Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Der erwartete Hinweis darauf, dass seine Kinder nun wochenlang würden hungern müssen ob des niedrigen Verkaufspreises, blieb seltsamerweise aus. Ich hatte schon fest damit gerechnet und mir eine passende Antwort zurechtgelegt. So aber besiegelten wir lediglich das Geschäft mittels Handschlag. "Liefere sie, am besten vor der cena. Ich habe noch einige Wege zu erledigen und da wäre sie nur im Weg", erwiderte ich und drückte meinen Siegelring in die Wachstafel, die mir der Händler alsdann entgegen hielt. "Mein vilicus wird dir den Kaufpreis auszahlen, sobald du sie bringst. Ich hoffe für dich, dass sie hält, was du versprichst. Anderenfalls werde ich dich leider nicht weiterempfehlen können, Philonides. Du verstehst? Einen lukrativen Tag wünsche ich." Damit nickte ich dem Händler zu und streifte Charis nochmals mit einem längeren Blick, dann wandte ich mich zu den drei Wartenden um. "Wir gehen", sagte ich und deutete unbestimmt durch die Lücke zwischen den drei Grazien hindurch.

    Wer konnte da nein sagen? Wäre es nicht Gracchus gewesen, der mich selbst gebeten hätte - ich hatte ohnehin mit dem Gedanken gespielt, Epicharis die Ehre zu erweisen. Doch aufgrund unserer - Celerinas, Sivs und meiner - mittleren Position innerhalb des Brautzuges und der Tatsache, dass die hübsche lectrix bereits von Soldaten umringt gewesen war, hatte ich darauf verzichtet. Von denen aber schien niemand Epicharis diesen Dienst erweisen zu wollen. So wandte ich mich mit einem Schmunzeln zunächst an Gracchus, dann an Celerina, die bald meine Verlobte sein würde. "Wie könnte ich dies Angebot ausschlagen? Es wäre mir ein Vergnügen. Wenn du mich bitte einen Moment entschuldigst?"


    Ich folgte Gracchus zur Braut hin, ging um beide herum und nahm zu ihrer Linken Aufstellung. Gemeinsam hoben wir das Federgewicht empor, machten verantwortungsbewusst die paar Schritte über die flavische Schwelle hinweg und setzten sie dann behutsam wieder ab. Ihr dankender Blick sprach Bände, und ich erwiderte das Lächeln mit einem aufmunternden Zwinkern, ehe ich zur Seite trat, damit auch die anderen Gäste nun nach der Braut das Haus betreten und sich im atrium verteilen konnten, um der weiteren Zeremonie beizuwohnen. Um die Falten der toga war es damit nicht nur bei mir geschehen, sondern auch bei Gracchus. Aber das war es allemal wert gewesen, um Epicharis so ganz offensichtlich und ohne zu befürchtende Negativreaktion an den Hintern packen zu können. :D

    Das Erschrecken in ihren Augen verwirrte mich ein wenig. Andererseits konnte es doch nur heißen, dass ihr Onkel wohl doch nicht involviert war in ihren Entschluss, Priesterin zu werden. Ich legte den Griffel neben die Tafel und faltete die Hände über der tabula. "Das ist kein Problem. Ich hätte dir ohnehin dazu geraten, zumal ich dir eine Ausbildung außerhalb Roms vorgeschlagen habe", erwiderte ich.


    "Mir würde eine schriftliche Mitteilung auch reichen, die weiteren Formalitäten würden ohnehin erst nach Befürwortung deines Antrags durch den rex sacrorum geklärt werden. Du musst natürlich den Amtseid ablegen, sollte es dazu kommen. Falls es ausschlaggebend sein könnte, sage deinem Onkel, dass der Priester, an den ich dachte, Decimus Duccius Verus heißt. Er ist ein engagierter junger Mann, und ich würde ihn nicht vorschlagen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass du etwas bei ihm lernen kannst. Zudem hat auch er sich der Iuno verschrieben." Damit lehnte ich mich zurück und warf einen kurzen Blick auf die Wachstafel vor mir. Viel mehr als Callistas Name und die präferierte Gottheit stand dort bisher nicht. Ich schrieb Germania? (D. Duc. Verus) dazu und legte den Griffel dann wieder fort.


    "Gut. Wenn es sonst zunächst nichts mehr zu klären gibt, würde ich sagen, du suchst deinen Onkel auf", fuhr ich freundlich fort und lächelte sie kurz an. Es würde wohl keine leichte Entscheidung werden für Balbus, ein Mädchen in ihrem Altern so ziemlich allein nach Germanien zu schicken.

    Natürlich fiel mein Blick auf den Rücken. Wie hätte ich mich dessen auch erwehren können, wo Philonides die Sklaven beinahe auszog vor meinen Augen? Zugegebenermaßen war sie nett anzuschauen. Ein Kostverächter war ich noch nie gewesen, und helles Haar hatte mich von jeher fasziniert. Ich runzelte die Stirn, als der Händler mir versprach, dass ich niemals Ärger mit ihr haben würde. Ein gewagtes Versprechen. Bei seinem nächsten Angebot schnalzte ich jedoch mit der Zunge. "Für siebzehn aurei würde ich einen gut ausgebildeten Leibwächter bekommen, guter Mann. Mir muten deine Vorstellungen recht utopisch an", entgegnete ich.


    Ich spürte den Blick der Sklavin auf mir und wandte den Kopf. Durchdringend war ihr Blick, beinahe unheimlich, zugleich jedoch bittend. Ich drehte mich wieder dem Händler zu. "Also gut. Vierzehn aurei, das ist mein letztes Zugeständnis", sagte ich zu ihm. Bei den meisten Sklaven kristallisierte sich erst nach dem Kauf das günstigste Einsatzgebiet heraus, diese Erfahrung hatte ich zumindest gemacht. Wenn Siv das Kind austrug, würde sie ihre Arbeit übernehmen können, sobald die Schwangerschaft weit genug fortgeschritten war. Und alles weitere würde man dann sehen, sagte ich mir und hielt dem Händler meine Hand hin. Er mochte einschlagen und den Kauf zu meinem Preis besiegeln, oder aber seine Ware jemand anderem anpreisen müssen.

    Aufmerksam und mit dem Quäntchen Mitleid, das nicht auch noch zu unterdrücken war, obwohl ich mir große Mühe gab, betrachtete ich Celerina. Augenblicklich schmolz das aufgesetzte Schauspielerlächeln dahin. Der Ausdruck, der stattedessen auf ihr Gesicht trat, ließ mich sie betreten ansehen. Durch das einfallende Tageslicht waren nicht nur ihre Blessuren deutlich zu erkennen, sondern auch die Tränen. Immer schon war es so gewesen, dass mir eine weinende Frau ein schlechtes Gewissen machte. Ich wusste nicht woher das kam oder warum es so war - es war eben so. Die kleine Sisenna hatte um diesen Umstand gewusst und sich ihn viel zu oft zunutze gemacht. Betroffen sah ich die erste Träne rollen und wusste nicht, was ich sagen sollte. Nur ein flüchtiger Blick glitt hin zu Sciurus, dem ich nur Beachtung schenkte, weil er in diesem Raume Gracchus' verkörperte, und weil er ihm gewiss Bericht erstatten würde. Die Angelegenheit im Garten musste einen weitaus bleibenderen Eindruck hinterlassen haben, als ich zunächst angenommen hatte. Celerina wischte ihre Tränen fort. Wirkte sie gar trotzig?


    Ich hob erneut die Hand, beugte mich ein wenig auf dem Stuhl vor und strich ihr mit dem seitlichen Zeigefinger einen feuchten Kohlestrich von der Wange. "Das wichtigste ist, dass du nun wieder hier bist", sagte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte sagen sollen. Im Trösten war ich noch nie besonders gut gewesen, zumindest glaubte ich das. "Wer immer dir das angetan hat, wird dafür mit dem Tod bestraft werden. Dein Onkel wird sich gewiss mit dem gleichen Nachdruck dafür einsetzen wie ich, sei dir dessen sicher. Du wirst doch Klage einreichen?" fragte ich nach. Ob Gracchus bereits den cursus iuris absolviert hatte? Ich hätte ihn vorher fragen sollen. Es rief jedoch mir ins Bewusstsein, dass ich jenen noch zu belegen hatte.


    Mit der Hand, die eben noch über ihre Wange gestrichen hatte, griff ich nun nach der ihren. Ein mitfühlendes Runzeln stand auf meiner Stirn. "Das tut mir leid", sagte ich. Was hätte ich auch anderes erwidern sollen? Vermutlich war ihr die Sklavin wichtig gewesen. Schlechtestenfalls hatte sie ein Halt für Celerina dargestellt, während sie gefangen waren. "Celerina... Ich bin vermutlich der denkbar schlechteste Gesprächspartner, aber falls du darüber reden möchtest, dann..." Ich beendete den Satz mit einem stummen Schulterzucken. Im Grunde wollte ich gar nicht genau wissen, was sie mit ihr angestellt hatten. "Vielleicht sprichst du mit Epicharis? Oder Gracchus' Frau?" schlug ich vor. Eine Frau würde doch sicher einer Frau mehr anvertrauen wollen als einem Mann, selbst wenn dieser ihr Verlobter war.

    Auf Celerinas Wink hin platzierte die Sklavin die mitgebrachten Blumen, welche mir im Übrigen nun recht mickrig vorkamen, auf dem Beistelltisch, auf dem auch die Öllampe brannte. Dann schickte sie sich an, die Vorhänge zu lüften. Ich betrachtete sie kurz dabei und musste gleich Celerina die Augen zusammenkneifen. So wandte ich meiner Verlobten den Blick wieder zu und verbog die Mundwinkel zu einem vagen Lächeln. Mit den verschiedenen Rottönen der Blüten erblühten auch die Veilchen auf Celerinas Gesicht, auf ihren Armen und dem Dekollettee. Das Lächeln wich aus meinen Zügen, als ich den Blick über die in allen Farben schillernden Schattierungen der Haut schweifen ließ, bis ich mir bewusst wurde, dass ich damit wohl Erinnerungen wachrief, an die sie sich ganz sicher nicht erinnern wollte. Eine Frage manifestierte sich in meinem Kopf. Wenn ihr jemand so etwas angetan hatte, war es dann noch wahrscheinlich, dass er ihr etwas anderes nicht angetan hatte?


    Meine Miene war versteinert, wie ich erst jetzt bemerkte. Ich bemühte mich, sie zu lockern und Celerina mit einem Blick etwas aufzuheitern, doch vermutlich misslang es mir ganz kläglich. Ich seufzte. "Wirklich? Mir fällt es bisweilen schwer, andere glauben zu machen, es ginge mir gut, wenn dem eigentlich nicht so ist - zumindest durchschaut mich mindestens meine Nichte Prisca gleich zu Beginn, und das eigentlich immer. Deswegen versuche ich erst gar nicht mehr, ihr zu versichern, dass es mir gut geht, wenn mich in Wirklichkeit etwas beschäftigt." Ich warf Celerina einen prüfenden Blick zu. Konnte sie soweit überhaupt folgen in ihrem Zustand? "Ich habe gewiss nicht die gleichen, fast schon hellseherischen Fähigkeiten wie Prisca, aber dass es dir nicht gut geht, ist dennoch ziemlich ersichtlich. Finde ich." Eine Braue wölbte sich dem Haaransatz entgegen, während ich versuchte, zugleich tadelnd wie aufmunternd dreinzublicken. Dennoch, die Frage ging mir nicht aus dem Kopf. Ich würde mich dennoch hüten, sie jetzt zu stellen. Vermutlich würde ich sie gar niemals stellen.

    "Spendenzwecke also. Und warum kommst du diesbezüglich zu mir? Ah, und du weißt nicht zufällig, ob dieser Iuvenalis näher mit Durus von den Tiberiern verwandt ist?" hakte ich nach und ließ die Arme sinken. Dina nickte und lächelte uns kurz zu, dann verschwand sie mit ihrem unsichtbaren Freund aus dem Zimmer. Saba zupfte derweil adrett an den letzten Falten herum. "Ich wollte dich ohnehin noch um etwas bitten. Du dürftest Purgitius Macer weitaus häufiger zu Gesicht bekommen als ich selbst. Meinst du, es wäre dir möglich, im Gespräch herauszufinden, ob er angetan wäre über eine Verbindung zu unserer gens? Natürlich darfst du dabei nicht allzu offensichtlich vorgehen." Saba hatte ihr Werk nun ebenfalls verrichtet und folgte Dina. Ich ging auf Avianus zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Das ist eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl und rhetorische Fähigkeiten erfordert. Traust du dir das zu? Ich möchte nicht, dass man irgendwann darüber spricht, wir Aurelier priesen unsere heiratswilligen Damen wie Oktoberpferde an. Ich bin nicht enttäuscht, wenn du ablehnst, Tiberius." Genaugenommen erwartete ich sogar, dass er ablehnte. Immerhin übte er sein Amt nur dank einer recht knappen Mehrheit überhaupt aus, und vielleicht war er tatsächlich noch nicht reif genug. Dass ich mich dabei nicht meiner eigenen Vigintiviratszeit erinnerte, kam mir gar nicht befremdlich vor. Ich war zwar keineswegs perfekt aus dem Ei gepellt auf die Welt gekommen, doch diese Tatsache war leicht zu verdrängen, wenn man andere auf ihre eigenen Mängel aufmerksam machte - auch, wenn ich mir letztlich doch große Mühe gab, jedem Familienmitglied mehr zuzutrauen als das bisher der Fall gewesen war.

    "Wer das vollumfängliche Wahlrecht erhalten möchte, benötigt den cursus res vulgares, den bietet das Museion nicht an, wie wir eben gehört haben", erwiderte ich mit einer Geste hin zu Germanicus Avarus, der schließlich eben gesagt hatte, dass hierfür die wie auch immer geartete Zweigstelle der schola in Ägypten verantwortlich war. "Ich empfinde die Bildung auch nicht als dergestalt, dass sie nur jenen zugänglich gemacht werden sollte, die auch ein politisches Interesse haben." Ich fragte mich, wer der Mann war. Er saß zwar unter den Konsularen, aber sein Gesicht sagte mir nichts. Vermutlich war seine Zeit vor der meinen gewesen. Vielleicht erinnerte ich mich an eine Erwähnung seiner, wenn man mir seinen Namen nannte. "Für jene, die das Interesse hegen, sich selbst einmal - wann auch immer - in der Politik zu betätigen, kann es nur sinnvoll sein, wenn man am Museion absolvierte Lehren auch anrechnen lassen kann."



    edit: letzten Satz zugefügt

    Es dauerte kaum eine Minute, da wurde die Tür geöffnet. Statt eines normalen Zimmers empfing mich Dunkelheit, von einer einzelnen Flamme einmal abgesehen. Eine Sklavin sah mich scheu an und trat dann beiseite, um mich einzulassen. Befangenheit hatte meine Kehle erobert und sie zugeschnürt. Es war wie damals, im roséfarbenen Garten. Ich fühlte mich, als würde ich die Höhle des Löwen betreten. Nur würde ich es diesmal nicht allein tun, denn Gracchus hatte mir gleich einen Aufpasser mitgesandt. Ganz so unglücklich war ich darüber nicht, wie ich mir selbst gestehen musste.


    Die Dunkelheit und das schwache, gelbliche Licht der Öllampe löschtebeim Eintritt in den Raum alle Farben aus. Das Blumengesteck war nun grau schattiert, ebenso wie meine tunica und der purpurne Streifen auf der toga. Celerinas Stimme klang zögerlich, wie ich fand, und in der Abwesenheit von hinlänglichem Licht brauchte ich einen Moment, um mich zu orientieren, zumal ich bisher nicht einmal Celerinas Gemächer betreten hatte. Es gehörte sich nicht, eine Frau in ihrem Gemach aufzusuchen, das wusste ich und hätte ich auch gewusst, ohne dass Gracchus seinen Sklaven mitgeschickt hatte, und ich würde nicht noch einmal denselben Fehler machen wie seinerzeit im Garten. Auch nicht jetzt, da wir verlobt waren miteinander. Ich gab der Sklavin die Blumen für Celerina und trat gleichzeitig aus dem hellen Rechteck, das durch die Tür fiel, hinein in die Dunkelheit des Zimmers. Celerina saß im Bett, und soweit ich es beim Näherkommen erkennen konnte, wirkte sie angeschlagen. Ihre Augen waren zwei dunkle Flecken, in denen sich kein Licht widerspiegelte. "Celerina", sagte ich und wusste im nächsten Moment nicht, was ich noch sagen sollte. Gewiss wollte sich nicht über das Vorgefallene sprechen, und wenn doch, so nicht mit mir. Ich blieb neben dem Bett stehen, überlegte kurz, ob ich mich auf die Kante setzen sollte, verwarf den Gedanken dann aber nach einem Blick zu dem Sklaven Gracchus' neben der Tür hin und zog mir einen Stuhl heran. Nachdem ich mich gesetzt hatte, hob ich eine Hand und strich ihr mit dem Rücken der Finger kurz über die Wange. "Ich bin froh, dass nicht du in diesem Lagerhaus verbrannt bist. Wie geht es dir?" fragte ich, kaum dass die Hand wieder gesunken war.

    Ich bin ebenfalls dafür, zu verschieben. Vielleicht erbarmt sich jemand. :D


    @ Raginamunt: Der neue Bond ist überladen mit Actionszenen. Vor lauter Action ist kaum Handlung da. Die Effekte sind zweifellos gut, doch was wollen sie im "dritten neuen Bond" zeigen? Viel gibt es da nicht mehr, was man noch übertrumphen könnte - Autojagd, Flugzeugjagd, Bootjagd, eine Menge Explosionen und Co hat man schon verwendet. Das macht den Film surreal und überladen. Vielleicht bringen sie im nächsten Bond zur Abweschlung mal wieder Handlung rein, so wie in Casino Royal (den ich übrigens wirklich gut fand, auch wenn er mMn im Vergleich zu den Connery-Bonds auch nur zweitklassig ist).

    Glücklicherweise hatte ich die gesamte Feiertagsorganisation an Brix abschieben können, sodass ich mich dieser Tage nicht auch damit noch befassen muste. Erneut stellte ich fest, dass Gracchus wohl gut gelaunt war - ob dies ob der der anstehenden Festtage der Fall war oder aus einem anderen Grund, vermochte ich nicht zu sagen. Vermutlich war es auch Celerinas Rückkehr, die ihn froh stimmte. Ein beipflichtendes Nicken meinerseits begleitete Gracchus' Worte bezüglich Celerina. "Wenn du denkst, dass ich ihr damit nicht zu viel zumute, werde ich sie im Anschluss gern für einen Moment besuchen. Vielleicht kann ihr jemand bescheid geben, damit ich sie nicht gänzlich unvorbereitet aufschrecke?" bat ich Gracchus, jemandem aufzutragen, Celerina über meine Besuchsabsichten zu informieren. Es war nie gut, wenn man eine Frau unvorbereitet mit einer Stippvisite überraschte, vermutlich in Celerinas Situation noch weniger als es sonstig der Fall war. Sofern ich in irgendeiner Weise dazu beitragen könnte, dass es ihr bald wieder besser ginge, würde ich es selbstverständlich tun.


    Die Information Caius betreffend nahm ich indes überrascht zur Kenntnis. Eine Weile sagte ich nichts, sondern hing meinen Gedanken nach. Ich hatte Aquilius nie für einen Mann gehalten, der sein Wort leichtfertig brach, und doch musste ich mich nun fragen, warum er nicht nur mich, sondern auch seine Familie dergestalt hängen ließ. Ich sog die Unterlippe ein, runzelte die Stirn. Nein, das verstand ich nicht. Doch offen fragen, warum er sich für diesen hastigen Rückzug entschieden hatte, wäre unhöflich gewesen, selbst für einen engen Freund des Betreffenden. "Das ist etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe", gestand ich Gracchus mit fortwährend gerunzelter Stirn, mit einem nachdenklichen Blick Gracchus musternd, der nun anbot, sich der Anliegen anzunehmen. "In einer Angelegenheit wirst du mir vermutlich nicht weiterhelfen können. Du weißt sicherlich, dass Caius beabsichtigt, meine Nichte Prisca zu ehelichen? Ich frage mich, ob dies immer noch seine Intention ist. Prisca weilt inzwischen wieder in Rom, die Verlobung könnte demnach bald stattfinden. Zugesagt hatte ich Caius dies bereits." Ich fühlte mich seltsam. Aquilius war mein bester Freund gewesen, was hatten wir nicht alles geteilt? Und nun ließ er mich nicht nur hängen, indem er urplötzlich und scheinbar für längere Zeit auf Reisen war, sondern er stieß auch meine Familie vor den Kopf, indem er sich nicht an sein Wort hielt. Ich hatte geglaubt, er sei ehrenvoller gewesen. Nunja, doch dies war nichts, wofür Gracchus verantwortlich zeichnete.


    "Es gibt da noch etwas. Aufgrund der jüngsten Vorfälle um Fabius Antistes, bin ich gezwungen, mich in eine neue Sodalität einzugliedern", begann ich und umriss hernach grob, was in der curia der collinischen Salier vorgefallen war. Es tat gut, offen reden zu können, und wenn es einen gab, mit dem ich das konnte, so war es Gracchus, der schließlich in alles eingeweiht war. Schlussendlich beendete ich die Erzählung. "Ich habe mich stets den Saliern eher verbunden gefühlt als den Arvalbrüdern, deswegen wollte ich Caius darum ersuchen, meine Cooptation dem Gremium vorzuschlagen. Meinen Vetter Ursus betrifft das wohl ebenfalls", sagte ich, nicht ahnend, dass Ursus bereits schneller gewesen war als ich. Es gab natürlich noch einen weiteren Grund. Ich empfand den magister der Arvalbrüder als einen ungehobelten, auf militärische Knappheit reduzierten Menschen, doch das tat hier nichts zur Sache.

    "Ich denke, dass dies nicht allein deine Entscheidung ist, Germanicus Avarus. Der Epistates des Museions mag einen Fehler begangen haben, indem er nicht zuerst seinen Weg über den Rektor der Schule suchte. Doch du machst deutlich, dass es ohnehin nur eine Absage zur Antwort gegeben hätte, und deswegen kann ich persönlich dem Mann-" Ich warf einen Blick auf die Abschrift. "-Sosimus, keinen Vorwurf machen. Er hat sich an den Senat gewandt. Und der Senat sollte auch darüber befinden, ob nicht genau das sinnvoll ist, was consul Aelius ebenfalls angesprochen hat: Eine Anerkennung der Jahre währenden Ausbildung im Museion als cursus continuus. Dass man den römischen Grundkurs nicht mit dem äyptischen gleichsetzen kann, finde ich noch nachvollziehbar. Immerhin geht es um andere Themengebiete. Doch die gegenseitige Anerkennung von Kursen ist etwas, das man einander guten Gewissens zugestehen kann und auch sollte."


    Ich fragte mich nach wie vor, wo in Ägypten eine Zweigstelle der schola existierte. Selbst Seiana hatte davon nichts erwähnt, und sie gedachte schließlich, in Kürze für die Schule dort zu arbeiten, wenn ich ihr Schreiben richtig gedeutet hatte.

    *Angelehnt an "Departed - Unter Feinden"


    Eine kurze Stippvisite - mehr nicht. Das zumindest hatte ich vor, als ich von Gracchus' Büro aus zu Celerinas Gemächern geleitet wurde. Inzwischen durfte jemand meine Verlobte über meine Anwesenheit, ebenso wie über die Absicht, im Anschluss an das Gespräch mit dem Hausherrn bei ihr vorbeizusehen, informiert haben.


    Der flavische Sklave, der mich hierher gebracht hatte, verabschiedete sich artig und verschwand dann am Ende des Flures. Trautwini, der auf mich gewartet und mich hierher begleitet hatte, reichte mir die Blumen. Und ich, der ich verlobt war mit Flavia Celerina, klopfte schließlich an. Trautwini ließ mich allein und verschwand ebenfalls in den Eingeweiden des Hauses, vermutlich, um in der Küche darauf zu warten, dass ich wieder gehen wollte. Ich musste mir eingestehen, dass ich doch etwas befangen war. Wie mochte Celerina aussehen? Was mochten diese Piraten ihr angetan haben?

    In einen Hinterhalt war sie also geraten. Aber warum war sie überhaupt in Ostia gewesen? Ich würde mit ihr darüber reden müssen. Gewiss hielt sie es wie meine eigenen weiblichen Verwandten und nahm kaum Sklaven zu ihrem Schutz mit. Gerade Laevina und ich gerieten deswegen immer wieder aneinander. Tilla mochte zwar das kleine Obstmesser besitzen, das ich ihr im vergangenen Jahr zu den Saturnalien geschenkt hatte, doch wehren oder gar ihre Herrin verteidigen konnte sie damit nicht. Und Celerina mochte es genauso gehen. Ich sollte künftig darauf bestehen, dass mindestens zwei custodes sie eskortierten, sobald sie das Haus verließ, überlegte ich mir.


    "Decimus Verus." Der Name sagte mir nichts, doch seine Familie schon. Ich würde ihm eine kleine Aufmerksamkeit senden, wie es sich gehörte. "Gut." Ich erhob mich wieder. Welche Nachricht sollte ich ihr zukommen lassen? "Richte deiner domina aus, dass ich den Göttern ein Opfer angedeiehen lassen werden, nun, da sie noch unter den Lebenden weilt. Ich freue mich sehr und werde sie bald besuchen", diktierte ich beinahe. Dann nickte ich dem Sklaven zu. Falls das seinerseits alles war, würde er damit entlassen sein. Der Schriftrolle würde ich mich wohl nicht mehr zuwenden. Zu sehr in Aufruhr waren meine Gedanken nun.

    "Das höre ich natürlich gern. Ich nehme an, ein Einverständnisdokument hast du bei dir? Für die Akten", sagte ich. Immerhin musste alles seine Ordnung haben. "Nun ja, was die momentane Ausbildungssituation in Rom anbelangt... Sagen wir, sie ist schwierig. Viele der Priester sind bereits ausgelastet mit ihren Schülern. Es ist vielleicht nicht gerade passend, aber ich würde dir nahe legen, dein Glück in einer der Provinzen zu versuchen. Hispania und Germania bieten gute Aufstiegsmöglichkeiten, und ich wüsste sogar einen sacerdos in Mogontiacum, der in deinem Alter ist. Du musst es nicht gleich entscheiden, aber wenn wir dich hier in Rom unterbringen wollen, kann es durchaus sein, dass du eine Weile warten musst. Natürlich solltest du auch mit deinem Onkel darüber reden."

    Corvinius. Ich rümpfte die Nase. Der Germanicer sollte einmal seinen nomenclator wechseln, dachte ich bei mir. Und wie viele Männer gab es, die erst in späten Jahren in den Senat berufen wurden! Auch die Begründung seines Onkels war mir zu einseitig. "Sofern man einen bekannten und namhaften Patron vorweisen kann, stellt die Wahl meines Erachtens kein Problem dar. Als Beispiel möchte ich den jüngst zum vigintivir gewählten Decimus erwähnen", erwiderte ich. Mein Neffe Avianus fiel ebenso darunter. Letzterer hatte bereits mit Taten von sich reden gemacht, von dem Decimus allerdings hatte ich selbst bisher nichts weiter gehört. Doch das war nicht der Tagesordnungspunkt.


    "Wir sprechen hier doch über zwei von Grund auf verschiedene Systeme", beharrte ich. "In Ägypten finden keine Kurse statt, wie die schola sie anbietet. Bedeutet das als Resümee, dass die Lehre dort im Süden schlechter geartet ist? Das denke ich nicht." Was die Machtballung der schola in Rom anbelangte, verstand ich den Rektor ebenso wenig. Immerhin hatte das Bildungsinstitut diverse Zweigstellen ind en Provinzen. Wozu, wenn nicht, um das Angebot nicht nur auf Rom zu konzentrieren? Auf mich hatte der verliegende Brief einen höflichen Eindruck gemacht. Von Untergrabungen oder gar zynischen Forderungen konnte ich auch nach einem Blick auf die Abschrift nichts lesen.