Ich fühlte mich schlecht. Das zumindest war es, was ich wenigstens eindeutig sagen konnte. Der Rest war zu vermischt, zu verschwommen und undurchsichtig, als dass ich es hätte klar einer bestimmten Empfindung zuordnen können. Ich stand zwar direkt vor Deandra und hatte meine Hände an ihre Wangen gelegt, aber zugleich war ich auch gar nicht anwesend. Da war etwas, das ich ergründen musste. Etwas, das sich mir nicht freiwillig offenbaren wollte, aber schon immer in mir geschlummert hatte, auch wenn ich es nur erahnen, aber niemals wahrhaben konnte. Ich ließ von Deandras Wangen ab und schloss sie stattdessen einfach in die Arme. Das tat ich aus zweierlei Gründen. Zum einen wollte ich ihr einfach nur eine Art solider Geborgenheit schenken, zum anderen wollte ich stumm hier stehen bleiben und nichts sagen müssen, obwohl ich ihre Frage sehr wohl vernommen hatte. Sie hallte tief in mir wider, als sei ich ein aus Marmor erbauter Tempel. Deandras Hinterkopf mit einer Hand haltend, sie mit der anderen über Schulter und Rücken hinweg umarmend und beruhigend streichelnd, stand ich vor der Tür zu meinem cubiculum und starrte die Tür an. Warum fragte sie mich das? Wieso stellte sie mir eine Frage, auf die ich keine Antwort wusste?
Der Duft ihres Haares stieg in meine Nase, wie ich so dastand und nichts antworten konnte. Wir hatten doch als Kinder den Sklaven in der Küche Streiche gespielt. Wie oft hatten wir im Garten unter der alten Zeder gelegen und alberne Spiele gespielt, uns vorgestellt, wir wären das Kaiserpaar und hätten das imperium zu verwalten? Wir waren aufgewachsen wie Geschwister und hatten niemals anders empfunden, warum sollte sich das nun ändern, nur weil Deandra den Weg gewählt hatte, der sie näher an Sophus brachte? Nein, das durfte nicht sein, es war schlichtweg unmöglich. Mit mir stimmte etwas nicht. Ich brauchte Ruhe. Vielleicht sollte ich nach Ostia reisen und ein paar Tage am Strand verbingen, damit die salzige Brise meinen Kopf wieder klar machte und ich Abstand gewinnen konnte. Ich war verletzt und enttäuscht. Womöglich konnte ich meine Empfindungen nicht richtig deuten und mein Unterbewusstsein redete mir Dinge ein, die einfach nicht stimmen konnten.
Ich seufzte tief. Jeder Atemzug trug mir erneut den Duft ihres Haares und den des wohlriechenden Körperöls zu, das sie verwendet hatte und das nun ihre samtene Haut auf eine geschmeidige Art benetzte. Herrje, es war Deandra, keines der Mädchen, die ich ab und an für eine Nacht hier zu Gast hatte! Ich starrte die Tür an, die Maßerungen, die im Holz der Zeder zu erkennen waren. Und es stand immer noch die Frage im Raum, zu der ich keine Antwort gewusst hatte.
"Es gibt ihn aber. Und daran solltest du jetzt denken, Deandra", sagte ich zur Tür, hinter der Assindius verborgen stand. Ich schloss die Augen und atmete ein letztes Mal ihren Duft ein, dann ließ ich sie los und trat einen Schritt zurück, unsicher dreinblickend. Wenn sie doch nur ging... Dieser Tag war kein guter Tag. Es hatte mit dem vergeudeten Brief angefangen und würde darin enden, dass ich mir eine zweite Karaffe Wein bringen ließ, um die unsittlichen Gedanken darin zu ertränken.