Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

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    Es war nicht schwer, das officium zu finden, welches das Eheregister beherbergte. Abgesehen davon, dass es unzählige Hinweistafeln und sogar einen großen Wegweiser im Eingangsbereich gab, wusste Pyrrus, wo wir hin mussten. Ob er eigensinnige Knabe bereits einmal verheiratet gewesen war? Überrascht musterte ich ihn von der Seite und ließ ihn anklopfen, wie er es immer für uns beide tat, wenn wir unterwegs waren.


    Nachdem das obligatorische Herein verklungen war, öffnete Pyrrus die Tür und ich trat vor ihm ein. Kurz musterte ich den doch recht kargen Raum und die Gestalt hinter dem Schreibtisch, der ich sodann zunickte. "Salve. Mein Name ist Aurelius Corvinus und ich bin einer der decemviri litibus iucandes. Ich bin hier, um Einblick in das Eheregister zu bekommen. Wie du vielleicht weißt, darf man unter bestimmten Umständen eine Erbschaft nur antreten, wenn man eine Ehe gemäß der lex Iulia et Papia führt. Konkret betrifft meine Bitte um Einsicht Lucius Octavius Detritus und Rediviva Minervina", erklärte ich und wartete darauf, dass der scriba sich in Bewegung setzte. Pyrrus indes starrte Löcher in die Luft und dachte womöglich an Niki und was er am Abend mit ihr anstellen würde. Er war eben ein unverbesserlicher Schwerenöter.

    Sim-Off:

    Ah, so leicht kann man bei zig Themen den Überblick verlieren...
    Naja, Ring frei - und Äggschen!
    :D


    "Ja, schlecht. Um nicht zu sagen: grottig", stichelte ich weiter, von Ohr zu Ohr grinsend und erneut Aufstellung nehmend. "An deiner Stelle würde ich mir das mit dem Tribunat noch mal überlegen..." fügte ich hinzu, um dem Ganzen noch eins aufzusetzen. Blitzte da nun etwa Entschlossenheit im Blick meines Vetters auf? Schmunzelnd erwartete ich einen Angriff, der dann aber doch überraschend kam, da schneller als angenommen. Kaum richtete er sich auf, tat ich einen Schritt auf Cotta zu, um mich ihm entgegen zu stemmen, doch dann war er ganz unvermittelt wieder ein gutes Stück kürzer und ich griff ins Leere, hatte ich doch seine Schultern fassen wollen. Da ich die Hände noch halb erhoben hatte, war es für ihn ein Leichtes, mich mit dem rechten Arm zu packen und den linken - seinen stärkeren Arm - dazu zu nutzen, eine Hebelwirkung zu erzielen. Um ein Haar wäre ihm dieses Unterfangen auch gelungen, aber ich drehte mich ihm einfach mit einer Rechtsdrehung entgegen und brachte dabei meinen linken Fuß hinter seinen linken. Noch etwas schieben, hier etwas drücken und ich hoffte, dass Cotta gleich noch einmal fallen würde, auch wenn sein Hebelgriff nur einseitig außer Kraft gesetzt worden war. "Ouh ouh ooouh..." zog ich ihn auf und achtete für den Bruchteil einer Sekunde deswegen nicht darauf, was er plante.


    Hinter mir, weiter in der Mitte des Aschenplatzes, geriet ein harmloser Ringkampf gerade außer Rand und Band. Lautstarkes Gezeter war zu vernehmen, und einer der Platzwächter kam gleich herbei, um eine handfeste Schlägerei zu vermeiden. "..das noch mal, du Fettwanst!" "Kannst du haben, du Dämelack: Deine Frau ist rattenscharf im Bett." "Du wagst es....komm her du...da...hast...du...was...meine...Frau...ist" "Ist doch wahr, sie.... auuuuuuuhahahaaa....Er hag meine Nafe gebrochen, ger Kerl hag meine Nafe gebrochen, auf ihn, schlagt ihn nieger!" Das konnte kaum jemand auf dem Platz hier irgnorieren, die meisten Männer und Jünglinge ließen augenblicklich voneinander ab und strebten der Mitte zu, und auch ich wandte ungeachtet der Folgen meine Aufmerksamkeit von Cotta ab und sah zu dem prügelnden Haufen und deren Anfeuerer, die einen lockeren Kreis um die Streithähne gebildet hatten, welche immer mehr Verbündete gewannen.


    Fasziniert folgte ich dem Spektakel. Dass ich mich plötzlich auf dem Boden wiederfand - keine Ahnung, wie Cotta das geschafft hatte - machte mir nichts aus, in mir erwuchs nur der seltsame Wunsch, ebenfalls blaue Augen zu verteilen. "Wie wärs?" fragte ich meinen Vetter grinsend und deutete mit dem Daumen auf den um sich schlagenden Menschenkloß. Deandra hätte entrüstet die Augen aufgerissen und mit den Augen gerollt, dabei den Kopf geschüttelt, aber warum sollte uns Patriziern nicht auch etwas Spaß vergönnt sein? Ehe Cotta noch richtig antworten konnte, war ich bereits im Aufstehen begriffen und seilte mich gen Platzmitte ab. 8)

    Wässrig glänzten bereits Sisennas Augen, sie sah ganz danach aus, als würde sie jeden Augenblick zu weinen anfangen, doch da geschah das Wunder und das überschüssige Tränenwasser verschwand allmählich, ohne in dicken Krokodilstränen über die kindlichen Pausbäckchen zu rollen, was mich sicherlich bewegt hätte.


    Sisenna hatte ich im zarten Alter von weniger als einem Jahr das erste Mal gesehen. Damals hatte mir ihre Mutter das kleine Bündel mit den dunklen Locken in die Arme gelegt, und ich hatte keine Ahnung, was ich mit dem Mädchen überhaupt anfangen sollte. Zu allem Überfluss hatte sie auch recht bald zu schreien angefangen, und man nahm sie wieder fort, damit die Amme die Kleine füttern konnte. Unser nächstes Aufeinandertreffen hatten wir, als Sisenna zweieinhalb Jahre alt gewesen war. Sie wackelte da bereits aufgeweckt durch die villa, und ihre Mutter litt bereits an tiefen Depressionen, die nichts und niemand zu lindern vermochte. Letztendlich gestorben war Icela allerdings an Wundbrand. Dies ging mir im Kopf herum, als sie mir so nahe war und so jung bereits mit dem Tod konfrontiert wurde.


    "Doch, das meine ich", erwiderte ich leise und lächelte Sisenna an. "Sie warten auf dich und uns alle, und wenn es an der Zeit ist, werden wir sie wiedersehen." Ich musste mich in den Verstand einer Fünfjährigen versetzen, was gar nicht so leicht war, wie ich feststellen musste. Sisenna gehörte nun wieder meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit, weswegen ich Cottas Nicken auch nur am Rande wahrnahm. "Gleich heute Abend", bestätigte ich ihr also nickend. "Du musst warten, bis es richtig dunkel ist und man ohne Fackel nichts mehr erkennen kann. Ich werde dich abholen kommen, und dann gehen wir zusammen, in Ordnung?"


    Kaum wurde sie ernster und erwähnte die Häschen, musste ich ihr unwillkürlich über die Wange streichen, so spielend gewann sie mein Herz für sich. "Die Häschen sind doch noch ganz klein und müssen bei ihrer Mutter trinken. Du bist schon größer und kannst ganz allein essen. Da mach dir mal keine Gedanken, du wirst nicht steif werden, Sisenna. Außerdem passen wir alle auf, dass dir nichts passiert. Pass auf, wir vereinbaren jetzt was - wenn es dir nicht gut geht, du traurig bist oder dir etwas weh tut, dann sagst du einem Sklaven Bescheid und der sagt mir dann Bescheid. Und dann komme ich schnell gucken, wie ich dir helfen kann. Einverstanden? Du darfst aber nicht schummeln und nur so tun als ob." Hatte ich ihre Sorgen zerstreut? Ich hoffte es.

    Sim-Off:

    ;( @ Cotta


    "Ereignis bei Dionysos?" fragte ich augenblicklich, nachdem Ursus davon erzählt und ich anschließend Cotta einen Blick zugeworfen hatte. "Der Vorsteher des städtischen Getreidespeichers?" Verwundert sah ich hin und her. Nein, den konnten sie nicht meinen, der war klein, rund und humorlos. Aber Dionysos war schließlich nicht gerade ein Name, der selten anzutreffen war in Athen. Schnell steckte ich mir drei Oliven in den Mund und kaute geschäftig, bis ich das Fleisch von den Kernen getrennt hatte und selbige in eine von einem Sklaven bereitgehaltene Schüssel gespuckt hatte. Währenddessen unterhielten sich Cotta und Ursus über die Zukunft, und ich hatte Zeit, um erneut Prisca zu mustern. Zu Ursus sah ich erst wieder zurück, als dieser mich erneut ansprach. "Hm, nein, eine Vorwarnung kam in der Tat nicht an. Aber auf den cursus publicus ist ohnehin nicht sonderlich Verlass in letzter Zeit. Willst du, dass deine Sendschreiben möglichst bald ankommen, musst du inzwischen leider deinen eigenen cursor schicken", erwiderte ich und zuckte mit den Schultern.


    Einen Wink später reichte man mir einen Zweig claudische Trauben, die von den Weinbergen Deandras stammten. Ich zupfte eine Frucht ab und zerbiss sie genüsslich, ehe ich Ciceros Geschichte knapp zusammenfasste. "Cicero, ein Kapitel für sich. Vorweg sei gesagt, dass nichts weiter passiert ist, das dem Ruf der Aurelier schaden könnte. Zur Geschichte selbst - Cicero scharte einige Aufständische um sich, ließ kaiserverfemende Parolen an die Wände Roms schmieren und starb letztendlich durch einen gut gezielten Steinwurf bei dem Versuch, den Kaiserpalast zu stürmen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Wir glauben inzwischen alle, dass Cicero nicht mehr ganz richtig im Kopf war, was der Wortlaut des Testaments, welches er hinterlassen hat, ebenfalls bezeugt. Wenn sich mein Onkel nur etwas mehr mit den römischen Sitten befasst hätte, so wäre ihm klar gewesen, dass ich als decemvir litibus iucandis dieses Testament ignorieren muss, womit Helena und Sisenna Ciceros sämtlichen Besitz erben werden." Diese Information war auch für Cotta neu. Ich biss in einen Apfel. "Aber ich schweife ab, verzeiht mir."

    Als Prisca davon sprach, dass die Ahnen im Herzen desjenigen wohnen müssten, der ihnen gedachte, fiel mein Blick auf die Figur des Cicero, die ich achtlos wieder fortgestellt hatte. Er hatte uns alle verraten, wie konnte er da noch länger einen Platz in meinem Herzen inne haben? Glücklicherweise unterbrach meine Nichte diese Gedanken, die in keine gute Richtung abzudriften drohten, indem sie weitersprach und mich schmunzeln machte. Zu einem Großteil hatte sie recht und ich tat vieles von dem, was ich tat, für die Familie, doch natürlich auch für mich selbst. Interessiert schenkte ich dem Erklärungsversuch Priscas Gehör und versuchte, eventuell für mich hilfreiche Informationen aus ihrem Vergleich herauszufiltern. Schnell aber merkte ich, dass sie mir einfach keinen Rat erteilen konnte, weil sie so wenig Erfahrung in derlei Dingen hatte. Ich lächelte sie aufmunternd an, denn es kam mir so vor, als hegte sie große Schuldgefühle wegen ihrer jugendlichen Verfehlungen. "Ich bin mir sicher, dass deine Mutter weiß, wie sehr du sie geliebt hast und wie sehr sie dir fehlt. Gräme dich nicht wegen längst vergessener Dinge, Prisca", munterte ich sie auf und betrachtete, wie sie die Figuren nachdenklich in den Händen hielt. Löste sich da gar eine Träne? Ich neigte den Kopf etwas zur Seite und versuchte so, ihr Gesicht zu erkennen, und tatsächlich, sie weinte.


    Ergriffen vom Moment der Schwäche in diesem Raum, trat ich einen Schritt an meine Nichte heran, umarmte sie und drückte ihren Kopf sanft an meine Brust, dabei unablässig über ihr duftendes Haar streichend. Böse Zungen mochten behaupten, dass mir in diesem Moment, in der Abgeschiedenheit des lararium, ganz andere Gedanken unzüchtiger Art durch den Kopf gingen, aber ich sah Prisca keinesfalls als eine Frau an, derer man sich bedienen konnte oder als mögliche Liebschaft. Ich liebte sie, aber ich liebte sie so, wie ein Bruder seine Schwester liebte, wie es angemessen war und wie sie es vielleicht erwiderte. Bald drückte sie den Wunsch aus, mit mir gemeinsam den Ahnen zu gedenken, und ich schloss einen Augenblick die Augen, das Kinn auf ihrem Haar ruhend. "Wenn du das möchtest", erwiderte ich leise und ließ sie los. Eigentlich hatten wir uns ja getroffen, um Volcanus zu opfern, aber ich ging nur zu gern auf Priscas Wunsch ein. Es würde ohnehin nicht lange dauern, und ich hatte an diesem Abend Zeit, denn die Verwaltungsarbeit konnte ich auch mal einen Abend aussetzen. Gern hätte ich noch etwas wegen Deandra erwidert, denn dass sie unglücklich war und sich offensichtlich Lupus zuwandte, machte mir insgeheim zu schaffen, auch wenn ich das niemals zugegeben hätte. Doch ich schwieg, es passte einfach nicht in diesen Moment hinein, und Priscas Wohl war nun wichtiger, also steckte ich bereitwillig zurück.


    Behutsam nahm ich die Figürchen aus Priscas Händen und stellte sie wieder auf den arula, zurück zu den anderen. "Reichst du mir bitte die Weihrauchkörner?" fragte ich und deutete auf ein Schälchen, das näher an Prisca als an mir stand und in dem sich die bräunlichgrauen Körner, vermischt mit wohlriechenden Kräutern, befanden.

    Es war selbst für römische Verhältnisse ein auffallend heißer Tag, die Sonne brannte förmlich vom strahelnd blauen und wolkenlosen Himmel und schien die Häuser, Straßen und Tempel gar zu backen, während Tiere an Durst litten und Pflanzen allmählich verdorrten. Dennoch war ich in der erstickend schwitzigen toga und mit meinem scriba personalis im Schlepptau unterwegs zum Eheregister, um mich dort über eine Angelegenheit zwei schon ältere Erbfälle betreffend zu informieren.


    Bereits vor den Stufen die regia machte Pyrrus schon schlapp, blieb stehen und keuchte ermattet. "Also weißt du", sagte er zu mir, der ich bereits drei Stufen erklommen hatte und nun von erhöhter Warte auf denm Jammerlappen herunterblickte. "Ich finde ja schon, dass allmählich etwas mehr Entlohnung angebracht wäre. Ich könnte nun schön im Schatten sitzen und mich von Niki verwöhnen lassen, dazu ein gekühltes Bier genießen und... Was ist?" unterbrach sich Pyrrus selbst, als er meiner genervten Miene gewahr wurde. "Nichts. Mir geht dein ständiges Genörgel nur allmählich auf die Nerven. Ja, es ist warm, und ich habe auch Durst und würde mich lieber im Schatten verwöhnen lassen, aber tu ich das an jeder Straßenecke aufs neue kund?" fragte ich und redete sogleich weiter, ohne Pyrrus eine Möglichkeit des konterns zu lassen. "Nein, ich mache das, was man von mir erwartet, und zwar ohne mich ständig darüber zu beklagen. Vielleicht überlegst du dir, ob du dir mit deinem permanenten Gejammer selbst einen Gefallen tust. Ich für meinen Teil war bisher bereit, deinen chronischen Missmut zu ertragen, weil du ansonsten gute und für mich wertvolle Arbeit leistest, Livius Pyrrus. Aber auch meine Geduld hat irgendwann ein Ende, und das rückt beständig näher." Ich verstummte und sah den Mann vor mir an.


    Livius Pyrrus schien noch kleiner geworden zu sein im Verlauf meines Monologs, aber ich spürte, dass es dringend nötig gewesen war, ihn zurechtzuweisen. Hatte ich vor unserem Aufbruch zur regia noch gute Laune gehabt, so verspürte ich nun gut Lust, den Peregrinen gleich hier und jetzt auf die Straße zu setzen. "Du vergisst bei allem, Pyrrus, dass ich dir Obhut in meinem Haus gewähre, dass ich deine Liebelei mit meiner Sklavin dulde und dass ich dich kostenlos durchfüttere. Berücksichtige dies bei deiner nächsten Forderung nach einer angemesseneren Entlohnung und überlege dir, was aus dir werden wird, ehe du mich erneut um mehr Geld bittest." Wortlos wandte ich mich um und stieg die Stufen empor, ohne mich noch einmal umzudrehen.


    Pyrrus stand immer nich am Fuße der Treppe, als ich bereits oben angelangt war. Ich verhielt nur kurz, dann begab ich mich ins Innere des Gebäudes, den Peregrinen allein draußen zurücklassend. Doch ich hatte kaum vier Schritte getan, da klatschten hinter mir die sich unbeholfen anhörenden Schritte schäbiger Sandalan auf hellen Marmorboden, und nur drei Schritte weiter war Pyrrus wieder an meiner Seite. "Ich äh, 's tut mir leid, Herr, ich werde mich in Zukunft mäßigen", versprach er, aber ganz glauben konnte ich diesen Worten nicht, denn ich kannte Pyrrus und sein Gedächtnis, das mir manchmal wie ein allzu löchriger Sieb vorkam. So nickte ich nur. "Halte deine tabula bereit, wir sind gleich da", sagte ich schlicht.


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    Wie sie so dastand und mich ansah, dann hereinkam und sich, wie ich fand, sanft entschuldigte, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich sie gar nicht verheiraten wollte, weil sie eine solche Bereicherung für das Leben hier in der villa war. Wenn Deandra und ich einmal eine Tochter bekommen sollten, sollte sie so werden wie Prisca, meine kleine Nichte, die eigentlich gar nicht so klein war. Meine seltsam melancholischen Gedanken beiseite schiebend, lächelte ich flüchtig bei den lieb gemeinten Worten, die sie sagte. "Ist die Pflicht eines Römers nicht, die Ahnen zu ehren?" entgegnete ich zugegebenermaßen etwas lahm und nicht direkt auf die Frage eingehend. Da legte ich so großen Wert darauf, den anderen Ansprechpartner, Vorbild, Freund, Verwandter und vielleicht auch Vorbild zu sein - und dann kam Prisca und entdeckte meine gut gehüteten wunden Punkte, weil ich sie hinter die Fassade des ehrgeizigen Mannes hatte blicken lassen. Nun ja, das war nicht mehr zu ändern.


    Ich lächelte sie an und griff nach zwei Püppchen, die weiter hinten standen. Während ich etwas entgegnete, drehte ich sie in der hohlen Hand hin und her. "Ich danke für das Kompliment, auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass ich es auch wirklich verdiene. Ich vernachlässige euch zugunsten meiner Magistratur, von Deandra will ich gar nicht sprechen. Ich weiß, dass sie unglücklich ist, weil sie nicht mehr bei uns wohnen darf...aber gebieten uns nicht die Traditionen, die althergebrachten Gegebenheiten zu achten?" Fragend blickte ich auf und schüttelte den Kopf. "Ich habe keine Idee, wie ich ihr den gegenwärtigen Zustand erleichtern kann, außer der Heirat natürlich, aber die möchte ich noch etwas schieben", offenbarte ich Prisca meine Gedanken. Erneut sah ich auf die Figuren in meiner Hand hinunter, öffnete sie und zeigte Prisca die kleinen Abbilder ihrer Eltern. "Ich gebe dir einen Rat: Wenn du Kummer hast, den du mit niemandem teilen möchtest oder nicht teilen kannst, dann komm hierher und sprich mit den Ahnen, Prisca. Mir ist beim Essen aufgefallen, dass dich etwas bedrückt. Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht möchtest. Aber wisse, dass ich für dich ebenso da bin wie für jeden anderen in diesem Haus." Ich sprach mit ihr wie ein Vater, der mit seiner Tochter redete. Verwundert fragte ich mich, ob ich wirklich langsam den Platz meines Vaters einnahm. Die Figuren, die ich in der Hand hielt, gab ich Prisca, damit sie sie zurückstellen oder nochmals betrachten konnte, ganz wie sie wollte.

    Wir musterten uns gegenseitig, und während er feststellte, dass ich kaum mehr etwas Knabenhaftes an mir hatte, musste ich feststellen, dass er braungebrannt und sein Haar von hellerer Farbe war, als ich es in Erinnerung hatte. Seinen Worten den cursus publicus betreffend konnte ich nur beipflichten, hatte ich doch kürzlich wieder von Neuem den Eindruck gewonnen, die Linke wisse nicht, was die Rechte tut in dieser Institution. "Meinen neuesten Erkenntnissen zufolge ist auf den cursus publicus ohnehin kaum mehr Verlass. Dein Brief war bei weitem nicht der einzige, der nicht ankam, und darüber hinaus gab es zahlreiche Dokumente, die Mogontiacum verspätet erreichten oder nicht einmal den Weg in die villa Aurelia hier zu Rom fanden. Bedauerlich, aber nicht zu ändern. Wenn du willst, dass deine Sendschreiben fristgerecht irgendwo eintreffen, schickst du am besten deinen eigenen cursor auf die Reise", erwiderte ich und hob die Schultern.


    Gern folgte ich seiner Einladung und ließ mich neben ihm und ihm zugewandt auf einer Sitzbank nieder, im Rücken das impluvium. Mit unverhohlenem Erstaunen folgte ich seinen Ausführungen und schüttelte schließlich den Kopf. Ich konnte kaum glauben, was er mir da erzählte. "Du musst zugeben, es klingt wahrlich abenteuerlich, was du da erzählst. Dass du es wirklich erlebt hast, ist kaum zu fassen. Wie kam es überhaupt dazu, dass du gerettet werden musstest? War nicht eine Flavia der Grund? Daran meine ich mich zu erinnern... Aber hat dich denn niemand gesucht? Dein Verschwinden ist doch gewiss aufgefallen."


    Kaum drehte er den Spieß um, musste ich grinsen und warf einen flüchtigen Blick in das Wasserbecken, welches Leontias Seerosen zierten. "Naja, so kurz war die Zeit nicht - unser letztes Zusammentreffen ist mehr als zwei Jahre her, Caius. In zwei Jahren kann sich vieles ändern." Ich drehte den Kopf und blickte in seine Augen, zuerst nur schmunzelnd und dann leise lachend. "Das Weib scheint dir wirklich den Kopf verdreht zu haben, mein Freund, in welcher Art auch immer", spottete ich und legte ihm grinsend eine Hand auf die Schulter.

    Der Ball, den Prisca mir zuwarf, flog gar nicht so weit, denn ich stand ja schließlich inzwischen neben ihr. Dennoch angelte ich ihn aus der Luft und klemmte ihn unter meinen rechten Arm. :D


    Während Prisca und Lupus sich über das Für und Wider gepflegter Erscheinungsbilder unterhielten, ließ ich meinen Blick durch den Garten schweifen und malte mir aus, wie hier alles ausschauen würde, wenn wir das Fest veranstalteten, über das ich mit Cotta gesprochen hatte. Eine Laube im hinteren Eckchen des verwunschen wirkenden, kleineren Teil des Gartens würde sich ebenfalls gut machen, überlegte ich.


    Grinsend kommentierte ich dann Lupus' "Macht doch was ihr wollt": "Ja, das wäre wirklich gut, wenn wir das täten. Prisca, du hast freie Hand. Aber was hast du gegen Alexandros? Er mag den Knaben zugetan sein, ist aber sehr modebewusst und hat einen Sinn für angemessenes Auftreten, Lucius. Es wäre von Vorteil, ihn hinzuzuziehen. Er würde aus dir einen ganz neuen Mann ma-" "Ja hallöööööchen! Habe ich da eben meinen Namen klingeln gehört? Braucht jemand vielleicht eine gründliche Rasur? Ich...oh. Oh mon dieu, beim wildesten Gott der schrecklichsten Barbaren, was ist denn das?" unterbrach mich da Alexandros, der wie ein Geist hinter Prisca aufgetaucht war und nun anklagend wie entsetzt auf Lupus' Wallemähne starrte. Er machte einen Schlenker mit der Rechten und stemmte die Linke in die Hüfte, dann schüttelte er den Kopf. "Ach, nein, wie grausig! Das geht ja gar nicht. Da muss ja dringendst etwas geändert werden!" Schon klatschte er in die Hände und sah Prisca an, während ich nur grinste und die Szene beobachtete. "Meine Liebe, wenn du gestattest... Am besten fangen wir tout suite mit einer Generalüberholung an!"

    Noch stand ich allein vor dem kleinen Hausaltar, auf dem die Ahnenfiguren als Votivgaben aufgestellt waren. Seit einigen Tagen schmückten drei neue Figürchen die glattpolierte Fläche, neben der etwas kleineren Severina stand Antoninus, mit einem winzigen gladius in der Hand, darauf hatte ich Wert gelegt. Mein Vater war mir stets als letzte Bastion vorgekommen, was den Schutz der familia betraf. Nun war ich diese Bastion, musste sie sein, denn wer sonst hätte seinen Platz einnehmen können, wenn nicht ich, sein Sohn?


    Alexandros hatte einen kleinen Korb mit einigen Opfergaben bereitgestellt und die Kohlen bereits entzündet. Sie glommen still vor sich hin, der foculus bereit, aufzunehmen, was Volcanus angedacht war. Doch noch war Prisca nicht da, also wartete ich noch. Ich griff nach dem kleinen Figürchen, das meinen Vater darstellte, betrachtete es eingehend und mit einem flüchtigen Lächeln - ich fühlte mich allein, und da konnte ich jene Schwäche zeigen, die einen gerade seiner Eltern beraubten Sohn ab und an befiel. "Ich vermisse dich, Vater. Dein Rat wäre mir so wichtig gewesen... Ich folge deinem Wunsch und strebe den Senat an. Man hat mich zum vigintivir gewählt. .....und ich werde dein Vermächtnis im Herzen bewahren und die Familie schützen, so gut ich es vermag", sprach ich leise und küsste die Figur, ehe ich sie zurückstellte und nach der Figur meiner Mutter griff. Mein Lächeln wurde weicher, als ich mit dem Zeigefinger über ihr Elfenbeinhaar fuhr. "Und du, Mutter. Ich hoffe, dort wo du bist, hast du keine Schmerzen. Verzeih mir, dass ich nicht bei dir war." Auch sie küsste ich, ehe ich sie erneut neben Antoninus aufstellte. Mein Blick fiel auf eine weitere Figur, die erst seit dem Morgen hier stand: Jene des Cicero. Ich nahm sie auf, betrachtete sie, seufzte und stellte sie einfach so zurück. Mir war nicht danach, etwas zu sagen.


    Anschließend wandte ich mich um und gewahrte Prisca, die auf der Schwelle stand. Leicht peinlich berührt räusperte ich mich. "Ehem...stehst du schon lange da?" fragte ich sie.

    Das war Ursus, wie ich ihn kannte: Zu Scherzen aufgelegt und herzlich. Er erinnerte mich so sehr an meinen älteren Bruder... Und wie musste sich Deandra erst freuen, wenn sie hörte, dass Ursus zurück war, gebildeter , erwachsener und zu einem gutaussehenden Mann gereift! Er sah Maxentius so ähnlich, dass ich mich für einen Moment der Foppereien meines Bruders erinnerte, der im elysium auf uns warten würde und hoffentlich seinen Frieden gefunden hatte. Als Ursus ich setzte, war ich aus den Gedanken wieder aufgetaucht und zurück im Hier und Jetzt. Ich hob meinen Becher und prostete ihm grinsend zu. "Auf dein Wohl, Titus, und auf deine Anwesenheit - auch wenn du uns ruhig hättest vorwarnen können, dass es mit der Ruhe nun vorbei ist", witzelte ich, trank und betrachtete ihn beim Essen, wobei er mich an einen hungrifen Wolf erinnerte.


    Priscas doch recht reserviert klingende Begrüßung ließ mich den Kopf drehen und sie genauer studieren. Sie wirkte etwas angespannt und irgendwie desinteressiert. Ich stellte meinen Becher fort und fragte sie unvermittelt: "Prisca, hilfst du mir nachher beim Opfer an Volcanus?"


    Derweil gab Cotta einen Gedanken zum besten, den ich noch gar nicht gehabt hatte. Amüsiert wandte ich mich wieder den beiden zu und grinste. "So ist das eben. Ich weiß noch, wie das bei mir damals war..." Ja, das wusste ich in der Tat noch. Wenn ich überhaupt mal daran gedacht hatte, hatte ich alle paar Monate einen kurzen Brief in die Heimat entsandt. In Griechenland tickten die Uhren anders, alles war neu und wartete auf Erkundungen, selbst nach Jahren noch. Cotta spann seinen Gedanken weiter und sprach von aurelischer Herrschaft, was mich leicht spöttisch auflachen ließ. "Hohoho...hört euch das an! Das glaube ich nicht mal, wenn es ein augur prophezeiht, oder der flamen dialis in persona!" drückte ich meine Meinung dazu aus und grinste breit. "Vermutlich haben die Prätorianer ihre Spione vor den Fenstern stehen und kommen gleich hereingestürmt, um uns in den Kerker zu werfen... Nach der Sache mit Cicero könnte man ihnen das nicht einmal verübeln", gab ich zu bedenken, und mein Blick ruhte erneut auf Ursus. "Weißt du etwas davon? Noch stand es nicht in der acta diurna, was mich sehr verwundert, ehrlich gesagt."


    Ursus' Erzählungen folgend, nickte ich ab und an, mal kauend, mal am Wein nippend, und als er auf Agamemnon zu sprechen kam, seufzte ich enttäuscht. "Wie schade. Er war ein großer Mann. Seine Reden sind für mich der Inbegriff der Rhetorik schlechthin gewesen. Nun ja, er war ja auch schon recht betagt..."

    Dass ich mit Sisenna beschäftigt war, machte mich keinesfalls blind für die Dinge, die um mich herum geschahen und die Worte, die gesprochen wurden. Während Cotta erneut kund tat, wie froh alle waren, dass wir zurück gekommen waren, schien Deandra betrübt. Prisca und Lupus kümmerten sich um sie.


    Ich wusste ja selbst, dass seit dem Vorfall in Germanien etwas nicht im Lot war, nicht einmal annähernd, aber konnte ich das Übel abwenden, das sie zu verschlingen drohte? Ich trauerte ja selbst noch um meine Eltern. Und dass sie unglücklich war, weil sie ab morgen wieder in der villa Claudia leben würde, verstand ich zwar, schätzte den Unmut darüber aber nicht als so gravierend ein, wie er in Wirklichkeit war. Immerhin waren weder ich noch sie aus der Welt, sie würde in diesem Hause hier stets willkommen sein und Besuche waren binnen kürzester Zeit möglich, da das Anwesen der Claudier nicht unendlich weit entfernt lag.


    Mit Sisenna auf meinem Schoß lauschte ich der Geschichte, die Deandra erzählte. Ich erkannte zwar, dass sich die Erzählung um sie selbst rankte, doch da sie es wie eine Geschichte erzählte, schätzte ich auch hier die Bedrückung nicht als so massiv ein, wie sie eigentlich war. Kaum hatte Deandra geendet, gab Lupus etwas äußerst schlaues zum Besten, und mit aufkeimendem Missfallen bemerkte ich, wie er seine Hand auf Deandras Knie legte. Um sie zu trösten? Das Lächeln wich aus meinem Gesicht und ich musterte die beiden verstohlen, während ich vorgab, etwas von dem Flamingo zu essen. Lupus setzte sich sogleich neben Deandra, die - wie mir gerade zum ersten Mal auffiel - nun keine Aurelia mehr war, sondern nun eine Claudia, und damit war sie sozusagen frei für jedweden Mann, der sich ihrer bemühte - obwohl sie meine Verlobte war. Doch was bedeutete schon eine Verlobung, sie konnte man lösen... Dieser Bissen war nur schwer zu Schlucken. Ich griff nach dem Wein und spülte den hartnäckigen Flamingo hinunter, aber ein schaler Nachgeschmack blieb bestehen. Lupus streichelte Deandra im Nacken, zumindest sah es so aus, und bot ihr seinen Arm zum Anlehnen. Mein Blick bohrte sich in einen der schweren Vorhänge seitlich der Fenster. Nein, ich würde nicht weiter darauf achten, beschloss ich. Stattdessen wandte ich mich wieder Sisenna zu, in der Hoffnung, sie möge endlich etwas sagen.



    Sim-Off:

    8)

    Es war sicherlich von Vorteil, wenn man den Kopf der acta diurna persönlich kannte. Ich sollte mich also gutstellen mit der Decima, überlegte ich. Claudia Epicharis, die ich ja ebenfalls kannte, hatte mit Sicherheit nicht so viel zu sagen wie die Dame vor mir. Ich schmunzelte ob dieser egoistischen Gedanken und grinste ebenfalls, als Lucilla mir die Hoffnunf gab, dass unser Gespräch nicht zwangsläufig in der acta erscheinen würde. "Das ist gut. Ich habe eben schon die Titelzeile auf Seite zwei gesehen, "Ratloser Magistrat auf der Suche nach Nummer 1573" oder "Verwirrter vigintivir auf Via Ardeatina verirrt". Auf Seite eins werde ich es ja sicher nicht schaffen." Lachend setzte ich mich in Bewegung die Straße herunter, mit Lucilla an meiner Seite und ihrem wie meinem Tross hinter uns.


    Sie wusste es zwar nicht, aber auch mir waren die leidigen Verwandtschaftsfragen zuwider. Glücklicherweise hatte ich nicht sonderlich viele bekannte Verwandte, und so blieb mir die Nachfrage, ob ich nicht mit dem bekannten Aurelius Irgendwas verwandt war, meistens erspart. Jedenfalls verschonte ich Lucilla mit der Frage nach Decimus Meridius, weil ich selbst diese Frage als lästig empfunden hätte - obwohl mich die Antwort allerdings durchaus interessiert hätte. Aber wenn wir uns noch weiter unterhielten, würde sie vielleicht selbst etwas verraten...


    Pyrrus war schon sehr bald hinter der erstbesten Ecke verschwunden, die sich ihm bot - er verschwand gern hinter Ecken - und Lucilla und ich passierten einen plätschernden Brunnen mit steinernem Löwenkopf. Sie fasste die Unfreundlichkeit meines scriba äußerst gelassen auf und zog Parallelen zum cursus publicus. Erstaunt musterte ich sie von der Seite. "Du warst beim cursus publicus tätig?" fragte ich überflüssigerweise. Dass jener stark nachgelassen hatte und mir letztens nur Ärger machte, erwähnte ich vorerst nicht, allerdings sprach mein Gesicht ganz gewiss Bände, denn glücklich sah ich nicht aus.


    Was folgte, war eine sehr ausführliche Erläuterung der Umstände, unter denen Hirrius Marullus sein Geld angehäuft hatte. Ob Lucilla sich gern selbst reden hörte? Ich schmunzelte, sie war so ganz anders als Deandra, und dennoch erfrischend. Und eines musste man ihr lassen - sie konnte gut Geschichten erzählen. Kinder würden sie dafür sicher lieben. "Nein nein, du hast mich nicht gelangweilt. Eine äußerst gewitzte Angelegenheit. Hirrius muss ein pfiffiger Mann gewesen sein", erwiderte ich und warf ihr ein freundliches Lächeln zu. Zwar hatte dieser Werdegang nichts mit der Testamentsvollstreckung zu tun, doch amüsant war eine solche Geschichte allemal. Laut Lucillas Beschreibung des alten Hirrius musste er ihr gar nicht so unähnlich gewesen sein - auch sie schien ohne Unterlass reden zu können. :D


    Wir kamen an einem alten Mann vorbei, der Nüsse verkaufte und sie lautstark anpries. "Vermutlich wohnt der Erbe in der 573 b und die eins davor war schlicht ein Druckfehler... Darauf muss man erst einmal kommen", bemerkte ich. "Bist du wegen der acta viel unterwegs oder kommen die meisten Leute zu euch in das domus?"

    Ich tupfte mir gerade den Mund mit einem Tuch ab und prahlte vor jenen, welche das Mahl mit mir teilten, wie einfach Cotta doch im Ringen zu besiegen war, als Leone eintrat. Grinsend führte ich eine Traube zum Mund und kaute sie, während der Sklave eine geheimnisvolle Ankündigung machte, die mich verwundert einen Blick mit meinem Gegenüber tauschen ließ.


    Doch kaum war Leone zur Seite getreten, wusste ich, warum er nicht deutlicher geworden war: Er wollte die Überraschung wahren, und die war sowohl ihm als auch Ursus gelungen. Ich hielt im Kauen inne und betrachtete meinen straßenstaubbedeckten Neffen, der plötzlich dort stand, wo eben noch Leone gewesen war. Als Ursus uns aufzog, wusste ich, dass es real war. Freude breitete sich auf meinem Gesicht aus, und schnell schluckte ich die Weintraube, um mich aufzurichten und auszurufen: "Titus! Was für eine gelungene Überraschung! Wo kommst du denn auf einmal her? Komm, setz dich, iss mit uns." Halb aufgerichtet, winkte ich meinem Neffen und deutete dabei auf eine freie Liege, zu der Dina nun mit Teller und Becher eilte, um ganz für Ursus' Wünsche einstehen zu können. Er würde sich nur etwas wählen müssen, und sie würde es auf seinem Teller anrichten. Ich winkte Caecus, dem cellarius. "Caecus, mach einen Falerner auf, das muss gefeiert werden!" wies ich ihn an. Ich ließ mich wieder sinken und griff erneut nach dem Teller, brach ein Bröckchen Brot und sprach munter darauf kauend weiter. "Dir ist klar, dass du ohnehin kaum zum Essen kommen wirst?" neckte ich Ursus. "Du musst uns von deiner Reise erzählen - wie waren die Studien, wie die Überfahrt und vor allem: Lehrt der alte Agamemnon noch seine Philosophie?"

    Aha, daher wehte der Wind. :D
    Ich nickte und streckte die Hand nach dem Schriftstück aus. "Selbstverständlich werde ich mich bemühen, das Testament des consul schnellstmöglich zu bearbeiten", erwiderte ich und nahm das Dokument entgegen, um einen flüchtigen Blick daraufzuwerfen, ehe ich die Hand damit sinken ließ. "Es wäre nicht nötig gewesen, es persönlich herzubringen, aber ihr habt mir damit einen Weg erspart - danke sehr. Ich werde einen Boten zu euch schicken, sobald das Testament vollstreckt werden kann. Leone wird euch hinausgeleiten", fuhr ich fort und lächelte die beiden Herren freundlich an, denn hinauskomplementieren wollte ich sie nicht, doch wenn sie sonst keine weiteren Anliegen hatten, würde ich mich besser gleich den Angelegenheiten widmen, wegen derer sie gekommen waren.

    Überrascht hob ich zuerst eine Augenbraue und anschließend die Schultern. "Nun gut, eine Ecke mit Stroh sollen sie haben. Vielleicht besteht auch die Möglichkeit, Feldbetten in einem ungenutzten Zimmer aufzustellen, ich werde das prüfen lassen." Nacheinander salutierten die Männer, als der Iulier ihre Namen nannte, und da die Zeit bei der Secunda nicht unwirksam an mir vorüber gegangen war, nickte ich jedem der Männer zu und prägte mir ihre Gesichter ein. Den vermeintlichen Scherz des Iuliers fasste ich als solchen auf, denn aurelische Sklaven waren aurelische Sklaven und wer sie gegen den Willen eines Aureliers zu etwas zwang oder nutzte, der würde eventuell wegen Sachbeschädigung vor Gericht enden. Also grinste ich nur.


    "Gut", fasste ich schließlich alles zusammen. "Sollte wirklich jemand über die Strenge schlagen, werde ich das selbstverständlich melden, also reißt euch am Riemen, milites. centurio Iulius - gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?" erkundigte ich mich.

    Ich sah die kleine Sisenna noch einen flüchtigen Moment an, dann seufzte ich und stellte den Teller vorerst neben mir ab, denn mit der Rechten hielt ich das kleine Mädchen ja auf seinem Platz, und wenn ich etwas essen wollte, musste der Teller demnach irgendwo stehen, damit ich mit links essen konnte. Ich nahm ein Stück Brot, kam jedoch nicht mehr dazu, es in garum zu tunken und zu essen, denn in diesem Moment drehte Sisenna meinen Kopf in ihre Richtung und sah mich äußerst eindringlich an. Verwundert und interessiert zugleich legte ich das Stückchen Brot also wieder ab und betrachtete meine Cousine. Auf ihre Frage hin musste ich lächeln und wollte ihr vorschlagen, gleich nach dem Essen mit mir nachsehen zu gehen, wie weit die Sklaven mit dem Entladen der Wagen waren, doch da verblüffte mich ihre Vermutung, die Geschenke seien ihre Eltern und Helena. Verdutzt sah ich sie an, wandte dann den Kopf und suchte den Blick Cottas. Hatte er mir die Aufgabe überlassen, die Kleine einzuweihen? Sein betroffener Blick konnte mir bedauerlicherweise keine Klarheit verschaffen. Auch Deandra sah mich nur interessiert an, und Lupus brachte ebensowenig Aufschluss wie Prisca. Erneut sah ich zu Sisenna und fürchtete, sie gleich in Tränen ausbrechen zu sehen.


    "Sisenna..." begann ich und sah sie zerknirscht an. Ich musste den Seufzer unterdrücken, der hinaus wollte. "Es sind nicht deine Eltern, die wir mitgebracht haben. Sie wohnen nun dort, wo wir zu Lebzeiten nicht sein können", versuchte ich zu erklären und lächelte sie betrübt mit nur einem Mundwinkel an. "Aber es geht ihnen gut und sie denken immer an dich." Ich überlegte einen Moment und fügte hinzu: "Ich kann es dir zeigen - gleich heute Abend wenn du möchtest."

    "Die Freude ist ganz auf meiner Seite", erwiderte ich die obligatorische Höflichkeitsfloskel, die ich diesmal sogar aufrichtig meinte, da mir plötzlich ganz klar war, wen genau ich da eben gerade kennenlernte. Decima Lucilla....den Namen kannte ich doch? Eine Decima, eine Dame aus einer weithin bekannten und darüberhinaus einflussreichen gens. Und noch dazu wusste sie, wo der Gesuchte wohnte. Doch woher kannte ich ihren Namen?


    Ich sah sie reichlich verwirrt an, als sie dann plötzlich von einem Artikel in der acta diurna sprach - und dann fiel mir ein, woher ich ihren Namen kannte, und sie bestätigte diesen Gedanken gleich ansatzweise in ihrem nächsten Satz. "Ich wusste doch, dass ich deinen Namen schon einmal gelesen habe - du bist die auctrix, nicht? Ich dachte aber, die acta macht Sommerpause?" fragte ich sie. "Natürlich bin ich neugierig, was ihr wohl über mich schreibt, aber wenn es nichts Schlechtes ist, kann ich wohl beruhigt sein. In letzter Zeit gab es leider viel zu oft Gründe, aus denen meine Familie Schlagzeilen gemacht hat", fuhr ich fort und sah bedauernd drein. Selbst im Tod verfolgte Cicero uns noch und zog uns in seinen Strudel hinein. Ich seufzte unterdrückt und musste unwillkürlich grinsen, als sie mich mit ihrer redseligen Art regelrecht überfiel. Dennoch hörte ich mir geduldig alles an, immerhin konnte sie mich mit zusätzlichen Informationen versorgen, die ich bisher nicht hatte. Ich forderte meinen erstaunt dreinschauenden scriba mit einer Geste auf, Lucillas Worte mitzuschreiben, woraufhin Pyrrus seine Tafel zückte und eifrig Wachs ritzte. Anschließend sah ich auf meine eigene tabula hinunter. Hirrius Marullus stand da. Verdutzt sah ich Lucilla an und trat noch einen Schritt näher heran. "Ja, das stimmt", erwiderte ich und musterte das Gesicht der Decima etwas intensiver. Als sie sich empörte, schüttelte ich einige Male den Kopf. "Leider ist das so", sagte ich. "Aber ich prüfe ohnehin jedes Testament genau. Dieser Tage scheint es sehr viele Betrüger zu geben, und je höher die Summe ist, die man zu erben glaubt, desto gewitzter sind die Fälscher. Ich danke dir dennoch für diese Informationen."


    Pyrrus machte einen übertriebenen Punkt und klappte seine Tafel geräuschvoll zu, um mich danach anzusehen. Ich zog eine Grimasse und bedachte Lucilla mit einem entschuldigenden Blick, ehe ich mich Pyrrus zuwandte und zu ihm sagte: "Du hattest doch so großen Durst vorhin, wie wäre es mit einer Pause? Sagen wir, wir treffen uns in drei Stunden hier wieder." Pyrrus' Gesicht erstrahlte, er nickte eifrig, murmelte eine Verabschiedung und war dann fast schneller fort als man gucken konnte. Ich wandte mich erneut Lucilla zu. "Entschuldige, er ist ein grober Klotz. Aber er macht seine Sache gut. Gehen wir ein Stück?" fragte ich sie und deutete die Straße entlang in die Richtung, in die sie unterwegs gewesen war.