Wie es der Opferablauf und die göttliche Ordnung verlangte, so war er nun an der Reihe sich in die Mitte zu begeben.
Furianus, dieser Ehre und der angemessenen Würde bewusst, schritt langsam aber dennoch zielsicher der Mitte des Kreises entgegen. Er postierte sich vor dem kleinen Waschbecken und tauchte demonstrativ langsam seine Hände hinein, die auch sogleich von einem popa, der mit einem weißen Leinentuch bereit stand, abgetrocknet.
So wusch er sich, wie es Brauch und Sitte war, rein, bevor er seine toga leicht löste und das Stück Stoff über sein Haupt legte. Natürlich war dort wiederum ein popa zur Hilfe abgestellt worden, der diese "Kapuze" zurecht zupfte.
Das weisse Rind, welches heute von ihm der Iuno geschenkt werden sollte, stand schon angekettet, mit der Wolldecke und weißen und scharlachroten Wollbinden um die Stirn, den infulae mit vittae, bereit.
Die Opferprüfung, hostiam probare, vollzog er sogleich, indem er das Tier langsam umrundet hatte und mal hier und da kurz inne hielt, um den Schein einer sorgfältigen Prüfung aufrecht zu erhalten - jeder wusste bereits, dass das Tier vorher sorgfältig erwählt und kleine Mängel auch mit ein wenig Farbe retuschiert wurden.
Nun wurde ihm von einem weiteren Opferhelfer die Schüssel mit der von den Vestalinnen gefertigten mola salsa gereicht, wie auch ein Weinschlauch.
"Dieses Tier weihe ich der großen Iuno!"
Rief er in klarer und fester Stimme aus, um sogleich danach die mola salsa aus der Schüssel über das beruhigte Rind zu streichen und es mit dem Wein zu übergießen. Somit war es nun ein heiliges, ein sakrales Tier.
Nun hatte Furianus etwas zeit sich zu ordnen und noch einmal Luft zu holen, denn das Tier wurde nun entschmückt. Dies taten, weshalb sie auch sehr zahlreich vertreten waren, Opferhelfer.
Ein popa, der mit einem goldenen und mit wunderschönen Edelsteinen besetzten Opfermesser zu ihm schritt, überreichte ihm dieses, das culter. Das Opfermesser lag aufgrund seiner Verzierungen und dem prunkvollen Design sehr schwer in der Hand, was Furianus nicht besorgte, denn er würde das Tier nicht schlachten müssen.
Den Richtlinien solch eines Opfers folgend strich er dem Tier mit dem culter von Kopf bis zu dem Schwanz, damit es vollkommen entkleidet geopfert werden sollte.
Mit angemessen ernstem Gesichtsausdruck wandte er sich mit den Händen gen Himmel gestreckt zu der Menge.
"Große Iuno, Hüterin der Ehe und Geburt, Herrin Roms!"
Eine kleine Kunstpause folgte und er fing wieder an, als der Nachhall seiner Stimme verstummte.
"Heute haben wir uns hier versammelt, um dir dies Geschenk zum Wohle der kaiserlichen Familie zu überbringen!
Herrin Roms, große Iuno, behüte unseren Kaiser und seine Gemahlin, sowie auch das Blut jener, das Ulpische, auch dieses Jahr!
Lasse die Ehe weiterhin blühen, lasse auch weiterhin Leben entspringen und gedeiehen!
Dir zu Ehren opfern wir, dir zu Ehren unser Geschenk!"
Mit der Ruhe, die sein Opferritual bisher beherrschte, übergab er das Messer einem victimarius, einem Schlächter. Während dieser und der Opferhelfer mit der Schale, in der das Blut hineinfliessen sollte, postierten, trat Furianus einige Schritte zurück. Schließlich sollte das Gewand rein bleiben, denn eine Blamage durch einerblutverschmierte Toga wollte er sicherlich nicht.
"Agone?"
Rief ihm der Schlächter zu, worauf Furianus lautstark antwortete.
"Age!"
Noch bevor seine Worte und der Nachhall verklungen waren, durchschnitt der geübte Mann dem Rind die Kehle und das Blut floss zuerst auf den Boden, wurde jedoch erfolgreich von der Blutschale aufgefangen.
Nun war wieder eine kleine Zwangspause nötig, da das Blut abrinnen musste, bevor sich der victimarius an sein Werk machen konnte.
So schnitt er nach ein paar Minuten das tote Tier auf und trennte die Eingeweide sorgfältig heraus, legte sie auf die patera.
Nachdem alle Eingeweide herausgeschnitten und der Schlächter sich an die weitere Verarbeitung des Rindes machen konnte, wurde die patera zu Furianus getragen, der schon vor einem kleineren Sockel stand, der anschließend die patera trug.
Natürlich eignete sich Furianus mit der Hilfe des Hausschlächters der Flavier zuvor die Anatomie des Rindes an, denn er wollte nicht unvorbereitet opfern und das Herz mit der Niere nicht verwechseln.
So stand er eine Weile die Eingeweide des prächtigen Tieres prüfend vor der Schale gebäugt und achtete insbesondere darauf, dass sein Gewand nicht schmutzig wurde, die Hände waren es sowieso schon.
Nach einer Weile befand er, dass die Untersuchung nun genug gedauert hatte und er die Menschen nicht länger auf die Folter spannen sollte. Und so drehte er sich glücklich und mit blutroten Händen zu den Brüdern und der rings um diese versammelten Zuschauer.
"Litatio!"
Erklang es über den Platz und er sah, wie alle ihr voller Ungewissheit verstelltes Gesicht nun mit einem Lächeln versahen. Danach begab er sich zu einer weiteren Schüssel mit Wasser, wusch sich die Hände und ließ sie sich abtrocknen, um sich sogleich wieder in die Reihen der Brüder zu stellen.
Das letzte Opfer konnte beginnen.