Großbrand in Rom, Verkehrskollaps.. Nein, das waren ganz sicher keine Dinge, die ich auf mein Konto nehmen wollte. Ich lachte gut gelaunt und schüttelte dabei den Kopf. "Es ist ja nicht so, dass ich mich überhaupt um einen Artikel in der acta reiße. Im Endeffekt ist es dort wie mit Rechnungen: Sind keine da, muss man nichts zahlen. Bei der acta bedeutet kein Artikel, dass es nichts Negatives zu berichten gibt - gut, auch nichts Positives." Ich grinste und sah Lucilla bei der Erwähnung der Ersten schräg von der Seite an. "Das wäre natürlich wünschenswert. Ist der Kommandeur nicht ein Verwandter von dir? Ich hatte in meiner Zeit als duumvir von Mantua mal mit ihm zu tun." Natürlich konnte auch ich mir nicht vorstellen, dass die Parther im Sturm überrollt wurden, dazu waren sie einfach zu bekannte Kämpfernaturen. Sagte man diesem Volk nicht eine ganz ausgezeichnete Reiterei nach? Der fröhliche Ausdruck war von meinem Gesicht gewichen und machte einem nachdenklichen Platz, das im Ansatz verzogen wurde, als auch mich die gewöhnungsbedürftigen Gerüche einer Garküche einholten. Wie man dort tagein, tagaus arbeiten konnte, war mir ohnehin ein Rätsel, und ich war froh, es als Patrizier nicht zu müssen.
Dass Lucilla ein recht hohes Verwaltungsamt inne gehabt hatte, verwunderte mich in keinster Weise. Gerade die Decima standen nicht in dem Ruf, faul und träge zu sein, und das schloss die Frauen mit ein. Obwohl ich es nicht sonderlich gebilligt hätte, wenn die Damen meiner Familie den Wunsch geäußert hätten, in die Verwaltung zu gehen, so war ich doch jemand, der Leistungen anderer Leute anerkannte. Und bei den Plebejern sah man es nicht so eng, wenn Frauen Tätigkeiten ausübten, die bei Patrizierinnen teilweise als heikel angesehen wurden. Außerdem klang ihre Begründung für mich recht logisch, und logische Argumente waren immer schon etwas gewesen, das bei mir am ehesten auf Verständnis stieß. Dennoch konnte ich mich an Lucillas Engagement nicht erinnern, was aber gewiss daran lag, dass ich zum einen eine ganze Weile in Griechenland verbracht hatte, zum anderen stets das kleine Postbüro in Mantua genutzt hatte. So nickte ich nur und war etwas erstaunt, als sie beteuerte, dem Amt nicht mehr nachzugehen, da dies nichts für römische Damen sei. Dennoch war ich klug genug, diese Bemerkung nicht aufzuschnappen. Sie wäre wohl unweigerlich in eine Diskussion über die jeweils verschiedenen Ansichten ausgeartet, und dann hätte ich womöglich meinen Standpunkt nicht vertreten können, ohne dass ich meine reizende Bekanntschaft vor den Kopf gestoßen hätte. "Dann unterstanden dir zuletzt alle Postbeamten in Italien? Das nenne ich Karriere", erwiderte ich und hätte beinahe für eine Frau zugefügt. "Ja, leider scheint es derzeit mit dem cursus publicus wirklich bergab zu gehen, wie ich auch selbst erfahren musste. Erst kamen Briefe verspätet oder gar nicht an, nun will man eine germanische Wertkarte nicht nach Rom überschreiben, selbst wenn einer meiner Sklaven sie persönlich von A nach B trägt." Wo ich Lucilla schon mal da hatte, konnte ich mich auch gleich beschweren.
Es folgte ein skeptischer Blick. Hätte ich gewusst, dass sie mit dem Postguru schlechthin verlobt war, so hätte ich vermutlich geschwiegen.
Zum cursus honorum konnte ich nur schmunzeln. Wir folgten dem leichten Bogen, den die Straße nun beschrieb, und die Rüstungen der mich begleitenden Soldaten klapperten munter vor sich hin. Ich kam mir bei diesem geräusch immer wichtiger vor, als ich war, aber wenn der praefectus urbi darauf bestand... "Ich kann dir nur beipflichten, dir aber gleichzeitig versichern, dass ich nicht zu jenen gehören werde, die auf halbem Wege umkehren. Darüberhinaus haben meine beiden Vettern und mein Neffe bereits angekünfigt, ebenfalls eine politische Karriere anzustreben. Vermutlich trägt die vorgeschriebene Pause zwischen den Amtszeiten aber auch dazu bei, dass es pro Jahr weniger Kandidaten sind." Wir passierten einen Bettler, der auf der Straße saß und eine knochige Hand nach Passanten ausstreckte. Ich nickte einem Sklaven zu, welcher kurz zurückfiel und dem Mann dort ein paar Sesterzen in die Hand drückte, ehe er wieder zum Rest aufschloss. "Ja, das ist korrekt. Ich habe nach meiner Rückkehr aus Griechenland in der Stadtverwaltung Mantuas essentielles Wissen über verwaltungstechnische Abläufe gesammelt, zuerst als Magistrat, dann als duumvir. Etwas ungewöhnlich für einen Patrizier, aber die Zeit war durchaus hilfreich, wie ich immer wieder feststelle." Und das war in der Tat so. Gerade bei der Ordnungsführung Testamente und Erbschaften betreffend stellte ich immer wieder fest, dass ich ohne Verwaltungskenntnis definitiv länger über Dokumenten gesessen hätte.
Ich warf einen Blick zur Seite und auf die verwitterten Buchstaben einer insula, die 638 verkündeten. "Na, dann haben wir ja noch ein Stückchen vor uns. Wenn dich dein Weg ebenfalls an 537b oder einem der Nebengebäude einemvorbeiführt, heißt das", erwiderte ich und konnte ein leicht anzüglich angehauchtes Grinsen nicht ganz verbergen, als ich ihre Errötung betrachtete. Die leicht gebräunte Haut harmonierte wunderbar mit der zarten Röte, die ihre Wangen überzog, fand ich. Die Geschichte an sich klang witzig, und unweigerlich fragte ich mich, wie Deandra wohl reagiert hätte. Sicher wäre sie kopflos und tiefrot hinausgestürmt... Ein Grinsen zierte meine Züge und hielt an, als sie die Kosten für beschaffte Informationen erwähnte. "Soso. Sag mal, wenn man einen Anreiz für einen Artikel hat, muss man sich dann zwangsläufig an dich wenden oder ist es egal, wen man kontaktiert?" wollte ich wissen. "Und es ist doch sicherlich auch möglich, anonym zu schreiben, nicht? Um auf deine versteckte Botschaft einzugehen..." Ich zwinkerte ihr zu und warf erneut einen Blick auf die Lettern eines Hauses: 602.