Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Das Latein schien ihr doch größere Probleme zu bereiten, als ich angenommen hatte. Hingegen der Wein ihr zu schmecken schien, wie ich schmunzelnd feststellte. Fehlende Lateinkenntnisse waren bei einem Großteil aller Sklaven an der Tagesordnung, bedachte man die Umstände, unter welchen sie in römischen Besitz gelangten. Die wenigsten, vormals freien Völker hatten je mit Latein sprechenden Menschen zu tun gehabt. Viele meiner Landsmänner zeigten keinerlei Toleranz in Bezug auf diesen Umstand. Doch ich befand, dass es für das Verhältnis besser war, wenn man zumindest ein wenig Verständnis aufbringen konnte. Bei Cadhla klappte es schließlich auch recht gut, jemand hatte mir erzählt, dass sie freiwillig Schreiben lernte.


    Während ich noch darüber nachsann, was Siv mir eben hatte erzählen wollen - die vielen zwischengeworfenen, germanischen Worte hatten das Verstehen nicht unbedingt einfacher gemacht - erhob sich die Germanin und streifte ihre tunica ebenfalls ab. Ohne Schamgefühl schien sie das Kleidungsstück zu falten und warf es ebenfalls über den Sessel. Auf der hellen Haut waren dunklere Stellen erkennbar im diffusen Licht der Öllampe. Es mussten Striemen und Schrammen sein, vielleich blaue Flecke vom Transport hierher nach Rom oder durch die grobe Behandlung des Händlers und seiner Schergen. Mein Blick erfasste ruhig und eher bedächtig als in Erregung ihren Körper, ich verglich und beurteilte im Unterbewusstsein. Dann näherte sie sich, und ich schwieg noch immer. Ihr Versprecher war auf eine amüsante Art niedlich gewesen und ließ mir kurz grinsen. Kaum dass sie neben mir lag, ließ ich die Decke los und drehte mich gemütlich auf die Seite. Sie hatte die Lampe nun schräg hinter sich stehen, und das Licht floss glänzend über ihre leicht gewellten Strähnen. Als ich für einen kurzen Augenblick die Augen schloss, meinte ich Cadhla dort liegen zu sehen - war es Wunschdenken? Ich beschloss, sie an einem anderen Abend herzuholen.


    Den Kopf mit einem Arm stützend, betrachtete ich das Gesicht des Mädchens. "Thors Frau", griff ich den Gedanken von vorhin wieder auf. "War Thor der Name deines Gefährten? Dein Mann?" fragte ich, und versuchte so wenig schwierige Worte als möglich zu verwenden. Ein wirklich ungünstiges Thema, besah man sich den eigentlichen Grund, aus dem sie hier in meinem Bett lag, aber ich war ohnehin müde, da machte das keinen großen Unterschied. Immerhin musste es bereits weit nach Mitternacht sein. Siv schien peinlichst darauf bedacht zu sein, ihre Haut der meinen nicht nahe zu bringen, doch ich überging dies und suchte den Hautkontakt, indem ich mein Bein an ihres legte. Indes eine Hand mit den duftenden Strähnen ihres Haares spielte. "Schnee... In Germanien habt ihr im Winter doch viel davon. Schnee ist das, was im Winter vom Himmel fällt. Weiß und kalt. Hier schneit es nie, es ist zu warm. Stattdessen regnet es nur", erklärte ich und lächelte flüchtig. "Und der Sommer ist sehr warm. Du wirst ihn mögen." Ob sie mich überhaupt verstand? Ich studierte ihre Mimik und versuchte zu ergründen, was in ihr vorgehen mochte. "Hast du Angst?" wollte ich von ihr wissen.

    Die Fehleinschätzung der Sklavin ging an mir vorbei, ebenso wie ihr Argwohn, als sie mich mit römischen Soldaten verglich. Zwar hatte ich zwei Amtszeiten als Tribun in einer Einheit verbracht - sogar im fernen Germanien - doch hatte sich in mir nicht die militärische Härte herausgebildet, die so vielen Soldaten eigen war. Was vermutlich daran lag, dass das Amt eines tribunus laticlavius ein Verwaltungsamt war, im Gegensatz zum Amt des schreienden Kesselflickers, der auf dem campus junge Männer zusammenstauchte.


    Hier hingegen war es so ruhig, wie es dies in einem römischen Haushalt um diese Uhrzeit sein sollte. Die Hunde schwiegen, fast alles schlief. Lediglich ein leises Rauschen war gelegentlich zu hören, wenn eine Windbö sich in den Blättern der Malve vor meinem Fenster verfing oder um das Haus strich. Wintertage in Rom waren ungemütlich, aber weitaus milder als der Winter in Germanien, der mit seinem Schnee und der Eiseskälte Menschen und Tiere peinigte. Ich sah auf. Ob Siv den Schnee vermisste? Wohl kaum, bedeutete er doch Elend und Hunger in ihrem Volk, sofern es frei gewesen und nicht romanisiert war, wovon man dank ihrer Anwesenheit hier ausgehen konnte. Ein Stück der Wildheit ihres Volkes schien in ihren Augen gefangen zu sein, oder war es nur der gedachte Gedanke, der mich in ihren Seelenspiegeln die Wildheit ihrer Heimat aufflammen sehen ließ?


    "Marcus Corvinus", antwortete ich auf ihre Frage, der nomen gentile durfte ihr schließlich bekannt sein, also erwähnte ich ihn nicht. "Corvinus bedeutet 'kleiner Rabe'. Hat dein Name auch einen tieferen Grund, Siv?" fragte ich sie freundlich.


    Alsbald erhob ich mich, ging einige wenige Schritt um den Sessel herum und löste das schmale Gürtband meiner tunica. Sorgsam rollte ich es zusammen und legte es auf eine nahe Kommode. Ehe ich mir den Stoff über den Kopf zog, hielt ich inne und sah erneut zu der zierlichen Germanin. Sie schien mir angespannt zu sein. Wieder erklang das Rauschen der Blätter vor dem Fenster. "Sehnst du dich nach dem Schnee deiner Heimat?" fragte ich sie unvermittelt, dann zog ich die tunica über den Kopf. Von nächtlicher Bekleidung hatte ich noch nie etwas gehalten, Tuniken waren dazu da, sie tagsüber zu tragen, ob mit oder ohne toga, und so war ich seit jungen Jahren ein Mensch, der sich nur mit seinem Schurz ins Bett legte, wenn überhaupt bekleidet. Ich faltete das Kleidungsstück locker einmal zusammen und warf es sodann über den Sessel, welcher Siv gegenüberstand und noch ein wenig meiner Körperwärme ausstrahlte. Dann nahm ich die Lampe vom Tisch und stellte sie auf den Nachtspind. Hernach schlug ich die Bettdecke zurück und schlüpfte darunter. Einladend hob ich eine Seite der Decke hoch und sah Siv an, ohne jedoch etwas zu sagen.

    "- hat er. Und zusammengeschissen hat er mich auch. Nur weil ich freundlichst erwähnt habe, dass man beim nächsten Mal doch eine Sänfte nehmen könnte. Aber neiiiiin....ich darf sowas ja nicht anmerken!" Pyrrus verschränkte die Arme und zog einen Schmollmund. Dann jedoch schien ihm etwas einzufallen, und er beäugte mich genauer. "Weißt du", sagte er nachdenklich, "manchmal erinnert er mich wirklich an dich."


    Hatte ich eben noch nicht zugehört, sah ich nun auf und tippte mit dem stilus auf dem Schreibtisch herum. "Das mag daran liegen, dass er mein Neffe ist, Pyrrus." Der scriba öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es klopfte unvermittelt, und so schloss er den Mund unverrichteter Dinge wieder. "Herein bitte", ließ ich verlauten und streifte meinen scriba personalis mit einem vielsagenden Blick. Ausnahmsweise verstand Livius Pyrrus ihn und zog sich zum Fenster zurück, wo er sich rücklings auf die Fensterbank hochzog und dann lässig mit den Beinen schaukelte.

    In der Menge stand auch ich, begleitet von einigen Klienten und einer Schar Sklaven. Trotz des - gelinde gesagt - miesen Wetters. Immerhin wurde dort mein Neffe in sein Amt berufen, und ganz gleich, was er auch von mir dachte oder von mir hielt, so war und blieb er doch mein Neffe. Ein Teil der Familie. Darüber hinaus trat auch mein bester Freund sein Amt an. Ein weiterer Grund, vom Regen abgeschirmt auszuharren, bis die Ernennungen vollzogen waren. Regen hin oder her.

    Mein Blick glitte von einem zum anderen, während sich ein leichtes Lächeln auf meine Züge schlich. Ich ahnte, wer mich vorgeschlagen hatte - das musste mein neuer Patron gewesen sein. Ein Fuchs! Aus einer Bemerkung am Rande, die acta betreffend, hatte sich nun also dieses Angebot gewandelt. Also hatte Decima Lucilla sich tatsächlich entschlossen, nurmehr Avarus' Eheweibchen zu mimen. Welch ein Verlust!


    "Das Vertrauen, welches der Senat in mich setzt, ehrt mich. Richtet den patres conscripti und dem consul bitte aus, dass ich mich für ihr Vertrauen bedanke und der mir angetragenen Aufgabe pflichtbewusst und nach besten Kräften nachkommen werde", sagte ich und lächelte. Was würde Vater wohl sagen, wenn er dies wüsste? Gewiss würde er nicht wie Ursus reagieren.


    Es blieb jedoch noch etwas zu klären. "Gestattet mir die Frage nach dem weiteren Verfahren - ich nehme an, Decima Lucilla wird mich sodann einarbeiten?"

    ~ Anderenorts ~
    "Regulus?" "Ja, dominus, das hat sie gesagt." "Mhmm..." Ich dachte nach. Duccia Clara, Duccia... Etwas sagte mir dieser Name. Nur woher? Und was? Es musste während meines Aufenthalts in Germanien gewesen sein. Ich nickte Leone zu. "Danke. Du kannst deinen Platz wieder einnehmen", sagte ich und erhob mich. Nachdem einige Falten meiner tunica glatt gestrichen waren, machte ich mich auf den Weg ins atrium.



    ~ Im atrium ~
    Die Szenerie, die sich mir bot, berührte mich. Eine scheinbar verzweifelte junge Frau, neben der eine scheinbar ratlose Sklavin stand. Mir stellte sich die Frage, wie gut sie und Regulus sich woh gekannt haben mussten, dass sie nach all den Jahren um ihn weinte und wohl nichts von seinem Tod erfahren hatte. Ich setzte mich neben die junge Frau und legte ihr tröstend eine Hand auf den Rücken. "Gräme dich nicht", sagte ich schlicht zu der noch Unbekannten, und wartete, bis die Tränen verebbt sein würden.

    "Ich möchte einfach sehen, wie er sich uns gegenüber verhält. Dabei werde ich recht genau darauf achten, wie er mit Prisca umgeht", erwiderte ich schlicht. "Iustus muss wohl oft bei ihm und seiner Mutter gewesen sein, wenn er Priscas Mutter sagte, er hätte wieder einmal eine Reise zu unternehmen. Anerkannt muss er wohl sein - so er denn ist, wer er zu sein behauptet - denn er hat den Siegelring. Keiner vergibt den Leichtfertig, und einen Ring vom Finger eines Mannes zu stehlen, ist auch kein leichter Akt."



    Allzubald drängte Ursus jedoch das Gespräch wieder in eine unschöne Richtung. Ob er dies wohl mit Absicht tat? Es musste so sein. Warum sonst war es in den meisten Fällen er selbst, der mir Dinge unterstellte, die schlichtweg Blödsinn waren. Ich seufzte ergeben. "Ich habe noch nie die Zukunft der Familie leichtfertig auf eine Waagschale geworfen, Titus, und das habe ich auch zukünftig nicht vor. Dieses Thema hatten wir bereits, und wenn sich an deiner Ansicht dessen nichts geändert hat, so hat sich an der Gesamtsituation ebenfalls nichts geändert." Denn ich hatte meie Meinung ebensowenig revidiert, denn schließlich gab es schlichtweg keine Basis, auf der ich dies hätte tun können.


    "Appius ist in Mantua", erwiderte ich auf die vielleicht etwas zu erschrockene Frage Ursus' hin. Was darauf folgte, war - wieder einmal - eine nicht enden wollende Tirade aus Vorwürfen, scharfen Worten und haltlosen Forderungen, denen ich gen Ende nurmehr halbherzig Gehör schenkte. Mit größtmöglicher Gelassenheit schüttelte ich den Kopf, doch Ursus ließ sich nicht unterbrechen und sprudelte wie ein Quell. Als er endlich fertig war, sah ich ihn einige Herzschläge lang an und hegte die Befürchtung, er habe nur kurzzeitig Luft geholt, um sogleich weiterzunörgeln, doch scheinbar hatte er tatsächlich alles gesagt, was er beabsichtigt hatte. "Nun", entgegnete ich. "Falls Besucher kommen, solltest du sie als Hausherr begrüßen, das ist alles. Wenn dir die Vorbereitungen hierfür zu mühselig erscheinen, Titus, oder wenn deine Aufgaben als decemvir dich so sehr einnehmen, dass dir dies nicht möglich ist, werde ich Prisca bitten, an meiner statt Gäste zu empfangen." Im Grunde waren diese ruhigen Worte wie ein Hieb, obwohl sie nicht so beabsichtigt waren. Zur Erklärung fügte ich hinzu: "Die Finanzen sind geregelt, die Klienten angewiesen, nur in besonders dringenden Fällen vorzusprechen. Sonstige Termine betreffen dich nicht oder sind liegen nicht an besagten Tagen. Titus, du solltest mich inzwischen als jemanden kennen, der Vorsorgen trifft, wenn schon nicht als jemanden, dem die Familie das wichtigste ist."

    "Ich habe ihm gestattet, hier Quartier zu beziehen und sich mit euch vertraut zu machen. Meine einzige Bitte war, zuvor mit Prisca sprechen zu dürfen, und dieses Gespräch muss noch geführt werden. Um sie sorge ich mich am meisten, um ehrlich zu sein. Denn wie muss sie sich wohl fühlen, wenn sich herausstellt, dass der plötzlich vorhandene Halbbruder nur ein Schwindler ist?" sagte ich und schüttelte den Kopf. "Zwei Tage sind natürlich viel zu knapp bemessen. Ich vermute allerdings, dass sie ausreichen werden, um ihm auf die Schliche zu kommen. Wenn er wirklich Iustus' Sohn ist, werden wir das irgendwie merken, und wenn nicht, dann auch. Ich möchte ihn näher kennenlernen, um das besser beurteilen zu können. Ein gemeinsames Abendessen wäre ein Anfang." Damit war auch klar, dass ich von Ursus erwartete, sich heute Abend pünktlich im triclinium einzufinden. Bis dahin würde ich wohl mit Prisca gesprochen haben.


    "Ich habe Deandra gestern davon in Kenntnis gesetzt. Noch ist nicht allzu viel zeit verstrichen..." antwortete ich auf Ursus' Frage hin und seufzte. Es musste ihm so klar sein wie mir selbst, dass dies nur eine Ausrede war. Und vielleicht bemerkte er gar, dass mich dieses Thema mehr aufwühlte, als es eigentlich sollte.


    "Da wäre noch etwas, Titus", sagte ich dann unvermittelt. "Ich werde nach den Saturnalien wohl einige Tage absent sein. Aquilius und ich planen eine kleine Landpartie. Ich möchte, dass du dich in dieser Zeit um die Geschäfte kümmerst", sagte ich. Aus welchem Grund ich das tat, lag auf der Hand: Cotta war schließlich in Mantua, um unseren Besitz dort zu veräußern.

    Die Liktoren des ehrenwerten consul mussten auch gar nicht lange warten. Nachdem mir Leone vom wartenden Besuch im atrium berichtet und nicht ausgelassen hatte, wer da zu Besuch war, hatte ich schlicht den stilus fallen lassen und war aufgestanden, um die Besucher zu empfangen. Die toga wurde noch rasch gerichtet, dann trat ich ins atrium und ging auf die beiden Männer zu, die in der Nähe der Sitzgelegenheiten warteten.


    "Salvete, lictores. Ihr wolltet mich sprechen?" grüßte ich die beiden und blieb ebenfalls stehen. Ich ahnte bereits, worum es ging, und ein flüchtigenr Gedanke schwenkte sogleich zu Ursus und seinem Vorwurf, ich würde mich zu sehr in Arbeit stürzen. Doch hier war nichts bestätigt, noch nicht zumindest.

    Die Art, in welcher die Sklavin dort saß und mich mit ihren blauen Augen musterte, in Kombination mit der gegenwärtig vorherrschenden Situation, war beinahe mystisch. Immerhin schien sie nicht so sehr zu genieren, dass sie den Wein nicht einmal anrührte, denn sie benetzte ihre roten Lippen mit dem noch viel dunkleren Wein. Ich selbst nahm nun ebenfalls meinen Pokal, drehte ihn jedoch sinnierend zwischen den Händen und trank vorerst nicht daraus. Ihr Latein war beschwert vom Akzent der Nordvölker, ihr Wissen um Vokabeln, Grammatik und Semantik ähnlich schwach ausgeprägt wie Cadhlas. Vermutlich würden die beiden leichter lernen, wenn sie es zusammen taten?


    "Siv", wiederholte ich und ließ den Namen auf der Zunge zergehen. Er hatte einen melodischen Klang, obwohl er gleichsam so kurz war. Meinen eigenen Namen nannte ich nicht, da ich davon ausging, dass man der Sklavin bereits mitgeteilt hatte, wer ich war und wie sie mich zu nennen hatte, ehe man sie zu mir geschickt hatte. Dass dies nicht der Wahrheit entsprach, ahnte ich nicht, und ich machte mir auch keine weiteren Gedanken darum. Ein marginales Lächeln umspielte für einen knappen Moment meine Mundwinkel, dann leerte ich meinen schon halbleeren Weinpokal und stellte ihn neben die Schriftrolle zurück auf den Tisch. Erneut streifte ein Blick das feminine Gesicht der Sklavin, und ich hob die Hand, um flüchtig ihre zarte Haut zu berühren. "Ich wollte gerade zu Bett gehen", sagte ich zu Siv und schmunzelte. "Du hast demnach Glück, dass du mich noch wach antriffst", fuhr ich fort und wusste dabei genau, dass es für sie wohl eher Pech darstellen mochte als eine glückliche Fügung.


    Ich ließ einen Moment verstreichen und lehnte mich alsdann wieder im Sessel zurück. "Ich möchte, dass du heute Nacht hier bei mir bleibst", sprach ich dann unvermittelt. Dies war wohl ohnehin ihr Auftrag, aber damit gestaltete ich ihre Aufgabe schließlich leichter. Was sie kaum wissen konnte, war dass mir der Sinn nicht danach stand, meine Sklaven zu quälen. Ich hatte Cadhla ebensowenig etwas aufgezwungen wie ihren Vorgängerinnen, und gleichsam würde ich auch Siv nicht zwingen, etwas zu tun, das sie ganz und gar nicht wollte. "Es schläft sich angenehmer, wenn man nicht allein ist", fügte ich daher an und betrachtete Siv.

    Irritiert wanderte eine Braue nach oben, als die Sklaven derart nonchalant mit mir sprach. Vermutlich fiel ihr auch gleich selbst auf, wie unpassend das war, denn sie schien augenblicklich zu erröten, und dieser Umstand wiederum ließ mich schadenfroh schmunzeln. So blieb auch ihre locker sitzende Zunge erst einmal unbeachtet.


    "Caelyn also. Und man hat dich noch nicht eingeteilt, nehme ich an." Ich unterzog die Sklavin einer zweiten, intensiveren Musterung. "Ich bin Marcus Corvinus", stellte ich mich dann selbst vor. Immer noch ging ich davon aus, dass sie meine Sklavin war und nicht die meines Neffen. "Welche Fähigkeiten sind dir eigen? Pflanzenkunde scheint es offensichtlich nicht zu sein, was sehr bedauerlich ist. Immerhin hatte ich Matho und Brix deswegen losgeschickt, um eine Sklavin zu erwerben." Dass sie mit einer unfähigen serva heim gekommen waren, würde noch ein Nachspiel haben. "Hat man dir bereits das Haus gezeigt? Neue Kleidung scheinst du schon bekommen zu haben."

    Die alte Masche klappte doch immer wieder: Alibi-Klopfen und dann trotzdem sofort eintreten. In neun von zehn Fällen guckte nämlich der zur Tür, den man sprechen wollte. Im zehnten Fall konnte es durchaus passieren, dass man sich selbst wünschte, man hätte bis zum "Herein" gewartet, weil außer der betreffenden Person noch ein geschlechtlicher Gegenpart anwesend war, und zwar nackt.


    Der servus grinste ungeniert und nickte. "Adoption", sagte er zynisch und mit den Gedanken beim Gesicht der vierundzwanzigjährigen Deandra, die im Grunde damit wohl sogar jünger als die Dauerverlobte des Aedilen war. Dass der sie aber geheiratet hatte, endlich mal, das glaubte der servus nicht einmal im Ansatz. "Vale, Aedil", sagte er artig, tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn und streunerte dann aus dem Raum hinaus. 8)

    Es trug sich nun zu, dass am späten Nachmittag des Tages, an dem Edikte verteilt worden waren, ein Sklave des aurelischen Hauses mit seinem Klopfen Zugang zum Büro des Aedilen erbat. In der Hand hielt er eine Schriftrolle, welche scheinends fehlgeleitet worden war.


    Als er eintrat, grüßte er freundlich, kam jedoch gleich zur Sache. "Salve, aedilis. Ich komme im Auftrag meines dominus und bringe dir ein Schreiben, welches nicht für einen Bewohner der villa Aurelia bestimmt, dort aber dennoch gelandet ist." Er reichte ihm die Schriftrolle. "Claudia Deandra wohnt nicht bei uns. Sie ist eine Claudia, schon seit mehr als zwei Jahren"

    "Wie es dir beliebt", erwiderte ich schmunzelnd. So schnell konnte man das flavische Feuer entfachen, und wenn es erst einmal brannte, wärmte es ganz vorzüglich. Die prekäre Situation von vorhin schien fast gänzlich vergessen, alles Denken war nurmehr auf alltägliche und ganz normale Themen gerichtet, und das hielt ich durchaus für einen Erfolg. Leise lachend, klopfte ich Aquilius auf den Rücken. "Wo immer du auch hin möchtest, Caius. Allein die Aussicht, einige freie Tage zu haben, und jene dann auch noch mit dir zu verbringen, ist verlockend. Den Sklaven kommt ein Ausflug gewiss auch zugute, da hast du recht. Ich muss mal sehen, wen ich da mitnehme... Deinen Großneffen kenne ich zwar noch nicht, aber ich denke, dass es noch viele Möglichkeiten für ihn geben wird, zu reisen. Vielleicht stellst du ihn mir bald einmal vor? Lass uns die Partie von damals wiederholen, Caius. Nur du und ich", fügte ich an und lächelte. Er wusste gewiss, was ich meinte, worauf ich anspielte. Auch wenn uns seit langem nichts weiter als eine tiefe Freundschaft verband, zudem nun sein Vetter als fortwährende Präsenz im Raum schwebte, schweiften meine Gedanken in eine bestimmte Richtung. Ich zwang sie zur Umkehr.


    "Natürlich. Ich kann das voll und ganz nachvollziehen und es klingt auch ganz und gar nicht albern, Caius. Immerhin ist das der Grund, aus dem ich selbst meine Verlobung gelöst habe", bemerkte ich und hatte hernach ein trockenes Gefühl im Mund. "Das sollte für keinen albern klingen, der Wert auf gegenseitigen Respekt legt. Illusionen hat Rom schließlich beileibe genug." Bitter war meine Stimme geworden, was ich letztenendes auch selbst bemerkte. Unbehaglich räusperte ich mich. "Sie ist eine enge Vertraute, Caius, vielleicht meine engste. Achte sie und verletze sie nicht, das ist alles, worum ich dich bitte." Die Worte begleitete ein intensiver Blick, der nur kurz währte. Hernach schnappte ich mir einen Splitter und bewarf Aquilius halbherzig damit. "Genug der tristen Diskussionen, du hast recht. Schwöre mir bei....bei dieser assula*, dass du keinen Rückzieher machen wirst", drängte ich ihn theatralisch und konnte das breite Grinsen von meinem Gesicht nicht verbannen. Das kleine Holzstückchen traf seine Brust und rutschte an einer Stofffalte auf die Liege herunter. "Wie wäre es gleich nach den Saturnalien? Im Grunde sollte ich mich nach dir richten, immerhin wirst du bald dein neues Amt antreten und ich meines abgeben. Und bei meiner neuen Tätigkeit ist die Arbeitszeit doch relativ frei einteilbar. ... Ach, erwähnte ich schon, dass ich gestern inauguriert wurde?" fragte ich wie nebensächloch und sah Aquilius gespannt an. Hatte er schon davon gehört?



    *Splitter

    So stocksteif, wie sie letztenendes dasaß, zog ich den Schluss, dasss sich die Sklavin nicht unbedingt wohlfühlte. Ich betrachtete sie eingehend. Die alabasterfarbene Haut, die blauen Augen und das ährenblonde Haar mit seinen güldenen Lichtreflexen. Seit jeher hatte ich hellhäutige Frauen anderen gegenüber bevorzugt. Braungebrannten oder gar schwarzen Weibern konnte ich nichts abgewinnen. Wenn aber die Haut strahlte wie frisch poliertes Elfenbein, noch dazu das Haar so hell glänzte wie frisch gesponnenes Gold, dann rief die Frau Interesse in mir wach. So auch jetzt, obwohl es nur eine Sklavin war. Doch welche Römerin konnte schon mit hellem Haar punkten? Zögerlich wandte ich den Blick ab und ließ jenen zu dem gefüllten Weinkelch gleiten, der neben seinen drei umgedrehten Verwandten stand und das Licht der Öllampe kaleidoskopisch brach. Hernach langte ich zu einem der unbenutzten Gläser, drehte es herum und schenkte es halbvoll mit dem tiefroten, herben Rebensaft, den ich zu so später Stunde pur bevorzugte. Mit einem dumpfen, leisen Geräusch stellte ich den verzierten Krug wieder zurück auf den Tisch, griff betont langsam den Weinpokal und hielt ihn der Sklavin in.


    Das wortlose Spiel reizte mich und ließ mich kurz füchsisch schmunzeln. Was sie wohl hierher geführt hatte zu solch später Stunde, noch dazu, ohne anzuklopfen? Vermutlich war sie genau deswegen hier. Mein Frauengeschmack war schließlich nicht unbedingt ein Geheimnis in der Sklavenschaft. Erneut ließ ich den Blick über die Fremde schweifen. Brix und Matho hatten guten Geschmack bewiesen, und ich beglückwünschte mich dazu, die beiden entsandt zu haben. Gemächlich lehnte ich mich zurück, ließ den Blick jedoch auf der Sklavin ruhen. Recht schnell allerdings sah ich ein, dass sie wohl nicht zuerst sprechen würde und es einer kleinen Hilfe bedurfte. Ich stützte einen Ellbogen auf die Sessellehne und legte mein Kinn an die Hand. "Wie ist dein Name?" fragte ich sie leise und bedauerte insgeheim, dass ich den Reiz des Schweigens damit selbst zerstört hatte.

    "Ja, das entsprach bis vor kurzem auch noch den Tatsachen", bestätigte ich dem procurator. "Allerdings hat er während des vergangenen Jahres festgestellt, dass der Ruhestand noch nicht erstrebenswert ist. Ihm fehlt die Arbeit. Von den Vorfällen, die du ansprichst, weiß ich allerdings nichts bisher... Möchtest du vielleicht ins Detail gehen?" fragte ich interessiert nach. Immerhin war Albinus seit kurzem mein Klient, und wenn er mir seine Patzer verschwieg, würde ich beim Kaiser gegen eine Mauer anlaufen, indem ich ihn darum bat, meinem Klienten die Ritterwürde angedeihen zu lassen. Das wäre weder für ihn gut noch für mich selbst.

    Entgegen jeglichen Dranges las ich noch bis spät in die Nach hinein über einem Papyrus von Gaius Cornelius Gallus gebrütet. Jenem bekannten Feldherr, der damals die Soldaten im Kampf gegen Marcus Antonius und Cleopatra befehligt hatte, und welcher später der erste praefectus Aegypti geworden war. Bequem in einem weichen Sessel aus geflochtenem Korb sitzend, die Füße auf einen zweiten der gleichen Art gebettet, schmökerte ich ganz allein im Raum vor mich hin und nahm nur gelegentlich einen Schluck von dem guten Wein aus dem gläsernen Pokal.


    Das Licht der Öllampe flackerte plötzlich im Windhauch, was mich aufsehen ließ, da ich kein Fenster geöffnet hatte und mir daher schleierhaft war, woher die plötzliche Zugluft gekommen war. Ich sah sogleich zur porta, nicht wenig erschrocken und nicht minder erstaunt über die larenhafte Gestalt, welche ebenso überrascht zu sein schien wie ich selbst. Einige Augenblicke ließ ich verstreichen, in denen ich nur langsam den Papyrus senkte und die Unbekannte ansah, die dort auf der Schwelle stand. Das weiche Licht malte warme Reflexe auf die helle Haut und das goldene Haar der Sklavin - denn nichts anderes konnte sie sein. Die tunica schein ein Stück zu kurz, vermutlich war sie noch nicht lange im Hause und hatte noch keine sitzende Kleidung. Ohne ein Wort zu verlieren, nahm ich die Füße vom mir gegenüber stehenden Sessel und rollte das Pergament zu einer Rolle, mit welcher ich anschließend auf den nun freien Stuhl wies. Mit undurchdringlicher Miene und nur leichtem Lächeln auf den Zügen, wartete ich darauf, dass die Sklavin meiner Geste folgen und sich vorstellen würde.