Als ich merkte, dass meinem Gegenüber der intensive Blick auffiel, räusperte ich mich und sah auf meine Mitbringsel herunter. "Ja, in der Tat bin ich nicht nur deswegen hier. Du übernimmst die Erbschaftsverwaltung und wirst dich vermutlich ohnehin mit den anderen neun Amtsträgern zusammensetzen. Dennoch dachte ich mir, dass es nicht schadet, wenn ich dir vorab meine Aufzeichnungen überlasse." Ich schob ihm eine der beiden Wachstafeln zu, welche in aufgeklapptem Zustand meinen Teil der Erbfälle ordentlich aufgelistet vorwies, die meisten mit dem Vermerk 'erledigt'. Nur einige wenige waren unangetastet. Ich wartete, bis Ursus einen Blick darauf geworfen haben würde, und studierte zwischenzeitlich die Reaktion auf diese kleine Hilfestellung, denn immerhin gab ich hier einen Teil meiner Vorgehensweise preis.
"Auf dieser tabula findest du Sondervermerke, die wichtig für dich sind, Titus", fuhr ich dann in geschäftsmäßigem Ton fort und klappte die zweite Tafel auf, ehe ich sie hinüber schob. "Auf Geheiß des Kaisers wurde den decemviri während meiner Amtszeit mit magister domus Augusti abgesprochen, dass sämtliche Erbfälle, die Angehörige der Legionen in Parthia tangieren, ausgesetzt werden, bis sich die Soldaten wieder in heimischen Gefilden befinden. Die Namen in der Liste, welche nicht als erledigt markiert sind, sind Soldaten, denen diese Absprache zugute kommt." Ich deutete auf die erste tabula. "Du findest dort auch den Namen der Prudentia Aquila. Gemäß der lex Iulia et Papia hat sie seit dem ANTE DIEM III KAL OCT DCCCLVII A.U.C. (29.9.2007/104 n.Chr.) einhundert Tage Zeit, um den Bund der Ehe einzugehen, um das Erbe des verstorbenen consul Prudentius Commodus anzunehmen. Tut sie dies nicht, ist das Erbe dem Staat zu überantworten."
Ich lehnte mich zurück. Nun lag nur der Lederbeutel noch zwischen uns. Erneut räusperte ich mich. "Ich will mich dir keinesfalls aufdrängen, Titus, aber ich biete dir meine Hilfe dennoch an. Nicht, weil ich dir nicht zutraue, die Arbeit allein zu bewältigen, sondern weil ich weiß, wie komplex das Gebiet ist und wie sehr ich manchmal geflucht habe." Ernst bedachte ich ihn mit einem Blick. "Auch wenn seit unserem...Gespräch von neulich einiges im Argen ist, habe ich doch nie daran gezweifelt, dass du die Wahl gewinnen würdest. Wir waren beide kindisch, Titus. Ich für meinen Teil bedaure es und möchte mich dafür entschuldigen. Mir geht derzeit zu viel im Kopf herum. Erst heute Morgen ist jemand aufgetaucht, der sich als mein Neffe ausgibt. Prisca wird vermutlich bald heiraten, und ich habe die Verlobung mit Deandra gelöst. Ich weiß derzeit einfach nicht, wo mir der Kopf steht, Titus, und das sind alles Dinge, in denen du mir nun einmal nicht helfen kannst, selbst wenn du wolltest. Da muss ich allein durch." Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und seufzte. "Ich habe hier auch dein Geld. Du kannst es zurücknehmen, es war eine Schenkung." Mit diesen Worten schob ich den Beutel rüber.
"Ah, und da wäre noch etwas. Ich weiß, dass du derzeit noch keinen zuverlässigen und kompetenten scriba hast. Deswegen möchte ich dir Pyrrus' Dienste leihen. Er leistet gute Arbeit, auch wenn seine Laune manchmal nervtötend ist. Er wartet vor der porta, falls du ihn gleich brauchst." Das war das Ass im Ärmel - ich war Pyrrus los und Ursus hatte ihn am Hals. 