Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    [Blockierte Grafik: http://img231.imageshack.us/img231/4549/sklave6mq2.jpg| Matho


    Die beiden Sklaven erwiderten den Gruß und stellten sich der Höflichkeit halber vor, auch wenn die Hausdame dies vergessen zu haben schien. "Salve, ich bin Matho und das hier ist Alexandros. Unser dominus schickt uns, der septemvir Aurelius Corvinus. Ich bin sein maiordomus und befugt, bis zu einem bestimmten Umfang Geschäfte in seinem Namen abzuwickeln." Die sollte vorerst genügen, entsprach es doch der Wahrheit.


    Während Matho aufmerksam zuhörte, schrieb Alexandros alles Wissenswerte mit. Bei der Summe, die schon stattlich war, pfiff er leise durch die Zähne. Alexandros notierte eine 6 an erster Stelle. "Das ist...nun ja, schon ein ordentliches Sümmchen. Allerdings befindet es sich noch innerhalb dessen, was der septemvir auszugeben bereit ist. Ich denke, wir kommen damit ins Geschäft." Geschäftstüchtig, wie Matho war, hielt er der Dame eine Hand hin, damit sie mittels Händedruck die Sache besiegeln konnte. "Das Geld wird dir schnellstmöglich transferiert werden", versicherte der maiordomus.

    [Blockierte Grafik: http://img231.imageshack.us/img231/4549/sklave6mq2.jpg| Matho


    Der Herr hatte den maiordomus und einen Gehilfen geschickt, damit sie an der porta klopften und folgendes fragten, nachdem geöffnet werden würde:
    "Salve, wir kommen wegen eines Aushangs auf dem Markt und sollen im Auftrag unseres dominus erfragen, ob die angepriesene Ware noch verfügbar ist?"

    Da ich noch mit dem Rücken zu Aquilius stand, erschrak ich auch dementsprechend, als er nicht in erwartetem Tonfall änderte, sondern zornig brüllte. Im nächsten Moment ärgerte ich mich bereits darüber, dass ich leicht zusammengezuckt war. Ich wandte mich um. Die verzerrte Fratze des Mannes auf der Liege erinnerte kaum noch an den lebenslustigen Aquilius, der er einst gewesen war und doch noch sein sollte. Gleichermaßen fasziniert wie unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, sah ich ihn über die Entfernung von den paar Metern, die uns trennten, hinweg an. Ich hatte durchaus eine vage Vorstellung davon, wie es war, durchleben zu müssen, was er schilderte. Oder...nein, die hatte ich nicht. Wenn ich die Hand ausgestreckt hatte, hatte ich ihre Haut spüren können. Ich hatte ihr einen Kuss rauben können, wann immer mir danach war. Nicht im Geringsten wusste ich, wie es war, wenn man eine Vestalin liebte. Wie hatte ich das annehmen können? Und doch... Es war verfemt, eine göttliche Jungfrau zu lieben. War dies der Fluch der Flavier? Der Grund, aus dem sie so viele Todesfälle erleiden mussten in letzter Zeit? Schon sprach er weiter. Die Verzweiflung war ihm bei jedem einzelnen Wort anzusehen. Es machte mich ganz krank, nicht helfen zu dürfen, höhlte mich aus wie Wasser einen Stein. Dass er mich zu Unrecht etwas beschuldigte, war nur zweitrangig.


    Als er dann Deandra erwähnte, presste ich meine Lippen aufeinander und sah fort. Ich hielt mich selbst nicht für den feinfühligsten Mann, gerade wegen der Art, auf die ich die letzten Seile gekappt hatte, die mich und sie verbunden hatten. Dennoch hatte sie mir etwas bedeutet und das tat sie auch noch, wider aller Gedanken in meinem Kopf. Wider der Entlobung. Wider dessen, was ich mir beständig einredete und hoffte, dass es irgendwann von der Fiktion zur Realität werden würde. Aber auch das war eine andere Geschichte, und Aquilius hetzte auch sogleich weiter. Mit enttäuschten Augen stand ich dort, hörte wie sich mein Freund um Kopf und Kragen brüllte und mich verfluchte. Kaltes Entsetzen schlich mir den Nacken hinauf, als er diesen Wunsch äußerte.


    Und plötzlich schleuderte er mir die Erleuchtung entgegen.


    Vollkommen perplex starrte ich ihn an, obwohl ein Teil von mir, welcher gleichermaßen fühlte, doch schon längst geahnt hatte, was all dies zu bedeuten hatte. Und doch war er so gelähmt, über Jahre hinweg dermaßen eingepfercht gewesen, dass er kaum noch zum Tragen kam. Während der ersten paar Schritte, die Aquilius von der cline fortstrebte, raste mein Puls mit den Gedanken um die Wette. Unwillkürlich fuhr ich mir mit der Rechten über das Gesicht, schnappte nach Luft. „Caius, ich.... Gracchus?“ fragte ich ungläubig und kam einen Schritt näher. „Es geht um Gracchus? Ihn? Deinen Vetter?“ Um jede Möglichkeit des erneuten Vorbeiredens auszuschließen, marterte ich ihn mit diesen Fragen. Und augenblicklich schlug auch das schlechte Gewissen zu, denn hatte ich nicht einen verruchten Momentlang gewünscht, die Welt möge aufhören, sich zu drehen, als ich seinen Duft aufgenommen hatte? „Aber...“ In Ermangelung einer spontanen plausiblen Erklärung hob ich die Arme auf Hüfthöhe und ließ sie wieder fallen. Einen flüchtigen Moment später musste ich mit ansehen, wie Aquilius einen kleinen Tisch anhob und damit ausholte. Ich unterdrückte den Impuls, Aquilius zurückhalten zu wollen, denn zu gut wusste ich von mir selbst, dass Zorn in Gewalt umgewandelt viel schneller abflaute als mittels Worten. Holz splitterte, regnete darnieder und bedeckte bald den Boden der kleinen Laube. Der Zorn schien durch einen letzten Ausruf vollends entwichen zu sein, zurück blieb ein Häufchen Aquilius, das leblos zwischen Splittern auf der Erde hockte. Der Vergleich mochte sinnfrei sein, aber er kam mir verletzlich vor wie ein Neugeborenes.


    Vergessen waren all die Worte, die der Hass ihm eben noch eingepflanzt hatte, was jetzt zählte, war dass er mir zuhörte. Ich riss mich von meinem Fleck los und kam zu ihm. Vor ihm fiel ich ebenfalls auf die Knie, griff nach seinen Schultern und zog kurz daran. „Caius, ich bitte dich!“ sprach ich eindringlich, und weil er gar nicht, oder eher mir nicht schnell genug reagierte, barg ich sein Gesicht in meinen Händen und zwang es herum, sodass er mich ansehen oder aber die Augen verschließen musste. „Du bist mein bester Freund, wie könnte ich dich hintergehen? Wie könnte ich so etwas tun und dann hierher kommen, reinen Gewissens vor dir stehen und dich nach deinem Wohlbefinden fragen? Ich bitte dich, denke nach! Gracchus ist ein Freund, vielleicht nicht einmal das, ich weiß es nicht.“ Aufgebracht schüttelte ich den Kopf. „Ich habe ja nicht geahnt, dass....“ Ich ließ Aquilius’ Gesicht endlich los und setzte mich nun resignierend neben ihn auf den Boden. „Was muss ich tun, damit du mir glaubst? Damit nicht auch noch du mir Eigennutz und Intrigenspinnerei vorwirfst?“ Wie Ursus, dachte ich bitter. Wie meine eigene Familie. Mir wurde es kalt ums Herz.

    War ich zu Anfang noch recht zuversichtlich gewesen, dass sich seine Missstimmung bald legen oder er mir zumindest offenbaren würde, was ihn betrübte, so blieb mir bei seiner Abweisung nurmehr übrig, enttäuscht zu sein. Der Wind zog kalt durch den Garten, fuhr raschelnd durch die Blätter und strich geräuschlos um die Stämme der Bäume, die mit der zunehmenden Abwesenheit des Lichts immer bedrohlicher wirkten. Es war nicht der Impuls, der Aquilius durchströmte und in ihm den Wunsch aufflammen ließ, so weit als möglich von mir fort zu kommen, der mich dazu brachte, die Hand fortzunehmen, sondern mein Respekt vor seiner abwehrenden Haltung. Ich hatte ihm niemals etwas aufgezwungen oder entgegen seines Willens getan, und das würde ich auch jetzt nicht tun. Unsere Freundschaft war aus einer mehr oder minder verzwickten Konstellation heraus erwachsen, und mein Weggang nach Germanien hatte diesen rein freundschaftlichen Umgang noch einmal gefestigt, allein schon ob meiner Abwesenheit und der Reduktion auf briefliche Korrespondenz. Sie hatte stets aus einer ausgewogenen Mischung beidseitigem Gebens und Nehmens bestanden. Es wäre ein Fehler, jetzt etwas zu geben, obwohl er es nicht annehmen wollte. Schon wollte ich etwas erwidern, als mir das respektierende Wort sprichwörtlich im Halse stecken blieb.


    Wie ein Fisch auf dem Trockenen stand der Mund einen Moment offen, ehe ich ihn zuklappte und Aquilius einfach nur anstarrte. Wo ist nichts mehr gibt, ist nichts zu finden. Ich starrte. Auch die Hand war nun eisig wie der Körper selbst. Immer noch starrte ich. Er meinte es nicht so. Irgendetwas hatte ihn verletzt, und es hatte mit mir zu tun, weswegen er mir gram war. So zumindest argumentierte der rein logische Verstand. Ursus fiel mir ein, der Streit mit ihm. Deandra, die ich verstoßen hatte. Alles zerbricht! kicherte eine wahnwitzige Stimme irgendwo hinter meiner Stirn. Wie einen Schlag ins Gesicht nahm ich den Ton war, mit dem er meinen praenomen aussprach, ausspuckte, als wäre er ein widerwärtiger Batzen grünen Schleims. Jedes Wort klingelte in meinen Ohren, sein Mund verzog sich zu harten Zischlauten und fügte sich auf eine absurd harmonische Weise ins Gesamtgefüge der Welt dieses Gartens ein, während ich steif wie ein Brett neben Aquilius auf der cline saß und nichts weiter tat als ihn einfach nur anzustarrten, denn bewegen konnte ich mich nicht.


    Das Funkeln seiner Augen war so angefüllt mit Zorn, dass ich den vagen Schimmer der Verzweiflung dahinter um ein Haar nicht wahrgenommen hätte, und doch gewahrte ich ihn, starrte ich doch noch immer. Geh und komm nicht wieder, ich will dich nicht mehr sehen. Ein Frösteln ließ mich kurz erzittern und löste die Starre, die mich erfasst hatte. "Ich", begann ich, brach dann jedoch ab, als ich hörte, wie seltsam meine eigene Stimme klang. Irritiert blinzelte ich und wollte einen erneuten Versuch starten, als Aquilius bereits weitersprach. Erneut starrte ich, nun aber fassungslos, unverständlich, sprachlos.


    Bis es mir dämmerte.


    Agrippina! Nein, das konnte nicht sein...oder doch? Tumb schüttelte ich den Kopf, als würde ich damit den absurden Gedanken fallen lassen können. Ein Marspriester und eine Vestalin? Nicht nur eine Vestalin, sondern die Vestalin? Und doch glaubte er, dass ich sie der Welt entrissen hatte, er gab mir die Schuld an diesem Verlust. Und doch... Ich stand da wie ein Ochs vorm Berg. Etwas übersah ich, etwas Wichtiges, doch was nur? Der Drang nach Bewegung würde übermächtig, ich musste aufstehen, herumgehen, nachdenken. Das hatte ich von Vater geerbt, auch er war stets umhergewandelt, wenn er hatte nachdenken müssen. Geh und komm nicht wieder! Es reicht, Marcus, es reicht! Ich kann nicht mehr. Ich will dich nicht mehr sehen! Es schmerzte, oh ja. Und zwar mehr, als ich jemals zugegeben hätte. Nahe der Weide blieb ich stehen, den Rücken ihm zugewandt. "Du und.... Ihr....?" fragte ich matt und nicht minder tonlos als er. Meine Stimme schwankte, ich begriff nicht, warum er mich verbannte. Ich hätte ihr geholfen, wenn ich es vermocht hätte, doch ihr Leben war durch meine Finger geronnen wie Sand durch die Hände eines Dürstenden in der Wüste.

    Ich antwortete nicht sofort auf seine Gegenfrage. Vielmehr bohrte ich meinen Blick in seinen, zu ergründen suchend, was es war, das ihn zermürbte, denn dass ihn etwas zermürbte, hätte selbst ein Blinder bemerkt. Seine Worte klangen platt und emotionslos, gleichgültig und leblos, kurzum: gar nicht so, wie er hätte klingen sollen. Dennoch erleichtert, seufzte ich erneut, um dann mit einer Schulter zu zucken und die Falten meiner toga halb zu Fall zu bringen. "Ich habe nicht die leiseste Ahnung", erwiderte ich und schwenkte den Wein im Becher herum. Die dunkelroten Miniaturwogen zogen mich in ihren Bann, wie sie an den Seiten des Gefäßes hinaufleckten, sie benetzten und doch trocken zurückließen. Ich riss den Blick los und nahm einen Schluck. Von Aquilius' körperlicher Anspannung bemerkte ich nichts.


    Stumm lauschte ich dem Wind um uns herum. Minuten mussten wohl so vergangen sein, bis endlich wieder einer von uns die entstandene, befangene Stille zu unterbrechen wagte. Aquilius' Bemerkung verriet mir, dass auch er über den gestrigen Tag nachdachte, über die Situation auf den Stufen des Tempels. Nachdenklich neigte ich den Kopf hin und her, was man mit viel gutem Willen als Nicken bezeichnen konnte. "Ja", sagte ich schlicht, und wieder entstand die Stille zwischen uns, zwischen zwei Männern, die doch Freunde waren und sich dennoch nichts mehr zu sagen wussten. Das musste doch zu ändern sein! Nur wie? Er verbarg vor mir den Grund, aus dem es ihm schlecht ging. Wie sollte ich ihm da helfen können? Meine Brauen zogen sich missmutig zusammen. "Caius", begann ich, stellte den Becher fort und legte eine Hand auf sein Schienbein, neben dem ich saß. "Ich weiß nicht, was es ist, dass dich zerfrisst, aber wenn du es mit mir teilst, vermag ich dir vielleicht zu helfen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man. Daran muss doch etwas dran sein, also lass es uns herausfinden." Ich kratzte das letzte bisschen Zuversicht zusammen und brachte es in einem Lächeln zum Ausdruck. Wie gut das gelang, wusste ich nicht, doch ich hatte nicht den Eindruck, dass es sonderlich überzeugend gewesen war. Mir wurde kalt, abgesehen von jener Hand, die auf seinem Bein ruhte. Es ist lange her gewesen.

    Schier entsetzt starrte mich Aquilius an, der soeben aus der Menge getreten war, und ebenso entsetzt starrte ich zurück, wenn auch aus einem anderen Grund, namentlich jenem, dass es urplötzlich von Verwandten der toten Vestalin nur so zu wimmeln schien und ich - als sozusagenUnbeteiligter einer Familientragödie - erneut würde Trost spenden müssen. Nicht, dass dies mir ein Gräuel gewesen wäre, erst recht nicht bei Aquilius, doch die Situation hatte etwas an sich, das ich niemandem wünschte. Klagelaute aus der Menschenmenge und Schluchzen aus dem Tempel untermalten die Szenerie, die sich um einen sichtlich verletzten pontifex, einen - momentan noch entsetzten - Marspriester und mich herum abspielte. Vesta sei Dank war wenigstens der Leichnam der Vestalin soeben fortgebracht worden.


    Aquilius war bald heran und sah mich anklagend und ungläubigen Ausdrucks an. Indes Gracchus mir ein verwirrtes Nicken entgegenbrachte und sich dann seinem Vetter zuwandte. Befangen sah ich zur Seite, mochte dem Blick nicht standhalten, aber auch noch nicht gehen, obwohl ich das eben noch hatte tun wollen. Ganz entfernt hörte man das gleichförmige Klappern von caligae auf Stein, was bedeutete, dass die cohortes gleich eintreffen würden. "Ich kam gerade vom atrium Vestae", fügte ich erklärend an Gracchus' Worte an, sah aber nur kurz zu Aquilius. Trieben die Götter nun ihr Spiel mit uns in dieser verqueren Konstellation? Ich ahnte hiervon nichts, doch drückte sich mein Unbehagen in Form von Magenverstimmung aus. "Nicht dafür, Gracchus", erwiderte ich und deutete ein Kopfschütteln an. Weitere Worte wären zum einen wohl fehl am Platze gewesen, zum anderen ünnötig, da im Grunde alles gesagt war. Mit dem vagen Wunsch, Gracchus zumindest ein wenig seiner Tristesse zu nehmen, sah ich ihm nach, wie er an Aquilius vorbei- und langsam auf die Menschenmenge zusteuerte, die sich ehrfüchtig vor ihm teilte. Ich erinnerte mich daran, dass Aquilius noch hier stand. "Dies ist ein schlechter Tag", seufzte ich und sah ihn an. "Er kam kurz nach mir hierher. Ich wünschte, der Anblick wäre ihm erspart geblieben", fuhr ich fort und ahnte dabei nicht, was ich mit den Worten auslösen mochte. "Die cohortes sind auf dem Weg, die Vestalin vor Blicken geschützt. Ich kümmere mich um die Dinge vor Ort, es wäre gut, wenn du den Palast benachrichtigen könntest", fügte ich mit bedrückter Tonlage an.


    "Rom braucht uns jetzt. Die Zeit der Trauer wird kommen, Caius", sagte ich abschließend und drückte seine Schulter kurz mit der Hand. Alsdann wandte ich mich um und erklomm die letzten Stufen und folgte den Bluttropfen bis ins Innere des Tempels.

    Flink holte die Sklavin Wein herbei und schenkte ein, was mir ein wenig Zeit verschaffte, um erneut kurz über Aquilius und die kürzlich geschehenen Dinge nachzudenken. Seine Antwort auf meine Frage mochte einen Fremden täuschen, aber jeder, der ihn nur ein wenig näher kannte, würde die Funktion des Satzes Es geht mir gut in genau diesem Moment erkennen können. Ich mochte ihn zwar nicht so gut kennen wie seine Familie, doch ich erkannte den Versuch hinter seinen Worten, einer weiteren Befragung zu entgehen. Mit nachdenklichem Ausdruck sah ich zu, wie er sich seinem Wein widmete, während ich selbst den Becher vorerst nur in der Hand drehte. Es gab so vieles, dass ich hätte loswerden können, angefangen bei der Trennung von Deandra über das Resümee der Meditrinalia bis hin zu meiner Ernennung zum septemvir und dem gestrigen heftigen Streit mit Ursus. Doch ich stellte dies alles hintenan, denn ich sah, dass es Aquilius nicht gut ging, und sein Wohlbefinden war mir schlicht wichtiger. Man mochte Männern auch in späterer Zeit noch nachsagen, sie seien gefühlskalte Klötze aus starrem Eis, doch dass er mich nicht ansah, bemerkte ich genau, und ich konnte nicht leugnen, dass mich dieser Umstand in gewisser Weise schmerzte.


    Das sachte Wogen der Weidenzweige, begleitet von einem kühlen Luftzug, passte zur Situation wie Kohle in eine Opferschale. Die Stimmung war angespannt und seltsam, ich fühlte mich unwohl und konnte nicht einmal genau sagen, das der Grund hierfür war. Schweigend studierte ich das Verhalten des Mannes, der dort auf der Liege lag, auf deren Rand ich saß. Der Streit mit Ursus hatte mir schon schlimmer zugesetzt, als ich jemals vermutet hätte - seine Anschuldigungen waren verletzend gewesen - ich wollte nicht auch noch mit Aquilius im Clinch liegen. Als er nach einer Weile von Agrippina sprach und von den Konsequenzen, die ihr Tod für das Reich bedeutete, dachte ich nochmals über die gestrige Situation nach. Aquilius war zu Gracchus und mir gestoßen, als sie die Vestalin gerade heringetragen hatten. Sicherlich hatte er mein blutbesudeltes Gewand gesehen, meine blutverschmierten Hände. Unschuldiges Blut, das an meiner Haut klebte. Nun war ich es, der den Kopf abwandte, ich starrte jetzt hinüber zur Weide.


    "Es geht dir nicht gut, Caius" stellte ich nüchtern fest. "Ist es, weil ich ihr Blut an meinen Händen hatte? Denkst du gar, ich selbst hätte mich an ihr vergangen?" Ich drehte den Kopf und sah ihn an, die Lippen aufeinander gepresst. Das Ende der Freundschaft schien mit dem Windhauch in greifbare Nähe gekommen zu sein. Aber ich würde mich nicht davon einschüchtern lassen, noch von der falschen Annahme, welche Agrippina betraf und welche Aquilius' Denken auszufüllen schien.

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    > Die Prozession <


    Fortwährend rieselten Blütenblätter hinab. Rote, violette, rosafarbene, orangene. So viele Menschen standen rechts und links der Straße, auf der die stattliche Prozession zahlreiche Gebäude passierte, während die Götter selbst sie anführte. Das mit Ochsenblut rotbemalte Gesicht der Iuppiterstatue strahlte eine Imposanz sondergleichen aus. Triumphrufe hallten dem Göttervater entgegen von beiden Seiten der Straße, von weit vorn und von ganz hinten. Denn an diesem Tage war er der Triumphator Roms und wurde auch als solcher gefeiert. Der Gott lag gebettet auf einer Sänfte, welche von acht starken Nubiern getragen wurde. Flankiert wurde er von Iuno und Minerva, welche aufgrund des später stattfindenden Festmahls sitzend aus dem Marmor beschlagen worden waren. Für dieses Fest hatte man die Statuen der Göttertrias aus ihren Tempekn geholt, sie gewaschen, gesalbt und eingegeölt. Anschließend war jede der drei Statuen in besonders hochwertige Gewänder gekleidet worden - was sich im Falle des Göttervaters zugegebenermaßen etwas schwierig gestaltet hatte, da jener schließlich nicht den Arm hatte heben können beim Ankleiden der goldgefassten, schneeweißen toga aus feinstem tylusischem Linnen. Bei Iuno allerdings hatte sich der Umstand der Bewegungslosigkeit vorteilig dargestellt, denn so hatte sie keinen Einspruch erheben können, dass ihr Kleid nicht so schön war wie das der Minerva.


    Die schick hergerichteten Götter führten also die Prozession zum Capitol an, direkt dahinter schritten die zehn Epulonen, die ihre Existenz einzig diesem Festtag verdankten. Vielleicht war ich deshalb mit einem Unguten Gefühl an die Ausrichtung dieses Festes herangegangen, denn kaum zum septemvir ernannt, hatte man mich quasi mit der Planung dieses Festes regelrecht erschlagen. Zum Glück hatte ich in der Unordnung der Archive in der regia irgendwo unter einer toten, trockenen Maus noch die Aufzeichnung von Valerius Victor gefunden, die mir einiges an Recherche erspart und die Planung leichter gemacht hatten.


    Wie die anderen Mitglieder des collegium, hatte auch ich den Zipfel meiner toga über das Haupt gezogen und folgte der vorausgetragenen Sänfte. Direkt hinter uns hatte ein weißgekleideter Sklave seine liebe Mühe damit, die drei kalkgeweißten Rinder, einen Ochsen und zwei Kühe, im Zaum zu halten. Die rechte Kuh verhedderte sich öfter in ihren wollenen dorsulae und der mittig geführte Ochse schwenkte ab und an den massigen, goldbehörnten und mit rot-weißen inferiae und vittae geschmückten Kopf herum. Die linke Kuh indes lief hinter dem magister septemvirorum und starrte ihm nur lethargisch aufs Gesäß. Die Schalen der zahlreichen die Prozession begleitenden ministri verbreiteten wohlriechende Düfte und die Musiker spielten, was das Zeug hielt. Hinter diesen folgte im Übrigen das gemeine Volk, aufgereit nach Rang und Stand, wie das nun einmal immer so war. In Gedanken war ich bereits einen Schritt weiter, doch noch waren wir nicht auf dem Capitolshügel angekommen.

    Die kaum verhohlene Eisigkeit im Blick Aquilius' machte mich auf Anhieb stutzig. Er hatte doch nie von seiner Base gesprochen, wenn wir zusammen waren, wie konnte ihr Tod ihn da nun so treffen? Andererseits traf der Tod eines Familienmitgliedes wohl jeden mehr oder weniger, sagte ich mir und verzieh ihm sogleich die Art, mit der er mich ansah. Ich schenkte ihm ein kurzes aufmunterndes Lächeln, das wohl aber seine Wirkung verfehlte, denn der abweisende Ton in seiner Stimme war kaum zu überhören. Erst jetzt musterte ich, froh über einen kurzen Aufschub der Unterhaltung, die Sklavin, die sich scheinends aus dem Staub machen wollte. Ob sie sich mit der gleichen Intensität fehl am Platze fühlte wie ich plötzlich? Ich wartete, bis Aquilius ihr eine Weisung gegeben hatte, ehe ich auf seine seltsame Frage antwortete.


    "Ist die Sorge um meinen besten Freund und seinen Vetter denn nicht Grund genug für einen Besuch?" stellte ich mit ihm zugewandtem Gesicht eine Gegenfrage. Meine braunen Augen bohrten sich forschend in die seinen. War da mehr als der Schmerz über den Verlust einer Base? "Wie geht es dir, Caius? Und wie geht es Gracchus?" fragte ich. Als Bruder der Verstorbenen musste ihm dieser Mord förmlich ein Loch in die Seele gerissen haben. Ich dachte an meine Eltern - ich wusste, wovon ich sprach. "Ich war heute morgen bereits im Tempel der Vesta, noch vor der salutatio. Die Vestalinnen halten eine Ehrenwache am Lager Agrippinas. Sie wirkt jetzt sehr friedlich." Schneeweiß war sie, wie das Hemdchen, das sie trug. Die Jungfrauen hatten sie gewaschen und ihr Haar gerichtet. Eine duftende Hibiscusblüte hatte darin gesteckt. Ich hatte diesem Anblick nicht lange standhalten können, bis ich der kleinen Kammer mit der weihrauchgeschwängerten Luft wieder entflohen war. Obwohl mich mit ihr als Mensch nichts verband, so hatte Gracchus mit seinen Worten am gestrigen Tage doch recht gehabt. Diese Frau hatte die Unschuld Roms und die pax deorum per se so verkörpert, wie kein anderer Mensch. Es war nicht nur ein frevelhafter Mord, sondern gleichsam ein Streich gegen die Götter selbst, den der Mörder geführt hatte.

    Eine Familie gründen wollte sie also. Hm. Aber irgendetwas stimmte hier nicht, auch wenn ich nicht sagen konnte, was es war. Dennoch, es war ihr Leben und auch ihre Entscheidung. Ich hatte weder das Recht, noch die Befugnis, ihr die Entlassung zu verweigern. Zudem schien ihr Grund auch gerechtfertigt. Ihr Name kam mir bekannt vor. Hatte ich ihn nicht auf einer der Tafeln gelesen? Ich begann zu suchen und fand die tabula auch bald. Hier war vermerkt, dass Decima Valeria sogar für einen pontifex minor Posten infrage kam... Ich legte die Tafel wieder fort. "Den cultus verlässt damit ein fähiges und erfahrenes Mitglied. Das ist sehr schade. Ich nehme an, du wirst dich kaum mehr umstimmen lassen in deiner Entscheidung?" fragte ich sie. Ich konnte mir nicht helfen, aber trotz der jungen Jahre wirkte sie verbittert. Woran das lag?


    "Nun denn. Wenn es wirklich dein ausdrücklichster Wunsch ist, werde ich deine Entlassung veranlassen. Ich wünsche dir für deine Zukunft alles Gute und den Segen der Götter. Gleichsam wäre ich erfreut, führte dich dein Weg wieder zurück auf den Pfad der Götter."

    Mein erster Tag als septemvir - und ich konnte mich vor sich stapelnden tabulae nicht retten. Die erste Stunde dieses Arbeitstages hatte ich damit verbracht, die Tafeln umzuschichten und so in verschiedene Hauptkategorien - sehr wichtig, wichtig, weniger wichtig - und verschiedene Unterkategorien - Priesterschaft, Tempel, Finanzen, Feiertage, Sonstiges - zu unterteilen. Und dann gab es noch den Stapel "epulum Iovis". Das war der größte. Und zugleich der wichtigste. Genau diesen Stapel hatte ich mir gerade herangezogen, als es klopfte.


    Irritiert blickte ich auf und fragte mich, was mich wohl erwarten würde. "Herein", sagte ich mit Nachdruck und sah die Tür an, die einen kurzen Moment später eine hübsche Frau mit seltenem, blonden Haar ausspuckte. Eine Germanin? Interessiert vernahm ich dann, dass sie der Sippe der Decimer angehörte. Mein Interesse allerdings wich einem durchwachsenen Ausdruck, als sie ihren Wunsch äußerte. "Salve, sacerdos. Nimm doch erst einmal Platz", sagte ich und deutete auf den Stuhl. "Du möchtest aus dem Dienst entlassen werden? Darf ich fragen, was dich zu dieser Entscheidung gebracht hat?" Das sah natürlich gleich ganz prima aus. Mein erster Tag und schon gingen die Zahlen zurück.... Naja. Da musste ich wohl durch. Ich zog eine leere Wachstafel heran und notierte mir erst einmal ihren Namen.

    Heute hatte ich kaum ein Auge für die Erhabenheit des flavischen Anwesens. Der Schönheit des Gartens konnte ich ebensowenig etwas abgewinnen wie dem ansprechenden Ambiente des Interieurs. Das einzige, was mich abgesehen von meinem Vorhaben des Hilfsangebots tangierte, war die Betrübtheit, welche ich in den Augen meines Freundes abgelesen hatte. Daher schüttelte ich auch den Kopf, als der Sklave anbot, mich zu führen. Ich war hier schon einmal gewesen, und Aquilius in dem aufgeräumten Gartenstück zu finden, wäre einer der leichteren Dinge an diesem Tag. "Das wird nicht nötig sein. Hab Dank", erwiderte ich also bündig und nickte dem servus zu, ehe ich mich auf den Weg durch den Garten machte.


    Lange musste ich wirklich nicht suchen. Nahe einer aufragenden Weide, deren tiefhängende Zweige sachte im Wind hin und her pendelten, erspähte ich eine Sklavin, die vor einer Liege stand. Darauf musste Aquilius liegen, denn seine leise Stimme hatte ich eben vernommen, auch wenn der ansehnliche Körper der Sklavin die Sicht weitestgehend verdeckte. Ungeachtet der Möglichkeit, dass ich ein beginnendes Techtelmechtel stören könnte, räusperte ich mich vernehmlich und trat hervor. Mit langsamen Schritten näherte ich mich der Liege, die Sklavin ignorierend, und setzte mich, nicht zuletzt in Ermangelung einer weiteren Sitzgelegenheit, schlicht an den Rand der cline, auf weächer tatsächlich Aquilius saß. Ernst musterte ich ihn. "Salve, mein Freund. Ich hatte gehofft, du hättest etwas Zeit", grüßte ich, als ich bereits saß.

    Zu anderer Zeit hätte ich womöglich amüsiert geschmunzelt ob dieser sich abspielenden Szenerie, heute jedoch war ich mit den Gedanken ganz wo anders. Mal grübelte ich über Ursus nach, mit welchem ich am gestrigen Abend zu allem Überfluss auch noch einen Streit gehabt hatte, mal blieben die Gedanken bei der captio des collegium septemvirorum hängen. Doch all diese Dinge erschienen unwichtig im Vergleich zu dem Leid, das die Flavier in der letzten Zeit in Form von Morden und Todefällen heimsuchte. Der gestrige musste allerdings der schlimmste gewesen sein. Ich folgte dem Sklaven hinein.

    Etwas irritiert blinzelte der Sklave, dann trug er nochmals vor, warum sein dominus hergekommen war.
    Neuerlich erwähnte er explizit den Namen des Flavius Aquilius und hoffte, dass dieser Eisklotz von Türhüter diesmal richtig aufpassen würde, was er sagte. :D

    Corvus, du warst aber schon lange vorher Moderator. ;)
    Gegen die Verbindung hat ja auch (glaube) niemand was. Es geht eher darum, dass es sozusagen seine erste Amtshandlung als Moderator war. Und auch wenn man dieses Moderatorentum mal außen vor lässt, so ist es dennoch unfair, wie das abgelaufen ist, was da abgelaufen ist, (edit:) wenn man bedenkt, wie sehr andere diese Beförderung vor Durus verdient haben.


    [SIZE=7]So, ich fahr nun heim, schreibt nicht so viel, das muss ich ja sonst alles lesen...[/SIZE]

    Zitat

    Original von Publius Decimus Lucidus
    ...ein Civis, der die sonstigen Anforderungen erfüllt (SimOff Anforderungen: Kurse ablegen, SimOn: richtiger Ordo) direkt Pontifex werden kann.


    Interessant. Mir sagte er auf Nachfragen rein interessehalber hin, dass man Erfahrung im CD haben muss. Und was Valeria betrifft, hat sie ja mehrmals deutlich gemacht, wo sie hin will, aber es scheint dennoch untergegangen zu sein. Ihre Reaktion kann ich daher durchaus verstehen. Ich hätte vermutlich schon viel früher aufgegeben.

    Zitat

    Original von Tiberius Duccius Lando
    Was die Problematik von weiblichen IDs angeht, hinter denen keine Frauenaugen auf die Bildschirme gucken gab es gestern schon eine kleine aber interessante Unterhaltung im IRC...


    Kannst du einen kurzen Abriss geben? Das interressiert mich jetzt. :D

    Gleich nach der salutatio am Morgen nach Agrippinas Tod hatte ich mich zu Fuß auf den Weg zur flavischen Behausung gemacht. Mein Besuch hatte keinen bestimmten Grund, vielmehr waren es viele Kleinigkeiten, die an sich doch nicht gerade klein waren. Ich wollte mich schlicht erkundigen, ob es meinem Freund Aquilius gut ging, denn Tags zuvor hatte er, nun, anders auf mich gewirkt. Und ebenso wollte ich Gracchus meine Hilfe anbieten, bei was auch immer, so er sie denn annahm oder brauchen würde. Am gestrigen Tage war etwas geschehen, das ich noch nicht greifen konnte, weder geistig noch körperlich. Aber eine Veränderung war vonstatten gegangen, gleichwie ich noch nicht sagen konnte, welcher Art sie war oder was mich überhaupt davon ausgehen ließ, dass dem so war.


    So ließ ich den mich begleitenden Sklaven klopfen und sein Sprüchlein herunterrattern, während ich gleichsam noch darüber nachsann, was genau geschehen war, sah man vom unfassbaren Geschehen um die verschiedene Vestalin einmal ab. Erst, als der Name Flavius Aquilius aus dem Munde meines Sklaven kam, blickte ich aus meiner Zerstreuung auf und wartete darauf, dass der ianitor mich einließ.