Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Also nichts vom Markt wollte sie. Ich überlegte, womit ich ihr sonst eine Freude würde machen können, denn hieß es nicht, dass ein frohes Gemüt schnellere Genesung erfuhr? Zumindest war ich der Meinung, dass ich in irgendeiner alten ägyptischen Übersetzung etwas in dieser Art gelesen hatte. Mir kam eine Idee, die ich gleich nachher in die Tat umsetzen lassen wollte - Brix und Naavi würde ich schicken, die beiden würden sicher Umsicht und Geschick walten lassen und einen aussuchen, der sowohl mir als auch Helena würde zusagen. Zu mir selbst nickte ich leicht, was für Helena sicher komisch wirken musste. Mein Blick ruhte fortan auf ihrem engelsgleichen Antlitz, musterte die fein geschwungenen Augenbrauen und die leuchtend blauen Augen, welche immer mehr von ihrem Glanz zurück bekamen, je besser es ihr ging. Unweigerlich zeigte sich ein Lächeln, denn ihre Worte hatten mir wieder einmal verdeutlicht, wie schön es doch war, wenn man eine intakte Familie hatte, die hinter einem stand. Und natürlich war Helena auch etwas besonderes für mich. Nachdem ihr Vater gestorben war, hatten wir einige Dinge allein zusammen unternommen, nur Sisenna war ab und zu dabei gewesen, und das - so glaube ich - hatte uns noch ein Stück weit näher zusammengeschmiedet.


    "Ich weiß es, ja. So wie du weißt, dass du auch stets zu mir kommen kannst", erwiderte ich. Überreizt war etwas untertrieben, ich war vollkommen ausgerastet und hatte mich wie ein Kind benommen, doch da sie so galant darüber hinwegging, wollte ich nicht darauf bestehen, mich erneut zu entschuldigen. Nur wenig später lehnte sich Helena zurück und musterte mich erneut. Draußen begann es zu regnen, wohl einer der letzten Sommerregen für dieses Jahr, ehe der goldene Herbst seinen Einzug halten würde. Und in diese Idylle hinein, in der keiner etwas sagte, erklang ein Satz, der mich verwundert inne halten und meinen Blick zu Helena wenden ließ. Deandra tut mir nicht gut. Ich sagte erst einmal gar nichts, sah Helena nur ruhig an und dachte nach. Hatte Aquilius nicht auch genau das sagen wollen mit seinen Worten? Warum wiederholte Helena das unwissentlich? War ich tatsächlich verblendet? Fühlte ich mich wohl, wenn ich an sie dachte? Zumindest in dieser Zeit musste ich das verneinen. Eigentlich war das seit der schlechten Nachricht in Germanien so gewesen. Ich hatte mich erfolgreich belogen und gut geschauspielert, aber gut ging es mir nicht, wenn ich an Deandra dachte. Und wie auch, immerhin war sie seit zwei Tagen auch spurlos verschwunden, und das ohne auch nur irgendwem ein Sterbenswörtchen zu sagen oder zu verraten, wo sie sich aufhielt. Ging man denn so mit seinen Liebsten um, mit seiner Familie, seinem Verlobten?


    Tiefe Furchen zeigten sich auf meiner Stirn, und ich leugnete nicht, was Helena für sich festgestellt hatte. Stattdessen fragte ich sie abwesend und von Urteil freier Stimme: "Wie kommst du darauf?" Nicht etwas, weil ich aufbegehren wollte, sondern weil mich schlicht und ergreifend die Antwort interessierte.

    So, Latein war also nicht ihre Stärke. Wenn man den Sklavenhändler kannte, so bedeutete dies, dass sie entweder gar kein Latein oder es nur bruchstückhaft sprechen konnte. Und sie schien bereits Vorbesitzer gehabt zu haben, die sie geformt und ihr Lausigkeiten ausgetrieben hatten. Hm, das klang durchaus interessant. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten bot er dann an, dass die Sklavin selbst etwas sagen sollte. Ich neigte den Kopf leicht zur Seite und wartete auf eine Antwort von ihr auf die von Brix gestellte Frage bezüglich der Sykomoren, doch stattdessen speiste die Sklavin die Interessenten mit einem Zitat aus einem christlichen Psalm ab, von dem ich natürlich nicht wusste, woher die Worte wirklich stammten. Mit Christianern hatte ich weniger als gar nichts am Hut. Verwundert runzelte ich die Stirn, und auch Brix, der ja weiter vorn stand, wandte sich fragenden Blickes nach mir um. Ich bedeutete ihm mit einem Nicken, dass mein Interesse noch bestand, und so wandte er sich wieder nach vorn und adressierte seine nächste Frage nun an die Sklavin selbst. "Mein dominus möchte wissen, ob du dich mit der Pflege exotischer Pflanzen auskennst."


    Während Brix für mich das Gespräch führte, versuchte ich, die Blicke zu deuten, die mir die Sklavin zuwarf. Sie schien demütig und unterwürfig, aber in dem Blick schwang eine vage Wildheit mit. Ehe die Sklavin auf Brix' Frage antworten konnte, wechselte ich ein paar wenige Worte mit dem neben mir stehenden Trautwini, welcher unverzüglich danach die Hand hob und "Sechshundert!" rief. Abwartend blieb ich stehen, denn natürlich interessierte mich die Antwort auf die Frage noch.

    Ich sah Helena prüfend an, während sie sprach. Schließlich drückte sie mich kurz und ließ mich dann los. Einen Moment lang ruhte mein Blick noch auf ihr, dann sah auch ich kurz fort und erwiderte: "Nun, weißt du....eigentlich teile ich Marinas Sorge. Auch an Kopfschmerz sind schon Leute gestorben." Mir wurde klar, dass ich ihr vielleicht Angst machte, und deswegen beeilte ich mich, noch etwas hinzuzufügen. "Aber wenn es dir wirklich besser geht, dann sollte uns das natürlich freuen und keinen Grund mehr zur Sorge bieten. Möchtest du vielleicht etwas Bestimmtes haben? Ich könnte später jemanden auf den Markt schicken", bot ich an, als es klopfte. Ich wandte den Kopf und gewahrte Dina, die ein Tablett hineinbalancierte, auf dem Getränke standen. Entweder, sie war selbst so umsichtig gewesen, oder aber Helena hatte sie beauftragt. Ich wartete, bis Dina wieder gegangen war, dann wollte ich aufstehen und Helena und mir die Becher holen, doch meine Base war schneller. Es schien ihr also wirklich wieder gut zu gehen, was ich mit Freude bemerkte.


    Helenas Befürchtung, sie würde sich unmöglich benehmen, war unbegründet. Mir fiel nicht einmal auf, welche Schwierigkeiten sie mit der Situation hatte, die mich urplötzlich etwas an jene in Germanien erinnerte. Schnell schob ich den Gedanken beiseite, ich wollte nicht wieder in die gleiche Lethargie verfallen wie damals. Ich selbst musterte Helena schmunzelnd zurück, während sie trank. Ihre Frage kam für mich plötzlich und unerwartet. Sah man mir wirklich so sehr an, dass ich von Zweifeln geplagt nicht wusste, ob ich Deandra selbst suchen oder es Sklaven überlassen sollte, was ihr sicherlich wieder irgendein Zeichen der Lieblosigkeit sein würde? Dass meine Cousine mich sozusagen überrumpelt hatte, war gewiss deutlich auf meinen Zügen abzulesen, ehe ich mich fasste und überlegte, was ich sagen sollte. Wenn Helena ebenso feine Tastsinne besaß wie Prisca, dann wäre es unsinnig, den Umstand als nichtig abzutun. Und dass sie ein Gespür besaß, wurde durch ihre Frage ja deutlich. Dennoch war ich nicht hergekommen, um Helena abermals meinen Kummer aufzuladen. Ich angelte seitlich nach dem gefüllten Wasserbecher, während ich überlegte, was ich sagen sollte. Schließlich, als ich einen kurzen Schluck getrunken hatte, entschloss ich mich für die Wahrheit, wenn ich sie auch nur knapp anreißen wollte. Nun war wohl ich es, der sich unmöglich benahm. "Du hast recht. Sie lässt nichts von sich hören und ich frage mich, ob ich sie suchen soll oder nicht. Sie war schon immer anders als andere Frauen, und einige Eigenheiten schätze ich ganz besonders wenig daran. Aber das sollte dich nicht belasten, Helena, du musst jetzt erst einmal wieder gesund werden." Ich warf ihr ein Lächeln zu und sah in die klare Flüssigkeit hinunter. "Weißt du, ich habe mich auch nie dafür bedankt, dass du ein offenes Ohr für mich hattest, damals. Ich war nicht gerade freundlich zu dir, und das tut mir leid." Hier sah ich auf und blickte in ihre Augen, denn ich meinte ernst, was ich sagte. "Ich danke dir, dass du für mich da warst."

    Dina gab sich redliche Mühe, Helena wirklich schnell zu schminken, und sie tat auch nur das Nötigste, denn schließlich hätte eine ordentliche Frisur in Verbindung mit dem sorgfältigen Auflegen von Schminke Stunden in Anspruch genommen. Doch da sie sich sputete, war sie nach gut zwanzig Minuten fertig. Zwar nicht zufrieden, doch Helena würde so ihren Vetter empfangen können, ohne dass dieser schreiend aus dem Zimmer flüchten würde.


    Während Dina in Helenas Zimmer weilte, lungerte ich vor der Tür herum und wartete darauf, dass ich endlich hineingehen durfte. Warum waren Frauen nur stets der Meinung, sie sähen nur dann gut aus, wenn sie ihr Gesicht in eine alabasterfarbene Maske verwandelt und sich selbst in seidene Gewänder mit allem möglichen Kitsch gekleidet hatten? Dina jedenfalls schien ebenfalls dieser Meinung zu sein. Herrje, was dauerte denn da drinnen so lange? Fast war ich versucht, einfach einzutreten, doch mahnte meine innere Stimme mich dennoch zur Vorsicht: Vermutlich wurde Helena gerade eingekleidet, und in eine peinliche Situation wollte ich sie nicht bringen. Gerade überlegte ich, wieder hinunterzugehen und mich wieder in die Schriftrolle zu vertiefen, bis das Geheimnis um Helena endlich gelüftet werden würde, da öffnete sich - endlich! - die Tür und Dina schlüpfte hinaus. "dominus, deine Base würde dich nun gern empfangen", teilte sie mir mit und trat zur Seite. Ich nickte ihr halbherzig zu und trat dann in den hellen Raum hinein.


    Ein filigranes Rankenmosaik auf dem Boden begrüßte jeden Besucher mit einer nachdrücklichen Grazie. Vermutlich hatte sich Helena deswegen dieses cubiculum ausgesucht. Meine Base saß auf dem Rand ihres Bettes, über das sich ein perlweißer Baldachin spannte, und sah trotz der Blässe bezaubernd aus. Lächelnd kam ich näher, zog mir einen Sessel heran und nahm vor ihr Platz. "Wie geht es dir heute, Helena?" fragte ich sie und ergriff fürsorglich ihre Hände. "Du siehst schon wieder viel frischer aus als vor ein paar Tagen."

    Müden Ausdrucks hatte ich mich wieder einmal bei Dina nach Helenas Befinden erkundigt. Sie machte mir Sorgen, offengestanden. Bisher hatte sie sich erfolgreich geweigert, einen medicus zu konsultieren, doch wenn es ihr heute wieder nicht besser ging, würde ich darauf bestehen, dass sie sich von einem Arzt untersuchen ließ. Dina konnte mir an diesem Morgen leider noch nicht sagen, wie es Helena ging, da auch Helenas Leibsklavin, Marina, noch nicht nach ihr gesehen hatte, aber sie bot mir an, gleich nachschauen zu gehen.


    Ich überlegte einen Moment, legte dann die Schriftrolle beiseite, in der ich gelesen hatte, und entgegnete: "Danke, aber das wird nicht nötig sein. ich werde ihr gleich selbst einen Besuch abstatten." Dina sah mich besorgt an und erwiderte: "Aber dominus, sie ist doch nicht gesellschaftsfähig! Ich meine...sollte ich nicht besser zuerst nachsehen und sie für einen Besuch angemessen herrichten?" "Nein", sagte ich und schüttelte den Kopf. "Es ist vollkommen normal, dass man bei Krankheit nicht wie das blühende Leben scheint. Ich werde es schon aushalten, mach dir da mal keine Sorgen. Außerdem gehört sie zur Familie." Und darüber hinaus würde dies nicht das erste Mal sein, bei dem ich Helena im Nachtgewand sehen würde, auch wenn sie damals noch klein und ich sehr viel jünger gewesen war. Ich schmunzelte. "Aber du könntest in der Tat vorausgehen und dich kurz erkundigen, ob sie sich über einen kleinen Besuch meinerseits freuen würde", wies ich Dina an, welche sich verneigte und aus meinem officium huschte.


    Ich las den Absatz noch fertig, dann machte ich mich auf den Weg zu Helena. Während ich noch las und dann die Treppe hinauf steig, ar Dina schon an Helenas Raum angelangt und öffnete zaghaft und behutsam die Tür. "domina?" fragte sie beim Türöffnen, und als sie dann sah, dass die Vorhänge zurückgezogen waren, atmete sie erleichtert auf, denn das bedeutete, dass Helena bereits wach war und nicht mehr schlief. Dina trat ein und schloss die Tür. "domina, wie geht es dir heute? Wenn du mir die Bemerkung gestattest, du schaust seit langem wieder rosig aus. Dein Vetter hat sich nach dir erkundigt und fragt sich, ob du einem kurzen Krankenbesuch zuträglich seist", erzählte Dina und ordnete dabei Helenas Haar unaufgefordert etwas. "Wir könnten dir einen dünnen abolla umlegen, die Haare rasch hochstecken und dir etwas Duft auflegen, was meinst du?" schlug sie vor und lächelte Helena von der Seite aus an.

    Auf meinem Rückweg vom tabularium hatte ich beschlossen, den Märkten einen Besuch abzustatten. Ich brauchte dringend einen Sklaven mit geschickten Händen, der sich um den aurelischen Garten kümmern sollte, denn dieser glich in immer mehr und mehr Teilen seines Wildwuchses einem gewöhnlichen germanischen Kräutergärtchen, und das sollte nun nicht so sein. Schließlich wollte man auch Gäste einmal im hortus empfangen.


    Eigentlich hatte ich nach einem kräftigen Sklaven Ausschau gehalten, doch einer der bekanntesten Händler der Stadt pries soeben eine junge Frau an, die neben gärtnerischen Fähigkeiten noch andere Handgriffe zu beherrschen schien, und deswegen gebot ich den mich begleitenden milites und Sklaven, stehen zu bleiben und widmete mich interessiert den Worten des Händlers, welche sich über die Geräusche des Platzes hinweg Gehör verschafften. Während er sprach, ruhten meine Augen auf der Sklavin. Sie sah nicht aus, als gebärdete sie sich wie toll, sobald man ihr den Rücken kehrte. Leider wurden wilde, biestige Sklaven für meinen Geschmack viel zu oft angeboten in letzter Zeit. Als der Händler bemerkte, sie würde auch auf besondere Wünsche eingehen, musterte ich die Sklavin mit anderen Augen. Hübsch war sie, besaß einen ansehnlichen Körper und hatte, sofern ich das von hier aus beurteilen konnte, sinnliche Lippen. Sie erschien mir stolz zu sein, aber dennoch gefügig. Und da sie die Fähigkeiten zu besitzen schien, nach denen ich gesucht hatte, winkte ich Brix heran und trug ihm auf, etwas zu fragen.


    Sodann bahnte sich Brix seinen Weg etwas näher heran und erhob die Stimme. "Mein dominus wünscht zu erfahren, ob die Sklavin des Lateinischen mächtig ist. Ebenso hätte er gern gewusst, ob sie sich mit Sykomoren auskennt." Sykomoren, also Maulbeerfeigen, die eigentlich aus Africa stammten, wollten im aurelischen Garten nicht recht gedeihen und bereiteten mir Sorgen. Ich hatte eine Vorliebe für fremdländische Gewächse, doch die Sykomoren waren bedauerlicherweise nicht das einzige, das nicht annehmbar gedieh.

    So. Deandra war also wahrhaftig zuegegen. Ich stellte mir die Frage, warum in aller Welt es unbedingt Ostia sein musste, unbedingt dieses Landhaus. Waren denn die claudischen Gefilde nicht angemessen? Dürstete es ihr nach Abgeschiedenheit? Aquilius' Worte kamen mir wieder in den Kopf: Sie scheint sprunghaft. Du solltest dich fragen, wie beständig ihre Wünsche sind. Bewies ihr Verhalten nicht, dass es so war, wie Aquilius gesagt hatte? Warum sonst hätte sie die Familie verlassen sollen, in die sie sich auf eigenen Wunsch hatte hineinadoptieren lassen?


    In meine Grübeleien hinein trat schließlich Deandra in die kleine Halle, und das so leise, dass ich sie erst bemerkte, als sie unmittelbar neben mir stand und mich per Küsschen begrüßen wollte. Eigentlich hatte ich einen strengen und missgelaunten Gesichtsausdruck für diesen Moment geplant, aber im ersten Moment war ich doch froh, dass sie wohlbehalten vor mir stand. Ich räusperte mich und versuchte, einen der geplanten Gesinnungen auf meinem Antlitz erscheinen zu lassen, was sich augenblicklich in einer strengen Mimik niederschlug. Als Deandra die Hand hob, um mein blaues Auge zu berühren, hielt ich ihre Hand fest und führte sie zur Seite, dann ließ ich das Handgelenk los. "Nein, eine Schlägerei", erwiderte ich grußlos. "Lasst uns allein", kommandierte ich und wartete, bis sich das atrium geleert hatte. Dann begann ich augenblicklich damit, auf und ab zu gehen, mit auf dem Rücken zusammengefassten Händen, versteht sich.


    "Kennst du schon die Geschichte, von der Frau, die weglief? Ich will sie dir mal grob umreißen, Deandra.
    Es war einmal eine Frau, nennen wir sie Drusilla, die fühlte sich ungerecht behandelt, fühlte sich unverstanden und ungeliebt, und deswegen beschloss sie, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einfach fortzulaufen wie ein kleines Mädchen. Natürlich sagte sie niemandem, wohin sie zu gehen beabsichtigte, und selbstverständlich war sie so selbstbewusst, dass sie ohne auch nur an Schutz zu denken in ihre Kutsche stieg und abfuhr. Während sie also nun abgesondert und zurückgezogen ihr Dasein fristete - ob zufrieden oder nicht, sei dahingestellt - hatte sie natürlich keine Ahnung, dass nicht nur ihr Vater, sondern auch ihre Schwester, ihr Verlobter und dessen Familie krank vor Sorge überall nach ihr suchten. Sie scheuten keine Mühen und nahmen selbst weite Reisen auf sich, um Drusilla zu finden. Es dauerte beinahe eine ganze Woche, bis ihr Verlobter sie fand, wie sie wohlauf, aber unbeteiligt an den ganzen Sorgen und Ängsten, die sie heraufbeschworen und selbst verursacht hatte, in ihrem frisch gemachten Nest saß. Er war weder angetan von ihrer Handlungsweise, noch würde er ein solch dummes Verhalten in einer Ehe tolerieren. Vermutlich war sich Drusilla nicht darüber im Klaren, dass ihr Verlobter eigentlich besseres zu tun gehabt hätte, als tagelang nach ihr zu suchen, er war nämlich decemvir und als solcher hatte der Magistrat Verpflichtungen und konnte sich nicht leisten, so viel Zeit für eine sinnfreie Suche zu verschwenden. Jedoch, als er dann bei ihr ankam und sah, dass es ihr gut ging, erzählte er ihr eine Geschichte, die dieser gar nicht unähnlich ist. Und als er schloss, da stand nurmehr die Frage nach dem Warum im Raum, ehe sich Drusillas Verlobter abwenden und allein wieder nach Hause reiten würde"
    , erzählte ich in möglichst neutralem Tonfall. Dennoch gelang es mir nicht, den unterschwelligen Ärger gänzlich rauszuhalten. Ich blieb stehen, gute vier Meter von Deandra entfernt, wandte mich zu ihr um und verschränkte die Hnde vor der Brust. "Und das, obwohl Drusillas Verlobter Pferde hasste", fügte ich nüchtern hinzu und rührte mich nicht mehr.

    Erneut brachte mich die Decima zum Lachen, als ihr diese Bemerkung mit dem Kaiser herausrutschte. Zu allem Überfluss zierte bald auch eine rote Färbung erneut ihre Wangen, und dieser Umstand war es schließlich, der mich verstummen ließ. Immerhin wollte ich nicht, dass sie dachte, ich würde sie auslachen. Es waren vielmehr die überschwänglichen (und schuldbewussten?) Äußerungen über den princeps, die mich erheitert hatten. Nicht, dass ich Ulpius betreffend etwas anderes annahm als Lucilla so hastig versicherte, doch sie wirkte in ihrer ganz besonderen Weise recht, hm, drollig schien mir durchaus ein passendes Wort zu sein. Ich ging also nicht näher darauf ein - mein Grinsen musste ohnehin Bände sprechen - sondern schritt weiter an ihrer Seite die Straße entlang. An einer Kreuzung mussten wir einen unansehnlichen und übelriechenden Haufen Unrat umgehen, und ich war froh, als wir diesen stinkenden Berg umschifft und hinter uns gelassen hatten. Einer der milites hingegen schien gegen jedwede Geruchsstoffe immun zu sein, denn er marschierte mitten hindurch und trug damit Teile des Berges durch die halbe Via Ardeatina.


    Ganz unglaubwürdig musterte ich die mich begleitende, dunkelhaarige Schöne. Wie konnte man in so kurzer Zeit so viele Worte sprechen und zugleich auch noch so viele Informationen hineinpacken? Ich musste acht geben, Lucilla nicht allzu erstaunt anzuschauen, was mir vermutlich auch weitestgehend gelang, indem ich die Verwirrung mit Worten überspielte. "Livianus...Meridius...Maior, Matho, Lu..? Vergib mir, aber das ging etwas zu schnell. Von den genannten Habe ich bisher erst Livianus und Meridius persönlich kennengelernt. Oder...nein, dieser Matho war advocatus? Ich glaube, ich habe ihn auch schon mal getroffen, das ist aber schon eine halbe Ewigkeit her. Damals war ich noch Magistrat." Hatte ich diesen Decimer nicht mit Durus getroffen, damals? Die Bemerkung über die nachgesandten Sklaven rauschten nur so an mir vorbei. Immerhin war ich ein Mann, und unter Frauen scheint ja nun einmal die Annahme zu kursieren, Männer könnten sich nie etwas merken. Lucilla war der Beweis für den Grund, aus dem das so war: Wichtiges wurde nebenbei erwähnt und Unwichtiges ausgeführt, zudem schien sie sich alles von der Seele zu reden, was sie dachte. So zumindest kam es mir vor, auch wenn ich sie und ihre Art ganz erfrischend fand. Dennoch hätte ich eine solche Plapperliesel nicht freiwillig geheiratet. Gut, dafür verstand ich nun, warum Senator Avarus immer so griesgrämig wirkte. :D :P


    Verwundert bemerkte ich, wie sie dann zum nächsten Thema sprang, mir Tarraco empfahl und schließlich anbot, mit Avarus zu reden wegen einer Wertkarte. Leicht perplex sah ich sie an. "Das ist sehr freundlich von dir. Ich habe allerdings bereits einen Sklaven entsandt, der sich vor Ort darum kümmern soll. Ich gehe davon aus, dass er in spätestens einer Woche in Mogontiacum ankommen wird. Ob er mit der Sache Erfolg hat, bleibt indes abzuwarten. Nun gut, es geht da auch nicht um eine horrende Summe, und wenn ich wüsste, dass ich irgendwann für längere Zeit Rom verlassen und zurück nach Germanien gehen würde, so wären mir die paar Sesterzen auch nicht wichtig." Ich schwieg und neigte den Kopf nach recht und nach links. Andererseits hatte man während der Zeit in der Politik auch kaum nennenswerte Einkünfte. Dennoch hatte ich einfach zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, indem ich einen neuen Sklaven auf die Wertkarte ansetzte und sie so hoffentlich bekommen würde, ebenso testete ich damit, inwieweit ich mich auf den neuen Sklaven verlassen konnte.


    "Ah, das ist gut zu wissen. Vielleicht überkommt mich eines Tages ein kreativer Drang, der veröffentlicht werden will. Dann weiß ich, an wen ich mich im Falle eines Falles wenden muss", erwiderte ich auf Lucillas Erklärung hin. Zwei leicht schmuddelige Mädchen spielten mitten auf der Straße mit ihren Puppen, zumindest, bis ein von zwei Sklaven gezogener Wagen voller Brot sie passierte und damit zwang, etwas zurückzuweichen. Eines der Kinder stieß beim Rückwärtsgehen an Lucilla, wandte sich erschrocken um und sah zu Lucilla hoch. "Oh...Entschuldigung!" hauchte es, dann lief es schnell davon und versteckte sich hinter der Ecke des Hauses 562. Ihre Freundin lief eilends hinterher, und ich musterte schmunzelnd Lucilla. "Du hast vorhin von einer Hochzeit gesprochen. Es war nicht zufällig die der Artoria Medeia?" fragte ich sie. "Ich war anwesend, als Matinius ihr den Antrag gemacht hat, sozusagen. Die beiden befanden sich auf der Suche nach einem Haus in Mantua, und als duumvir habe ich den beiden beratend zur Seite gestanden."

    Ich schmunzelte Sisenna an und nickte bestätigend. "Ah, natürlich. Gut, dass du mich daran erinnerst. Da kannst du ja auch gar keine Angst haben, denn du bist ja kein kleines Mädchen mehr, sondern schon eine große Dame." Lächelnd strich ich über ihre Wange. Sisenna war zwar erst wenige Jahre alt, aber sie musste schon früh damit anfangen, Größe zu beweisen. Nicht nur, dass ihre Eltern sie mehr vernachlässigt hatten als gesund war, nun waren sie sogar vollends aus der irdischen Welt verschwunden. Die zarte Rötung ihrer kindlichen Pausbäckchen sah ich in der Dunkelheit nicht, einzig ihre Augen funkelten, aber das sagte mir schon, dass sie diese Mission für ein Abenteuer hielt. Das hatte ich zwar nicht beabsichtigt, aber alles, was sie glücklich machte, war gut, denn nach all der Angst und all der Vernachlässigung verdiente sie durchaus einen Überfluss an Aufmerksamkeit, befand ich.


    Auf dem xystus waren die Kissen und Zierden bereits abgeräumt worden, da man sie über Nacht verstaute. Im morgendlichen Tau würden sie sonst einnässen, und man wusste nie, ob nicht trotz der Hunde jemand versuchte, ins Haus zu gelangen, den man eigentlich fernhalten wollte. Ich steuerte mit Sisenna an der Hand einen Stuhl an, setzte mich und hob sie dann hoch, damit sie auf meinem rechten Oberschenkel Platz nehmen konnte, wie schon beim Essen. Ich meinte, einen schwachen Hauch Parfum an ihr wahrzunehmen und fragte mich, wem sie wohl welches stibitzt hatte. "Hast du dich in letzter Zeit oft einsam gefühlt?" fragte ich sie und wartete, bis sie mir geantwortet hatte, ehe ich fortfuhr. "Deine Eltern haben dich sehr lieb, weißt du, auch wenn sie nicht oft für dich da waren. Manchmal müssen wir nämlich Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht wollen. Deine Mama hat dich hierher geschickt, weil sie krank wurde und wusste, dass du dann ganz traurig wärst. Sie wollte vermeiden, dass du oft bei ihr am Bett sitzt und weinst. Sie hat sich nämlich viel lieber gewünscht, dass du mit anderen Kindern und deinen Puppen spielst. Und dann kamst du hier an und es war keiner da, nicht wahr?" Wieder wartete ich, bis sie geantwortet hatte. "Dein Papa war nicht oft da, weil er einen ganz wichtigen Auftrag bekommen hat: Er ist nämlich zum Aufpasser über alle Schreiber und duumviri und Magistrate ernannt worden, und zwar vom Kaiser selbst. Und du weißt ja, dass der Kaiser der wichtigste Mann im ganzen Reich ist", erzählte ich, auch wenn die Dinge nicht ganz der Wahrheit entsprachen. Doch mit ihren fünf Jahren hätte Sisenna das ganze Ausmaß der Gegebenheiten gewiss noch nicht verstanden, also ließ ich einiges weg und vereinfachte anderes.

    Cotta hatte mit seiner Vermutung, ich verhielt mich zuweilen wenig erwachsen, gar nicht so unrecht. Dennoch war es gut, dass er diese Überlegung nicht laut äußerte, denn sonst hätte ich mich natürlich vehement verteidigen müssen. :D


    Als ich nun also auf Cotta zu kam, bückte sich der uns begleitende Thermensklave gerade nach einem schmutzigen Tuch und eilte sodann meinem Vetter hinterdrein. Tadelnd schüttelte ich den Kopf auf Cottas Worte hin. "Ts, das ist wieder einmal typisch: Ich rette dich und du würdigst der Szenerie nicht mal eines Blickes. Wobei...ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich wohl ohnehin nicht gut geschlagen habe. Hm, genau genommen habe ich mich gar nicht geschlagen, vielmehr wurde ich...aber einerlei. Den wichtigsten Moment hast du ja ohnehin verpasst." Ich schmunzelte und winkte den Sklaven herbei, der gerade das staubige Tuch etwas ausschüttelte. "Wir gedenken nun zu baden, also walte deines Amtes", wies ich ihn an, und der gute Mann winkte sogleich einen zweiten Sklaven herbei, während ich mit Cotta bereits den Platz verließ und unter dem bedachten Peristyl Aufstellung bezog, damit man uns Öl und Asche von der Haut schaben konnte. Mir kam die alte Eselsbrücke wieder ins Gedächtnis, die mich mein alter griechischer Hauslehrer damals gelehrt hatte: ' Dreidreidrei, bei Issos Keilerei.' Ich musste grinsen, aber zugleich gestehen: "Ich fürchte, an den großen Alexander reiche ich lange nicht heran. Du aber hättest durchaus das Zeug zu einem Dareius." Grinsend hob ich die Arme, damit dem Sklaven die Säuberung leichter fiel.


    "Wie ein Borstentier fühlst du dich? Na, dann müssen wir dem aber schnell Abhilfe schaffen, ehe sich bei dir noch etwas kringelt und du zu grunzen beginnst", stichelte ich und deutete auf den Gang, der uns zu den Bädern führen würde. "Aber, sag mal, wolltest du nicht ein ernsthaftes Gespräch mit mir führen?" erkundigte ich mich nun ernsthafter. Verstohlen betastete ich das Auge erneut. Es schwoll allmählich zu unübersehlicher Größe.

    Nachdenklich gewahrte ich auch die folgenden Worte Aquilius', und diesmal entgegnete ich nichts, einfach aus dem simplen Grund, dass es nichts dazu zu sagen gab, da alles schon gesagt war. Was letztendlich aus meiner privaten Zukunft werden würde, vermochte ich nicht zu sagen, wenngleich ich mir für meine Karriere feste Ziele gesteckt hatte und versuchen würde, sie mit allem Ehrgeiz zum Wohle und Ansehen meiner gens zu verfolgen, den ich aufbringen konnte. Wenn das bedeutete, privat unglücklicher zu sein als ohne die selbstgesteckten Ziele, dann war das unvermeidbar und meine Privatangelegenheiten mussten eben warten, bis ich meine Ziele erreicht und mein Soll erfüllt hatte. Das Letzte, was ich wollte, war meinem Vater einst im elysium gegenüberzutreten und seinem prüfenden und fragenden Blick nicht standhalten zu können.


    Aquilius' Sehnen indes konnte ich immer besser nachvollziehen, auch wenn ich mir selbst verbot, auch nur in einer solchen Weise zu denken. Denn wann sonst würde man der Trägheit anheim fallen, wenn nicht in jenen Momenten, da man sich alles einfach und geradlinig wünschte? Und dennoch pflichtete ein gar nicht so kleiner Teil meiner Selbst Aquilius und seinen Überlegungen bei. Ich winkte eine Sklavin herbei und deutete auf meinen Becher. "Mehr Wein", verlangte ich nebensächlich, denn mein Hauptaugenmerk galt immer noch dem Freund, der neben mir saß. "Die Vorstellung, allen Stolpersteinen aus dem Weg zu gehen, klingt reizvoll. Aber wer wären wir, wenn wir nicht versuchten, die Bemühungen unserer Ahnen fortzuführen, indem wir die Wege beschreiten, die sie uns geebnet haben?" sinnierte ich vor mich hin. Mir kamen die Worte im Brief meines Vaters ins Gedächtnis, und obwohl ich doch eben noch beschlossen hatte, Aquilius mit meinen Problemen zu verschonen, so drängten sich die Worte förmlich aus meinem Mund hinaus, als wollten sie mit aller Macht das Ohr meines Freundes erreichen. "Wir alle haben Verpflichtungen, auf uns allen ruht ein prüfender Blick, Caius. Spürst du ihn bisweilen auch? Seit mich in Germanien eine Nachricht meines Vaters erreichte, in der er mich über den Tod meiner Mutter und seine Absicht, ihr zu folgen, informierte, spüre ich diesen durchdringenden Blick in jeder Sekunde einer jeden Stunde auf mir liegen, in der ich wanke oder die Dinge einmal schleifen lasse. Die mir auferlegte Verantwortung scheint mir übermächtig und droht mich zuweilen einfach zu verschlingen. Es war so einfach, sich treiben zu lassen, und nun verlangt ein jeder von mir, dass ich mit tatkräftigen Schritten als Vorbild, Freund, Vertrauter und Erbe meine Vaters tapfer voranschreite. Aber ich bin nicht tapfer, Caius, ich bin unsicher und stehe im Zweifel mit mir selbst, ob das, was ich tue, genug ist, jemals genug sein kann." Ich blickte Aquilius an, Furianus war vergessen.

    Ich bemerkte die Erschrockenheit der jungen Frau und schmunzelte leicht. Sicherlich hätte ich ihr die Namen auch in kleineren Häppchen servieren können, doch warum sich etwas schwer machen, wenn es auch einfach ging? Auf den Hinweis, dass es länger dauern würde, die Archive nach diesen Namen zu durchsuchen, neigte ich den Kopf. "Das macht nichts, solange kein Testament übersehen wird", entgegnete ich lächelnd und folgte der schlanken Gestalt mit den Augen, als sie entschwand, um eine Säule bog und nicht mehr gesehen ward.


    Während wir warteten, fand Pyrrus seine Sprache wieder. Er entdeckte ein kleines Steinchen auf dem polierten Boden und spielte mit seinem Fuß damit herum. Ich beobachtete ihn eine Weile, und schließlich war er des Spielens müde geworden und seufzte herzzerreißend. "Was mach ich denn nun? Ich mein...so ohne Niki", jammerte er. "Tja, mein Lieber, da bleiben dir wohl nur zwei Varianten. Entweder, du beißt die Zähne zusammen und akzeptierst die Situation, oder aber du setzt dich dafür ein, ihre Gunst zurückzuerlangen. Blumen, Schmuck, Aufmerksamkeiten - das ist es, was Frauen glücklich macht", riet ich ihm. Pyrrus schien am Boden zerstört. "Aber...das geht ja total ins Geld!" rief er aus, was eine ältere Vestalin dazu veranlasste, sich herumzudrehen und uns strafend anzublicken. Pyrrus warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, und ich erwiderte in angemessenerer Lautstärke: "So ist das. Frauen kosten einen Mann Geld, Nerven und manchmal sogar den Verstand. Es bleibt deine Entscheidung." Daraufhin erwiderte Pyrrus nichts mehr, sondern starrte Löcher in die Luft und haderte mit sich selbst. Im Stillen warteten wir weiter, bis die Vestalin zurückkam, was durchaus schneller ging, als sie prophezeit hatte.


    Ich nahm die mir dargebotene tabula entgegen und studierte die Namen, die sie nicht durchgestrichen hatte. Es waren nur zwei, was mich einerseits verwunderte, andererseits bedeutete, dass wir dem tabularium hernach dringend einen Besuch würden abstatten müssen, denn wenn kein Testament vorhanden war, bräuchte ich die Familienstammbäume, welche im tabularium gewissenhaft eingepflegt wurden. Ich nahm auch die Testamente an mich, warf nur einen kurzen Blick darauf und blickte dann erneut die Vestalin an. "Hab Dank, virgo vestalis. Die Ausbeute mag zwar gering erscheinen, aber du hast mir dennoch sehr geholfen. Dies wird allerdings nicht mein letzter Besuch hier sein, vermute ich. Leider kann man dem Tod keinen Einhalt gebieten, und die Zahl der Verstorbenen wächst stetig. Bis dahin", verabschiedete ich mich. Zum Abschied warf ich der Dame noch ein Lächeln zu, dann wandte ich mich um und verließ den Tempel. Pyrrus folgte zerstreut und in einigem Abstand.

    Die letzte Sitzung lag einige Zeit zurück, doch nun, da Cotta, Philonicus und Ursus wieder heimgekehrt waren und Cotta wie Ursus den Wunsch geäußert hatte, nach vollendeter Ausbildung den collini beizutreten, berief ich eine Versammlung ein, um die beiden den anderen sodales vorzustellen. Aemilius Plautus war bereits anwesend, ebenso Cloelius Quadratus und Menenius Mela. Ich grüßte die beiden mit einem Kopfnicken und führte Cotta und Ursus hinein. "Salvete zusammen. Ich habe euch menen Neffen und meinen Vetter mitgebracht, welche beide in diesem gremium aufgenommen werden möchten. Aber warten wir doch noch, bis wir vollzählig sind." "Lartius Imbrex ist verhindert, der Kaiser hat ihn nach Hispanien entsandt. Flavius Milo indes scheint vom Erdboden verschluckt zu sein", erwiderte Menenius Mela nach einer knappen Begrüßung. Ich runzelte die Stirn. "Vielleicht weiß Flavius Lucullus mehr darüber, warten wir ab, bis er eintrifft", schlug ich vor und nahm Platz, um zu warten.

    Der Schlüssel war bereits zur Hälfte gedreht und damit im Schloss verhakt, als sich plötzlich die Tür öffnete und Trautwinis Arm in die Länge gezogen wurde. Ob des Kampfgeschreis erschrocken, ließ er den Schlüsselbund fahren und starrte die dickliche Sklavin an, die ihm in diesem Moment wie der germanische Kriegsgott Tyr in Gestalt eines Weibes erschien. Dennoch trat er mutig einen Schritt zwischen seinen dominus und die Dämonin, doch kaum hatte sie erkannt, wer dort noch vor der Tür stand, wurde ihr Gesicht eine Spur fahler und sie entschuldigte sich.


    Ich schob Trautwini aus dem Weg und nahm mir die Freiheit, ohne Aufforderung in das Haus einzutreten, in dem ich gewisse Rechte besaß, ohne dass sie mir jemand zuerst gewähren musste. Derweil drückte sich die Sklavin, die ich nicht namentlich kannte und auch sonst nur bei wenigen Gelegenheiten im Hause der Claudier gesehen hatte, um eine Erklärung herum. Ich begab mich direkt zur Mitte des atrium, wodurch die Sklavin mir folgen musste. Ihre Informationen nahm ich schweigend zur Kenntnis, dann aber fiel ich ihr ins Wort. "Ich wünsche, dass du sie über meine Anwesenheit benachrichtigst und es ist mir ganz gleich, ob sie ein Bad nimmt, schläft, liest oder sich auf der latrina befindet. Im Übrigen werde ich dafür sorgen, dass du von nun an Küchendienst verrichten wirst, denn als ianitor scheinst du mir gänzlich ungeeignet. Und nun fort, ich warte nicht gern."


    Zugegebenermaßen waren das für meine Verhältnisse recht harsche Worte, doch zum einen hatte das Verhalten der Sklavin nicht gerade zur Besserung meiner Laune beigetragen, zum anderen war ich doch recht überrascht, dass sich Deandra tatsächlich hier befand, auch wenn sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl beschäftigt war. Ich wedelte nochmals ungeduldig mit der Hand, um die Sklavin endlich zu Fortgehen zu bewegen, dann wandte ich mich um und musterte die mir nur leicht vertraute Empfangshalle, aus der Deandra in dieser kurzen Zeit durchaus etwas Sehenswertes gemacht hatte. Trautwini, die beiden milites und ich warteten hier, während sich nach und nach die anderen Sklaven zu uns gesellten, so dass das kleine atrium bald einer Versammlungshalle glich, in der ich mich fühlte wie ein König, der eine Audienz gewährte - wenn auch ein echter König wohl kein violettes rechtes Auge haben würde.

    "Ich wiederhole es nochmals und kann es dir auch gern aufschreiben lassen, Caecilius: Während der Abwesenheit meines Onkels lag der Betrieb brach, es wurden weder Rohmaterialien angeliefert noch fertige Schuhe verkauft. Es mag auch gut sein, dass einhundertfünfzig Sesterzen eine geringe Schadensvergütung sind, doch hast du dieses Geld nicht als dein Honorar angepriesen? Du solltest lernen, zu differenzieren, Caecilius. Ich bin nicht bereit, einem advocatus, der weder zur Sache beigetragen noch etwas geleistet hat, auch nur einen einzigen Sesterz zu zahlen, ganz gleich, ob eine lächerliche Summe oder ein stattlicher Betrag gefordert wird. Hier geht es um ein Prinzip, das ich nicht gewillt bin, entgegen meiner Überzeugung durchzuexerzieren", sagte ich, immer noch stehend.
    "Und wieder sprichst du davon, dass ihr uns entgegen gekommen seid. Ich frage mich nur, inwiefern, Caecilius. Habe nicht ich das Angebot gemacht, einer Verhandlung, die sich noch über Monate hinwegziehen mag, zuvorzukommen? Und ist dir nicht bereits die Möglichkeit ins Gedächtnis gekommen, dass Ciceros Erbe eben dieses ausschlagen könnte? In diesem Falle gingen seine Besitztümer an den Staat über, und das wiederum bedeutet, dass Detritus nicht nur um die Prozesskosten geprellt würde, sondern auch der Staat um die Strafsumme, die durch das Gericht festgesetzt werden würde, käme es zu einem erneuten Prozess. Was also willst du von mir, Caecilius - einhundertfünfzig Sesterzen als so genanntes Honorar für nichts - oder einhundertfünfzig Sesterzen Schadensersatz an die socii mercatorum? Darüber solltest du dir ersteinmal klar werden, ehe du dich äußerst."

    Nach der Stärkung durch das durchaus ansprechende Mahl, hatte ich einen kleinen Rundgang durch die villa gemacht. So mancher Ort in diesem Haus weckte Erinnerungen in mir, gute wie schlechte: An der Grenze zwischen Peristyl und Garten hatte Vater mir vor langer Zeit den Hintern versohlen lassen, weil ich mit Deandra unbemerkt die Honigvorräte dezimiert hatte. Die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters indes berührte ich nur flüchtig, denn noch hatte ich nicht den Mut, hineinzugehen. Ins cubiculum meiner Mutter allerdings war ich eingetreten. Die Luft hatte abgestanden gerochen, doch alles sah so aus, als wäre sie nur verreist und würde bald zurückkehren. Ich hatte mir eine stola genommen, mich auf ihr Bett gesetzt und daran gerochen. Wenn ich als kleiner Junge nicht hatte schlafen können, war sie es gewesen, die mir das Einschlafen erleichtert hatte, allein mit ihrem Duft und ihren sanften Worten.


    Nach einer Weile schließlich hatte ich mich mit gemischten Gefühlen losgerissen und war zum balneum gegangen in der Hoffnung, die neue Sklavin würde bereits alles vorbereitet haben. Die azurblaue stola noch in den Händen haltend, trat ich ein und sah mich um. Cadhla wartete bereits. Sie schien mir auf den ersten Blick fügsam, was ich guthieß, denn allzu widerspenstige Sklaven kosteten meiner Meinung nach nur unnütze Energie, ehe man sie soweit erzogen hatte, bis man sie gebrauchen und ihnen insofern vertrauen konnte, dass sie ihrem Herren nicht des Nachts die Kehle durchschnitten. Ich gab mir nach diesem anstrengenden, letzten Reisetag keine große Mühe mehr, zu einer Sklavin besonders freundlich zu sein, auch wenn sie neu war. Ich selbst fühlte mich ausgelaugt und müde. Ein Bad und eine entspannende Massage waren daher ganz das Richtige. Die stola fand einen Platz auf einem bereitstehenden Hocker, und seufzend näherte ich mich der Sklavin ein wenig, deren Haut gerötet wirkte. Wortlos hob ich die Hand und berührte ihren Oberarm. Kurz verweilten die Fingerspitzen an Ort und Stelle, dann ließ ich die Hand wieder sinken. "Bekommt dir die italische Sonne nicht?" fragte ich Cadhla, denn wenn es etwas anderes war als ein Sonnenbrand, vielleicht gar eine Krankheit, würde ich ein ernstes Wort mit Leone sprechen müssen. Kranke Sklaven konnte man nicht gebrauchen oder nur, wenn man vorher in ihre Gesundheit investierte. Ich musterte Cadhlas Körper, der ansonsten recht kräftig schien. Mir kam ins Gedächtnis, dass sie bei der cena scheinbar mühelos den Weinkrug gehalten hatte.


    Ich wandte mich um, zog die tunica über den Kopf und ließ sie achtlos fallen, wo ich stand, während ich bereits wieder mit Cadhla sprach. "Du kommst also aus Britannien? Was war deine Aufgabe dort, in deinem Dorf oder deiner Stadt? Und wie lange bist du bereits Sklavin?" Ein strenger Blick traf das Mädchen, und nur ein Mundwinkel hob sich leicht, um ein Lächeln anzudeuten.

    Obwohl er nur leise gesprochen hatte, hatte das Soffchen duchaus verstanden, wonach der Herr sich erkundigt hatte, denn der Zufall wollte es, dass die blonde Sklavin just in jenem Moment mit einem Staubwedel vorbeistreunerte. Sie konnte es sich nicht verkneifen, dem neuen dominus ein keckes Zwinkern zu schenken. "Jawohl, dominus!" beantwortete sie seine Frage, noch ehe Ursus das konnte, und dann verschwand sie eilends den Gang hinunter, denn ihre Aufgabe war es, das Zimmer des Neuankömmlings herzurichten, wie Leone ihr aufgetragen hatte.


    Kurz darauf bat ich den Klopfenden hinein und war überrascht, als gleich zwei vor der Tür auf eine Aufforderung zum Eintreten warteten. Nach einem zweiten Blick entdeckte ich auch, dass es Philonicus war, der da angekommen war. Ich legte einen Brief nach Parthien fort und erhob mich. "Manius, welch Freude! Mir scheint, bald sind alle meine Vettern komplett", witzelte ich und sah von Ursus zu Philonicus, trat auf letzteren zu und drückte ihn kurz. "Wie war deine Reise? Und hat man dir bereits eine Stärkung angeboten? Wenn du deinen Brüdern ähnelst, dann musst du hungrig sein wie ein Wolf."

    Vier Tage nach der Ankunft der Claudia Deandra in der villa Antonius



    Und es begab sich zu einer Zeit, da der Himmel gewitterschwanger und dunkel war. Ein fernes Donnergrollen war bereits zu hören, und es war wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis dicke Tropfen aus den Wolken quollen, welche die dürstende Erde zu benetzen suchten und Menschen wie Tiere erquicken würden. Und just in diesem sich zusammenbrauenden Sauwetter musste ich auf einem Gaul sitzen und Meile um Meile nach Ostia reiten.


    Ich hatte es besser gewusst, schon im Voraus, aber Matho hatte mich schließlich davon überzeugt, dass ich umso schneller wieder zu Hause war, je schneller meine Hinreise verlief. Die Reise in einer Sänfte fiel damit schon aus, eine Kutsche wäre gegangen, doch hatte ich schlicht keine Lust auf die einzuholende Genehmigung, um per Fuhrwerk durch Rom zu fahren. Also musste ein Pferd her, am besten ein sanftes, das unvermögende Reiter gewohnt war und sich dementsprechend lammfromm verhielt, auch wenn man wie ein Berserker an den Zügeln zerrte und wie ein Schluck Wasser im Sattel hing. Brix hatte mir eine weiße Stute aufzäumen lassen, die den Namen Euphrosyne trug. Das war griechisch und bedeutete "Frohsinn", und das wiederum passte ziemlich gut auf die Stute, deren Augen glänzten, deren Gemüt sanft und deren Fell seidig war. Nichtsdestotrotz war und blieb sie gute zwei Meter hoch.


    Nun ja, irgendwie hatte ich es allerdings auf den Gaul geschafft und befand mich auf halbem Wege Richtung Ostia, wo ich persönlich die verwunschene villa nach Deandra absuchen wollte. Wenn es einen Platz gab, an dem ihre Anwesenheit am wahrscheinlichsten war, dann war es dieser Ort. Mich begleiteten die obligatorischen Soldaten der cohortes urbanae, denen ich Pferde gestellt hatte und die mir inzwischen schon wie ein Anhängsel meinerselbst vor kamen. Außerdem ritten Brix und Trautwini mit, und alle waren bewaffnet außer mir selbst, sah man von dem schlanken pugio mit dem Griff aus Elfenbein ab. Am Sattel festhaltend, gelang mir sogar ein langsamer Galopp, den ich mit jeder Meile für angenehmer auszuhalten befand als noch in Rom, wo ich mit weichen Knien den Pferderücken erklommen hatte.


    Zehn Minuten später erreichten wir Ostia, und da man hier ebensowenig wie in Rom durch die Gassen reiten durfte - es sei denn, man war ein schwarz gekleideter Prätorianer - stieg ich ab und reichte Brix die Zügel. Einen Moment zitterten meine Beine von der ungewohnten Belastung, dann führte ich den kleinen Trupp an und wir schlugen uns durch halb verlassene Gassen einen Hügel hinauf und gingen beinahe wieder aus der Stadt hinaus. Das Haus an sich hatte ich durchaus anders in Erinnerung. Nicht so heruntergekommen, übergrünt und verwunschen, sondern klein, aber durchaus herrschaftlich und schmuck. Das schmiedeeiserne Tor, welches das schmale Gartenstück voller Unkraut vorn begrenzte, hing nurmehr halb in seinen Angeln und quietschte schrecklich, als ich, flankiert von zwei Soldaten, den Gartenweg betrat und auf die porta zusteuerte. Die Pferde wurden derweil von den Sklaven und restlichen Soldaten um das Haus herum und zu den angrenzenden kleinen Stallungen geführt. Hochstpersönlich klopfte ich schwerfällig an das dunkle, wurmstichige Holz, während Trautwini bereits einen Schlüsselbund hervorkramte, falls niemand öffnen wollte.


    Als nach einer Weile nichts geschah, bedeutete ich Trautwini mit einem Nicken, dass er die Tür so öffnen sollte, und der Germane schob klappernd den am klobigen Schlüsselring befestigten Schlüssel ins Schloss und drehte ihn allmählich herum...