Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Das Gedränge an den Ausgängen des Marcellustheaters war grauenvoll gewesen, weswegen wir es vermieden hatten, uns ins Getümmel zu stürzen. Stattdessen hatten wir das Theater als einige der letzten Zuschauer verlassen und den Weg entlang der Fassade eingeschlagen. Entfernt standen die Sänften und warteten auf uns. 'Meine' Mädels hatte ich in Aquilius' Obhut zurückgelassen, sodass sich an meiner Seite nur Celerina befand.


    "Rom sollte mehr solcher Stücke zu Gesicht bekommen", stellte ich fest. "Ich möchte meinen, dass der Autor dieses Werks sich in Zukunft kaum noch vor Anfragen zu retten vermag. Glamurös. Und das Lächeln steht dir gut zu Gesicht, wenn ich das so sagen darf." Schmunzelnd blickte ich schräg nach unten zu Celerina, die geradezu strahlte. Die Fröhlichkeit ihres Seins gab mir in diesem Moment ein wenig von der Sicherheit zurück, die ich sonst recht selten vermisste. In ihrer Gegenwart allerdings schien ich regelmäßig entblößt dazustehen, was mir vollkommen unbegreiflich war. Sie war mir in gewisser Weise nicht anders als andere Frauen, doch schien sie mir gern direkt zu sein, sowohl was Handlung als auch Worte anbelangte. Mochte natürlich sein, dass ich mich irrte - schließlich kannte ich sie so gut wie gar nicht - doch war das mein Eindruck.


    Kurz darauf kamen wir bei den Sänften an. Ich warf einen Blick nach rechts und deutete auf das Chaos, das hunderte von sich gleichzeitig entfernenden Gefährten verursachten. "Vielleicht möchtest du statt einer langwierigen Eskortierung lieber zu Fuß nach Hause schlendern? Wir könnten durch die horti Menenniae gehen", schlug ich vor und deutete linksherum weiter am Marcellustheater entlang. Die Gärten der Menennia waren kaum bekannt in Rom, obwohl sie nicht klein war. Vielmehr waren sie von eher krautigem Pflanzenwuchs geprägt, nur vereinzelt fanden sich Bäume, die zu dieser Zeit jedoch in den herrlichsten Farben blühten.


    Wenn dunkle Gedanken sich träge versammeln,
    die Nacht sie mit fahlgrauen Fäden umflicht,
    erwachen Dämonen in ihren Verstecken
    und zerren die Zweifel ins schwindende Licht.


    Sie beißen sich fest in verheilenden Narben
    und drehen die Zeiger der Uhren zurück,
    sie krallen sich blindwütig tief in die Wunden,
    entwurzeln die Keime der Hoffnung auf Glück.


    So viele Momente des scheinbaren Einklangs,
    ich greife nach ihnen, doch fliehen sie mich,
    nun klaffen unendliche Gräben als Grenzen
    und jeder steht auf seiner Seite - für sich.


    Das Morgen, verschleiert mit blickdichten Tüchern,
    ein Traum baumelt leblos am Galgen der Zeit,
    die Schuld haftet klebrig wie Blut an den Händen...
    die Einsamkeit hüllt sich in Endgültigkeit.



    Zwei Briefe lagen auf dem Tisch. Einer von Ursus, einer von Matho. Ersteren hatte ich zuerst gebrochen und gelesen. Ursus' Worte waren mir reifer erschienen, als ich ihn in Erinnerung hatte. Bei einem guten Wein hatte ich mich schließlich Mathos Brief gewidmet, im Glauben, es handelte sich um den Lagebericht, um den ich gebeten hatte. Stattdessen war ich aus allen Wolken gefallen. Auch das vierte Mal Lesen änderte nichts an dem Inhalt des Briefes, der nun auf jenem von Ursus lag und mich höhnend anzugrinsen schien.


    Während ein Teil von mir sich strikt weigerte zu glauben, was Matho mir da geschrieben hatte, erkannte der andere den Fehler, dem ich um ein Haar anheim gefallen war. Es tut mir leid, dass du dich in ihr getäuscht hast, hatte Matho geschrieben. Emotionslos, da verwirrt, konnte ich ihm da nur beipflichten: Mir tat es auch leid.
    Mein Verstand war immer schon der ausschlaggebende Teil gewesen, was diese unsinnige Erfindung namens Liebe anbelangte. Er hatte mich vor der Lethargie mit Deandra bewahrt und dafür gesorgt, dass ich diese Begebenheit als eine Art Lehre ansah. Zumindest, bis Siv in den Haushalt und damit in mein Leben gepurzelt war. Geistesabwesend nahm ich einen weiteren Schluck Wein. Und nun schaltete er sich automatisch ein und verdrängte die Bitterkeit und die Enttäuschung, die ich über diese Tat empfand. Zurück blieb Wut, die sich allmählich Bahn brach.


    Abwesend strich ich mir durchs Haar, jegliche Grübelei über das Warum zu verbannen suchend. Mein Weinkonsum war seit dem Lesen des Briefes gestiegen, was eigentlich unsinnig war, denn er lähmte nicht nur die Zunge, sondern auch den Geist - der mir half, das Ausmaß dieser von Siv begangenen Tat zu verdrängen. Nachdenklich stützte ich den Ellbogen auf die Sessellehne, den Kopf in die Hand. War ich ein so schlechter Herr? Gar ein so grausiger Liebhaber? Bilder zogen durch meine Gedanken. Bilder der Begegnung im Garten, Bilder einer sich windenden Siv. Ich sah, wie sie ihre Nase kraus zog, wie sie auf eine Rune deutete und mir ihre Bedeutung erklärte. Wie sie meine Hand verband mit einem Streifen ihrer tunica, und wie sie sich für Merit-Amun einsetzte. Missbilligend schüttelte ich den Kopf, um diese Eindrücke zu vertreiben. Sie hatte sich entschieden. Und mit dieser Entscheidung schlug sie sämtliche Annehmlichkeiten aus, die ich ihr als ihr Besitzer zukommen lassen konnte. Hatte zukommen lassen. Verachtend schnaubte ich, den Kloß ignorierend, zu dem sich mein Magen zusammengezogen hatte. Sie musste sich der Konsequenzen bewusst gewesen sein. Anders war es gar nicht möglich. Sie war mit Absicht fortgelaufen, auch wenn ich sie nicht für so dumm gehalten hatte, sich fangen zu lassen.


    Ich erhob mich und trat ans Fenster, das Gesicht eine kalten Maske, die allmählich bröckelte. Und ich hatte ihr vertraut. Ich sah sie vor mir, als wären sie erst gestern abgereist. Wie glaubwürdig sie den Kopf geschüttelt hatte, als ich ihre Loyalität angesprochen hatte! Ich seufzte langgezogen und presste Kiefer und Lippen aufeinander. Und ich hatte geglaubt, da wäre etwas Besonderes zwischen uns. Gezwungen ruhig schloss ich die Augen. Es war falsch gewesen, mich dahingehend zu öffnen. Sie hätte eine normale Sklavin bleiben sollen. Eine von vielen, ein graues Gesicht in der Menge. Plötzlich sehnte ich mich nach Cadhla. Mit Prisca würde ich darüber nicht reden können. Mit ihr wäre es gegangen. Aber damit würde ich mich lächerlich machen. Lächerlicher, als ich es nach der Lösung der Verlobung gewesen war. Nein, beschloss ich. Ich würde mit niemandem darüber reden. Mich niemandem anvertrauen. Was waren schon Hoffnungen und Gefühle? Unnützer Ballast, nichts weiter. Die Träume? Hirngespinste. Zähneknirschend griff ich nach der Amphore: Sie war leer.


    An diesem Abend fand ich erst spät in den Schlaf.

    Die Zuweisung der einzelnen Kaiser an die anwesenden Personen schien nicht so gut geklappt zu haben, wie Macer sich das vorgestellt haben musste. "Die Aussagen des Präfekten decken sich mit meinem Empfinden", sagte ich daher und nickte. Aus meiner Sicht gab es tatsächlich nichts hinzuzufügen, die Dinge, die genannt worden waren, wären auch mir in den Sinn gekommen.
    "Es kann für einen angehenden Kaiser zudem nur gut sein, möglichst früh vielschichtige Erfahrungen zu sammeln. Beispiel Nero: Vielleicht hätten sich die Truppen nicht gegen ihn gewandt, hätte er ein wenig mehr Interesse gezeigt oder Erfahrung in militärischen Belangen gehabt."

    Pyrrus musterte den Störenfried ein wenig zu intensiv. Dann wandte er sich geschäftig den Tafeln zu, die herumlagen, und schichtete sie zu neuen Türmchen auf. "Aha, aha, aha. Tja, da musst du noch kurz warten, der ist gerade mal für keine Priester", gab der Schreiberling zur Antwort und grinste breit. "Kannst dich ruhig setzen." Eine entsprechende Geste verdeutlichte die Einladung.


    Es dauerte nicht lange, da kam ich zurück. Selbstverständlich klopfte ich nicht an meiner Tür, sondern trat einfach ein. Überrascht gewahrte ich Orestes. "Manius", grüßte ich und schloss die Tür hinter mir. "Dann ist es jetzt also soweit?" fragte ich gut gelaunt, ging um den Schreibtisch herum und scheuchte Livius Pyrrus mit einer Handbewegung zur Seite, um micht selbst zu setzen.

    "Herein", erklang es griesgrämig, doch war es nicht die Stimme des Aurelius Corvinus, die da sprach. Jener befand sich genaugenommen nicht einmal im Raum, und so war es Livius Pyrrus, der hinter dem Schreibtisch hockte und zur Tür sah, als jene sich öffnete.

    Ein wenig irritiert blickte ich von Bruderherz zu Bruderherz. Hatten die beiden etwas ausgefressen, dass sie derart liebenswürdig zueinander waren? Dass sie sich gegenseitig die Arbeitsangebote hin und her schoben? Forschend wie verstohlen musterte ich einen nach dem anderen und entschied, dass dem wohl so sein musste. Ich selbst war mit meinen Brüdern nie so einträchtig umgegangen, selbst in den friedlichsten Tagen nicht. Antoninus hätte gewiss irgendeine Bemerkung gemacht, doch ich schwieg und sagte nichts dazu.


    "Ich würde euch auch beide mitnehmen, allerdings fürchte ich, dass dann einer unterfordert sein wird. So viel Arbeit habe ich nicht zu verteilen", erklärte ich und hob eine Schulter. "Purgitius Macer", fuhr ich fort, "ist der Leiter der Militärakademie des imperium. Zudem der curator aquarum und als Senator ein nicht unwichtiger Mann Roms. Seine Ämter füllt er gewissenhaft und mit Weitsicht aus. Ich denke schon, dass man bei ihm einen guten Einblick in die Verwaltung erhalten kann. Ich habe ihn als Mann in Erinnerung, der Talente fördert. Ich kann gern ein Empfehlungsschreiben aufsetzen für einen von euch, ihr müsst mir nur sagen für wen und ob ihr das möchtet. Für den anderen kann es dann gleich morgen losgehen, ich habe einen Termin im Saturntempel zur Buchprüfung", sagte ich und lehnte mich zurück. "Und was die Finanzen anbelangt - für mich wäre es Arbeitserleichterung, denn gegenwärtig kümmere ich selbst mich darum, Appius weilt in Ägypten, Ursus in Germanien. Wenn du also zuversichtlich bist, dass du es schaffen kannst, dann übertrage ich dir gern die Verantwortung dafür."


    Ad
    Manius Tiberius Durus
    villa Tiberia in Roma



    M. Aurelius Corvinus M' Tiberio Duro s.d.


    Hiermit setze ich dich in Kenntnis darüber, dass die Opferprüfung des Claudius Brutus ANTE DIEM V NON MAI DCCCLVIII A.U.C. (3.5.2008/105 n.Chr.) zur fünften Stunde stattfinden wird. Du wirst gebeten, dich hierzu im Tempel der Venus libitina einzufinden. Rabuleia Nacca ist ebenfalls informiert worden.


    Mögen die Götter dich und den Prüfling leiten.


    Vale.



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    ROMA, ANTE DIEM VI NON MAI DCCCLVIII A.U.C. (2.5.2008/105 n.Chr.)


    Ad
    Lucius Claudius Brutus
    villa Claudiia in Roma



    M. Aurelius Corvinus L. Claudio Bruto s.d.


    Claudius, du wirst hiermit zu deiner Opferprüfung in den Tempel der Venus libitina bestellt. Finde dich ANTE DIEM V NON MAI DCCCLVIII A.U.C. (3.5.2008/105 n.Chr.) zur fünften Stunde dort ein. Die gebräuchlichen Opferutensilien werden dir gestellt werden. Du solltest jedoch für ein entsprechendes Voropfer, das Opfertier und ein angemessenes Gebet Sorge tragen. Der Prüfung werden die sacerdos Rabuleia Nacca und der pontifex Tiberius Durus beiwohnen.


    Vale.



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    ROMA, ANTE DIEM VI NON MAI DCCCLVIII A.U.C. (2.5.2008/105 n.Chr.)

    Die Züchtung bestimmter Pflanzen war zur Kunst erhoben worden? Das klang befremdlich, zugleich aber auch interessant. Vermutlich fehlte es den barbarischen Völkern des Ostens auch einfach nur an Beschäftigungsmöglichkeiten. In jedem Falle hatte Celerina damit meine Neugier geweckt, und ich würde veranlassen, dass ich mehr Informationen diesbezüglich erhalten würde.


    "Oh, ich werde schon dafür sorgen, dass die Entführung in angemessenem Stil erfolgt, verehrte Flavia", erwiderte ich und schmunzelte breit. Da trat die Sklavin Celerinas heran und ließ ihrer Herrin diskret eine Information zukommen. Kurz darauf reagierte diese mit Bestürzung, und einen weiteren Moment später erfuhr ich auch, woraus diese resultierte. Ich neigte den Kopf und erhob mich ebenfalls. "In Rom erlebt man zwar oft Überraschungen, aber seltenst sind sie so angenehm wie diese. Die Freude war ganz auf meiner Seite, Flavia, und ich hoffe, die Zeit bis zu unserem nächsten Treffen möge schnell vergehen", erwiderte ich und deutete automatisch eine leichte Verbeugung an. Ich war zur Höflichkeit erzogen worden, und zumal ich gern ihre Bekanntschaft gemacht hatte, fiel es mir auch nicht schwer, ebendies zu sein.


    Es war nicht nötig, sie weiter bis nach Hause zu begleiten, das Domizil der Flavier lag nicht mehr allzu weit entfernt. So sah ich ihr noch einen Moment nach, als sie ging, und versuchte, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Alles in allem war Flavia Celerina ebenso erfrischend wie auch mysteriös, und besonders letzteres gereichte mir zur Verwirrung. Als sie den Park verlassen hatte, wandte ich mich ebenfalls ab und ging nachdenklich meines Weges.


    ~ finis ~

    "Ich mache dir da keine Vorschriften. Im Grunde kannst du als sacerdos im Dienste des Staates ohnehin für jede Feierlichkeit und in jedem Tempel eingesetzt werden. Natürlich versuchen wir, bei der Verteilung auch die persönlichen Wünsche zu berücksichtigen. Daher solltest du dir schon eine Gottheit aussuchen, zu der du dich verbunden fühlst. Ob das Iuppiter ist oder Ceres spielt für deine Tätigkeit nachher keine Rolle, wohl aber für dich selbst. Wähle also mit Bedacht", antwortete ich und lächelte. Ein wenig kam ich mir schon vor wie mein eigener Vater. Ich sann über seine Worte nach, die mir in den Sinn kamen, ganz zusammenhanglos und irrelevant. Aber dennoch verdeutlichten sie mir in gewisser Weise, dass die Jugend nicht ewig währte, auch wenn ich nicht einmal dreißig Jahre zählte. Ich fühlte mich alt und weise - ein recht sonderbares Empfinden...


    Während Orestes nun erzählte, stützte ich das Kinn locker auf eine Hand und lauschte interessiert. Mit welcher Inbrunst er von Alexandrien schwärmte. Ich wünschte mir fast, noch einmal eine Reise dorthin unternehmen zu können, ehe es mir mit der Senatorenwürde versagt blieb. "Jemand hat einmal einen netten Vergleich angestellt. Ägypten sei von der Mentalität her ein zweites Griechenland, nur das Land sei gänzlich anders. Kannst du das bestätigen? Soweit ich weiß, ist Griechisch die Amtssprache und viele Griechen leben dort. Erzähle mir von der Architektur. Ist der Palast des Statthaltes mit dem des Kaisers vergleichbar? Und hast du jemals die Pyramiden besichtigt?"

    Ich nickte langsam. "Ja, das stimmt. Mir wurde vor einiger Zeit die Ehre eines Septemvirats angetragen", bestätigte ich. "Wenn es wirklich dein Wunsch ist, im cultus tätig zu werden, kann ich dir einige Wege ersparen und die Anmeldung zu deiner Opferprüfung gleich in die Wege leiten. Die nötigen Grundkenntnisse dürftest du ja bereits haben"*, erwähnte ich und lehnte mich bequemer zurück. Ob Orestes es tatsächlich ernst meinte? Vermutlich war er ganz anders als Catulus und Avianus. Und was er über die höheren Ämter sagte, entsprach zudem ganz meiner eigenen Meinung.


    "So ist es, Manius. Ich kann dich auch gern auf Empfänge mitnehmen und mit dem ein oder anderen bekannt machen. Daran soll dein Elan nicht scheitern. Und zögere bitte nicht, auf mich zuzugehen. Ich bin mir sicher, auch die anderen werden dir gern helfen, so sie es vermögen. Außer Tiberius, Gaius und mir sind zudem Prisca, Helena und Minervina hier. Titus leistet derzeit sein Tribunat in Germanien bei der Zweiten ab", informierte ich ihn. Kurz darauf kam Sofia wieder, eine Platte mit kalten Häppchen gefährlich unstet balancierend. Sie schaffte es dennoch, sie unversehrt auf dem niedrigen Tisch abzusetzen. Ich nickte ihr zu und griff mir danach eine kleine Pastete. "Greif nur zu. Und erzähl mir derweil von Ägypten. Ich hätte es gern mal besucht."



    Sim-Off:

    * Du müsstest die probatio rerum sacrarum I bestehen, um den theoretischen Teil der Priesterprüfung abzuschließen. Für den praktischen Teil gibt es eine Opferaufgabe, die du SimOn bewältigen musst, ehe man dich zum sacerdos ernennt.

    Heute war ich wieder einmal mit Livius Pyrrus unterwegs. Der Peregrine hatte sich eine neue Strategie ausgedacht, um mich nicht ständig mit seiner miesepetrigen Laune zu triezen - er schwieg und gab zumeist einsilbige Kommentare ab.


    Am Eingang wurden wir von einem Priester des Saturn begrüßt, der uns zunächst für Opferwillige hielt, sich nach einer kleinen Erklärung meines Anliegens jedoch entschuldigte und uns in die Eingeweide des Tempels geleitete. Dorthin, wo man den Staatsschatz aufbewahrte. Bewacht von treuen Soldaten, lagerten hier unschätzbare Werte. Nicht nur Pyrrus, sondern auch mir verschlug es für einen Moment die Sprache bei diesem Anblick.


    Als ich mich losgerissen hatte, wandte ich mich an den Schreiber, die derzeit die Oberaufsicht führte. "Ich würde gern Einsicht in die Bücher nehmen und die Einnahmen und Ausgaben kontrollieren. Wäre das möglich?" "Gewiss. Folge mir doch bitte", war die Antwort. Und nachdem ich Pyrrus durch eine kurze Berührung am Arm aus seiner staunenden Lethargie gerissen hatte, folgte er mir und dem Schreiber in dessen officium.

    "Ich denke, wenn ich dir nun sage, dass mich dieser Entschluss freut, dürfte das keine unverhoffte Überraschung für dich sein", erwiderte ich schmunzelnd. "Noch ist Valerianus nicht in Rom. Wir werden sehen, ob sich etwas ändert, und wenn ja, was es sein wird. ich gehe jedoch davon aus, dass er das Steuer ähnlich halten wird wie sein Vater."


    Eine andere Sklavin brachte soeben eine Schale Oliven, um den Appetit schon anzuregen, während Sofia sich um etwas Deftigeres kümmerte. Zudem schenkte sie den Wein ein, den Orestes bereits vermutet hatte, und dann zog sie sich diskret zurück und ließ uns wieder allein. "So ist es", pflichtete ich ihm bei. "Ich weiß nicht, was du dir da vorgestellt hast, Manius, aber ich sagte es bereits Tiberius und Gaius - die beiden kamen vor ein paar Tagen ebenfalls hier an - der cultus deorum bietet sozusagen den perfekten Einstieg in die Politik. Du interagierst mit Menschen, erreichts Bekanntheit, sitzt nicht untätig herum. Ein Priesteramt schafft dir die besten Voraussetzungen."


    Über den Weinbecher hinweg betrachtete ich seine Reaktion. Weder Catulus noch Avianus waren begeistert gewesen, als ich ihnen dasselbe vorgeschlagen hatte. Was Orestes darüber dachte, war mir nicht ganz klar. Noch nicht.

    Der zweite Tag der ludi Florales, der Spiele zu Ehren der Flora, der Göttin des Frühlings, der Jugend und der so mannigfaltigen Pflanzen auf Erden, begann mit einem nahezu strahlenden blauen Himmel. Bereits am gestrigen Tag waren viele Römer und Römerinnen zu den Tempeln der Flora gepilgert oder hinaus in die Natur. Allerorts gaben Schauspieler kleine Stücke zum Besten, erzählten Narratoren ihre Geschichten und vollführten Mimen koplizierte, gefährliche oder unterhaltsame Narrenpossen. Überall boten sich lupae an, sich selbst Florae nennend, und ihre Angebote wurden nur zu gern wahrgenommen - nicht nur von männlichen Interessenten. Blüten über Blüten wurden hoch über die Köpfen geworfen, Bohnen und Erbsen ergossen sich in Kaskaden über Verheiratete und solche, die erst noch ihren Gegenpart finden mussten. Die floralia waren ausgelassenes Fest. In vielen Haushalten und Tavernen musste bereits am ersten Abend Nachschub an Wein und Bier geordert werden, nicht ein einziges Zimmer stand mehr zur freien Miete in Rom, und in manchen Gassen tummelten sich Paare, die voneinander nicht mehr wussten als ihre Namen - wenn überhaupt.


    Eigentlich hätten die plebejischen Aedile die Organisation dieser Festivitäten übernehmen sollen, doch war einer der beiden eher müßiger Natur und der andere unerwartet so schwer erkrankt, dass seine Familie zurecht um sein Leben bangen musste. Als quaestor urbanus hatte ich mich erboten, iseinen Teil dieser Aufgabe zu übernehmen, zumal mir die Planung leichter fallen sollte, da ich im Amte eines septemvir ohnehin oft mit Feierlichkeiten zu Ehren der Göttern konfrontiert war. Viel Zeit hatte ich nicht gehabt, mich einzuarbeiten, dennoch hatte das Volk Roms natürlich eine gewisse Erwartungshaltung, die es auch ohne tatkräftige Unterstützung des verbliebenen Aedils zu erfüllen galt.


    Heute, am zweiten Tag der Narretei, stand am Vormittag die traditionelle venatio an, eine Tierhatz im circus maximus. Bereits im Vorfeld waren Ziegen, Rehe und Hasen herangeschafft wurden - ausnahmslos kräftige Tiere, damit sie den Zuschauern später auch etwas bieten würden. Entlang der Eingänge befanden sich Stände, deren Besitzer kleine Naschereien oder sonstigen Tand feilboten, und die Ränge des circus waren bereits jetzt recht gut gefüllt. An einem Platz, an dem ich alles gut überschauen konnte, hatte ich mich in Begleitung niedergelassen, auf den Beginn wartend, der sich allmählich durch die unruhigen Geräusche der Tiere ankündigte. Und tatsächlich, nach den obligatorischen Eingangsreden, in denen zum ersten Mal auch mein Name in Verbingung mit dem Wort Ausrichter fiel - ich hatte mich angeregt unterhalten und so nicht einmal wahrgenommen, dass ich namentlich erwähnt wurde - stoben in einer Wolke aus Staub und Sand die Tiere herein. Rehe griffen weit aus, um sich in Sicherheit zu bringen und sie doch nicht zu erreichen. Große und kleine Hasen, bunte und einfarbige Tiere, schossen vorüber und blieben an den Wänden des circus ratlos ob des nicht vorhandenen Auswegs sitzen. Ziegen trotteten in einem Pulk vorüber, orientierungslos. Und dann ließ man die Hunde hinein, ausnahmslos große, wendige Tiere mit dünnen Läufen und langen, roten Zungen. Und das Spektakel begann.


    Ad
    Manius Tiberius Durus
    villa Tiberia in Roma



    M. Aurelius Corvinus M' Tiberio Duro s.d.


    Tiberius, das collegium septemvirorum tritt mit der Bitte an dich heran, bei der Prüfung eines Priesteranwärters den Vorsitz zu führen. Der Name des Prüflings lautet Lucius Claudius Brutus, er ist der Sohn des Senators Menecrates von den Claudiern.


    Eine präzise Wahl bezüglich seines späteren Dienstes im Tempel hat er bisherig nicht getroffen, wohl aber präferiert er den Dienst in einem Tempel des Pluto, ebenso wie er gedenkt, Rom den Rücken zu kehren und sich Hispanien zuzuwenden. Für seine Prüfung wurde indes ein Opfer an die Venus libitina vorgeschlagen. Die Vorsteherin ihres Tempels ist Rabuleia Nacca.


    Ich würde dich bitten, dich zwecks Termin der Prüfung mit mir in Verbindung zu setzen, damit ich Claudius Brutus und Rabuleia Nacca über alles weitere informieren kann.


    Vale.



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    ROMA, ANTE DIEM III KAL MAI DCCCLVIII A.U.C. (29.4.2008/105 n.Chr.)

    Ein amüsiertes Glitzern trat in meine eben noch verschlafenen Augen. "Dann sei willkommen in Rom, Manius", erwiderte ich herzlich und klopfte ihm auf die Schulter. Allmählich schien sich die villa zu füllen, was angesichts der Abwesenheit eines Goßteils der Sklaven zu Engpässen führen konnte, wenn plötzlich noch weitere Familienmitglieder auftauchten. Ich blickte kurz aus dem Raum hinaus, doch zu Orestes gehörige Sklaven sah ich nicht. Vermutlich schafften sie gerade sein Gepäck ins Haus, das er mit Sicherheit hatte, wo er doch länger bleiben wollte. Ein entsprechender Blick zu Sofia verdeutlichte ihr, dass sie sich um Orestes' Hunger kümmern sollte. Wie das Soffchen nun einmal war, brauchte sie ein Weilchen, ehe sie verstand, was von ihr verlangt wurde. Dann aber huschte sie aus dem Wohnraum hinaus und eilte in die Küche.


    Was Orestes mir erzählte, ließ mich hellhörig werden. Interessiert verfolgte ich seine Worte. "Selbstverständlich, Manius. Das heißt - nur, wenn du mir verrätst, was du planst", gab ich zurück und grinste. Dass er Crassus erwähnte, der seinerzeit bedeutende Taten vollbracht und uns unseren Stand eingebracht hatte, mochte gewiss etwas bedeuten - so glaubte ich.

    Eigentlich hatte ich dieses Protokoll der letzten Sitzung der septemviri lesen wollen, doch Fulvius Frugi hatte die Feder führen lassen, und so beinhaltete das Dokument lediglich Geschwafel und Unwichtigkeiten. Damit war es wohl kein Wunder, dass ich eingenickt war und nun mehr oder minder selig schlumemrte. Den Knaben hörte ich nicht, auch nicht, als dieser nach einem zerknirschten Nicken fort huschte und einen Mann zurück ließ, den ich lange nicht gesehen hatte.


    Als mein Name zu mir drang, fuhr ich aus dem Schlaf hoch und blinzelte einige Male angestrengt. Wen ich sah, war mein Vetter, was mich kurz noch annehmen ließ, ich träumte. Ein wenig derangiert setzte sich mich auf. "Manius?" Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht. "Das ist ja eine Überraschung. Ich dachte, du seist noch in Alexandrien? Wie kommt's?" fragte ich, und allmählich breitete sich auch ein erfreutes Lächeln auf meinen Zügen aus. "Setz dich doch. Hast du Hunger? Wie geht es dir, und vor allem: du bleibst doch eine Weile, oder nicht?"

    "Es zeigt auf, dass man suich nicht auf eine einzige Quelle stützen, sondern auf mehreren bauen sollte", erwiderte ich. "Geschichtsschreibung ist eine wichtige Aufgabe, doch fließen bisweilen subjektive Empfindungen und Meinungen des Niederschreibenden mit ein. Vergleicht man mehrere Quellen miteinander, minimiert man das Risiko, sich auf eine Falschaussage zu stützen. Die Problematik gerade bei einem solchen Fall wie diesem hier ist allerdings, dass man sich kaum sicher sein kann, wessen Aussage richtiger ist."


    Was das weitere Thema der Kaiserpräsenz anging, so war ich mit dem Präfekten durchaus einer Meinung. Moral und Eifer wurden gestärkt, weilte der Kaiser unter seinen Männern. Ich selbst hatte zwar die Erfahrung nicht gemacht, auch während meines zweijährigen Tribunats in Germanien nicht, doch die Männer der Prima hatten sie in Parthien sicherlich gemacht.