Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Scheinbar wusste die junge Frau nicht nur jemanden, der mir helfen konnte, sondern konnte mir gleich selbst helfen. Ich freute mich innerlich, dass ich nicht lange durch die Gänge zu laufen hatte und deutete Pyrrus, neben mich zu treten. "Danke, das ist sehr freundlich von dir. Konkret geht es um jene Verblichenen, welche sich auf dieser Tafel aufreihen." Pyrrus reichte der hübschen jungen Frau die tabula just in dem Moment, als ich darauf deutete, was das Ganze wie eine eingespielte Szene wirken ließ.




    Gnaeus Agricolus Tarquinius
    Severus Albius Scaevola
    Annaea Sorana
    Annaea Lucilla
    Annaea Quinta
    Marcus Annaeus Scipio
    Marcus Annaeus Philogenes
    Decimus Antonius Hadrianus
    Ancius Atius Antistianus
    Decimus Aurelius Galerianus
    Caius Aurelius Corus
    Marcus Aurelius Antoninus
    Tiberius Cornelius Sulla
    Duccia Verina
    Flavia Arrecina
    Germanica Claudia
    Titus Germanicus Traianus
    Titus Germanicus Pilatus
    Lucius Germanicus Maximianus


    "Korrekt, das Führen eines Betriebes stellt einen Verstoß gegen die lex mercatus dar. Du hast vollkommen recht in diesem Punkt. Dennoch entstand kein Schaden, wie du eben noch beharrlich behauptet hast", rief ich dem Caecilier ins Gedächtnis. Kurz darauf verärgerte er mich dann, indem er behauptete, ich hätte die Verhandlung gemieden. Doch ich zügelte die aufkeimende Wut und entgegnete: "Es mag dir entfallen sein oder man hat dich aufgrund der Nichtigkeit der Angelegenheit nicht benachrichtigt, doch zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung befand ich mich als Tribun bei der Legion in Germanien. Ich hege darüber hinaus keinesfalls die Absicht, über diese Angelegenheit weiter zu debattieren, denn für mich ist der Fall klar: Ich biete freiwillig einen anderen Weg als das endlose Warten auf einen Fortführung des Prozesses an, dessen Angeklagter verstorben ist." Kein anderes Familienmitglied konnte für die Verfehlungen Ciceros belangt werden, und wenn ich sein Erbe schneller vollstrecken würde als eine gerichtliche Einigung erzielt war, dann bestand auch keinerlei Anspruch mehr auf eine Kostenerstattung oder gar eine Strafzahlung, egal von wem.


    Ich war es leid, mich ständig wieder mit diesem Thema zu befassen. Entweder, man nahm mein Angebot an oder schlug es aus. In letzterem Fall würde man sich sicher selbst blockieren. Ich erhob mich. "Ich denke, es ist zu diesem Thema nun alles gesagt, Caecilius. Nicht ich kann euer Angebot annehmen, sondern ihr könnt das meine annehmen. Nichts anderes bot ich Detritus' Sohn an und nichts anderes werde ich euch anbieten. Wenn es euer Wunsch ist, die Verwaltung erneut mit der Wiederaufnahme eines banalen Prozesses zu malträtieren, dessen Angeklagter zudem längt tot ist, dann sei es so. Mein Angebot werde ich nicht wiederholen, doch ich gebe Detritus noch sieben Tage Bedenkzeit."

    "Oh, ich komme nicht zu der Annahme, werter Caecilius. Dein Worte waren 'sieh es als Entschädigung für den durch das Betreiben des Betriebes deines Onkels entstandenen Schaden an'. Nun, niemandem ist Schaden entstanden, da der Betrieb während des gesamten Abwesenheitszeitraumes meines Onkels führerlos brach lag. Der einzige, dem sozusagen ein Schaden entstanden ist, kann demnach nur mein verschiedener Onkel sein, Caecilius, da dieser zum einen nichts produzierte, zum anderen mit einer Vorladung bei Gericht belästigt wurde, obwohl er nachweislich nichts produzierte. Deswegen bin ich auch nicht dazu bereit, weitere Kosten zu erstatten. Dass ich für die Kosten eines Prozesses aufkomme, der zum einen sinnfrei und zum anderen von Prätoren, wie auch von den iudices und advotaci wegen Belanglosigkeit gemieden wird, sehe ich bereits als großzügiges Entgegenkommen an. Solltest du, oder vielmehr Octavius Detritus, der dich schließlich hierher geschickt zu haben scheint, auf dieses Angebot nicht eingehen, so tut es mir wahrhaftig leid, denn ob sich die zusätzlich geforderte Summe nun auf einhundert oder eintausend Sesterzen beläuft, bin ich dennoch nicht bereit, für einen angeblichen Schaden aufzukommen, der in meinen Augen niemals entstanden ist", entgegnete ich und nahm eine abwartende Haltung ein.

    "Der Schaden ist aber doch Cicero selbst entstanden und niemand anderem sonst. Insofern müsste er sich selbst entschädigen", gab ich zurück. Ich hatte nicht vor, kleinbei zu geben, auch wenn die Summe sich auf läppische einhundertfünfzig Sesterzen belief. Wenn Detritus sich einen verhältnismäßig teuren Advocat leistete, dann war das nun einmal nicht meine Sache.


    Sim-Off:

    Mag sein, dennoch waren nur die Prozesskosten abgemacht, zumal ich noch nicht mal weiß, ob ich das selbst zahlen soll oder es von Ciceros Konto abgebucht wird. ;)
    Darüberhinaus versuche ich auch, historische Impulse zu nutzen, wenn sie mir bekannt sind.

    "Eben drum, Caius, werde ich mit der Heirat ganz gewiss nichts überstürzen", bemerkte ich leicht abwesend, denn seine Worte hatten mein Denken in eine Richtung gelenkt, die ich gedanklich bisher erfolgreich umschifft hatte. Ich hatte ohnehin nie verstehen können, was sie an Sophus fand, oder auch, warum sie wegen einer schlichten Romanze, so es denn eine gewesen war, gleich die Familie hatte verlassen müssen. Dennoch gereichte mir selbst ihre Tat nun zum Vorteil. Oder war es doch ein Nachteil? Würde ich mit einer Anderen glücklicher werden, zufriedener, sorgloser? Hatten Deandra und ich nicht einiges eingebüßt, seitdem wir nicht mehr Bruder und Schwester füreinander waren? Gedankenverloren drehte ich den Weinbecher langsam in den Händen. Sprunghaft...war sie das? Diese Frage konnte ich im Schlaf beantworten: Oh ja, sie war sprunghaft, definitiv. Sie hatte ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Vorstellungen und ein Wesen, das gänzlich anders war als das anderer Frauen, besonders Patrizierinnen. War es nicht das, was ich so an ihr mochte? Oder gemocht hatte, als sie noch meine Schwester gewesen war? Verwirrt blickte ich in die dunkelrote Flüssigkeit. Mein Schweigen musste Aquilius bereits mehr sagen als alle Worte es vermocht hätten. Bei jedem anderen außer vielleicht Prisca hätte ich mich anders gegeben als hier. "Hm", machte ich schließlich, um das sich ausbreitende Schweigen nicht endlos in die Länge zu ziehen. "Ich merke gerade, wie hilfreich die Worte eines annähernd neutralen Betrachters doch sein können, Caius. Deandra ist in der Tat sprunghaft und agil. Allerdings geschah die Aufnahme in meine Familie bereits im Säuglingsalter. Nichtsdestotrotz nehme ich deine Worte ernst und werde darüber nachdenken, mein Freund." Aquilius erntete ein ehrliches Lächeln. Er hatte vollkommen recht, wenn er behauptete, dass ein weniger bürgerliches Leben auch weniger Schwierigkeiten bedeutete. Gerade an diesem Beispiel wurde es mir nun besonders deutlich. "Ich verstehe dich gut, wenn du sagst, dass dir das Fischerleben in seiner Einfachheit gefallen hat. Aber so ein Dasein ist dennoch nichts für uns, Caius. Uns ist ein anderer Weg vorgezeichnet als jener der einfachen oder mittellosen Männer. Du wirst einmal ein flamen martialis werden, ganz bestimmt, und ich... Mal sehen, was mein Weg noch für Überraschungen bereithält." Ich stellte den Becher fort, zum Zeichen für mich selbst, dass es nun genug des Nachdenkens über mich selbst und meine Zukunft sei, immerhin war ich nicht gekommen, um Aquilius mein Leid zu klagen, wenn vorhanden. Für einen Moment wünschte ich mir die Unbeschwertheit und schiere Uneingeschränktheit der Kindheit zurück, doch dann war der Moment auch schon verflogen und ich betrachtete in meiner weißen toga meinen Freund Caius. "Ich hörte, dein Verwandter, Furianus, sei derzeit als proconsul im Gespräch? Wenn du mich fragst, ist es kein Wunder, dass man diesen versoff... Matinius abgesetzt hat. Wenn Hispanien von sich Reden gemacht hat, dann wegen der Untätigkeit des amtierenden proconsul. Falls Furianus das Rennen macht, dürfte sich da unten so einiges ändern."

    "Zwei Jahre", bestätigte ich und nickte. Was mochte nur mit ihm geschehen sein, dass er jegliches Zeitgefühl verloren hatte? Die Antwort auf meine stumme Frage folgte auf dem Fuße, als er mir von der Verkettung unglücklicher Umstände berichtete, die ihn ins Nirwana verschlagen und zum Fischer gemacht hatten. Mit großem Interesse lauschte ich dieser - wie sie mir erschien - abenteuerlichen, ja beinahe fantastisch anmutenden Geschichte. Unvorstellbar, dass es wirklich Aquilius war, dem die Schicksalsweberinnen diesen Weg gesponnen hatten! Aber er sagte es ja selbst: Diese Geschichte klang verrückt. Ich schüttelte erstaunt den Kopf. "Wahrhaftig, Caius. Hätte ich diese Worte auf der Straße aufgeschnappt, ich hätte den Sprechenden für einen Schwachsinnigen gehalten. Du und Fischer! Ich stelle mir einen fischenden Patrizier vor, womöglich mit einem Strohhut auf dem Kopf, gekleidet in eine einfache tunica, wie er breitbeinig in einer kleinen Jolle balanciert und sein Netz auswirft, um die spärliche Ausbeute einiger weniger Makrelen zu fangen. Beim Iuppiter, und die Sonne brennt ihm dabei auf den Kopf, der sein vormaliges Leben vollkommen verdrängt hat!" Fassungslos und zugleich bewundernd schüttelte ich den Kopf. Allein die Vorstellung, in einer kleinen Hütte zu leben - ohne fließendes Wasser, ohne die vielen Annehmlichkeiten eines patrizischen Lebens - erschien mir undenkbar. Ich schüttelte abermals den Kopf, betrachtete dann die braungebrannte Haut meines Freundes und sein flachsblondes Haar. Die Worte über die Erben indes waren ein Scherz, dessen war ich mir sicher, zumindest was den ersten Teil betraf. Denn wer bestimmte schon uneheliche Bastarde zu seinen Erben? Beim letzten Teil des Satzen allerdings horchte ich auf. Auch Furianus hatte schon davon gesprochen, bald heiraten zu wollen. "Vermutlich könnte ich dir behilflich sein, was eine passendere Gattin als diese Fischersfrau anbelangt", entgegnete ich daher geheimnisvoll und schmunzelte Aquilius an. "In Kürze wird es ein Fest geben, mein Vetter, Cotta, ist gegenwärtig mit den organisatorischen Einzelheiten beschäftigt. Auf dieser Festivität gibt es sicherlich einiges zu entdecken, Caius, allen voran meine reizende Nichte Prisca und meine hübsche Cousine Helena. Ein Datum steht zwar noch nicht, aber du wirst selbstverständlich eingeladen werden", versicherte ich ihm und legte in einer vertrauten Geste meine Hand auf seine Schulter. "Deandra, ja, sie werde ich dir dann ebenfalls vorstellen können, sofern du sie noch nicht kennst."


    Vor den weiteren Ausführungen überlegte ich einen kurzen Moment. "Nun ja, das ist eine seltsame Geschichte, das gebe ich zu. Sie hatte die Aurelia ja freiwillig verlassen, um meinem Vetter Sophus den Weg zu ebnen, was eine Heirat anbelangte. Zwischen uns war schon immer ein besonderes Verhältnis. Nach ihrem genswechsel traten dann die ersten Schwierigkeiten auf, wenn man es so nennen mag. Ich war mit dem Wechsel nicht einverstanden, mit der geplanten Heirat schon gar nicht - du kennst das vielleicht: Großer-Bruder-Syndrom - und als ich mir endlich eingestand, warum ich diese Dinge nicht billigen konnte, wusste ich auch, warum Deandra immer schon etwas Besonderes für mich gewesen war. Das klingt ebenfalls verrückt, hm? Leider wissen nur wenige, dass Deandra schon von meinem Vater adoptiert worden war. Böse Zungen werden also von Inzest sprechen, bedauerlicherweise." Ich zuckte mit einer Schulter und betrachtete Aquilius stumm. "So hat jeder von uns ein kleines Problem. Du die Fischerin und ihr Kind, ich die Gerüchteküche, die mich umgeben wird, sobald es hart auf hart kommt - was aber gewiss noch eine Weile dauern wird, da ich mit der Heirat noch etwas warten will."

    Pyrrus war nicht lange fort, so zumindest schien es mir. Die Zeit war wie im Flug vergangen, was gewiss auch daran gelegen haben mochte, dass ich akribisch die Personen zuerst nach Alphabet und dann nach klaren Fällen gliederte, in denen der Staat das Erbe bekommen würde. Gerade fügte ich den Namen des Gnaeus Agricolus Tarquinius auf die Staatserben an, als Pyrrus klopfte und dann augenblicklich eintrat. Er grinste schief und hielt das Testament des Onkels mit spitzen Fingern hoch und mir entgegen. "Bin wieder da. Beim Iuppiter, diese schwarzen Männer haben echt nen Schatten. Und ne Vorliebe für Obsidian, oder schwarz zumindest. Ist ja alles düster in der castra. Kein Wunder, dass man da depressiv ist und so wird wie dieser Caecilius Crassus", plapperte er drauflos und ließ sich in einen Stuhl fallen. "Was machsten du da? Gibt's noch was zu tun? Sonst würde ich nämlich-" Ich sah auf und Pyrrus verstummte. "Ah. Es gibt was zu tun", stellte er nüchtern fest und der Traum von ein paar Stunden mit Niki zerplatzte. Schade, wo Pyrrus sich doch mit ihr zerstritten hatte und nun wieder aussöhnen wollte.


    "Das ist korrekt", gab ich zurück und erhob mich. "Du wirst mich begleiten, wir statten nämlich den Vestalinnen einen kleinen Besuch ab. Nimm diese tabula hier und komm, Pyrrus, es gibt noch viel zu tun, also lass uns nicht trödeln", wies ich ihn an und verließ mein officium. Im atrium wies ich einen Sklaven an, die milites zu organisieren, welche mich begleiten sollten....mussten. Den Weg wollte ich zu Fuß machen, also verneinte ich die Frage nach der Sänfte schlicht und verließ vor Pyrrus das Haus.

    Cottas verdatterten Blick bemerkte ich zwar noch, aber ich schenkte ihm vorerst nicht mehr als ein vielsagendes Grinsen, und dann war ich auch schon auf dem Weg gen Aschenplatzmitte. Was Cotta verkannte, waren meine Absichten. Ich wollte mich keinesfalls kopfüber in eine Schlägerei stürzen, auch wenn es ein Teil meines verbliebenen jugendlichen Selbsts danach dürstete, später mit einer "gewonnenen Schlacht" prahlen zu können. Nein, ich war nicht nur ein Patrizier, sondern auch ein Magistrat Roms, und also solcher sollte man nun mal keine allzu negativen Acta-Schlagzeilen machen - und das Mitmischen in einer Schlägerei würde definitiv unter "negativ" fallen. Vorerst nahm ich also nur Aufstellung im Kreis der Schaulustigen, und amüsierte mich insgeheim darüber, wie die drei Ordnungshüter der Thermen sich vergebens bemühten, die mittlerweile gut zehn Mann starke Kampftruppe auseinander zu zerren. Natürlich keimte in meinem Unterbewusstsein der Gedanke, dass - je näher ich am Geschehen stand - ich desto eher jemanden ab bekommen würde, aber solche Gedanken verboten sich schließlich von allein, und so trug ich nur eine bemüht desinteressierte Miene zur Schau.


    Jedenfalls solange, bis der Hauptakteur mit der vermeintlich gebrochenen Nase einen etwa zwanzigjährigen Mann herumwirbelte und dieser genau auf mich zu stolperte. Ich ging in die Grätsche und fing den Taumelnden ab, damit er nicht stürzte. Einen wirklich winzigen Moment später hatte ich seine gut gezielte Faust in meinem rechten Auge und lang ebenso überrascht wie rücklings im Staub. Zwei Männer zerrten den Mann von mir herunter und ich setzte mich verwundert auf. Wie war ich nur so schnell auf den Boden gekommen? Die Rechte griff automatisch an meine Schläfe, tastete über die bereits im Schwellen begriffene Augenbraue und befühlte das geschlossene Augenlid. Gleichzeitig musste ich ziemlich verwirrt aussehen. Nun ja, damit hatte ich schließlich auch nicht gerechnet. Leider hatte ich nicht einmal zum Gegenschlag ausholen können, denn der Mann befand sich inzwischen bei den nun einrückenden milites - wer auch immer diese Patrouille zur Hilfe gerufen hatte.


    Eine helfende Hand bot sich mir dar. "Ganz schön heftiger Schlag. Tut's sehr weh? Der gute Plinius war vorher schon einen heben, der hat's nicht so gemeint, ganz bestimmt." Ich griff nach der Hand und ließ mir aufhelfen. "Sieht vermutlich schlimmer aus, als es ist. Danke dir", erwiderte ich und nickte dem Mann in mittleren Jahren zu, ehe ich mich abwandte und zu Cotta zurück ging. Welcher echte Mann hätte auch freiwillig zugegeben, dass etwas mehr oder überhaupt schmerzte? Es tat in der Tat bereits etwas weh und klopfte unangenehm, aber das war auszuhalten. Immerhin war es sogar meine eigene Schuld, ich hatte die Situation ja unbedingt haben wollen. Hinter mir führten die milites einige der Streithähne ab, der Rest zerstreute sich allmählich oder tat unbeteiligt.


    Noch war ich nicht bei Cotta und befand mich noch einige Meter von meinem Vetter entfernt, doch ich hob bereits den Zeigefinger und ermahnte ihn vorsorglich. "Falls du jemals über diesen unrühmlichen Zwischenfall redest, Vetter, dann vergiss bitte nicht zu erwähnen, dass für dieses Veilchen zwei Männer mit Blessuren heim gegangen sind. Oder halt, besser noch drei, das kommt bei den Frauen heldenhafter an." Ich zwinkerte ihm zu - leider mit dem rechten Auge - und zuckte leicht zusammen. "Autsch. Hm. Was meinst du... Lassen wir uns reinigen und begeben uns ins Wasser?"

    Gewesene Größen Roms hatten es verdient, dass man ihnen die letzte Ehre erwies, und so war es auch nicht verwunderlich, dass ich mit meinem unpassenden Pflicht-Schlepptau - in Form der vier Soldaten der cohortes urbanae - am Tag der Bestattung des gewesenen consul vor dessen Haus einfand. Außer mir warteten noch die ein oder anderen Römer hier, und ich vermutete, dass sie wie ich weder zu besonders guten Bekannten, Klienten oder gar Freunden des Prudentiers gezählt hatten. Im Getümmel entdeckte ich auch Senator Purgitius Macer, der mir irgendwie größer als sonst vorkam ( :D ). Den Caecilier entdeckte ich ebenfalls, unterzog ihn nur einer kurzen Musterung und ließ den Blick dann zu Senator Vinicius schweifen. Auch Durus war unter den Trauergästen, sofern man in diesem Fall von Gästen überhaupt sprechen konnte. Ihm nickte ich über die Menge, welche sich versammelt hatte, freundlich zu. Ein Durchkommen war vorerst unmöglich, vielleicht lichteten sich die Reihen der Klienten, Verwandten, Freunde, Bekannten und Schaulustigen etwas, sobald sich der Zug in Bewegung gesetzt haben würde, und so blieb ich vorerst allein mit meinen recht stummen "Bewachern" und Livius Pyrrus, der bereits jetzt ungeduldig mit den Sandalen im Sand scharrte.

    Mit Livius Pyrrus im Gepäck überquerte ich das forum romanum. Vorbei an beeindruckenden Bauten ging es, an diskutierenden Menschen, dicklichen Ausrufern und auch an einem Brunnen, welcher fröhlich vor sich hin plätscherte. Mein Ziel war das atrium vestae, der Sitz der Vestalinnen und damit der Hüterinnen des Herdfeuers. Eine weitere Aufgabe der ehrwürdigen Jungfrauen war es, Testamente aufzubewahren, und wegen eben jener führte mich mein Weg nun hierher. Pyrrus hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und dackelte hinter mir her. Niki, die Köchin, hatte erst das Essen auf- und ihn dann abserviert. Er schmollte, obwohl er selbst wusste, dass er die Schuld an diesem Dilemma trug. Ein Gutes hatte seine Laune allerdings: Er hielt die Klappe, was angesichts der sonst nörgelnden Laute daraus recht angenehm war.


    "Na komm schon, Pyrrus, eile dich etwas", sporte ich ihn an und erklomm, gefolgt von den obligatorischen Soldaten der cohortes urbanae, die Stufen zum Gebäude. Oben angekommen, hatte Pyrrus wortlos zu mir aufgeholt und ging an meiner Seite in das Haus hinein. Eine Vestalin, die uns glücklicherweise über den Weg lief, hielt ich an. "Verzeih, mein Name ist Aurelius Corvinus und ich bin hier, weil die Pflichten eines decemvir litibus iucandis es gebieten. Ich würde gern mit jemandem über einige Testamente sprechen, kannst du mir da weiterhelfen?"

    Träge kratzte die Feder über ein Stück Pergament. Lustlos schrieb ich an einem Brief für den Verwalter meiner Ländereien in Sicilia, der ihn seines Amtes entheben und über die Anzeige informieren würde, welche ich gegen ihn eingereicht hatte. Die neuesten Abrechnungen, so hatte Cotta mir nämlich zugetragen, wiesen nicht nur Lücken, sondern ganz erhebliche Löcher auf. Geld war unterschlagen worden, daran bestand kein Zweifel. Wie sonst hätte sich der kleine Mann aus der Unterschicht so plötzlich vier neue Vollblutpferde, eine vergoldete Reisekutsche und Möbel aus hispanischem Dunkelholz leisten können? Für mich war die Sache klar, soviel stand fest. Dennoch war es keine Freude, meinen Ärger weitestgehend zu unterdrücken und den Brief neutral zu verfassen. Ablenkung kam da gerade recht, auch wenn meine Laune nicht gerade die beste war. Doch das änderte sich, als meine geliebte Nichte eintrat und mit ihrer strahlenden Erscheinung ein Stück Sonne in den Raum hinein trug. Ein prüfender Blick auf ihre unversehrten Hände verriet mir, dass sie nur nicht hatte klopfen wollen, nicht etwa nicht hatte klopfen können. Dennoch sah ich großzügig darüber hinweg, da ihre Begrüßung herzlich ausfiel. Die Feder fand einen Platz irgendwo auf dem Schreibtisch."Oh, Prisca... Mir? Passabel. Ich entlasse gerade Galvinius Brisco, aber sonst geht es mir gut. Du hältst mich auch gar nicht auf, es ist ohnehin müßig, solche Briefe zu verfassen. Was gibt es denn so Wichtiges, dass selbst der Sekundenbruchteil eines Anklopfens unmöglich hinnehmbar gewesen wäre?" fragte ich sie und zwinkerte ihr zu, zum Zeichen, dass ich nur einen Spaß machte. Darüber hinaus fiel mir folgendes auf: irgendetwas war anders an ihr. Nur was?

    Es verstrichen einige Minuten, in denen nur das leise Knistern und Knacken der Kohlen und des Weihrauchs zu hören war. Dann bahnte sich Priscas leise Stimme den Weg durch die Schweigsamkeit und rührten mein Herz an. "Ja, das haben sie wohl. Sie haben sich ergänzt und der eine war für den anderen die Luft zum Atmen. Das war immer schon so, weißt du? So etwas ist selten, Prisca, gerade in unseren Kreisen. Wie viele Ehen werden aufgrund von Bündnissen und Politik geschlossen? Ich gestehe, dass ich auch für mich selbst etwas in dieser Hinsicht erwartet hatte. Aber im Grunde wird die Ehe mit Deandra später auch diesen Zweck erfüllen, da sie nun eine Claudia ist." Das war sie in der Tat, und dies wurde mir nun wieder einmal bewusst. Ich seufzte leise und lauschte dann wieder Priscas Worten, die nicht so klangen, als seien sie die eines Kindes oder eines Jugendlichen. Vielmehr erschien sie mir nun erwachsen, vielleicht erwachsener als ich selbst war. Ich wandte meinen Blick den Figuren zu, die sie berührte, und betrachtete die Szene genau.


    "Da hast du recht", sagte ich schlicht und eine halbe Ewigkeit später, denn es war so, wie sie gesagt hatte. Daran gab es nichts zu rütteln. In Ermangelung erwidernder Worte oder einer sinnigen Tätigkeit, berührte ich einige Weihrauchkörner und konzentrierte mich auf das Knistern im foculus und Priscas Worte. Leider konnte man keine Verbindung zu den Toten herstellen, sie nicht fragen, was ihr Geist dachten und fühlte. Als Prisca sich einhakte, wandte ich den Kopf und sah zu ihr hinunter. Mehr und mehr schien sie Deandras Platz als Schwester einzunehmen, und das war gut so, denn Deandra benötigte nun eine andere Aufmerksamkeit. Ich mochte das Großer-Bruder-Gefühl, und ich hätte fast jeden meiner Verwandten mit meinem Leben verteidigt, besonders aber die Frauen. Dass Cotta sich durchaus gut schlagen konnte, wusste ich ja Dank des Thermenbesuchs. Dieser Gedanke ließ mich schmunzeln, und mit Zuversicht im Herzen zwinkerte ich Prisca zu.


    "Die einen mögen dich jung nennen, Prisca, aber ich weiß, dass du erwachsen und anständig bist. Das zeigt mir die Art, wie du dich ausdrückst. Davon sollte sich so mancher orator eine Scheibe abschneiden. Wenn dir jemand etwas anderes sagt, dann höre nicht hin. Vielen trübt Schönheit die Sicht, und in dir vereint sich beides." Ein Lächeln untermalte diese Ansicht, meine Beurteilung Priscas. "Un nun lass uns das tun, weswegen wir hergekommen sind. Anschließend kannst du mir ja vielleicht erzählen, was dich vorhin beim Essen so bedrückt hat", sagte ich und griff nach einigen Opferkeksen.


    "Ihr auctores generes, wir opfern euch zu Ehren diese Kekse, auf dass es euch im elysium wohlergehen mag und auf dass ihr wohlwollend auf eure Nachkommen hinabblickt. Euer Erbe wird fortgeführt, was begonnen ist, wird vollendet werden. Kehrt diesem Haus euer Gesicht zu und vertreibt die larvae. Wir bitten euch, stärkt die lares et penates und geht auf in unserer Liebe, die euch stets begleitet." Ich schwieg und legte mit bedächtigen Bewegungen insgesamt vier Kekse in die Opferschale. Nur langsam schwärzte sich das Gebäck und verströmte dabei den Geruch nach Angebranntem. Erneut sah ich zu Prisca. "Jetzt sollten wir aber Volcanus nicht vergessen. Der Gute hat schon lange genug gewartet."

    Ich nickte. Das war im Grunde auch nur das, was ich von einem vernünftigen Mann wie Detritus erwartet hatte. Darüber hinaus schien Detritus ein heißer Kandidat für den Senat zu sein und ein solches Entgegenkommen sprach nur für ihn. "Ich muss zugeben, dass ich nichts anderes erwartet habe", erwiderte ich daher. Was die weiteren Worte des Caeciliers angingen, runzelte ich allerdings die Stirn, denn zum einen wusste ich, dass die Prozesskosten aus fünfhundert Sesterzen bestanden, zum anderen hatte ich seinen Versprecher gehört. "Lediglich eure Auslagen. Natürlich, das sollte machbar sein. Der Nachlass des Cicero wird die Summe verschmerzen können. Allerdings ist es mir doch ein Rätsel, wie sich die sechshundertfünfzig zusammensetzen, Caecilius. Möchtest du da Licht ins Dunkel bringen? Denn die Prozessgebühr hat ja lediglich eine Höhe von fünfhundert Sesterzen."

    Dem Sklaven hatte ich den wärmenden Umhang aus der Hand genommen. Ich wollte ihn Sisenna selbst umlegen. Sie hatte scheinends angenommen, ich würde nicht zu meinem Wort stehen, denn sonst wäre sie bereits angekleidet gewesen und hätte nicht auf ihrem Bett liegend geschmollt. Schmunzelnd entwand ich ihr meine Rechte und erwiderte, während ich bereits die palla ihr umlegte: "Natürlich. Ein Aurelier muss immer zu seinem Wort stehen, Sisenna, und in deinem Fall mache ich das sogar gern. Zieh dir das über." Ich wandte mich zu dem unbeholfen in der Ecke stehenden Sklaven um und schickte ihn fort. Sisenna und ich würden in den Garten gehen, vielleicht sah man vom xystus aus bereits etwas, wenn nicht, würde ich es auf der freien Fläche für die Ballspiele versuchen. Ich reichte ihr meine Hand. "Bist du bereit? Dann können wir los." Und kaum hatte ich es gesagt und mich vergewissert, dass Sisenna fertig war, führte ich sie auch schon aus ihrem Zimmer hinaus, die Treppe hinunter, durch das atrium hindurch und steuerte den Säulengang an. Zwischendurch warf ich Sisenna prüfende Blicke zu. Ob sie ahnte, was ich vor hatte? "Du hast doch keine Angst im Dunkeln, oder?" fragte ich sie, als wir in das düstere Peristyl hinaustraten und ich den in Düsternis daliegenden Garten ansteuerte. Nur wenig später traten wir auf den xystus hinaus und ich sah, was ich sehen wollte. Über uns spannte sich ein rabenschwarzer Himmel, gespickt mit hellen Punkten. Ich wandte mich Sisenna zu und lächelte sie flüchtig an. "Wir sind da."



    Sim-Off:

    Ein erster Versuch, was Gescheites zu schreiben. Hm, ich glaube, beim Rest warte ich noch etwas, das klingt ein wenig holprig, leider.

    Ich muss mich mal halb-inaktiv melden für eine Weile. Mich hat eine ziemlich üble Grippe erwischt und neben den Abwehrkräften auch einen Großteil der Kreativität lahm gelegt.
    Wenn ich dennoch mal was schreibe, erwartet aber keine ausgefeilten Texte oder Romane von mir und meinem Döselkopf. ;)

    "Ja, das glaube ich", bestätigte ich. Schließlich kannte ich Deandra seit meiner Geburt, und sie war einfach niemand, der sich Hals über Kopf - und vor allem, ohne etwas zu sagen - in ein Abenteuer stürzte. Sicherlich neigte sie zu Hitzköpfigkeit und besaß in gewisser Weise auch einen nervenraubenden Starrsinn, was so manches betraf, aber wenn sie ernsthaft beabsichtigte, lange fortzubleiben, hätte sie vorher mit mir darüber gesprochen, auch wenn sie noch so enttäuscht oder wutend war. Davon war ich überzeugt. "Tu das. Misenum und Rom, genau. Letzteres ist zwar unwahrscheinlich, denn da hätte sie genauso gut in einer Sänfte reisen können, aber wir wollen besser nichts unversucht lassen", erklärte ich, hielt einen Moment inne und musterte die Sklavin. "Richte deiner Herrin meinen Dank für diese Information aus, und versichere Menecrates, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um sie zu finden." Ich rechnete es Epicharis hoch an, dass sie mich informiert hatte.