Weder unvoreingenommen noch gerecht war ich. Diese Situation stellte Anforderungen an mich, denen ich schlicht nicht gewachsen war. Deandra, eine Frau, verlangte von mir, sie zu verstehen, auch wenn sie das nicht sagte. Ich schien hier mit all meiner Rationalität und all meiner Logik nicht weit zu kommen. Da war immer dieser vermeintlich vorwurfsvolle Blick, stets dieses traurig-betrübte Lächeln, welches davon kündete, dass eine Verletzung vorlag, auch wenn man jene nicht mit dem bloßen Auge erkennen konnte, da sie im Verborgenen lag. Während Deandra sich im Stillen auf die Suche nach den positiven Dingen ihres Lebens machte, grollte ich stumm vor mich hin. Ich konnte ihr ein solches Verhalten nicht durchgehen lassen, nein. Es hätte sonstwas passieren können, aber davon wollte sie scheinbar nichts wissen. Zugleich erleichtert und wütend, enttäuscht und voller Missbilligung startete ich erneut eine Runde um das mit viel zu viel Wasser gefüllte impluvium.
An dessen Kopfende sah ich hinunter und entdeckte mich selbst auf der spiegelnden Oberfläche des ruhig daliegenden Wassers. Ein bierernster Ausdruck lag auf meinem Gesicht. Wenn ich getrunken hätte, ehe ich hergekommen wäre, so hätte ich mich gar gefragt, ob sich die Stirnfalten in die Haut einbrennen würden. Es war Deandra, welche schließlich sprach und mich aufsehen ließ. Nun lag das Wasserbecken zwischen uns. Sie sprach ein ums andere Mal von der Zartheit ihres Wesens. Aus dem Mund eines Mannes hätte ich rein gar nichts einzuwenden gehabt, aber wie sie so über sich selbst sprach, klang es eher seltsam als verständlich. Auf den indirekten Vorwurf, mich nicht genügend um sie gekümmert zu haben, reagierte ich mit tieferen Stirnfurchen, ebenso wie auf das Thema des Todes unserer Eltern generell. Ich tat mein Bestes, nicht so oft daran zu denken. Es war schließlich schon schwer genug, den Ansprüchen meines bereits toten Vaters gerecht zu werden, ohne dass ich mich fühlte, als hätte ich nicht genug Mumm. Als sie von einer neuerlichen Wunde sprach, horchte ich auf. Wen meinte sie nur? Ihre neue Mutter, diese Oferta, Ofelia oder wie auch immer sie hieß? Neuerliche Fragen kamen auf. Warum hatte Deandra nicht mit mir über diese Umstände gesprochen? Warum hatte sie Menecrates nicht gebeten, seiner Frau auf die Finger zu klopfen? Und warum war sie, wie sie sagt, in Panik verfallen? Sie, die sie doch stets mit Bedacht und Weitsicht handelte?
Ich kniff meine Augen zusammen. "Wir sind hier nicht vor Gericht", antwortete ich freudlos und ließ sie weitersprechen. Auch hier verwunderte mich die Sicht ihrer Dinge wieder. Verständnislos schüttelte ich den Kopf, als sie von den Mühen sprach, welche dieses edictum nach sich gezogen hatte. Ungeheuerlich erschien mir, dass sie zwischenzeitlich gar wieder in Rom gewesen und Wege erledigt hatte. Nur einen hatte sie vergessen, namentlich den, ihren Verwandten und mir zu sagen, warum und wohin sie gegangen war. Ich machte eine ärgerliche Geste mit der Hand. Mein eigener Vergleich mit dieser Geschichte erschien mir nun zu albern, um daran festzuhalten. "Du tust geraede so, als wäre es unerlässlich gewesen, dich allein um diese Strafsache zu kümmern. Als hättest du weder bei Menecrates noch bei mir ein offenes Ohr und Hilfe bekommen", ereiferte ich mich. Neuerlich setzte ich mich in Bewegung und kam um das Wasserbecken herum. Mir erschien wichtig, dass Deandra bemerkte, wie wichtig dieser Sachverhalt mir war und dass sie ihn verstand. Doch ehe ich heran war, nahm sie mir den Wind aus den Segeln und entschuldigte sich dafür, derart weltfremd geworden zu sein. Ich wurde langsamer und blieb, wieder einige Meter entfernt, erneut stehen. Verkniffenen Gesichtsausdrucks betrachtete ich Deandras Gestalt, wie sie dort stand und die Sanftmut in Person zu sein schien, zerbrechlich und hilfebedürftig. Fast war ich versucht, ihr die Hilfe zu geben, nach der sie sich zu sehnen schien, doch eine hässliche Stimme in meinem Inneren erinnerte mich an Aquilius' Worte, welche Helena später so unschuldig bestätigt hatte. Mir kam der Umstand wieder ins Bewusstschein, dass sie ganz gut auf eigene Faust hatte umziehen und sich dem Edikt widmen können, warum sollte sie nun also meiner Hilfe bedürfen? Ich machte mir bewusst, dass ich während der vergangenen Wochen durchaus auch ohne ihre gelegentlichen Streicheleinheiten und die Gespräche ausgekommen wäre. Und hatte sie nicht eben gesagt, dass sie falsch über mich geurteilt hatte? Und das, obwohl sie mich von Geburt an kannte?
Während ich nachdachte, veränderte sich mein Äußeres in keinster Weise. Ich musste auf sie verkniffen wirken. Mein Geist wurde mit jeder Minute, die im Schweigen verstrich, unzugänglicher, verschloss sich weiter. Ich war wütend, weil ich einen Grund haben wollte, um wütend zu sein. Deandras verhalten war Grund genug, und ihr unschuldiges Spiel bot nur noch Anlass zum Wachsen für meine Missbilligung. Wie kam sie dazu, mir hier und jetzt, in dieser Situation die Frage nach diesem Hausdrachen zu stellen, den ich nicht einmal kannte? Ihr Lächeln registrierte ich, aber ich war nicht deswegen hergekommen, weil ich es sehen wollte. Ich war hergekommen, nachdem ich sie hatte warten lassen, weil ich ihr verdeutlichen wollte, wie sehr ich ihr Verhalten verachtete. Die lieben Worte über mich klangen in meinem Zorn wie Hohngespött. Die Lippen presste ich aufeinander. Alle Mühe gab ich mir, Deandra als treulos und selbstherrlich zu sehen. Es gelang wunderbar, nicht zuletzt durch die Worte, die mir im Gedächtnis hingen. Sprunghaft war sie, nicht gut für mich!
Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder und schnaubte. Ihre Erleichterung war mir ein Dorn im Auge. Wie konnte ein Mensch so tun, als ob alles bestens sei? Wie konnte sie Wochen des Auseinanderlebens vollkommen ignorieren? Ich schüttelte langsam den Kopf, begleitet von einem verständnislos-kühlem Ausdruck. "Alle Enttäuschungen sind gering im Vergleich zu denen, die wir selbst erleben. Du hast mich enttäuscht, Deandra. Nie hätte ich gedacht, dass du so handelst. Nie hätte ich vermutet, dass du den Claudiern oder mir den Rücken kehrst, noch dazu ohne eine Nachricht, eine Begründung. Du sprichst von Liebe, aber wäre sie wahrhaftig vorhanden, hättest du gänzlich anders reagiert. Statt dich wie eine Frau von deinem Stand zu verhalten, hast du die Kopflosigkeit einer halb so alten Plebejerin bewiesen. Was soll ich mit einer Frau an meiner Seite anfangen, die sich nicht über die Auswirkungen ihrer Taten bewusst ist, selbst nach mehreren geschenkten Tagen des Nachdenkens nicht? Statt mich oder deinen Vater aufzusuchen, bereist du Rom wie du es lustig bist. Statt um jene Hilfe zu bitten, welche dir zweifelsohne gewährt worden wäre, willst du dich selbst durchbeißen. Wie kann ich eine Frau in dir sehen, die es wert ist, meine Ehefrau zu werden, wenn ich dir nicht einmal in den grundliegensten Dingen Vertrauen schenken kann?"
Fragend hatte ich eine Hand auf Hüfthöhe gebracht und sah sie kopfschüttelnd an. Sogleich fuhr ich fort, nun den Zeigefinger erhoben. "Nein, sag nichts. Ich will keine Rechtfertigungen hören, keine Entschuldigungen. Ich möchte, dass du über meine Worte nachdenkst, denn ich bin nicht gekommen, um dich zu bitten, wieder mit mir zurück nach Rom zu gehen. Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass ich gedenke, die Verlobung zu lösen. Die Götter allein wissen, was mit der liebreizenden Schwester geschehen ist, die ich einst gehabt habe. Gib acht auf dich, aber was rede ich - du scheinst dich hier recht wohl zu fühlen und es wird dir auch sicher an nichts mangeln."
Schweigen breitete sich aus. Ich verweilte nur noch einen kurzen Moment, dann klangen meine Schritte auf dem marmornen Boden, denn ich gedachte, dieses Haus zu verlassen. Über die Maßen erzürnt, hielt ich es nicht eine Minute mehr herinnen aus. Ich hatte die Waagschale von gravitas und severitas maßlos überwogen und in meinem Zorn sogar von einer Entlobung gesprochen, obwohl ich das zunächst nicht beabsichtigt hatte. Dennoch verließ ich dieses Anwesen, ohne Deandra die Möglichkeit zu geben, etwas zu erwidern. Sie würde mir gewiss nicht nachlaufen, dessen war ich sicher, war dies gewiss unter ihrer Würde. Ich ließ meine Gefolgsleute zusammentrommeln, stieg auf mein Pferd und machte mich mit schmzerendem Kopf und gleichsam schmerzendem Herzen auf den Weg zurück nach Rom.