Etwas in Celerinas Lächeln ließ mich sie aufmerksamer mustern. Eben noch war es voller Überschwang und Freude gewesen, bald schon leuchteten nicht einmal mehr die Augen mit. Ein Zeichen, dass es unecht war. Eine kleine Falter erschien auf meiner Stirn und ich fragte mich schon, ob dieser Umschwung ihres Gemüts wohl an meinem Kommentar gelegen hatte. In jenem Moment fanden Celerinas Hände zueinander, sie klatschte, und abrupt erstarb die Musik, ebenso wie die Tänzer augenblicklich verharrten und zunächst erschrocken, dann betrübt zu Celerina hinsahen. Der erste trollte sich, und rasch folgten ihm die anderen. Ich sah ihnen kurz hinterher, wie sie hinter einem rosafarbenen Rosenbusch verschwanden, und wandte mich dann wieder Celerina zu, die soeben den Vorschlag machte, einen kleinen Spaziergang zu tätigen.
Dem Vorschlag kam ich nur zu gerne nach, konnte ich doch so den Austern und der gesamten kuriosen Situation entfliehen, ohne dass es zu offensichtlich geworden wäre, wie unwohl ich mich fühlte. Dementsprechend nickte ich. "Sehr gern", erwiderte ich, tat es Celerina gleich und erhob mich, auch wenn im Gegensatz zu ihr kein Schmuck leise an mir klingelte. Jede ihrer Bewegungen wurde von einem feinen Klingen untermalt. Ich fand, dass ihr das einen sehr orientalischen Anklang gab, der definitiv zu Celerina passte. Gegenwärtig beschäftigte sie sich mit einem Sklaven, der wie alle anderen ebenfalls diese grausige Farbe trug. Ich musterte diesen Chimerion genauer und stellte augenblicklich fest, dass es wohl das viele Haar auf Kopf und im Gesicht war, das ihm seinen Namen vermacht hatte. Mir persönlich missfiel ein solch mächtiger Haarschopf bei Sklaven, es konnte nur Ungeziefer sich dort einnisten. Zumal er ein Mann war, und die männlichen Sklaven viel eher zur Verwahrlosung neigten als Sklavinnen. Zudem sah es einfach nicht akkurat aus. Da fiel es mir ein... Dieser Mann war einen Parther. Er sah genauso aus wie diejenigen, die man jüngst auf dem Sklavenmarkt erwerben konnte. Das gleiche harte Gesicht, die kantigen Züge. Ich glaubte, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben - was auch stimmte, da er für kurze Zeit in meinem eigenen Hause gelebt hatte, was mir aber nicht einfallen wollte. Und ich hatte auch gar keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, da just in diesem Moment sich jemand räusperte und meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Gracchus stand ein wenig entfernt, musterte die Situation mit erhobener Braue, seinen Kleinen im Arm. Dieses Erscheinungsbild irritierte mich zutiefst. Gracchus, der Inbrgriff der römischen Tugenden, seines Zeichens angesehener Senator und pontifex Roms, hielt seinen Sohn auf dem Arm. Die kleinen Fingerchen hatten sich in den Stoff seines Gewands gekrallt, was in mir die Assoziation mit einem dieser langfingrigen Primaten aus Africa auslöste. Ich sah ihn vielleicht eine Spur zu lang verwundert an, wandte dann kurz den Blick zu meiner Gastgeberin - war dies geplant? - und realisierte dann, welch wunderbare Rettung aus einem roséfarbenen Alptraum Gracchus darstellte. Augenblicklich erschien ein Lächeln auf meinem Gesicht, und ich trat auf ihn zu. "Gracchus", grüßte ich ihn, ohne erneut in die höflichste aller Anreden zurückzufallen - darüber war ich spätestens seit seinem Besuch der Acta wegen hinweg. Vor ihm blieb ich stehen und richtete den Blick von seinem Gesicht auf das des Säuglings in seinen Armen. Wie alle kleinen Kinder es bisweilen tun, verursachte der kleine Flavius mit etwas Spucke und seinen winzigen Lippen ein paar kleine Bläschen vor dem Mund. Ich unterließ es, den Kleinen anzufassen, und sah stattdessen wieder zu Gracchus. "Meinen herzlichen Glückwunsch, Gracchus, zu diesem Prachtjunge", beglückwünschte ich ihn. Dann suchte mein Blick wieder Celerina, der es im Grunde oblag, Gracchus auf den kleinen Spaziergang einzuladen.
Gewiss hatte sie ihre Familie wissen lassen, dass ich am heutigen Tage eingeladen war. Dennoch war es wohl nicht verkehrt, noch einmal selbst darauf hinzuweisen, das ich heute ohne bestimmtes Ziel hier eingeladen worden war. Nun, zumindest ich hatte für heute nichts weiter geplant als diesen Besuch hier. "Celerina ist so freundlich, mir euren prächtigen Garten zu zeigen." Wer den aurelischen Garten je gesehen hatte, seitdem ich vor Jahren aus Griechenland heimgekehrt war, der wusste, dass mir seltene Pflanzen gefielen.