Als Prisca davon sprach, dass die Ahnen im Herzen desjenigen wohnen müssten, der ihnen gedachte, fiel mein Blick auf die Figur des Cicero, die ich achtlos wieder fortgestellt hatte. Er hatte uns alle verraten, wie konnte er da noch länger einen Platz in meinem Herzen inne haben? Glücklicherweise unterbrach meine Nichte diese Gedanken, die in keine gute Richtung abzudriften drohten, indem sie weitersprach und mich schmunzeln machte. Zu einem Großteil hatte sie recht und ich tat vieles von dem, was ich tat, für die Familie, doch natürlich auch für mich selbst. Interessiert schenkte ich dem Erklärungsversuch Priscas Gehör und versuchte, eventuell für mich hilfreiche Informationen aus ihrem Vergleich herauszufiltern. Schnell aber merkte ich, dass sie mir einfach keinen Rat erteilen konnte, weil sie so wenig Erfahrung in derlei Dingen hatte. Ich lächelte sie aufmunternd an, denn es kam mir so vor, als hegte sie große Schuldgefühle wegen ihrer jugendlichen Verfehlungen. "Ich bin mir sicher, dass deine Mutter weiß, wie sehr du sie geliebt hast und wie sehr sie dir fehlt. Gräme dich nicht wegen längst vergessener Dinge, Prisca", munterte ich sie auf und betrachtete, wie sie die Figuren nachdenklich in den Händen hielt. Löste sich da gar eine Träne? Ich neigte den Kopf etwas zur Seite und versuchte so, ihr Gesicht zu erkennen, und tatsächlich, sie weinte.
Ergriffen vom Moment der Schwäche in diesem Raum, trat ich einen Schritt an meine Nichte heran, umarmte sie und drückte ihren Kopf sanft an meine Brust, dabei unablässig über ihr duftendes Haar streichend. Böse Zungen mochten behaupten, dass mir in diesem Moment, in der Abgeschiedenheit des lararium, ganz andere Gedanken unzüchtiger Art durch den Kopf gingen, aber ich sah Prisca keinesfalls als eine Frau an, derer man sich bedienen konnte oder als mögliche Liebschaft. Ich liebte sie, aber ich liebte sie so, wie ein Bruder seine Schwester liebte, wie es angemessen war und wie sie es vielleicht erwiderte. Bald drückte sie den Wunsch aus, mit mir gemeinsam den Ahnen zu gedenken, und ich schloss einen Augenblick die Augen, das Kinn auf ihrem Haar ruhend. "Wenn du das möchtest", erwiderte ich leise und ließ sie los. Eigentlich hatten wir uns ja getroffen, um Volcanus zu opfern, aber ich ging nur zu gern auf Priscas Wunsch ein. Es würde ohnehin nicht lange dauern, und ich hatte an diesem Abend Zeit, denn die Verwaltungsarbeit konnte ich auch mal einen Abend aussetzen. Gern hätte ich noch etwas wegen Deandra erwidert, denn dass sie unglücklich war und sich offensichtlich Lupus zuwandte, machte mir insgeheim zu schaffen, auch wenn ich das niemals zugegeben hätte. Doch ich schwieg, es passte einfach nicht in diesen Moment hinein, und Priscas Wohl war nun wichtiger, also steckte ich bereitwillig zurück.
Behutsam nahm ich die Figürchen aus Priscas Händen und stellte sie wieder auf den arula, zurück zu den anderen. "Reichst du mir bitte die Weihrauchkörner?" fragte ich und deutete auf ein Schälchen, das näher an Prisca als an mir stand und in dem sich die bräunlichgrauen Körner, vermischt mit wohlriechenden Kräutern, befanden.