Ungeduldig harrte ich aus, bis Ursus sich durch sein Gestammel gehangelt hatte und mir sagte, dass es nicht sein Blut war. In verständnisloser Manier hoben sich meine Brauen und zogen sich fragend zusammen, als Ursus sich bereits auf die Bettkante sinken ließ und meine Verwunderung schlagartig in Sorge umschlug. Irgendetwas war vorgefallen. Einbrecher? Aber ich hatte die Hunde nicht anschlagen gehört, also konnte das doch nicht der Fall sein...?
Der müde Ton ließ mich - nach dem harmlosen Satzanfang - ein ebenso harmloses Satzende vermuten, doch bereits als Ursus erwähnte, dass Helena in etwas involviert war, das ohne Zweifel mit dem ganzen Blut zu tun hatte, setzte ein Frösteln ein, das sich über meinen Körper zog und mir begann, die Luft abzuschnüren. Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie hat versucht.... sich das Leben zu nehmen. Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen! Sie hatte sich töten wollen. Es war ihr Blut. Ihres. Das ihn besudelte und meine Laken färbte, anklagend und tiefrot wie das eines Opfertieres, in dessen Kehle ein Messer tief eingedrungen war... Ursus schien plötzlich nicht mehr vorhanden zu sein, ebensowenig seine Worte im Raum. Ich starrte einen der dunklen Flecken an, die im gelben Licht der Öllampe eher bräunlich wirkten. Ich kannte den Grund, aus dem sie das getan hatte. Ich war der Grund. Meine Worte. Mein Verhalten. Die Tatsache, dass ich sie zurückgewiesen hatte. Die Leere in ihren Augen, ich hatte sie gesehen!
Erstarrt, wie ich war, hörte ich nicht mehr, was Ursus sagte, sah ihn nicht mehr, sondern an seiner statt Helena, die mich aus diesen seltsamen, leeren Augen anstarrte. Anklagend, traurig, entschlossen. "...ich..." krächzte ich heiser mit zitternder Stimme. Ja, Marcus, du hättest dass verhindern können! Mit geweiteten Augen, in denen schwarze Pupillen wie große, stille Seen aus Angst und Schuld lagen, starrte ich immer noch einen der Flecken an, die Ursus anhafteten. Verklärt blinzelte ich, nahm das leise Knistern des verbrennenden Öls verstärkt wahr und nun auch wieder Ursus, der mir mit zweifelhaftem Blick einen Pergamentfetzen hinhielt. Wie lange war er schon hier, fragte ich mich. Die Kälte war mir vollends in die Glieder gefahren, der Alptraum schien auf eine bizarre Art doch Wirklichkeit geworden zu sein. Helena. Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Der Satz hallte in meinem Kopf wider, als sei er eine riesige leere Halle. Scheinbar nahm ich den Brief. Es sah zumindest so aus, auch wenn ich nichts fühlte. Meine Finger waren taub und meine Bewegungen stockend und langsam, ganz so als wäre ich nicht eben einem Traum entstiegen, sondern einem Grabe.
Nur widerwillig sprangen meine Augen von Wort zu Wort, schwarz auf erlesenem Pergament. ...mehr als ich ertragen kann.. Wieder und wieder las ich diesen Teilsatz, nachdem ich mir jedes einzelne Wort dort einverleibt hatte, nachdem sie sich in meine Seele gebrannt und sie gezeichnet hatten. Mehr als sie ertragen konnte. Langsam ließ ich den Brief sinken, bis die Hand in meinem Schoß angekommen war und das Papier ihr entglitt. Ich schloss die Augen, wollte Ursus nicht ansehen müssen. Ich hatte angst vor der Anklage in seinem Blick, denn nichts anderes, so war ich mir sicher, würde ich dort finden. Vielleich Hass. "Wo...?" begann ich planlos und schwankend, und bereits nach diesem ersten Wort brach ich wieder ab, die Augen immer noch geschlossen. Eine Hand hatte sich um etwas Stoff geschlossen und presste es so fest zusammen, dass ich mir selbst halbmondförmige Kerben in die Hand drückte und die Knöchel weiß hervortraten.
Bei den Göttern! Das hatte ich doch nicht gewollt!