Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Es war der Tag, an dem Avianus und Catulus angekommen waren. Wir hatten nicht allzu lange im triclinium gesessen, denn die beiden waren müde von der Reise und waren früh zu Bett gegangen. Und so war auch ich früh in mein Zimmer gestrebt, um mit mir und einer guten Schriftrolle allein zu sein. Letztendlich hatte sich das Alleinsein allerdings auf mich und meine Gedanken reduziert, und die Lektüre lag unangetastet auf dem Rand des Tisches. Öllampen tauchten den Raum in flackerndes Helldunkel, und ich saß einfach nur da, nippte gelegentlich an meinem Wein und grübelte. So lange waren sie nun fort. Die Germanen, wie wir sie inzwischen hier nannten. Ich hätte ihr unsere Schrift beibringen sollen, ehe sie abgereist waren. Ich konnte Ursus darum bitten, mir Bericht zu erstatten. Doch das wollte ich auch nicht. Die Zerstreuung, die ich bei anderen gesucht hatte, war von mir unentdeckt geblieben. Irgendwann hatte ich es aufgegeben, andere in mein Bett zu holen. Ich war kaum bei der Sache, was die ganze Angelegenheit eher zu einem stumpfen – und kurzen - Durchexerzieren machte denn zu einer vergnüglichen Angelegenheit. Ohne ihren Dickkopf schien es fast ruhig in der villa. Definitiv aber fehlte etwas. Den anderen. Mir.


    Ich seufzte tief, leerte den Becher und stellte ihn auf den Tisch zurück. Hernach erhob ich mich, streifte die tunica ab und löschte eines der beiden Lichter. Das andere trug ich ans Bett, stellte es ab und schlüpfte unter die Decke. Kühle empfing mich. Etwas, das ich nicht mochte. Ich schloss die Augen und malte mir den warmen Körper aus, den ich gegenwärtig neben mir begehrte. Was kam, war nicht wäre. Was kam, war der Schlaf, und mit ihm ein Traum.


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    Das Hämmern des Schmiedehammers haben sie von Nahem erlebt, ebenso das Langhaus besucht, in dem sie vom Kind zur Erwachsenen herangereift war. Viele Menschen erinnern sich noch an sie, manche mehr, manche weniger, einige gar nicht. Er kommt sich fehl am Platze vor, während er an ihrer Seite das Dorf erkundet, ihr Zuhause. Leichter ums Herz wird ihm erst, als sie sich von den Hütten entfernen und auf den Wald zuschreiten. Unberührt und dicht, wie er ist, hat er zugleich etwas Geheimnisvolles wie Vertrautes an sich - das spürt sogar er, der er selten durch Wälder gestreift ist. An der Baumgrenze bleibt er stehen und blickt noch einmal zum Dorf zurück. Den Gefährten, von dem sie ihm einmal erzählt hat, haben sie nicht besucht.

    Die Natur scheint eng verflochten zu sein mit den Menschen, die hier leben. Mit ihren Göttern, ihren Seelen und ihrem Glauben. Er respektiert das, auch wenn er nicht an Waldgeister und dergleichen glaubt. Er ist bei einem Volk zu Gast, das ihm so fremd ist, wie es nur sein kann. Und doch übt diese Tatsache eine Anziehungskraft auf ihn aus. Fasziniert ihn. Und er weiß, dass die Faszination sein wunder Punkt ist, einer von vielen. Die Höhle erinnert ihn an die Gewölbe der Sibylle, das Wispern des Wassers an die geheimnisumwobenen Laute aus dem Inneren der Orakelgrotte. Es erscheint ihm unangemessen, an einem solchen Ort den Göttern zu opfern, doch er schweigt. Es sind nicht seine Götter. Wieder fällt ihm auf, wie verschieden sie doch sind. Er sagt nichts. Spürt, dass jedes Wort sie unweigerlich vor den Kopf stoßen muss und den verletzlichen Moment zunichte machen wird. Er kann nicht erfassen, wie wichtig diese Orte für sie sind, doch er spürt instinktiv, dass mehr dahinter steckt als eine simple Führung. Beinahe ist er froh, als sie den düsteren Ort wieder verlassen und im Nebel eintauchen.

    Im nächsten Moment ziehen kleine Kumuluswolken über ihn hinweg. Erstaunt richtet er sich auf, stützt sich auf die Ellbogen und betrachtet zwei schillernde Libellen beim gemeinsamen Spiel am Ufer eines Sees. Neben ihm liegt sie, inmitten von duftenden Dotterblumen und sprießendem Grün. Lange betrachtet er sie stumm. Das helle Haar, die samtene Haut, die blauen Augen, die kecke Nase. Er weiß jetzt, dass dies ein Traum ist. Und Träume kann man lenken. Als er das nächste Mal zu ihr sieht, bemerkt er den Träger ihres Gewandes, der an der Schulter hinabgerutscht ist. Sonnenstrahlen schimmern auf der Haut. Bienen summen geschäftig von Blüte zu Blüte. Träge schwappen kleine Wellen ans Ufer des Sees. Schon streckt er die Hand aus, berührt ihre Schulter. Er streicht ihr das Haar zurück, bis es sich zwischen den Grashalmen verliert. Langsam senken sich seine Lippen, berühren schließlich den Ansatz ihres Halses, kosten die Zartheit, schmecken den Duft und lassen schließlich wieder ab von ihr, auch wenn es ihm schwer fällt, nicht zuletzt ihrer Reaktion wegen. „Fehlt es dir?“ fragt er und deutet über den See hinweg auf die Rauchsäulen des Dorfes, die in der Ferne aufsteigen.


    Unsicherheit spiegelt sich auf ihrem Antlitz wider, als sie sich einen Moment später aufrichtet. Er betrachtet sie genau. Gestik und Mimik drücken vage Trauer aus, zugleich große Verwirrtheit. „Ich weiß es nicht.“ Ein Seufzen folgt den Worten, der Blick wandert über den funkelnden See. In der Ferne quaken lautstark einige Enten, als er den Blick wieder senkt und ebenfalls seufzt, wenn auch leise. "Es fehlt mir, ja. Sie fehlen mir. Das werden sie wohl immer, einem Teil von mir." Nun betrachtet er sie wieder, die makellos helle Haut im Schein der Sonne. Die nachdenkliche Miene, die sich an die Worte knüpft. Das Zögern ist ihm wohl bewusst, ehe sie fortfährt. “Aber ich weiß nicht, ob ich dort noch hingehöre.“ Damit hat er nicht gerechnet. Erstaunt mustert er sie. Es macht ganz den Anschein, als meint sie ernst, was sie da sagt. Ihre Stimmlage irritiert ihn. Die Art, wie sie es gesagt hat. Er fährt sich mit der Zungenspitze über die Lippen, studiert ihren Gesichtsausdruck. „Was lässt dich zweifeln?“ fragt er sie geradeheraus und ahnt doch schon, was sie antworten mag. Sie mögen vieles geteilt haben, Freud und Leid, Angenehmes, Schmerz, Wut und auch das Bett, doch keiner weiß, was der andere fühlt. Alles beruht auf Mutmaßungen. Annahmen, Vermutungen. Sicher sein kann er sich nicht, und doch…hofft er nicht? Es wäre fatal. Es wäre unschicklich. Nicht wahr? Zweifel überkommen ihn wie dunkle Regenwolken.


    Im nächsten Moment ist die Sonne verschwunden, schwere Tropfen fallen vom Himmel. Er blickt verwundert auf. Ein Traum… Schnell ist er auf den Beinen, reicht ihr eine Hand. Binnen Sekunden sind sie beide durchnässt. Es bringt nichts mehr, nun Unterschlupf zu suchen. Sein Haar ist nass, das ihre klebt strähnenweise an ihrem Gesicht. So dicht steht sie vor ihm. Klein und zierlich, verglichen mit ihm. Erneut spürt er den Keim, um sie herum prasselnde Tropfen auf Blattwerk und Steine. Ein Crescendo, eine Symphonie. Er blinzelt Tropfen fort, beugt sich zu ihr. Seine Lippen suchen die ihren, finden und teilen sie, noch ehe sie seine Frage beantworten kann. Lust schwappt wie eine Welle über ihn hinweg, reißt Zweifel und Vermutungen mit sich, spült sie im Regen fort. Er presst sie an sich, den regenfeuchten Körper. Viel zu lange war sie nicht da.


    Haltsuchende Arme umschlingen seinen Nacken. Fortgeweht ist der zärtliche Ausdruck auf ihrem Gesicht, der flüchtig zum Nachdenken angeregt hat. An seine Stelle ist der Hunger getreten, der zuerst nur vage Züge zeigt, dann sein wahres Gesicht enthüllt. Um sie herum gluckst und gluckert es, doch er blendet es aus. Es fällt ihm nicht schwer, sich auf sie zu konzentrieren. So real, wie sie ist. So greifbar. Er spürt den zarten Körper unter seinen Fingern, die bebende Hitze, die allmählich unter sein Wams gleitet und ihn aus der Kleidung schält. Das Blut rast in seinen Adern, jegliche Frage ist vergessen, jede Befangenheit abgestreift wie eine leblose Hülle. Erneut ein Kuss, aufgepeitschte Gier von verlangender Glut. Das Hemd auf dem Boden, ihre Hände überall auf seinem Körper. Erloschene Gedanken, frei von Bedenken und Einwänden im Hier und Jetzt. Was zählt, ist der Moment, und den würde er mit keinem Menschen der Welt tauschen wollen. Zarte Bisse paaren sich mit flinker Zunge – welch Traum! Je weiter sie sich nähert, desto weicher werden seine Knie. Er beißt sich seitlich auf die Lippe, pochende Ewigkeit zieht sich in die Länge, harrend voller Ungeduld. Kaum sind die Riemen gelöst, schmiegt sie sich erneut an ihn, ungestüm. Flüchtig ist er enttäuscht, doch die Empfindung wird fortgewischt von ihrer stummen Aufforderung, der er gern nachkommt. Das Gras ist nass, doch es stört ihn nicht. Sie gleitet mit ihm zu Boden. Leicht gekringelte, nasse Strähnen streifen über sein Gesicht, seine Brust, kitzeln und entfachen. Das Grinsen lässt ihn ein wenig ratlos zurück, während sie hinab gleitet. Im nächsten Moment keucht er erschrocken. Unerwartete Bewegung raubt ihm Atem und Sinne, zartweiche Berührungen treiben ihn erbarmungslos mit dem Rücken an die Wand. Unwillkürlich sucht seine Hand ihren Schopf, verkrallt sich im klebenden Haar.


    Nur wenig später unterbricht er sie, zieht sie ein wenig unsanft zu sich, schwer atmend. Neben ihm liegen nun auch ihre Kleider. Schnell fügt sich zusammen, was zusammen gehört, eingespielt und einstimmig. Mit vereinten Kräften jagen die Herzen dahin, im Galopp der Ekstase. Seine Hände auf ihrer Haut, greifend, führend, lenkend. Die ihren spielen in einer eigenwilligen Melodie, und über allem breitet sich des Regens Zelt aus, schützend wie verschleiernd, nässend wie bergend. Unverschuldend fallen die Tropfen auf zitternde Haut, ungehört verklingen Laute der Erlösung im Prasseln des Wassers. Die angenehme Kühle mildert die Flammen, in denen er steht, nur geringfügig. Viel zu rasch verebbt die Freiheit, viel zu schnell scheint sein Hunger gestillt. Zärtlich zieht er sie zu sich, schweißvermengter Regen zwischen ihren Körpern. Glitzernde Feuchte schimmert auf ihren Lippen, so köstlich wie der Götter Nektar im elysium. „Zweifelst du?“ fragt er sie nach einer Weile des Im-Arm-habens und schaut sie schräg von oben an. "Nein" , sagt sie. Dem Wort schwingt eine Endgültigkeit mit, die ihn nachdenklich macht. "Nein." Sie sieht ihn an. "Und du?"


    ~~~


    „Psst, leise, er schläft noch.“ Leises Trappeln. Jemand stellte ein Tablett ab und zog sich dann zurück. „Komm schon!“ energisch wurde auch die zweite Person aus dem Raum hinausbeordert. Ich fühlte mich… seltsam. In meinem Mund hatte sich ein schaler Geschmack ausgebreitet, böser Kopfschmerz bahnte sich an. Und du? Was bescherte mir Morpheus in letzter Zeit nur für seltsame Träume? Ich schloss die Augen wieder, dachte an das Szenario im Traum. Ihr Lächeln schien als Echo in meinen Gedanken widerzuhallen. Unruhig drehte ich mich auf die Seite, merkte, dass die Laken feucht waren und musste schmunzeln. Selbst über diese Entfernung hinweg… Und du? Ja. Und ich? Zweifelte ich? Sie war eine Sklavin. Sie war eine von vielen. Sie war nicht besonders. Einstudierte Phrasen, um mich selbst zu beruhigen. Das Schmunzeln verschwand und machte einem bitteren Ausdruck Platz. Um mich zu belügen. Ich belog mich, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass sie weit mehr war als nur eine Sklavin. Sie war Vertraute und Freundin, Geliebte und Familie zugleich. Dennoch war sie eine Sklavin. Es durfte nicht sein und es konnte nicht gut gehen. Es war besser, wenn ich nicht abwich von dem, was ich mir einredete. Ich durfte es nicht eingestehen. Vielleicht überdauerte es dann sogar die nächste Zeit, ohne dass ich verlor, was wichtig geworden war. Nicht so wie beim letzten Mal.


    Und du?
    Ja, ich hatte Zweifel. Zweifel an der Wahrnehmung der anderen. Zweifel an meinem Verhalten. Zweifel, dass es geheim bleiben würde.

    Ich hob überrascht eine Braue. "Ein unerwarteter Wunsch. Ich werde sehen, was sich machen lässt...allerdings solltest du durchaus damit rechnen, dass deiner Bitte nicht entsprochen wird." Ob Durus wohl bestechlich war? Warum sonst sollte ein Claudier, jemand der mit den Tiberiern nicht im Bunde stand, darum bitten? Ominös, äußerst ominös. Ich würde Durus nicht den Vorzug geben, sondern ihn nur bitten, die Prüfung zu übernehmen, wenn niemand anderer sich bereit erklärte, beschloss ich.


    "Oh, bedanke dich nicht. Schließlich ist es eben meine Aufgabe wie es mir eine Freude war, dich kennenzulernen. Auf bald, Claudius Brutus", erwiderte ich. Ob Menecrates wohl gleichsam diese Krankheit teilte? Auf mich hatte er stets einen gesunden Eindruck gemacht.

    Ich folgte dem Blick Seianas und betrachtete flüchtig meine Sklaven, die sich ziemlich für die decimianische Sklavin zu interessieren schienen und sie in ein Gespräch verwickelten. Amüsiert wandte ich hernach den Kopf und schmunzelte Seiana an. "Vermutlich wirst du es anders sehen, wenn der erste Brief eines Lesers kommt, der sich über einen Artikel aus deiner Feder beschwert, sagte ich und ahnte nicht, dass dies schon sehr bald der Fall sein sollte. "Artikel kann man bis zum Tag vor der Veröffentlichung der neuen Ausgabe einreichen. Die Acta erscheint zweiwöchentlich, also am dritten Tag jeder zweiten Woche. Der Redaktionsschluss ist damit der zweite Tag jeder zweiten Woche. Und kennst du die domus der Acta? Von der via Flaminia zweigt die via Rosa ab, dort findest du das Redaktionsgebäude. Alle vergebenen Themen hängen dort am Schwarzen Brett aus, damit wir nicht zwei Artikel zu einem Thema haben. Deine fertigen Artikel gibst du ebenfalls dort ab, denn ehe sie veröffentlicht werden, müssen sie noch an unserer lectrix und an mir selbst vorbei. In der domus findest du auch die Liste aller subauctores und der anderen Redaktionsmitglieder. Falls du Fragen haben solltest, stelle sie ruhig. Es ist immer jemand im Actagebäude, die lectrix - Claudia Epicharis - und ich selbst sind am Tag der Veröffentlichung den ganzen Tag über anwesend, ebenso Ion, das ist unser Actasklave. Und neuerdings lungert Caius Columnus auch fast immer herum. Er ist subauctor. Falls du tatsächlich niemanden erreichen solltest, besteht immer noch die Möglichkeit, mich oder einen der anderen privat aufzusuchen."


    Nachdenklich strich ich mir mit Daumen und Zeigefinger der Rechten am Kinn entlang und lauschte den Worten des Aeliers. Besonderer und extravaganter Geschmack, hmm... Ein wenig in Gedanken versunken, blickte ich erst wieder auf, als Callidus mir verdünnten Falerner reichte. Ich nickte ihm dankend zu und wiegte den Kopf hin und her. "Das dachte ich mir, dein Name ist im Architekturwesen weitbekannt und sozusagen der Inbegriff von baulicher Verwirklichung. Deswegen kam ich zu dir", sagte ich und trank von dem guten Wein, der tatsächlich außergewöhnlich gut schmeckte.


    "Nun, ich denke, die Entscheidung ist soeben gefallen. Ich denke, die exedra sollte ägyptische Züge aufweisen. Schließlich soll sie ein Blickfang sein. Und ja, einen porticus hatte ich angedacht. Platz ist genug, das sollte zumidnest dahingehend kein Problem sein. Wie verfahren wir weiter? Möchtest du die Örtlichkeiten noch einmal begehen, ehe du mir einen Kostenvoranschlag unterbreitest?"

    "Vielleicht wirst du einmal Gelegenheit haben, dir den Garten anzusehen, wenn du möchtest", sagte ich und wunderte mich im nächsten Augenblick ein wenig über die versteckte Einladung, die meinen Worten zu entnehmen war. Ob Celerina sie wahrgenommen hatte? Wieder dachte ich an Siv - sollte Celerina den Garten wirklich sehen wollen, so müsste sie zuerst die Pflanzen zur vollsten Pracht pflegen, denn seitdem Siv in Germanien weilte, litten besonders die wärmeliebenden Exemplare an dem kühleren Klima derzeit. Was die Germanin genau mit den Pflanzen anstellte, dass diese sonstig so gut gediehen, war mir ein Rätsel, doch solange alles bestens aussah, fragte ich nicht weiter nach und ließ sie einfach machen. Jedenfalls sollte Celerinas Besuch bis zur Rückkehr Sivs warten, damit ich ihr den Garten in seiner schönsten Pracht würde zeigen können. Und am besten in Begleitung, nicht dass man mir noch unschöne Dinge nachsagte. "orchidaceae? Zu dieser Gattung gehört doch das orchis italica, wenn mich nicht alles täuscht? Dieses Kraut hat recht ansprechende Blüten. Von Abkömmlingen aus Asien habe ich allerdings noch nichts gehört", erwiderte ich und blinzelte interessiert. Sicher wusste Celerina um die schleimlösenden und fruchtbarkeitsfördernden Eigenschaften dieses Gewächses. Ob es weiter östlich vielleicht eine größere Farben- und Formenvielfalt dieser orchidaceae gab? Ich musste jemanden darauf ansetzen...


    Eines Schmunzelns konnte ich mich nicht erwehren, als sie die nackten Männer erneut erwähnte. Celerina schien mir eine recht vielschichtige Frau zu sein, die über einen wachen Geist verfügte und gleichzeitig Humor besaß. Nicht die schlechteste Mischung, sagte ich mir, und erneut sann ich insgeheim über die Worte meines Patrons nach. Wenn doch nur der Kaiser endlich in Rom ankommen und seine Neigung bezüglich der Flavier aussprechen würde. "Dann werde ich dafür sorgen, dass eine Sänfte dich rechtzeitig aus der flavischen villa entführt und samt deinem Gefolge zum Marcellustheater bringt. Ich werde dort auf dein Eintreffen warten", schlug ich vor.

    Münzen über Münzen, edle Repliken, pures Gold und die schönsten und buntesten Edelsteine verden hier verwahrt. Der Saturntempel beherbergt den Staatsschatz des römischen Volkes, das aerarium populi Romani, nach seinem Aufbewahrungsort auch aerarium Saturni genannt.


    Neben allerlei kostbaren Wertgegenständen haben zudem die verschiedensten Urkunden und die Feldzeichen der römischen Einheiten hier ihren Platz. Der niemals abreißende Strom von Bußgeldern, Steuern, Kriegsbeute und Pachtgeldern sorgt dafür, dass die Kassen des Staates stets gut gefüllt sind. Auch Schuldverschreibungen werden hier aufbewahrt, ebenso wie die Bücher, in denen sämtliche Einnahmen und Ausgaben penibelst vermerkt sind.


    Unter der Aufsicht des Senats verwalten zwei Quästoren den Staatsschatz.

    Zitat

    Original von Flavia Celerina und anderen
    ... Um nicht indiskret zu wirken, wendete ich meinen Blick von den Beiden ab und widmete mich wieder Corvinus. "Ich bin ja so froh, dich begleitet zu haben!" bemerkte ich ihm gegenüber im Flüsterton, damit es niemand außer ihm hören konnte. ...



    Ein wahrhaftig gelungenes Stück. Mich hatte vor allem die Art der Dichtkunst in Bann gezogen. Ich beschloss, den Namen des Autors in Erfahrung zu bringen, nur für den Fall der Fälle, man wusste schließlich nie, wofür es noch gut sein würde, solche Namen zu kennen.


    :app:


    Während ich noch begeistert applaudierte - und Aquilius und Prisca herzlich wenig Aufmerksamkeit schenkte - beugte sich Flavia Celerina zu mir. Ich kam ein wenig aus dem Rhythmus, klatschte jedoch eher halbherzig weiter, indes ich ihre Worte vernahm, die mich ein wenig derangierten, sodass ich das Applaudieren kurz darauf einstellte. "Das freut mich, Flavia. Das Stück an deiner Seite zu erleben, war auch mir eine Freude", entgegnete ich etwas gestelzt, was schlichtweg daran lag, dass mir nichts besseres in den Sinn kam. Ein Lächeln folgte den Worten, und als sie sich wieder den anderen zuwandte, musterte ich ein wenig ratlos ihren schöngestalteten Hinterkopf.


    Kurz darauf fiel mein Blick jedoch auf Aquilius und Prisca, die nebeneinander saßen und sich gut zu unterhalten schienen. In einem passenden Moment - schließlich wollte ich ihr Gespräch nicht unbedingt stören - lehnte ich mich etwas vor. Der Plebes begann bereits, das Theater zu verlassen. "Ein herrliches Stück. Dein Vetter beweist wieder einmal, wie feinsinnig sein Gespür ist. Ach, Caius, hättest du nicht Lust, uns in absehbarer Zeit zur cena zu besuchen?" fragte ich ihn mit hintergründigem Schmunzeln. Gewiss wusste er, warum ich ihn einlud, schließlich hatten wir bereits darüber gesprochen.

    Meine Augen verengten sich ein wenig, während ich Avianus' Worten lauschte. Verschwommen drängte sich ein Bild in mein Bewusstsein, ich selbst hinter Vater stehend und einer Opferung beiwohnend, und irgendwo ganz hinten Avianus und Catulus, die lieber eine puella beobachteten als den Priester, der vorn das Zicklein ersticht. Die Erinnerung zerplatzte, als Avianus fortfuhr. Ich seufzte leise und zuckte mit den Schultern, kaum dass auch noch Catulus ihm beipflichtete. "Der Kult bräuchte allerdings ehrenwerte Männer und Frauen, die für die Gunst der Götter sorgen", antwortete ich automatisch. "Und gerade, um ein wenig Bekanntheit zu erlangen, um anschließend auch gewählt zu werden, wäre dieser Weg ein passender. Wenn es euch allerdings nicht beliebt..." Nachdenklich hielt ich inne. Ursus hatte es auch so geschafft, sagte ich mir. Vielleicht gab es auch noch eine andere Möglichkeit. "Hm. Also, ich stecke derzeit in der Quästur. Ich muss nicht unbedingt Pyrrus mitnehmen. Einen von euch könnte als mein scriba personalis mit mir kommen, wenn ich dienstliche Wege zu erledigen habe. Der andere kann sich von Caecus in die Finanzlage der familia einführen lassen...letzteres sorgt zwar nicht gerade dafür, dass man eure Namen mit euren Gesichtern in Verbindung bringt, aber etwas anderes fällt mir gegenwärtig nicht ein. Ihr könntet Flavius Gracchus noch bitten, ihn begleiten zu dürfen, oder bei namhaften Männern wie beispielsweise Senator Purgitius Macer um eine Anstellung als persönlicher Schreiber bitten..." Ich runzelte die Stirn. Viele Möglichkeiten hatte ein junger Mann dieser Tage nicht mehr, wollte er in der Politik Fuß fassen.


    Ich ließ mir von Tilla einschenken, lächelte ihr kurz dankend zu und fasste dann zusammen: "In jedem Falle solltet ihr euch mit politischen Dingen beschäftigen, mit Verwaltungstätigkeiten. Ihr müsst einen Einblick in die Praxis bekommen, auch wenn ihr die besten theoretischen Kenntnisse bereits erlangt habt. Manches Mal sieht die Wirklichkeit leider anders aus als die Therorie. Ihr solltet jemandem über die Schulter schauen. Ich kann nicht euch beide mitnehmen. Aber gerade Senator Purgitius bietet sich hier an, da er als curator aquarum oft in der Stadt unterwegs ist und sicher auch Arbeit abzugeben hat."


    "Unser Wein, Gaius. Vor allem, da ihr nicht nur zu Besuch seid", erwiderte ich und lächelte. "Wann sich ein Weg richtig anfühlt? Hm. Eine gute Frage. Ich kann da nur von mir selbst sprechen. Ich weiß nicht, ob es anderen ebenso geht. Der Weg, den ich eingeschlagen habe, erfüllt mich. Nur selten wünsche mir, dass der Tag endlich ein Ende haben möge. Ich neide niemandem seine Aufgaben und versuche, die meinen so gut als möglich zu erfüllen. Es ist nicht so wichtig, für welche Aufgaben man die Verantwortung trägt. Viel wichtiger ist, dass man die Aufgaben gewissenhaft und mit Sorgfalt verrichtet." Genau das hatte mir mein Vater beigebracht. Ich erinnerte mich noch genau an seine Worte, und sie waren mir wie einstudiert über die Lippen gekommen, und ohne nachzudenken. "Das hat mich euer Großvater gelehrt, und er hatte recht", fügte ich einen Moment später an.

    Ich enthielt mich jeden Kommentars, auch wenn ich nicht glaubte, dass gerade Tarracos Luft besser war als die Roms. Vielleicht wollte der junge Claudier aber auch nicht in Hispaniens Provinzhauptstadt, sondern in ein entlegenes Dorf. Was Menecrates dazu wohl sagen würde? Ich neigte den Kopf, zum Zeichen, dass ich seinen Wunsch vernommen hatte, notierte den dies pater auf meiner Tafel und klappte sie anschließend zusammen. "In Ordnung. Ich werde einen geeigneten sacerdos auswählen und dich anschließend benachrichtigen. Bei der Prüfung selbst wird ein septemvir oder pontifex zugegen sein. Wenn du keine Fragen mehr hast, wäre alles geklärt."


    Ad
    consul Sextus Seppius Septimus
    villa Seppia
    Roma



    M. Aurelius Corvinus S. Seppio Septimo s.d.


    Geschätzter consul, im Rahmen meiner Pflichtausübung als amtierender quaestor urbanus übersende ich dir die Liste der geschiedenen Magistrate Roms zur Diskussionsgrundlage im Senat bezüglich der infrage kommenden Auszeichnungen.




    AMTSZEIT AB NON AUG DCCCLVII A.U.C. (5.8.2007/104 n.Chr.)


    vigintivir - Marcus Aurelius Corvinus*
    vigintivir - Lucius Agricolus Cinna
    vigintivir - Decimus Eppius Rufus
    ...


    quaestor - Sisenna Heius Calvenus
    quaestor - Marcus Ofilius Felix
    ...


    aedilis plebis - Tiberius Maecilius Caecina
    aedilis curulis - Gaius Nautius Balbus


    praetor urbanus - Titus Titinis Arbiter
    praetor peregrinus - Tiberius Valentius Fullo


    consul - Appius Sertorius Fontanus


    ________________________________________________



    AMTSZEIT AB KAL DEC DCCCLVII A.U.C. (18.11.2007/104 n.Chr.)


    vigintivir - Titus Octavius Marsus*
    vigintivir - Kaeso Annaeus Modestus*
    vigintivir - Titus Aurelius Ursus*
    vigintivir - Caius Flavius Aquilius*
    ...


    quaestor - Faustus Seius Seianus
    quaestor - Iullus Togonius Denter
    ...


    aedilis plebis - Medicus Germanicus Avarus*
    aedilis curulis - Spurius Rabonius Fulvus


    praetor urbanus - Manius Tiberius Durus*
    praetor peregrinus - Aulus Ollius Gallio


    consul - Titus Tanusius Libo



    Vale.


    [Blockierte Grafik: http://img402.imageshack.us/img402/8680/macunterschriftow4.gif]





    ROMA, ANTE DIEM X KAL MAI DCCCLVIII A.U.C. (22.4.2008/105 n.Chr.)


    Sim-Off:

    alle mit * markierten Namen sind die für das Spiel relevanten


    Eher interessiert lauschend denn dorsch voranschreitend war meine Teilnahme bisher. Ich war mir bewusst, dass ich hier in einem Raum voller Soldaten saß, größtenteils hochranging und allesamt mit geballter militärischer Erfahrung ausgestattet. Ich selbst belegte den Kurs zu Studierzwecken, nicht etwa, weil ich justament beabsichtigte, dereinst eine Truppe zu führen. So ließ ich allen den Vortritt, klinkte mich jedoch dann ein, obgleich mir der Terentier einen herausragenden Punkt zur Herausstellung "meines Kaisers" leider schon vorweggenommen hatte.


    "Terentius, du sagst, dass Tiberius ein guter Kaiser gewesen sei. Unter der Berücksichtigung der Umstände, dass er seinen Sohn und den Neffen des Augustus zur Schlichtung der germanischen Aufstände schickte und sich selbst einige Jahre später aus der Politik zurückzog, um dem Präfekten Seianus Rom sozusagen zu überlassen, sprechen für mich eher nicht für die Fähigkeiten des Tiberius selbst. Er hatte die richtigen Männer unter sich, selbst jedoch kaum herausragende Leistungen vollbracht, sieht man von den Erfolgen ab, die er durch seine Mittelsmänner erlangte." Ich neigte den Kopf.
    "Ganz anders als Domitian, der sich den Feinden entgegenwarf, ohne überhaupt eine entsprechende Ausbildung erhalten zu haben. Und nicht nur das, er sorgte für den Bau des limes und erwies sich als recht erfolgreicher Stratege. Vielleicht hätte Augustus an mehr Feldzügen persönlich teilnehmen sollen."

    Spät war es geworden. In Abwesenheit von Ursus und Cotta oblag es nun wieder mir, die Finanzen zu prüfen. Es war eine müßige Arbeit, die dennoch verrichtet werden wollte. Allerdings hatte ich mich kaum konzentrieren können. Matho hätte mir schon längst Bericht erstatten sollen, doch noch war hier nichts eingegangen, sah man von einem Brief von Ursus einmal ab. Nach Mitternacht endlich gab ich es unkonzentriert auf, meine Gedanken weilten ohnehin in Germanien und wühlten die gleiche Problemstellung wie beinahe jeden Abend in mir auf, seitdem die kleine Gruppe das Haus verlassen hatte.


    Frierend ging ich zu Bett, lauschte dem Regen draußen, der einerseits ungeduldig wie beruhigend war. Lange Zeit lag ich wach, ruhelos gefangen in meinen Gedanken. Empfindungen vermischten sich mit Erinnerungen, guten wie schlechten. Ich dachte über das nach, was ich wollte. Das, was ich beabsichtigte und mir wünschte. Wonach ich mich sehnte. Und als ich schließlich weit nach Mitternacht einschlief, bescherte mir Morpheus einen eigentümlichen Traum.


    ~~~


    Beständiges Prasseln im Nebel der Schläfrigkeit. Ein plötzliches, flaues Gefühl im Magen. Da ist der Wunsch, dass es bald aufhören mag, das Schwanken, die Geschwindigkeit, das Donnern. Grün fliegt vorbei. Unten, seitlich. Über allem spannt sich ein strahlend blauer Himmel. Helles Pferdehaar kitzelt seine Haut, der Duft nach Tier und der Frische der Landschaft steigt in seine Nase. Vor ihnen ein Wald. Viele Bäume, durch die der Pferdekörper sich geschickt hindurch windet. Erde und Gras spritzen beiseite, verbleiben als Relikte eines rasanten Höhenflugs im Schachbrettdickicht zurück. Adrenalin baut sich auf, umklammert sein Herz mit eisig kalten Fingern vor dem Sprung. Noch ein Stückchen weiter schiebt er sich nach vorn, hält sich fest. Er verschließt fest die Augen vor dem Sprung, rasenden Pulses, die Gedanken bei dem Sturz, der unweigerlich folgen wird. Doch dann gibt der Wald sie frei, unbehelligt. Wohin führt der Ritt?


    Er hebt den Blick, gewahrt eine Art Siedlung, die friedlich in der Sonne daliegt, am Rande der Wiese. Woher hat er das Pferd? Was geschieht hier? Er versucht, sich zu erinnern, scheitert: Er weiß es nicht. Rauer Stoff irritiert ihn jäh. Dunkles Braun unter seinen Fingern, einen filigranen Körper schützend. „Du“, stellt er fest. Dieser neue Aspekt gibt allem einen tieferen Sinn. Der Lauf des Tieres verlangsamt sich, der Takt der Hufe nurmehr ein Zweiklang. Die Hütten sind nah. Kinder spielen verstecken, hüten Gänse. Das stetige Klingen des Schmiedehammers ist zu hören. Bratenduft liegt in der Luft. „Wir sind da.“ So simpel wie kompliziert ist die Aussage, so fremd wie vertraut die Stimme, untermalt vom prustenden Atem des Pferdes. Kinderlachen dringt an sein Ohr, lenkt ihn ab und bringt ihn dazu, den Blick schweifen zu lassen. Einfach sind die Bauten. Zweckmäßig. Lang und flach, lehmverschmiert. Die Kinder ziehen seinen Blick nun wieder an. Sie zeigen auf die Neuankömmlinge, lachen und laufen davon. Er sieht an sich herunter. Lachen sie wegen ihm?


    Was ist das? Keine tunica bedeckt seine Beine. Was trägt er da? Lachen die Kinder deswegen? Er fühlt sich fremd und doch wohl. Noch wohler, als er endlich vom Pferderücken gestiegen ist. Die Sonne bräunt seinen Nacken. Abwesend fährt er über die Stelle, an der er noch eben eine Berührung gespürt hat. „Wo sind wir hier?“ Unbehaglich ist ihm zumute. Neugierig ist er dennoch. Eine Katze streicht schnurrend um seine Beine, wirft sich dann im Staub auf den Rücken und bettelt nach kraulenden Fingern. "Zu Hause", sagt sie und strahlt dabei. "Wir sind zu Hause." Ihn irritiert das. Er kennt ein anderes Zuhause. Im nächsten Moment öffnet sich nicht weit entfernt eine Tür. Ein greiser Mann tritt ins Licht, auch er trägt diese seltsamen Kleider. „Endlich“, sagt er. „Endlich bist du wieder da, duhter. Kleiner skradan.“ Es sind der Fältchen viele, die sich in seinem alten Gesicht bilden, als er lächelt. „Ja, fader. Endlich.“ Allmählich dämmert ihm, was vor sich geht. Der Blick des Alten fällt auf ihn, er zieht eine Braue nach oben, mustert ihn. „Dein fridilaz?“


    Geliebter? Er? Der ihre? Er wendet ihr den Blick zu. Fühlt sich zurückversetzt in eine mondhelle Nacht, schmeckt ihren Duft und spürt ihre katzenhaften Bewegungen. Den Keim der Leidenschaft, der ihn durchzuckt. Dennoch hegt er Zweifel, ohne dass er sie genauer benennen kann. Hat er nicht alles daran gesetzt, sich selbst zu belügen? Tut er es nicht jetzt noch? Als sie „Ja“ sagt, scheinbar ohne zu zögern, senkt er schamerfüllt den Blick. Es gibt etwas, das es ihm schwer macht, sie als das zu sehen, was sie doch eigentlich für ihn ist. Doch erinnern kann er sich nicht. „Willkommen“, sagt der Alte. „Wenn ihr fertig seid, skradan, dann kommt mich besuchen.“ Er ist verwirrt, nickt nur ob der unerwartet freundlichen Worte des Mannes. Ihres Vaters. Seine Freundlichkeit ist nicht gespielt. Unschlüssig steht er vor dem so fremden Haus, vor dem der Mann nun mit der Katze auf der Bank sitzt, und wagt einen Blick in meerblaue Augen. Er erkennt sie sofort wieder, und doch scheint ihnen ein fremder Glanz innezuwohnen. Einer, den er noch nicht oft gesehen hat. Er hebt die Hand, möchte sie berühren, doch da laufen wieder die Kinder an ihnen vorbei, lachend, kichernd, tuschelnd. Eines streift ihn, und er weicht ein wenig aus. „Dein Dorf“, sagt er. „Dein Zuhause. Nicht meines.“ Leise sagt er die beiden letzten Worte. Nur mit Mühe kann er sie dabei ansehen. Er fühlt sich unbehaglich. Ganz so, als hätte er sie hintergangen. Verletzt. Und er will sie nicht verletzen. Ist sie es?


    „Ich weiß.“ Obwohl geflüstert, erscheinen ihm die Worte doch laut im Gedächtnis nachzuhallen. Der Tonfall, der so traurig klingt. Und wenn es ihm jetzt möglich wäre, würde er die Trauer hinfort wischen und das glückliche Lächeln von zuvor wieder auf ihr Gesicht zaubern. Doch nichts, was er tun oder sagen kann, scheint ihm geeignet hierfür. Befangen steht er da. Und ihr geht es nicht besser. Den stummen Kontakt mit dem Jungen bemerkt er nicht einmal, so sehr ist er selbst in seine Gedanken verstrickt. Er fragt sich, warum er hier ist. Das ist nicht real. Er weiß das. Ihr Vater ist tot. Sie selbst hat es ihm erzählt. Ob sie des Traumes gewahr ist?


    Erst, als sie erneut spricht, erlangt sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit zurück. „Ist es noch mein Zuhause?“ fragt sie ihn, leise wie das Säuseln des Windes. Seine Brauen rücken zusammen. Sie wirkt melancholisch, ihr Lächeln ist nicht echt. Es erreicht nicht ihre Augen. Sein Mundwinkel hebt sich, gleichsam seine Hand. Mit dem Handrücken fährt er über ihre Wange, sagt nichts. Es gibt nichts, das er sagen könnte. Ihre Frage kann nur sie selbst sich beantworten. „Lass uns so tun als ob“, schlägt sie vor und erscheint dabei wieder annähernd fröhlich. „Für diesen Moment.“ Er lässt die Hand wieder sinken, sieht sie an. Ihr Blick macht es ihm unmöglich, ihre Bitte auszuschlagen. Und langsam heben sich seine Mundwinkel, formen seine Lippen ein verwegenes Lächeln. „Das ist ein Traum. Und in einem Traum kann man tun, was man will. Zeige mir deine Heimat. Zeige mir, was dir wichtig ist.“ Er beugt sich vor, bis seine Lippen die ihren streifen. „Für diesen Moment…“


    ~~~


    Taghell war das Zimmer, als ich erwachte. Im nächsten Moment war es wieder finster. Donner folgte auf den Blitz, was ich eher am Rande wahrnahm als bewusst. Verwirrt und noch halb im Schlaf verfangen fuhr ich mir mit der Zunge über die Lippen. Es war so real gewesen… Tastend suchte eine Hand nach dem weichen Körper, der doch neben mir liegen musste. Doch alles, was ich fand, war die Kühle des Lakens. Enttäuscht drehte ich mich auf den Bauch, seufzte schläfrig. „Skradan“, murmelte ich in die Kissen. Den nächsten Blitz bekam ich schon nicht mehr mit.

    Ihre Worte schmeichelten mir, zugleich schürten sie aber auch den Argwohn in meinem Inneren - ein Mann, wie du es bist? Doch die Empfindungen erfuhren einen jähen Schnitt, kaum dass sie mich nach einem herbarium fragte. Schlagartig hatte sie nun wieder meine ganze Aufmerksamkeit inne, und abschätzend hob ich eine Braue. "In der Tat", erwiderte ich langsam und nickte anerkennend. "Wobei 'herbarium' für die Art Pflanzen, der meine Passion gilt, wohl eher ein ungewöhnliches Wort ist. Ich habe seltene Vertreter der unterschiedlichsten Arten nach Rom bringen lassen, sie sind Teil des gesamten aurelischen Gartens", erklärte ich ihr nicht ohne Stolz in der Stimme. Und seitdem sich Siv im Hause befand, gediehen die einzelnen Bäume und Sträucher beinahe ebenso gut wie die heimischen Gewächse, fügte ich in Gedanken an und unterdrückte den Impuls, gedanklich bei der hübschen Germanin hängen zu bleiben.


    Erstaunt musterte ich die Flavierin von der Seite. "Ungewöhnlich, aber bei genauerer Betrachtung doch nicht so abwegig, wie es zuerst scheint", kommentierte ich ihre Erklärung die Kosmetika betreffend und sann hernach eine Weile über die Freizeitbeschäftigung nach. Spontan kam mir ein Gedanke. "Dein Verwandter richtet doch demnächst ludi scaenici aus. Du hättest nicht zufällig Lust, mich dorthin zu begleiten? Ich wollte sie mir gern ansehen", sprach ich aus, ehe ich weiter darüber nachgedacht hatte. Einigermaßen verwundert über mich selbst schwieg ich hernach, äußerlich nur fragend schauend. "Zwar ist nicht davon auszugehen, dass dort halbnackte Männer übereinander herfallen, aber vielleicht hast du dennoch Freude daran, zumal Flavius Gracchus dieses Theaterstück organisiert", fügte ich ein wenig später hinzu und zwinkerte ihr kurz zu.

    Ich rat ein und erblickte meine Nichte auf einer Liege, beschäftigt mit einer Schriftrolle. Wortlos schmunzelnd schloss ich die Tür und wandte mich Minervina zu, die sichtlich erstaunt hochfuhr und ihr Erscheinungsbild richtete, wo sie es für nötig erachtete. Ohne es zu wollen, verglich ich sie in diesem Moment mit Prisca, die sich vergleichsweise unbefangener gegeben hätte, was an sich wohl daran liegen mochte, dass sie weitaus mehr Umgang mit mir hatte als Minervina, seitdem sie damals in Germanien zu uns gestoßen war. Mit dem Brief in der einen, nichts in der anderen Hand machte ich eine Bewegung, die verdeutlichen sollte, dass sie ruhig sitzen bleiben konnte, doch da war Minervina bereits aufgesprungen und kam mir entgegen. Von ihren Gedanken ahnte ich freilich nichts, sonst hätte ich mir wohl mit steiler Sorgenfalte auf der Stirn durchs Haar gestrichen. So aber beugte ich mich vor und küsste Minervina flüchtig auf die Wange - genau richtig, um das kurze Stocken ihrerseits nicht zu bemerken - um sie danach ein wenig verwundert anzusehen. Corvinus? Nun, angesichts der Zeit, die zwischen unserem allerersten Kennenlernen und ihrer Ankunft hier in Rom lag, war es wohl verständlich, dass sie mich nicht gleich Marcus nannte. Es musste rund fünfzehn Jahre her sein. Damals war Minervina noch eine kleine puella gewesen. Ich erinnerte mich an einen Tag im Garten, der mit einem recht langweiligen Abendessen ausgeklungen war, und an dem Ursus und Minervina bei uns zu Besuch gewesen waren. Ein Blinzeln später war die Erinnerung fortgewischt.


    "Minervina, du wirst von Tag zu Tag hübscher", sagte ich und deutete auf die cline, von der sie eben aufgesprungen war. Ich selbst setzte mich auf einen der Liege nahen Sessel und reichte ihr dann den Brief. "Titus hat geschrieben. Ich soll dich schön grüßen, aber du hast auch einen eigenen Brief von ihm." Kurz musterte ich sie. "Im Grunde war es der Brief, den ich zum Anlass für diesen Besuch genutzt habe. Aber er steht schon viel zu lange aus, und ich habe heute etwas Zeit, da dachte ich, ich bringe dir den persönlich vorbei", fuhr ich fort und deutete auf den Brief in ihren Händen. "Wie geht es dir? Hast du dich gut eingelebt?"