Beiträge von Marcus Aurelius Corvinus

    Fhionn war gegangen. Ich setzte mich, blickte eine Weile stumm im Zimmer umher. Dann stützte ich die Ellbogen auf die Tischplatte und legte die Hände aneinander, die Handkanten an meine Nase und seufzte tief. Es war alles zu viel gewesen heute. Ich hoffte, dass ich meine Entscheidung nicht bereuen würde. Noch ahnte ich nicht, dass es rund ein Vierteljahr dauern würde, bis Fhionn endlich fort war und wir alle wieder ruhig würden schlafen können.


    Plötzlich stand Brix in der Tür. Ich öffnete die Augen wieder und sah ihn an. "Nein. Das heißt... Doch. Lass mir was zu essen herkommen. Irgendwas. Und besorg mir etwas gegen diese Kopfschmerzen", wies ich ihn ziemlich unhöflich an. Ich lehnte mich weit im Stuhl zurück, drückte mit den Fingerspitzen gegen die geschlossenen Lider und atmete tief ein und aus. Derweil entfernten sich Brix' Schritte, und er war so geistesgegenwärtig, um Siv nicht darum zu bitten, ein kräftiges Frühstück zusammenstellen zu lassen. So nahm dieser Tag seinen Anfang, und am Abend ließ ich die cena aus und begab mich gleich zu Bett.


    ~ finis ~

    Im vagen, durch den schmalen Schlitz der Vorhänge hereinfallenden Licht des Mondes sah Sivs lächeln ehrlich aus. Ich versuchte, es zu erwidern, hatte allerdings das Gefühl, vielmehr eine Grimasse zu ziehen denn ein Lächeln zustande zu bekommen. Behutsam ließ ich die Fingerkuppen über ihren Bauch streichen, darauf bedacht, sie nicht zu kitzeln. Vielleicht hätte ich einst so mit Celerina gelegen, doch das war mir nun verwehrt. Ich sollte wirklich nicht noch ein drittes Mal versuchen, ein Eheweib zu finden, das mir einen Erben gebar. Vielleicht sollte ich es wie Flavius Felix halten und mich zurückziehen, auf eine Insel oder aufs Land, wo ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Ich könnte Siv mitnehmen. Und mich jedweder Verantwortung entziehen. Und doch wäre das nicht ich gewesen, sondern nur ein Teil von mir. Der beugsamere. Leise seufzte ich und drehte den Kopf so, dass meine Wange auf ihrer Schulter lag. Blonde Haarkringel kitzelten mich an der Nase.


    "Wir können morgen dem iatros Bescheid geben. Vielleicht kann er dir einen Sud mischen", sagte ich, da ich nicht wusste, dass Siv diesen Dienst bereits in Anspruch genommen hatte. "Ich möchte einfach nicht, dass du irgendetwas tust, was das Kind gefährden könnte. Bist du nicht zufrieden mit der Arbeit, die Brix für dich hat?" fuhr ich fort. Ich hatte Brix ermahnt, Siv nur leichte Arbeit zu geben. So war sie es nun, die das Wäscheaufhängen übernahm und Niki in der Küche zur Hand ging. Siv räumte diverse Zimmer auf, machte die Betten und wischte Staub. Aber tragen durfte sie nichts mehr, ebenso, wie sie sich nicht zu häufig bücken sollte. Noch sah man zwar nichts, aber das Kind war schließlich schon da, nur eben ganz winzig klein. Wenn es wachsen würde, würde man es auch sehen. "Dein Latein wird seit einer Weile gar nicht mehr besser. Übst du noch?" fragte ich sie dann.

    Plötzlich stand Siv im Türrahmen, in der Hand einen Topf Oliven, ein Stück Käse, eine Zwiebel und...den Honigtopf. Ich verzog das Gesicht, Sofia ließ mit einem Schmatzen ihren Daumen fahren und Niki stöhnte wie unter Schmerzen auf. "Nicht schon wieder, Siv!" Meine Frage schien vergessen. Ein wenig deplatziert stand ich noch an Ort und Stelle, sah vom einen zum anderen. "Was soll nur aus dem Jungen werden, wenn er den halben Tag über nichts bekommt und die andere Hälfte alles durcheinander?" klagte sie und beschrieb eine Acht mit ihrem Kochlöffel. Die andere Hand hatte sie in die Hüfte gestemmt. Sofia grinste. Blut tröpfelte zu Boden, und schnell steckte sie sich wieder den Daumen in den Mund. "Du willst das zusammen essen?" fragte ich verwundert und starrte Siv an. Den Honig als Nachtisch hätte ich noch verstanden. Aber bei einer Scheibe Käse, auf die mit Honig ein Stück Zwiebel geklebt war, garniert mit Oliven, drehte sich mir der Magen um. "Kein Wunder, dass dir morgens schlecht ist", sagte ich.

    Ich hatte mir schon gedacht, dass sie mir den festgeschriebenen Teil überlassen würde. Abwegig war es zudem nicht, immerhin hatte ich auch beruflich damit zu tun. "Das können wir gern so halten - solange es nicht das schillerndste Pink ist, in das du uns alle hüllst", bemerkte ich ein wenig spitz und unterdrückte mit großer Mühe das Schmunzeln, das sich Bahn brach. "Ich werde Gracchus selbst fragen, wenn du erlaubst, vielleicht einmal im Anschluss an eine Senatssitzung. Aber es hat ja auch noch Zeit", erwiderte ich. Ohne zu wissen, dass sie an die gleiche Farbgebung dachte, überlegte ich mir, dass eine rotgoldene Ausgestaltung den Wappen unserer beider Familien entsprachen. Die Idee mit dem caduceus und dem Löwen hatte mir schon gefallen, sie war Sofias Idee gewesen. Ja, auch sie hatte manchmal einen Lichtblick... Mein Blick streifte den Ring, den ich ihr geschenkt hatte. Ob er ihr auch gefiel? Bisher hatte sie sich nicht dazu geäußert.


    "Von unserer Seite her spricht nichts dagegen. Du bist stets willkommen, Celerina. Es ist ganz deine Entscheidung, wann du mit uns feiern möchtest. Die anderen freuen sich bestimmt, wenn du später dazustößt. Die cena wirst du vermutlich mit deiner Familie einnehmen... Im Anschluss bist du herzlich willkommen." Ein leichter Wind ließ die Blätter rauschen und bauschte den Stoff hinter der Bühne.

    Vorbereitungen - Noch drei Tage!


    "Hab ich dir nicht eben gesagt, du sollst machen, dass du...oh...dominus! Entschuldige, ich dachte, du wärst...äh...wer anders...." Niki errötete zutiefst, als ich sie ansah. Verdutzt war ich auf der Schwelle stehen geblieben und sah mich in der Küche um. Auf dem Herd standen zwei Töpfe, im einen Suppe, auf dem anderen ein Deckel. Sofia saß auf einem Schemel und hatte den Daumen im Mund. Vor ihr lagen ein kleines Messer und eine blutbesprenkelte Karotte. "Ich wollte nur mal schauen, was ihr so macht", sagte ich, beinahe entschuldigend. Niki lag auf der Zunge, dass sich kochte, was auch sonst, und Sofia lutschte angestrengt an ihrem Daumen, ohne etwas zu sagen. Ein Rumoren drang aus der angrenzenden Vorratskammer. Wer war wohl dort? "Wisst ihr schon, was ihr zu den Saturnalien macht?" stellte ich dann einfach die Frage in den Raum, die mir auf der Zunge lag. Sofia schmatzte.



    Sim-Off:

    Ausdrücklich für jeden Sklaven und jedes Familienmitglied geöffnet!

    Vorbereitungen - Noch drei Tage!


    Der Schauplatz: Ein Flur irgendwo zwischen der culina und der exedra. Ich hatte Brix abgefangen, der einen Stapel Feuerholz unter dem Arm trug und in Richtung tablinum unterwegs war. "Und die Aushilfen?" fragte ich ihn eben. "Da kamen wir leider dieses Jahr ein wenig zu spät. Wir haben nur etwa die Hälfte bekommen, und die haben zudem das Dreifache gekostet." Ich verzog das Gesicht. "Ah. Hm, naja, das macht nichts. Von uns hat jeder ein gesundes Paar Hände, da werden wir schon nicht verhungern. Allerdings...ein Koch ist da schon dabei, oder?" Fragend hob sich eine Braue, während ich ihn musterte. Brix verkniff sich ein Schmunzeln. "Ja, dominus. Der kommt gleich morgens her und bereitet alles vor. Über Hilfe freut er sich aber sicher auch..." Ich nickte. "Nun denn. Wir werden sehen Hast du schon was vor?" Brix sah mich erstaunt an. "Ich? Naja, Trautwini und ich, wir wollen abends mit zweien von den Flaviern feiern. Dina und Saba sind vielleicht auch dabei, aber die wissen noch nicht genau, ob sie nicht doch lieber zu der großen Feier auf dem forum gehen." "Aber am Nachmittag seid ihr alle da? Schließlich gibt es Geschenke." Vergewisserte ich mich. Es wäre ja noch schöner, wenn die ganze Plackerei und die Ideenfindungen zum Teil umsonst gewesen wären. "Ja, dominus. Ich hab' allen gesagt, dass es schön wär, wenn sie am Nachmittag da sind. Der Koch macht ein paar Happen zurecht, die cena gibt es dann zur gewohnten Zeit. Da weiß ich aber nicht, wer noch hier ist." Beruhigend, wirklich. "In Ordnung. Danke, Brix. Ach, und zahl bitte jedem zwanzig Sesterzen aus." Der maiordomus nickte. "Mach ich. Gibt es sonst noch etwas?" "Nein. Danke." Brix nickte und verschwand mit seinem Holzstapel. Ich wusste kurz nicht wohin mit mir und beschloss, auf gut Glück in der Küche vorbeizusehen.

    So ernst, wie Siv mich ansah, glaubte ich fast selbst, verdammt zu sein. Mir fiel diese seltsame Freudlosigkeit wieder ein, die damals von mir Besitz ergriffen hatte. Fast so, als habe Pluto selbst seinen Schatten auf mich geworfen. Das war nicht nur Einbildung gewesen. Sivs Stimme zerschnitt, obwohl sie leise war, die Stille im Raum und lenkte mich ab. "Ja. Auffällig ist, dass stets mir diese Dinge passieren", erwiderte ich trocken und zog eine Grimasse. Siv bemühte sich zwar, mir zu versichern, dass es nicht meine Schuld war, allerdings gelang es ihr nicht, mich davon zu überzeugen. Irgendetwas musste das alles doch mit mir zu tun haben. Die Parallelen, die ich sah, erschienen mir selbst nur allzu offensichtlich.


    Sivs lautloses Seufzen hörte ich nicht, doch ich spürte den Atemzug auf der Haut. Sie brachte mich damit, ohne es zu beabsichten, auf andere Gedanken. Ich schob meine Hand unter ihre Tunika und legte sie auf den Bauch. Er war warm und weich und noch flach. Eine Weile sagte ich nichts, dann beschloss ich, ihr mit meiner Trübsal nicht die Laune zu verderben. Wie würde ohnehin nichts an meiner Sicht der Dinge ändern können, das vermochte wohl nur ein Wunder zu tun. "Wie geht es dir?" fragte ich sie ein wenig später, die Hand immer noch auf ihrem Bauch ruhend. Es musste offensichtlich sein, worauf genau ich anspielte, und der Gedanke an das Leben in ihrem Leib erhellte die Düsternis zumindest zu einem winzig kleinen Teil in dieser Nacht.

    Ich nahm dir mir dargereichten Aufzeichnungen und überflog die Schrift. Hier und dort waren kleine Fehlerchen, doch nichts, was unsere lectrix die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lassen würde, befand ich. Die Thematik war zwar nicht tiefgründig, dennoch aber wissenswert, und so nickte ich schließlich. "Das klingt nicht schlecht, Tiberius, ich denke, das werden wir verwerten. Gedenkst du, noch weitere deiner Aufzeichnungen publizieren zu lassen? Das könnte gewiss auch für die schola interessant sein, nehme ich an. Besitzt du noch weitere Abhandlungen?"


    Den Tiberier interessiert musternd, fragte ich mich, über welche Ecken und Kanten er wohl mit Durus verwandt war. Sie sahen sich kein bisschen ähnlich, fand ich. "Auf Kos? Nein. Aber ich habe meine Studien damals in Achaia vorangetrieben." Das waren noch Zeiten gewesen...

    Gespielt entrüstet setzte ich mich gerade hin und sah von Severa zu Laevina und wieder zurück. "Na hör mal, was denkst du denn von mir?" gab ich scheinbar verwundert zurück, konnte mich eines Grinsens jedoch nicht erwehren. Letztendlich wirkte ich schockiert, winkte dann ab. "Euch begleiten? Ach... Nein, besser nicht. Ich habe noch einiges zu tun heute... Aber ihr könnt mir ja etwas Schönes mitbringen", erwiderte ich und zog die Schublade auf. Darin verbarg sich ein Ledersäckchen. Ich zählte vier aurei und sechs Denare ab, füllte die Münzen in einen kleineren Beutel und legte ihn vor den beiden Schönheiten auf den Schreibtisch. Jeder die Hälfte. "Das sollte genügen, hoffe ich. Ihr nehmt bitte jeder mindestens einen custos mit, und vergesst nicht die Sklaven, die euch die Berge von Einkäufen nach Hause tragen..." An dieser Stelle hielt ich mein belustigtes Grinsen nicht länger zurück und blickte von einer zur anderen. "Und dass ich eine Modenschau haben möchte, wenn ihr zurück seid, versteht sich von selbst."

    Brix als maiordomus war natürlich ebenfalls wach. Er hatte jedem, der es wissen wollte, gesagt, dass Fhionn heute in der Früh abreisen würde. Vermutlich wäre sie Jahre fort, vielleicht sogar für immer. Er konnte diese Entscheidung dem Herrn nicht verdenken angesichts der Tatsache, dass Fhionn Matho getötet hatte. Seiner Meinung nach hatte Fhionn noch einmal Glück gehabt, mit dem Leben davongekommen zu sein. Aber die behielt er schön für sich.


    Brix wechselte einige Worte mit dem Klienten der Familie, dann nickte er ihm ein letztes Mal zu und ging hinüber zu Fhionn. "Ich hoffe, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden", sagte er zu ihr und steckte ihr etwas zu. Es war ein helles Leinentüchlein, in das eine kurze hölzerne Flöte eingewickelt war. Brix hatte sie selbst geschnitzt, nachdem das Urteil festgestanden hatte. Fhionn konnte sie als seinen Tribut betrachten. "Wenn du einen Rat willst, dann lerne dort, so viel du kannst, Fhionn. Das erhöht deine Chancen, wieder hierher zu kommen. Und wenn du schreiben kannst, kannst du auch Briefe hierher senden. Der Verwalter schickt regelmäßig Berichte. Gerade Tilla würde sich bestimmt freuen", sagte er. "Na was ist denn nun?" erklang es. Brix sah Fhionn nochmals an. "Dann los. Und viel Glück, Fhionn. Wir werden dich nicht vergessen." In diesem Moment kam Siv. Brix nickte ihr zu und seilte sich ein wenig ab, um die beiden nicht zu stören.

    "Ja, klar. Da du böser Feind. Ich bewerf dich mit Geschenken, du bist ja sooo gemein..." knurrte Trautwini vor sich hin und schnappte schnell nach einem Paket, das herunterzurutschen drohte. Brix kümmerte sich nicht weiter darum. Er betrachtete die blonde Sklavin und seinen Herrn, der vor ihrem Verschlag stand und hineinsah. Ein wenig zeitverzögert reagierte er dann doch auf Trautwinis Gejammer. "Jetzt klag nicht, wie ein Waschweib. Vielleicht haben wir gleich noch ein zusätzliches Paar Arme zum Tragen. Zumindest sieht es ganz danach aus." Brix deutete erneut mit dem Kinn nach vorn und Trautwini schwieg eingeschnappt. Wenn es nach Brix gegangen wäre, hätte Siv zumindest etwas Leichtes tragen können, aber die Anweisungen waren klar gewesen, ebenso wie ihm der Grund dafür natürlich klar war, auch wenn er keinem der anderen etwas davon erzählt hatte bisher. Das war Sivs Aufgabe, fand er, nicht die seine. Ein Seitenblick zu ihr hin ließ ihn erkennen, wie wenig angetan sie von der Aussicht war, dass Corvinus die Sklavin vielleicht kaufen würde. Und der knerbelige Unterton in ihrer Stimme ließ ihn schließlich seufzen. Er trat neben sie, gerade als Trautwini zu allem Überfluss auch noch bemerkte, dass "die Kleine gar nicht so schlecht aussah". Mit einer kleinen Seitwärtsbewegung schubste er Siv mit den Päckchen auf seinen Armen. "Bist du etwa eifersüchtig?" neckte er sie und grinste breit.



    Derweil war der Händler auf mich aufmerksam geworden. Es störte mich nicht, dass die anderen Germanisch redeten. Zwar verstand ich nur einige wenige Bruchstücke, aber ich wusste, dass es ihnen gut tat, wenn sie ohne die Tücken des Lateins sprechen konnten, und so ließ ich sie gewähren. Der Händler, ein hochgewachsener Mann mit grauen Barstoppeln im Gesicht, trat seitlich heran. "Edler Herr, darf ich auf dein Interesse an diesem Exemplar hoffen?" sprach er mich an, und ich wandte ihm den Kopf zu. "Vielleicht", antwortete ich ausweichend. Allzu offen bekundetes Interesse trieb nur den Preis in die Höhe. "Woher kommt sie, Germanien? Was kann sie? - Und wie ist dein Name?" fragte ich zunächst den Händler, dann die Sklavin selbst.

    Ah, die Frage war also bereits gestellt worden. Da ich mich im Gespräch mit Aristides befunden hatte, war sie ungehört an mir vorüber gezogen, und so nickte ich jetzt. "Da hast du allerdings recht", erwiderte ich. Sonst kamen solche Gespräche größtenteils nur dann auf, wenn man entweder seine eigene Entscheidung begründen sollte, oder aber sich in unmittelbarer Nähe eines Brautpaares befand. "Welche Kriterien wären denn für dich selbst ausschlaggebend in Bezug auf eine mögliche Heirat?" wollte ich nun wissen. Denn - sofern ich es nicht auch überhört hatte - bisher hatte Macer seine eigene Meinung dazu nicht kund getan, sondern nur nach der anderer gefragt.

    Durus ließ sich für meinen Geschmack ein wenig zu lange Zeit mit seiner Antwort. Argwöhnte er etwa, ich würde ihn ans Messer liefern? Noch einen Moment länger, und ich hätte sein Schweigen, gepaart mit seinem Gebaren, als Beleidigung aufgefasst. Doch dann sprach er, und seine Worte machten mich den aufkeimenden Unmut vergessen. "Ich weiß vermutlich nicht mehr als du. Er war Legat der Siebten und Statthalter im Illyricum. Bei der Siebten muss er Valerianus kennengelernt haben, anders kann ich mir das dicke Freundschaftsband zwischen den beiden nicht erklären", erwiderte ich auf die Frage hin und hob die Schultern. Allerdings wäre es wirklich interessant, mehr über diesen Potitus herauszufinden. Vielleicht würde er einem Interview zustimmen... Caius Columnus wäre genau der Richtige dafür, überlegte ich. "Eventuell weiß ich bald mehr", sagte ich zu Durus und nahm einen Schluck Wein.


    "Hmm. Wer größeren Einfluss auf den Kaiser hat, wage ich nicht zu bennen. Blut ist zwar dicker als Wasser, allerdings ist dieser Vescularius der Aufsteiger schlechthin. Ich frage mich ehrlich gesagt, wie viel der Kaiser selbst entscheidet, Durus. Nimm beispielsweise einmal die Sitzung der pontifices, zu der ich geladen war. Hattest du nicht auch den Eindruck, Valerian sei vollkommen desinteressiert? Das kann doch nicht nur an seiner Krankheit liegen. Und überhaupt - was geschieht, wenn sie ihn dahinrafft? Wer wird dann das Steuer übernehmen?" gab ich zu bedenken. Sollte es Quarto sein, wäre dem Reich damit geholfen. Bei diesem Vescularius allerdings hatte ich mehr als nur geringe Bedenken.

    Endlich entließ ich auch den letzten der Klienten, die vor Philo gekommen waren. Nach ihm warteten bereits wieder zwei weitere, doch es war angesichts der Uhrzeit davon auszugehen, dass nicht noch mehr kommen würden. So trat ein Sklave an Philo heran und teilte ihm mit, dass nun er an der Reihe sei. Ich nippte an meinem Wein und ein anderer Sklave reichte Philo ein Tablett, von dem er sich einen Becher würde nehmen können, wenn er denn wollte.


    "Quintus Philo", begrüßte ich ihn. "Schön, dich wiederzusehen. Ich habe gute Neuigkeiten für dich. Horatius Pansa würde dir eine Wohnung in der via Flavia vermieten. Das mag nicht die beste Wohngegend sein, aber es ist allemal besser als die subura. Und sie kostet nicht viel und liegt recht zentral. Ich könnte einen cursor schicken, der Pansa benachrichtigt. Dann könntest du direkt im Anschluss vielleicht die insula besichtigen", schlug ich vor und ließ zunächst einmal das zweite Anliegen weg, wegen dem er mich vor sieben Tagen aufgesucht hatte.

    Die Saturnalien standen an. Problematisch war, dass ich bisher kaum Ideen hatte. Für eine Hand voll Sklaven hatte ich kleine Einheitsgeschenke besorgen lassen. Die wichtigeren unter ihnen und natürlich die Familie erforderten allerdings, dass ich mich selbst umsah, um mir Anreize zu holen. Deswegen hatte ich bereits den halben Vormittag auf dem Markt verbracht, Brix, Trautwini und Siv im Schlepptau. Die beiden Sklaven hielten sie ein wenig zurück, trugen die Einkäufe und beobachteten die Umgebung. Siv trug nichts, darauf hatte ich bestanden. Für Avianus und Prisca war ich bereits fündig geworden, Ursus bereitete mir Kopfzerbrechen. Gerade suchte ich nach passenden Dingen für die Mädchen.


    "Herr! Schau hier, mein Herr, diese wunderschönen Schminkspiegel, damit wirst du das Herz jeder Frau entzücken können!" Ich wandte mich zwar nach dem begeisterten kleinen Mann um, der die Hände mit runden Spiegeln emporreckte, doch seine Anpreisung stieß mich eher ab, also ging ich weiter des Weges. Aus allen Ecken erklangen Angebote und Werbung, hier wollte jemand handgesponnene Strümpfe verkaufen, dort jemand Schutzamulette, anderenorts versuchte eine Frau, leise klingende Gürtel aus goldenen Plättchen zu verkaufen. Letzteres klang interessant. "Lasst uns mal dort schauen", wies ich die anderen an und strebte in die Richtung der Gürtelverkäuferin. Sie hatte ihren Stand nahe des Übergangs zum Sklavenmarkt aufgebaut. Vor der Auslage stehend, drangen Wortfetzen herüber. Titus Tranquillus verkaufte ebenfalls wieder und lieferte sich ein lautstarkes Duell mit einem Händler, dessen griechischer Akzent deutlich herauszuhören war.


    "Mein Herr?" Ich blickte irritiert auf und in das Gesicht der pausbäckigen Marktfrau, die mir einen der Gürtel entgegen hielt. Offensichtlich hatte sie mich bereits mehrere Male angesprochen und blinzelte mich nun fragend an. "Ah. Ja, den nehme ich", erwiderte ich, nachdem ich die Finger über die filigrane Schmuckarbeit hatte gleiten lassen. "Gern. Darf ich dir vielleicht noch diese Armreifen empfehlen? Sie werden aus jeder Frau eine grazile Tänzerin machen!" Fragte sie, als sie den Gürtel einpackte. "Meine Base soll nicht wirken, als sei sie dem zwielichtigen Milieu entsprungen", gab ich trocken zurück, woraufhin die Verkäuferin schwieg. Ich überließ Siv das Zahlen und Brix das Tragen, hatte mich bereits wieder abgewandt und ging nun auf die Ecke der Märkte zu, in der die Sklaven veräußert wurden. Siv, Trautwini und Brix fielen ein wenig zurück.


    "Ich weiß echt nicht, warum ich Zeug tragen soll. Ich bin Leibwächter, kein Träger! Siv, wieso trägst du nicht auch mal was?" maulte Trautwini auf Germanisch, als die Frau ihm das Päckchen zu den anderen auf die Arme legte. "Wenn der Herr jetzt angegriffen wird, dann muss ich erst die ganzen Pakete wegwerfen, ehe ich den Dolch ziehen kann. Er sollte es wirklich besser wissen... Gerade auf die Senatoren sieht man es doch heutzutage ab. Ich mein, wenn nicht die, wen sollte man denn sonst überfallen wegen des Geldes?" "Ich frag mich eher, ob er schon wieder eine neue kaufen will", bemerkte Brix und deutete mit dem Kinn nach vorn, wo ich vor einem Käfig stehen geblieben war und eine Sklavin musterte, die ein wenig an Siv erinnerte.

    Durus und Avarus waren sich anscheinend wieder einmal nicht grün. Und Sedulus schien in die gleiche Kerbe schlagen zu wollen wie sein Verwandter. Ich überlegte einen Moment. Zwischen die Fronten rutschen wollte ich nicht unbedingt.


    "Angesichts der Laufzeiten des cursus publicus halte ich drei Monate für angemessen. Wir müssen wirklich bedenken, dass es in allen Provinzen Erbfälle ach römischem Recht geben kann. Für diese Leute wären vier Wochen eindeutig zu knapp bemessen, denn nicht nur die Nachricht muss sie erreichen, sie müssen gegebenenfalls auch noch einen Käufer für das Geschäft finden", sagte ich.
    "Die Problematik der produzierten Waren dürfte bei einem kleinen Familienbetrieb kaum gegeben sein, größeren allerdings wird man kaum zumuten können, ihre enormen Warenbestände aufzugeben, sei es durch Spende oder Vernichtung. Dein zweiter Passus, Germanicus, findet daher meine Zustimmung. So besteht auch ohne Verkaufsberechtigung für den Erben die Möglichkeit, die geerbten Waren mit dem Betrieb zu veräußern."

    Mit einem wütenden Gesicht konnte Fabius Antistes eigentlich ganz gut leben. Mit der Dreistigkeit des Flaviers allerdings nicht. Erst blinzelte er nur, dann blickte er den Flavier grollend an. "Und welche Anschuldigungen hast du vorzubringen? Du weißt ja nicht einmal wovon du sprichst, Flavius." Dessen konnte sich der Fabier allerdings sicher sein, denn von seinen Vergehen war der Öffentlichkeit nun einmal nichts bekannt. Das war schließlich kaiserbestimmte Verschlusssache "Natürlich stelle ich mich der erneuten Kooptation, schließlich habe ich mir nichts vorzuwerfen. Bringen wir es doch gleich hier und jetzt zu Ende. Sobald du, Aurelius, die Güte hast, uns zu verlassen, da du diesem Gremium ncht länger angehörst."

    Wo sie recht hatte, hatte sie recht. Es wäre nicht nur unhöflich, es wäre auch undenkbar, ein Fest wie die Hochzeit nicht mitsamt den politischen Verbündeten zu feiern. Obwohl mir eigentlich etwas kleines, privates gar nicht so ungelegen kam. Ich besuchte zwar eigentlich ganz gern Feste, allerdings wäre dies eines, bei dem unter anderem ich selbst im Mittelpunkt stehen würde. "Du hast recht. Eine Feier im kleinen Rahmen fällt also weg." Gedanklich setzte ich bereits dich wichtigsten Namen auf eine Liste. Wie viel einfacher hatten es da Aristides und Epicharis gehabt, engagierte sich doch der Flavier nicht politisch!


    Die plötzliche Aufregung Celerinas kam für mich unerwartet. Dass ihr der Vorschlag so gut gefiel, war bei näherer Betrachtung einleuchtend, war eine Hochzeitsfeier auf einem Schiff doch exzeptionell. Es blieb dann nur zu hoffen, dass keiner der Gäste seekrank wäre. "Ob das Schiff dann im Hafen liegen bleibt oder wir doch eine kleine Ausfahrt machen sollten, bleibt später immer noch zu entscheiden. Definitiv festlegen möchte ich bisher nur den Ritus. Es soll eine Ehe ohne manus sein, ich denke, das kommt uns beiden zugute. Was meinst du?" Manusehen waren nun wirklich veraltet. Dahingehend hatte sich meine Meinung im Laufe der Jahre gewandelt. "Ich würde mich um die entsprechende Zelebrierung des Opfers bemühen und zu diesem Zweck gern meinen Vetter Orestes involvieren. Natürlich wäre es auch sinnvoll, deinen Verwandten Gracchus zu fragen, immerhin sollte ihm als pontifex das Privileg gebühren."


    "Die Saturnalien... Bei uns ist seit langem wieder eine Familienfeier geplant. Die letzte fand zu den Meditrinalien statt - denen des letzten Jahres. Ich weiß nicht, was deine Familie geplant hat, aber du kannst uns gern besuchen. Allerdings fürchte ich, dass ich selbst nicht aus dem Haus kann, die Planungen laufen bereits und ich habe zugesagt, mir den Termin freizuhalten. Andererseits sind die Saturnalien schon eine Weile. Ein Abend ließe sich gewiss finden, sofern auch du zur Feier verhindert bist." Die anderen würden es mir ganz sicher übel nehmen, wenn ich nun trotz frühzeitiger Planung und Terminfestsetzung nicht anwesend wäre. Doch gegen Celerinas Anwesenheit konnte schwerlich jemand etwas einzuwenden haben, vielmehr bot sich bereits Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen.