Da ich noch mit dem Rücken zu Aquilius stand, erschrak ich auch dementsprechend, als er nicht in erwartetem Tonfall änderte, sondern zornig brüllte. Im nächsten Moment ärgerte ich mich bereits darüber, dass ich leicht zusammengezuckt war. Ich wandte mich um. Die verzerrte Fratze des Mannes auf der Liege erinnerte kaum noch an den lebenslustigen Aquilius, der er einst gewesen war und doch noch sein sollte. Gleichermaßen fasziniert wie unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, sah ich ihn über die Entfernung von den paar Metern, die uns trennten, hinweg an. Ich hatte durchaus eine vage Vorstellung davon, wie es war, durchleben zu müssen, was er schilderte. Oder...nein, die hatte ich nicht. Wenn ich die Hand ausgestreckt hatte, hatte ich ihre Haut spüren können. Ich hatte ihr einen Kuss rauben können, wann immer mir danach war. Nicht im Geringsten wusste ich, wie es war, wenn man eine Vestalin liebte. Wie hatte ich das annehmen können? Und doch... Es war verfemt, eine göttliche Jungfrau zu lieben. War dies der Fluch der Flavier? Der Grund, aus dem sie so viele Todesfälle erleiden mussten in letzter Zeit? Schon sprach er weiter. Die Verzweiflung war ihm bei jedem einzelnen Wort anzusehen. Es machte mich ganz krank, nicht helfen zu dürfen, höhlte mich aus wie Wasser einen Stein. Dass er mich zu Unrecht etwas beschuldigte, war nur zweitrangig.
Als er dann Deandra erwähnte, presste ich meine Lippen aufeinander und sah fort. Ich hielt mich selbst nicht für den feinfühligsten Mann, gerade wegen der Art, auf die ich die letzten Seile gekappt hatte, die mich und sie verbunden hatten. Dennoch hatte sie mir etwas bedeutet und das tat sie auch noch, wider aller Gedanken in meinem Kopf. Wider der Entlobung. Wider dessen, was ich mir beständig einredete und hoffte, dass es irgendwann von der Fiktion zur Realität werden würde. Aber auch das war eine andere Geschichte, und Aquilius hetzte auch sogleich weiter. Mit enttäuschten Augen stand ich dort, hörte wie sich mein Freund um Kopf und Kragen brüllte und mich verfluchte. Kaltes Entsetzen schlich mir den Nacken hinauf, als er diesen Wunsch äußerte.
Und plötzlich schleuderte er mir die Erleuchtung entgegen.
Vollkommen perplex starrte ich ihn an, obwohl ein Teil von mir, welcher gleichermaßen fühlte, doch schon längst geahnt hatte, was all dies zu bedeuten hatte. Und doch war er so gelähmt, über Jahre hinweg dermaßen eingepfercht gewesen, dass er kaum noch zum Tragen kam. Während der ersten paar Schritte, die Aquilius von der cline fortstrebte, raste mein Puls mit den Gedanken um die Wette. Unwillkürlich fuhr ich mir mit der Rechten über das Gesicht, schnappte nach Luft. „Caius, ich.... Gracchus?“ fragte ich ungläubig und kam einen Schritt näher. „Es geht um Gracchus? Ihn? Deinen Vetter?“ Um jede Möglichkeit des erneuten Vorbeiredens auszuschließen, marterte ich ihn mit diesen Fragen. Und augenblicklich schlug auch das schlechte Gewissen zu, denn hatte ich nicht einen verruchten Momentlang gewünscht, die Welt möge aufhören, sich zu drehen, als ich seinen Duft aufgenommen hatte? „Aber...“ In Ermangelung einer spontanen plausiblen Erklärung hob ich die Arme auf Hüfthöhe und ließ sie wieder fallen. Einen flüchtigen Moment später musste ich mit ansehen, wie Aquilius einen kleinen Tisch anhob und damit ausholte. Ich unterdrückte den Impuls, Aquilius zurückhalten zu wollen, denn zu gut wusste ich von mir selbst, dass Zorn in Gewalt umgewandelt viel schneller abflaute als mittels Worten. Holz splitterte, regnete darnieder und bedeckte bald den Boden der kleinen Laube. Der Zorn schien durch einen letzten Ausruf vollends entwichen zu sein, zurück blieb ein Häufchen Aquilius, das leblos zwischen Splittern auf der Erde hockte. Der Vergleich mochte sinnfrei sein, aber er kam mir verletzlich vor wie ein Neugeborenes.
Vergessen waren all die Worte, die der Hass ihm eben noch eingepflanzt hatte, was jetzt zählte, war dass er mir zuhörte. Ich riss mich von meinem Fleck los und kam zu ihm. Vor ihm fiel ich ebenfalls auf die Knie, griff nach seinen Schultern und zog kurz daran. „Caius, ich bitte dich!“ sprach ich eindringlich, und weil er gar nicht, oder eher mir nicht schnell genug reagierte, barg ich sein Gesicht in meinen Händen und zwang es herum, sodass er mich ansehen oder aber die Augen verschließen musste. „Du bist mein bester Freund, wie könnte ich dich hintergehen? Wie könnte ich so etwas tun und dann hierher kommen, reinen Gewissens vor dir stehen und dich nach deinem Wohlbefinden fragen? Ich bitte dich, denke nach! Gracchus ist ein Freund, vielleicht nicht einmal das, ich weiß es nicht.“ Aufgebracht schüttelte ich den Kopf. „Ich habe ja nicht geahnt, dass....“ Ich ließ Aquilius’ Gesicht endlich los und setzte mich nun resignierend neben ihn auf den Boden. „Was muss ich tun, damit du mir glaubst? Damit nicht auch noch du mir Eigennutz und Intrigenspinnerei vorwirfst?“ Wie Ursus, dachte ich bitter. Wie meine eigene Familie. Mir wurde es kalt ums Herz.