Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Irgendwie schien es Cadhla doch zu helfen, dass ich sie tröstend hielt. Warum sonst sollte sie sich an mich drücken und mich gleichsam umarmen? Eine geraume Weile saßen wir einfach nur so da, die Leidenschaft hatte sich in etwas wie geheuchelte Besonderheit verwandelt, vermengt mit einer gewissen Portion an Zuneigung und Sorge. Ich fühlte mich in gewisser Weise wächsern. Ganz so, als prallte alles an mir ab, als würde ich mich selbst entfernt beobachten, wie ich mit Cadhla auf dem Schoß auf dem Boden hockte und Trost spenden wollte, obwohl ich dessen nicht im Ansatz fähig war.


    Ihre Worte drangen wie durch einen Nebelschleier an mein Ohr, wanden sich nur langsam in meinen Verstand und sickerten träge in mein Bewusstsein. Sie löste sich und blickte mich an. Ich sah ihre Augen feucht schimmern, die Pupillen jedoch blieben im Dunkel verborgen. Während sie sprach, schwieg ich und gab mich stattdessen damit zufrieden, ihr Verhalten zu studieren. Sie schien nicht nur befangen, sondern auch verwirrt. Trauer und Tragik mischten sich auf ihrem Gesicht mit den vielen weiteren Nuancen, die ihre Worte auslösten. Sie wich meinem Blick aus, und ich begann, sie als jemanden zu schätzen, der mich zu verstehen schien, zumindest im Ansatz. Sagte sie nicht genau das, was ich dachte?


    "Du wirst jemanden finden, Cadhla. Früher oder später wirst du frei sein, und dann findest du deinen Seelenverwandten", sagte ich aufmunternd und stellte gleichermaßen fest, dass ich tatsächlich meinte, was ich sagte. Nachdenklich hielt ich inne und betrachtete eine auf dem Boden liegende Sandale. Deandra war nicht der meine gewesen. Vermutlich gab es keine verwandte Seele auf dieser Erde für mich. Als ich merkte, dass ich mich einmal mehr dem Selbstmitleid hingab, seufzte ich tief und verbannte die Gefühle hinter der Mauer, die ich sorgsam aufgebaut hatte und pflegte. Ich sah sie nun wieder an. "Ich danke dir für die netten Worte, aber Zärtlichkeit, Anstand und Humor sind eben nicht alles, und ich fürchte, ich bin für den Rest einfach ungeeignet. Ich möchte keine Marionette an meiner Seite, die unglücklich ist und sich meinen Tod wünscht, damit sie wieder frei ist, verstehst du? Ich freue mich für Caius und Prisca, und gleichzeitig bin ich ihr Neider. Selbst wenn sie sich nicht lieben, so kann man dennoch ihre Verbundenheit spüren, wenn man sie zusammen sieht." Ich dachte an Priscas fröhliches Gemüt und schluckte. Meine Hände legten sich an Cadhlas Wangen, und ich lächelte bitter, als ich weitersprach. "Letztendlich werde ich meine Anforderungen soweit zurückschrauben müssen, dass ich jemanden finde, der mit mir leben kann und mit dem ich leben kann. Rom erwartet von seinen Würdenträgern ein standesgemäßes Leben, und dazu gehört die Ehe ebenso dazu wie die Stärke, Cadhla. Und wenn mich das dereinst zerstört." Ich ließ ihr Gesicht los. "Es war gedankenlos von mir. Mein Vorhaben. Ich wollte dich nicht verwirren. Es ist nur....es lenkt ab, weißt du", sagte ich und deutete ein Lächeln an.

    "Lass ihn bringen", erwiderte ich gelassen und beäugte den Sklaven, den ich soeben zum Schleuderpreis erworben hatte. "Die villa Aurelia dürfte dir ja noch von der letzten Lieferung ein Begriff sein. Dein Geld wirst du bei Lieferung erhalten."
    Ich nickte Titus zu und ebenso dem Sklaven, der bisher kein Wort gesagt hatte. Dann führte mich mein Weg weiter über die Märkte.

    Tillas Lächeln war ein Geschenk für sich. Ich hatte ganz vergessen, wie gut es der eigenen Seele tat, wenn man in vor Freude leuchtende Augen sah, die man selbst verschuldet hatte. Ein breites Lächeln umspielte meine Wundwinkel, als sie vorfreudig dem Klingeln der silbernen Glöckchen auf den Grund ging. Kindliches Vergnügen stand auf ihr Antlitz geschrieben. Einzig die Tatsache, dass sie nicht wusste, was sie mit dem Ball anfangen sollte, ließ mich stutzen. Römische Kinder spielten gern und oft mit Bällen, in heimischen wie öffentlichen Gärten und zum Leidwesen mancher Erwachsener auch oft genug auch mitten auf den Straßen und Gassen der urbs aeterna. Ich sah sie fragend an, und als sie bestätigte, wirklich nicht zu wissen, was ihr Geschenk denn eigentlich war, musste ich doch lachen. Ich nahm ihr den Ball mit einer Hand ab und drehte ihn unwillkürlich, wärend ich ihr in gutmütigem Spott erklärte: "Natürlich weiß ich es, Tilla, sonst hätte ich es dir nicht geschenkt. Das ist ein Ball. Zu Hause kannst du die anderen fragen, ob sie Lust haben, mal mit dir zu spielen. Es macht Spaß, du wirst sehen. Man kann hin und her werfen oder mit dem Fuß spielen, da gibt es eine Menge Varianten. Und die Glöckchen kannst du dir an den Knöchel binden, wenn du möchtest, dann gehst du auf dem Markt nicht verloren." Dann gab ich ihr den Ball zurück und wollte die Geschenke in meinem Arm gerade auf beide Hände verteilen, als Ursus hinzutrat, mit Caelyn im Schlepptau.


    Er überreichte mir zuerst die Kerze und dann eine kleine, reichlich verzierte Holzkiste. Ich nahm beides entgegen, was angesichts des vollbepackten Corvinus ein Balanceakt sondergleichen war. Doch das Unglück geschah schneller, als sebst der flinkeste Anwesende reagieren konnte. Die Kerze rutschte ab und sauste gen Boden, bestürzt sah ich sie noch gleiten und fallen, ehe das filigrane Schiff auf dem blitzblankpolierten Boden des flavischen atrium in hundert kleine Stücke zersprang. Erschrocken sah ich Ursus an. Ob er vermutete, ich hätte das absichtlich getan? "Oh. Hm. Schade", sagte ich zerknirscht und meinte es auch so. "Tut mir leid. Hm... ich mache das Kistchen später auf, Titus, wenn ich eine Hand mehr frei habe. Ich muss zuerst noch ein paar Geschenke loswerden. Eh... Schau mal, deines ist das gelbe dort", sagte ich und deutete mit dem Kinn auf ein gelb verpacktes, etwa handtellergroßes Geschenk mit unpassender, violetter Schleife. Darin würde er eine kleine Statuette der Minerva finden. Ich selbst hatte eine kleine Fortuna auf dem Schreibtisch stehen, damit sie mir Glück brachte. Da Ursus allerdings - wie ich fand - eindeutig mehr Weisheit und Wissen gebrauchen konnte, bekam er eine Miniatur-Minerva. Natürlich nicht ganz uneigennützig, schließlich hoffte ich, dass sie abfärbte....


    "Caelyn", fuhr ich fort, als Ursus sein Geschenk genommen hatte. "Für dich ist das dunkelgrüne hier" Ein Ellenbogen deutete auf ein rutschendes Geschenk in Hüfthöhe. Ich kam mir vor wie ein nubischer Packesel. In ihrem Päckchen befand sich eine Schriftrolle. Da ich nicht davon ausgegangen war, dass sie mich angelogen hatte als sie behauptete, lesen und schreiben zu können, hatte ich mich dafür entschieden. Es war eine Abschrift einer Abhandlungen über die römischen Tugenden. Ich selbst hatte schließlich erfahren müssen, dass es der Keltin hieran ganz stark mangelte.

    Zitat

    Original von Caius Flavius Aquilius
    "Du willst mich also anmeine ganze Schreibarbeit erinnern, was?" neckte ich Corvinus grinsend und nickte ihm dankend zu. "Wenn es Dir nichts ausmacht, werde ich Dir Dein Geschenk etwas später geben, die Gäste begrüße ich nicht gern wie ein Packesel ... vielen Dank für Dein Geschenk, ich werde es auf jeden Fall in Ehren halten und schätzungsweise sehr sehr oft benutzen müssen. ... Ihr entschuldigt mich doch? Ich will meinen Vetter bei der Begrüßung unterstützen, sonst trinkt er sich noch aus Verzweiflung als erster unter den Tisch." Kurz musste ich bei dem Gedanken grinsen, und als sich auch Ursus in Bridhes Richtung wandte, nickte ich Corvinus kurz zu und schritt dann gen Prisca.


    "Aber nicht doch, was denkst du, lieber Freund? Während eines solchen Festes sollte die Aufmerksamkeit doch bei anderen Dingen liegen. Aber danach wird sie dir hoffentlich gute Dienste leisten." Ein Schmunzeln huschte über mein Gesicht, aus den Augenwinkeln sah ich Gracchus' Gemahlin herannahen. Sonstige Claudier fehlten bisher, wie ich glaubte erkennen zu können. "Natürlich, Caius, lass dir nur Zeit. Ich werde mich derweil unter die anderen mischen", entgegnete ich und sah ihm kurz hinterher, wie er Prisca ansteuerte. Wortgewaltig und doch herzlich begrüßte er sie, und ihrem Lächeln nach zu urteilen, war sie davon angetan. Ich gönnte es den beiden, sich so gut zu verstehen. Irgendwann in absehbarer Zeit wollte ich auch mit Prisca noch einmal reden, bisher jedoch hatte sich keine Möglichkeit dazu ergeben, und ein Fest wie dieses war nicht gerade geeignet für ein ernstes Gespräch dieser Art. Als ich mich dabei ertappte, mir selbst zu wünschen, Priscas Glück zu haben, wandte ich mich um.


    Ursus seilte sich gerade ab und verschwand zwischen einigen Sklaven. Ich ging zu unserem mitgebrachten Geschenkedepot und nahm einige der unförmigen, verpackten Päckchen, die ich selbst vorbereitet hatte. Damit beladen, steuerte ich einige unserer Sklaven an, die in einem Grüppchen herumstanden. Ich fing den Blick des germanischen Sklaven Aquilius ein, welcher seinerzeit uns auf der ersten Landpartie hatte begleitet. Die Augen verweilten einen Moment länger auf seinem Gesicht, als es normal gewesen wäre, dann wandte ich mich an Siv, und ein sanftes Lächeln umspielte meine Mundwinkel. "Bona Saturnalia, Siv", sagte ich und überreichte ihr ein sehr kleines Päckchen, dessen Umschlag in sattem Rot gehalten war. Mein Blick fing ihren ein, die blauen Augen, in die ich so gern sah, schimmerten in den Farben des Meeres. Siv würde in ihrem Päckchen ein schmales Lederband finden, an welchem ein Anhänger aus echtem Silber in Form eines sich aufbäumenden Pferdes befestigt war. Ich hatte Brix ausquetschen müssen, um herauszufinden, dass Siv Pferde liebte. Hoffentlich freute sie sich.


    Cadhla, die dem Wein gerade zugetan zu sein schien, erhielt ein dunkelgrünes Paket, welches zudem recht groß war. "Cadhla, io Saturnalia. Ich hoffe, damit kannst du etwas anfangen. Ich bin nicht so bewandert, was keltische Arten des Kampfes anbelangt", sagte ich und reichte ihr das unförmige Ding. Unter dem zarten Papier verbarg sich ein kleiner, Runder Holzschild mit unserem Familienwappen darauf, sowie ein verstärktes Holzgladius. Als nächstes war Tilla an der Reihe. "Tilla, kommst du kurz her?" bat ich sie und reichte ihr dann ein blau eingeschlagenes Paket in Größe und Form einer Melone. Darin befand sich ein bunter Ball aus Pflanzenfasern und ein weiteres, kleines Päckchen, in welchem drei silberne Glöckchen ruhten. "Schöne Saturnalien wünsche ich dir."

    Ich unterdrückte den Impuls, mit den Augen zu rollen. Allmählich langte es mir wirklich. Sollte er doch sehen, wie er zurecht kam. Ich würde mir das noch eine Weile ansehen, und dann... Tja, dann würde ich ihn eben des Hauses verweisen müssen. Und, bei den Göttern, ich würde es tun, Neffe hin oder her.


    "Mäßige deine Zunge, Titus. Das wird sonst alles ein böses Ende nehmen. Ich sitze am längeren Hebel als du", erwiderte ich langsam, "und ich werde nicht davor zurückschrecken, davon Gebrauch zu machen. Das wäre dann tatsächlich alles." Ich wandte mich um und verließ den Raum.

    Es war verblüffend, wie gepflegt doch Sivs Zähne waren, die mir entgegen grinsten. Zumindest war das der Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, ehe sie tatsächlich bestätigte, dass ich Germanisch lernen sollte. Verblüfft sah ich sie einfach nur an, bombardiert von dem Kauderwelsch, den sie mir entgegenspuckte, und der nur einige wenige Brocken latein beinhaltete, die ich zudem kaum verstand. Irritiert blinzelte ich - ich wollte ja verstehen, aber ihre Worte ergaben kaum einen Sinn, selbst wenn sie doch Latein waren. Auch Siv schien das zu stören, da sie wütend schnaubte und den Kopf schüttelte. "Ja, ich möchte verstehen, was du sagst. Ich fürchte nur, ich würde kaum besser deine Sprache lernen können als du meine", erwiderte ich mit zweifelndem Gesichtsausdruck. Selbst wenn ich mich darauf einlassen würde - was blanker Irsinn wäre, denn welcher Patrizier lernte schon die Sprache seiner Sklaven? - würde es nicht so einfach funktionieren, wie Siv sich das scheinbar vorstellte.


    Ich legte den Kopf schief, als Siv mich hernach um etwas bat, was ich allerdings erst herausfand, als ich mir die Worte einige Male durch den Kopf gehen ließ. "Wenig statt klein? Hm... Du meinst, dich verbessern? Dir die richtigen Worte sagen?" fragte ich sicherheitshalber nach. Mit gemischten Gefühlen sah ich sie an. Bei jedem anderen Sklaven hätte ich weder Lust noch Zeit dazu gehabt - Cadhla einmal ausgenommen, doch sie sprach schließlich auch schon viel besser Latein - aber bei Siv... Ich merke, wie ich mit mir selbst rang und viel zu schnell zusagte, was mich hinterher gewissermaßen verwunderte. "In Ordnung", sagte ich schlicht.


    Kaum, dass sich ihre Augen verengten, befürchtete ich schon, sie hätte nicht verstanden, was ich versucht hatte, ihr zu erklären. Doch bald schon normalisierte sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht, und ich war einmal mehr ratlos, denn sie erwiderte gar nichts und sah mich nur an. Dann hob sie die Hand, und ihre Finger hinterließen kleine rote Flecken auf meiner Wange. Ich presste kurz die Kiefer aufeinander. "Alle erwarten von mir, stark zu sein", sagte ich mit sarkastischem Ton und seufzte. Warum eigentlich nicht, schoss es mir durch den Kopf. Es ging mir gut, wenn sie in der Nähe war. Und wenn sich eine Möglichkeit bot, Zeit mit ihr zu verbringen und sie darüber hinaus noch außerhalb der Schlafenszeit lag - warum nicht? Die Andeutung eines Lächelns zeichnete sich auf meinen Zügen ab, und mit deutlicher Verzögerung antwortete ich: "Also gut. Du lernst Latein, ich versuche mich in deiner Sprache. Abgemacht?" fragte ich und hielt ihr eine bandagierte Hand hin, sie auffordernd ansehend. "Aber ich warne dich - ich werde vermutlich alles andere als gut darin sein. Und ich möchte nicht, dass die anderen davon erfahren. Hm... Du sagst den anderen nichts. Kommst du heute Abend zu mir? Zum Lernen" Oh Corvinus, wie verzweifelt du doch sein musst, um mit einer Sklavin eine Barbarensprache zu lernen! Ich ignorierte das leise Flüstern hinter meiner Stirn, so gut ich konnte.

    Scheinbar würde dieser Sklave ein äußerst lukratives Schnäppchen darstellen, dachte ich mir, denn diese neue Strategie, die der Händler anwandte, schien nicht einmal halb so viele Bürger anzusprechen wie es normalerweise der Fall gewesen wäre. Ob dieser Hispanier allerdings etwas taugte? Niki, unsere Köchin, beklagte sich ständig über zu wenig fehlende Hände in der culina. Vielleicht sollte ich dem Jammern nachgeben und den Kerl kaufen. Wenn er nur halb so gut kochen konnte, wie der Händler behauptete, würde er eine Bereicherung darstellen. Sollte er gar nicht kochen können... Nun, dann würde mir sicherlich etwas einfallen. Ich schmunzelte. Und wenn ich den Sklaven schließlich verschenkte. An Prisca zum Beispiel. An Helena. Oder an Ursus, damit er unter Beobachtung stand. Hm...


    "Zweihundert."

    "Wenig", sagte ich in der Absicht, das Wort 'klein' zu ersetzen, und versuchte gleichzeitig zu vermeiden, dass es besserwisserisch oder herablassend klang, denn so war es nicht gemeint. "Du lernst wenig - aber du lernst. Und das ist gut so", fügte ich hinzu und nickte, ehe der Schmerz mich die Miene verziehen ließ. Rätselnd sah ich Siv hernach an. "Worte von mir?" fragte ich nach und hob die Brauen in fragender Manier. "Eh... Du willst, dass ich Germanisch lerne?" Verdutzt blickte ich in diese meerwasserblauen Augen. Meinte sie das etwa tatsächlich ernst? Erneut verzog ich das Gesicht und seufzte. Kleine Schnitte taten meist mehr weh als tiefe Wunden. Daran hatte ich eben nicht gedacht, als mich die Raserei im Griff gehabt hatte. Ich seufzte. Es konnte doch nicht angehen, dass ich mich zwei Jahre in Germanien aufgehalten hatte, dort kein Wort - nun gut, ein paar Worte - Germanisch aufgeschnappt hatte, und nun, hier zu Hause in Rom, diese barbarische Sprache mit ihren gutturalen Worten lernte! Und doch...


    Bestätigend nickte ich, als sie auf ihre eigene, drollige Art erklärte, was ich meinte. "Genau. Pflanzen, die Menschen gesund machen. Das sind Kräuter." Es kam mir seltsam vor, dass ich mit Siv sprach wie mit einem Kind. Aber es war eben anders nicht möglich. Nicht vom Verstand her, sondern vielmehr wegen des eingeschränkten Wortschatzes, den sie hatte. Den sie bedauerlicherweise hatte. Erneut riss sie einen Streifen von ihrer tunica und verband meinen Arm damit.


    Ich hob die bandagierte Linke, fuhr ihr kurz über das Haar und lächelte vage. "Aber du und ich, wir können beide nicht fort", fasste ich schonungslos zusammen, was ich dachte. Eine Weile sagte keiner von uns beiden etwas, dann gewahrte ich die Kopfbewegung und Sivs fragenden Blick. Ich sah auf den scherbenbesähten Boden hinab, dann kurz zu Siv und schließlich zum Fenster hinaus. Ja....warum.... Ein Seufzer folgte. "Ich habe Probleme", begann ich und versuchte, die Beschreibung möglichst einfach zu halten. "Ich habe meine Verlobte zurückgestoßen. Ehm... Wir haben fast geheiratet, verstehst du? Aber eben nur fast. Dann der Streit mit Ursus. Und ein Mann, der sagt, dass er mein Neffe sei. Eh...zur Familie gehört, aber ich kenne ihn nicht. Und Helena..." Konnte ich dies offenbaren? Sollte ich es? Ich entschloss mich dagegen. "Sie ist mir auch böse. Mein Vater ist tot, meine Mutter auch. Ich fühle mich einfach nicht imstande, das alles zu schaffen. Nicht stark genug. Und einsam." Ich blickte auf und sah in Sivs Gesicht. "Verstehst du?"

    Aquilius erntete ein beipflichtendes Nicken von mir. "Da stimme ich dir uneingeschränkt zu. Nicht zuletzt erwirbt man auch Kenntnisse, die einem beim bloßen Wälzen von alten Schinken schlicht verwehrt bleiben, auch wenn das Tribunat für unsereins nicht daraus besteht, arglose Nachwuchssoldaten zusammenzubrüllen", sagte ich und grinste kurz. Ich wäre vermutlich ohnehin nicht dafür geeignet gewesen. Das Militär war nicht so meines.


    "Ein waschechter Hispanier also... Und er scheint etwas auf dem Kasten zu haben, wenn du ihn zu deinem vilicus gemacht hast. Wenn er dir in der vierten Generation dient, solltest du dir langsam mal Gedanken um die fünfte machen. Allzu jung sieht den servus nämlich nicht mehr aus", stichelte ich und lachte. "Für dich weiß ich schon etwas", erwiderte ich dann auf seine Worte bezüglich der Saturnalien. Und für die Sklaven würde ich auch schon irgendetwas finden oder finden lassen. Bei einigen hatte ich bereits eine Idee, andere waren mir noch ein Rätsel. Von der Familie ganz zu schweigen. Für Ursus war mir allerdings bereits etwas eingefallen, und ich plante, nach meinem Besuch hier zu jemandem zu gehen, der mir eben dieses geplante Geschenk würde anfertigen können. Vielleicht, so hoffte ich, würde ihn dies anregen, das Bild des selbstsüchtigen, abweisenden Onkels zu überdenken, das er von mir hatte. ich schob den Gedanken fort.


    "Ich danke dir, Caius. Und ja, ich bin mir dessen bewusst. Zu Anfang werde ich mich vermutlich in gewisser Weise verloren fühlen oder gar dem Ertrinken nahe, aber ist das nicht immer so, wenn man in ein bisher unbekanntes Wissensgebiet eintaucht? Ich werde jedenfalls alles daran setzen, zur Zufriedenheit der Allgemeinheit zu agieren." Dies und nichts anderes war seit jeher mein Bestreben gewesen, egal welches Amt ich inne gehabt hatte. Vielleicht, so Aquilius es denn wollte, konnte ich nach einiger Zeit im Amt auch sein Fürsprecher sein, dachte ich. Doch dann fiel mir ein, dass er seinen ....Geliebten.... wohl mir voranstellen würde. Ein seltsames Gefühl, so zu denken, und entsprechend froh war ich, als er auf meinen Vorschlag bezüglich der acta einging, wenn auch nicht sonderlich angetan. Dass er mich beim cognomen nannte, irritierte mich etwas, doch ich überspielte es. "Achwas, Caius, Sarkasmus und Ironie kann ein Salz sein, welches die Suppe überhaupt erst schmackhaft macht. Zudem verlangt niemand von dir, staubtrockene Artikel zu verfassen. Etwas Würze tut jedem gut, auch der acta. Ironie muss nicht schließlich unbedingt Kaiseruntreue sein. Und", fügte ich verschwörerisch hinzu, "gute Schreiber mit scharfem Blick und Weitsicht kann die Zeitung stets gebrauchen." Na, wenn das nun nicht zog, wusste ich auch nicht weiter. :D

    Straßenmusiker? Ich runzelte die Stirn. Wer war dieses vorlaute Gör? Wenn Brix und Matho keinen besonders guten Grund würden vorbringen können, war ich geneigt, dieses dreiste kleine Biest gleich wieder zu verkaufen. Ich schürzte kurz die Lippen, starrte die Sklavin allerdings verwundert an, als sie erzählte, sie sollte Blumen für ihren Herrn besorgen. Natürlich stellten in den milden Wintern Italiens nicht alle Pflanzen das Austreiben und die Blütenbildung ein, aber das war es auch gar nicht, was mich stutzen ließ. Vielmehr die nebensächliche Bemerkung, es sei die Order eines dominus gewesen.


    "Ahja", entgegnete ich vorerst, und in mir keimte der Verdacht auf, dass dies gar nicht die Sklavin war, die Brix und der maiordomus in meinem Auftrag erworben hatten. "Dein Herr also. Und wer soll das sein?" fragte ich. "Damit ich mich gleich an der richtigen Stelle über dein loses Mundwerk und deine flegelhaften Formulierungen beschweren kann", fügte ich hinzu und unterdrückte mit Müh und Not ein Grinsen. Mit etwas Glück hatte sich Ursus dieses Mädel geleistet, und das bedeutete, dass er noch einigen Spaß mit ihr haben würde....

    Wohlige Wärme breitete sich gleich einer Decke über meinem Körper aus, Hitze bildete den Kern meines Seins und die feurigen Küsse Sivs fegten meine Gedanken hinfort, als seien sie wirbelnde Blätter im Sturm. Ein wohliger Laut entwand sich meiner Kehle, stand langgezogen im Raum und verblasste hernach. Gleichsam schob sich meine Hand über Sivs zarte, auf ihrer Wölbung thronenden Knospe, koste und streichelte, hielt jedoch ebenso inne wie alles andere bei meinem fragenden Blick.


    Die Zärtlichkeit, mit der ihre warm,e weiche Hand sich an meine Wange legte, verwirrte mich einen Moment. Es war geraume Zeit her, dass mich jemand so berührt hatte. Behutsam und in gewisser Weise vertraut. Ich blinzelte irritiert, ehe ein Lächeln über meine Züge huschte und gleichsam mit dem Aufflackern desselben auch die drängende Leidenschaft kurzweilig unbedeutend wurde. Ihr schönes Gesicht, die lächelnden Augen, ihr ganzes Verhalten, seit sie erwacht war - dies konnte nur ein Traum sein. Gewiss war ich noch gefangen in Morpheus' Reich. So musste es sein. Feingliedrige Finger strichen über meine Lippen, und plötzlich umschloss mich Siv mit ihren Armen und zog mich zu sich. Ich gab nur zu gern nach.


    Es waren nicht allein der Lippen Küsse, die ich ihr schenkte, vielmehr löste ich mich bald von ihr, glitt tiefer und bis unter die dünne Decke, die ihren hellhäutigen Körper verbarg. Rötlichebraune Dunkelheit umgab mich unter der Decke. Ich bedeckte ihre Rundungen mit Küssen und ließ die Hände spielen, beständig tiefer gleitend. Ich stand in Flammen, brannte, und kaum dass ich ihre salzige Lust schmeckte, kündete der schnelle Atem, welcher über ihre Schenkel strich, davon, dass es mir gefiel, was ich tat. Bald war mein Denken nurmehr von dem Wunsch beseelt, mir die feuchte Wärme einzuverleiben, doch noch konnte ich mich beherrschen und mit dem begnügen, was Siv hoffentlich Freude bereitete. Wie lange ich dazu noch fähig sein würde, hing zu einem nicht gewissen Teil auch an ihr selbst.

    "Und ich glaube, dass du mich einfach nicht einzuschätzen vermagst", entgegnete ich ebenso feststellend wie Ursus zuvor. "Woher soll ich erahnen, welche Dinge du im Detail meinst?" fragte ich dann und schüttelte den Kopf. "Mit einer klaren Definition kann man sehr viel mehr ausdrücken als mit Verallgemeinerungen, Titus. Mit deinen Worten von eben kann ich etwas anfangen, mit denen bei unserem letzten Gespräch konnte ich das nicht. Und wenn du Einsicht verlangst, solltest du schon wissen, wo genau du jene einforderst. Das sollte dir dein Vater beigebracht haben, oder zumindest dein Lehrmeister in Achaia." Ich konnte mich noch gut an meine Ausbildung erinnern. An authentischen Exempeln hatten wir unsere mathematischen Fähigkeiten ebenso geübt wie andere Fertigkeiten. "Aber gut. Arbeite dich ein, und bei Fragen stehen Appius und ich dir gern zur Seite. Matho versteht sich übrigens ebenfalls auf Kalkulation und Verwaltung", fuhr ich fort.


    Ich erhob mich, hielt jedoch kurz unentschlossen inne und rang mich schließlich dazu durch, meine Gedanken in Worte zu formulieren. "Du magst mich vielleicht für kühl und abweisend halten, Titus, doch das bin ich nicht. Mein Vater hat mir ein Erbe hinterlassen, dass vielleicht zu groß für mich ist. Ich bemühe mich, aber ich bin auch nur ein Mensch, der nicht alles so perfekt tun kann, wie er es gern würde." Ich räusperte mich und zog kurz eine Grimasse, die man mit viel gutem Willen als Schmunzeln identifizieren konnte. "Es mag dich vielleicht verärgern, aber der Senat hat beschlossen, mich zum neuen auctor der acta diurna zu machen. In dieser, meiner neuen Funktion möchte ich dich fragen, ob du vielleicht Interesse hast, ab und an einen Artikel für die acta verfassen möchtest. Du musst nicht jetzt gleich antworten, überlege es dir einfach und teile mir mit, wie du dich entschieden hast." Vielleicht bemerkte er, dass ich damit zumindest etwas auf ihn zu kam. Vielleicht jedoch auch nicht.

    Als sie von der schola in Germanien sprach, hob ich irritiert eine Braue. Mir sagte ihr Name nämlich nichts, oder zumindest nichts mehr. Was vielleicht daran lag, dass ich seinerzeit Camryn geschickt hatte, um mich zu den Kursen anzumelden. "Die Freude ist ganz auf meiner Seite", entgegnete ich und lächelte kurz. Ihrer Erzählung folgte ich interessiert. Dass mein Bruder damals in Britannien stotioniert gewesen war, wusste ich, doch den Rest glaubte ich ihr so, wie sie ihn erzählte. Es blieb mir auch nichts anderes übrig, denn Regulus war stets ein Mensch gewesen, der mir auf gewisse Weise fremd geblieben war, obwohl er doch mein Bruder gewesen war.


    "Es tut mir leid, dass du diesen doppelten Verlust nun ertragen musst", sagte ich anteilnehmend. "Wenn ich dir in irgendeiner Weise helfen kann, lass es mich wissen. Die Freunde meiner Geschwister sind auch die meinen. Hast du schon Unterkunft in Rom? Ich würde mich freuen, dich vorerst hier im Hause aufzunehmen. Wenn dir dies recht wäre, heißt das", fügte ich an.

    Es war nicht zu übersehen, dass Laute der Lust nicht nur sie, sondern auch mich weiter noch erhitzten. Eben dies war der Grund, aus dem ich all meine Willensbeherrschung aufbringen musste, um ihren schlanken Körper nicht noch näher an mich zu pressen, um ihr zu zeigen, dass ich sie begehrte, warhhaftig und in diesem Moment mit jeder Faser des Seins. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich, nachdem die Frage gestellt war, die ich im Grunde nicht hatte stellen wollen, weil ich damit schlichtweg eine Antwort provozierte. Eine, die mir nicht gefallen würde. Und ich sah in ihren Augen, dass sie mir nicht gefallen würde, schon ehe sie letztendlich sprach. Sie kämpfte mit sich, focht vielleicht einen viel härteren Kampf als viele andere, bereits gefochtene, in ihrem Leben als Schildmaid. Die sie dann nicht mehr wäre. Aber war sie nicht ohnehin schon keine unschuldige Kriegerin ihrer Götter mehr?


    Ob dieser Gedanken und der ausbleibenden Stimulation flaute das Gefühl etwas ab, und noch weiter, als ich ihre Augen in der Dunkelheit in glänzendem Lichtreflex feucht schimmern sah. Bestürzt sah ich zu ihr hinauf, die sie ja erhöht saß. Ich mochte nicht nur nicht, wenn Frauen weinten, ich hasste es. Ganz besonders, wenn sie wegen mir weinten und ich nicht imstande war, sie dazu zu bringen, aufzuhören. Allmählich verschwand die Hitze der Leidenschaft, und ich saß nur da, Cadhlas Handgelenke locker umschlossen haltend, und sah sie an. Die Panik schien sie übermannt zu haben, vielleicht war sie auch erschrocken von ihrem eigenen Empfinden? Ich konnte den Ausdruck nicht deuten, und dass sie lautlos weinte, half mir auch nicht groß dabei. Ich ließ schließlich ihre Hände los, grübelte einen Moment darüber, was ich tun sollte, und entschloss mich schließlich dazu, sie einfach zu umarmen, sie an mich zu drücken, ohne dabei zu versuchen, sie zu etwas zu bringen, dass sie vielleicht nicht wollte - wie sie eben gesagt hatte. Trotz allem war sie ein Mensch, und obwohl die wenigsten meines Standes öffentlich zugaben, sich dessen bewusst zu sein und es zu respektieren, so war es mir doch in diesem Moment mehr bewusst als je zu vor. Und außerdem hatte ich versprochen, sie nicht zu zwingen.


    Nie hätte ich zugegeben, dass ihre Worte mich sehr nachdenklich machten. Ich ließ die Zeit nach der endgültigen Trennung von Deandra vor meinem inneren Auge Revue passieren, und ich musste feststellen, dass Cadhla recht hatte mit dem, was sie sagte. Ich hatte viele gehabt. Beim Rückblick erschien es mir fast so, als hätte ich einfach nur etwas Ablenkung gesucht und auch gefunden. Zerstreuung im Schoße einer Frau. Abwesend strich ich Cadhla über den Rücken, wie ich es bei Sisenna getan häte, um sie zu trösten. Keine Forderung lag mehr in jener Bewegung. Eben noch erhitzt, war mir nun kalt. Eine Eiseskälte schien sich in mir auszubreiten, fand ihren Ursprung dicht in meinem Inneren. "Ist schon gut", murmelte ich tröstend. Niedergeschlagenheit schien bei mir auf fruchtbaren Boden zu fallen. Ich legte meinen Kopf seitlich an ihren und seufzte tief. Im Grunde wusste ich, dass es sinnlos war, mich auf diese Weise zu beschäftigen. Aber ebenso beharrte mein Unterbewusstsein darauf, dass genau das mir half, etwas Frieden zu finden, was natürlich vollkommener Blödsinn war. Dennoch, wenn eine Frau bei mir lag, vergaß ich alles um mich herum, und allein diese kurze Betäubung der Gedanken war es wert. "Weißt du, manchmal glaube ich, zur wirklichen Liebe nicht einmal fähig zu sein", erzählte ich Cadhla, und gab damit vielleicht das Verwundbarste von mir preis, was ich besaß.

    Ich musste nicht verstehen, was sie fragte, als sie auf die Schnitte an meinem Arm wies. Der Ton und die Mimik verrieten mir genug. Zur Antwort gab ich nichts zurück, streckte ihr jedoch etwas bereitwilliger den Arm entgegen. Den Mund verzog ich, wann immer es brannte, was Siv anstellte, doch war ich zumindest bemüht, nicht weiter zu jammern. Der Spott in ihren blauen Augen blieb nämlich nicht unbemerkt, und obwohl sie nur eine Sklavin war, wollte ich mir dennoch einfach nicht die Blöße geben, zu jaulen wie ein Schoßhündchen. Nur ein gelegentliches, vom brennenden Schmerz verursachtes Zucken meines Gesichts verriet, dass ich diese Prozedur alles andere als angenehm fand. Von der schwelenden Wut war nichts mehr geblieben.


    Ihr Schmunzeln machte mich ratlos, zumal es in Kombination mit erneutem Kauderwelsch kam. Diesmal verstand ich allerdings, dass es um Sprachen zu gehen schien - die Wörter Latein und Germanisch hatte ich herausgehört. Nur was genau es damit auf sich hatte, erschloss sich mir nicht. Ihre schließlich folgende, lateinische Erklärung konnte ich dann allerdings mehr denn nachvollziehen. Ich hob einen Mundwinkel und nickte kurz. "Ich verstehe", sagte ich und verstand tatsächlich, runzelte allerdings die Stirn, als sie vorschlug, ich solle Germanisch lernen. Hätte sie diesen Vorschlag nur wenige Minuten zuvor gemacht, Bona Dea, ich hätte ihr die Flausen schon ausgetrieben. Nun aber schürzte ich nur die Lippen und entgegnete: "Wäre es nicht besser, du lernst Latein? Dann verstehst du auch die anderen, nicht nur Brix." Ein unschlagbares Argument, wie ich fand. Scharf sog ich die Luft ein, als sie eine kleine Scherbe zwischen Ring- und Mittelfinger herauszog, hielt einen Moment die Luft an und stieß sie dann in einem Seufzer wieder aus. Obwohl sowohl meine Hand als auch mein Arm brannten, tat es doch gut, als Siv prüfend darüberstrich. Ich reichte ihr nun auch meine Rechte. "Schau dort auch noch mal nach", sagte ich und fügte, kurz lächelnd, an: "Bitte."


    Ihre Aufzählung vom germanischen Leben verstand ich, obwohl ich nie im freien Germanien gewesen war. Nicht einmal, als ich in der Legion gedient hatte. Vermutlich lag es daran, dass ich mehr schlecht als recht reiten konnte, und deswegen solchen berittenen Unternehmungen weitestgehend aus dem Weg gegangen war. Erneut hatten wir ein Kommunikationsproblem. Ratlos sah ich sie an und verstand nicht, was sie mir sagen wollte. "Ah", entfuhr es mir schmerzhaft, als sie an mir herumdoktorte und - vermutlich - erklärte, dass viele Germanen sich auf Wundbehandlung verstanden. Ein lohnenswerter Gedanke kam mir. "Verstehst du dich auch auf den Umgang mit Kräutern?" fragte ich und erklärte im gleichen Atemzug meine Worte noch einmal. "Hm, kannst du mit Pflanzen umgehen? Gegen Krankheiten?" Während sie meinen Arm umwickelte, betrachtete ich die hübsche Germanin. Allein Mars wusste, wie sie es geschafft hatte, mich derart abzulenken von dem, was in meinem Inneren wütete. Helenas Bild kam mir wieder ins Gedächtnis, und ich seufzte schwer, lehnte den Kopf wieder an die Wand. "Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht hier", sagte ich matt.

    Von den seltsamen Vorgängen in der Sklavenschaft hatte ich nichts mitbekommen. Wie auch? Des maiordomus Berichte waren stets zu meiner Zufriedenheit und darüber hinaus beschwerte sich niemand. Also ging ich davon aus, dass alles in bester Ordnung war. Und vollkommen irrelevant in dieser Situation, so zumindest der Grundgedanke. Dass allerdings plötzlich Siv vor mir stand, irritierte mich zum einen, zum anderen löste es einen gewissen Grad an Peinlichkeit in mir aus. Es war mir schleierhaft, warum ich so empfand, und so galt die echte Verwunderung nicht Sivs urplötzlich anmutender Anwesenheit, sondern vielmehr der Verblüffung über mein eigenes Empfinden darüber.


    Erst das Zucken der germanischen Sklavenschultern veranlasste mich zum Blinzeln, und ich sah zur Seite, als sie noch näher kam. Frustriert knirschte ich mit den Zähnen und versuchte, zumindest den Sinn hinter dem germanischen Sermon herauszufinden, der mir entgegen sprudelte. Kurz darauf bestand mein dringlichstes Anliegen darin, den Schmerz ungeschehen zu machen, und ich sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, als Siv nach meiner Linken griff. Ich schleuderte strafende Blicke in ihre Richtung, sagte jedoch nichts. Ein Reißen von Stoff erklang, und Siv hielt gleich darauf einen Streifen Stoff in der Hand. Ich hielt meinen schlimmeren, linken Arm nah am Körper und zog eine Grimasse. Ihr Germanisch regte mich auf! Zugleich tat es allerdings gut, den Ton der harten Worte zu vernehmen, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was sie sagte. Und es war auch gleich gar nicht mehr wichtig. Sengender Schmerz durchzuckte meinen Arm, setzte meine Haut in Brand und veranlasste mich dazu, ihr meinen eigenen Arm sozusagen wegzunehmen. "Au!" fuhr ich sie anklagend an, setzte jedoch einen möglichst neutralen Gesichtsausdruck hinterher. "Das tut weh." Schließlich wollte ich sie nicht vergraulen, wo sie scheinbar gekommen war, weil sie sich Sorgen machte. Die einzige in diesem Irrenhaus, die sich für ihre Position annähernd normal verhielt, dachte ich sarkastisch. "Autsch", knurrte ich, als Siv an einem kleinen Splitter zupfte. "Kannst du das nicht so sagen, dass ich es auch verstehe? Bona Dea. Du musst wirklich Latein lernen." Seltsamerweise ging es mir nach diesen grimmigen Worten sogar etwas besser. Ich musterte versonnen Sivs geschickte Hände. "Kennst du dich damit aus? Hast du sowas schon - au! - öfter gemacht?" fragte ich sie, als sei nichts gewesen und als würden wir nicht gerade inmitten tausender Scherben stehen.

    Es war, als hätte sie eine Kerze in trockenen Papyrus geworfen. War ich eben noch fest entschlossen gewesen, meine Vorsätze in die Tat umzusetzen, glaubte ich mich nun bereits als Sieger und achtete nicht mehr darauf, dass Cadhla wirklich überzeugt von ihrem Tun war. Immerhin tat sie es, und es hörte sich ganz si an und sah auch danach aus, als handelte sie aus Überzeugung, nicht aus Pflichtgefühl ihrem dominus gegenüber. Ihre Lippen, weich und warm, schmeckten köstlich wie Ambrosia, und gleich jenes Götternektars weckten sie den Wunsch, mehr zu kosten. Ob es ihr genauso erging? Ich rief mich gedanklich zur Ordnung, zumindest eine gewisse Sache nicht außer Acht zu lassen. Cadhla war unerfahren, und sie hatte gedroht, denjenigen umzubringen, der ihr ihren letzten Besitz nahm, sollte dies gegen ihren Willen geschehen. Ich war vielleicht trunken vor Lust, doch hing ich nicht so wenig am Leben, dass ich diesen Umstand unbedacht ließ.


    Im nächsten Augenblick schon war der vermeintlich gute Vorsatz allerdings von der Leidenschaft auf die hintere Plätze verbannt worden und war nurmehr Zuschauer in diesem Stück, denn Cadhla ließ ihren geschmeidigen Körper vom Sessel rutschen und brachte ihr Becken näher, so nahe an mich heran, dass sie mir ein überraschtes wie auch gefälliges Keuchen entlockte. Bereits als ich ihre Absicht erkannt hatte, hatte ich mich aus der Hocke ins Sitzen bewegt. Meine Arme umschlagen den gazellenhaften Körper, eine Hand strich fuhr unter ihre tunica und den Rücken hinauf bis zum Nacken, verweilte dort und glitt hernach langsam zwischen den Schulterblättern entlang nach unten, hin zum Gesäß, das ich erreichte, als sie mich berührte. Ein halb ächzendes Stöhnen entfuhr mir trotz allen Versuchens, es noch zurückzuhalten. Wie von selbst schickten sich meine Hände an, Cadhla von ihrer tunica zu befreien, schoben sie seitlich hoch bis auf Hüfthöhe und verweilten noch. Ich sah sie an. Viel Gelegenheit dazu blieb jedoch nicht, denn schon nutzte sie ihren Vorteil aus, den sie durch die höhere Position erlangt hatte. Durch und durch eine Kriegerin. Die Wärme ihres Schoßes brachte meinen ganzen Körper zum Glühen. Ihre Küsse, eben noch zurückhaltend, dann fordernd, erreichten bald einen Punkt, an dem sie Misstrauen in mir weckte. Etwas zu stürmisch, zu wild erschein sie mir plötzlich. Mit sanfter Gewalt fing ich ihre Handgelenke ein, zwang sie sachte, mich anzusehen. Schwer atmend und mit klopfendem Herzen sah ich in ihr Gesicht. Die ehedem straff zurückgebundenen Haare wirkten nun wie ein fransiges Zeugnis der Begierde, und das Klopfen in meinem Schoß verriet nur zu deutlich, was ich mir wünschte. Dennoch, das Wissen um ihre Worte war jetzt wieder ebenso präsent. "Willst du es? Willst du das wirklich?" raunte ich ihr mit heiserer Stimme zu. Ich würde mein Wort nicht brechen, auch wenn es ein Leichtes war, dies zu tun. Ein Aurelier brach sein Wort nicht.

    Gracchus war bald ausgemacht, ebenso wie Aquilius. Es war ein seltsames Gefühl, von Gracchus nicht Aurelius genannt zu werden, hatte ich doch bei ihm am allerwenigsten damit gerechnet, dass er darauf bestehen würde, diese Förmlichkeit zu wahren. Ich war bereits bei unserem letzten Zusammentreffen über jene Schwelle geschritten, was mir angesichts der unglückseligen Umstände auch durchaus passabel erschienen war und noch erschien. "io Saturnalia, Gracchus!" wünschte ich daher schmunzelnd und nahm erfreut das kleine Geschenk entgegen, welches Gracchus aus dem Hut zog. Es war ebenfalls ein kleines Figürchen aus Ton, und als ich es näher in Augenschein nahm, gewahrte ich auch das Tier, welches es wohl darstellten sollte.


    Während der nächsten Augenblicke spielte sich alles etwas außerhalb meiner Aufmerksamkeit ab, denn viel zu sehr war ich mit mir selbst beschäftigt. Eine Maus. Eine Maus. Ein unter der Erde hausendes Nagetier, dem man mit Katzen und Wieseln zuleibe rückte, um es auszurotten. Ein Sendbote des Apollon Smintheus, dem Seuchen sendenden Heilgott. Ich blinzelte Gracchus misstrauisch an - glücklicherweise war er gerade mit Ursus beschäftigt. Konnte es sein, dass er wusste, was Caius argwöhnt hatte? Dass er informiert war über meinen jetzigen Wissensstand? Dass er gar ahnte, welchen Ausbruch ich vor wenigen Tagen gehabt hatte? An Händen und Unterarmen waren die Schnitte noch allzu deutlich zu erkennen, und doch... Ich ließ den Blick über die versammelte Sklavenschaft schweifen. War nicht ein Spitzel dabei? Unsinn, Marcus. Du übertreibst.


    Angestrengt wandte ich mich wieder Gracchus zu, nicht ohne Aquilius zuvor mit einem leicht unsicheren Blick zu streifen. Trug er einen nicht geringen Anteil hieran? "Herzlichen Dank, Gracchus. Du sollst auch nicht unbeschenkt bleiben", sagte ich und zog einen kleinen, aber für seine Größe recht schweren Briefbeschwerer in Form eines kleinen, stämmigen Elefanten hervor. Ich reichte ihn Gracchus und musterte danach Aquilius. "Salve Caius, bona Saturnalia wünsche ich dir. Dies ist für dich, du wirst es sicher gut gebrauchen können", sprach ich und überreichte ihm ein kleines Zedernholzkästchen. Darin befand sich, gebettet auf dunkelrotem Samt, eine kostbare Schreibfeder mit vergoldeter Spitze. Für seinen besten Freund griff man schon einmal tiefer in die Tasche, und ich hatte dieses aus einer besonders hübschen, gemusterten Greifvogelfeder gefertigte Schmuckstück selbst ausgesucht. Schief grinste ich ihn und seinen Vetter an. Mir wollte dabei nicht aus dem Kopf gehen, was er mir offenbart hatte. "Ich hoffe, ihr habt euch untereinander noch nicht beschenkt? Der Einfachheit halber haben wir das Austauschen von Kleinigkeiten nämlich auf den Abend verschoben, wenn wir in geselliger Runde am Funkeln in den Augen der anderen teilhaben können", bemerkte ich und blickte auf die Ecke des atrium, auf dem eine beschauliche Menge von uns mitgeführter kleiner Päckchen und Pakete noch darauf wartete, den Besitzer zu wechseln.


    Aus den Augenwinkeln bemerkte ich Prisca, die mir etwas lustlos erschien, sich jedoch gekonnt zusammenriss. "io Saturnalia", wünschte ich den Sklaven, denen ich dies noch nicht gewünscht hatte. Meine Augen suchten Siv und fanden sie alsbald im Gespräch mit einem flavischen Sklaven. Sein Blick sprach Bände, und ich verzog kurz missbilligend das Gesicht, ehe ich den Kopf wandte. "Ich vermute, Felix hält sich noch außerhalb Roms auf? Um seine Gesundheit steht es doch aber zum Besten?" wandte ich mich wieder an dessen Familie.