Der Himmel spiegelt die Gefühle wider

  • Meine Gedanken kreisten. Konnte dies Wirklichkeit sein?
    Ich flüsterte:
    Die erste Liebe des Phoebus war Daphne, die Tochter des Peneus, welcher nicht blinder Zufall fügte, sondern der wilde Zorn des Cupido. Der Delier, stolz über die jüngst erfolgte Besiegung des Drachens, hatte diesen gesehen, wie er mit gespannter Sehne die Enden des Bogens krümmte, und gesagt: „Wozu brauchst Du Waffen? Diese Dinge, die du trägst, passen zu unseren Schultern, mit denen dem Wild wir sichere Wunden zufügen können. Du sollst damit zufrieden sein, mit deiner Fackel Liebesleidenschaften zu wecken, und beanspruche nicht unseren Ruhm.“ Der Sohn der Venus sagt zu ihm: „Mag auch dein Bogen, Phoebus, alles treffen, der meine wird dich treffen; und um wie viel alle Lebewesen einem Gott nachstehen, um soviel geringer ist dein Ruhm als meiner.“ Sprach’s und teilte mit heftigen Flügelschlägen die Luft, nahm eilig Aufstellung auf der schattigen Bergspitze des Parnaß und holte aus seinem pfeiltragenden Köcher zwei Geschoße von gegensätzlicher Wirkung hervor: Das eine vertreibt, das andere erregt die Liebe. Das sie erregt, ist aus Gold und funkelt mit scharfer Spitze; das sie vertreibt, ist stumpf und hat Blei unten im Pfeilschaft. Dieses bohrte der Gott in die Nymphe, die Tochter des Peneus, doch mit jenem Geschoß, das durch das Gebein drang, verletzte er das Mark des Apollo. Sofort liebt der eine, es flieht die andere vor der Bezeichnung „Liebende“; sie freut sich an den Verstecken der Wälder mit der unvermählten Phoebe: mit einem Band hielt sie die ohne Ordnung gelegten Haare. Viele Männer warben um sie, doch sie wies die Werbenden ab, und einen Mann verschmähend und ledig, durchstreift sie die unwegsamen Wälder und kümmert sich nicht um Hymen, Amor und Ehe. Sollte Amor uns beide hierher gelockt haben und uns mit seinem goldenen Pfeil verbunden haben?


    Ich konnte es selber kaum fassen, wie die Mythe auf uns zutraf.

    quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

  • „Du vergleichst uns mit einem Mythos und du denkst dabei an den goldenen Pfeil?“


    Fasziniert und zugleich erstaunt hatte ich seinen Worten gelauscht. Auch ich sprach leise, um den Moment nicht zu zerstören. Dabei kämpfte noch immer mein Verstand gegen mein Gefühl. Der Verstand warnte mich vor Vibullius, die Gefühle flogen ihm entgegen – unkontrollierbar und unaufhaltsam.


    „Du bringst es fertig und überraschst mich in allem was du sagst und tust. Vermuteten wir nicht vorhin schon im Garten die Nähe von Cupido?“ Ich musste lächeln.


    „Wie endet deine Geschichte? Ist es klug sich von Amor treffen zu lassen?“, fragte ich immer noch zweifelnd.

  • Cupido im Garten? Im Haus war er wohl auch schon. Ich mußte schmunzeln-
    Phoebus sieht ihre feurig glänzenden Augen, die ähnlich den Sternen sind, er sieht ihre Lippen,ihren Mund, er preist ihre Finger und Hände und Arme und die mehr als zur Hälfte entblößten Oberarme. Wenn irgendwelche Körperteile verborgen sind, hält er sie für noch besser. Jene flieht schneller als der leichte Lufthauch und bleibt nicht stehen auf folgende Worte hin, die er ihr nachruft: „Nymphe, Tochter des Peneus, bitte bleib! Ich folge dir nicht als Feind: Nymphe, bleib! So flieht das Lamm den Wolf, so die Hirschkuh den Löwen, so den Adler die Tauben mit zitternder Schwinge, ein jeder vor seinen Feinden: Für mich ist die Liebe der Grund, dir zu folgen.
    Er setzte dennoch unmittelbar nach, unterstützt durch die Federn der Liebe ist er schneller und verweigert eine Rast, und den Rücken der Fliehenden berührte er schon, und hauchte das wild flatternde Haar im Nacken an. Nachdem sie ihre Kräfte verbraucht hatte, erbleichte jene und sie war erschöpft durch die schnelle Arbeit und auf die Wellen des Peneios blickend sagte sie: „Hilfe Vater, wenn ihr Flüsse ein göttliches Wesen habt! Vernichte durch Verwandlung die Gestalt, durch die ich allzu großen Gefallen erregt habe!“ Kaum hatte sie ihre Bitte beendet, befiel eine schwere Erstarrung ihre Glieder: Ihre weiche Brust wurde mit dünnen Bast umgürtet, zu Laub wachsen die Haare, zu Ästen die Arme; der Fuß, eben noch so flink, bleibt an zähen Wurzeln haften, der Wipfel nimmt das Gesicht ein: zurück bleibt in jener nur die Schönheit. Auch diese liebte Phoebus, und fühlt, als er die rechte an den Stamm legt, immer noch das Herz unter der neuen Rinde schlagen, und umfaßt mit seinen Armen die Äste, als wären sie Glieder, und gibt dem Holz Küsse.Zu ihr sagte der Gott: „Aber weil du nicht meine Frau sein kannst, wirst du sicherlich mein Baum werden! Immer werden dich unser Haar, dich unsere Lyren, dich unser Lorbeer und unseren Köcher zieren. Du wirst bei den Feldherrn von Latium sein, wenn die frohe Stimme zum Triumphzug bläst, und das Kaptiol lange Festzüge bestaunt. Auch als treueste Wache vor dem kaiserlichen Tor wirst eben du vor dem Eingang stehen und den Eichenkranz in der Mitte beschützen, und wie mein junges Haupt noch ungeschorene Haare hat, trage du auch immer des Laubes beständige Zierde.


    Ich endete und mir war, als rauschten die Blätter und neigte sich der Wipfel des Baumes zu uns, unter dem wir standen.

  • „Deine Worte sie wühlen mich auf, dabei ist es nur eine Göttersage, die du erzählst“, stellte ich erstaunt fest. „Du bist ein wahrlich guter Erzähler!“


    Ich sann eine Weile nach, dann fügte ich an: „…und dennoch endet die Sage keineswegs glücklich.“


    Ich schaute ihn erwartungsvoll an, so als könne er für mich das Ende dieser Göttersage drehen.

  • Warum nicht? Daphne ist für immer mit Phoebus vereint. Ihr kommt Huldigung zugute, die nie vorher eine Frau bekam. Und der Lorbeer wird noch wachsen, wenn Phoebus schon lang zu Staub zerfallen ist. Das Unvergängliche kann man nicht mit dem Vergänglichen vergleichen und somit wird die Erinnerung sie auf ewig über die Zeit verbinden.


    Ich lächelte und strich ihr übers Haar und den Nacken.

    quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

  • Bei der Berührung rieselte mir ein Schauer über den Rücken und ich war hellwach, wo ich doch bislang ganz versonnen an seinen Lippen hing und der Göttersage lauschte.


    „Für mich klingt das Ende der Sage dennoch nicht schön“, versuchte ich mich wieder zu sammeln. „Sagtest du nicht ‚Aber weil du nicht meine Frau sein kannst, wirst du sicherlich mein Baum werden!’?“


    ‚So war es doch?’, fragten meine Augen. Dann spann ich den Faden weiter…


    „Unendliche Liebe aus solch großem Abstand heraus? Dann bin ich froh, dass ich nicht Daphne bin, denn ich ziehe endliche Nähe der unendlichen Ferne vor.“

  • Und sie wurde sein Baum. Auch diesen liebte Phoebus, und fühlt, als er die rechte an den Stamm legt, immer noch das Herz unter der neuen Rinde schlagen, und umfaßt mit seinen Armen die Äste, als wären sie Glieder, und gibt dem Holz Küsse. Es war mehr ein flüstern, während ich ihre Hand losließ und mit der Rechten nach dem Herzschlag suchte. Ich hatte ihn gefunden. Ihr Busen wogte im Takt des Herzens erregt auf und ab.Ihre Arme umfaßte ich anschließend und kam dabei mit meinem Kopf bedrohlich nah an den ihren... .

  • Wir hatten Winter und doch kam es mir vor wie im Sommer. Es war nicht seine Körperwärme, die ich fast schon spürte, es war die meine, die sprunghaft anstieg bei jedem Wort.


    Wäre ich zum Denken fähig gewesen, hätte ich mich gefragt, wie ein Mann nur solche Wirkung auf mich haben konnte. So aber konnte ich nur fühlen und ich spürte fremden Atem, fremde Duft und fast schon fremde Haut.


    Nur eine Winzigkeit trennte sein Gesicht von dem meinen, dann fasste ich mir ein Herz und hob zögerlich meine Hand. Meine Augen folgen der Bewegung und ich strich kaum merklich über seine Schläfen, Wangen, Hals und Brust. An seiner Seite verweilte meine Hand und ich blickte wieder auf.

  • Ein Schauer durchströmte meinen Körper, als ihre Hand sachte meine Schläfen strich und an meine Seite wich. Der Puls raste. Das Blut zirkulierte in unbekannter Weise, sodaß ich mich fühlte wie auf einer langen Reise. Meine Sinne entschwanden und ich suchte ihren warmen Lippen.

    quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

  • Sanfte Berührung und doch fühlte ich sie einem Einschlag gleich. Ich spürte seine Lippen und seine Arme und gab den letzten Widerstand auf.


    Mein Arm umfasste seine Seite weiter und die andere Hand berührte seinen Kopf. Ich hielt ihn fest und gab dem Wunsch nach, mir einfach zu nehmen was das Herz sich ersehnt. Eng drückte ich mich an ihn und verlangend wurden die Lippen, vergessen die Vorsätze und meine Erziehung auch.

  • Meine Gefühle schienen zu entschweben. Sie schienen zu verstehen, was mein Verstand nicht zu begreifen imstande war. Sie strebten der unendlichen Weite des Universums zu. Nie mehr wollte ich zurück in die Ödnis und Trostlosigkeit der Verdammnis auf der Erde zurückkehren. Die Gefühle würden mir den Weg zu den Göttern mit ihrem strahlendem Licht weisen.



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  • Gefühle des Glücks strömten in mein Herz und Gefühle der anderen Art rieselten durch meinen ganzen Körper. Ich ahnte ja nicht, dass Begehren solche Ausmaße annehmen konnte…



    Flügelschwingen und Gurren rissen mich aus meiner Versunkenheit und erst da trennte ich mich von seinen Lippen.
    Unweit von uns landeten zwei Turteltauben. Man traf sie eigentlich überall, aber heute sah ich sie mit gänzlich anderen Augen. Wie liebevoll sie doch miteinander umgingen und wie achtlos ging ich sonst an ihnen vorbei.


    „Wusstest du, dass Turteltauben eine lebenslange Einehe führen?“ Leise sprach ich diese Worte und liebkoste ihn dabei mit meinen Augen.


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  • Sie sind sich treu bis zum Tod und selbst die größten Entfernungen sind für sie kein Hindernis, um ihre Treue einander zu zeigen. Langsam zog ich sie in Richtung Villa. Dabei rückwärtsgehend und ihr tief in die Augen schauend, während ich sprach,

    quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

  • „Du weißt es also“, stellte ich lächelnd fest, während ich Vibullius folgte.


    „Ich spüre eine große Verbundenheit zur Natur – ganz gleich ob es Lebewesen ist oder Pflanze. Oft las ich heimlich als Mädchen die Schriften meines Vaters. Er hätte das nicht gewollt.“


    Ich ließ mich von ihm führen, folgte ohne zu zögern. Plötzlich fielen mir meine Gäste wieder ein. Ich fragte mich, wie viel Zeit wohl schon vergangen war seit meinem Verschwinden. Hoffentlich langweilten sie sich nicht.


    Da Vibullius sowieso schon meine Hand hielt, brauchte es nur einen Schritt und meine Lippen waren auf seinem Mund. Dann begann ich zu rennen und zog ihn diesmal einfach mit.

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