückhaltend. Sie sprach nur selten über sich selbst und vermied es, ihre Herkunft zum Gegenstand von Gesprächen zu machen. Wer ihr zum ersten Mal begegnete, sah gewöhnlich eine schöne, dunkelhaarige Frau mit einer ruhigen und beinahe unnahbaren Ausstrahlung. Nur wenige ahnten, welche Erfahrungen sich hinter dieser Erscheinung verbargen. Selina hatte gelernt, ihre Gefühle zu beherrschen, ohne sie vollständig zu verlieren. Sie konnte freundlich sein, wenn sie Vertrauen empfand, und zeigte gegenüber Menschen, die sie schätzte, eine überraschende Wärme. Doch sobald sie eine Bedrohung erkannte, kehrte jene entschlossene Kämpferin zurück, die einst unter Bandans Führung die Gebirgspässe unsicher gemacht hatte. Gerade in den Tagen, als Titus erneut Nachrichten seines alten Freundes Faustus Iunius Rupa aus Germanien erhielt, sollte sich ihre Bedeutung wieder zeigen. Die Hinweise auf geheimnisvolle Vorgänge in Mogontiacum, die rätselhaften Verbindungen nach Aquae Mattiacorum und die erneute Erwähnung von Lucius Cassius Varro ließen erkennen, dass Titus abermals in gefährliche Angelegenheiten verwickelt werden könnte. Selina kannte nicht alle Einzelheiten dieser Ermittlungen. Aber sie wusste, dass Titus dazu neigte, sich aus persönlicher Loyalität gegenüber alten Freunden selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Sie begann deshalb, seine Umgebung noch aufmerksamer zu beobachten. Auch der gemeinsame Spaziergang mit Titus und Massad am Anwesen der Gens Claudia blieb ihr in Erinnerung. Sie hatte bemerkt, dass Titus beim Anblick einer jungen, dunkelblonden Frau ungewöhnlich lange stehen geblieben war. Selina kannte ihren Herrn gut genug, um zu erkennen, dass ihn diese Begegnung tief beeindruckt hatte. Den Namen der jungen Frau kannte sie nicht. Ebenso wenig ahnte sie, welche Bedeutung Claudia Calvina später für das Leben des Aureliers gewinnen würde. Doch Selina war überzeugt, dass die gefährlichsten Veränderungen im Leben eines Menschen nicht immer durch Schwerter, politische Feinde oder geheime Botschaften ausgelöst wurden. Manchmal genügte ein einziger Blick.
Und gerade weil sie Titus so gut kannte, wusste sie, dass er in Herzensangelegenheiten weit weniger vorsichtig war als bei geschäftlichen oder politischen Entscheidungen.
DIE FRAU HINTER DEM SCHWERT
Selinas Leben war von Gegensätzen geprägt. Sie war als Prinzessin geboren und als Räuberin aufgewachsen. Sie hatte Menschen befehligt und war später selbst als Sklavin verkauft worden. Sie hatte gelernt, mit Waffen zu kämpfen, und musste doch erkennen, dass nicht jede Gefahr mit einem Schwert abgewehrt werden konnte. Vor allem hatte sie erfahren, wie schnell Macht und Ansehen verloren gehen konnten.
Vielleicht war es gerade diese Erkenntnis, die ihre Loyalität gegenüber Titus Aurelius Romanus so außergewöhnlich machte. Selina wusste, dass Reichtum und gesellschaftliche Stellung keine Sicherheit garantierten.
Sie hatte erlebt, wie ein fürstliches Haus innerhalb einer einzigen Nacht vernichtet worden war. Sie hatte gesehen, wie bewaffnete Männer ihre Treue wechselten und wie vermeintliche Freunde zu Verrätern wurden.
Deshalb schenkte sie ihr Vertrauen nur selten. Wenn sie es jedoch einmal gewährte, hielt sie daran fest. Titus hatte ihr die Freiheit zurückgegeben, ohne von ihr zu verlangen, dass sie dafür ihre Vergangenheit verleugnete. Er hatte sie nicht zu einer anderen Frau machen wollen. Er hatte vielmehr erkannt, dass gerade ihre Erfahrungen, ihre Fähigkeiten und ihre Eigenständigkeit ihren Wert ausmachten. Für Selina war das eine Erkenntnis von großer Bedeutung. Sie musste nicht mehr die Prinzessin von Nisa sein. Sie musste nicht länger die gefürchtete Wölfin der Berge bleiben. Und sie war nicht mehr die namenlose Gefangene, die einst auf dem Sklavenmarkt von Athen gestanden hatte. Sie konnte selbst bestimmen, wer sie sein wollte.
EPILOG – DIE WÖLFIN VON ROM
Rom, Villa Aurelia, Herbst 123 n. Chr.
Die Abendsonne lag über den Gärten der Villa Aurelia. Selina stand unter den Säulen des äußeren Wandelganges und beobachtete die Bediensteten, die sich auf die bevorstehende Nacht vorbereiteten. Aus dem Inneren des Hauses drangen gedämpfte Stimmen. Titus befand sich in seinem Arbeitszimmer und beschäftigte sich erneut mit einem Schreiben aus Germanien. Massad hatte das Anwesen vor einiger Zeit verlassen, um verschiedene Erkundigungen einzuholen. Selina wusste, dass ihr Herr in den kommenden Tagen nur wenig Ruhe finden würde. Sie kannte diesen Ausdruck in seinen Augen. Es war derselbe Ausdruck, den er immer dann zeigte, wenn ihn eine Angelegenheit nicht mehr losließ und er entschlossen war, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Partherin blickte in den Himmel. Weit entfernt, jenseits der Grenzen des Römischen Reiches, lag ihre alte Heimat. Nisa. Die Gärten ihrer Kindheit. Die Stallungen ihres Vaters. Die Gemächer ihrer Mutter. Und irgendwo in den Bergen vielleicht noch immer die Überreste jenes Lagers, in dem Bandan sie zu einer Kämpferin erzogen hatte. Manchmal fragte sie sich, was aus ihr geworden wäre, wenn jene schreckliche Nacht niemals stattgefunden hätte. Vielleicht wäre sie längst mit einem parthischen Fürsten verheiratet.
Vielleicht hätte sie Kinder und würde in einem prächtigen Anwesen leben. Vielleicht hätte sie niemals ein Schwert geführt. Doch solche Gedanken führten zu nichts. Das Leben hatte einen anderen Weg für sie bestimmt.
Selina senkte den Blick auf ihre Hand. Zwischen ihren Fingern lag der kleine goldene Anhänger ihrer Mutter. Sie hatte ihn all die Jahre bewahrt. Er war das letzte sichtbare Zeichen einer Familie, deren Namen in ihrer Heimat vielleicht längst niemand mehr auszusprechen wagte. Behutsam schloss sie die Finger darum. Dann verbarg sie das Schmuckstück wieder unter ihrem Gewand. Aus dem Arbeitszimmer ertönte die Stimme des Titus, der nach ihr rufen ließ. Selina wandte sich um und ging durch den Säulengang. Ihre Schritte waren ruhig und beinahe lautlos. Sie wusste nicht, welche Gefahren die nächsten Wochen bringen würden. Sie wusste nicht, welche Geheimnisse Faustus Iunius Rupa in Germanien aufgedeckt hatte oder welche Feinde Titus möglicherweise noch begegnen würden. Doch eines stand für sie fest.
Solange sie an seiner Seite war, würde sie alles daransetzen, ihn zu beschützen. Nicht weil er sie einst gekauft hatte. Nicht weil er ein reicher und angesehener Römer war. Und auch nicht, weil sie ihm etwas schuldig zu sein glaubte. Sondern weil sie sich selbst dafür entschieden hatte. Aus der Prinzessin von Nisa war eine Räuberin geworden. Aus der Räuberin eine Sklavin. Aus der Sklavin eine freie Frau. Und aus dieser freien Frau war schließlich eine der treuesten Gefährtinnen des Titus Aurelius Romanus hervorgegangen. Selina, die parthische Leibwächterin. Eine Frau, die ihre Heimat verloren hatte, aber niemals ihren Mut. Die ihre Freiheit verloren hatte, aber niemals ihren Willen. Und die schließlich in Rom etwas fand, wonach sie seit ihrer Kindheit gesucht hatte: einen Ort, an dem sie nicht mehr um ihr eigenes Leben fürchten musste.
ENDE – SELINA, FILIA PARTHIAE
Selina, die Tochter Parthiens.