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Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus
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Ich hatte lange hin und her überlegt. Da war mein Neffe doch tatsächlich entgegen seiner eigenen Befürchtungen gewählt worden. Nicht, dass ich selbst daran Zweifel gehegt hatte - nicht nach dem, was ich über seine Rede in Erfahrung gebracht hatte, und auch nicht nach meiner eigenen Einschätzung seines Ehrgeizes oder nach unserem Streitgespräch vor rund zwei Wochen. Die Frage war nun, wie man ihn am besten Unterstützen konnte - wie ich ihn am besten würde unterstützen können, ohne ihm das Gefühl zu geben, ich traute ihm keine eigenständige Arbeit zu. Nach langem Grübeln war mir schließlich eine Idee gekommen, doch sie umzusetzen, bedeutete auch, mich den Anschuldigungen zu stellen, die er vorgebracht hatte.
Tatsache war, dass nach dem gestrigen Tag, an dem Deandra mich besucht hatte und der alles andere als angenehm ausgeklungen war, es mir wie eine Kleinigkeit vorkam, ruhig und besonnen mit Ursus zu reden. und zwar ganz gleich, was er mir auch im die Ohren geschlagen hatte. Ich fühlte mich ausgebrannt, ausgelaugt und gefühlstaub, also insgesamt eine prima Voraussetzung für ein Gespräch, in dessen Verlauf ich Ruhe bewahren und Vorwürfe an mir abprallen lassen musste - es war schlicht keine Wut mehr in mir, die zur Eruption gebracht werden konnte.
Nach der morgendlichen salutatio begab ich mich also zu dem Zimmer, dass zu Ursus' officium umfunktioniert worden war. Ich wies meinen Begleiter an, vor der Tür zu warten. Dann klopfte ich und trat nach kurzer Wartezeit ein. "Guten Morgen. Hast du einen Moment?" fragte ich meinen Neffen und setzte mich bereits, ohne darauf zu warten, ob er den Moment Zeit für mich erübrigen würde oder nicht. "Ich gratuliere dir zu deiner erfolgreichen Wahl, Titus", begann ich und legte zwei Wachstafeln samt darauf ruhendem Lederbeutel vor mir auf den Schreibtisch. Aufmerksam suchte ich in Ursus' Antlitz nach einer Reaktion, die verriet, was er dachte.
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Wie versteinert stand ich im Regen und rührte mich nicht. Nich einmal ein Blinzeln kam von meiner Seite. Stumm vernahm ich ihre Worte, ebenso stumm lief ein einzelner Regentropfen seitlich an meiner Wange herunter und tropfte in den blauen Mantel, und gleichsam stumm wie erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass Deandras Blut ruhig war wie sonst nie in einer solchen Situation. Sofern man diese Situation mit anderen überhaupt vergleichen konnte, bemerkte ich bitter in Gedanken.
Während ihrer ringabstreifenden Bewegung verschränkte ich die Arme vor der Brust. Ich war mir ausnahmsweise einmal bewusst darüber, dass dies eine Abwehrhaltung war, und ich setzte sie ganz gezielt ein. Der Nieselregen wandelte sich zu einem Wolkenbruch. Noch waren wir unter dem Blätterdach weitestgehend geschützt, doch bereits jetzt gluckste und gluckerte es um uns herum, und die niederprasselnden Regentropfen trommelten auf den Blättern ein schauriges Lied. In einer Ecke des Gartens quakte ein Frosch. Deandra hielt mir den Ring mit den verschlungenen Pferden hin, mit spitzen Fingern, als sei er ein giftiges Kleinod. Ich richtete den Blick auf den Ring, machte jedoch keine Anstalten, ihn zu nehmen. Manche mochten sagen, dass dies das Verhalten eines Schuljungen war, der etwas nicht tat, von dem er wusste, dass es unweigerlich passieren würde. Ich selbst dachte in diesem Moment allerdings nur daran, dass ich diese Kindereien ein ums andere Mal satt hatte und ganz gewiss nicht mehr mitmachen würde bei diesem Tust-du-mir-weh-tu-ich-dir-weh-Spielchen. Stattdessen stand ich einfach nur da und taxierte Deandra mit vor der Brust verschränkten Armen - und tat nichts.
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Der Vorwurf verärgerte ich bereits über die Maßen, doch wollte ich es ihr nicht so leicht machen, mich zu erzürnen, und so schluckte ich die scharfen Worte herunter, die mir auf der Zunge lagen, und presste stattdessen die Lippen aufeinander, damit kein Laut entfleuchen konnte. Nicht auf sie zugekommen! Wie nannte sie denn dann mein Besuch in Ostia? Ich hätte schließlich auch faul auf meinem Sitzfleisch sitzen bleiben können, sauer, enttäuscht und noch dazu vollkommen unnötig in Sorge um sie! Unterdrückt schnaubend atmete ich aus und zwang mich, die Wut verrauchen zu lassen. Das war leichter gesagt als getan, aber dennoch annähernd zu bewerkstelligen. Mit nur mehr einem hitzigen Gefühl ließ ich den Kies unter meinem Gewicht knirschen und mir den Lufthauch dankend ins hitzige Antlitz wehen.
Die Ruhe vor dem inneren Sturm indes nicht lange währte. Schon bei ihren nächsten Worten war ich wieder auf hundertachtzig und konnte das diesmal nicht so leicht überspielen. Die Ader an meiner Schläfe pochte unter den wütenden Schlägen meines Herzens, die Lippen waren nur mehr ein blutleerer Strich und die Brauen bedrohlich gewölbt. Ich hätte mir in jenem Moment vermutlich selbst geglaubt, dass der Jähzorn Einzug gehalten hatte in meine Seele. Der Drang, etwas zu zerschlagen oder gar jemandem wehzutun, wurde übermächtig. Darüber ebenso wütend wie über Deandra, ballte ich die Hände zu Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten. Ich kam mir vor wie ein Außenstehender, der dies alles unberührt beobachtete. Wie am Tag zuvor, als Aquilius seinem Zorn freien Lauf gelassen hatte. Es war mir nur noch möglich, gepresst zu atmen.
"Dnr", stieß ich hervor und hatte wohl große Ähnlichkeit mit einem Stier, der im Begriff war, die Hörner zu senken. Glücklicherweise fiel mir selbst dieser Umstand auf, noch ehe ich schnaubend und mit dem Fuß scharrend auf Deandra losgegangen war. 'Du' hatte das Wort lauten sollen, doch nur ein unwirscher Laut war über meine Lippen gekommen. Oh dignitas, clementia! Fortgewischt waren die Tugenden, und innerlich rang ich verzweifelt nach dem letzten Fitzel dieser Tugenden, die ein Römer doch in sich vereinan sollte. Fast froh darüber, dem Stofffetzen mit den Augen folgen zu können, welcher den weiblichen Schultern entglitt, emporgehoben wurde und dann gen belaubten Boden sank, atmete ich tief durch. Ich hätte es ja wissen müssen, schließlich hatte ich genau diese Situation provoziert, indem ich ihr keine Nachricht hatte zukommen lassen. Vorher, hinterher, was machte das schon für einen Unterschied, wenn man beides versäumt - nein, vermieden! - hatte?
Ihre Worte trafen mich ebenso hart wie jene, die mir Ursus um die Ohren geschlagen hatte. Und wieder war ich es, der befand, der andere habe Unrecht und keine Ahnung. Sicherlich, es war weder nett noch edel gewesen, was ich getan hatte. Aber begriff sie denn nicht, dass ich sie damit vor weitaus schlimmerem Übel bewahrte? Das einzige, was mich an ihr gegenwärtig noch anzog, war ihr Körper. Alles andere war mir zuwider. Zumindest behauptete ich das, auch mir selbst gegenüber, und das mit Erfolg.
Das Schlimmste aber war der nüchterne Tonfall, den sie mir präsentierte, und mit dem sie mir ohne weiteres das Heft aus der Hand prellte - noch dazu auf meinem eigenen Anwesen! Ich stand nur da wie ein Opfertier und stierte sie an, teilweise hasserfüllt, doch aber um eine teilnahmslose Miene bemüht. Wie konnte sie es nur wagen? Zugleich fragte eine Stimme tief in mir wispernd, wie ich es hatte wagen können. Brach ich damit nicht mit der Familie, zu der die meine nicht schon seit Generationen die Freundschaft pflegte? Schoss ich damit nicht eine Frau mit Klasse in den Wind? Eine, mit der mich obendrein noch etwas verband? Bereits vorher hatte ich diese Gedanken gehabt, mich damit auseinandergesetzt und dennoch gegen diese Bindung entschieden. Ich hatte Deandra schließlich doch noch gern, irgendwie, und ich wollte ihr kein Leben an der Seite eines Mannes zumuten, der von Zweifeln zerfressen war und mit ihrem Verhalten nicht oder nicht mehr auskam.
"Ist das alles, was du mir zu sagen hast?" fragte ich schlussendlich, innerlich mühselig beherrscht, äußerlich wieder ruhig. Mir war klar, dass es kaltherzig war, wie ich fragte. Doch wenn es ihr leichter fiel, mit Wut im Bauch und Missachtung loszulassen, nahm ich das in Kauf, ohne zu mucken. Den Regen spürte ich in der Hitze nicht einmal.
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Forschend taxierte ich Aquilius einige Herzschläge lang. Würde er sein Wort halten? Oder würde die Versuchung eines Tages wieder so groß werden, dass er nicht anders konnte, als dem Ruf zu folgen? Die trüben Gedanken schob ich beiseite, sie hatten hier nichts verloren. Auch, wenn ich insgeheim Minerva anrief, sie möge Aquilius in jenem evtuellen Moment in der Zukunft die Weitsicht schenken, die er brauchen würde, um sich nichts ins Schwert oder vom tarpeischen Felsen zu stürzen.
"Das ist eine recht gute Idee, ja", pflichtete ich, froh über den Themenwechsel, bei, als er auf die Sklaven zu sprechen kam. "Ich denke, so können wir es machen. Das Ziel indes hängt von der Dauer ab, die wir einplanen. Wir könnten an der Küste entlang in Richtung Pompeji ziehen, was meinst du?" fragte ich. "Ach, ich habe dir noch gar nicht erzählt, dass ich mich aus eigener Kraft an ein Pferd gewagt habe während meines Tribunats", erzählte ich mit leicht selbstverspottender Stimme. "Es wollte zwar in den seltensten Fällen das tun, was ich wollte, aber immerhin." Grinsend schnippte ich einige Splitter von meiner Kleidung und machte dann Anstalten, mich zu erheben.
"Komm, Caius", forderte ich ihn auf, als ich stand, und hielt ihm die Hand hin. Auf dem Boden zu sitzen, erschien mir plötzlich unangebracht. Die Stimmung war umgeschlagen, und es gab keinen Grund mehr, wie zwei Jungen zwischen den Resten eines Wutopfers zu sitzen. Stattdessen zog ich die cline vor. "Ach. Du scheinst mir der einzige zu sein, der an dir zweifelt. Und noch dazu unnötig." Ohne es zu ahnen, bestätigte ich mit den folgenden Worten Aquilius' Ängste. "Prisca ist durchaus anspruchsvoll und erhaben. Sie würde sich nicht so verhalten, wäre sie nicht beeindruckt, glaub mir." Ich winkte ab. "Ich schlage vor, du besuchst uns zu einer cena, wenn du es offiziell machen möchtest. Über die Mitgift kann man dann später noch reden, wenn sie nicht dabei ist. Ich stimme dir voll und ganz zu - sie ist keine Ware, obgleich mir doch sehr teuer doch kostbar wie eine seltene Perle."
Ich lächelte vage und neigte den Kopf. "Die besten Freunde sind diejenigen, mit denen man über dieselben Dinge schweigen kann, Caius", sagte ich leise und versicherte nochmals: "Von mir wird niemand etwas erfahren." Noch war das wahre Ausmaß und die Beteutung seines Geständnisses nicht vollends in mein Bewusstsein gesickert, weswegen ich nicht weiter darüber nachsann. Das würde später noch kommen, ganz gewiss. Ich schwieg weiters, und bedachte den zerschlagenen Holztisch mit einem weiteren, langen Blick, ohne ihn jedoch wirklich zu sehen. Meine Gedanken weilten fern der Gegenwart, in der Vergangenheit. Bei einer gemeinsamen Reise, die schon lange zurücklag und doch einiges an Überraschungen und auch an Verführungen parat gehalten hatte - und das Harmloseste daran war der Wein gewesen, den auch damals schon Aquilius gestellt hatte. "Das hast du dir so gedacht", erwiderte ich gedankenverloren und riss hernach erst den Blick los, ebenso wie die Gedanken, um Aquilius anzugrinsen. "Aber um beim Thema zu bleiben... Wann würde es dir passen? Legen wir doch gleich einen Termin fest, ehe du einen Rückzieher machst..." stichelte ich.
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Ihre Worte ließen mich schmunzeln. Kurz wallte in mir das Bild eines weißgewandeten gladius auf, das da sagte "ubi tu Gaia, ego gladius". Ich schüttelte den Kopf und das Bild zerplatzte wie eine Seifenblase - was auch gut so war. Das war doch etwas zu albern, dachte ich insgeheim. Wie viel Wein war das gewesen? Der kräftige Rote mit meinem Patron, der milde Rote mit Durus, der Falerner mit den Flaviern...mit wem hatte ich den mulsum getrunken? Und wer war eigentlich der braunhaarige Kerl gewesen, der mir nachträglich zur Wahl gratuliert hatte? Kritisch runzelte ich die Stirn - es wollte mir nicht mehr einfallen. Am Ende kannte ich den Schmarotzer nicht einmal!
Ich wurde mir Cadhlas Anwesenheit am Rande meines Gesichtsfeldes wieder bewusst, als sie den Kopf schüttelte und versicherte, Helena noch nicht gesehen zu haben. Es blieb also eine fünfzigprozentige Möglichkeit, dass sie nicht im Hause weilte. Das war gar nicht mal so schlecht, eigentlich. Pech nur, wenn ich die schlechten fünfzig Prozent erwischte. Je länger ich wartete, desto später würde es werden, und desto mehr wuchs die Zahl auf der schlechten Seite. Also ging ich besser jetzt als gleich. Aber ehe ich aufstehen und auf die Tür zuschwanken konnte, ermahnte mich Cadhla. Einerseits über ihre unbeholfenen Worte belustigt, andererseits ob der versteckten Weisung die Stirn runzelnd, blieb ich also an Ort und Stelle sitzen, was wohl - zugegeben - auch besser war. Als sie das Malheur erwähnte, erwischte ich einen verlegen wirkenden Zug dabei, wie er sich auf mein Gesicht stehlen wollte, und natürlich untersagte ich ihm das sofort. Was ihn allerdings nicht daran hinderte, von der linken Gesichtshälfte zu weichen, die er bereits in Beschlag genommen hatte. "Ah... Hmm?" machte ich teilst unwillig, teils verwundert. "Ich habe....? Hmm... Hast du das weg gemacht? Ich meine...aufgewischt?" lenkte ich vom Thema "Helena" ab.
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> Die Opfer <
Auch wenn das epulum nicht einmal halb so gut besucht war, wie ich mir das vorgestellt hatte, so zogen die septemviri doch das Programm durch, ohne mit den Wimpern zu zucken. Schließlich half alles Warten nichts - mehr Römer würden wohl nicht auf den Vorplatz des Capitols finden, was mir unverständlich war und wie ein Unding erschien.
Mir war die Opferund der Iuno-Kuh zugedacht. Den Ochsen des Iuppiter übernahm Opimius Naso selbst, und auf der anderen Seite stand Aemilius Atimetus bereit, der Minerva zu opfern. Der magister nickte Vitellius Rufio zu, und dieser stampfte mit seinem Stab dreimal laut auf den Boten. "favete linguis!" spie er der Menge regelrecht entgegen. Vermutlich, dachte ich, war er froh darüber, hier einmal Klotzen zu dürfen. Jeder wusste nämlich, dass Vitellius zu Hause unter dem Pantoffel seiner Frau stand. In einer uneinsehbaren Ecke des Tempels wurden sodann nacheinander die Tauben befreit, die ihr bisheriges Dasein hinter hölzernen Stangen gefristet hatten. Die Menge sah also das göttliche Zeichen der Aufmerksamkeit in Gestalt einer roten Taube, die über dem Capitol dahinzog und der eine weiße folgte. Dies war das Zeichen. Opimius Naso hob die Stimme und übertönte das Flötenspiel. "Oh göttlicher Iuppiter, nimm diesen Ochsen, gegeben, dich zu ehren!" "Göttliche Iuno, diese Kuh sei dein, dir zu Ehren!" folgte ich. Und kurz darauf Erklang die Stimme des Aemiliers: "Allwissende Minerva, nimm diese Kuh zu deinen Ehren!"
Zeitgleich reichten die parat stehenden ministri uns die Schüsselchen mit mola salsa. Die Weinamphoren behielten sie noch in den Händen. Während den Opfertieren der Schmuck abgenommen wurde, griffen wir nach dem breiten Borstenpinsel. Dann wurden die breiten Schädel mit mola salsa bestrichen. Nun reichte man den Wein an, welcher den Rindern über die Köpfe gegossen wurden. Gelegentliche Seitenblicke zum magister hin gewährleisteten einen synchronen Ablauf des Opferrituals. Der Ochse muhte unwillig, blieb jedoch ansonsten ruhig und gelassen. "Meine" Kuh schlug träge mit dem Schwanz nach ein paar Fliegen und prustete den Wein aus ihren Nüstern. Was Atimetus' Tier tat, konnte ich von hier aus nicht sehen.
Nun folgte, was schon lange eingeübt war - das eigentliche Opfer. Ein Opferhelfer reichte mir das mit Elfenbeinintarsien verzierte Opfermesser. Ich trat vor, zog dem Tier die dordula vom Rücken und strich der Kuh mit dem Messer über den Rücken. Anschließend reichte ich Messer und Decke einem weiteren Helfer. Ein sacerdos, bewaffnet mit einem Hammer, trat vor, dicht gefolgt von einem Priester, in dessen Händen sich eine Axt befand. "agone?" erklang es von allen drei Altären, und hierauf folgten sogleich die Antworten wie aus einem Munde. Einzig Atimetus hinkte etwas hinterher. "age." "age!" .... .... .... "age!"
Drei Hmmer fuhren hinunter, beinahe zeitgleich ertönte dumpfes Knirschen. Der Ochse in der Mitte machte einen Ausfallschritt, um nicht sogleich zu stürzen, doch spätestens, als die Axtblätter der Priester die RInderhälse aufschnitten, war es ohnehin zu spät. Die Kuh der Minerva ging zuerst zu Boden, ich hörte ihren dumpfen Aufprall, begleitet von einem nassen Geräusch. Auch der Ochse und "meine" Kuh brachen nicht lange danach in die Knie. Die Zunge hing dem Tier der Iuno aus dem aufgeschlitzten Halse, Blut füllte die Rillen und Riefen des Pflasters. Kaum lagen die massigen Tiere und kaum war das Zucken der Gliedmaßen ebenso verloschen wie das Leben in den glasigen Augen, erhoben sich erneut eine rote und eine weiße Taube und flogen hoch über den Köpfen der Menschen hinweg, die dem Ritus beiwohnten. Ein Blick zu einem der sacerdotes genügte, damit dieser vortrat und den Bauch des gewaltigen Tieres aufschlitzte. Mit blutigen Händen legte er jedes der Eingeweide in je eine bereitgehaltene patera. Nacheinander reihten sich die Innereien in Schalen auf dem Opfertisch aneinander. Was nun kam, folgte einem bereits festgelegtem Plan. Kritisch galt es, die Eingeweide zu betrachten, obwohl die litatio - wie bei jedem öffentlichen Fest dieser Größe - bereits feststand.
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Während sich eisiges Schweigen ausbreitete, arbeitete mein Verstand auf Hochtouren. Nicht nur, dass ich bereits jetzt fieberhaft nach geschickten Worten der Erklärung meinerselbst fahndete - was mich zudem ärgerte, da ich eigentlich nicht fand, Rechenschaft ablegen zu müssen - ich merkte auch, wie unwohl ich mich zugleich fühlte, weil mein Denken meinem Empfinden entgegen stand. Sie hatte nicht verdient, dass ich sie abweisend und kalt abfertigte. Hatte ich nicht erst gestern gegenüber Aquilius behauptet, sie sei in gewisser Weise immer noch meine Schwester?
Ihr selbst schien es dabei auch nicht gerade gut zu gehen. Immerhin sah sie mich kaum an, sondern begnügte sich damit, Löcher in die Luft zu schauen oder den Wolken bei ihren trägen Bewegungen über den Himmel zu folgen. Ihr einziger Kommentar führte mir erneut vor Augen, wie wichtig es war, dass sie endlich erfuhr, was ich hinter ihrem Rücken beschlossen und bereits durchgeführt hatte. Ich löste eine Hand aus der Verschränkung vor der Burst und deutete den sich schlängelnden Gartenweg entlang, der sich nicht weit entfernt hinter einer Zitterpappel verlor. Im Frühjahr wurden die Kätzchen zu hunderten von den grünbelaubten Zweigen hängen, doch jetzt verlor der Baum allmählich seine rundlichen Blätter. "Gehen wir ein Stück", befahl ich mehr als ich vorschlug, und setzte mich auch sogleich in Bewegung. Als wir den Baum passierten, hatte ich immer noch nichts weiter gesagt. Mein Blick fiel auf die verletzte Rinde des Stammes, der breite Kerben aufwies. Da der Saft der Pappel fiebersenkend und schmerzstillend war, wurde der Baum oft malträtiert. Einzig aus diesem nützlichen Grund hatte ich noch nicht entschieden, dass der Baum einem weiteren Exoten weichen sollte. Ich räusperte mich und fasste mit einer Hand auf dem Rücken um das Handgelenk der anderen Hand.
"Du kommst spät, Deandra. Ich habe dir Zeit gegeben, dir angemessene Worte zurechtzulegen, sogar mehr Zeit als ich ursprünglich wollte. Aber du kamst nicht", begann ich und schritt beständig weiter. Ich sprach mehr zu dem Kies zu meinen Füßen als zu der neben mir schreitenden Dame. Dennoch gab ich mir alle Mühe, nicht erzürnt oder kaltherzig zu wirken, was angesichts der Situation jedoch nicht sonderlich gut zu bewerkstelligen war. "Und nun gibt es keinen Grund mehr für dich, hier zu sein. Ich bin nur mehr dein vormaliger Bruder, nichts weiter. Ich weiß nicht einmal, ob ich das noch bin und nicht noch weniger. Selbst Geschwister stützen einander, wenn sie Kummer haben." Ob sie verstand, was ich damit sagen wollte? Unter dem Dach einer hier heimischen Erle blieb ich stehen. Unsere Füße umgab ein Teppich aus Blattwerk und tausenden Erlenzäpfchen. Ich wandte mich Deandra zu. "Ich habe die Verlobung gelöst", sagte ich, als ein kurzer Windstoß ihre palla bauschte.
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Aha.... Hm... Sehr aufschlussreich war das nicht. Ihr fehlte der Hintergrund, soviel war klar. Wohl deswegen konnte sie mir nichts raten oder zumindest mit mir darüber sprechen. Im Grunde genommen war es aber auch egal, wie ein Barbarenvolk mit Inzest umging. Im Endeffekt waren meine Fragen wohl auch nur Mittel zum Zweck gewesen - Zeitschindung. Ganz klar war mir das allerdings nicht. Überhaupt war mir alles andere als klar. Beinahe wehmütig sah ich dem Brot hinterher, das sie mir wegnahm. Ich schwieg. Und beobachtete sie dabei, wie sie mit spitzen Fingern Krumen vom Laken sammelte. Diese Bewegung hatte etwas Faszinierendes an sich, und das Beste daran war: Ich musste nicht denken. Es reichte schon, wenn ich zusah und nicht dachte. EIn tiefer Seufzer kam über meine Lippen, und ich riss mich schließlich los und legte den Kopf in den Nacken. Eine Weile später erst antwortete ich. "Bei mir wirst du auch nicht erleben, dass ich jemanden zur Heirat zwinge", murmelte ich nachdenklich. Helenas Antlitz rutschte wieder in mein Bewusstsein. "Ah. Hm. Ein Mann von Ehre würde bei euch also Sippschaft und die Blutsbande im Hinterkopf behalten", wiederholte ich träge. Das war bei den Römern nicht anders, und doch kam mir die wahnwitzige Idee in den Schädel, dass ich keinen Erben zeugen würde mit Helena, immerhin gab es genug Mittel, um ein Kind der Stelle unter dem Herzen wieder zu entreißen.
"Was für ein Blödsinn", sagte ich zu mir, was für Cadhla gänzlich zusammenhanglos erscheinen musste, und schüttelte den Kopf. Augenblicklich bereute ich das. "Nie wieder trinke ich so viel", sagte ich zu Cadhla und seufzte. "Mmh... Du weißt nicht zufällig, wo Helena sich gerade aufhält oder wie es ihr geht?" fragte ich sie prüfend und gab etwas zu sehr den Anschein, dass mich die Antwort eigentlich gar nicht interessierte. Vielleicht hatte ich Glück und sie war gar nicht zu Hause. Die Ohren gespitzt und die Augen im mir größtmöglichen Desinteresse auf den Becher gerichtet, aus dem ich nun trank, harrte ich ihrer Antwort.
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Marginal hob ich einen Mundwinkel an. Ich wusste, wovon er sprach. Mir ging es schließlich oft genug so, wie er beschrieb. "Vielleicht", schlug ich daher vor, "sollten wir unsere Landpartie von vor Jahren wiederholen. Damals hat sie uns beiden gut getan, warum sollte ein solches Unterfangen nicht nochmals gut tun?" Ich hob eine Schulter und sah ihn fragend an. Natürlich wusste ich um die Brisanz dieses Vorschlags, der mich darum nicht weniger reizte. Vielleicht machte ich ihn auch gerade weil er heikel war?
Brennend hätte mich indes interessiert, wer dieser ominöse Lebensretter war, und ich konnte zudem nicht umhin, mich geringfügig schuldig zu fühlen, weil ich damals nicht da gewesen war, um ihn vor der dieser dummen Torheit zu bewahren. Der tarpeische Felsen... Vielen Leben hatte ein Sturz schon ein Ende bereitet, doch traf es nicht meistens andere? Niemals einen selbst oder Personen, die man schätzte und liebte? Und wenn das dann doch einmal der Fall war, fühlte man sich ungerecht behandelt. Ich zog eine kurze Grimasse, verlor jedoch den wichtigsten Punkt nicht aus den Augen. "Versprich es mir, Caius", forderte ich erneut, geschickt verpackt in einen Tonfall nicht nur echt wirkender, sondern wirklich echter Besorgnis. Wem sollte ich sonst mein Leid klagen, wenn nicht ihm? Wem konnte ich sonst so vertrauen wie ihm? Gewiss, ich hatte viele Kleinten, eine Menge Bekannte und eine Hand voll Freunde, aber einen wirklich engsten Freund hatte ich nur einen, und das war er. Ohne zu zögern hätte ich ihm meine Seele anvertraut, weil ich wusste, dass er mich nicht enttäuschen würde. Doch...war da nicht ein winziger Keim des Zweifels, seit seiner Anschuldigung vorhin? Verächtlich wischte ich den Gedanken fort.
"Nur Respekt und ein angenehmes Leben? Caius, es gibt niemanden, dem ich Prisca lieber anvertrauen täte, als dir. Respekt, etwas Zuneigung und kleine Freiheiten sind schon mehr als sie sich wüschen kann. Tiberius Durus zeigt Interesse an Helena. Ich kenne ihn bei weitem nicht so gut wie dich, doch glaube ich, dass Prisca bei dir um Längen glücklicher sein wird als bei ihm. Und was würde sie erwarten, wenn ich sie jemand gänzlich Fremden verspräche? Schlimmstenfalls Missmut und tumbe Depression. Meine Entscheidung hinsichtlich deiner Absicht ist gefallen, also bemühe dich nicht weiter, sie negativ zu beeinflussen, mein Freund, das wird dir nicht gelingen. Mit Prisca selbst habe ich noch nicht darüber geredet, doch denke ich nicht, dass sie abgeneigt ist. Sie schwirrt im Haus umher wie von Bienen gestochen." Ich schmunzelte. "Ich erwarte von dir gar nicht, dass du sie aus tiefstem Herzen liebst, Caius. Was ich allerdings erwarte, ist dass du meine Lieblingsnichte angemessen behandelst. Ich gehe davon aus, dass du dir dessen bewusst bist. Wäre es anders, hätte ich dir meine Zustimmung gerade nicht versichert." Nun zierte ein breites Grinsen mein Gesicht.
Es hielt allerdings nicht sonderlich lange, denn nun schnitten wir erneut ein Thema an, das mir nicht behagte. "Nein, war sie nicht. Dennoch ist sie ein Stolperstein von nicht geringer Größe. Es war auch keine Liebe, die ich geopfert habe, Caius, denn die habe ich mir nur eingeredet, das wird mir immer klarer." Ich seufzte und schüttelte den Kopf. "Und ich war ziemlich erfolgreich damit. Mir graust es vor dem Moment, in dem ich ihr sagen muss, dass ich die Verlobung gelöst habe. Trotz allem, was geschehen ist, habe ich sie noch sehr gern. In gewisser Weise wird sie immer meine Schwester bleiben, weißt du? Auch wenn ich sie nicht mehr an meiner Seite sehen möchte." Seine Hand tat gut, sie spendete zugleich Kraft, Trost und Zuversicht. Gelassen sah ich zu Aquilius und schmunzelte verhalten. "Siehst du, du bist der erste, dem ich überhaupt davon erzähle. Das ist der Grund, aus dem du nicht noch einmal so eine Dummheit in Erwägung ziehen solltest, wie jene, in die der tarpeische Felsen involviert war...." Ich grinste nun vollends. "Wir sind schon zwei, Caius. Ich denke, eine wiederholte Landpartie würde einiges an Spaß mit sich bringen - wo wir doch zwischen Holzsplittern sitzend uns schon so fröhlich die Herzen ausschütten. Fehlt nur noch eine Amphore Falerner."
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Fast wäre ich wieder eingeschlafen - und das, obwohl ich nicht einmal müde war...wie auch, nach fast 12 Stunden Schlaf? - als ich das gebrochene Latein Cadhlas vernahm, die mitten im Raum stand. Wie war sie hierher gekommen? Das Klopfen hatte ich nicht gehört. Aber eigentlich war es auch egal. Langsam richtete ich mich auf, denn meine kleine Welt schwankte immer noch etwas, was sicherlich auch daran lag, dass mein Magen rebellierte, selbst wo doch gähnende Leere in ihm herrschte. Mein Blick fiel auf das Tablett, welches sie trug. Als ich des Essens angesichtig wurde, nahm der Grünton im aschfahlen Gesicht um eine Nuance zu. Mit einem Ausdruck, der Ekel recht nahe kam, betrachtete ich das Obst, als Cadhla das Tablett hinstellte. Ich ließ einen Moment verstreichen, ehe ich Cadhla antwortete. "Jaah..." sagte ich langgezogen und deutete auf den Krug Wasser, denn ich merkte erst jetzt, wie durstig ich war. Allmählich sickerten die am Vorabend gesprochenen Worte in mein Gedächtnis zurück. Das blamable Theaterstück. Helenas Geständnis. Die cena. Helena...
"Setz dich zu mir", forderte ich sie schließlich auf und deutete neben mich. Mit dem Wasserbecher in der Hand seufzte ich laut. "Du hast gut gespielt, gestern", begann ich. "Macht dir Theaterspielen Spaß?" Ich hörte mein eigenes Desinteresse selbst aus den Worten heraus. Was war ich doch für ein schlechter Lügner. Den Becher zur Hälfte geleert, brach ich ein Stück aus dem teigigen Fladen, um etwas mit den Händen zu tun zu haben. Allmählich zerkrümelte ich das Brot. "Wie ist das in deinem Volk, Cadhla? Wenn eine Frau einen Mann liebt, den sie nicht haben darf. Weil er schon jemanden hat....oder entfernt verwandt ist? Oder wenn er sie einfach nicht will?" Das dumpfe Pochen hinter meiner Stirn nahm stetig zu, ebenso wie die Krümel.
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"Flavius Aquilius", antwortete ich schmunzelnd. "Er zeigt Interesse an meiner Nichte, und ich bin durchaus geneigt, der Verbindung zuzustimmen. Die Flavia an sich ist schon eine gute Wahl, und dass mich eine Freundschaft mit ihm verbindet, festigt meine Neigung noch weiter. Zudem scheint meine Nichte recht angetan." Ich hielt einen Moment inne und grinste verhalten. "Jetzt muss ich bloß noch offiziell davon in Kenntnis gesetzt werden."
"Aquilius wird in diesem Jahr übrigens ebenfalls zum vigintivir kandidieren", fügte ich an. Vermutlich aber war ser Senator darüber ohnehin bereits in Kenntnis gesetzt worden, sodass ich nichts Neues erzählte. Hungaricus' letzte Worte indes ließen ein Lächeln auf meine Züge treten. Die ersten erfreuten mich ebenfalls, doch entschied ich, sie unter den nicht vorhandenen Teppich zu kehren. "Das freut mich, Senator, und ich danke dir für dein Vertrauen", sagte ich. "Es mag vielleicht zu den Selbstverständlichkeiten gehören, doch schadet es gewiss nicht, dies nochmals ausdrücklich zu statieren: Falls ich dir oder den Deinen je in irgendeiner Weise behilflich sein kann, lasse es mich wissen, Patron." Da hatte ich nun also einen consularischen Patron. Einige meiner Familienmitglieder hätten mich ob dieser Entscheidung gewiss lynchen wollen, würden sie in Rom oder generell noch unter den Lebenden weilen. Aber ich hatte meine Entscheidung getroffen.
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= Die nackte Wahrheit
Es war später Nachmittag, als ich mich schlussendlich aus dem Bett quälte. Mein Kopf dröhnte trotz der guten Qualität des Weines vom Vorabend. Feuchtfröhlich waren die Meditrinalia zu Ende gegangen. Wann, wusste ich nicht mehr. Und wo auch nicht. Und schon gar nicht, wie ich hierher gekommen war. Kurz vor Mittag nämlich war ich in meinem Zimmer aufgewacht, hatte mich übergeben und dann selig weitergeschlummert. Bona Dea, dieses Exzess-Saufen war nichts für mich, definitiv. Wie hielten das nur diejenigen aus, die mehrmals die Woche zu Gastmählern und Orgien geladen waren? Käsig und schwindelnd setzte ich mich auf. Irgendwer hatte die Fenster weit geöffnet und das Erbrochene fortgeräumt. Vermutlich der gleiche Jemand hatte mich meiner toga entledigt. Mit einer an der Schläfe pochenden Ader sah ich mich im Raum um. Herrje, war das hell hier drinnen! Ich zog eine Grimasse und stand dann auf, um die Vorhänge zuzuziehen. Das heißt, ich wollte es, aber als ich stand, schwankte ich schwächlich wie eine kleine Jolle bei rauher See. Miesepetrig setzte ich mich wieder. Dann kam mir ein Einfall.
"He", brüllte ich und bereute den lauten Ruf im gleichen Moment. Als der Schmerz hinter der Stirn allmählich wieder gemächliche Gedanken zuließ, bemerkte ich Sofia, die den Kopf zur Tür hereingesteckt hatte. "Oh, dominus, du bist wach, das ist ja prima. Möchtest du etwas trinken oder essen oder soll ich-" plapperte sie in ihrer nervtötenden Art und Weise. Zumindest, bis ich sie unterbrach, indem ich entnervt ein einziges Wort knurrte und gleichzeitig mit der Hand wedelte. "Cadhla." Sofia blinzelte, gehorchte aber wortlos. Ich ließ mich, auf dem Bett sitzend, zur Seite kippen wie ein gefällter Baumstamm.
Anderenorts
Sofia hastete um die nächste Ecke und prallte dabei fast mit Alexandros zusammen, der sich tierisch erschreckte. "Ach Gottchen, hast du mich erschreckt!" "Entschuldige, Drossi, war keine Absicht. Der Herr ist von den Toten auferstanden und will Cadhla sehen. Weißt du, wo sie steckt?" "Hm, Momentchen... Mal überlegen. Vorhin hat sie Niki geholfen. Vielleicht versuchst du es mal in der culina? Sonst hab ich keine Ahnung." "Na gut. Danke! ....übrigens, was hast du da an?" "Das? Ach schau, du bist die erste, der es auffällt! Ich hab's selbst genäht, aus Stoffresten von Sisennas neuer tunica... Gefällt's dir?" "Uh...äh...öh....hm. Najaaa..." machte Sofia und beäugte das äußerst maskulin wirkende, roséfarbene Kleidungsstück mit ungeschickter, fliederfarbener Stickerei. "Weißt du...ich muss los. Er hat eh schon schlechte Laune..." rettete sie sich und huschte davon. Zurück blieb ein enttäuschter Alexandros."Cadhla! Da bist du ja!" rief Sofia schließlich, als sie die Angesprochene gefunden hatte. "Der dominus ist wach und wünscht dich zu sehen. Am besten nimmst du einen Krug Wasser mit und eine leichte Mahlzeit. Er hat zwar nichts gesagt, aber 'gut' sieht anders aus", teilte sie der Mitsklavin mit und grinste breit.
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Mit ihrer ebenso schlichten wie ausweichenden Antwort gab ich mich zufrieden. Nicht immer war ich so einfach zufriedenzustellen, doch sie war neu, ich war endlich wieder daheim, nun sauber und schrecklich müde. Was mich allerdings nicht daran hinderte, Cadhla dabei zu beobachten, wie sie regelrecht aus dem Becken hastete und nach ihrem Tuch angelte. Ein breites Grinsen zierte für ein paar Herzschläge mein Gesicht. Wenn ich berechnend war, würde ich ihr nun auftragen, mich einzusalben und anschließend anzukleiden. Kurz spielte ich auch mit Gedanken, sie dahingehend zu martern, doch der Ausdruck auf ihrem sonnenverbrannten Gesicht stimmte mich gnädig.
"Gut. Du kannst gehen. Cadhla. Aber schicke mir noch Saba oder Dina. Wen immer du zuerst findest", trug ich ihr abschließend auf. Mir drängte sich die Frage ins Gedächtnis, wie viele Sklaven Cotta wohl während meiner Abwesenheit gekauft haben mochte und welche Fertigkeiten jene wohl besaßen. Das würde ich später herausfinden. Es blieb zu hoffen, dass sich unter ihnen einer befand, der einen grünen Daumen besaß. Gemächlich ließ ich mich auf dem Schemel nieder und lehnte Rücken und Kopf an die mit einer naumachia und Untieren des Neptun bemalte Wand. Ein schadenfrohes Grinsen umspielte mein Gesicht. Mit Cadhla würde ich noch Spaß haben, dachte ich mir.
Wie lange ich letztendlich gewartet hatte, war mir nicht bewusst. Ich hob ruckartig den Kopf, als die Tür sich erneut öffnete. Musste eingenickt sein. Dementsprechend zügig wollte ich endlich mit dem Kopf auf weiche Kissen sinken und mich in Morpheus' Reich begeben, und dementsprechend wies ich auch die Sklavin an, sich möglichst zu beeilen. Eine gute halbe Stunde nach Cadhla verließ auch ich das balneum, sauber, erschöpft, wohlriechend und mit glänzendem rechten Arm.
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"Es hätte schwerlich eine Änderung gebracht, da magst du recht haben, doch vielleicht hätte dir das Bewusstsein geholfen, nicht ganz allein dastehen zu müssen", erwiderte ich, tat aber gleich darauf meine Worte mit einem Schulternzucken ab. "Manchmal tut es einfach nur gut, jemandem zu erzählen, was einen gepackt hält und nicht loslässt." Mir ging es schließlich genauso, wie ich just in jenem Moment erkannte. Es tat gut, eine Bürde mit jemandem teilen zu können, dem man vertraute. Während Aquilius die Sklavin verwies, hing ich meinen eigenen Gedanken nach und betrachtete die sich im sanften Windspiel wiegenden Blätter der nahen Weide.
"Mich musst du nicht bitten, den Mund zu halten, Caius. Ich weiß, was auf dem Spiel steht. Aber deine Sklavin solltest du im Auge behalten. Wer weiß, wie viel sie wirklich gehört hat. Selbst Gerüchte kannst du gerade jetzt am allerwenigsten gebrauchen", gab ich zu bedenken, doch etwas enttäuscht darüber, dass er mich auf seinen Wunsch hinwies, sein Geheimnis zu verwahren - wie ich es ohnehin getan hätte. Nur ein kleiner Teil von mir, jener, dem die Ausmaße der Informationen erst langsam bewusst wurden, reagierte neiderfüllt und grollend. Doch ich wusste ihn zurückzudrängen, zumindest für den Moment. Ein Seufzen kam über meine Lippen und ich sah Aquilius schräg von der Seite her an. "Vom tarpeischen Felsen? Bona Dea, Caius!" tadelte ich vorwurfsvoll. "Manchmal scheinst du auf Gedanken zu kommen, die ich nicht einmal einem Octavier zutrauen würde." Meine Stimme troff vor Ironie, sie wurde begleitet von einem Kopfschütteln. Ob es mir gelang, die Situation zu lockern? Wohl kaum. Ich war noch nie sonderlich begabt darin gewesen, prekäre Situationen mit Humor zu neutralisieren. Meine Rechte fand den Weg auf Aquilius' Schulter. "Versprich mir nur eines, Caius: Wirf dein Leben nicht weg." Dass dieser Satz nicht nur dahergesagt war, sondern ich tatsächlich auf eine bestätigende Antwort wartete, verriet ein intensiver Blick.
"Die Claudia ist in der Tat eine alte gens, und was mein Entschluss für Auswirkungen haben mag, schlägt mir selbst unangenehm auf. Tja, warum also? Ich kann sie seit dem Tod meiner Eltern nicht mehr ansehen, ohne Groll in mir. Unser Verhältnis war dabei schon immer etwas besonders, da sie als meine Schwester aufgewachsen ist, es aber im Grunde nicht war. Ich weiß nicht, es klingt verrückt, aber wir haben uns unterschiedlich entwickelt. Ständig geht sie mir mit ihren Gefühlen auf die Nerven..." Ich merkte, wie ich nach ernstzunehmenden Punkten suchte, die erklärten, dass sie mich verletzt hatte, und zuckte mit den Schultern. "Ich könnte sie nicht bis ans Ende meiner Tage an meiner Seite ertragen, Caius. Es ist einfach so. Hinzu kommt, dass diese Verbindung mir im Weg steht. Kaum jemand weiß, dass Deandra nur in die Aurelia adoptiert wurde. Für die meisten ist sie meine Blutsverwandte - womit wir wieder beim Thema wären." Die Inzest. Erneut hob ich die Schultern. "Nun ja. Ich habe mich entschieden und das Verlöbnis bereits gelöst. Mach dir keine Gedanken, mein Freund, mir geht es gut dabei." Ein halbherziges Lächeln bestätigte dies nur vage. Vermutlich würde ich nie wieder eine Frau finden, die mich zugleich faszinierte und für eine Heirat in Frage kam. Abgesehen von der claudischen Schönheit namens Callista. Ich schmunzelte.
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Zitat
Original von Secundus Flavius Felix
Aber Produktionspunkte werden schon noch vergeben, oder?
/edit:
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Als die Sklavin sprach, stellte ich überrascht fest, dass es keine Sklavin war, die da sprach. Diese Stimme erkannte ich sogleich wieder - Deandra. Was zum Henker wollte sie denn hier? Jetzt, nach all den Wochen, die sie hatte verstreichen lassen nach ihrer Flucht und meinem Besuch in Ostia? Mein Blick war starr auf den Baum gerichtet, die Kiefer mahlten marginal. Ich gab mir Mühe, sowohl unberührt als auch gleichgültig zu wirken. "Dann, scheint mir, hast du dir noch nie die Zeit genommen, eine salix genauer zu betrachten, Deandra. Diese Blätter hier ähneln nämlich Weidenblättern", entgegnete ich gefasst und tonlos.
Einen Moment blieb ich noch stehen, die Arme nun vor der Brust verschränkt, dann wandte ich mich um und betrachtete mein Gegenüber so kühl wie es mir möglich war. Die Temperatur im Garten schien mir um einige Grad gefallen zu sein. Mir saßder gleiche Kloß im Halse, der sich schon bei meinem Besuch im Register dort eingenistet hatte. Dennoch ignorierte ich dies alles - mit Erfolg - und wandte mich stattdessen der auf der Hand liegenden Frage zu. "Was führt dich her?" Mir fiel ein, dass ich Deandra noch nicht in Kenntnis gesetzt hatte über meinen Entschluss, die geplante Verbindung austragen zu lassen. Das schlechte Gewissen meldete sich, und es bohrte noch mehr, als ich an das ausstehende Gespräch mit Menecrates dachte. Nur kurz verzog ich die Miene. Ein Zaunkönig stieß sich wippend von einem Ast und segelte in den hinteren Teil des Gartens.
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= Suche nach Ausflüchten
Bekleidet mit einem wärmenden Umhang in dunklem Blau stand ich neben einer Neuerwerbung, einer mangifera indica. Noch war das Bäumchen nicht einmal so groß wie ich selbst, doch der africanische Händler hatte mir versichert, dass es schnell wachsen und auch in römischem Klima gedeihen würde. Sorgfältig zupfte ich zwei bräunliche Blätter ab und ließ sie achtlos fallen, als entfernt der Kies knirschte. Ich machte mir keine große Mühe, überhaupt aufzuschauen. Sicher war es Tilla oder Cadhla, der ich etwas zu dem Bäumchen erläutern wollte, was ie Pflege betraf. Dass es jemand anderer sein könnte, auf den Gedanken kam ich nicht.
Ich wartete, bis die Schritte verhielten. Sanft strich ich über eines der lanzettähnlichen, dunkelgrünen Blätter, unter denen der Baum dereinst seine Früchte tragen würde. "Er darf diese Woche noch nicht gegossen werden und in den Wochen darauf nur spärlich, sonst vergeht er", wies ich ruhig die Person an, die nun nahe hinter mir stand. "Wenn er den Winter übersteht, wird er Früchte tragen, auch wenn unser Klima nicht jenem der südlich gelegenen Regionen Ägyptens entspricht", fuhr ich fort, im Glauben, mit einer serva zu sprechen.
Sim-Off: reserviert

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[Blockierte Grafik: http://img70.imageshack.us/img70/2005/sklave9vv4.jpg] | Brix
Während sie auf das servitriciuum zusteuerten, schwappten Fragen über Fragen aus Tilla heraus, und Brix hatte seine liebe Mühe damit, alles ordentlich und vor allem vor der nächsten Frage zu beantworten. "Äääh", machte er verwirrt und verstand meistens nur die Hälfte von dem, was sie gebärdete.
"Ja,sie ist gerade angekommen. Genauer gesagt habe ich sie eben abgeholt. Matho hat sie eingekauft und zurücklegen lassen." Brix schmunzelte. "Seife und so findest du ja im balneum servorum. Nur bei der frischen tunica gibt es wohl ein Problemchen. Eigentlich wollte ich dich bitten, ihr eine zu leihen, bis sie eigene Kleidung hat, aber sie ist ein gutes Stück größer als du, also wird daraus wohl nichts. Vielleicht kannst du Cadhla aufgabeln und sie bitten, Siv eine zu leihen? Ich werde mich inzwischen mal mit Matho unterhalten, damit ihr später auf den Markt gehen und was Passendes kaufen könnt", versprach er und bog um eine Säule herum. "Jepp. Ist sie. Und ja - nur Siv. Das bedeutet 'Braut des Thor'. Weißt du, wer Thor ist? Er ist der Wettergott meines Volkes. Sehr mächtig. Viel mächtiger als dieser Jupiter", erklärte er verschwörerisch und schob alsdann die Tür auf.
Der Germane grinste Siv an und schob Tilla dann hinter seinem Rücken hervor. Irgendwie war sie ja doch niedlich, die Kleine. "Tilla wird dir alles zeigen. Das wird vermutlich anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftig für dich sein, Siv, denn sie kann nicht sprechen. Sie redet mit ihren Händen." Brix lächelte die beiden Mädels an. "Ich lasse euch dann mal allein und suche nach Matho. Macht mir keine Schande. Wir sehen uns später sauberer wieder", sagte er zu Siv und verließ grinsend den Raum.
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Wenn mich diese Empfehlung überraschte, zeigte ich es ebensowenig wie Callidus zeigte, was ihn in jenem Moment bewegte. Ich neigte lediglich kurz den Kopf und schmunzelte anschließend. "Dann hoffe ich, dass ich dir helfen konnte, magister", erwiderte ich. "Wenn du gestattest, würde ich den Zeitpunkt gern nutzen, um meinerseits ebenfalls etwas anzusprechen, weswegen ich dich in Kürze ohnehin aufgesucht hätte. Es geht um einen meiner Klienten und betrifft ebenfalls eine Standeserhebung", sagte ich und wartete ob, es Callidus genehm sein würde, wenn ich seine Anwesenheit gleich nutzte. Es wäre allerdings auch kein Beinbruch, sollte ihm lieber sein, dass ich ihn nochmals aufsuchen würde.