Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    "Nun, Tiberius, was wir nun tun, ist im grunde recht simpel, aber zeitaufwendig. Siehst du die aufgeführten Positionen hier?" fragte ich und fuhr mit dem Zeigefinger ganz links über das Pergament. Dort fanden sich Begriffe wie Das Dach des Mars Ultor Tempels ausgebessert oder Donativum zum Geburtstag des Kaisers oder auch Bußgeld: Unrechtmäßige Lieferung von Waren am Tage. "Das sind die Einnahmen und Ausgaben eines Monats. Wir überprüfen nun zuerst, ob die jeweiligen Ausgaben rechtmäßig der Staatskasse entnommen wurden. Beispielsweise eine Rechnung zu einer privaten cena darf nicht aus dem aerarium beglichen werden. Der nächste Schritt ist dann, die jeweiligen Posten mit dem Betrag zu vergleichen, um zu prüfen, ob mehr Geld als nötig der Kasse entnommen wurde. Hier zum Beispiel", erklärte ich und deutete auf die Mitte des Pergaments. "An den Iden des November DCCCLVII A.U.C. (13.11.2007/104 n.Chr.) wurden der Kasse im Auftrag des magister septemvirorum eintausendachthundertvierundfünfzig Sesterzen entnommen für die Ausrichtung des epulum Iovis. Wenn man nun in etwa weiß, was die drei Rinderopfer und die sonstigen Ausgaben gekostet haben, reicht das aus, um diesen Eintrag zu verifizieren. In diesem Fall erstaunt es mich, dass nur so wenig der Staatskasse entnommen wurde, es muss einen privaten Spender gegeben haben. Weniger zu entnehmen als eigentlich nötig ist natürlich löblich. Ich habe an diesem Eintrag nichts zu beanstanden, also vermerke ich nichts. Andersherum würde ich einen Vermerk hinter die Zeile setzen, um der Sache später nachgehen zu können. Im Idealfall werde ich das nicht müssen. Wenn ein Monat beanstandungslos ist, setze ich mein Amtssiegel und unterzeichne für die Richtigkeit." Ich blickte auf und musterte Avianus kurz. "Wie ist es, möchtest du einen Monat durchsehen? Falls du etwas findest, dass dir seltsam erscheint, sagst du mir einfach Bescheid", schlug ich vor und lächelte. Schließlich war Übung das beste Verfahren, wenn man etwas lernen wollte.

    Sim-Off:

    Bitte meine Abwesenheit zu entschuldigen.


    Leise lachend kommentierte ich die Worte der Flavierin. Vermutlich hatte sie sich gar ihre zarten Finger zerstochen am Stickwerk. Mir schwebte ein Bild vor Augen, in dem Flavia Celerinas Hochzeitsgewand nur allzu deutliche Flecken zeigte, daraus resultierend, dass sie sozusagen gezwungen worden war, es zu weben. Andererseits sollte es großes Unglück bringen und ein dunkles Licht über die Ehe stellen, wenn man ein entsprechendes Gewand erwarb und nicht selbst herstellte. Es hieß, dass die Braut und werdende Ehefrau Dinge in den Stoff webte, die der Ehe später nützlich sein sollten. Dinge wie Geduld, Sorgfalt und den Willen, treu und ergeben zu sein. Celerina seitlich musternd, überlegte ich, ob sie diese Eigenschaften wohl besaß.


    Ein strahlendes Lächeln ihrerseits später kam ein Vorschlag, der mich ein wenig überrumpelt dreinblicken ließ, ehe ich die Fassung wiedergewann und sie nur noch zweifelnd ansah. Einkaufen. Wie ich diese schreckliche Prozedur hasste. Noch schlimmer war es, wenn man sie an der Seite einer Frau ausüben musste. Statt wirklich nur das zu erstehen, was man vorher festgelegt hatte und auch nötig brauchte, lief man im Zickzack an vollkommen unnützen Ständen vorbei und gab unter dem Strich ein Vielfaches mehr an Geld für Tand und Weiberkram aus, als man es sich träumen ließ. Ich erinnerte mich noch ganz genau an einen solchen Jagdausflug mit Prisca, auf dem wir eigentlich eine Trauertoga für mich erstehen wollten. Über all dem Krimskrams, den Stoffen, Hinstellerchen und sonstigen unnützen Gegenständen hatten wir schließlich genau das vergessen, weswegen wir überhaupt die Märkte aufgesucht hatten. So war ich des Abends ermüdet und entnervt auf einer cline zusammengesunken, ohne dass der Tag etwas gebracht hatte - sah man von der durch und durch befriedigten Miene meiner Nichte einmal ab. Es war demnach nicht verwunderlich, dass ich schleunigst das Thema wechseln wollte, und daher lediglich entgegnete: "Vielen Dank, aber ich denke, die Adressen werden reichen. Als Magistrat steht einem nicht allzu viel Zeit zur Verfügung." Wobei letzteres eine ziemlich offene Auslegung meinerseits darstellte. "Sag, magst du eigentlich Tiere, Flavia?" wechselte ich das Thema, inspiriert von einer halbhohen Säule mit einem springenden Delfin, an der wir nun vorbeigingen.

    Zwar betraf dieses Schreiben ein Familienmitglied, doch konnte ich den Brief nicht in vertrauten Worten verfassen, wurde doch stets eine Abschrift für die Akten angefertigt. Daher erhielt Orestes nun frühmorgens eine Schriftrolle, überbracht durch einen Boten des cultus deorum, der sowohl förmlich war als auch mein Amtssiegel trug.



    Ad
    Manius Aurelius Orestes
    villa Aurelia in Roma



    M. Aurelius Corvinus M' Aurelio Orestes s.d.


    Aurelius, du wirst hiermit zu deiner Opferprüfung zum Kapitol bestellt. Finde dich ANTE DIEM III NON IUN DCCCLVIII A.U.C. (3.6.2008/105 n.Chr.) zur vierten Stunde dort ein. Die gebräuchlichen Opferutensilien werden dir gestellt werden. Du solltest jedoch für ein entsprechendes Voropfer, das Opfertier und ein angemessenes Gebet Sorge tragen. Der Prüfung werden der sacerdos Messius Iuvenalis und der pontifex Tiberius Durus beiwohnen.


    Vale.



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    ROMA, PRIDIE KAL IUN DCCCLVIII A.U.C. (31.5.2008/105 n.Chr.)


    Ad
    Manius Tiberius Durus
    villa Tiberia in Roma



    M. Aurelius Corvinus M' Tiberio Duro s.d.


    Hiermit setze ich dich in Kenntnis darüber, dass die Opferprüfung des Aurelius Orestes ANTE DIEM III NON IUN DCCCLVIII A.U.C. (3.6.2008/105 n.Chr.) zur vierten Stunde stattfinden wird. Du wirst gebeten, dich hierzu im Kapitol einzufinden. Messius Iuvenalis wurde bereits informiert.


    Mögen die Götter dich und den Prüfling leiten.


    Vale.



    [Blockierte Grafik: http://img408.imageshack.us/img408/7103/siegelmacsvbx5.gif]



    ROMA, PRIDIE KAL IUN DCCCLVIII A.U.C. (31.5.2008/105 n.Chr.)


    __________________________


    Der alte sacerdos neigte bemessen den Kopf. "Wenn ich dir dann die Wahl eines Widders vorschlagen dürfte?" erwiderte Telesinus und versuchte zu erkennen, ob der Senator die nötigen Kleingaben für ein angemessenes Voropfer mit sich führen ließ oder ob er auch hier noch etwas benötigte. Frische, weiße Blumen und Gebäck oder Obst waren dem Mercurius angemessen, und gerade schneeweiße Blumen boten einen herrlichen Kontrast zu dem tiefroten Blut des Opfertieres, wie Cadius Telesinus persönlich fand. "Ein Helfer kann ein geeignetes Tier herbeischaffen, so es dir genehm ist. Oder möchtest du dir selbst eines erwählen?" fragte der sacerdos höflich. Nicht weit entfernt lagerte ein angesehener Händler, dessen Tiere äußerlich stets makellos waren. Der Tempel des Merkur bezog seine Opfertiere gern von diesem Geschäftsmann.





    Sim-Off:

    Entschuldige die Verzögerung. Zum Opferkauf: Gern. :)

    "Ich denke nicht, dass er große Reformationen plant", erwiderte ich. "Valerianus ist mehr Soldat als Politiker. Viel eher würde ich ihm zutrauen, dass er seinem Bruder Quarto solcherlei Dinge überlässt oder zumindest seinen Rat einholt zuvor." Aelius Quarto war Staatsmann, durch und durch ein Politiker. Ich tat mich an der silbernen Platte mit den Köstlichkeiten gütlich und blickte Orestes jurz darauf zweifelnd an. "magister septemvirorum? Ah, nein. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich persönlich das gar nicht. Opimius Naso scheint mir hierfür recht gut geeignet, und der Posten eines septemvir birgt genug Potential." Andererseits, wenn das collegium oder gar der Kaiser mich bestimmen würde, würde ich der Pflicht nicht entsagen können. Schließlich hatte ein jeder seinen Part zum Ganzen beizufügen, und wenn die Götter diesen Weg für mich bestimmt hatten, so würde ich ihn gehen. Ganz gleich, welche Anstrengungen er bieten oder wie wenig er sich mit meinen Wünschen decken würde. Nachdenklich runzelte ich die Stirn. Was den Senat anbelangte, so würde ich wohl meinen Patron noch einmal aufsuchen müssen nach der Quaestur. "Ich werde sehen, was die Zukunft bringt", murmelte ich abschließend. Dann klärte sich mein Blick wieder und ich beobachtete Orestes erneut. "Du wirst dich, nun da du in Rom weilst, auch für eine Bruderschaft entscheiden müssen. Die Salier oder die Arvalbrüder", erinnerte ich ihn.

    Erfreut neigte ich den Kopf und schloss hernach ein Nicken an. "Natürlich, Decimus. Ich kann dir gar nicht oft genug danksagen. Mögen die Götter über deine Wege wachen." Mehr gab es auch nicht zu sagen, denn meine Hilfe, so es in meiner Macht stand, hatte ich bereits angeboten. Ein wenig nachdenklich sah ich zu, wie der medicus sich entfernte.

    Orestes hatte eben den Raum verlassen, da klopfte es erneut. Ich hatte somit gar keine Gelegenheit, mich erneut meinen Tafeln und Schreiben zu widmen, sondern bat den Klopfenden herein.
    "Ah, Claudius", begrüßte ich meinen Gast, als er eingetreten war. Ich erinnerte mich vage an den Termin, den ich für seine Prüfung anberaumt hatte - er musste vor ein paar Tagen gewesen sein. Pyrrus suchte derweil im Aböagestapel mit ruhiger Hand nach dem Prüfungsbericht des Prüfers. "Du bist gewiss wegen deiner Opferprüfung hier." Als der Peregrine den Schrieb gefunden hatte, reichte er ihn mir.

    Ich war viel zu überrascht, um das Ausmaß dieser ganzen Informationen zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt begreifen zu können. In mir residierten lediglich Verwunderung und Enttäuschung, und eine leise Stimme flüsterte beharrlich, dass es doch ein Fehler gewesen sein musste, Fhionn damals von diesem unfähigen Sklaventreiber zu erstehen. Doch diese Gedanken führten zu nichts, also schob ich sie entschlossen beiseite, um mich den wichtigen Fakten zu widmen. Matho war vermutlich tot, vermutlich getötet von Fhionn. Zuerst galt es nun, diese Behauptung zu überprüfen und gegebenenfalls nach einem medicus zu schicken, falls er noch lebte. Fhionn musste gefunden und festgesetzt werden, damit sie später befragt werden konnte.


    Sivs Wanken registrierte ich nicht einmal, da ich tief in Gedanken verstrickt war und daher einfach an ihr vorbei schritt. Sie folgte mir nur einen kurzen Augenblick später. In diesem Moment ging mir ihr schlechtes Latein einfach nur auf die Nerven. Voller Ingrimm verzog ich das Gesicht, während ich mit ausgreifenden Schritten den Ort ansteuerte, den ich aus ihrem Kauderwelsch herausgefiltert hatte, und als ich in den Gang einbog, der über kurz oder lang zum Ort des Geschehens führen würde, prallte ich beinahe mit Orestes zusammen. Fhionn bemerkte ich nicht. "Manius!" rief ich, und ich glaubte an seiner Miene erkennen zu können, dass er bereits von dem Vorfall wusste, der sich ereignet hatte.

    Das langsame Gehen war ermüdender als das Anschlagen eines schnellen Schrittes, doch soweit ich sehen konnte, ließ sich keiner der Träger etwas anmerken. Würdevoll und grave schritten Senatoren, Honoratoren und Magistrate an der Bahre des Kaisers entlang, stützten und trugen das Abbild des großen Iulianus. Entlang des Weges standen dutzende, hunderte, gar tausende Bürger. Klageweiber wie Bürger, Peregrine wie Sklaven und Kinder, die teilweise die Erwachsenen nachahmten, teilweise mürrisch an die ausgelassenen Kinderspiele dachten, die ihnen hier entgangen. Langsam steuerten wir das Podest an, von dem, als wir es erreichten, ehrfürchtig ein Lied gesungen wurde. Die Szenerie hatte beinahe etwas Gespenstisches, in jedem Fall aber war sie würdevoll und dem geschiedenen Kaiser angemessen. Als der Choral verstummte, richtete sich eine Vielzahl von Augenpaaren auf Valerianus, den Sohn des Verstorbenen.

    Zitat

    Original von Marcus Aurelius Corvinus
    Ich bitte die derzeitig spärliche Anwesenheit und die noch spärlicheren Beiträge zu entschuldigen, mir ist derzeit nicht nach viel Tippen, aber ich gebe mein Bestes.


    Die halbe Auszeit ist leider nicht so förderlich, daher bleibt das IR für die nächsten Tage ganz zu.
    Bitte um Verständnis.

    Die Falte auf meiner Stirn wurde steiler, als sich der Ausdruck auf meinem Gesicht in Richtung leicht grimmigen Unverständnisses verzog. Was redete Siv da? Ich gestand mir ein, dass ihre Art, ihre Haltung, ja ihre ganze Körpersprache mich besorgte. Ich glaubte, sie zu kennen, zumindest ansatzweise, und Siv war niemand, der so etwas derart überzeugend spielen konnte und vor allem würde. Skeptisch lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück, beobachtete, wie sie sich fing - und hatte doch tatsächlich vergessen, dass ich ihr eigentlich lieber aus dem Weg gehen und gar nicht erst zuhören sollte.


    Das Zittern in ihrer Stimme war beinahe besorgniserregender als der Inhalt dessen, was sie sagte, zumindest, bis ich begriff, was sie da erzählte. Entgeistert starrte ich sie an, dann kam die vermeintliche Erkenntnis, und ich starrte Siv schockiert an. Sie hatte Matho getötet? Und Fhionn war nun bei ihm? Oder...? "Moment - was redest du da?" verlangte ich zu wissen und schüttelte andeutungsweise unverstehend den Kopf. Es war das erste Mal, dass ich Siv direkt ansprach, seitdem sie wieder zu Hause war. "Matho ist tot?" hakte ich nach. Sie würde das doch nicht einfach so erzählen, nein, das glaubte ich nicht, auch wenn ich mir da nicht gänzlich sicher sein konnte, immerhin hatte sie mich bereits einmal hintergangen. Dann stutzte ich. "Sie? Fhionn? Sie hat Matho angegriffen, mit einem Messer? Was?" Unfassbar. Ich starrte Siv entgeistert an, griff mir mit Daumen und Zeigefinger der Rechten an die Nasenwurzel und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Dann stand ich auf. "Wo ist er jetzt? Und wo ist Fhionn?" fragte ich Siv, während ich bereits um den Tisch herum ging und ihr mit einem Nicken verdeutlichte, dass sie vorausgehen sollte. Seltsam, wie schnell das persönliche Empfinden einer Situation unwichtig werden konnte.

    Wie es sich gehörte, hatte ich mich am Tor angemeldet und hierher geleiten lassen, gerade rechtzeitig, wie es schien. Eine Vielzahl von bekannten Gesichtern und Männer mit Rang und Namen waren bereits anwesend, und gleich sollte die Bahre angehoben werden und den Trauerzug anführen. Ich nickte Durus zu, den ich im Gewirr erkannte, ebenso meinem Patron und einigen anderen bekannten Männern, hernach nahm ich meinen Platz bei den anderen amtierenden Magistraten Roms ein. An der vorderen rechten Stange fand sich noch eine Lücke für mich. Gemeinsam wurde die Bahre schließlich angehoben. Einer erdrückenden Bürde gleich lastete nun greifbar gewordene Trauer auf an Schultern der Tragenden, und ich riskierte einen Blick zu Valerianus, zu Roms neuem Herrscher, der sich soeben unter einem peinigenden Husten krümmte. Auch die Augusta streifte ich mit einem Blick, Iulianus' Eheweib, das man seit der Kunde seines Todes nirgends hatte erblicken können, sah man von der Ausrufung ihres Adoptivsohnes zum Kaiser aus.


    Gemächlich setzte sich die Bahre nun in Bewegung, im Gleichschritt getragen, von Klageweibern begleitet und im Angesicht vieler Honoratoren und Senatoren Roms.

    Kaum waren die letzten Tage angenehm zu nennen gewesen. Sie waren nun einmal vorhanden und sie wollten gelebt werden, ohne Rücksicht auf die Menschen, die mit ihnen fertig werden mussten. Wie so oft flüchtete ich mich in die Arbeit, und mir graute es bereits vor dem Ende der Amtszeit, wenn die zäh dahintropfende Zeit nurmehr durchbrochen wurde von der allmorgendlichen salutatio, den regelmäßigen Zusammenkünften des collegium septemvirorum und der Zeit, die ich in jenem kleinen Büro in der regia verbringen würde.


    Verkniffen und verbissen - und doch keinesfalls ungern, lenkte mich die geistige Arbeit doch von anderen Gedanken ab - brütete ich derzeit über Catulus' ersten Versuchen der Buchprüfung, strich hier Zahlen fort und fügte dort einen Kommentar an. Die Sklaven wussten um diese meine Vorliebe in der letzten Zeit und hüteten sich davor, mich zu stören, und selbst die Familie verirrte sich nur selten in mein officium in letzter Zeit, und niemals zu dieser Uhrzeit. Das Geräusch der Schritte, die vor der Tür laut wurden, vernahm ich schon eine Nuance bevor selbige aufgestoßen wurde. Missbilligend verzog ich die Lippen, blickte erst dann auf - und sah Siv in der Tür stehen. Langsam musterte ich sie, bemüht, meinen gewohnt neutralen Ausdruck wieder auf das Antlitz zu zwingen. Ich mochte die Situation nicht, ich wich ihr aus, seit der Trupp zurück war - der Situation und Siv. Es war, als schliche der Wolf um das Lamm herum. Eine durch und durch gedrückte Stimmung, wie die Ruhe vor dem Sturm, und das schon seit unzähligen Tagen. Schon vermutete ich, dass sie nun diesen Sturm provozieren wollte - was ich in diesem Moment beinahe dankbar angenommen hatte, denn mir schlug dieses Umschleichen allmählich aufs Gemüt - da entdeckte ich Sivs rot gefärbte Füße in rot gefärbten Sandalen und hob nur die Brauen, statt etwas zu sagen. Fragend blickte ich ihr ins Gesicht und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Und bei dieser Gelegenheit stach auch das bleiche Antlitz heraus, das, gepaart mit den schreckgeweiteten Augen, mir doch eine steile Falte auf die Stirn trieb. So sah niemand aus, der einen anderen zum Gespräch stellen sollte. Siv sah eher so aus, als hatte sie soeben einen Geist gesehen.

    Gekleidet in eine maßgeschneiderte, rabenschwarze toga mit fein ziseliertem Goldrand entstieg ich der Sänfte, die mich an jenem Tage vor den Palast des Kaisers gebracht hatte. Sklaven schafften das Gefährt aus dem Weg, während ich auf die diensthabenden Offiziere zuging und diesen grüßend zunickte. An die allzu langen Stoppeln mochte ich mich immer noch nicht gewöhnen, doch war es nun einmal Sitte, und so hatte ich mich nicht rasieren lassen. "Salvete", grüßte ich die Prätorianer. "Ich bin hier, um an der Trauerfeier des Iulianus teilzunehmen. Marcus Aurelius Corvinus, amtierender quaestor urbanus."

    Einen Moment heilt ich inne und betrachtete das Wachs, das nur langsam fest wurde. Sorgfältig legte ich den Siegelstempel wieder zurück in die Schublade. Danach schob ich das halbtrockene Pergament zu meinem Besucher hinüber. "Das sind dann fünfundachtzig Sesterzen, die ich dafür bekomme." Natürlich bekam nicht ich das Geld, sondern der Staat, doch vorerst verwahrte ich diese Gebühren, um sie zum gegebenen Zeitpunkt der betreffenden Stelle auszuhändigen. Neratius biss die Zähne aufeinander und zählte die Münzen ab. Ihm war deutlich anzusehen, dass er mit dem Geld lieber etwas anderes gemacht hätte als eine Sondergenehmigung zu erstehen, die er vielleicht gar nicht benötigen würde. "Fünfundachtzig. Und vielen Dank noch mal, quaestor. Die Götter mögen dich segnen", leitete Neratius die Verabschiedung ein, ehe er nach dem Brief griff.



    Sorgsam rollte er das teure Schriftstück zusammen und erhob sich dann. Ich tat es ihm gleich, wollte ich doch nicht den Abend in meinem officium verbringen. Ich hatte noch ein Rendezvous mit einer Schriftrolle. "Ich wünsche ein gutes Geschäft", entgegnete ich und neigte zum Abschied den Kopf. Neratius zog eine Grimasse, in der man mit viel Fantasie ein Grinsen erkennen konnte, dann hob er die Hand und war kurz darauf aus dem Raum verschwunden. Ich wartete noch ein Weilchen, korkte die Tinte und legte die Feder ordentlich neben das Fässchen. Erst dann verließ ich meinen Arbeitsraum, tief seufzend, und teilte Brix auf dem Weg in mein Gemach mit, dass ich für den Rest des Abends nicht mehr gestört werden wollte.