Unwillkürlich zog ich eine Grimasse, als ich mich zu sehr auf den linken Unterarm auflehnte und die Schnitte unter dem provisorischen Verband sich brennend auf ihr Vorhandensein aufmerksam machten. Ich war nun vorsichtiger und beobachtete Siv belustigt dabei, wie sie, scheinbar nachdenklich und in sich gekehrt, ihr Haar malträtierte, bis sie neuerlich aus der Traumwelt und an die Oberfläche der Wirklichkeit zurückglitt. Was sie sprach, war nur allzu verständlich, da die Germanen keine Sklaven hielten - soweit ich wusste machten sie nur Kriegsgefangene.
"Du wirst alles bekommen, was du brauchst. Alle Sklaven in diesem haushalt bekommen, was sie benötigen." Das schloss zumindest die Grundbedürfnisse ein, denn einige Sklaven wünschten sich gar utopische Dinge, die für mich nicht einmal zur Diskussion standen. "Wenn dir etwas fehlt, sagst du es am besten Matho. Er sorgt dafür, dass alle versorgt sind, und er kümmert sich auch um die Austeilung des Geldes." Natürlich würde sie auch mir selbst sagen können, was sie brauchte, doch war es mir lieber, wenn ich nicht mit Kleinigkeiten wie einer fehlenden Haarbürste oder einer benötigten Nagelschere behelligt werden würde. Das sollten die Sklaven besser unter sich ausmachen, nicht Umsonst hatte jeder ordentlich geführte Haushalt einen maiordomus. Und eine Frau, Marcus, welche scharfsichtig die Oberaufsicht behält. Ich schob den Gedanken beiseite und seufzte. Das war noch so ein Problem, um das ich mich kümmern sollte. "Manchmal gibt es auch Belohnungen", fuhr ich also fort. Manches Mal bekamen die Sklaven das, was von Gastmählern übrig geblieben war - besonders hochwertiges Essen, gutes Fleisch, frisches Gemüse und Obst. Oder einer von uns zeigte sich in anderer Weise erkenntlich, beispielsweise mit freien Tagen, angenehmerer Arbeit oder einem kleinen Geschenk. Siv würde dies alles schon früh genug erfahren.
"Die meisten Soldaten sind...anders. Im Krieg gibt es wenig Abwechslung, Siv, und die Männer müssen mit sehr wenig auskommen. Wenn dann Wein im Spiel ist, kann es schon..." - ich suchte nach einem Wort, welches sie verstand - "wild zugehen. Du sollst wissen, dass dir niemand Schaden zufügen wird. Das verspreche ich dir." Genaugenommen würde ich jeden, der gegen meine Zustimmung Hand an einen meiner Sklaven legte - gleich wie - schwer bestrafen.
Ich lächelte flüchtig, als sie wieder ihr unverständliches Germanisch sprach. "Es gibt gewiss sicher auch Germanen, die danke sagen, wenn etwas Dank gebührt. Das ist nichts Ungewöhnliches. Du wirst aber auch viele Römer finden, die ihre Hunde besser behandeln als ihre Sklaven. Auch das ist an der Tagesordnung. Dann gehorchen sie aber aus Angst, nicht weil sie es wollen, und das finde ich nicht erstrebenswert", sagte ich, als es klopfte und Matho kurz darauf eintrat. "Die Münzen, dominus", sagte er und reichte mir einen kleinen Beutel aus rotem Schweinsleder. "Ah. Danke, Matho", erwiderte ich und nahm den Beutel. Kurz darauf war er - nicht ohne Siv ein hämisches Grinsen zuzuwerfen - auch schon wieder aus dem Raum gegangen.
"So", sagte ich zu Siv und klingelte zweimal mit dem Beutel. "Das ist römisches Geld. Pass gut auf, was ich dir erkläre." Ich schüttete die Münzen, acht an der Zahl, auf den Tisch, an dem wir saßen, und ordnete sie der Reihe nach vom höchsten bis zum geringsten Wert. Dann wies ich auf die goldene Münze. "Das ist der aureus. Er besitzt den höchsten Wert und wird aus Gold gefertigt. Das hier ist der Denar, aus Silber. Fünfundzwanzig denarii entsprechen einem aureus", erklärte ich und deutete währenddessen auf die Silbermünze, welche den claudischen Kaiser Nero zeigte. Ich übersprang eine Münze und deutete nun auf einen Sesterz. "Das hier ist eine Sesterze. Einhundert hiervon entsprechen einem aureus. Die meisten Preise auf den Märkten werden in diesem Münzwert angegeben, daher solltest du dir gut merken, wie die Münze aussieht", sagte ich und reichte sie Siv, um hernach auf ein As zu deuten. "Ein As. Vier Asse entsprechen einem Sesterz. Und das hier", fuhr ich fort und zeigte nacheinander auf den quinarius, den dupondius und den semis, "sind Münzen, die nicht so wichtig sind. Sie besitzen jeweils den halben Wert der Münze, die links daneben liegt", erklärte ich und wies auf dem Tisch jeweils auf die zusammengehörenden Paare. "Die kleinste Münze ist der quadrans, aber meistens werden die Preise ohnehin auf- oder abgerundet und daher nur in Sesterzen und Assen angegeben. Vier quadrantes entsprechen einem As."
Nachdenklich musterte ich Siv. Vermutlich war das etwas viel auf einmal gewesen... "Du kannst die Münzen ersteinmal behalten und sie dir einprägen, wenn du möchtest", bot ich an, wohlwissend, dass es eine ganze Stange Geld war, die ich einer Sklavin zu Lernzwecken auslieh. Aber etwas an Siv ließ mich nicht eine Sekunde lang glauben, dass sie mich hintergehen würde. Dazu hatte ich sie zudem viel zu gern.