Natürlich gefiel es ihr nicht. Ich selbst hätte mich mit einer solchen Antwort auch keinesfalls zufrieden gegeben, sondern nachgefragt. Vermutlich tat sie es aus einem einzigen Grund nicht postwendend: Sie führte sich vor Augen, dass ich ihr Herr war. Sie schien ihren Gedanken nachzuhängen. Und ich war noch wacher, als ich es zuvor gewesen war. Ein erneuter Seufzer hob meine Brust. Ich suchte nach Worten, die ich sagen konnte, ohne sie zu verletzen. Mir fielen keine ein, zumindest nicht zu diesem Thema. Es war schließlich nur natürlich, dass eine Mutter das Beste für ihr Kind wollte. Siv stellte da keine Ausnahme dar. Aber wie konnte ich ihr etwas zusichern, über das ich mir selbst noch nicht ganz im Klaren war? Eine Ablenkung musste her. Mir fiel wieder ein, wie wir vor einigen Stunden in der Küche zusammengekommen waren. Die Saturnalien standen kurz vor der Tür. Hier galt es, ebenfalls rasch eine Entscheidung zu fällen.
"Wegen Louans Reise... Ich wollte..." begann ich und verstummte, als sie plötzlich fortfuhr und zugleich seltsam steif neben mir wirkte. Diesmal unterdrückte ich den Seufzer und hörte mir an, was sie zu sagen hatte. Siv wollte wissen, wie die anderen sie denn vielleicht behandeln würden. Darauf wusste ich keine genaue Antwort. "Meinst du nicht, dass sie dir neiden werden, wenn du bevorzugt behandelt wirst?" fragte ich sie daher. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie die sonst so friedliche Gemeinschaft sie behandelt hatte, als die anderen von dem Fluchtversuch erfahren hatten. Im Liegen zuckte ich mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Es mag sein, dass du damit umgehen kannst und auch nichts darauf gibst. Aber sowas kann einem ganz schön das Leben schwer machen, Siv. Ich würde es nicht unterschätzen, wenn sich ein Gutteil der anderen gegen dich stellt oder auch nur unfreundlich ist", warnte ich sie. "Wenn das je passieren sollte, möchte ich, dass du mir davon erzählst."
Die andere Frage war schon weitaus kniffeliger. Durfte das Kind wissen, wer sein Vater war... Mir kam ein Sprichwort in den Sinn. Kindermund tut Wahrheit kund. Es würde wohl einfacher sein, wenn es zunächst nicht wusste, wer sein Vater war. Zumindest, bis ich mir selbst darüber im Klaren sein konnte, wie ich damit umgehen würde. Konnte. Sollte. "Das weiß ich jetzt noch nicht", erwiderte ich also ein weiteres Mal ausweichend. "Es ist ja aber auch noch mehr als genug Zeit bis dahin." Vermutlich würde ich die Entscheidung dann aber doch so kurzfristig fällen, wie die Saturnalien stets vor der Tür standen, obgleich sie doch alljährlich zur gleichen Zeit stattfanden. "Problem?" Mit gerunzelter Strin rappelte ich mich auf die Seite und stütze den Kopf auf den angewinkelten Arm. "Siv. Wenn ich wollte, dass du Cadhla nacheiferst, dann wäre das sicher längst passiert. Ich will es aber nicht. Deswegen bist du hier. Und ich weiß noch nicht, was ich dir - euch - zugestehen kann, ohne dass ich mir dadurch weitere Komplikationen innerhalb der Sklavenschaft zuziehe. Es gibt hier durchaus andere, die länger und weniger störrisch ihre Arbeit verrichtet haben als du selbst. Betrachte es einmal aus anderem Blickwinkel: Eine Freilassung ist eine Belohnung. Ein Privileg. Es ist bei weitem nicht so einfach, wie du es dir sicher ausmalst. Ein solcher Schritt will wohl überlegt sein. Ich muss darüber nachdenken. Das muss dir als Antwort reichen", erklärte ich ihr. Im nächsten Moment knurrte mein Magen, wie als brumme ein Bär eine abschließende Zustimmung. "Auch das noch", seufzte ich und grinste Siv im nächsten Moment an. Louan hatte ich überdies vergessen.