Das Latein schien ihr doch größere Probleme zu bereiten, als ich angenommen hatte. Hingegen der Wein ihr zu schmecken schien, wie ich schmunzelnd feststellte. Fehlende Lateinkenntnisse waren bei einem Großteil aller Sklaven an der Tagesordnung, bedachte man die Umstände, unter welchen sie in römischen Besitz gelangten. Die wenigsten, vormals freien Völker hatten je mit Latein sprechenden Menschen zu tun gehabt. Viele meiner Landsmänner zeigten keinerlei Toleranz in Bezug auf diesen Umstand. Doch ich befand, dass es für das Verhältnis besser war, wenn man zumindest ein wenig Verständnis aufbringen konnte. Bei Cadhla klappte es schließlich auch recht gut, jemand hatte mir erzählt, dass sie freiwillig Schreiben lernte.
Während ich noch darüber nachsann, was Siv mir eben hatte erzählen wollen - die vielen zwischengeworfenen, germanischen Worte hatten das Verstehen nicht unbedingt einfacher gemacht - erhob sich die Germanin und streifte ihre tunica ebenfalls ab. Ohne Schamgefühl schien sie das Kleidungsstück zu falten und warf es ebenfalls über den Sessel. Auf der hellen Haut waren dunklere Stellen erkennbar im diffusen Licht der Öllampe. Es mussten Striemen und Schrammen sein, vielleich blaue Flecke vom Transport hierher nach Rom oder durch die grobe Behandlung des Händlers und seiner Schergen. Mein Blick erfasste ruhig und eher bedächtig als in Erregung ihren Körper, ich verglich und beurteilte im Unterbewusstsein. Dann näherte sie sich, und ich schwieg noch immer. Ihr Versprecher war auf eine amüsante Art niedlich gewesen und ließ mir kurz grinsen. Kaum dass sie neben mir lag, ließ ich die Decke los und drehte mich gemütlich auf die Seite. Sie hatte die Lampe nun schräg hinter sich stehen, und das Licht floss glänzend über ihre leicht gewellten Strähnen. Als ich für einen kurzen Augenblick die Augen schloss, meinte ich Cadhla dort liegen zu sehen - war es Wunschdenken? Ich beschloss, sie an einem anderen Abend herzuholen.
Den Kopf mit einem Arm stützend, betrachtete ich das Gesicht des Mädchens. "Thors Frau", griff ich den Gedanken von vorhin wieder auf. "War Thor der Name deines Gefährten? Dein Mann?" fragte ich, und versuchte so wenig schwierige Worte als möglich zu verwenden. Ein wirklich ungünstiges Thema, besah man sich den eigentlichen Grund, aus dem sie hier in meinem Bett lag, aber ich war ohnehin müde, da machte das keinen großen Unterschied. Immerhin musste es bereits weit nach Mitternacht sein. Siv schien peinlichst darauf bedacht zu sein, ihre Haut der meinen nicht nahe zu bringen, doch ich überging dies und suchte den Hautkontakt, indem ich mein Bein an ihres legte. Indes eine Hand mit den duftenden Strähnen ihres Haares spielte. "Schnee... In Germanien habt ihr im Winter doch viel davon. Schnee ist das, was im Winter vom Himmel fällt. Weiß und kalt. Hier schneit es nie, es ist zu warm. Stattdessen regnet es nur", erklärte ich und lächelte flüchtig. "Und der Sommer ist sehr warm. Du wirst ihn mögen." Ob sie mich überhaupt verstand? Ich studierte ihre Mimik und versuchte zu ergründen, was in ihr vorgehen mochte. "Hast du Angst?" wollte ich von ihr wissen.