Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    "Findest du nicht, dass du erst einmal ordentlich Latein sprechen lernen solltest?" fragte ich Siv, und den tadelnden Tonfall vermochte ich dabei nicht aus den Worten zu verbannen. Wäre es nicht Siv gewesen, ich hätte wohl über den Mehrwert nachgedacht, den viele beherrschte Sprachen einem Sklaven verliehen. Doch so kam ich nicht auf den Gedanken und dachte eine Weile darüber nach, wie es wohl wäre, das ein oder andere griechische Gespräch mit ihr zu führen. Natürlich war wir allesamt des Griechischen mächtig, alle Aurelier, darauf hatten unsere Eltern Wert gelegt, und so war es gewesen, so lange ich zurückdenken konnte. Allerdings war mein Sprachvermögen inzwischen wohl bereits so sehr eingerostet, dass ich eine Weile brauchen würde, um wieder hineinzufinden. Vielleicht sollte ich öfter in der Küche vorbeisehen, bei Niki.


    "Eindrucksvoll, beeindruckend, faszinierend", half ich Siv aus, als sie sich verhaspelte und nicht weiter wusste. "Ich habe nichts dagegen, dass du lernst, solange es nicht nur Schimpfwörter sind, heißt das. Und so lange du dich nach wie vor anstrengst, gutes Latein zu sprechen. Vor anderthalb Jahren warst du noch kaum zu verstehen", sann ich laut vor mich hin. "Hier ist so viel Wissen? Seltsam. Mir kommt es vor, als berge Rom weniger Wissen als viele andere Orte. Aber das ist wohl relativ... Gibt es denn irgendetwas, das dich besonders interessiert?" wollte ich von ihr wissen.


    Jedenfalls erst mal also. Ich schwieg, zupfte mir eine Haarsträhne Sivs, sah darauf hinunter und drehte sie zwischen den Fingern. Wieder dachte ich an Aquilius und daran, dass die Situation mit ihm und seiner Sklavin ähnlich war. Sie war nun eine liberta, ihr Kind hatte die Möglichkeit, sich das Bürgerrecht zu verdienen. Ich wollte nicht, dass mein Sohn zugleich auch mein Sklave war. Es galt, sich zu entscheiden, ehe er das Licht der Welt erblickte. Doch etwas hielt mich zurück. Was, wenn sie doch ging, wenn ich sie entließ?

    "Dann sollten deiner Meinung nach auch keine Grundbildungskurse in Alexandrien stattfinden? Denn das ist gegenwärtig der Fall, und ein Römer muss zunächst in eine Provinz reisen, in der er eine Einrichtung der schola aufsuchen und die entsprechende Prüfung ablegen darf", erwiderte ich, denn das war die Tatsache, auch wenn Seiana berichtet hatte, dass wenigstens die Prüfungsergebnisse in der Provinz bekannt gegeben wurden, in der man eigentlich sesshaft war.


    "Eine weitere Hürde dürfte im Übrigen die Art der Bildungsvermittlung darstellen, die an schola und Museion divergieren. Die schola bietet meines Wissens nach keine länger währenden Kurse an, während die Dinge, die man am Museion studieren kann, mitunter ein ganzes Leben lang andauern können. Die Frage ist, ob man einem Mann mit dem Wissen aus einem jahrzehntelangen Studium guten Gewissens den Zutritt in die Politik verweigern sollte, denn wer sagt, dass er am Museion weniger gelernt hat als während eines Kurses an der schola?"

    "Wäre denn die schola Atheniensis von Rom einer Einladung zum Gespräch gefolgt?" stellte ich die rhetorische Gegenfrage. Denn dass gerade Avarus so fest im römischen Sattel der Bildung an der schola saß, war durchaus eine bekannte Tatsache.


    "Im vorliegenden Schriftstück wird doch lediglich darum gebeten, dem Museion einen Platz im Bildungswesen einzuräumen. Meines Erachtens hat es das auch durchaus verdient, immerhin bringen alexandrinische Forscher das Wissen um die Medizin voran. Das Wissen, das sich in der Bibliothek zu Alexandria befindet, ist ein wahrer Kulturschatz, das wird gewiss ein jeder hier so sehen. Mir war es bisher nicht gegönnt, selbst einmal durch die endlosen Regalreihen dort zu flanieren, allerdings hütet der Epistates sein Wissen nicht eifersüchtig, sondern teilt es mit jedem, den es interessiert. So stellt sich mir dann die Frage, ob die schola Atheniensis ihr Wissen denn nicht erweitern möchte - und warum das so sein mag."


    Zu Seiana sagte ich erst einmal nichts weiter, es bedurfte wohl zunächst doch einer detaillierteren Klärung des Sachverhaltes. Warum aber eine Zusammenarbeit ebenso wenig möglich schien wie gegenseitige Anerkennung von Kursen, interessierte mich doch sehr.

    Sivs Sprechweise hatte sich schon sehr verbessert, von unverständlich über drollig bis hin zu gut zu verstehen, doch den guten Vorstatz von eben, sie zu verbessern, milderte ich gedanklich bereits wieder ab. Im Grunde war ja vieles richtig, was sie sagte und wie, nur einige Wortdreher baute sie ein oder richtige Endungen an die falschen Worte. Wie sollte man das besser lernen denn durch Zuhören? So sagte ich nichts bei ihrem Dreher und raschelte stattdessen ein wenig mit der Bettdecke.


    "Du willst Griechisch lernen? Wozu?" fragte ich dann, denn was mir beim Lateinlernen noch wichtig und schlüssig vorkam, fand ich das Griechische betreffend schlichtweg unnötig in Bezug auf Siv. Wozu auch sollte sie griechisch sprechen können? Und dass man allgemeine Gebrauchswörter schneller lernte als andere, lag auf der Hand. Je öfter Siv darüber hinaus mir Niki zusammen war - und dieser Tage war das wohl aufgrund des eingeschränkten Tätigkeitsbereichs ihrerseits durchaus öfter als sonst - desto schneller lernte sie alles über die dunkle Seite der griechischen Sprache. Ich seufzte leise. Das Kind würde ohnehin zweisprachig aufwachsen, argwöhnte ich, denn Siv würde wohl kaum ihm zuliebe darauf verzichten, ihre Muttersprache zu sprechen, wann immer sich eine Möglichkeit dazu ergab.


    Ihre Antwort indes überraschte mich nicht sonderlich. Ich wusste, was sie empfand. Auch, wenn ich niemals von mir gesprochen hatte. Wenn man etwas aussprach, bekam es die nötige Griffigkeit, die letzten Endes nicht mehr zu leugnen war. Also schwieg ich, wenngleich andere Dinge mich auch unbeabsichtigt verraten mochten. "Ich frage, weil ich über die Zukunft des Kindes nachdenke", erwiderte ich ebenso unverzüglich wie sie. Ich musste an Aquilius denken, der sich jetzt irgendwo fernab Roms befand und dessen Kinder eine Fischerin und eine Sklavin ausgetragen hatten. Ich musste deswegen unbedingt nocht Gracchus aufsuchen, denn wenn jemand etwas über den Verbleib Aquilius' wusste, dann musste er es sein.

    Ich grinste durch den Spiegel in Avianus' Richtung als Antwort auf seinen Kommentar. Vermutlich lag es uns irgendwie im Blut, ein geschäftiges Völkchen zu sein. Zu meiner Zeit als decemvir war ich auch stets früh auf den Beinen gewesen. Genau genommen seit jener Zeit, denn ein Ausschlafen gab es inzwischen aus zwei Gründen so gut wie nicht mehr: Zum Einen stand beinahe täglich etwas am frühen Morgen an, zum anderen konnte ich einfach nicht mehr lange schlafen, selbst wenn die Zeit es gestattet hätte. Ich hob einen Arm und knickte ihn vor der Brust ein, und Saba wickelte den weißen Stoff mit dem Purpurstreifen ein letztes Mal.


    "Tiberius Wer?" fragte ich verwundert, als Avianus den Grund seines Besuchs vorgebracht hatte, und sah Avianus durch den Spiegel hinweg an. Fünfhundert Sesterzen waren eigentlich eine stattliche Summe, doch angesichts des unglaublichen Vermögens der Acta schon fast wieder ein Sandkorn in der Wüste. "Und steht in seinem Testament auch ein Grund? Der wäre interessant zu erfahren." Vermutlich ein treuer Leser.

    Dass diese Sache so plötzlich hier auf dem Tisch war, verwunderte mich ein wenig. Die Sichtweise Avarus' fand ich ein wenig einseitig, andererseits sollte man meiner Meinung nach schon darauf achten, dass das Museion und die schola zwei unterschiedliche Institutionen blieben, nur eben mit erweiterter Angebotspalette und mehr Möglichkeiten für die Bürger des Reiches, zu dem auch Ägypten gehörte.


    "Ich sehe keine provozierte Instabilität, wenn ich ehrlich bin. Ich sehe weitere Möglichkeiten im Bildungswesen und ich glaube auch nicht, dass der Epistates des Museions die schola unterwandern möchte. Bisher war es für die römischen Bürger stets eine Entscheidungssache, ob sie an der schola oder am Museion studieren wollten. Würde das Gesetzt geändert werden, änderte sich das nur im Bezug auf die Anerkennung der Grundbildung - die vertiefenderen Kurse würden weiterhin dort angeboten werden, wo Bedarf besteht, zumal sich das Museion ganz andere Prioritäten gesetzt hat als die schola. Hierbei sollte die Ephebia allerdings nicht mit dem allgemeinbildenden Kurs der Schule gleichgesetzt werden, da sich beide Kurse doch auf jeweils andere Themen beziehen, wenn ich nicht irre. Ändert man das Gesetz zu Gunsten des Bildungsangebots, würde das nicht an den Pfeilern Roms sägen, sondern sie vielmehr stärken."


    Ich musterte Avarus kurz und fuhr dann fort.


    "Was dann allerdings von Nöten wäre, ist ein Mittler. Ein Ansprechpartner, der sowohl über die Belange der Schule als auch über die des Museions Bescheid weiß. Dass hier Spannungen und Meinungsverschiedenheiten bestehen, dürfte auch auf der Hand liegen. Im Zuge dessen würde daher gern einen Namen ins Spiel bringen. Decima Seiana ist meine Klientin, und sie hält sich gegenwärtig in Alexandrien auf. Ich weiß, dass sie sich gern für Bildung im Allgemeinen einsetzen würde, und nach meinem Kenntnisstand ist sie bereits mit der schola in Kontakt getreten. Die schola Atheniensis hat in Ägypten bisher keine Einrichtung, an der man Grund- und weiterführende Kurse belegen kann. Es wäre meines Erachtens sehr sinnvoll, würde man ein Verbindungsglied schaffen, einen gemeinsamen Ansprechpartner und auch einen Mittler zwischen beiden Institutionen, um künftig Spannungen zu vermeiden. Wer böte sich anderes an als eine engagierte Römerin?"

    Das erklärte auch, warum sie jetzt erst in Rom war. Ihre Mutter war gestorben, ihr Onkel hatte sie zu sich geholt. "Mein Beileid", sagte ich. Viel mehr der traurigen Worte galt es hier nicht zu verlieren, immerhin war Callista wohl kaum hier, weil sie weiterhin Trübsal blasen, sondern vielmehr ein neues Leben beginnen wollte. Die Worte, welche sie über ihre Wahl verlor, überzeugten mich voll und ganz, dass sie mit Leib und Seele Priesterin werden wollte. Und dick auftragen würde sie ohnehin lernen müssen, denn die meisten Kulthandlungen waren schließlich wortgewaltig. Je pompöser, desto besser. "Du hast dir viele Gedanken gemacht, das ist gut. Dann wirst du bestimmt eine gute Priesterin werden. Ich nehme an, dein Onkel ist nun dein Vormund? Weiß er von deiner Absicht, dich in den Dienst der Götter zu stellen? Und fühlst du selbst dich bereits reif genug, gleich mit Aufgaben betreut zu werden oder möchtest du vorerst einmal einem sacerdos zur Seite gestellt werden?"



    Sim-Off:

    Könntest du dir vorstellen, für die Dauer der Ausbildung nach Germanien zu gehen?

    Reisewagen. Irgendwie sickerten die Worte Louans erst jetzt zu mir durch. Er wollte ihn über die Saturnalien hinweg leihen. Ich runzelte die Stirn. Das hieß, dass sie auch Pferde brauchen würden, von der Verpflegung und genügend Geld für die Nächte einmal abgesehen. Ich räusperte mich. "Wir reden hier nicht nur über den Wagen, sondern über einen insgesamt recht ansehnlichen Betrag, wenn ihr eure Verpflegung und die der Tiere einplant. Ganz zu schweigen von dem Startgeld, das die Anmeldung gewiss kostet", rief ich in Erinnerung. So etwas musste wohl durchdacht sein. Und die zustandekommende Summe würde den Wert eines Saturnalienpräsents eindeutig übersteigen. Ich warf einen Blick zu Ursus. "Wenn allerdings jemand von uns mitfahren würde... Immerhin ist Mantua meine alte Heimat. Wir haben noch ein Haus dort, da könnte auch mal wieder jemand nach dem Rechten sehen... Louan, was ist das eigentlich für ein Wettkampf?" fragte ich gut gelaunt. Zum alten Eisen gehörte ich schließlich auch noch nicht, und ein paar Tage außerhalb Roms und abseits der tristen Gedanken würden vielleicht nicht nur Louan und den anderen ganz gut tun.


    Ich spielte tatsächlich mit dem Gedanken, vielleicht mitzukommen. Zumindest dachte ich darüber nach, bis Siv ihren Wunsch äußerte. Ruhig sah ich sie an, insgeheim aber fragte ich mich, ob sie denn nicht nachdachte. Nicht nur mit auf die Reise, auch bei diesem Wettkampf wollte sie mitmachen? Abermals räusperte ich mich. "Vielleicht wäre das nicht sonderlich klug in Hinsicht auf deinen Zustand", bemerkte ich mit dem Unterton. Den kannte sie bereits von mir, und zwar in Bezug auf Brix und ihren momentanen Tätigkeitsbereich hier im Haus. "Och, vielleicht komm ich da auch mit. Gibt sicher viel zu sehen", bemerkte Alexandros ein wenig verträumt und schob sich mit spitzen Fingern eine Olive in den Mund. Was er damit meinte, glaubte ich zu wissen.

    "Ich weiß nicht. Ich bin kein medicus Aber es kann nicht falsch sein, wenn du ihm sagst, dass sein Medikament nicht hilft. Und vielleicht solltest du ihm auch sagen, dass du Appetit auf seltsame Dinge hast..." Schließlich würde es jedem anderen den Magen verrenken, wenn er oder sie das essen würde, was Siv sich bisweilen aus der Küche holte. Ich dachte da an liquamen und Honig, miteinander vermengt, garniert mit einer Hand voll Oliven und gewürzt mit Nelken und ordentlich viel Pfeffer. Allein beim Gedanken daran wurde mir schon anders. Und für das Kind konnte es auch nicht gesund sein, wenn es zu scharf oder zu durcheinander aß. Obwohl ich keine Ahnung hatte, wie so ein winziges Kind überhaupt etwas aß. Angestrengt versuchte ich mir vorzustellen, wie eine Art Strohhalm von Sivs Magen abzweigte und das Kleine daran nuckelte. Anders war es doch gar nicht möglich, oder doch?


    Siv verlagerte ihren Kopf und ich konzentrierte mich wieder auf ihre Worte. Sie lernte also nicht mehr, weil sie keine Fortschritte machte. "...mühsam", ergänzte ich ihren halb fertigen Satz und verdrehte die Augen schräg nach oben, um sie teils tadelnd, teils amüsiert anzuschauen. "Ah, das ist etwas anderes. Ich muss kein Germanisch lernen. Das ist nur ein Zeitvertreib. Bedauerlicherweise bleibt mir letztlich immer weniger Zeit. Aber wenn du fluchst, verstehe ich dich schon noch. Oder ab und an ein paar Worte. Und viel ergibt sich auch aus dem Kontext. Aber ich werde es mir merken und dein Latein verbessern. Nur beschwere dich dann nicht, ich sei ein unverbesserlicher Besserwisser." Ich zog einen Mundwinkel nach oben und piekte meinen Zeigefinger flüchtig in Sivs Seite, dann ließ ich die Hand wieder sinken und den Kopf von ihrer Schulter zurück auf die Kissen rutschen. So sah ich eine Weile in Richtung Zimmerdecke, die irgendwo in der wattigen Dunkelheit über mir verborgen lag. "Wenn du die Möglichkeit hättest, nach Hause zu gehen... Würdest du es tun?"

    "Wir sollten hoffen, dass das nicht so schnell eintritt", erwiderte ich. "Wie verhält sich das egentlich mit diesem Artorier, der neuer praefectus der Prätorianer ist? Meiner Kenntnis nach hat er weder viel mit Valerianus noch mit Vescularius zu schaffen. Ob es klug war, ihn zu ernennen?" Immerhin war Crassus deutlich kaisertreu gewesen, schon damals bei Iulianus war das so gewesen. Allein deswegen hatte er sich Valerianus schon verbunden gefühlt. Wie das mit dem homo novus war, diesem Artorius, konnte ich nicht sagen. "In diesem Fall kann man dann nur hoffen, dass der Artorier sich diesbezüglich an Crassus orientieren wird und Valerianus seine Wahl nicht zum Verhängnis wird..."


    Die Tür öffnete sich einen Spalt und ein Sklave linste herein. Ich warf Durus einen kurzen Blick zu, winkte dann den Sklaven herein und ließ ihn den nächsten Gang auftragen. Eine garnierte Platte mit Fisch und Geflügel wurde hereingebracht, uns beiden nachgeschenkt, dann verscheuchte ich den Sklaven mit einem Wink wieder. Als die Tür erneut geschlossen war, ließ ich noch einen Moment verstreichen. "Es ist erfreulich, nicht der einzige zu sein, der differenzierter über das Wirken unseres Kaisers nachdenkt", sagte ich.

    Die Sänfte setzte ab. Ich hatte mir den Weg hierher zum Hafen von Ostia mit trüben Gedanken vertrieben, doch als nun der Hufschlag neben mir verklang und ich den Stoff beiseite schob, war ich sogleich eingenommen von dem Schiff, das ich sah. "Ist es das?" fragte ich Brix und deutete auf den Zweimaster, der noch in der Werft lag und auf dem geschäftig einige Männer herumturnten. "Ja, dominus. Wie es aussieht, sind wir noch rechtzeitig angekommen." Hätten wir es nicht geschafft, hätte ich es Brix übel genommen. Er war davon ausgegangen, Ostia in einem schnellen Ritt zu erreichen, und dabei hatte er vergessen, dass mich nichts und niemand mehr auf ein Pferd bringen würde, nicht jetzt und nicht irgendwann später. Der Weg mit der Sänfte hatte natürlich ein wenig länger gedauert als ein Ritt.


    Ich entstieg der Sänfte, Brix drückte seine Zügel jemandem in die Hand und trat an meine Seite. "Der Vorarbeiter ist Grieche, Myronides. Ein rauhbeiniger Kerl, aber er weiß, was er tut", erzählte der Germane. "Das will ich auch hoffen", erwiderte ich ein wenig miesepetrig, was man mir angesichts der Umstände wohl nicht verübeln konnte. Immerhin war dieses Schiff kurz vor meiner Verlobung in Auftrag gegeben worden. Mit Celerina hatte ich mich geeinigt, einen Teil der Hochzeit auf See zu zelebrieren, und dann war sie elendiglich verreckt im Feuer. Ich schob den Gedanken beiseite, da kam auch schon der Grieche auf uns zu. Sein Bart stoß mich etwas ab, ich hatte das Gefühl, als wimmelte es darin. "Chaire, chaire. Senator, Brix. Ihr seid gerade noch rechtzeitig! Gleich geht es los." "Salve." "Salve Myronides. Na, wie geht es Weib und Kindern?" "Ganz ausgezeichnet, ich hab wieder einen Jungen!" erwiderte Myronides und grinste über beide Ohren. Das Kind war sein neuntes, wie sich im weiteren Gespräch zwischen den beiden herausstellte. Brix und Myronides unterhielten sich, während wir auf das Schiff zu gingen. Es ruhte auf gesicherten Rundhölzern, und allmählich zogen sich die Arbeiter zurück und griffen sich lange Stemmhölzer.


    "Nordwind", sagte ich plötzlich, und Brix und der Vorarbeiter verstummten. "dominus?" "Nordwind, Brix. Das Schiff wird Nordwind heißen." Kurz zog sich Schweigen, Brix sagte nichts. Myronides sah von einem zum anderen und grinste dann breit. "Alles klar, Nordwind. Heda, Cossus! Schnapp' dir 'nen Eimer Farbe, die Braut hat einen Namen!" befahl er, woraufhin ein Mann loswetzte. Brix sah mich an, sagte jedoch zunächst nichts. "Ein schöner Name", rang er sich schließlich ab.


    Beinahe eine Stunde später strengten die schweißglänzenden Leiber der Arbeiter sich ein letztes Mal an. Muskeln spannten sich, ächzend stemmten sie sich gegen die Hölzer und hebelten zum letzten Mal. Dann knirschte es, rumpelte es, und dann neigte sich der Bug des Schiffes mit seinem stilisierten Löwen voraus der See zu, und der Nordwind küsste ostiensisches Hafenwasser. Die Arbeiter ließen ihre Stäbe fallen und begannen zu applaudieren und zu johlen, und ich lächelte zufrieden vor mich hin. Ich hatte ein Schiff. Eine Zweimast-Corbita.


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    "Prudentia? Dann bist du vielleicht näher mit Prudentius Balbus verwandt?" fragte ich nach. Auf seiner Hochzeit hatte ich sie gar nicht gesehen. Allerdings waren dort so viele Menschen anwesend gewesen, dass es wohl auch gut der Zufall hätt gewesen sein können, der sie verborgen gehalten hatte. Vielleicht war sie auch eine Verwandte von Commodus. "Iunopriesterin.... Darf ich fragen, warum du dich der Iuno verbunden fühlst?"

    Na hoppla, entweder vertraute Philo so sehr auf Pansas Wahl bezüglich der Wohnung - oder aber, er war sich sicher, dass ich ihm finanziell unter die Arme greifen würden, da er nicht fragte, welchen Teil seines Lohns die Miete verschlingen würde. Allerdings, da musste ich ihm im Stillen zustimmen, war wohl beides nicht abwegig, denn Pansa hatte mir noch einen Gefallen geschuldet und natürlich würde ich meinem Klienten Hilfestellung leisten, wie ich es auch bei anderen tat. Sogar bei jenen, die sich als undankbar erwiesen, sobald sie hatten, was sie wollten. Ich dachte an Reatinus und den Brief, den ich bisher nicht beantwortet hatte. Ihm hatte ich zum Ritterstand verholfen, und zum Dank kündigte er mir die Treue auf. Weder er noch seine gens würden zukünftig etwas von mir zu erwarten haben, hatte ich mir in der ersten Enttäuschung nach dem Bruch des Siegels geschworen. Doch das tat nun nichts zur Sache.


    Ich winkte Caecus herbei und trug ihm auf, einen Boten zu Horatius Pansa zu entsenden, gab ihm die Nachricht mündlich und widmete mich dann wieder einem Schluck Wein. "Zu deinem zweiten Anliegen kann ich dir auch eine gute Nachricht geben", fuhr ich fort. "Einer Ernennung zum Priesterschüler steht nichts im Wege, der rex sacrorum hat den Antrag befürwortet. Du musst nur noch den Amtseid ablegen. Weißt du, wo du dafür hingehen musst?"

    Trautwini seinerseits bleckte die Zähne zu einem Grinsen, war jedoch klug genug, nichts weiter zu erwidern. Siv war angespannter als sonst. Auch Brix fiel das auf, und er knuffte sie wieder leicht in die Seite, gerade als sie knurrte und kurz darauf mit dem Geldsäckchen klimperte. "Ruhig Blut."


    Ich selbst gab mir derweil Mühe, nicht auf die schmeichlerischen Worte des Händlers hereinzufallen. Wie Titus Tranquillus, so gehörte scheinbar auch dieser hier zu der Sorte Sklavenhändler, die nicht mehr aufzuspüren waren, sobald man eine Reklamation hatte. Und diese hatte man freilich nur dann, wenn man auf die Worte des Händlers hörte, der diese Gabe und jenes Können seiner Sklaven anpries, es jedoch nicht vorhanden war. Und prompt widersprach die Sklavin ihrem vorübergehenden Herrn und entlockte mir damit ein flüchtiges Grinsen. Schneid hatte sie, das musste ich ihr lassen. Vielleicht wäre sie ein Ersatz für Fhionn, überlegte ich, gerade als dieser Philonides seine obszöne Geste machte, die jedoch an mir vorüber ging. "Vielleicht nehme ich sie. Was willst du für sie haben?" fragte ich. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Brix Siv die Hand auf den Arm legte, doch ich schloss vielleicht gerade ein Geschäft ab, und daher kümmerte ich mich nicht so sehr um sie. Brix indes ahnte, dass Siv die Worte garantiert mit der Geste des Händlers in Verbindung brachte, und wollte Siv im Voraus besänftigen. "Kannst du auch nähen, Charis? Und kennst du dich mit Pflanzen gut aus?" wandte ich mich direkt an die Sklavin, um eine wahre Antwort zu erhalten.

    Brix hatte nicht geahnt, dass Siv und Fhionn so viel verbunden hatte. Dass Siv die einzige war, die Fhionn auf Wiedersehen sagte, hätte er darüber hinaus auch nicht vermutet. Doch nun war sie fort, die Sklavin, und Er stand mit Siv allein hier draußen. Er ging zu ihr hin, legte ihr brüderlich einen Arm um die Schultern und schob sie zusammen mit sich selbst auf den Eingang der villa zu. "Sei nicht traurig, sie wird irgendwann zurückkommen", sagte er. "Und wenn sie dann wieder da ist, wer weiß, vielleicht kann dein Kind dann schon laufen, hm? ... Sie hat es in jedem Fall besser getroffen als...die Alternative." Er warf ihr noch einen aufmunternden Blick zu, dann verschwand er mit ihr im Haus.

    Als es klopfte, wuselten Dina und Saba gerade um mich herum, die eine Falten zupfend, die andere die toga legend. Ich stand mit ausgebreiteten Armen im Raum und ließ sie geduldig gewähren, zumindest, bis es klopfte. "Ja", antwortete ich auf das Klopfen und sah in den Spiegel, um zu ergründen, wer in meinem Rücken eintreten mochte. Dass Avianus sich in den Raum schob, hätte ich am allerwenigsten erwartet. Eine Braue wanderte empor, sank jedoch recht schnell wieder. Immerhin hatte ich mir ohnehin vorgenommen, mit ihm zu reden. Warum nicht den Moment nutzen? Ich musste mich nur eilen, da am heutigen Mittag wieder eine Senatssitzung anstand. Ich war gespannt, welche Gesetzestextänderung Aelius Quarto heute vorbringen würde. "Guten Morgen, Tiberius. Schon wach?" stichelte ich gut gelaunt.

    Ein leises Uff entwich meiner Brust, als Prisca sich so an mich drückte. Täuschte ich mich oder bebten ihre Schultern? Als sie wieder vor mir stand, nutzte ich die Gelegenheit und sah an ihr hinab auf die Füße. Welcher von beiden schmerzte wohl? Doch da sprach sie bereits weiter und rang mir mit ihren ehrlichen Worten ein Lächeln ab. Prisca war wie eh und je. Flüchtig dachte ich an das kleine verzogene Mädchen zurück, das damals nach Germanien gebracht worden war. Sie hatte sich so sehr verändert... Und sie sprudelte wie ein Wasserfall. Amüsiert hob ich eine Braue, runzelte jedoch augenblicklich die Stirn, als sie bekundete, dass ihr etwas weh tat, und dann wieder gegen mich sank. Ich hielt sie fest. "Was hast du denn gemacht mit deinem Fuß?" wollte ich verwundert von ihr wissen. "Caesar? Ja, natürlich...aber Caesar und Cleopatra waren ein Paar. Ich hätte nicht erwartet, dass du...ehm... Geht es wieder?...Der ist für mich?" Ich besah mir den Teppich nun genauer, hielt Prisca dabei aber immer noch gestützt. Er zeigte ein herrliches und ganz modernes Motiv, und soweit ich mich erinnern konnte, konnte niemand in meinem Bekanntenkreis ein solches Schmuckstück seinen Besitz nennen - was vermutlich auch daran lag, dass ich mich gar nicht an einen ebenbürtigen Teppich erinnern wollte. "Er ist sehr schön, Prisca, wirklich. Vielen Dank! Wir werden gemeinsam überlegen, wo er hinkommt, ja? Aber jetzt suchen wir uns erst einmal ein Plätzchen zum Setzen für dich. Und irgendwer soll uns etwas zu essen bringen, reden kann man schließlich auch währenddessen und du - hast du abgenommen?" Ich zuckte mit den Schultern und überlegte nicht lange. Flugs hatte ich Prisca hochgehoben und strebte mit ihr auf das triclinium zu, ganz so, wie ein Bräutigam seine Braut tragen mochte.


    Im triclinium angekommen, setzte ich sie auf einer Liege ab und erteilte irgendeinem Sklaven die Weisung, etwas zu essen und zu trinken zu beschaffen, und nach möchlichkeit einen kühlen Wickel für Priscas Knöchel. Vor ihr kniend half ich ihr, die Sandale auszuziehen. "Wie ist denn das passiert?" fragte ich sie mit einer Sorgenfalte auf der Stirn.

    Das Lächeln des consul war recht eindeutig. Ich war einen Tick zu langsam gewesen, bedauerlicherweise. Doch das war nichts, was sich nicht ändern ließ. Ich würde mit Avianus reden. Er als Macers Klient konnte ihm bei der nächsten salutatio dann ein wenig mehr aushorchen oder auch von den aurelischen Damen sprechen. Vielleicht hatte eine von ihnen Glück und würde Macers Interesse erlangen. Doch da müssten wir dann schneller sein als Quarto...


    Ich griff also nach dem Becher und den Würfeln und rüttelte sie ein wenig hin und her, ehe ich sie auf den Tisch rollen ließ. Einer der beiden legte sich recht schnell auf die Seite, er zeigte eine VI. Dem anderen sah ich beim Rollen zu, er prallte kurz darauf an eine Schale mit Knabberkram und blieb dann liegen. Eine I - damit war ich wohl aus dem Schneider, da Durus ein Auge mehr erwürfelt hatte als ich selbst. So reichte ich den Becher schmunzelnd an Orestes weiter.