Es war der Tag, an dem Avianus und Catulus angekommen waren. Wir hatten nicht allzu lange im triclinium gesessen, denn die beiden waren müde von der Reise und waren früh zu Bett gegangen. Und so war auch ich früh in mein Zimmer gestrebt, um mit mir und einer guten Schriftrolle allein zu sein. Letztendlich hatte sich das Alleinsein allerdings auf mich und meine Gedanken reduziert, und die Lektüre lag unangetastet auf dem Rand des Tisches. Öllampen tauchten den Raum in flackerndes Helldunkel, und ich saß einfach nur da, nippte gelegentlich an meinem Wein und grübelte. So lange waren sie nun fort. Die Germanen, wie wir sie inzwischen hier nannten. Ich hätte ihr unsere Schrift beibringen sollen, ehe sie abgereist waren. Ich konnte Ursus darum bitten, mir Bericht zu erstatten. Doch das wollte ich auch nicht. Die Zerstreuung, die ich bei anderen gesucht hatte, war von mir unentdeckt geblieben. Irgendwann hatte ich es aufgegeben, andere in mein Bett zu holen. Ich war kaum bei der Sache, was die ganze Angelegenheit eher zu einem stumpfen – und kurzen - Durchexerzieren machte denn zu einer vergnüglichen Angelegenheit. Ohne ihren Dickkopf schien es fast ruhig in der villa. Definitiv aber fehlte etwas. Den anderen. Mir.
Ich seufzte tief, leerte den Becher und stellte ihn auf den Tisch zurück. Hernach erhob ich mich, streifte die tunica ab und löschte eines der beiden Lichter. Das andere trug ich ans Bett, stellte es ab und schlüpfte unter die Decke. Kühle empfing mich. Etwas, das ich nicht mochte. Ich schloss die Augen und malte mir den warmen Körper aus, den ich gegenwärtig neben mir begehrte. Was kam, war nicht wäre. Was kam, war der Schlaf, und mit ihm ein Traum.
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Das Hämmern des Schmiedehammers haben sie von Nahem erlebt, ebenso das Langhaus besucht, in dem sie vom Kind zur Erwachsenen herangereift war. Viele Menschen erinnern sich noch an sie, manche mehr, manche weniger, einige gar nicht. Er kommt sich fehl am Platze vor, während er an ihrer Seite das Dorf erkundet, ihr Zuhause. Leichter ums Herz wird ihm erst, als sie sich von den Hütten entfernen und auf den Wald zuschreiten. Unberührt und dicht, wie er ist, hat er zugleich etwas Geheimnisvolles wie Vertrautes an sich - das spürt sogar er, der er selten durch Wälder gestreift ist. An der Baumgrenze bleibt er stehen und blickt noch einmal zum Dorf zurück. Den Gefährten, von dem sie ihm einmal erzählt hat, haben sie nicht besucht.
Die Natur scheint eng verflochten zu sein mit den Menschen, die hier leben. Mit ihren Göttern, ihren Seelen und ihrem Glauben. Er respektiert das, auch wenn er nicht an Waldgeister und dergleichen glaubt. Er ist bei einem Volk zu Gast, das ihm so fremd ist, wie es nur sein kann. Und doch übt diese Tatsache eine Anziehungskraft auf ihn aus. Fasziniert ihn. Und er weiß, dass die Faszination sein wunder Punkt ist, einer von vielen. Die Höhle erinnert ihn an die Gewölbe der Sibylle, das Wispern des Wassers an die geheimnisumwobenen Laute aus dem Inneren der Orakelgrotte. Es erscheint ihm unangemessen, an einem solchen Ort den Göttern zu opfern, doch er schweigt. Es sind nicht seine Götter. Wieder fällt ihm auf, wie verschieden sie doch sind. Er sagt nichts. Spürt, dass jedes Wort sie unweigerlich vor den Kopf stoßen muss und den verletzlichen Moment zunichte machen wird. Er kann nicht erfassen, wie wichtig diese Orte für sie sind, doch er spürt instinktiv, dass mehr dahinter steckt als eine simple Führung. Beinahe ist er froh, als sie den düsteren Ort wieder verlassen und im Nebel eintauchen.
Im nächsten Moment ziehen kleine Kumuluswolken über ihn hinweg. Erstaunt richtet er sich auf, stützt sich auf die Ellbogen und betrachtet zwei schillernde Libellen beim gemeinsamen Spiel am Ufer eines Sees. Neben ihm liegt sie, inmitten von duftenden Dotterblumen und sprießendem Grün. Lange betrachtet er sie stumm. Das helle Haar, die samtene Haut, die blauen Augen, die kecke Nase. Er weiß jetzt, dass dies ein Traum ist. Und Träume kann man lenken. Als er das nächste Mal zu ihr sieht, bemerkt er den Träger ihres Gewandes, der an der Schulter hinabgerutscht ist. Sonnenstrahlen schimmern auf der Haut. Bienen summen geschäftig von Blüte zu Blüte. Träge schwappen kleine Wellen ans Ufer des Sees. Schon streckt er die Hand aus, berührt ihre Schulter. Er streicht ihr das Haar zurück, bis es sich zwischen den Grashalmen verliert. Langsam senken sich seine Lippen, berühren schließlich den Ansatz ihres Halses, kosten die Zartheit, schmecken den Duft und lassen schließlich wieder ab von ihr, auch wenn es ihm schwer fällt, nicht zuletzt ihrer Reaktion wegen. „Fehlt es dir?“ fragt er und deutet über den See hinweg auf die Rauchsäulen des Dorfes, die in der Ferne aufsteigen.
Unsicherheit spiegelt sich auf ihrem Antlitz wider, als sie sich einen Moment später aufrichtet. Er betrachtet sie genau. Gestik und Mimik drücken vage Trauer aus, zugleich große Verwirrtheit. „Ich weiß es nicht.“ Ein Seufzen folgt den Worten, der Blick wandert über den funkelnden See. In der Ferne quaken lautstark einige Enten, als er den Blick wieder senkt und ebenfalls seufzt, wenn auch leise. "Es fehlt mir, ja. Sie fehlen mir. Das werden sie wohl immer, einem Teil von mir." Nun betrachtet er sie wieder, die makellos helle Haut im Schein der Sonne. Die nachdenkliche Miene, die sich an die Worte knüpft. Das Zögern ist ihm wohl bewusst, ehe sie fortfährt. “Aber ich weiß nicht, ob ich dort noch hingehöre.“ Damit hat er nicht gerechnet. Erstaunt mustert er sie. Es macht ganz den Anschein, als meint sie ernst, was sie da sagt. Ihre Stimmlage irritiert ihn. Die Art, wie sie es gesagt hat. Er fährt sich mit der Zungenspitze über die Lippen, studiert ihren Gesichtsausdruck. „Was lässt dich zweifeln?“ fragt er sie geradeheraus und ahnt doch schon, was sie antworten mag. Sie mögen vieles geteilt haben, Freud und Leid, Angenehmes, Schmerz, Wut und auch das Bett, doch keiner weiß, was der andere fühlt. Alles beruht auf Mutmaßungen. Annahmen, Vermutungen. Sicher sein kann er sich nicht, und doch…hofft er nicht? Es wäre fatal. Es wäre unschicklich. Nicht wahr? Zweifel überkommen ihn wie dunkle Regenwolken.
Im nächsten Moment ist die Sonne verschwunden, schwere Tropfen fallen vom Himmel. Er blickt verwundert auf. Ein Traum… Schnell ist er auf den Beinen, reicht ihr eine Hand. Binnen Sekunden sind sie beide durchnässt. Es bringt nichts mehr, nun Unterschlupf zu suchen. Sein Haar ist nass, das ihre klebt strähnenweise an ihrem Gesicht. So dicht steht sie vor ihm. Klein und zierlich, verglichen mit ihm. Erneut spürt er den Keim, um sie herum prasselnde Tropfen auf Blattwerk und Steine. Ein Crescendo, eine Symphonie. Er blinzelt Tropfen fort, beugt sich zu ihr. Seine Lippen suchen die ihren, finden und teilen sie, noch ehe sie seine Frage beantworten kann. Lust schwappt wie eine Welle über ihn hinweg, reißt Zweifel und Vermutungen mit sich, spült sie im Regen fort. Er presst sie an sich, den regenfeuchten Körper. Viel zu lange war sie nicht da.
Haltsuchende Arme umschlingen seinen Nacken. Fortgeweht ist der zärtliche Ausdruck auf ihrem Gesicht, der flüchtig zum Nachdenken angeregt hat. An seine Stelle ist der Hunger getreten, der zuerst nur vage Züge zeigt, dann sein wahres Gesicht enthüllt. Um sie herum gluckst und gluckert es, doch er blendet es aus. Es fällt ihm nicht schwer, sich auf sie zu konzentrieren. So real, wie sie ist. So greifbar. Er spürt den zarten Körper unter seinen Fingern, die bebende Hitze, die allmählich unter sein Wams gleitet und ihn aus der Kleidung schält. Das Blut rast in seinen Adern, jegliche Frage ist vergessen, jede Befangenheit abgestreift wie eine leblose Hülle. Erneut ein Kuss, aufgepeitschte Gier von verlangender Glut. Das Hemd auf dem Boden, ihre Hände überall auf seinem Körper. Erloschene Gedanken, frei von Bedenken und Einwänden im Hier und Jetzt. Was zählt, ist der Moment, und den würde er mit keinem Menschen der Welt tauschen wollen. Zarte Bisse paaren sich mit flinker Zunge – welch Traum! Je weiter sie sich nähert, desto weicher werden seine Knie. Er beißt sich seitlich auf die Lippe, pochende Ewigkeit zieht sich in die Länge, harrend voller Ungeduld. Kaum sind die Riemen gelöst, schmiegt sie sich erneut an ihn, ungestüm. Flüchtig ist er enttäuscht, doch die Empfindung wird fortgewischt von ihrer stummen Aufforderung, der er gern nachkommt. Das Gras ist nass, doch es stört ihn nicht. Sie gleitet mit ihm zu Boden. Leicht gekringelte, nasse Strähnen streifen über sein Gesicht, seine Brust, kitzeln und entfachen. Das Grinsen lässt ihn ein wenig ratlos zurück, während sie hinab gleitet. Im nächsten Moment keucht er erschrocken. Unerwartete Bewegung raubt ihm Atem und Sinne, zartweiche Berührungen treiben ihn erbarmungslos mit dem Rücken an die Wand. Unwillkürlich sucht seine Hand ihren Schopf, verkrallt sich im klebenden Haar.
Nur wenig später unterbricht er sie, zieht sie ein wenig unsanft zu sich, schwer atmend. Neben ihm liegen nun auch ihre Kleider. Schnell fügt sich zusammen, was zusammen gehört, eingespielt und einstimmig. Mit vereinten Kräften jagen die Herzen dahin, im Galopp der Ekstase. Seine Hände auf ihrer Haut, greifend, führend, lenkend. Die ihren spielen in einer eigenwilligen Melodie, und über allem breitet sich des Regens Zelt aus, schützend wie verschleiernd, nässend wie bergend. Unverschuldend fallen die Tropfen auf zitternde Haut, ungehört verklingen Laute der Erlösung im Prasseln des Wassers. Die angenehme Kühle mildert die Flammen, in denen er steht, nur geringfügig. Viel zu rasch verebbt die Freiheit, viel zu schnell scheint sein Hunger gestillt. Zärtlich zieht er sie zu sich, schweißvermengter Regen zwischen ihren Körpern. Glitzernde Feuchte schimmert auf ihren Lippen, so köstlich wie der Götter Nektar im elysium. „Zweifelst du?“ fragt er sie nach einer Weile des Im-Arm-habens und schaut sie schräg von oben an. "Nein" , sagt sie. Dem Wort schwingt eine Endgültigkeit mit, die ihn nachdenklich macht. "Nein." Sie sieht ihn an. "Und du?"
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„Psst, leise, er schläft noch.“ Leises Trappeln. Jemand stellte ein Tablett ab und zog sich dann zurück. „Komm schon!“ energisch wurde auch die zweite Person aus dem Raum hinausbeordert. Ich fühlte mich… seltsam. In meinem Mund hatte sich ein schaler Geschmack ausgebreitet, böser Kopfschmerz bahnte sich an. Und du? Was bescherte mir Morpheus in letzter Zeit nur für seltsame Träume? Ich schloss die Augen wieder, dachte an das Szenario im Traum. Ihr Lächeln schien als Echo in meinen Gedanken widerzuhallen. Unruhig drehte ich mich auf die Seite, merkte, dass die Laken feucht waren und musste schmunzeln. Selbst über diese Entfernung hinweg… Und du? Ja. Und ich? Zweifelte ich? Sie war eine Sklavin. Sie war eine von vielen. Sie war nicht besonders. Einstudierte Phrasen, um mich selbst zu beruhigen. Das Schmunzeln verschwand und machte einem bitteren Ausdruck Platz. Um mich zu belügen. Ich belog mich, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass sie weit mehr war als nur eine Sklavin. Sie war Vertraute und Freundin, Geliebte und Familie zugleich. Dennoch war sie eine Sklavin. Es durfte nicht sein und es konnte nicht gut gehen. Es war besser, wenn ich nicht abwich von dem, was ich mir einredete. Ich durfte es nicht eingestehen. Vielleicht überdauerte es dann sogar die nächste Zeit, ohne dass ich verlor, was wichtig geworden war. Nicht so wie beim letzten Mal.
Und du?
Ja, ich hatte Zweifel. Zweifel an der Wahrnehmung der anderen. Zweifel an meinem Verhalten. Zweifel, dass es geheim bleiben würde.
