Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Ich besah mir die Köstlichkeiten auf dem Tisch, deutete jedoch zuerst auf einen Krug mit frischer Milch, damit man mir einschenkte. Der Geruch frisch gebackenen Brotes schwebte in der Luft und vermengte sich mit dem würzigen Duft von Käse und Honig. Priscas Frohmut schien teilweise verflogen zu sein, als ich sie das nächste Mal über den verhältnismäßig kleinen runden Tisch hinweg ansah. Und prompt folgte auch eine Frage, welche wohl die Ursache hierfür sein musste.


    "Wie es mir geht?" echote ich legte den Kopf schief. Sollte ich verharmlosen oder ihr mein Leid klagen? "Ah, weißt du... Ich schlafe schlecht in letzter Zeit..." antwortete ich ausweichend, sah den Käse an und zuckte mit den Schultern. "Die vergangenen Wochen waren nicht unbedingt...leicht." Ich hob nun den Blick wieder und sah zu meiner Nichte, meiner kleinen Nichte, die so erwachsen wirkte. Eine jähe Welle der Zuneigung schwappte über mich. Ohne Zweifel hatte sie die familieninternen und öffentlichen Dinge mitbekommen, Helenas Selbstmordversuch, den Tod der ersten Vestalin, meine Ernennung zum septemvir. Mir fiel erneut auf, wie lange wir nicht mehr miteinander gesprochen hatten, und ich bedauerte diesen Umstand zutiefst. "Du wirst selbst ja einiges mitbekommen haben... Wovon du vielleicht noch nichts weißt, ist meine Trennung von Deandra. Aber", fuhr ich sogleich fort und hob die Hand, "diese Entscheidung war gut, wenn auch nicht einfach. Die Claudia mag deswegen nicht unbedingt mehr zu unseren Freunden zählen, aber das kann ich mit mir vereinbaren. Dann Helena..." Mir fiel auch die Sache mit Aquilius wieder ein, doch im Hinblick auf Priscas künftige Verbindung zu jenem bewahrte ich besser Stillschweigen über den Vormittag, der aus den Fugen geraten war. Ich winkte ab. "Das war eben etwas viel", und das war es noch, schloss ich und ging kurz darauf sogleich zum Angriff über. "Aber erzähle mir doch, wie es dir so ergangen ist? Unser letztes, richtiges Gespräch liegt ja Wochen zurück." ich griff nach einem Stück Brot und ließ mir von einem Sklaven ein Stück Käse abschneiden, während ich mich mit verschmitztem Blick erkundigte: "Und wie ist das nun mit dir und Caius?"

    "Eine Familie wird durch politische Bündnisse und Blutsbande stark, Cadhla", erwiderte ich matt und schloss direkt ein Seufzen an. Es bestanden offensichtliche Defizite in den Bräuchen und Grundsätzen der Kelten, verglichen mit unseren eigenen Vorstellungen von Moral und Ordnung. Wenn man gezwungen war, einen Partner zu heiraten, den man nicht einmal mochte, wie konnte es da anrüchig sein, zumindest seine Bedürfnisse anderweitig zu stillen? Sinnierend starrte ich vor mich hin, an Cadhlas hängendem Kopf vorbei, und bemerkte nicht einmal, dass sie eben diesen hängen ließ, wohl aber, dass sie sich insgesamt flexibler anfühlte.


    "Cadhla", sagte ich ernst und hob ihr Kinn mit zwei Fingern an, sodass sie mich anschauen musste. "Wenn du mir versprichst, dich anzustrengen, bin ich gern bereit, dich in einer Schule in der römischen Kampfkunst ausbilden zu lassen. Wenn deine Ausbildung abgeschlossen ist, werde ich darüber nachdenken, ob ich dir die Freiheit schenke und dich als Leibwächterin in meine Dienste nehme." ich dachte an unsere erste Begegnung im Bad und wie sie mir gezeigt hatte, dass sie es selbst mit einem Mann aufnehmen konnte. Mein Blick besagte, dass ich dieses Angebot ernst meinte, obgleich ich sie auch weiterhin als Sklavin würde unterhalten können. Es war das einzige Zugeständnis, das ich ihr machen konnte und würde, und es würde in ihren Händen liegen, ob sie nur durchschnittlich oder aber eine der Besten sein würde. Davon würde schlussendlich abhängen, was mit ihr geschah. Ich sah dies als eine gute Möglichkeit an, ihr zu helfen, ohne dabei ins Gerede zu kommen - und bereits während ich dies dachte, verwunderte mich, wie viel mir doch an dieser zarten Keltin lag, einfach, weil sie eine ehrgeizige Art hatte, die ich selbst an mir zu finden glaubte. "Wir unterscheiden uns gar nicht so sehr voneinander, weißt du", sagte ich und zog einen Munwinkel nach oben. "Das Leben versetzt uns Schlag um Schlag, und doch stehen wir immer wieder auf. Irgendwie."

    Meine Augen folgten dem so achtlos davonrutschenden Papier, welches ich nicht wiedererkannte, was an der Tatsache lag, dass ich das Geschenk natürlich nicht selbst eingepackt hatte. Siv schien sich ertappt zu fühlen, was mir wiederum Sicherheit verlieh und mich belustigte. Immerhin war es mein Garten, in dem sie...nun ja, was eigentlich? Picknickte? Mit den Augen suchte ich die Decke zu meinen Füßen ab. Nichts zu essen da. Also fiel diese Idee wohl aus. Forschend taxierte ich die hellhäutige Sklavin, die hitzig stammelte und mir dann eine Antwort präsentierte, die mich breit grinsen ließ. "Nun", entgegnete ich langgezogen auf den forschen Gegenangriff, hob eine Hand und legte sie in den Nacken. "Dies ist mein Garten, weißt du? Ich bin auch gern hier." Nur mühsam konnte ich die zuckenden Mundwinkel unter Kontrolle halten.


    Ich legte den Kopf schief und ließ die Hand wieder sinken. "Allerdings ist es um einiges schöner hier, wenn man auch etwas sehen kann", bemerkte ich und spielte damit auf die Zeit an. Dass ich mich vor dem Schlaf fürchtete und den Träumen, die er brachte, erzählte ich vorerst nicht. Versonnen sank mein Blick auf den filigranen gegenstand, den Siv in der Hand hielt, und den erkannte ich wieder. Ich kniff kurz die Augen zusammen, sah zurück zu dem unscheinbaren Papier und dann in Sivs Gesicht, dass eine Schattierung dunkler geworden zu sein schien. Sie wirkte verlegen, ein Umstand, der mich ehrlich verwunderte. Doch war ich niemand, der für andere peinliche Situationen schamlos ausnutzte, also verzog sich mein Mund zu einer Art aufmunterndem Grinsen. Siv wollte ihre kleine Kostbarkeit wohl vor mir Verbergen, weswegen sie damit herumfuchtelte - bis das kleine silberne Pferdchen schließlich im schwarz anmutenden Gras zu unseren Füßen lag und sie fassungslos darauf herunter starrte.


    Es war mehr eine instinktive Regung als eine willkürlich beabsichtigte Bewegung, dass ich mich bückte und das Silberpferd an seinem Lederband aufnahm, um es ein zweites Mal eingehend zu beobachten. Der Mensch, der es gefertigt hatte, hatte zweifelsohne große Fingerfertigkeit bewiesen. Als mir bewusst wurde, dass ich das kleine Metalltier immer noch in der Hand hielt, sah ich kurz auf. "Nana, gehst du mit Geschenken immer so um?" fragte ich sie ruhig und mit einer Spur des Lächelns. Ich knüpfte den doppelten Knoten auf und legte die geringe Entfernung zu Siv in zwei Schritten zurück. "Soetwas gehört nicht auf den Boden", sagte ich und legte ihr die schlichte Kette um, "sondern-" Auf das Dekolletée einer schönen Frau? Mach dich nicht lächerlich! "-um deinen Hals", endete ich und verschloss den Lederkreis mit einem neuen Doppelknoten. Dann trat ich einen Schritt zurück und besah mir das Ergebnis. "Perfekt", sagte ich und zwinkerte Siv zu. Ein Wildfang, und doch gezähmt.

    [Blockierte Grafik: http://img231.imageshack.us/img231/3831/sklave5yv0.jpg]


    "Och, ich denk schon. Dein Onkel läuft zwar in letzter Zeit mit einer Miene herum, die auf trübstes Herbstwetter schließen lässt, aber wer wollte ihm das angesichts der Vorfälle schon vergällen?" plapperte Dina drauflos und begann mit dem Stecken der Frisur. "Nein nein, wirklich nicht, domina. Das ist der letzte Schrei. Sofia hat mir erzählt, dass es heißt, sogar die Kaiserin würde nur noch solche Frisuren tragen", flüsterte Dina ehrfürchtig und vertraulich.


    Aber irgendwann war auch die aufwendigste Frisur gesteckt, und so führte die Sklavin ihre Herren zu deren Onkel, welcher bereits sehnsüchtig auf seine Nichte wartete. Unterwegs sammelten sie natürlich Rollo wieder auf, was sich von selbst versteht.

    Zwar träge, aber dennoch recht warm, schien die Sonne auf die kleine, windgeschützte Terrasse, auf der ich stand und in den Garten sah, der sich von hier aus eröffnete. Wann hatten Prisca und ich das letzte Mal miteinander geredet? Das war Ewigkeiten her. So vieles war seitdem passiert... Der Wunsch, mit Prisca zu reden, die Nichte und Freundin zugleich war, war schließlich übermächtig geworden, und so hatte ich dieses - für mich späte - Frühstück auftragen und nach Prisca schicken lassen. Bis es soweit war und sie zu mir hinaus trat, dauerte es eine geraume Weile, doch dann vernahm ich schließlich Schritte und wandte mich um. Bisher war ich meinen Gedanken nachgehangen und hatte finster vor mich hin gegrübelt. Doch als Prisca nun die Terrasse betrat, schlich sich unwillkürlich ein mattes Lächeln auf mein Gesicht, und ich ging ihr entgegen, um sie zu begrüßen. Wie schade, dass ihr Anblick und ihr liebes Wesen bald nicht mehr in den vier Wänden der gens Aurelia erstrahlen würde, sondern in denen der Flavier.


    Ich setzte Prisca einen flüchtigen Kuss auf die Wange und legte eine Hand auf ihre Schulter. "Schön, dass du gekommen bist", sagte ich und deutete auf die zwei parat stehenden Stühle filigraner Arbeit. "Setzen wir uns doch.Wie geht es dir? Du siehst aus, wie Aphrodite wohl in jungen Jahren ausgesehen haben muss."

    "Manchen trägt man Fehler mehr nach als anderen, Albinus. Erschwerend kann eine persönliche Diskrepanz die Situation erschweren. Aelius Callidus und du, ihr seid nicht unbedingt Freunde, was dir nun zum Nachteil gereicht. Das ist zwar bedauerlich, aber vorerst nicht zu ändern. Daher halte ich es für klüger, zuerst wieder einer Tätigkeit nachzugehen und dich dann bei dem Kaiser in Erinnerung zu rufen", erwiderte ich.
    "Natürlich kann ich nachvollziehen, dass dies für dich müßig ist. Allerdings zeugt es von Ehrgeiz und Würde, es dennoch so zu machen. Möglichkeiten gibt es viele, soweit ich weiß, ist der Posten des praefectus vehiculorum Italias noch vakant, oder aber, du entscheidest dich für ein Wirken im Tempel, was zweifellos ein guter Weg ist, sich bei den Leuten in Erinnerung zu bringen und Wohlwollen zu ernten. Hier könnte ich dich sogar in meiner Funktion als septemvir unterstützen. Gewiss gäbe es noch andere Möglichkeiten, solltest du nicht auf eine italische Stelle pochen."

    Ich hob eine Braue und dachte einen Moment über die Worte Aquilius' nach. Beidenswert... "Nun, so lange ihn das aus bestimmten Schwierigkeiten heraushält - wovon man ausgehen kann - ist eine Liebesresistenz durchaus zu beneiden", erwiderte ich und schmunzelte vage. Ob er einer dieser Achaier war? Im Grunde war es ohne Belang.


    Lauthals lachte ich dann über seine Übertreibung, konnte mich eines wissenden Nickens jedoch nicht erwehren, als er über die Priesterkollegien sprach. "Nun ja, auch die pontifices haben ihr Blut aufgefrischt. Manchmal glaube ich, dass es den septemviri nur darum ging, mit ihnen gleichzuziehen. Es wird, denke ich, nur eine Frage der Zeit sein, bis die haruspices und augures nachziehen. Dabei sollte man sich wohl eher um geeigneten Nachwuchs für die Tempel bemühen, statt Verjüngungskuren durchzuführen", gab ich zu bedenken und zuckte mit den Schultern. "Wir werden sehen, was wird", schloss ich. "Und was die acta betrifft... Ich würde mich freuen, etwas Geistreiches aus deiner Feder zu erhalten. Versuch es einfach, alles weitere sehen wir dann."


    Eine Weile schwiegen wir beide, dann fiel entfernt etwas scheppernd zu Boden, und ich erhob mich, als sei dies ein Startsignal gewesen. "Ich werde mich jetzt besser auf den Weg machen", erklärte ich und lächelte flüchtig, bis die Besorgnis zurückkehrte. "Ich kann dich doch allein lassen?" fragte ich ernst im Hinblick auf die vergangenen Stunden und musterte Aquilius, um das kleinste Zeichen der Ausrede wahrnehmen zu können.

    Zitat

    Original von Cnaeus Flavius Lucanus
    Das Dissertationsthema ist interessant (auch wenn ich mich SimOn und -Off nicht so sehr für Klamottenshopping begeistern kann)


    Aaahaaaa... :D
    Dabei dachte ich...


    Zitat

    Original von Cnaeus Flavius Lucanus
    ...und Lucanus braucht auch neue Klamotten, natürlich....Lucanus braucht neue Klamotten.... Zugegeben, die Toga, die ich bei einem unserer Inspektionsgänge durch Rom getragen habe, dient nun - in kleine Tücher zerschnitten - als Lumpenhaufen in der Küche.


    8)

    In den Nächten nach Helenas Tat fand ich selten erholsamen Schlaf. Vielmehr war das Nächtigen eine skurrile Mischung aus wiederkehrenden Alpträumen, stundenlangem Nachdenken, nagend aufkommenden Schuldgefühlen und erfolglosen Versuchen, doch endlich einschlafen zu können. Morgens war ich dann jedes Mal froh - und gerädert -, wenn ich dem Bett entfliehen konnte. Doch bis zum Morgen war es noch weit hin - bedauerlicherweise Weise galt es zuvor, erneut die Nacht zu überstehen.


    Ich rückte den wollenen Überwurf etwas zurecht, begrüßte im Großen und Ganzen jedoch die Kälte, denn sie ließ mich fühlen, dass ich noch existierte, irgendwie. So glänzend, wie die Aussicht auf meine Karriere meinen Neidern schien, so trostlos erschien mir mein Leben als solches. Zu vieles hatte ich in den Sand gesetzt, falsch oder auch gar nicht erst angepackt. Und die Schicksalsweberinnen schienen mir im Privaten einfach nicht gewogen. Doch Melancholie war es nicht, wonach ich suchte, also riss ich mich zusammen, verdrängte die Gedanken und streifte weiter durch den Garten, auf einem imaginären Weg durch meine exotische Pflanzensammlung hindurch. Erfreut stellte ich fest, dass jene inzwischen recht gut gedieh. Scheinends hatte der Gärtner endlich den Dreh herausbekommen. Es wäre vermutlich kein schlechter Schachzug, wenn ich ihn darauf ansprechen und ihm meine Freude darüber mitteilen würde. Nun mit einem angedeuteten Lächeln im Gesicht, strebte ich auf einen jungen Affenbrotbaum zu und strich mit meinen Fingerspitzen an dem noch dünnen Stämmchen entlang - als ich ein Rascheln hörte, welches sich wie Papier anhörte. Neugierig geworden, spähte ich um den Baum herum in den hinteren Teil des Gartens, in welchem größtenteils alte und dementsprechend hohe Bäume wuchsen. Dort war es dunkler, zumal auch einige Zypressen und nordische Tannen den Garten am Rand einrahmten. Meine Augen indes hatten sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt, und so gewahrte ich eine Gestalt samt Decke, als ich weiterging und nach der Quelle des Geräusches suchte.


    Hinter dem Stamm einer Platane verhielt ich im Schritt und beobachtete forschend, was sich unter der alten Eiche abspielte. Das helle Haar und ihre Statur offenbarten Siv gleich auf den ersten Blick, und sie drehte etwas Kleines, Dunkles in den Händen. Die Dunkelheit verschluckte die Farben und dämpfte die Geräusche. Nachts waren eben alle Katzen grau. Ich dachte an den gestrigen Abend zurück, an welchen Matho mich aufgesucht und gewettert hatte, er wisse nicht, wo sich die 'Germanenbraut' schon wieder herumtreibe, und dass er sich denken könne, dass sie nur der Arbeit entfliehen und faul sein wollte. Die für mich wichtigste Information in dieser Schimpftirade war gewesen, dass Siv sich außer Haus befand, ohne jemandem Bescheid gegeben zu haben. Alles andere war eher weniger von Belang, da wir noch die Saturnalien feierten und ohnehin die Arbeiten stillstanden. Jetzt aber saß sie dort unter dem Baum und sah auf ihre Hände - oder etwas in ihrer Hand - herunter und schien sich zu freuen. Ich verlagerte mein Gewicht um eine Wenigkeit - und ein trockener Ast zerbrach knackend unter meinen Füßen. Da ich nun ohnehin meine Anwesenheit und auch die Position verraten hatte, trat ich hervor und ging auf Siv zu. "Was machst du denn hier draußen?" fragte ich bewusst verwundert, während ich näher kam und schließlich zwei Schritt vor ihrer Decke stehen blieb, um auf sie hinunter zu sehen.

    Zitat

    Original von Lucius Annaeus Florus
    Im Forum sind bisher farbige Togen nicht aufgetaucht.


    Hmm.....doch...?
    Hab das schon mehrmals wo gelesen, meistens auf Festen, Feiertagen oder sonstigen besonderen Anlässen, bei denen es keine bestimmte Kleiderordnung gibt.
    Mich interessiert auch, was bei dieser Diskussion herauskommt. Ich hab Corvi nämlich schon so einige bunte Togen tragen lassen und würde gern wissen, ob das nun eine Fehlannahme war.

    "Ich werde ihr aus dem Weg gehen, solange ich es vermag", erwiderte ich mit einem angedeuteten Kopfschütteln auf Ursus' Worte hin. Es war einfacher - für sie und wohl auch für mich. Ich scheute nicht oft eine Konfrontation oder ein unangenehmes Gespräch, doch in puncto Helena perfektionierte ich dieses Umschiffen allmählich. Ungewollt, aber unvermeidbar. Kaum, dass Ursus mir versicherte, es sei nicht meine Schuld gewesen, hob ich den Kopf und sah ihn mit einer Mischung aus Unglaube und Missmut. "Ich danke dir für den Aufmunterungsversuch, aber ich denke, wir beide wissen, dass das nicht stimmt", erwiderte ich nüchtern, wagte jedoch eine flüchtige Grimasse, die an ein Lächeln erinnerte. "Aber du hast recht. Es bringt nichts, zu grübeln. Ich muss nur die Konsequenzen ziehen und ihr keinen Grund mehr geben, so etwas noch einmal zu tun. Vielleicht sollte ich weniger freundlich sein. Oder ihr einen Ehemann suchen, der sie auf Trab hält", überlegte ich bewusst laut und mit Absicht recht barsch in Bezug auf Helena. "Es wird ihr wohl kaum helfen, in mir nur ihren Vetter zu sehen, wenn ich nett und freundlich zu ihr bin und mich um sie sorge." Ich seufzte tief und setzte mich an den Tisch. Die ersten Vögel begannen bereits draußen zu singen. "Vielleicht hat die Flavia Interesse. Ich muss mal mit Caius reden." Nein, einem anderen Gedanken würde ich gegenwärtig nicht erlauben, an die Oberfläche zu brechen. Helena brauchte Beschäftigung. Und zwar so viel, dass sie nicht wieder auf dumme Gedanken kommen würde. Einzig die Tatsache, dass sich mein Magen während meiner aufgesetzten Entschlossenheit zu einem kleinen, harten Klumpen zusammenzog, bremste den vermeintlichen Tatendrang und machte mich etwas nachdenklich.

    Ich kniff die Augen etwas zusammen und taxierte Cadhla, die von einem auf den anderen Moment enttäuscht und entmutigt wirkte. "Das ist richtig", bestätigte ich, fügte aber sogleich etwas an. "Aber ich bin niemand, der Einsatz und Treue nicht zu entlohnen weiß, Cadhla. Ich bin sehr zufrieden mit dir, du gibst gut auf Sisenna acht und erfüllst die dir zugeteilten Aufgaben zu meiner vollsten Zufriedenheit. Irgendwann erlangst du die Freiheit, das wird dein Lohn sein." Vermutlich ermunterte oder beruhigte sie das keinesfalls, konnte sie sich doch nicht sicher sein, dass ich mein Wort halten würde. Und doch war ich meinem Wort treu, wenn es mir möglich war und ich es mit mir vereinbaren konnte, was in Bezug auf Cadhla der Fall war. Cadhlas Augen schienen indes eine Spur dunkler geworden zu sein, oder aber, das spärliche Licht trübte meinen Blick. Sie schwieg weiters, und ich hob eine Hand und strich ihr über den Rücken, mit der Absicht, sie zu beruhigen, sollte sie aufgewühlt sein. Sie saß immer noch auf meinem Schoß, und trotz der ernsten Gesprächsthemen kehrte der Anflug von Leidenschaft in meine Gedanken zurück, wenngleich ich meinen Körper auch unter Kontrolle hielt und sich somit nichts an unserer momentanen Lage änderte.


    Ihre Erinnerung an Iuno ließ mich vage Lächeln und jenes Lächeln genauso schnell verblassen, wie es aufgekommen war, als ich sie berichtigte. "Iuno ist die Schutzherrin der Ehe, du hast recht. Römische Ehen sind vermutlich anders als keltische... Nun, es ist die Pflicht der Frau, treu zu sein. Sie gilt nicht für den Ehemann." Für mich, der ich römisch erzogen worden und als Römer aufgewachsen war, war dies ganz normal, für Cadhla indes, die einem Volk angehörte, über dessen Eheriten und -pflichten ich rein gar nichts wusste, war diese Tatsache vielleicht etwas befremdlich. Nur flüchtig dachte ich daran, wie ich mich einmal selbstkasteit hatte, nur wegen des Hirngespinstes einer Frau. Dann kehrten meine Gedanken zurück in den Raum, und ich nahm zur Kenntnis, dass Cadhla traurig klang. Vermutlich wegen der Tatsache, bisher noch keine Liebe verspürt zu haben - oder aber nicht glücklich. Vielleicht hatte ihre Berufung zur Schildmaid ihr im Wege gestanden. "Mein Glück währte nur kurz und war ein Trug", erwiderte ich nüchtern.

    Mir entging nicht, dass sie mit ihren Gedanken an einem anderen Ort war, ob bei dem, was mit den Soldaten vorgefallen war, oder in ihrer Heimat oder ganz woanders, wusste ich nicht. Aber die Art, wie sie die Münzen ansah oder viel mehr durch sie hindurchsah, sprach Bände. Ich ließ ihr die Zeit und dachte selbst auch wieder nach. Daran, was vor kurzem in Helenas Zimmer vorgefallen war, was sie getan und ich gesagt hatte, und so drehte auch ich eine Münze, den quadrans, gedankenlos zwischen Daumen und Zeigefinger. So ein Stück Metall hatte keine Sorgen, dachte ich, es wird einfach nur weitergereicht von Hand zu Hand. Einer niemals endenden Wanderung gleich.


    "Eine gute Frage", sagte ich schlichlich, um die Stille zu durchbrechen und Sivs Frage zu beantworten. "Ich weiß es nicht. Vermutlich sind die Ganzen einfach schöner." Was im Grunde auch keine richtige Antwort auf Sivs Frage war, aber ich wusste es wirklich nicht. Einer meiner Mundwinkel hob sich im Versuch eines halbherzigen Lächelnss, als Siv sich das Haar zurückstrich, und eine jähe Welle der Zuneigung durchflutete mich und brachte mich aus dem Konzept, sodass ich einige Male blinzeln musste, ehe ich mich erneut räusperte und ihr antwortete. "Zweiundvierzig aurei sind ein durchschnittlicher Preis. Nicht wenig und nicht viel", erwiderte ich und sah die Fassungslosigkeit auf ihrem Gesicht. "Das ist der Preis, den ich gezahlt habe", sagte ich, weil ich ihr nicht bestätigen wollte, dass sie vom gleichen Wert für mich war, wie ein Säckchen Gold. Mich verwunderte das selbst etwas, und einen Moment wirkte ich irritiert, überspielte es jedoch damit, dass ich die Münzen nun wieder einsammelte und zurück in den Lederbeutel steckte. Nun ja, zumindest versuchte ich es, doch Siv war nicht dumm. Vermutlich hatte sie gemerkt, dass ich auswich, und ich ertappte mich bei dem Wunsch, dass sie nicht noch einmal nachhaken würde.


    Ich legte das Ledersäcklein vor ihr auf den Tisch und sah hernach Siv an, die mich aufmerksam musterte. Was sie sagte, schien ihr wichtig zu sein, zumindest deutete das Befeuchten der Lippen daraufhin. Lippen die von äußerst schmackhaftem Rot waren... Ich blinzelte sie an und fixierte dann kurz die Wand hinter ihr, als sie vom ersten Abend sprach. Ich ging davon aus, dass sie damit auch den Morgen meinte, und dass sie vermutlich etwas fehlinterpretierte, was meine Absichten betraf. Vermutlich, dachte ich mir, verglich sie mich auch nur mit den bereits zuvor erwähnten Soldaten. Der Wunsch, die zarten Lippen zu kosten, die sich gerade in zugenbrecherischem Germanisch wölbten, von dem ich keinen Ton verstand, wurde geringer. Ich hatte noch nie eine Frau gezwungen, bei mir zu liegen. Ich dachte an Cadhla und seufzte schließlich abschließend. "Nicht nur Sklaven können sich einsam fühlen, Siv. Selbst jemand, der viel Arbeit und eine große Familie hat, kann das." Ich schwieg noch einen Moment, dann fügte ich mit einem Unterton, der mir selbst nicht gefiel, hinzu: "Du darfst jetzt gehen."

    "Hm, nun gut, aber dass der Mann, den du statt des Octaviers einsetztes, sich hernach einiges geleistet hat und ebenfalls wieder seines Amtes enthoben werden musste, wird dir ebenfalls angelastet", erwiderte ich nachdenklich und strich mir übers Kinn. "Ich will ehrlich sein, Albinus, ich glaube nicht, dass ich mit meiner Empfehlung etwas bewirken werde, zumal jene zuvor über Callidus' Schreibtisch gehen wird und jener keinen Hehl daraus gemacht hat, dem Kaiser von einer Erhebeung abzuraten. Ich werde es dennoch versuchen, sollte es dein Wunsch sein, doch hielte ich es für ratsamer, dass du zuerst wieder ins Stadtgespräch kommst und deinen Namen von negativen Erinnerungen reinwäschst. Ich kann dir gern dabei behilflich sein und mich umhören."

    Die Grimasse, die Siv schmitt, als Mathos Name fiel, ging an mir vorüber, und so bemerkte ich auch nicht den vermutlich ungewollten Hinweis darauf, dass Siv mit Matho nicht gut zurande kam. Überrascht hob ich eine Braue, kaum dass Siv fauchend über Soldaten schimpfte und dabei wieder ins Germanische verfiel. Ich sah sie nur verständnislos an, bis ich verstand - was in diesem Falle wohl einen Tick zu lange gedauert hatte - und eine leicht besorgte Falte auf meiner Stirn entstand. Ich wiederstand dem Impuls, zu behaupten, dass es gewiss auch unter germanischen Soldaten welche gab, die nicht gerade die Unschuld in Person waren, und schluckte den Kommentar stattdessen hinunter, was mir auch recht leicht fiel, denn Siv sagte etwas, das mich nachdenklich werden ließ.


    "Nicht alle tun das, Siv", wiederholte ich leise nach einer geraumen Weile des stummen, gegenseitigen Musterns. Kurz darauf räusperte ich mich und wandte mich wieder den Münzen zu, die auf dem Tisch vor uns lagen. "Ja, auf dem Markt", erwiderte ich und nickte. "Warum die Halben nicht so wichtig sind? Davon gibt es weniger. Es werden viel mehr aurei, denarii, Sesterzen und Asse produziert...gemacht...als andere Münzen. Und es ist nicht wichtig, mit welchen Münzen man zahlt. Hauptsache, die Summe stimmt." Ich lächelte flüchtig und sah zur Seite, zu Siv hin, die aufgrund der Münzenbegutachtung nicht mehr allzu weit entfernt saß. Ich konnte den Duft riechen, der ihren Körper umgab.


    "Ja", erwiderte ich und betrachtete nun wieder die Münzsammlung auf dem Tisch. "Du solltest lernen, welchen Gegenwert römisches Geld besitzt, denn du wirst sicher irgendwann etwas für mich oder jemand anderen besorgen gehen müssen." Und da wäre es schon von Vorteil, wenn man Siv - und damit indirekt auch mich - nicht so einfach übers Ohr würde hauen können. Das Zögern dann in ihrem Ausdruck fiel mir zwar auf, doch bereitete es mich nicht auf die Frage vor, die sie stellte - und die damit verbundene Schwierigkeit der Erklärung, was größere Zahlen betraf. "Zweiundvierzig aurei", antwortete ich Siv wahrheitsgemäß. Wie befürchtet, traf mich ein Blick, der mir ihr Unverständnis verdeutlichte. Ich überlegte, hob dann beide Hände und zeigte ihr viermal alle zehn Finger, dicht gefolgt von einer Hand, an der Daumen und Zeigefinger abstanden. "Zweiundvierzig aurei", wiederholte ich und schmunzelte.

    Nachdem Leone mir hatte mitteilen lassen, dass Albinus mich in meinem Arbeitszimmer erwartete, machte ich mich dorthin auf. Ich fühlte mich immer noch nicht wieder gänzlich auf dem Damm, doch ging es steil aufwärts. So trat ein und grüßte meinen Klienten. "Salve, Albinus! Wie ich hörte, hast du bereits vor einigen Tagen um ein Gespräch gebeten. Nun, entschuldige die Abweisung, mich hielt ein ziemliches Unwohlsein gepackt. Ebendieses verhinderte auch meinen Besuch bei dir, denn ich habe in der Tat bereits mit Aelius Callidus über eine mögliche Erhebung deinerseits in den ordo equester gesprochen. Allerdings", fuhr ich fort und setzte mich, "sind dabei einige Ungereimtheiten aufgetaucht, über die ich zuerst mit dir sprechen wollte, ehe ich ein Gesuch an den Kaiser verfasse."


    Ich sah Albinus über den Schreibtisch hinweg an und fuhr dann fort. "Scheinbar sind einige Ungereimtheiten während deiner Zeit als comes aufgetaucht. Callidus sprach von einer eigenmächtigen Erhebung in den ordo decurionum, damit einhergehend die Entlassung und Neubesetzung des rei nummariae peritus. Ich möchte dich bitten, mir deine Sicht der Dinge zu schildern."