Die Brauen zogen sich grübelnd zusammen, als Gracchus sich zu mir beugte und von Agrippina sprach. Der Geruch eines Duftwassers stieg mir in die Nase und verwirrte für einen flüchtigen Moment meine Sinne. Während er seine Sicht der Dinge darlegte, stand ich wie gelähmt da, hörte ihm versteinert zu. Selbst in diesem Moment des Schmerzes, der ihn sichtlich ergriffen hatte, vermochte er noch derart scharf zu denken. Ich hatte nie einen Hehl aus meiner Bewunderung für diesen Mann gemacht, und obwohl es so ziemlich der unpassendste Moment aller Augenblicke war, bewunderte ich ihn auch jetzt ob seines Verhaltens. Neben uns lag seine Schwester in ihrem eigenen Blute, leblos und kalt, und er dachte an die Zukunft Roms und - so erschien es mir - nicht einen einzigen flüchtigen Augenblick lang an sich selbst, obwohl ihn der Schmerz ob dieses Anblicks doch zerfressen musste. Nein, stattdessen schien sein einziges Ansinnen zu sein, die pax deorum zu wahren, oder zumindest das, was davon noch übrig war nach dieser frevlerischen Tat. Ich hatte den Flavier fehleingeschätzt, und ich leistete in Gedanken Abbitte für diese Misslichkeit. Kurz senkte ich den Blick, die aufkeimende Scham aus meinem Blick zu vertreiben suchend, dann sah ich ihn aufs Neue an. Seine eindringliche Aufforderung, den Schein zu wahren, berührte mich tief und ließ meine ans Volk gerichteten Worte so klein und unwichtig wirken wie eine Bremse auf dem Rücken eines Pferdes. In Ermangelung besonnener Worte, die ich auf die seinen hätte erwidern können, nickte ich lediglich langsam. Gracchus war älter als ich, was an sich nicht schwer war mit meinen vierundzwanzig Jahren, doch strahlte er zudem eine solche Weisheit aus, verkörperte er gleichsam die römischen Tugenden wie niemand sonst, der mir bekannt war - es musste beinahe an Schwärmerei grenzen, welche mich gepackt hielt in puncto Manius Flavius Gracchus. Niemals hätte ich das zugegeben, eher hätte ich mir die Zunge abgebissen! Und nun stand er hier, im Blick seine tote Schwester, die virgo vestalis maxima, welche mich noch vor wenigen Tagen Sisennas wegen besucht hatte, und erteilte mir gleichsam unbewusst eine Lektion in Sachen Ehre und Vaterlandstreue, dass ich mich unweigerlich schämen musste.
Ich gewahrte seinen Blick zu Agrippina hin, die niemals wieder die unreine Luft Roms würde atmen, studierte gleichermaßen sein Gesicht und erinnerte mich an die Art, wie Aquilius stets von seinem Vetter gesprochen hatte. Und der Blick, mit dem er mich schließlich maß, als er mir gestand, wer sie einst gewesen war und noch immer war, schien so verzweifelt, dass ich erneut schlucken musste. Ich trat einen Schritt zur Seite und damit zwischen ihn und die tote Vestalin, damit er zuwenigst von diesem Anblick verschont blieb. Das Mitgefühl hatte einen stattlichen Kloß in meine Kehle gepflanzt, sein Blick tat ein Übriges. Die so hilflos wirkende Bitte des Mannes, den ich - ja, verdammt, es war so! - insgeheim als mein Vorbild betrachtete, brachte mein Bild ins Schwanken und traf mich zugleich tief in meinem Innersten. Die Nuance meines Seins, die ich seit einigen Jahren in einem entlegenen Winkel meines Seins verschlossen hatte, befreite sich mit einem Schlag und sah in Gracchus nun mehr als einen verwundeten pontifex, der sein Leben Rom geschenkt hatte und es gleichsam widmete. Die Hand auf meiner Schulter erschien mir nun schier ebenso leb- und kraftlos zu sein wie jene der Vestalin in meinem Rücken. Ich hob die Rechte und legte sie fest auf Gracchus Hand, den Blick nicht von seinem lassend. Bar jeden Wortes, suchte ich ihm Kraft zu spenden, gleich wie. Eine Umarmung wäre mehr als unpassend gewesen, bedauerlich zwar, doch sah ich zumindest in diesem Punkte klar, denn nichts verband Gracchus und mich außer vielleicht einem vagen Band der gegenseitigen Anerkennung, wenn ich überhaupt darauf hoffen konnte. Zudem gafften um uns herum die Menschen. Nein, es wäre mehr als unklug gewesen, sich anders zu verhalten als ich es tat.
Kein Wort vermochte wohl das Empfinden zu lindern, welches Gracchus ergriffen hatte. Meine linke Hand fand nun ihren Platz auf seiner Schulter, und so standen wir einen allzu flüchtigen Moment dort verbunden auf den Stufen des Vestatempels. "Der Mörder wird gefunden werden, Gracchus, die pax deorum und die Ehre deiner Schwester wiederhergestellt. Rom wird nicht untergehen. Es wird nicht vergehen, niemals." Eindringlich waren die Worte und eindringlich sah ich ihn an. "Ich lasse sie hineinbringen und säubern. Ich werde mich um sie kümmern, das verspreche ich, so wahr ich hier stehe", gelobte ich und nickte. Einen Moment verhielt ich noch, doch dann ließ ich den Flavier los und winkte den kleinen Trupp Soldaten herbei, welcher mich während der Ausübung meines Amtes stets begleitete und welcher gegenwärtig versuchte, den Mob im Zaum zu halten. Von den sechs Männern waren nur noch vier zugegen, die anderen beiden waren mit Sicherheit bereits unterwegs, um die cohortes urbanae zu informieren. Pyrrus stand etwas abseits mit bleichem Gesicht herum und vermied es, die tote Vestaln anzusehen. Ihn ließ ich außer acht, den vier Soldaten indes erteilte ich mit knappen Worten die Weisung, Flavia Agrippina in die schützenden Mauern des Tempels zu bringen und sie dort ihren Schwestern zu überantworten, damit sie den leblosen Körper waschen und herrichten konnten.
Die Vestalin wurde soeben empor gehoben und entblößte einen grässlich verschmierten Blutfleck auf dem sonst strahlendweißen Marmorboden. Ich wandte mich erneut an Gracchus. "Setze deine Amtsbrüder von diesem Verbrechen in Kenntnis, Gracchus. Sie sollten es so schnell als möglich erfahren. Mein scriba wird dich gern begleiten, so du es möchtest." Ich wollte ihn nur ungern allein lassen, mich zugleich aber an mein gegebenes Wort halten und über Agrippina wachen. "Sei stark, mein Freund", fügte ich leiser hinzu und wollte einen Moment verstreichen lassen, ehe ich den Soldaten in den Tempel folgen würde. Doch da entdeckte ich einen allzu bekannten Mann, den die Menge soeben ausspuckte.
/edit TippEx